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Full text of "Das zeitalter des sonnengottes"

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DAS ZEITALTER 

DES SONNENGOTTES 



VON 



LEO FßOBENIüS 



ERSTER BAND 




BERLIN 



DRÜCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 



1904. 



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DAS ZEITALTER 
DES SONNENGOTTES 



VI Inhalt. 

Seite 

VII. Kapitel. Die Walfischdrachenmythen der Möngoloiden Asiens . . 127 

Die Walfischmythen der Möngoloiden Innerasiens. . . 128 

Die Drachenmythen der Möngoloiden Ostasiens .... 144 

VIII. Kapitel. Die Walfischdrachenmythen der Semitoiden und Arioiden 155 

Die Walfischdrachenmythen der Semitoiden 161 

Die Walfischdrachenmythen der Arioiden Asiens . . . 171 

Die Walfischdrachenmythen der Arioiden Europas . . 175 

Die Walfischdrachenmärchen der Arioiden Europas. . 181 

IX. Kapitel. Sinn und Ergänzung der Walfischdrachenmythe 193 

1. Das Gestirnverschlingen 197 

2. Die Rimumythe 198 

3. Die Schöpfung aus dem Fischleib 209 

4. Die Arionmythe 217 

5. Die Polykratesmythe 219 

6. Das Gegessenwerden der Seelen 219 

Drittes Buch: Göttinnen. 

X w Kapitel. Die Mythe von der Conceptio immaculata (Die Jungfrau- 
muttermythe) 223 

Die Jungfraumuttermythe in Ozeanien 225 

Die Jungfraumuttermythe in Amerika 226 

Die Jungfraumuttermythe in Afrika 236 

Die Jungfraumuttermythe der Möngoloiden in Asien 

und Europa 240 

•. ;••; ••«•;« • Die ,.Jungiraumuttermythe der Arioiden 255 

•' &.rf*ffttd. B^V'Nacl&'hieergefängnis 264 

•••. J •;;: Jl.:Pi5e Urmeermythe , 265 

*.•':.. M.'r^/Öfe Weltelternmythe 268 

*•/:*• •- ;•; jB^JMejUreimythe 269 

' ••!•■•". /;*i*$)je* Blüten- und Rohrursprungsmythen 271 

5. Die Aussetzungs- und Sintflutmythe 274 

XII. Kapitel. Die Mädchenangelmythe 279 

Die Mädchenangelmythe in Ozeanien 280 

Die Mädchenangelmythe in Asien 284 

Die Mädchenangelmythe in Amerika 295 

Die Mädchenangelmythe in Afrika 301 

XIII. Kapitel. Die Schwanenjungfrauenmythe 304 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Ozeanien 304 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Amerika 311 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Afrika 318 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Asien und Europa . 323 



Inhalt. VII 

Seite 

XIV. Kapitel. Solares Liebesleben 334 

1. Die Weltelternmythe (Himmel und Erde) 335 

A. Die Trennung des Himmelvaters von der Erd- 

mutter 335 

B. Die Erdmutter als Weltgebierende 342 

C. Die Orpheusmythe 342 

2. Die Lichtelternmythe (Sonne und Mond) 346 

D. Sonne und Mond als Ehepaar 346 

E. Die Mondgöttin 351 

a) Die Todes- und Schicksalsgöttin 352 

b) Die Wassergöttin 352 

c) Die webende Mondgöttin 353 

d) Tiere im Monde 356 

3. Die Plejadenmythe 357 

F. Sternmythe des Wabi 357 

G. Die Plejaden- und Schwanenjungfrauenmythe 

der Neuholländer 360 

H. Die Plejaden als Frauen 362 

I. Die Plejaden als Vögel 363 

K. Die Plejaden und der Ackerbau 364 

Viertes Buch: Riesen (Ogren.) 

XV. Kapitel. Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen 369 

Textauszüge 373 

XVI. Kapitel. Zur Naturgeschichte der Ogren 383 

1. Allgemeine Eigenschaften der Ogren 384 

2. Der Tod der Ogren 390 

3. Die Hülfsalte 398 

4. Auf der Fahrt zu den Ogren 404 

Anmerkungen, zumal Literaturnachweise 415 



Druckfehler: 

Auf Seite 57 ist Krokodilmythe in Drachenmythe umzuändern. 



Vorwort. 



„Wenn sich dagegen die Darlegungen von Frobenius als 
haltbar erweisen sollten, dann kann er uns zwingen, ein Zeit- 
alter des Sonnengottes anzuerkennen und die Akten unserer 
eigenen alten Mythologie in diesem Sinne zu revidieren" — 
sagte ein wohlwollender Rezensent, nachdem er sich darüber 
ausgesprochen hatte, daß in meinem damals der Öffentlichkeit 
übergebenen Buche „die Weltanschauung der Naturvölker" für 
außerordentlich vieles eine gründliche Textnachprüfung wün- 
schenswert sei, die doch nicht scharf genug hervortrete, und daß 
der Verfasser auf jeden Fall noch einmal, und zwar ohne Vor- 
eingenommenheit, die immensen Stoffe unter Berücksichtigung der 
europäischen und südasiatischen ParaUelen revidieren müsse. — 
Was jener Gelehrte wünschte, ist geschehen. Es trieb mich 
selbst dazu, jenem in seiner ganzen Anlage und in seiner ganzen 
Ausdrucksform sich als jugendlich verfrühtes Opus dokumentieren- 
den Werk eine ernsthaftere und reifere Studie folgen zu lassen. 
Ich bemühte mich, meine Kenntnisse zu erweitern, und weiß, daß 
es mir doch nicht gelungen ist, vollständig zu sein; — nicht 
etwa jenes „vollständig" im Sinne des menschlichen Wissens, 
sondern das „vollständig" im Sinne einer gewissen Materialauf- 
häufung meine ich. 

Ich bin den Spuren jenes Gedankens gefolgt und habe dem 
daraus entsprechenden Grundgedanken zufolge auch den Namen 
des Buches gewählt. Es ist aber nicht meine Aufgabe, die sich 
aufdrängende Frage zu beantworten, sondern es ist meine Aufgabe, 
die Möglichkeit in der Antwort zu erwägen. Ich gehe aus von der 



X Vorwort. 

Behauptung. Das erste Buch dieses Bandes stellt die Summe der 
Behauptungen dar. Der Leser wird beim Weiterlesen auf manchen 
Widerspruch in den Texten stoßen, die von vornherein eine Modi- 
fizierung der Behauptung herbeiführen werden. Und dennoch, 
trotzdem ich selbst die Widersprüche schon empfunden hatte, 
hielt ich es für richtig, eine möglichst klare, wenn auch nicht 
in allen Punkten genau richtige Behauptung in den Vorder- 
grund zu stellen. Indem wir selbst die kleinen Fehler nach- 
weisen, lernen wir am leichtesten die großen Wahrheiten anzu- 
erkennen. 

In diesem Sinne habe ich hier schon auf den Inhalt des 
zweiten Bandes hinzuweisen. Ich bitte keine endgültige Lösung 
zu erwarten. Dies Buch ist ein Buch der Fragen. Ich will das 
so erklären: Man sagt, der Soldat müsse gehorchen lernen, ehe 
er befehlen könne; für die Wissenschaft möchte ich den Satz 
dahin abändern, daß der Gelehrte das Fragen lernen müsse, ehe 
er antworten darf. Ich habe mich fünf Jahre lang bemüht, diesem 
Satz gründlich zu folgen, und gehe deshalb jetzt daran, dies Werk 
als ein Buch der Fragen in die Welt zu senden. 

Denn die größten Fragen einer vorhistorischen Weltgeschichte 
treten uns entgegen. Und Fragen wollen geformt sein. 

Es sind Fragen der Entwicklungsgeschichte des Geisteslebens 
und es sind Fragen der geographischen Ausdehnung des Menschen- 
geschlechtes. „Geographische Geschichte" bedeutet an sich einen 
Widerspruch und doch ist diese geographische Geschichte ein Ziel, 
welchem viele Zweige der Wissenschaft entgegenwachsen. — 
Der erste Band beschäftigt sich mehr mit dem äußeren Reichtum 
und Sinnwert des Geisteslebens, der zweite Band mehr mit der 
Entwicklung nach inneren und geographischen Gesichtspunkten. 

Außer sicherlich mancherlei anderen Schwächen sind ver- 
schiedene Druckfehler zu erwähnen. Die Bogen wurden zum teil 
auf dem Krankenbett gelesen. 

Und noch ein Wichtiges: Bei der Niederschrift dieses Werkes 
war mir nur der erste Teil von Eduard Stuckens Astralmythen 



Vorwort. XI 

bekannt geworden. Derselbe enthielt mancherlei Anregung, zu- 
nächst aber für mich nichts Ausschlaggebendes. So glaubte ich 
denn diesen Wegen fern bleiben zu dürfen. Erst nachträglich werde 
ich darauf aufmerksam gemacht, daß die weitere Arbeit Stuckens 
gar manches bringt, was meinen Ergebnissen entspricht. Ich 
habe das jetzt angesehen. Und ich bereue nicht. Allerdings 
sind die Ergebnisse teilweise gleiche. Aber die Untersuchungs- 
stoffe, die Ausgangspunkte und die Schlüsse sind doch ver- 
schiedene. Es ist hoch wertvoll und von nicht zu unterschätzen- 
der Bedeutung, daß der Semitologe und der weitausschauende 
Ethnologe, jeder für sich, zu gleichem Resultat kommt. Aller- 
dings hätte ich es nicht gewagt, Stuckens Wege zu gehen, denn 
von den vielen hundert Quellen der Naturvölkermythologie kennt 
er nur einen Bruchteil. Jedenfalls war für ihn eine Berücksichti- 
gung der geographischen Gesichtspunkte nicht möglich. 

Und doch liegt in den geographischen Gesichtspunkten die 
gewaltige Bedeutung dieses Stoffes. 

Man denke: Alle Wege über die weite Erde hin klar legen 
zu können, das ist das Endziel. 

Aber ich schließe mit dem Satz, den Stucken dem letzten 
Hefte seiner Astralmythen vorgesetzt hat: 

„Bis vor kurzem wurden Übertragungen auf enger begrenztem 
Gebiet (z. B. Vorderasien) freilich nicht geleugnet. Aber als wahn- 
witzig wäre der verfehmt worden, der gewisse Übereinstimmungen 
polynesischer und griechischer Mythen durch Wanderung oder 
Übertragung hätte erklären wollen. Niemand fand den Mut, das 
Nächstliegende auszusprechen! Da aber die Analogien nicht weg- 
zuleugnen waren, wählte man als Ausweg die Elementargedanken- 
lehre, derzufolge räumlich weit voneinander getrennte Völker un- 
abhängig voneinander nicht nur zu gleichen Erfindungen und 
sozialen Bildungen, sondern auch zu gleichen übersinnlichen Vor- 
stellungen durch gewisse der Menschheit angeborene Fähigkeiten 
(Elementargedanken) gelangt sein sollen. — Diese Erklärungs- 
weise genügt heute nicht mehr. Wir wollen den Mut haben, es 



Xu Vorwort. 

endlich klar und deutlich auszusprechen, daß die Mythen nicht 
nur auf engerem Gebiet, sondern über die ganze Erde gewandert 
sind." 

Das ist die Frage, für mich eine Frage an Gelehrte und 
Laien, und hoffe ich, daß das Erstaunliche nicht von dem Un- 
wahrscheinlicheren verdrängt wird, weil das Wahrscheinliche 
keinen Stützpunkt in der historischen Wissenschaft hat und so- 
mit dem Menschen leider allzuhäufig unmöglich deucht. 

Berlin, Februar 1904. 

Leo Frofoenius. 



ERSTES BUCH 



KULTÜEFORMEN IM) KULTTJEZEITEN 



DIE MYTHE 



Frobenius, Sonnengott. I. 



I. 

Zeiten und Formen der Kultur. 

Der Mensch lebt mit seinem ganzen Schaffen, seinem ganzen 
Wesen und Werden in engster Verknüpfung mit der ihn umgeben- 
den Natur. Je primitiver seine Gesittung und sein Kulturapparat, 
desto enger schließt er sich dem Rahmen seiner Umgebung an. 
Aus der Natur greift er die materiellen Hilfsmittel seiner Unter- 
haltung, seines Schutzes und aller seiner Tätigkeit heraus und 
schafft so mit den Stoffen der Natur die materielle Kultur. Aber 
dieser materiellen Verknüpfung entspricht eine geistige im selben 
Sinne. Denn aus der Verwertung entspringt bei fortschreitender 
Entwicklung ein sich immer selbständiger und selbständiger ge- 
staltendes geistiges Leben, dessen verschiedene Stufenleitern zu 
verfolgen uns interessant genug erscheint. Indem wir auf die 
vollständige Verknüpfung des menschlichen Kulturwerdens mit der 
Natur hinweisen, greifen wir sogleich zu einem weit vom Anfang 
fortgelegenen Grundzuge — zu dem historischen Denken hinüber. 
Hier haben wir zwei Punkte oder zwei, in verschiedenen Gegenden 
der Entwicklung sich herausstellende Charaktereigentümlichkeiten 
aus dem Gebiete der Geschichte der geistigen Kultur. Dort im 
Anfang jene Menschen, denen kein Zeitbegriff, es sei denn der 
von Nacht und Tag, als interessierendes Moment innewohnt, und 
hier die vorgeschrittenen Menschen, die die Entwicklung ihres 
Daseins nach klar vorgeschriebenen Zeiträumen berechnen. Dort 
bei den primitiven nur Anknüpfung an die Formen, Notwendig- 
keiten, Spenden und Gefahren der umgebenden Natur und hier 
ein ständiges Abmessen und Erwägen in allen Dingen der Tätig- 
keit nach dem Maßstabe der Zeit, den wir allerdings auch aus 
den Grundelementen der Naturerscheinungen gewonnen haben. — 



4 Erstes Buch. 

Und ebenso könnten wir darauf hinweisen, daß wie jede rück- 
wärts oder vorwärts gehende Betrachtung dort fehlt, ebenso nur 
der augenblickliche Lebenszustand Interesse erregt, während wir 
bis auf eine gewisse Genußfreudigkeit die Augenblicksbewertung 
verloren haben und dafür uns zumeist im Zurück- und im Vor- 
wärtsschauen ergehen. 

Wollen wir uns nun das Wesen jener primitiveren Schichten 
der Menschheit — und das ist gleichzeitig das Wesen der primitiven 
Kulturformen, in denen wir uns auf der einen Seite die innige 
Verknüpfung des primitiven Menschen mit der Natur und auf der 
andern Seite die wesentlichsten Eigenarten unserer kritischen Be- 
trachtungsweise — klar machen! Denn es kommt nicht nur darauf 
an, festzustellen, welchen Faktoren jene unterworfen sind, sondern 
wir müssen auch sehr wohl darauf achten, ob wir nicht bei der 
Betrachtung dieser einfachen Zustände Eigenarten unterschieben, 
die nicht dem Entwicklungswesen jener, wohl aber unserer Be- 
trachtungsweise eigentümlich sind. Indem ich diesen Satz nieder- 
schreibe, sehe ich schon das Kopfschütteln meiner Leser, die es 
natürlich finden, daß die Wissenschaft objektiv tätig ist und ob- 
jektiv arbeitet. Aber die meisten übersehen wohl, daß die Zeit 
gar nicht so fern liegt, wo wir gänzlich falsche Schlüsse zogen, 
weil wir aus der Eigenart unserer Form des Denkens heraus 
Schlüsse zogen. Ich werde im folgenden sogleich einige Beispiele 
hierfür bringen, welche aus der jüngsten Literatur noch mit Leichtig- 
keit außerordentlich vermehrt werden könnten. Viele Fehler, die 
wir z. B. noch gar nicht ganz überwunden haben, beruhen darin, 
daß wir unsere historische Betrachtungsweise den Werken der 
niederen Völker zugrunde legten. Unsere Betrachtungsweise, wie 
ich sie im Gegensatz zu der der primitiveren Menschen oben 
charakterisierte, bezeichne ich als die historische. — Ich vermeide 
es also zunächst, die Ausdrücke Naturvölker und Kulturvölker zu 
verwenden. 

Sehen wir uns diese historische Betrachtungsweise einmal 
näher an. Die historische Betrachtungsweise ruht mit ihren 
Wurzeln in der Schrift. Es wäre ganz falsch, zu sagen, daß die 
Schrift etwa entstanden wäre, um zeitliche Ereignisse dem Ge- 
dächtnis zu erhalten. Man würde mit dem Schlüsse tibersehen, 



Zeiten und Formen. 5 

daß die Schrift eine doppelte Wirkung hat, eine räumliche und 
eine zeitliche. Die einfachen Bilder- und Zeichenschriften, wie 
sie uns bei den Neuholländern, den primitiveren Nordindianern 
oder den Westafrikanern erhalten ist, hat zunächst nicht den 
Zweck, Ereignisse auf lange Zeit dem Gedächtnis lebendig zu er- 
halten, sondern sie hat den ausgesprochenen Zweck, Nachrichten 
über weitere Gegenden, auf große Entfernungen hin zu übermitteln. 
Dieser Bilderschrift entspringt nach Ablauf einer längeren Ent- 
wicklungsreihe unsere Schrift, die dementsprechend dem räum- 
lichen Zweck der Schriftgründung entspringt. Die Knotenstricke 
und Kerbhölzer, die daneben hergehen, haben allerdings den Zweck, 
bestimmte Zahlen oder Ereignisse dem Gedächtnis zu erhalten, 
haben also einen zeitlichen Zweck. Aus der Entwicklung dieser 
Erscheinungen ist aber unsere Schrift nicht hervorgegangen. — 
Nichtsdestoweniger hat diese Schrift ihren mächtigsten kulturellen 
Einfluß in zeitlichen Fragen und in ihrem zeitlichen Zweck er- 
reicht. Denn diese Schrift hat die ganze Denkweise der Mensch- 
heit so gründlich umgebildet, daß eine neuartige Art der Welt- 
anschauung und Zeitkritik aus ihr entsprungen ist. Es ist dies 
die historische Anschauungsweise. Diese historische Anschauungs- 
weise, welche die Gedächtnistätigkeit des Menschen in geradezu 
großartiger Weise entlastet hat, charakterisiert sich in ihrer 
klarsten, aber auch äußerlichsten Form in der Geschichtsschreibung. 
Die historische Erinnerung wurde vordem lediglich von der Ge- 
dächtnistätigkeit aufgespeichert. Solche Aufspeicherung läßt sich 
aber in primitiveren Formen der Kultur, in Kulturformen, die 
mit einem verhältnismäßig jungen Kulturzuge und seiner Verbrei- 
tung über die Erde nicht in Zusammenhang zu bringen sind, nicht 
nachweisen. 

Indem wir nun historisch denken, suchen wir die Geschichte 
der Menschheit nach Möglichkeit weit zurück zu verfolgen. Be- 
sonders seitdem die allgemeinen Umrisse der uns zunächst liegenden 
paar tausend Jahre im großen und ganzen ziemlich offen und 
klar ersichtlich und übersehbar geworden sind, streben wir da- 
nach, die geschichtliche Tiefe noch weiter zu verfolgen. Aber 
wo liegt nun noch Material? Jenseits einer gewissen Grenze wurde 
noch nicht geschrieben; es fehlen also die Dokumente und die 



6 Erstes Buch. 

Wissenschaft schaut schon lange emsig danach aus, welche Mate- 
riale etwa einen Aufschluß geben könnten. 

Und man fand die Materiale. Der heimatliche Boden und 
eine alte Literatur boten sie. Reich gesegnet sind unsere Länder 
durch allerhand Gräberstätten und die Beste alter — wie wir 
sagen „uralter" — Wohnstätten. Da fand man denn Beste der 
menschlichen Tätigkeit, die davon zeugen, daß die Menschen zu 
einer bestimmten Zeit Bronzegeräte verwandten. Dann fand man 
die Beste von Steingeräten: ja zweierlei Sorten von Steingeräten 
fand man, die offenbar verschiedenen Perioden angehörten, wie 
aus der Art des umgebenden Erdreiches hervorging. Man ver- 
glich dazu die Berichte der Alten und schon war die große Tat 
vollendet. Man ließ aus der Vergangenheit die Zeugnisse der 
verschiedenen Perioden emporsteigen; man sprach von einer Stein- 
zeit, einer Bronzezeit, einer Eisenzeit — und da haben wir den 
ersten Fehler unserer historischen Betrachtungsweise! Es waren 
keine Zeiten, die vor uns emporstiegen, sondern es waren Formen ! 
Es ist schon sprachlich falsch, wenn wir von einer Steinzeit reden 
und etwa davon sprechen, daß wir ja schon lange Völker kennen, 
die „noch" in der Steinzeit leben. Wir können höchstens sagen, 
daß sie noch Steinwerkzeuge verwenden, können aber nicht be- 
haupten, daß sie in der Steinzeit leben. 

Und man schaute weiter um sich, wo sich denn etwa noch 
Dokumente aus den Zeiten „vor der Geschichtsschreibung" fänden! 
Mit beiden Händen griff man zu einem andern Materiale, zu den 
Geschichten, die die Völker selber von ihrer Vergangenheit er- 
zählen und mit der sie das Werden ihrer Kultur erklären: zu den 
Mythen. Und indem man diese Mythen wirklich als historische 
Dokumente auffaßte, begingen wir den zweiten Fehler, der unserer 
historischen Betrachtungsweise entspringt. Denn was wir hier 
als bare historische Münze nehmen, das sind umgemünzte alte 
Mythen, die die Völker selbst einst gestanzt haben, um im Auf- 
keimen der historischen Betrachtungsweise für sich selbst eine 
historische Perspektive zu gewinnen. — Für wie viele Völker ist 
das nicht schon nachgewiesen! Von den sogenannten historischen 
Mythen der Städtegründer und Kulturheroen Griechenlands und 
Roms will ich* gar nicht erst sprechen. Weniger bekannt ist es, 



Zeiten und Formen. 7 

daß Schirren schon gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
nachgewiesen hat, daß die sogenannten historischen Mythen der 
Südseevolker nichts als zu historischer Vertiefung geprägte Mate- 
riale religiöser Göttergeschichte sind. Aber hat man etwa diese 
Beispiele berücksichtigt? Hat man etwa die hier geschöpften Er- 
kenntnisse überall zu verwerten gesucht? — In einzelnen Punkten 
wohl, aber wie kommt es denn, daß heute noch in den Schulen 
das Alte Testament als historische Weisheit gepredigt wird? Liegt 
dies lediglich an unserer Feigheit, die sich davor scheut, den 
historischen Anstrich von den göttlichen Schöpfungen herunter- 
zukratzen? Oder sucht man nicht heute noch die Ursprungsstätte 
der alten Mexikaner, das Tullan, trotzdem es auch für den weniger 
in dieser Spezialwissenschaft eingeführten Mythologen klar ist, 
daß diese alte Wandersage der Azteken die Bahn des Sonnen- 
gottes über die vier Kardinalpunkte des Weltbildes schildert? — 
Die historischen Fehler, die wir hier begehen, lassen sich in Kürze 
nicht aufzählen; sie werden auch noch lange Zeit gemacht werden. 
Wie weit wir sündigen, das können wir ja daran erkennen, daß 
wir uns überall bemühen, wo wir auch immer eine alte Kultur- 
stätte finden, diese mit irgend einer historisch erwiesenen oder 
überlieferten Tatsache in Zusammenhang zu bringen. Wenn z. B* 
in Südafrika die Trümmerreste einer alten Kulturstätte, vielleicht 
einer Goldabbaukolonie gefunden werden, dann erscheinen gleich 
auf dem Büchermarkte die Ungeheuer unserer historischen Ver- 
knüpfungssucht. Der eine findet in dieser Stätte das alte Ofir, 
der andere das alte Tarschisch, der dritte eine phönizische Kolonie, 
die vierte eine arabische, der fünfte eine altindische und der 
sechste — dem Herrgott sei's geklagt! — eine altchinesische 
Kulturburg! Und welche Mühe gibt man sich, die somit aufge- 
fundenen Altertümer recht genau historisch festzunageln! Ich 
will nicht davon reden, was alles die armen Normannen unter 
genau bezeichneten Häuptlingen in Amerika gesündigt haben und 
noch viel weniger von dem einen verlorenen Stamm der Juden, 
der so ungefähr auf der ganzen Erde anzutreffen ist. 

Das sind so einige von unseren üblichsten Fehlern, hervor- 
gegangen aus der historischen Betrachtungsweise und aus dem 
Bestreben, vorgefundene Kulturformen historisch mit uns zu ver- 



8 Erstes Buch. 

knüpfen. — Und doch, hat uns die Zeit nicht so viel anderes 
gelehrt? 

Ich sprach oben von dem zweiten Material, aus dem man 
historisches Baugerät gewinnen zu können glaubte. Wir haben 
jetzt den dritten Stoff zu erwähnen, das sind die Kulturformen, 
die wir bei den sogenannten Naturvölkern finden, welche nicht in 
ausgesprochener Weise in unsere geschichtliche Buchführung ein- 
getragen sind. Man hatte ja schon die Reste der auf unserem 
Boden früher einmal stationiert gewesenen Kulturformen vermittelst 
des Schemas Steinzeit — Bronzezeit — Eisenzeit angeleimt. In dieses 
Schema schob man nun allerhand Naturvölker. Lebten doch auf 
den Inseln des großen Ozeans noch Völker, die nur Steinwerk- 
zeuge verwerteten; fand man doch in Südamerika gleiche Er- 
scheinungen, und entdeckte das forschende Auge doch zuletzt auch 
in Afrika verschiedentliche Reste dieser alten Periode. Und wie 
groß war die wissenschaftliche Seligkeit, als man in einem, Bronze- 
geräte gießenden Zigeunertrupp auch noch das Bronzezeitalter 
lebendig erhalten vorfand. Das war sehr schön. 

So verband man denn zunächst alle diese Materien, bis man 
entdeckte, daß dieser Leim nicht recht haltbar sei, und daß das 
ganze Gerüst an Roheit nichts zu wünschen übrig ließe. Denn 
die Zentralamerikaner, die doch kein Mensch aus der Reihe der 
Kulturvölker herauszudrängen vermochte, lebten ostentativ in der 
Steinzeit, wenn es auch nicht an Versuchen mangelt, sie infolge 
der Verwertung von Kupfergegenständen in die Bronzezeit zu 
schieben. Wie gesagt, war das Gerüst auch bald als zu roh er- 
kannt, denn wohl entdeckte die französische Wissenschaft allerhand 
feine, ganz zarte Differenzierungen der Steinzeitkultur; diese ließen 
sich aber nicht mehr in der gewünschten Weise zum historischen 
Bau verwerten. Was nun? Die alten Zeiten, in denen der ver- 
loren gegangene Stamm der Juden zivilisatorisch über die Erde 
gejagt wurde, verklangen eigentlich ergebnislos. Eine Völker- 
kunde als eine an die Geschichte anschließende Wissenschaft 
vermochte man nicht zu gewinnen. Die Völkerkunde ging gründ- 
lich bankrott. Wohl stellten sich verschiedene Zweige wie z. B. 
die Linguistik ein, die auf vereinzelten Gebieten große Ergebnisse 
erzielten — die Verknüpfung der gesamten Menschheit zu histori- 



Zeiten und Formen. 9 

scher Einheitlichkeit vermochte sie aber natürlich nicht herbeizu- 
führen. 

Da tauchte im vorigen Jahrhundert eine Anschauungsweise 
auf, die einen großartigen Siegeszug durch die zivilisierte Welt 
begann. Eine neue Anschauungsweise, die schon im Altertum 
gegründet, aber nicht weiter durchgeführt war, die naturwissen- 
schaftliche Denkweise hielt ihren Einzug. Mit verblüfften Augen 
sah die ganze Welt das Bild der Entwicklung der Natur, zunächst 
in großen Zügen gezeichnet, vor sich auftauchen. Im Altertume 
hatte man viel von dem „Spiel der Natur" gesprochen, die hier 
und dort dieselben Formen zeitigte, seien es Schnecken oder 
sonstige Tiere oder Pflanzen. Nun aber erkannte man die Ver- 
wandschafts- und Abstammungsprobleme. Indem sich ein Ge- 
schöpf von einer Art mit einem solchen von einem andern Typus 
verband, zeugte es eine dritte Variante. . Und wo diese Varianten 
hinkamen, da erlebten sie unter dem Einfluß der verschiedenen 
Umgebungen Umbildungen. Mag man nun auch heute die äußersten 
Konsequenzen noch nicht gewonnen haben, mag man über die 
verschiedensten Grundfragen noch streiten, gleichgültig, die Haupt- 
sache ist: Wir haben ein Verständnis für das Werden der Natur 
gewonnen. Wir haben eine Wissenschaft der Formen, der Formen 
der anorganischen, der organischen Wissenschaft. Lassen wir die 
Einzelheiten den Fachleuten; uns ist es entscheidend, daß wir 
nun die Naturwelt in ihrem Werden verstehen können. Der Natur- 
wissenschaft verdanken wir die Herauslösung des Zeitmotives und 
die Deszendenzlehre der Formwelt. 

Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ward nun auch 
auf dem Gebiete der Entwicklungsgeschichte der Menschheit an- 
gewendet. Was die historische Wissenschaft nicht erreicht hatte, 
das konnte vielleicht die naturwissenschaftliche Methode bieten. 
Daß man den menschlichen Körper der Prüfung zunächst unter- 
warf, versteht sich von selbst. Es wäre ja möglich gewesen, daß 
die Menschenrassen in gleicher Weise eine verschiedene Abstam- 
mungsform noch erkennen ließen. Es ist schade, daß die Wissen- 
schaft bis jetzt nicht zu einem Resultat gelangt ist. Darauf ver- 
suchte man es mit dem Geistesleben des Menschen, und hier 
erblühte zunächst die Theorie der Elementargedanken. Diese Theorie 



10 Erstes Buch. 

ist der historischen Auffassungsweise genau gegenüber entstanden. 
Sie sucht festzustellen, daß der Mensch genau schrittweise die 
selben Stufen der Kultur hinaufklettern muß und zwar lediglich 
ein wenig abhängig von der umgebenden Natur. Also gesetz- 
mäßiges Arbeiten der Gehirnmaschine. Die Konsequenz dieser 
Theorie ist natürlich, daß die Kultur überall auf der Erde die Ge- 
schichte von Schema F durchmachen muß, und daß dementsprechend 
die Kultur an verschiedenen Ecken ohne geographischen Zusammen- 
hang in derselben Weise entstehen und sich entwickeln muß. 
Der jüngste Vertreter dieser Schule ist so weit gegangen, daß er 
die Parallele zu der Naturgeschichte der Tiere in der Geschichte 
der menschlichen Gedanken in ihrer Entwicklung unter einem 
Schädeldache ohne äußere Anregung tabellarisch und gleichsam 
zahlenmäßig aufzustellen versucht, um zu beweisen, daß jeder 
jedes erfinden kann. So. wie dieser Schritt aber getan war, sehen 
wir aber auch den Fehler: Denn die Natur schafft nicht am Nordpol 
und am Südpol je einen selbständigen Bären oder in Zentral- 
amerika und Zentralafrika je einen Löwen oder in Indien und 
Afrika je ein Elephantenpärlein, sondern in der Natur bildete 
sich je eine Gattung nur einmal aus. Sie war ein feststehender 
Gewinn aus vielen Versuchen. Von vielen sicherlich gleichartigen 
Varianten blieb eine übrig und pflanzte ihre Art fort. 

In diesem Punkte beginnt nun auch eine neue Beurteilungs- 
weise hinsichtlich der Völkerkunde. Besonders, wenn wir be- 
denken, daß das Festhalten in der Kulturgeschichte der primitiven 
Menschheit die weitaus größere Tatsache ist, daß das Erfinden 
überhaupt im Sinne unserer Zeit, nämlich nach logischen Zweck- 
dienlichkeitsüberlegungen psychologisch unmöglich ist, werden wir 
immer mehr dahin gedrängt, die Kulturgeschichte des Menschen 
in derselben Weise nachzuprüfen, wie die Deszendentaltheorie dies 
mit der Naturgeschichte der Lebewesen gemacht hat. — Es liegt 
mir daran, den Unterschied der Elementargedankenlehre und der 
kulturellen Deszendentallehre ganz genau festzulegen, weshalb ich 
den Gegensatz hier noch in einigen Worten zu charakterisieren 
versuche. Nach der ersteren Lehre spielt sich das ganze Ent- 
wicklungsproblem in der Gedankenwelt ab, die von außen nur 
befruchtet wird. Unter der Gehirndecke wird ein Gerät aus dem 



Zeiten und Formen. XI 

andern geboren. Unter der Gehirnschale spielt sich ein Ent- 
wicklungsprozeß ab, der überall genau der gleichen Gesetz- 
mäßigkeit unterworfen ist. Würde ich die äußerste Konsequenz 
dieser Lehre ziehen, dann müßte ich annehmen, daß drei auf 
einsame Inseln gesetzte Menschenpaare im Laufe der Zeit in ihrer 
Kinderwelt genau die gleichen Kulturformen hervorbringen, ohne 
daß eine Berührung mit der Außenwelt stattfände. — Anders da- 
gegen die kulturelle Deszendentaltheorie, welche von dem Gesichts- 
punkte ausgeht, daß die Umbildung auf dem Verkehrswege vor 
sich geht. Kommen zwei Völker mit etwas verschiedenen Kultur- 
geräten zusammen, dann bildet sich eine neue Variante des Kultur- 
gerätes heraus. Diese Theorie beruht also hauptsächlich auf dem 
Grundsatze, daß die Paarung der Gedanken, die durch den Verkehr 
der Menschen herbeigeführt wird, den Fortschritt und die Ent- 
wicklung der Kultur mit sich bringe. 

Während wir auf diese Weise mit Zugrundelegung des natur- 
geschichtlichen Paarungsgesetzes zunächst einmal einen Boden für 
den Begriff der Weiterentwicklung finden, können wir mit Zu- 
grundelegung des Gesetzes von der geographischen Umbildungs- 
kraft einen weiteren Kreis der Erkenntnis erreichen. Wenn ein 
Volk, das aus einer wärmeren Zone stammt, in ein kaltes Klima 
verdrängt wird, dann wird sich unbedingt z. B. die Kleidung um- 
bilden. Die Leute werden schon deswegen ein anderes Material 
wählen müssen, weil das von ihnen früher verwertete nicht mehr 
vorhanden ist. Haben sie vor dem Baumwollwebstoffe zu Jacken 
verarbeitet, so können sie das im kalten Klima nicht mehr, ein- 
mal, weil die Baumwolle fehlt und zweitens, weil auch ein Baum- 
wollenhemd nicht mehr warm genug hielte. So würde denn dieses 
Volk gezwungen sein, dieselben Gegenstände etwa aus Fellen von 
Tieren herzustellen. Zunächst würden sie natürlich die alte Form 
ihres Hemdes beibehalten, allmählig würden sie aber jedenfalls 
praktischere Formen, Formen, die sich aus Pelzen leichter her- 
stellen lassen, erwählen. Das wäre so ein Beispiel von geogra- 
phischer Umbildung. — Wer von meinen Lesern in Berlin wohnt, 
dem empfehle ich folgendes an: er gehe jin das Museum für 
Völkerkunde und zwar in den Teil, der die Gegenstände aus dem 
nördlichsten Amerika birgt. Infolge der außerordentlich ge- 



12 Erstes Buch. 

schickten Aufstellung fällt sein Auge auf der einen Seite auf lauter 
Gerät im buntesten Farbenschmuck, das rot,; blau, weiß usw. 
in fröhlichster Mischung zeigt. Auf der andern Seite, wenige 
Schritte daneben, treten ihm einförmige Bilder entgegen; in diesen 
Schränken finden sich nur graue und weiße Gegenstände. — Die 
beiden Regionen, aus denen diese verschiedenartig gefärbten Samm- 
lungen stammen, liegen nicht allzu weit voneinander. Die Gegen- 
stände selbst sind in beiden Schrankgegenden annähernd die 
gleichen. Und der Unterschied? Die eine Gegend bietet die Farben 
des ewigen Winters in ihrer Landschaft, während die andere aus 
ihrer Erde mannigfache Farbenpracht hervorbringt, eine Farben- 
pracht, in der sogar ein kleiner roter Kolibri sein Leben fristet. 
Da haben wir die kulturelle Mimikry. 

Derartige Erscheinungen, hervorgegangen aus der geogra- 
phischen Umbildungskraft, wie wir sie nennen können, lassen sich 
zahlreiche auffinden. Sie zeigen uns alle, daß wir es in den Kul- 
turen um Gebilde zu tun haben, die in ihrem Formwesen ähn- 
lichen Gesetzen unterworfen sind wie die organischen Geschöpfe. 
Aus dieser Erkenntnis nun ist mit Leichtigkeit ein falscher Schluß 
zu ziehen, dem wir unsere Beachtung nicht versagen dürfen, da 
er außerordentlich leicht zu Irrtümern führen kann. Wenn es 
wahr ist, daß der geographische Boden eine starke umbildende 
Kraft hat, so wird man eventuell weiter schließen können, daß 
gleiche geographische Böden auch dieselben Kulturformen zutage 
fördern könnten. Tatsächlich ist mir denn diese Antwort auf ver- 
schiedene Fragen, die ich der Wissenschaft vorgelegt habe, schon 
gegeben worden. Entsprechend dieser Schlußfolgerung müßte dann 
ein Indianerstamm, der im südlichsten Amerika wohnt, etwa die- 
selben Kultursymptome zeitigen, wie ein Indianerstamm, der unter 
den gleichen nördlichen Breiten wohnt oder wie ein Volk, das in 
einem anderen Erdteile unter denselben Verhältnissen lebt. Dieser 
Schluß ist falsch, wie einen jeden eine Vergleichung der Kultur- 
geräte und der Anschauungswelt, der Sitten und Gebräuche lehrt. 
Der Irrtum in dem Schluß beruht darin, daß das Gesetz der 
Umbildung infolge geographischer Verschiedenartigkeit 
mit dem Gesetze der Neupaarung verwechselt worden ist. 
Eine Neubildung kann im allgemeinen und abgesehen von direkter 



Zeiten und Formen. 13 

» 

Belehrung durch die Natur nur (wie ich das ja oben schon sagte) 
infolge Zufuhrung neuer Elemente, also im Verkehr stattfinden. 
Da nun aber die Südamerikaner einem viel geringeren und unbe- 
deutenderen Verkehrszufluß ausgesetzt sind als die entsprechenden 
Nordamerikaner, so stagniert die Neu- und Weiterbildung ihrer 
Kulturelemente. — Doch ich darf mich hier nicht zu weit in diese 
theoretischen Fragen verlieren und will mich deshalb beeilen, zu 
unserem Hauptthema zurückzukommen. 

Wenn es nun also auch ausgeschlossen ist, daß wir das 
historische Wissen in Dingen der Geschichte der Menschheit 
mit Hilfe der Völkerkunde auch etwa vertiefen könnten, so ist es 
doch wohl auf der andern Seite nicht nur möglich, sondern sogar 
sicher, daß wir, von der historischen Auffassung und Grenze rück- 
wärts schreitend, eine großartige Vertiefung der Kulturgeschichte 
der Menschheit zu erreichen vermögen; — nicht eine Vertiefung, 
die sich in Jahreszahlen ausdrücken läßt, wohl aber eine solche, 
welche die Aufeinanderfolge von Formen darstellt. Das Bild, das 
sich so uns enthüllen wird, ist kaum weniger großartig als das- 
jenige der historischen Vergangenheit der Menschheit. Müssen 
wir doch bedenken, daß die historische Wissenschaft uns höchstens 
eine Geschichte der Vollendung der höheren Kultur vom Beginne 
des historischen Datierens an zu geben vermag, während unsere 
Völker- oder Kulturkunde uns einst die ganze Geschichte vom 
Werden der einfacheren Kulturformen an bis zum Gipfel und 
Grenzpunkt der Schrift wird darlegen können. Somit wird die 
Kulturkunde der Naturkunde würdig und ebenbürtig zur Seite treten. 

Unter jenen Kulturformen, deren Werden rückwärts gehend 
die Geschichte ergänzen soll, interessiert uns heute diejenige, aus 
der die historische Menschheit auftaucht. Es wird aber wünschens- 
wert sein, daß ich im Nachfolgenden noch einige Worte den wesent- 
lichsten Typen der älteren Kulturgeschichte widme. 



Ich sagte schon oben, daß man einen Fehler begangen hat, 
indem man die Kulturformen, die durch die Verwendung von 
Steingerät, Bronzegerät und Eisengerät charakterisiert sind, als 
Zeiten bezeichnete. Der zugrunde liegende Gedanke dieser Ein- 



14 Erstes Buch. 

teilung war, wenn wir von dem Bestreben der historischen An- 
knüpf ung absehen, jedoch richtig. Es gibt Erscheinungen, die 
wir als Leitmomente in den Vordergrund stellen dürfen. Solche 
Leitmomente sind ja auch in der alten Stufenfolge Jägertum, 
Nomadentum und Ackerbauerntum angedeutet, und wenn man die 
Formel heute auch in der Weise umschreiben muß, daß man vom 
Jägertum, Gartenbauerntum und Hackbauerntum resp. Acker- 
bauerntum spricht, wobei man das Nomadentum als Verwilderungs- 
form aufzufassen hat, so wird man doch im wesentlichen eine 
solche Einteilung, die das wichtigste wirtschaftliche Werden der 
menschlichen Kultur charakterisiert, immer beibehalten. Ebensogut 
wie man aber auf solche Weise die Leiterscheinung sei es des 
Gerätes oder sei es der Wirtschaftsform ins Auge faßt, ebensogut 
kann man auch die Weltanschauung in den Vordergrund schieben 
und sie zum Ausgangspunkt der Gesamtkritik wählen. 

Tun wir dies, so erhalten wir etwa die Stufenfolge: Ani- 
malistische Weltanschauung , manistische Weltanschauung und 
solare Weltanschauung. Jede derselben charakterisiert eine be- 
stimmte Kulturperiode ebensogut wie eine entsprechende Wirt- 
schaftsform, ja wir können die Wirtschaftsformen sogar in ge- 
wissem Sinne mit den Weltanschauungsformen parallelisieren, so 
daß wir schon die Erkenntnis des gruppenweisen Auftretens von 
Erscheinungen zeitigen. 

Die Träger der animalistischen Weltanschauung sind zunächst 
Jäger. Wir dürften in den primitiveren Gruppen der animalisti- 
schen Völker die niederste Kulturstufe repräsentiert finden, die wir 
überhaupt noch nach dem Leben zu betrachten vermögen. Die 
animalistische Weltanschauung ist dadurch charakterisiert, daß der 
Mensch einen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier 
nicht zu machen vermag. Jedenfalls steht er nicht höher. Wenn 
der Buschmann z. B. erzählt, daß ein Büffel gerade so gut zu 
schießen vermöge wie der Mensch, wenn er einen Bogen habe, 
so spricht schon hieraus der Grundzug dieser alten Anschauungs- 
welt. Der alte Heckewelder hat uns einige Reden aufbewahrt, 
aus denen hervorgeht, daß die roten Krieger ein absolutes Ver- 
ständnis und dieselben Begriffe von Ehre, die ihre Jäger- und 
Kriegernatur auf jeden Fall bedingte, auch für. die Tiere voraus- 



Zeiten und Formen. 15 

setzten. Aus Neuholland hören wir merkwürdige Geschichten, 
aus denen mit aller Entschiedenheit hervorgeht, daß die Wilden 
sich davor hüten, daß Tiere etwa heimliche Verabredungen hören, 
weil sie die Nachrichten weiter verbreiten könnten, daß sie den 
Tieren zumuten, sie könnten, wenn in richtiger Weise angegangen, 
einen andern bezaubern, und daß die Tiere ähnliche Ehegesetze 
haben müßten wie sie selbst. Im Tiere vereinigt sich alles In- 
teresse dieser Weltanschauung. Dem Tiere entstammen die Namen, 
die sich die Menschen geben; die Tiere ahmen sie in ihren Tänzen 
nach; an die Tiere richten sie zeremonielle Vorführungen; Tier- 
figuren zu zeichnen ist ihre größte Kunst und Freude. 

Ganz anders die Vertreterschaft der manistischen Weltan- 
schauung. Diese sind vor allen Dingen nicht herumschweifende 
Jäger, sondern fest ansässige Gartenbauern. Während der unbe- 
einflußte Animalist oder Animalide sich damit begnügte, die un- 
angenehm werdenden Kadaver toter Angehöriger fortzuwerfen und 
zu verscharren, bewahrt der Manist den Schädel des Verwandten 
ängstlich auf, quält sich mit Fragen nach der Todesursache und 
nach dem Aufenthalt der Seele des Verstorbenen ab. Dem Ma- 
nisten ist erst die Frage aufgetaucht, weshalb wohl ein Mensch stirbt, 
wenn es ihm auch noch nicht bewußt geworden ist, daß der 
Mensch sterben muß. Und wenn den Toten nicht ein Raubtier 
zermalmt, ein feindlicher Pfeil niedergestreckt oder sonst ein Un- 
fall ums Leben gebracht hat, dann muß es ein Zauberer gewesen 
sein, ein Feind und Neider, der dem armen Schlucker die Mög- 
lichkeit raubte, in seinem Körper weiter zu leben. — Wir sehen 
deutlich die Unterschiedlichkeit, die zwischen diesen ersten beiden 
Gruppen herrscht. Der Animalide, der im Ringen um das täg- 
liche Brot stets hinter dem Tiere hereilt und der bei seinem 
schwankenden Leben den Gefahren, die die Tierwelt bietet, sehr 
ausgesetzt ist, wird in allem seinen Treiben auf die Beobachtung 
der Tiere geführt. So wie er es lernt, unter der Maske des 
Wolfes sich dem Bison zu nähern, oder unter der Maske des 
Straußes sich an einen Straußentrupp heranzuschleichen, so lernt 
er auch sonst genau alle Eigenarten der Tiere kennen. Er weiß 
sicher in der Biologie der Tiere besser Bescheid als unsere ge- 
lehrtesten Gelehrten. Der Gartenbauer dagegen, dessen Frau die 



16 Erstes Buch. 

ganze Arbeit der Ernährung im wesentlichsten auf ihre Schultern 
genommen hat, und der oftmals nur in sportlichen. Vergnügungen 
der Jagd nachgeht, der Mann, der durch die Gartenbautätigkeit 
seiner Frau an die Scholle gefesselt ist, sieht die Gräber seiner 
Ahnen immer vor Augen, und da er sonst nicht mit Tätigkeit 
überlastet ist, drängen sich ihm die aus den hohlen Augenhöhlen 
der Menschenschädel grinsenden Fragen immer und immer wieder 
auf. Natürlich hat der Manist nicht die Probleme des Animalismus 
vergessen; auch er lebt noch im engen Zusammenhange mit der 
Tierwelt, die ihm aber immer fremder wird. Typische Vertreter 
des Manismus finden wir vor allem in Melanesien und im west- 
lichen Afrika, Der Manismus hat aber sein Leben mit den Kultur- 
formen der Gartenbauern nicht aufgegeben, sondern wird immer 
wieder frisch befruchtet, wenn ein Volk lange an einem Platze 
lebt. Und wenn die Schrift zur Kultur höherer Völker hinzutritt, 
dann entwickelt sich aus dem Manismus die Geschichtsschreibung. 

Der Manismus hat aber auch direkt zur nächsten Kulturform 
hinsichtlich der Weltanschauung geführt. Die solare Weltan- 
schauung, der wir ja dieses Werk gewidmet haben, ist nur zu 
verstehen in dem Hervorgehen aus dem Manismus. Bei allen 
alten solaren Völkern können wir zwei Leitsätze der Weltan- 
schauung finden: 1. Die Seelen der Verstorbenen folgen 
der Sonne ins Jenseits. 2. Die Fürsten der Menschen 
und alle alten Träger der solaren Weltanschauung 
stammen vom Sonnengotte ab. 

Aber was ist solare Weltanschauung? — Natürlich sind in 
den beiden soeben aufgeführten Leitsätzen nicht alle Merkmale 
dieser dritten Periode der menschlichen Weltanschauung enthalten. 
Es ist auch außerordentlich schwer, eine genaue Beschreibung zu 
bieten, und will ich demnach nicht wagen, was ich in zwei 
Bänden auch nur zu skizzieren versuchen kann, hier erst in einigen 
Sätzen zusammenzufassen. Wir werden sehen, ob es wahr ist, 
daß alle Mythologie der solaren Weltanschauung entspringt. Faßt 
man die alten animalistischen Geschichten als Mythen auf, dann 
ist dies schon sicher nicht der Fall. Versteht man darunter aber 
überhaupt die Geschichte von Göttern oder Geschichten, die von 
Göttermythen abstammen, dann, können wir sagen, stammt alle 



Zeiten und Formen. 



17 



Mythologie aus diesem Zeitalter. Denn diese Form der Weltan- 
schauung ist es gewesen, in der der Mensch die Vorstellung eines 
Gottes schuf. Diese Zeit war es, in der der Mensch begann, sich 
mit der umgebenden größeren Natur abzufinden. In dieser Zeit 
entstand das Zeitproblem und das Raumproblem. 

Indem wir also die Zeitalter des Animalismus, des Manismus 
und des Solarismus, oder statt letzterem das Zeitalter des Sonnen- 
gottes einfügen, legen wir uns zum Schluß die Frage vor, ob wir 
es denn wirklich mit Zeitaltern zu tun gehabt haben, oder ob die 
drei Formen der Weltanschauung etwa unabhängig voneinander 
entstanden und abgeblüht sind. War es eine solche Stufenleiter, 
auf der die menschliche Kultur in engem Zusammenhange empor- 
schritt? oder haben wir es hier, um mit der veralteten Natur- 
wissenschaft zu reden, mit „Naturspielen" zu tun — ich habe 
fürs erste hierzu nichts weiter zu sagen, denn die Anregung zur 
Beantwortung liegt schon in den vorhergehenden Zeilen und ein 
Versuch der endgültigen Antwort wird als Ergebnis unserer nach- 
folgenden Forschungen und Schilderungen im zweiten Bande ver- 
sucht werden. 



Frobenins, Sonnengott. I. 



IL 

Wesen und Werden der Mythenbildungen. 

Wir wollen die Mythenbildungen also als Bausteine bei der 
Errichtung oder Rekonstruktion des Kulturgebäudes verwerten. 
Da müssen wir uns doch sehr fragen, ob dies Material auch 
haltbar oder ob es etwa unfähig, irgend einen Widerspruch zu 
ertragen, sei. Die Zeit ist für unsere Arbeit nicht günstig, und 
wir müssen uns darüber klar werden, das von allen möglichen 
Seiten Windstöße heranfahren werden, deren Gewalt nicht zu 
unterschätzen ist. Wir dürfen es nicht vergessen, daß eigentlich 
jede ältere Mythenkunde zusammengebrochen ist. Es hat noch 
keine einzige Mythenforschung, die mehr wollte als sammeln und 
vergleichen, ein längeres Leben gehabt, und wenn wir einem so 
bedeutenden und scharfsinnigen Manne wie Hermann Usener das 
Wort erteilen, so müssen wir hören, daß die Mythologie um so 
mehr leisten würde, je weniger sie nach Erklärung der Tat- 
sachen strebe. Aus solchem Munde solches Wort schreckt zu- 
rück. Und es gehört ein ganzer Mannesmut dazu, den uralten 
Kampf um die Geschichte der Mythenbildungen wieder aufzu- 
nehmen, wenn man bedenkt, wie jedes ganze, ja jedes halbe 
Jahrhundert mit seinen Anschauungen in diesem Punkte gründ- 
lich bankrott gemacht hat. Das muß ich voraussenden, um es 
zu zeigen, daß ich mir der Schwierigkeit der Situation vollständig 
bewußt bin. Wenn ich dennoch hoffe, daß es endlich gelingen 
wird, in das ewige Hin- und Herstreiten, Versuchen und Zer- 
malmen ein wenig Ordnung bringen zu können, so geschieht es, 
weil ich mich nicht ganz allein weiß, und weil ich aus vielen 
Charakterzügen, die die Beurteilungen der letzten Jahre auszeichnen, 
herauslesen zu dürfen glaube, daß sich von den verschiedensten 
Seiten her die Anschauungen in einem Punkte zu einer Über- 



Wesen und Werden. 19 

zeugung vereinigen werden, wenn auch die bei weitem meisten 
Arbeiten, die ich im Auge habe, die von mir verwendeten Materiale 
gar nicht oder doch nur in geringem Maße verwerten. — Der 
Punkt des Zusammentreffens ist bezeichnet durch die von ver- 
schiedenen Seiten herannahende Überzeugung, daß den weiter 
ausgebauten Mythenbildungen die Sonnenverehrung zugrunde liege. 
Nachdem Siecke schon seit Jahren diese Anschauung für die 
Indogermanen energisch verteidigt, ist jüngst etwas Gleiches für 
die Ostasiaten behauptet worden, und Eduard Stucken wird, wenn 
er seine Stoffe erst weiter durchgearbeitet hat, folgerichtig zu 
derselben Überzeugung kommen müssen. 

Ich sagte, daß die meisten Autoren die Stoffe, die hier 
hauptsächlich Verwendung finden sollen, nicht verwertet haben. 
Im allgemeinen nimmt die Mythologie ihre Stoffe aus den Be- 
reichen der indogermanischen, alles in allem der arioiden und 
der semitoiden Völker. Philologen haben sich die Mühe gegeben, 
das Material der amerikanischen Kulturvölker zu verarbeiten, aber 
die eigentlichen Amerikanisten selbst haben unsere Marschruten 
in jenen Ländern nicht verfolgt. Brach liegen die weit aus- 
gedehnten Mythologien der Südafrikaner, der Melanesier, der 
amerikanischen Naturvölker, der Neuholländer, der Mikronesier, 
der Japaner und obendrein all der epische Reichtum Innerasiens. 
Nur einmal ist einer unsere Wege gegangen. Das war nach der 
Mitte des vorigen Jahrhunderts und jener Pfadfinder hatte einen 
Kopf, wie er seitdem für unsere Ziele nicht wieder gearbeitet hat. 
Wenn ich richtig unterrichtet worden bin, dann ist dieser Karl 
Schirre, der die Wandermythen der Neuseeländer bearbeitete, 
als ein kaum beachteter Mann in ziemlicher Einsamkeit gestorben. 
Und doch hat er, trotzdem ihm durch die vorhergehenden wunder- 
lichen Blüten der deutschen Mythologie das klare Ausschauen 
arg erschwert wurde, den ersten wesentlichen Satz gefunden, daß 
nämlich in den Mythen der Naturvölker keine historischen Er- 
innerungen, sondern Mythenbildungen zu suchen sind. Dieser 
Satz, der uns heute teilweise als selbsverständlich erscheint, ist 
seitdem nicht wieder gründlich an anderen Stoffen erprobt 
worden. 

Also die fast unberührten Materien der Mythen der Natur- 



20 Erstes Buch. 

Völker ziehen wir als Materiale heran. Sie sind deswegen von 
so außerordentlichem Werte, weil wir hier lebendige Zungen 
reden hören, weil wir hier nicht aus kalter Schrift und totem 
Stein zu lesen brauchen. 

Indem wir dieses junge Material dem alten Stoffe zufügen 
und es sogar soweit bevorzugen, daß wir die althergebrachten 
Stoffe nur zum Vergleich heranziehen, glauben wir in eine neue 
Entwicklungsstufe der Wissenschaft in unserem Sinne hineinzu- 
führen. Und bei diesem Vorgehen dürfte es wünschenswert sein, 
sich über die Bedeutung und den Wert der Stoffe Klarheit und 
auf unsere Fragen Antworten bei den Naturvölkern, in dem 
Geistesleben der Naturvölker zu suchen. 



1. Die Entstehung und das Wesen der Mythe. 

Die Frage, wie eine Mythe entstehe, ist in den letzten Jahren 
zweimal in derselben Weise und zwar unabhängig voneinander 
beantwortet worden. 

In seinem zweiten großen Reisewerke schreibt Karl von 
den Steinen : „In einem am Amazonas sehr verbreiteten Märchen 
macht der Geier mit der Schildkröte eine Wette, wer rascher 
nach dem Himmel, wo gerade ein Fest gefeiert wurde, gelangen 
könne. Die Schildkröte schmuggelt sich in den Proviantkorb des 
Geiers ein, kommt glücklich an und empfängt den Geier, als 
dieser von einem Spaziergang durch das festliche Treiben zurück- 
kehrt, mit der Behauptung, daß sie bereits seit langer Zeit oben 
sei und auf ihn warte. Die Wette ist unentschieden, man er- 
neuert sie für die Rückreise, wer zuerst auf der Erde ankomme. 
Der Geier fliegt herunter, aber die Schildkröte läßt sich fallen 
und gewinnt. Im Falle hat sie sich abgeplattet und ihre Schale 
ist geplatzt, wie man noch heute sieht. — Wie hat man sich 
diese Erfindung zu denken? Sie ist die Antwort auf die Frage: 
„Wie kommt die Schildkröte zu der Spalte, aus der wir das Fleisch 
mühsam hervorholen?" Heute haben alle Schildkröten diese 
Spalte, es muß lange her sein, daß sie entstanden ist. Damals 
muß der Stammvater der Schildkröten einen schweren Fall getan 
haben; die Schale ist ja auch davon unten ganz abgeplattet. 



Wesen und Werden. 21 

Dann ist die Schildkröte aber, meint einer bedenklich, mindestens 
vom Himmel heruntergefallen. Ja, aber wie ist sie dahin ge- 
kommen? Nun, der Geier hat sie mitgenommen. Aber wie? — 
Man hat die Schildkröte in eine Situation gebracht, die von allen 
Erfahrungen aus dem Leben der Schildkröten abweicht, aber die 
dahin führenden Schlüsse sind zwingend und jetzt erst beginnt 
die Erfindung, der wiederum aus dem entgegengesetzten Wesen 
der beiden in eine gemeinsame Situation gebrachten Tiere, des 
schnellen Vogels und des langsamen Reptils, ein deutlicher Weg 
zu dem beliebten Auskunftsmittel der Wette gewiesen ist. Wenn 
der Indianer nun obendrein einen Wesensunterschied zwischen 
Tier und Mensch nicht kennt, so stößt die Lösung des Problems 
mit Hülfe des menschlichen Wettens und des menschlichen Pro- 
viantkorbes nicht auf die geringste Schwierigkeit, zumal die Ge- 
schichte in der berühmten alten Zeit spielt, wo es anders war 
als heute. Der Proviantkorb des Indianers, der die Schildkröte 
zum Himmel bringt, ist gerade so berechtigt, wie unser Äther, 
in dessen Wellen sich das Himmelslicht fortpflanzt. Wenn wir 
durchaus unser Kausalbedürfnis befriedigen wollen, so müssen 
wir in beiden Fällen, jeder auf seiner Stufe, uns ein Transport- 
mittel schaffen, dessen Eigenschaften der Erklärung ange- 
paßt werden." 

In einer Arbeit, die Heinrich Schurtz vor mehreren Jahren 
über die Tierfabel in den „Grenzboten" geschrieben hat und auf 
die wir später des näheren in einem anderen Punkte eingehen 
werden, sagt derselbe: — „Kann uns die Tierfabel zugleich 
lehren, wie ungeschickt der Naturmensch zunächst seine geistige 
Waffe braucht. Das Nachdenken ist ihm eine harte, ermüdende 
Arbeit, viel unwillkommener als ein erfrischender Kampf mit 
Faust oder Keule, und er erlahmt dabei sehr rasch. Eine Er- 
klärung freilich möchte er für alles haben, aber er begnügt sich 
auch gern mit der ersten besten, die ihm gerade einleuchtet, oder 
die ihm einmal der Zufall bietet. Man kann vermuten, daß 
gerade jene Erklärungen tierischen Eigentümlichkeiten, wie sie 
die primitive Fabel gibt, in der Regel nicht durch eigentliches 
Nachdenken gefunden worden sind, sondern mehr einem plötzlichen, 
durch irgend ein Ereignis angeregten Einfalle ihre Entstehung 



22 Erstes Buch. 

verdanken. Das entspräche ganz der Art, wie Kinder noch jetzt 
auf ihre oft so wunderlichen Erklärungen kommen. Ein Vogel 
fliegt ins Feuer und wird verkohlt wieder herausgezogen. „Jetzt 
weiß ich auch," — mag da einer der Umsitzenden ausrufen — 
„warum der Rabe so schwarz ist. Er ist auch einmal ins Feuer 
geflogen und hat sich verbrannt." „Ja" — fügt vielleicht ein 
anderer hinzu, — „das mag damals geschehen sein, als wir noch 
kein Feuer hatten. Er wird uns das Feuer gebracht haben und 
hat dabei seine Federn versengt." Da ist denn gleich eine 
mythologische Fabel entstanden, wie sie noch heute dieser Art 
in Nordwestamerika erzählt wird. Die Erfinder der Geschichte 
sind sich vielleicht noch bewußt, daß das Ganze nur eine phan- 
tastische und willkürliche Deutung ist, aber schon die nächsten, 
denen sie erzählt wird, nehmen sie als gegeben hin, und mit 
überraschender Schnelligkeit gewinnt die neue Erzählung eine Art 
künstlicher Patina und läuft als alte, anerkannte Wahrheit um." 
Wir sehen : diese beiden großen. Gelehrten sind zu genau der 
gleichen Anschauung hinsichtlich der Entstehung von Mythen ge- 
kommen. Sie gehen von der Erklärung einer Eigenschaft aus. 
Also soll hier aus der Tatsache, daß die Schildkröte einen Spalt 
hat und aus der Tatsache, daß der Rabe schwarz ist, je eine 
Mythe entstanden sein. Wie stellt sich das nun zu der allge- 
meinen Erscheinung der beiden Mythen? Karl v. d. Steinen hat 
zu seiner Darlegung just so wie Heinrich Schurtz einen weitbe- 
kannten und verbreiteten Stoff gewählt, und gerade aus den ander- 
weitigen Vorkommnissen glaube ich zeigen zu können, daß die 
Schlußfolgerungen beider Gelehrter falsch sind. Die Geschichte, 
die hier Karl v. d. Steinen erwählt hat, ist die berühmte Fabel 
vom Tierwettlauf. Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
hat Benfey darauf hingewiesen, daß dieselbe in einer ähnlichen 
Form im alten Griechenland, in Armenien, in Arabien, in Ceylon, 
sowie in der indischen Literatur sich nachweisen lasse. Eine 
Variante dieser Fabel kursiert bei [uns unter dem Titel „Vom 
Wettlaufen des Hasen und des Swinegels". Später hat Andree 
(ohne die Arbeit von Benfey zu kennen) gezeigt, daß sie in ver- 
schiedenen Punkten Afrikas heimisch sei und bei den Tupi vor- 
komme, zu denen er sie durch Neger tragen läßt. Dieselbe 



Wesen und Werden. 23 

Geschichte nun haben die Russen, bei denen ein Fuchs und ein 
Krebs den Wettlauf annehmen; bei den Tinne sind Reste vor- 
handen, bei den Creek, bei den Tschirokki, sowie in ostasiatischen 
Ländern. Auch in Oceanien scheint sie nicht zu fehlen. Die 
beiden Tiere, die Wettlaufen, sind meistens auf der einen Seite 
der Hase und auf der andern Seite die Schildkröte. Wir haben 
aber auch für den Hasen den Wolf, den Geier, den Tiger, das 
Rebhuhn, den Elephanten, den Fuchs und den Leoparden ge- 
funden. Für die Schildkröte tritt die Kröte, der Krebs, das 
Chamäleon usw. ein. Die Pointe der Geschichte ist immer die, 
daß das langsame Tier durch eine Pfiffigkeit (indem es sich an 
den Schwanz des schnelleren hängt, oder indem es seine Frau 
oder seine Genossen am Wege oder am Ziele schon vorher auf- 
stellt) das unendlich viel schnellere besiegt. Die Pointe ist 
überall so stark ausgedrückt und der Schlußsatz, der bei Steinen 
in den Vordergrund geschoben wird, steht so absolut vereinzelt 
da, daß wir uns daran gewöhnen müssen, festzuhalten, daß die 
Grundidee des Sieges des Plumpen, aber Pfiffigen über den 
Schnellen, aber Betörten, das Hauptinteresse bietet und wahr- 
scheinlich nicht nur die Erhaltung der Geschichte im Ge- 
dächtnis, sondern auch ihre Entstehung erklären muß. Es 
liegt der Geschichte eine humorvolle Schilderung zugrunde, und 
ich kann nicht umhin, zu behaupten, daß die Bildung der Ge- 
schichte aus dem Vergleich der Verschiedenartigkeit beider Tiere 
entstanden ist. Wie solche Geschichten entstehen, läßt sich ja 
in dem reichen Tierfabelwesen der Afrikaner mit Leichtigkeit 
nachweisen. Da haben wir z. B. ein ganz ähnliches Wettfressen 
zwischen Elephant und Hahn. Der Elephant frißt sich satt und 
muß dann schlafen. Der Hahn pickt immer weiter. Als der 
Elephant aufwacht, pickt der Hahn immer noch, und endlich 
wacht der Elephant sogar abermals auf, weil der Hahn auf 
seinen Körper gesprungen ist und sich zwischen seinen Haaren das 
Ungeziefer herauspickt. Da muß sich der Elephant als besiegt 
erklären. Diese Geschichte, die eine absolute Parallele zum Tier- 
wettlauf ist, zeigt uns recht deutlich, daß der Gegensatz resp. der 
Unterschied zwischen beiden Tieren die Anregung zur Fabel- 
bildung gegeben hat. 



24 Erstes Buch. 

Gehen wir nun auf Schurtz' Erklärung ein, so müssen wir 
zunächst betonen, daß fast alle, überhaupt eine Mythologie be- 
sitzenden Völker auch eine Geschichte haben, in der ein Vogel 
das Feuer für die Menschen stiehlt. Wir haben eine uralte 
Mythe vor uns, zu der die schwarze Eigenschaft des angeblich 
verkohlten Raben nicht unbedingt gehört. Nachgehend werde 
ich zeigen, wie diese Mythe entstanden ist, daß nämlich im 
Sonnenaufgang der Feuerdiebstahl zu suchen ist, und daß 
man sich das Hinschweben der Sonne am Himmel nicht 
anders vorstellen konnte, als daß ein Vogel die Sonne trägt, 
oder aber den Sonnenhelden, oder aber daß die Sonne selbst 
ein Vogel sei. 

Wir haben also in beiden Geschichten, wie sie uns hier als 
Mythenquellen vorgeführt werden, den Ausgangspunkt der beiden 
Forscher als einen Anhang, eine Ergänzung zu bezeichnen. 
Solche Ergänzungen, die bewußte Naturerklärungen enthalten, 
lassen sich bei den meisten mythenumbildenden Völkern nach- 
weisen; sie treten bei einigen sogar so massenhaft auf, daß man 
sie als Mode bei diesen erklären kann. Wir können nun den 
Zusammenhang dieser angehängten Naturerklärungen immer als 
einen sehr lockeren feststellen. Diese Naturerklärungen gehören 
nie in den ursprünglichen Bereich der betreffenden Mythe. Ich 
will einige Beispiele zeigen. Als die Spinne in Westafrika das 
Feuer gestohlen hat, bekommt sie so lange Schläge, bis ihr eine 
große Anzahl von Beinen wächst, die sie heute nun noch hat. 
Nun sage man mir, wie will man da einen ursprünglichen Zu- 
sammenhang herausfinden! Nach unseren Begriffen ist diese 
Anfügung sogar unsinnig. — In einer Mythe Mikronesiens steigt 
der Sonnenheld, nachdem er die Fischangel verloren hat, in das 
Wasser und kommt auch glücklich zu dem Mondmädchen. „Unter- 
wegs kamen ihm die Fische entgegen, und da er Betel kaute 
und es aus seinem Munde nehmend, einigen gab, so bekamen 
diese die roten Flecken des Mundes, die man bei vielen antrifft." 
Diese Geschichte ist ohne irgend einen Zusammenhang einge- 
flochten. Bis hinauf zu den höchsten Völkern reicht diese 
wunderliche Einflechtungsweise. Wir erkennen sie noch in der 
letzten Erscheinung des Namengebens. Wenn irgend ein Tier 



Wesen und Werden. 25 

einem Helden geholfen hat, dann bekommt es zur Belohnung 
einen schönen Namen. Wenn nun dieser Name in seiner Grund- 
bedeutung irgend eine Beziehung zu der Mythe hätte, dann würde 
ich mich eines besseren belehren lassen. Da aber eine solche 
Erklärung sich nicht auffinden läßt, muß ich sagen, daß sie als 
modische Spielerei dazwischen geschoben ist. Als Beispiel lese 
man z. B. die altägyptische Geschichte vom Kampfe Ras gegen 
seine Feinde durch, wo derartige linguistische Erklärungsein- 
schiebungen in gehäufter Weise auftreten. 

Aber können wir aus dieser Erscheinung der Naturerklärungs- 
anhängsel nicht vielleicht einen andern Schluß ziehen? — Ich 
glaube, ja. Und ich will auch gerne zeigen, welch' wesentlichen 
Schluß wir gewinnen können. 

Der Hauptwert der oben erwähnten Abhandlung von Heinrich 
Schurtz über die Tierfabel beruht darin, daß er nachgewiesen hat, 
daß die in äsopischen Fabeln so häufigen Moralergänzungen mit 
dem Ursprünge der Fabeln nichts zu tun haben. Bekanntlich 
hat noch Lessing für den wesentlich moralisch tendenziösen Ur- 
sprung der Fabel eine Lanze gebrochen. Wir verdanken Heinrich 
Schurtz den Beweis, daß die ursprüngliche Fabel die Moralsentenz 
nicht kennt, und daß derartige Schlüsse erst später angefügt sind. 
— Ich kann hinzufügen, wie wir eine Erklärung für die An- 
fügung erkennen können. Die Tierfabel hatte in ihrer kursieren- 
den Form kein Interesse mehr für den geistigen Boden einer 
höheren Kultur. Ohne daß es den Menschen bewußt worden 
war, hatte sich eine ethische Wertschätzung als für die Kultur- 
verhältnisse ausschlaggebende Form der Kritik eingestellt. Sobald 
nun diese ethischen und moralischen Grundsätze bewußter wurden, 
fand der Kulturgeist seine Freude daran, dieselben möglichst weit 
in den Vordergrund zu bringen und sie den alten Dichtungen 
unterzuschieben. Wir können also als Grundsatz eine geistige 
Eigenschaft des Menschen dahin festlegen, daß wir sagen, er be- 
mühe sich immer, die aufgefundenen neuen Erkenntnisse 
als möglichst alte hinzustellen und das Neue mit dem 
Alten auf solche Weise zu verbinden. So bemühen sich ja 
alle Religionen, den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu 
schaffen. 



26 Erstes Buch. 

Indem wir den so weit verfolgten Faden aufrollen, erkennen 
wir folgende Knotenpunkte: 

1. Als jüngste Stufe der Geschichtenumbildung ist das Be- 
streben zu bezeichnen, alten Geschichten eine Moralsentenz anzu- 
fügen. 

2. Als eine ältere Stufe charakterisiert sich das Bestreben, in 
altererbte Geschichten Naturerklärungen einzufügen. 

Wir haben bis dahin nur jüngere Schichten aufgedeckt. 
Wir sind damit zunächst noch nicht zu der Beantwortung der 
Frage, wie eine Mythe entsteht, gekommen. Ohne daß wir es 
wollten, haben wir aber schon aus dem vorhergehenden ein 
Resultat herausgelöst, über dessen Wert wir uns hier klar werden 
müssen. Ich versuchte zu zeigen, daß der ethischen Auslegungs- 
bestrebung eine Naturerklärungsbestrebung voranging, die sich 
auch in den ältesten Formen der Geschichtenerzählung, nämlich 
in den Fabeln, dokumentiert. Die Fabel haben wir allem An- 
scheine nach als das älteste Produkt der Geschichtenerzählungs- 
kunst und Geschichtenaufbewahrungskunst zu bezeichnen. Da sie 
zumeist Tiere verwendet, dürfte sie aus der Anschauungsweise 
des Animalismus stammen. Der Grundzug des Animalismus be- 
ruht aber auf jeden Fall in der Beobachtung und in der Beschreibung. 
Wenn der naive innerafrikanische Jäger erzählt, daß eines Tages 
das Krokodil und das Nilpferd ein Bündnis geschlossen hätten, 
indem sich das Nilpferd dazu verpflichtete, die Boote der Menschen* 
umzustoßen, und so dem Krokodil die Menschen in den Fluß 
resp. in den Rachen zu werfen, wogegen das Krokodil sich ver- 
pflichtete, das Nilpferd an seinen Ufern unbeirrt grasen zu lassen, 
— so liegt hierin der Ausdruck einer reichen Naturerfahrung. 
Da ist nichts Erdachtes, sondern nur Erfahrenes darin. Das 
Krokodil, das den Menschen, wo es ihn findet, frißt, läßt das 
Nilpferd ungestört in seinem Bereiche grasen. Der zweite Teil 
der Geschichte beruht in der sicher sehr häufigen Erfahrung, die 
wir auch in unseren Airikareisewerken in trauriger Weise ange- 
führt finden, daß nämlich gar oft das Nilpferd unversehens unter 
dem Boote der Menschen auftaucht, dasselbe umstößt und dadurch 
die armen Neger den Krokodilen in den Rachen jagt. Das ist, 
so weit ich es verfolgen kann, die einfachste und natürlichste 



Wesen und Werden. 27 

Bildungsform von Geschichten, die sich deswegen im Gedächtnis 
des Menschen leicht aufbewahren, weil sie so außerordentlich 
häufig durch die Erfahrung bestärkt wird. 

Als älteste Form der Geschichtenerzählung haben wir dem- 
nach die schildernde Fabelerzählung zu buchen, der erst später 
die Naturerklärung eingefügt wird. 

Ich fasse nochmals die Stufenfolge und unsere Erkenntnisse 
zusammen und gebe sie in folgender Formel wieder. 

1. Als älteste Form der Geschichtenbildung müssen wir die 
einfachen Naturschilderungen und die in Geschichtenform konzen- 
trierte Anhäufung der Naturerfahrung bezeichnen. 

2. Wenn wir im Auge behalten, daß späterhin dieselben 
Geschichten mit Anfügung einer bewußten Naturerklärung uns ent- 
gegentreten, dann sind wir zu der Annahme berechtigt, daß in dieser 
zweiten jüngeren Form der Geschichtenbildung das Motiv der 
Naturerklärung zur schöpferischen Kraft geworden ist. 

3. Wenn wir bedenken, daß in der jüngsten Periode der 
höheren Kulturvölker dieselben Geschichten erhalten werden, in 
denen ihnen als Lebenskraft und appetitanregendes Mittel eine 
bewußte Moralsentenz angefügt wird, so können wir daraus 
schließen, daß in dieser jüngsten Periode die Moral und die 
Welt der ethischen Begriffe den bewußten Ausgangs- 
punkt der Geschichtenbildung dargestellt haben. 

Alles weitere ist außerordentlich einfach. Nicht nur die 
Alten, sondern auch jetzt noch lebende Naturvölker sagen, soweit 
sie Mythologien besitzen, direkt aus, daß dieselben eine gewisse 
Naturerklärung enthielten. Die Mythologien stellen also den 
geistigen Niederschlag aus der unter 2 aufgeführten Formwelt dar. 
Daß [die Naturerklärung im Beginne der Mythenbildung ebenso 
selbstverständlich eine unbewußte war, wie die Moralbasis in einer 
späteren Periode, versteht sich von selbst. Ich werde aber auf 
diesen Punkt doch noch näher eingehen müssen und werde nun 
zu zeigen versuchen, unter welchen Gesichtspunkten wir die 
Mythologien als Naturerklärungen verstehen und bewerten können, 
welche Eigenschaften der geistigen Beschaffenheit und geistigen 
Tätigkeit ihre Bildung hervorgerufen haben. — Gleichzeitig muß 
ich aber darauf hinweisen, daß wir unter gleichen Gesichts- 



28 Erstes Buch. 

punkten die einheitliche Entwicklung der Mythenbildungen er- 
kennen lernen müssen. 

2. Die einheitlichen ßrundzüge und Grundlagen aller 
Mythologien als Beweise für die Einheit der Entstehung 

nach Zeit und Baum. 

Folgendermaßen möchte ich die Aufgabe der kulturgeschicht- 
lichen Mythologie oder wenn man es lieber so nennen will, der 
vergleichenden Mythologie im Rahmen der Kulturkunde fixieren: 
Sie soll die Mythen aller Völker auf ihre einfachsten Formeln zu- 
rückführen und dieselben nach ihrer geographischen Verbreitung 
einerseits, nach ihren Umbildungen, sei es auf dem Wege der 
Verkümmerung oder sei es auf dem Wege des Ausbaus und der 
weiteren Vertiefuug verfolgen. Soll das gelingen, so sind dazu 
notwendige Voraussetzung klar ausgeprägte Eigenschaften der 
Mythen, und es ist hier unsere Aufgabe, festzustellen, ob sie die- 
selben besitzen. Wenn es sich zeigen läßt, daß alle Mythen aus 
demselben Wesenszuge des Entwickeins entstanden sind, dann ist 
schon viel gewonnen, und es wäre dann nur noch herauszufinden, 
ob nicht etwa nach den Prinzipien der oben erwähnten Elementar- 
gedankenlehre eine Entwicklung resp. Entstehung von verschiedenen 
Punkten der Erdoberfläche ausgegangen sein könne. Nun geht 
aus den Grundgesetzen der nachfolgend aufgestellten Entwicklungs- 
prinzipien die Einheitlichkeit der Mythenbildung nur hinsichtlich 
der einheitlichen Schöpfungsweise, nicht aber hinsichtlich des ein- 
heitlichen Schöpfungsortes hervor. Der weiterhin folgende Ab- 
schnitt über die Unterschiede der verschiedenen Mythologien bietet 
in dieser Hinsicht schon mehr, indem er uns zeigt, wie auch 
niedere Völker, die bis zur Schöpfung der Mythologie noch nicht 
vorgedrungen sind, nach ihrer Art die Mythen umbilden. Es ist 
erst die Aufgabe des nächsten Kapitels, aus der Eigenart des 
Stoffes heraus es wahrscheinlich zu machen, daß ein ganz be- 
grenzter, durch geographische Eigenarten ausgezeichneter Raum 
der Mythologie das Leben gegeben haben kann. Im zweiten 
Bande werden wir dann die Wahrscheinlichkeit oder Unwahr- 
scheinlichkeit unserer Theorie erörtern. — Doch treten wir nun- 
mehr in die Betrachtung der Grundprinzipien der Entwicklung ein. 



Wesen und Werden. 29 

1. Die symbolisch ergänzende Denkweise in der Natur- 
beschreibung. Die Naturmenschen denken: es schläft jemand 
wie Wassergetier im Fluß, daher ist er ein Wassertier. Es frißt 
jemand Menschen wie ein Jaguar, daher stammt er vom Jaguar 
ab. Es sind Menschen so schwarz wie die Affen, daher sind sie 
Affen. — Solche Beispiele bietet uns die Literatur in großen 
Mengen. Die Erfahrung, daß etwas diesem oder jenem ähnlich 
sei, führt schon zur Identifizierung. Typisch ist ein Beispiel, welches 
in Südafrika passierte. Ein Neger wurde mit einer weißen Flüssig- 
keit in der Krankheit behandelt und es wurde ihm dabei streng 
ans Herz gelegt, ja nichts davon zu trinken, da es giftig sei. 
Der Mann war in Zukunft nicht mehr zu bewegen, Milch zu 
trinken, weil dieselbe genau so weiß war wie jene Medizin, und 
weil der Arzt ihm gesagt hatte, daß diese schädlich sei. — Die 
Sonnenstrahlen erscheinen wie lange Fäden, die vom Glutballe 
aus herniederfallen. Daraus werden unbedingt Stricke gemacht. 
Bald hat der Sonnengott einen Strick herniedergelassen, an dessen 
Ende sich ein Angelhaken befindet, um zu fischen, bald hat ein hinter 
dem Horizont sitzender Gott seine Schlinge nach der Sonne ge- 
worfen, um sie in der Mittagszeit zu langsamerem Gehen zu 
veranlassen. — Taucht die Sonne im Morgen an der Kante des 
Horizontes auf, so ist dies, wie wenn die rote Scheibe die schwarze 
Dunkelheit zerschneide, und demnach trennt der Heros mit einem 
roten Obsidian am Morgen die dunkle Nacht. „Quat zerschneidet 
die Nacht mit einem roten Obsidian," sagt der Melanesier. — Dieses 
Parallelisieren, Symbolisieren und Ergänzen stellt die eigentliche 
Quelle der Mythenbildung dar. 

2. A priori- und Konsequenzmythen. Gar oftmals werden 
Menschen in den Meeren verschlungen, während andere, ohne 
helfen zu können, zusehen müssen. Geht nun den Naturvölkern 
die Sonne im Meere unter, so liegt die Annahme gar nahe, daß 
sie verschlungen wird. Das ist eine ursprüngliche Auffassung, 
an die sich nun die Erzählung ganz einfach angliedert. Die Sonne 
befindet sich nunmehr im Bauche des Fisches, und da sie am 
nächsten Morgen wieder auftaucht, hat derselbe sie offenbar wieder 
ausgespien, oder sie hat den Bauch des Tieres aufgeschnitten und 
kommt nun fröhlich wieder zum Vorschein. Derartige Bildungen 



30 Erstes Buch. 

nenne ich a priori-Mythen. Das sind Mythen, die sich ohne weiteres 
aus dem Erfahren und nächstliegenden Schlüssen ergeben. — Tritt 
nun für den blutigen Sonnenaufgang etwa die Anschauung auf, 
daß hier eine Geburt stattfindet, die Geburt der jungen Sonne, 
so schließt sich hieran unbedingt die Frage, woher denn die 
Vaterschaft komme, wie dies Weib zu der Schwangerschaft ge- 
langt sei. Und da nun dies Weib dasselbe symbolisiert wie der 
Fisch, nämlich das Meer (indem wir von einer Annahme aus- 
gehen, daß die Sonne sowohl im Meere untergeht, als aus dem 
Meere emporsteigt), so ist die urmerkwürdige Antwort, daß dies 
Meer ja vordem die alte Sonne verschluckt habe. Es bildet sich 
demnach die Konsequenzmythe, da das Weib „Meer" vordem die 
Sonne verschluckt hat und jetzt eine neue Sonne zur Welt bringt: 
so ist sie offenbar schwanger geworden. Das ist eine Konse- 
quenzmythe. 

3. Anthropomorphisierende Gestaltung. Das Natur- 
volk legt unwillkürlich allen Geschöpfen dieselben Fähigkeiten 
und dieselben Beweggründe ihrer Handlungsweisen zugrunde, 
die ihrem eigenen Innern entspringen. Deshalb lassen sie ja in 
der Zeit des Animalismus dem Tiere dieselbe Behandlungsweise 
angedeihen, die sie selbst erfahren. Aber nicht nur mit den 
Tieren geschieht dies. Ein Körper, der sich bewegt, muß irgend 
wie lebendige Eigenschaften, menschliche Eigenschaften haben. 
Menschliche Eigenschaften liegen daher auch alle den Geschichten 
zugrunde, die von der Sonne, vom Monde, vom Meere etc. er- 
zählt werden. Daher ist die Sonne ein menschenähnliches Wesen, 
handelt und denkt dementsprechend. Aus diesem Anthropomor- 
phisieren entstammt die Schöpfung der Götter, die nur deswegen 
großartiger und gewaltiger als Menschen sind, weil sie groß- 
artiger auftreten, großartiger wirken und in gewissem Sinne un- 
erreichbar sind. — Sollte aber die Natursymbolik des Naturvolkes 
sich im animalistischen Rahmen bewegen, d. h. also, die großen 
Elementarerscheinungen mit den Erfahrungen aus dem Tierreiche 
ausstatten, dann können keine Götter entstehen. Dieses Anthropo- 
morphisieren bis zur Götterschöpfung setzt also den Manismus voraus. 

4. Die m anistische Verknüpfung. Ich habe im vorigen 
Kapitel darauf hingewiesen, daß es eine Periode gegeben hat, in 



Wesen und Werden. 31 

welcher die Menschheit sich mit den Problemen des Todes intensiv 
beschäftigt hat. Der Manismus läßt die Seele des Verstorbenen 
in jeder körperlichen Erscheinung aktiv werden, die mit dem 
Verstorbenen entweder in Zusammenhang stand oder mit dem 
toten Leibe in Beziehung kam. Die Früchte des Gartens, die 
dem Verstorbenen gehörten, bleiben dessen Eigentum, und er wird 
auch, wenn der Körper vermodert, dieselben noch beanspruchen. 
Die Seele des Verstorbenen wird in seiner Hütte weiterleben und 
deshalb wird man geneigt sein, diese Hütte zu verlassen. Ist der 
Mann begraben und wächst aus dem Grabe eine Pflanze, dann 
lebt die Seele des Verstorbenen in der Pflanze; hebt man den 
Schädel des Verstorbenen auf, dann lebt die Seele in dem Schädel 
weiter. Ist der Mann von einem Krokodil verschlungen, dann 
lebt er in dem Krokodil weiter und so geht das immer fort, und 
die naturgemäße Folge dieser manistischen Beseelung ist, daß 
man zuletzt mehrere Seelen für ihn annimmt, deren eine z. B. 
in seinem Grabe lebt, deren andere dahin zurückkommt, wo der 
Mann herstammt, dessen dritte von einer Frau wiedergeboren 
wird und so weiter. Menschliche Wesen bevölkern auf diese 
Weise das Weltall, sie ziehen überall einher. Und wenn nun der 
Mensch sein Interesse auf die Himmelskörper richtet, dann sieht 
er meist die Seelen der Verstorbenen in den Sternen weiter leben; 
immer aber stellt er den Satz auf: Die Seelen folgen der Sonne. 
Ich werde später zu zeigen haben, daß dieses merkwürdige Motiv 
der Seelensonnenfolge aber noch einen histologischen Grund haben 
dürfte. Denn die Sonne wird wahrscheinlich den Gründern der 
Mythologie in dem Lande untergegangen sein, aus dem sie 
stammen. Denn der dazu gehörige Satz, daß das siegreiche Volk 
der Mythengründer von der Sonne abstamme, findet sich bei den- 
selben Mythenträgern, die auch das Motiv der Seelensonnenfolge 
bewahren. — Dies Motiv der Seelensonnenfolge birgt nun nach 
echt manistischem Grundsatze den Quell für eine Fülle von mytho- 
logischen Erscheinungen. Wird der Sonnengott beim Sonnen- 
untergange verschlungen, so geschieht dies auch mit den Seelen 
beim Tode. Klettert der Sonnengott an den Sonnenstrahlenstricken 
hinab, so tun die Seelen der Verstorbenen das gleiche. Und 
so weiter. 



32 Erstes Buch. 

5. Die hervorragende Stellung der Sonne, des Mondes 
undderGestirne. In allen Mythologien bricht dann und wann 
einmal der klare Spruch durch: Dieser Mann holt die Sonne 
oder geht mit der Sonne oder begibt sichJn den Bereich der 
Sonne oder er ist schön wie die Sonne, hat Haare wie die Sonne, 
will die Tochter der Sonne heiraten, will mit dem Monde das 
oder jenes machen. Häufig aber auch ist die Erklärung, daß die 
Sonne dieses oder jenes getan habe, daß das Mondmädchen hier 
oder da etwas vollbringe oder geheiratet werde, daß die Sterne 
Riesen seien, daß ein Weib das Meer schaffe, daß die Sonne eine 
schöpferische Handlung hervorbringe, usw. usw. An solchen 
Symptomen können wir deutlich erkennen, daß die Sonne auf 
jeden Fall mitsamt dem Monde und den Gestirnen und auch 
dem Meere sowie der Erde die Grundlage zu den symbolisierten 
Gestalten der Mythologie geboten haben. Wir dürfen uns aber 
nicht täuschen lassen. Die ursprüngliche Mythologie hat diese 
Ausdrucksweise offenbar nicht gekannt. Diese Aussprüche sind 
stets nur Erinnerungen. Heißt z. B. die Sonne aus irgend einem 
Grunde Maui, dann wird die alte Mythologie niemals sagen „als 
Maui in das Meer stürzte, ging die Sonne das erste Mal unter". 
Die alte Mythologie würde ganz einfach sagen: „Maui stürzte ins 
Meer". Jeder Hörer wußte dann, daß das die Sonne war. Es 
bedurfte keiner Erklärung. Keine echte alte Mythologie der ur- 
sprünglichen Form gibt die Erklärung der Sonnenhaftigkeit, der 
Mondartigkeit etc. dazu. Sie setzt einfach das Wissen voraus 
und erzählt die Geschichte als ein manistisch anthropomorphisiertes 
Ereignis. — Immerhin sind gerade diese Angaben betreffend Sonne 
und Mond von außerordentlichem Werte, weil sie uns zeigen, daß 
das Volk selbst sich durch solche Angaben gewissermaßen krampf- 
haft den Stoff im Gedächtnis festhält. 

6. Die Zusammenhangslosigkeit in der Entstehung 
und das Trachten nach Vereinheitlichung in der Folge- 
zeit bei der Mythenbildung und Umbildung. Die einzelnen 
Geschichten der Mythologie sind offenbar nicht in vollständiger 
Gemeinsamkeit entstanden, wenn wir auch aus der Unterschied- 
lichkeit der a priori- und Konsequenzmythen eine gegenseitige 
Einwirkung deutlich wahrnehmen. Es ist deshalb durchaus selbst- 



Wesen und Werden. 33* 

verständlich, daß dieselbe Inkonsequenz eintritt, wie in der schlicht 
manistischen Mythologie, als deren Eigenart wir soeben erkannten, 
daß eine Seele an den verschiedensten Orten und in der ver- 
schiedensten Form infolge* verschiedener Anschauungsverknüpfung 
gleichzeitig, wenn auch geteilt, existieren kann. Dieselbe Ver- 
schiedenartigkeit in der Anknüpfung findet sich in allen Teilen 
der Mythologie. Es kann sogar verschiedene Sonnengötter neben- 
einander geben, ohne daß dies die Gemüter stört. Erst in ziem- 
lich später Zeit tritt das Bestreben ein, einheitliche, zusammen- 
hängende Schilderungen zu bieten. Es muß aber festgestellt 
werden, daß der Bildersymbolik der Mythenbildung eine Logik 
in unserem Sinne nicht innewohnt. 

7. Die histologische Umwertung bei Fehlen histo- 
rischer Vertiefung. Weder die animalistische noch die ma- 
nistische Weltanschauung noch auch die ursprünglich solare ge- 
stattet irgend eine historische Erzählung. Alle Kenner der Natur- 
völkermythologie stellen fest, daß die Naturvölker niemals histo- 
rische Ereignisse in ihren Mythen wiedergeben. Mit Erstaunen 
erzählt z. B. Rink, daß die Eskimo auch nicht die geringste Er- 
innerung an großartige Ereignisse, die sich erst vor wenigen Jahr- 
zehnten abgespielt hätten, besäßen. In der Tat geht von einem 
historischen Ereignis niemals eine Mythe aus. Treten historische 
Persönlichkeiten in der Erinnerung eines Volkes stark hervor, 
dann nehmen sie sofort einen mythologischen Charakter an und 
werden mit der Erzählung der viel älteren Mythenbildung be- 
kleidet. So sehen wir mit nicht geringem Erstaunen, wie die Ge- 
schichte Alexanders des Großen, die bis in die indonesische Insel- 
welt und nach Hinterindien gewandert ist, mit einem Male das 
Gepräge der Sonnenmythologie annimmt. Die Schicksale eines 
Dschengis Chan sind die des Sonnenhelden. Und wir brauchen 
nicht so weit zurückzugreifen. Ein Liebling des deutschen Volkes 
wie Barbarossa wird mit der alten Mythe bekleidet; er zieht in 
den Kyffhäuser ein. Die Javanen nahmen mitsamt einer Religion 
aus Indien ganze Dichtungen mit fort und verlegen den Krieg 
der „Pandawa" aus dem Mahabharata nun auf ihre Insel. Die 
Histologie in der Mythenwelt ähnelt oft dem Diebstahl. So weit 
geht die Umwertung der historischen Personen! — Was ist aber 

Frobenius, Sonnengott. I. 3 



34 Erstes Buch. 

histologisch? Wenn ein Volk über einen Fluß zieht und nun auf 
dessen rechten Ufer wohnt, während es vordem auf dem linken 
ansässig war, so erzählt es, daß die Seelen der Toten nach dem 
linken Ufer hinüber gingen. Wenn ein Volk die Erinnerung an 
eine großartige Wanderzeit noch birgt, so stattet es dieselbe mit 
den Geschichten von der Wanderung des Sonnengottes aus. Ein 
Beispiel: Die amerikanische Sonnenhelden wandern wie die Sonne 
über die vier Kardinalpunkte, den Osten, Süden, Westen, Norden. 
Schlagen wir nun die Wandersage der Mexikaner auf, so begeg- 
nen wir den vier Kardinalpunkten wieder, zwischen die nur einige 
Lokalmythen geschoben sind. So bildet sich denn fast jedes alte 
mythenbildende Volk in der Erinnerung an eine größere Ver- 
gangenheit aus dem Stoffe seiner Mythologie eine Vergangenheits- 
sage, die mit der wirklichen historischen Vergangenheit nichts 
weiter gemeinsam hat, als einige schwache Erinnerungen an die 
Tatsache als solche. — Mit dieser histologischen Erkenntnis 
werden wir wahrscheinlich einen sehr bedeutenden Prozentsatz 
der Mythen erklären können, vielleicht sogar die Urmythe von 
der Seelensonnenfolge. Jedenfalls legt dieser Typus der Umbil- 
dungsform uns aber die Annahme nahe, wie wir die sogenannten 
Kulturheroen verstehen können. Die Mythe vom Kulturheros 
dürfte absolut histologisch sein. Ein jugendkräftiges, kulturell 
höher entwickeltes Volk unterwirft einen primitiveren Stamm und 
führt die höhere solare Weltanschauung ein. Dann wird sich als- 
bald die Mythe herausbilden, daß ihr Gott, der Sonnengott, frucht- 
und kulturbringend hereingezogen sei. Der Kulturheros ist der 
eigentliche Sonnengott, der in seinem Frühling die Saaten sprossen 
läßt und deshalb der Urheber des Ackerbaues genannt wird, — 
dem die Tempel errichtet werden, und der deshalb als der Städte- 
gründer bezeichnet wird, — und so geht das weiter in enger Ver- 
quickung der schwachen Reminiszenzen mit dem Quellmaterial 
der Mythologie. 

8. Die Erhaltung der Mythologie. Daß eine Geschichte 
ausgedacht wird, ist nichts sehr Erstaunliches. Auch für die 
Naturvölker können wir uns dies leicht erklären. Sehr merk- 
würdig ist aber die Tatsache, daß ganz bestimmte Geschichten 
und vor allen Dingen die Mythen so wunderbar behalten werden. 



Wesen und Werden. 35 

Tatsächlich beruht ja das Problem der Mythologie nicht in der 
Entstehungsgeschichte allein, sondern vielmehr in der Geschichte 
der Erhaltung. Man sagt sehr mit Recht, daß ein Volk, welches 
keine Schrift besitzt, ja über ein besseres Gedächtnis verfüge. 
Dies Gedächtnis will aber auch erst geschult und erzogen werden, 
und da fragt es sich denn, wie der Mensch zu dieser wunder- 
baren Kunst, die wir besonders im epischen Zeitalter nicht genug 
bewundern können, gelangt ist. Ich glaube nur eine einzige Lö- 
sung dieses Problemes gefunden zu haben. Die Geschichten, die 
die Menschen zu so großartiger Gedächtnisstärke erzogen haben, 
müssen einerseits von einer enormen Eindruckskraft gewesen und 
andererseits noch durch ständige Befruchtung des Gedächtnisses 
am Leben erhalten worden sein. Und da komme ich eben darauf, 
wohin ja jede Erkenntnis in zehnjähriger Arbeit am Stoffe ge- 
führt hat, daß es nämlich in der Natur kein so großartiges Schau- 
spiel gibt, wie Sonnenauf- und Untergang und Nachtgröße für ein 
Volk in den Tropen. Hat sich hier wirklich die Mythologie aus- 
gebildet, war wirklich die Sonnenfahrt die Anregung, dann ver- 
stehen wir auch die Erhaltung der Mythologien durch die vielen, 
vielen Jahrtausende bis auf unsere Zeit. Denn an jedem Tage 
wurde die Sonne einmal verschlungen, an jedem Morgen wurde 
sie einmal geboren, und wenn die ehrfurchtsvolle Scheu und die 
Empfindung für die Heiligkeit überhaupt erst geweckt war, dann 
konnte jede einzelne Geschichte aus dem schicksalsreichen Dasein 
des Sonnengottes täglich, ja stündlich mit dem Anblick der Sonne 
in das Gedächtnis zurückgerufen werden. — War das Gedächtnis 
so erstarkt, war es erst eingebürgert, solche Geschichten vielfach 
zu erzählen, dann konnte ja die andere frappierende Erscheinung 
der ebenso wunderbaren Erhaltung der einzelnen Motive leicht 
ins Leben treten. Ein Motiv ist eine einzelne kurz gefaßte 
Schilderung, Erklärung, Aussage im Bereich einer ganzen Mythe. 
Nun sehen wir z. B. in Nordwestamerika, auf den Inseln der 
Torresstraße und — bei den alten Griechen am Ende von der 
bekannten Jonassage (in deren Verlauf der Held von dem West- 
ungeheuer verschlungen wird, später aber aus demselben wieder 
entrinnt) die Mythe mit den Worten ausklingen: Es war aber im 
Bauche des Tieres so heiß gewesen, daß dem Helden die Haare 



36 Erstes Buch. 

ausgingen. Ich muß zugeben, daß mein Verstand es nicht zu 
fassen vermag, wie der „Zufall" hier denselben verrückten Schluß 
ins Leben hätte rufen können. Und ich bin noch immer der 
Überzeugung, daß wir da, wo wir nicht mathemathisch beweisen 
können, den Entscheidungen unseres Verstandes folgen müssen. 
Wir können nun alle Mythen verfolgen, wir finden derartige merk- 
würdige kleine Übereinstimmungen überall wieder. Daß die 
Mythen im großen und ganzen mehrfach in derselben Weise 
hätten ausgedacht werden können, werde ich nie bestreiten. Die 
Übereinstimmung dieser kleinen und allerkleinsten Züge, dies 
Festhalten der einzelnen Motive macht für mich aber bei der 
völligen Übereinstimmung der großen Züge nur den einen ein- 
zigen Schluß plausibel, daß hier eine großartige Wirkung der Ge- 
dächtniskraft vorliegt, die aus einer Quelle geschöpft hat. — 
Noch ein kurzes Wort über die Mode in den Mythologien. Nehmen 
wir die Gesamtheit der Mythen der verschiedenen Völker, so 
sehen wir wohl überall gemeinsame Ausgangspunkte, überall aber 
verschiedene Umarbeitungen. In dem einen Lande ist dieses, in 
dem anderen jenes beliebter. So ist z. B. in den isländischen 
Märchen die Hundehautverbrennungsgeschichte und das Motiv von 
der bösen Stiefmutter so ausgeprägt und so häufig, daß man 
meinen möchte, besonders das letztere müßte eine ganz besondere 
Befruchtung erfahren haben. Ein Kenner wie Theal stellt fest, 
daß in Südafrika die Verschlingungsmythen in hundert Versionen 
erzählt würden. Die Verwandlungen, die. schon in Indien eine 
große Rolle spielen, machen sich in den Geschichten Zentralasiens 
so breit, daß sie lange Seiten immer einnehmen, ehe sie einem 
wirklichen wichtigen Ereignisse in den Mythen Raum lassen. In 
Indonesien sehen wir die Rohrursprungsmythe, bei den Eskimo 
das Entscheidungsringen, bei den Polynesiern den Feuerdiebstahl 
und die Landangelsage mächtig emporwuchern. In gleicher 
Weise bilden sich über große Landstrecken bevorzugte Lieblings- 
geschichten aus. Über Zentralasien und Europa zieht die Ge- 
schichte vom Gewitterdrachen, hervorgegangen aus dem Westver- 
schlinger, so machtvoll, daß ein Mann wie Schwartz glaubt, aus 
ihr den Quell der ganzen Mythologie herausfinden zu können. 
Und Amerika gibt uns in seiner Geschichtenwelt gar viele Belege, 



Wesen und Werden. 37 

daß der Gewittervogel dort drüben dieselbe Rolle spielt, wie der 
Gewitterdrache bei uns. So sehen wir denn die Umbildungen 
nach großen Gesichtspunkten von sich gehen. 

Doch wenden wir uns nunmehr dem letzten Abschnitts dieses 
Kapitels zu. 

3. Die Unterschiede in der äußeren Gestalt der Mythologien 

als Belege für einstige Einheitlichkeit und Umbildung unter 

neuen und andersartigen Verhältnissen. 

Daß man Verschiedenartigkeit als den Beleg für einstige Einheit- 
lichkeit erklärt, dürfte zunächst wie ein Widerspruch klingen. Und 
doch glaube ich dem Satze eine ziemliche Berechtigung zusprechen 
zu müssen. Denn wenn die Formeln überall die gleichen wären, 
dann würde das ja zuletzt auch nur beweisen, daß überall das- 
selbe entstanden sein könne. Wenn aber der geographische Rahmen 
für die Bildung einer Form ausschlaggebende Kraft haben soll, 
dann muß natürlich diesem Vordersatze der Nachsatz folgen, daß 
auf den Gebieten, in denen die den Ursprung erzeugenden geogra- 
phischen Kräfte nicht mehr wirken, die Umbildung entsprechend den 
geographischen Bildungsgesetzen des neuen Heimatlandes stattfinden 
muß. Ich will dies ganz kurz noch klarer stellen. Ist eine Mytho- 
logie als Natursymbolik bei einem Volke entstanden, für welches die 
Sonne im Meere auf- und untergeht, so kann sich dieselbe bei einem 
Volke, dem die Sonne z. B. im Lande aufgeht, nicht ebenso erhalten. 
Es müssen, wenn die Natursymbolik wirklich der Mythologie das 
Leben gegeben hat, auch entsprechend den geographischen Verschie- 
bungen bei der Ansiedlung und Übertragung, Unterschiede entstehen. 

Desgleichen müssen entsprechend den höheren und niederen 
Kulturen auch verschiedenartige Typen der Mythenumbildung in 
den Vordergrund treten. Dies ist auch so, und ich will hier die 
wichtigsten vier Formen nennen. 

1. Der heroisch-solare Typus. 

2. Der animalistisch-solare Typus. 

3. Der kosmologisch-solare Typus. 

4. Der episch-solare Typus, von welchem sich das Märchen 
abzweigt. 

Den ersten Typus nehme ich als mittlere Norm an. Wir 



38 Erstes Buch. 

haben hier manistische Völker, die gemeiniglich eine größere 
Kulturleistung hinter sich haben, die die Sonne verehren und in 
ihren Mythen einen gründlichen Schatz von Wandersagen be- 
herbergen. Die Taten des Sonnenhelden stehen im Vordergrunde, 
die Tiere spielen eine geringe Rolle, und die anderen Gestirne 
treten gegenüber der Sonne zurück. 

Der animalistisch-solare Typus erzählt nur Tiergeschichten. 
Sonne, Mond und Sterne sind zu Tieren geworden, die aber die- 
selben Taten vollführen. Die Völker, die solche Mythologien be- 
sitzen, sind nicht wie die Vorhergehenden Hackbauern, sondern 
im wesentlichen Jäger. Die Mischung dokumentiert sich überall 
als eine Verschleuderung höherer Schöpfungen in ein niederes 
Niveau, aus dem sie nicht entstanden sein können. 

Die kosmologisch-solare Weltanschauung wird von den eigent- 
lichen altern Kulturvölkern getragen. Ein großartiges Kalender- 
wesen steht im Vordergrunde. Das Interesse ist von dem Sonnen- 
gotte mehr und mehr auf die Bewegungen der Sternenwelt abge- 
lenkt. Jede Stadt eines Landes hat seine eigenen Götter, die 
aber nur dem Namen nach unterschieden sind und von denen 
dieselben Geschichten erzählt werden. Eine Priesterschaft sorgt 
in emsiger Grübelei und Zurückgezogenheit für den Aufbau einer 
wunderlichen Wissenschaft, die zwischen wirklichen Erkenntnissen 
und mythologischen Erklärungen hin- und herschwankt. 

Zum Schluß endlich haben wir die Abzweigung der episch- 
solaren Mythologie zu erwähnen, die einen ganz bestimmten 
großen Völkerkreis vereinigt. Das histologische Moment ist in 
den Vordergrund getreten, das Saiteninstrument ist entdeckt worden 
und zum Leierklange verkünden die Priestersänger an den Höfen 
der Könige die meist im Reime geschmiedeten Taten der könig- 
lichen Ahnherren, die im Grunde genommen aber weiter nichts 
sind als Umbildungen der alten guten Mythologie, die die Völker 
einst über die Meere und über die Lande trugen. 

Wird aber die Mythologie zu einem heiligen Priestergeheimnis 
oder löst sich dieselbe histologisch in epischer Form auf, so sinkt 
die Mythologie als Märchenwelt in den Volksschoß, wo sie ohne 
göttliche Größe, aber um so behaglicher und in zarterer Gewandung 
gar wohl geborgen weiter lebt, — bis die Schrift sie vernichtet. 



m. 

Die Mythe in den verschiedenen Provinzen. 

Fassen wir nochmals die Grundzüge des im vorhergehenden 
Dargelegten zusammen. — Es wurde uns wahrscheinlich, daß die 
älteste Schicht der Kultur nur ein einfaches Naturbeschreiben 
kennt, das den allgemeinen und sich immer wiederholenden Er- 
fahrungen entspricht. Die Ergänzungen in diesen Formen der 
Geistestätigkeit sind schwach. Demgegenüber tritt uns im Zeit- 
alter der Mythologie in den nach manistischen Prinzipien anthro- 
pomorph gebildeten Mythen eine Geschichtenwelt entgegen, welche 
die Naturereignisse und die Erfahrungen, die der Mensch alltäg- 
lich macht, als unbewußt entstandene Naturerklärungen enthält. 
Hat der Mensch auf solche Weise angefangen, erst die großen 
Ereignisse durch solche Geschichten zu erläutern, dann fährt er 
auch wohl in bewußter Weise fort, zu erklären. Das Erklären 
wird Mode, und während auf der einen Seite hieraus die kleinen 
Anhängsel, die die Eigenschaften der Tierwelt wie der Erdober- 
fläche verständlicher machen sollen, entstehen, versucht eine sich 
ausbildende grübelnde Priesterwelt immer mehr in die Geheim- 
nisse des Weltalls einzudringen, sodaß die Kosmogonien und Kos- 
mologien bei den höher entwickelten Völkern entstehen. Da 
aber einmal das Geschichtenbilden, die Mythenbildung und im 
Laufe der Zeit und der geographischen Verschiebung der Völker 
auch die Mythenumbildung einen großen Teil des Interesses in 
Anspruch genommen haben und der menschliche Geist nunmehr 
seine Freude daran findet, solche Geschichten nicht nur zu be- 
halten, sondern auch weiter zu entwickeln, so erwachsen je nach 
der Liebhaberei der Völker und der Zeiten allerhand jüngere 
Dichtungen. Es ist nun Hauptaufgabe des Mythologen, aus der 
unendlichen Fülle von Geschichten, welche die Zeiten und Völker 



40 Erstes Buch. 

hervorgebracht haben, die älteren Bestandteile herauszufinden. Die 
jüngeren können abgetrennt und zunächst zur Seite geschoben 
werden, — wenn man es nicht vorzieht, umgekehrt zu ver- 
fahren. 

Die einzelnen Geschichten sind über verschieden große Räume 
und nach verschiedenen Richtungen hin gewandert. Diese Aus- 
dehnungen sind genau festzustellen. Aus den Ausdehnungen der 
einzelnen Geschichten müssen wir im Zusammenhang mit der 
Verbreitung anderer Kulturmerkmale die Wege und Ausdehnungs- 
weiten bestimmter Kulturverschiebungen erkennen lassen. 

Während nun für den asiatischen und europäischen Kontinent 
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine hübsche Reihe von 
Gelehrten derartige Arbeiten ausgeführt haben, liegt der Zusam- 
menhang hinsichtlich der anderen Gebiete noch gänzlich unberück- 
sichtigt da. Es ist selbstverständlich, daß, was ein Jakob Grimm, 
ein Benfey usw. gearbeitet haben, nur einen verhältnismäßig 
kleinen Raum umfaßt, und selbst die Arbeit von Eduard Grisebach 
beschränkt sich darauf, eine Geschichte bis nach China hin zu 
verfolgen. Wenn weitere Studien in dieser Richtung nicht 
ausgeführt worden sind, so liegt dies daran, daß die weitaus 
meisten Fälle der Analogien als die Reste aus einer unendlich 
viel älteren Zeit erklärt werden müssen. Mit den Asiaten fand 
man sich insofern ab, als man wußte, daß auch andere Kultur- 
symptome über dieselben Strecken gezogen waren. Man konnte 
nach der einen Seite an die Gemeinsamkeit der Sprachen der 
arioiden Völker, nach der andern Seite auf die Wanderschaft des 
Buddhismus hinweisen. Unter solchen Umständen brauchte eine 
Verfolgung derartiger Stoffe nicht auf schweren Widerstand zu 
stoßen. Aber genau an der Grenze derartiger sonstig anerkannter 
Wandergebiete machte auch die Mythenforschung in unserem 
Sinne Halt. 

Um nun die Möglichkeit zu erhalten, in die älteren Schichten 
hinabzutauchen, vergegenwärtigen wir uns die wichtigsten Grund- 
züge einer älteren Mythologie. 



Provinzen. 41 

1. Grundzüge der älteren Mythologie. 
(Heroisch-solarer Typus.) 

Es muß an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen werden, 
daß wohl die sämtlichen älteren Mythen von den Schicksalen des 
Sonnengottes ihren Ausgangspunkt nehmen, daß die einzelnen Ge- 
schichten aber nebeneinander entstanden und erst später in einen 
engen Zusammenhang gebracht wurden. Die große Wanderung 
der Mythologie hat allerdings wahrscheinlich schon alle Mythen 
in einem Zusammenhange gekannt, und ich fasse sie demnach zu- 
sammen. Betont muß jedoch werden, daß die ganze Mythologie 
nicht etwa in der Geburt des Sonnengottes, also im Sonnenauf- 
gang, sondern wahrscheinlich im Sonnenuntergänge ihren Anfang 
nimmt. 

Halten wir uns zunächst an die direkten Aussagen. Sonne 
und Mond werden uns als Ehepaar geschildert. Die Ehe ist je- 
doch keine glückliche, und der Sonnengott kann auch nicht als 
guter Vater bezeichnet werden. Nur in Finsternissen begatten 
sich Sonne und Mond. Die Kinder sind dann einerseits die Sterne, 
andererseits alle späteren Sonnen. Während die jungen Sonnen 
die Söhne sind, die der nicht sehr liebevolle Vater zu verscheuchen 
sucht, schließen sich die jungen Mädchen, die Sterne, ihrer Mutter, 
dem Monde, an. — Andererseits hören wir, daß auch die jungen 
Sonnen untereinander kein besonders glückliches Leben führen. 
Dem Alter nach ziehen sie aus, der Älteste zuerst, der Jüngste 
zuletzt, um das berühmte Abenteuer des Feuerholens, des Ein- 
fangens des Vogels, bei den Asiaten des Einfangens des Zauber- 
pferdes usw. zu vollbringen. Die älteren Brüder sind bei diesem 
Unternehmen nicht glücklich. Dieses gelingt immer nur dem 
Jüngsten, der deswegen von seinen Brüdern verfolgt wird. Oftmals 
wird der jüngste Bruder entsprechend dem Sonnenuntergänge ins 
Meer, in einen Brunnen geworfen und kommt dann aber glücklich 
wieder heraus. 

Auf die Mythen eingehend, drängt sich uns zunächst die Art 
der Geburt des Sonnengottes auf. Ein großer Untergang hat statt- 
gefunden, von dem sich nur ein Weib gerettet hat, welches in der 
Verborgenheit der Nacht als Mond lebt. Dies Weib trinkt aus 



42 Erstes Buch. 

einem Becher, in welchem sich die Strahlen der untergehenden 
Sonne niedergelassen haben, oder sie ist von der Sonne direkt be- 
fruchtet worden, indem die Sonnenstrahlen auf sie fielen. Jeden- 
falls verschluckt sie immer den Sonnenkeim und empfängt ihn 
erst in späteren Mythen durch einen gewalttätigen Beischlaf. In 
einer Conceptio immaculata durch Verschlucken empfängt also 
die Jungfrau und gebiert nun am nächsten Morgen den Sonnen- 
gott, der sich durch einige merkwürdige Vorgänge sofort von 
anderen Sterblichen unterscheidet. Oftmals spricht der Gott schon 
im Mutterleibe. Noch öfter läuft er aber sofort nach der Geburt 
fort und wächst in einer ganz kurzen Zeit zu einem stattlichen 
Jüngling heran, der schon bei der Geburt mit Waffen versehen, 
die Nachtungeheuer schnell überwindet und der WelJ das Licht 
wiedergibt. — (Andererseits schließt sich auch oft die Aussetzung 
an. Vergl. Kapitel 10 und 11.) 

Ein weiterer wichtiger Kreis von Mythen rankt sich um das 
Liebesleben des jungen Gottes. Die wichtige Schwanenjungfrauen- 
mythe erzählt uns, wie der Sonnengott einige Mädchen trifft, die 
am Ufer ihren Schleier niedergelegt haben und deren einer er 
sich bemächtigt, die ihm aber später, als sie ihm eine junge 
Sonne als Sohn geschenkt hat, entweder weil er ein Verbot 
nicht berücksichtigt oder weil sie ihren Schleier wiedergefunden 
hat, wieder entrinnt. — Eine andere hübsche Erzählung zeigt 
uns den Sonnengott als Angler. Die Angel wird im Wasser durch 
einen Fisch verschluckt. Er folgt seinem Haken, indem er in die 
Tiefe des Meeres hinabtaucht und dort unten gleichzeitig mit dem 
verlorenen Gegenstand die Geliebte gewinnt. — Von großer Be- 
deutung für die Geschichte der Mythologie ist es, festzustellen, 
aus welchem Bereiche die Jungfrau entstammt. Wir werden sehen, 
daß die Geliebte des Sonnengottes ihren Schleier stets beim Baden 
ablegt, oder daß es direkt ausgesprochen wird, daß sie ein Fisch- 
weib ist. Die eigentlichen Schwanen- oder Gänsejungfrauen müssen 
wohl auf eine jüngere Formung zurückgeführt werden, und die 
Himmelsjungfrau, die wir bei den Ozeaniern teilweise finden, 
dürfte ebensowenig den Schluß auf die Landzugehörigkeit der Ge- 
liebten zulassen, da sie ja nur deswegen eine Himmelsjungfrau 
ist, weil der Mond am Himmel steht. (Vergl. Kap. 12 — 14.) 



Provinzen. 43 

Einen großen Raum nehmen nun im Bereiche der Mythologien 
die Großtaten des Sonnengottes ein. Er zieht in die Unterwelt, 
um das Feuer zu holen. Diese Fahrt ist mit den eigenartigsten 
Motiven ausgestattet. In den Vordergrund tritt uns vor allen 
Dingen der Vogel, der den Gott hinunterführt. Es ist derselbe 
Vogel, der in anderen Mythen ihn wieder zur Oberwelt zurück- 
bringt. Will er in die Unterwelt, so muß er entweder stets einen 
Fluß überschreiten oder durch das Meer fahren oder er hat die 
berühmten, zusammenschlagenden Felsen zu passieren. Beim Hin- 
durchfliegen mit dem Vogel oder beim Hindurchgleiten des Bootes 
wird der Schwanz des Vogels resp. das Bootsende abgequetscht. 
Ist der Sonnenuntergang so vollendet, dann beginnt die eigentliche 
Tat, die nun natürlich im großen und ganzen der Phantasie zu 
weiterem Ausbau überlassen wird. Der Mann oder die Männer 
resp. Riesen, sowie das alte fürchterliche Weib, welche diese 
Nachtwelt beleben, sind meistenteils als Menschenfresser geschildert. 
Der Sonnengott versteckt sich. Die Bewohner wittern ihn aber. 
Dies Menschenwitterungsmotiv zählt wieder zu einem der wichtigsten 
Züge, da dasselbe merkwürdig fest im Gedächtnis der Menschen 
hängen geblieben ist. Dabei haben wir es gerade bei ihm ent- 
schieden mit einer Umbildung der ursprünglichen Form zu tun. — 
Der Sonnengott ist hier unten nicht ohne Hilfe. Ein Hilfsweib, 
entweder seine Mutter oder seine spätere Geliebte, unterstützt ihn 
zu seiner Rettung, bei seinem Feuerraube oder bei der Überwin- 
dung der Nachtriesen, in denen wir wahrscheinlich die Sterne zu 
sehen haben. Denn die meisten Mythologien erzählen uns, wie 
die Morgensonne durch ihr Erscheinen die Riesen töte. Deren 
Licht erblaßt dann ja! — Gefahrlos ist das Unternehmen des 
Gottes nicht. Ja, er muß zuletzt immer fliehen. Die Flucht er- 
folgt entweder auf einem Baume oder auf einem Vogel oder auf 
dem Wasser. Das Meer verfolgt ihn. Er entrinnt aber glück- 
lich. — Die Flucht des Sonnengottes aus der Unterwelt hat im 
Norden die Geschichte von der magischen Flucht, wie Boas sie 
getauft hat, ins Leben gerufen. (Vergl. Kap. 15 ff.) 

Während die vorhergehende Mythe eine außerordentliche Zahl 
von Varianten ins Leben gerufen hat, sehen wir in dem folgenden 
Stück eine sich sehr gleich bleibende und in den Formen genau 



44 Erstes Buch. 

festgehaltene Geschichte. Es dürfte nicht schwer sein, festzustellen, 
warum die eine so sehr zersplittert, die andere dagegen so stark 
zergliedert ist. Denn die eine bietet der Phantasie außerordent- 
lichen Spielraum, während die andere durch ihre originelle Gestalt 
von vorneherein gefesselt ist. — In der Walfischmythe, die ich 
meine, wird der Held im Westen von einem großen Fische ver- 
schlungen. Der Fisch schwimmt im Meere nach Osten zu. Im 
Osten beginnt der Gott das Herz des Tieres abzuschneiden, ein 
Feuer zu entzünden und den Bauch des Ungetümes aufzuschlitzen. 
Sodann kommt er im Morgenanbruch wieder zum Vorschein. — 
Diese Mythe, die nach allen Einzelheiten sich lediglich auf einen 
Sonnenuntergang im Wasser und auf einen Sonnenaufgang aus 
dem Wasser beziehen dürfte, ist eines des wertvollsten Stücke der 
Mythologie. Die einzelnen Motive sind hier so klar erhalten und 
sitzen so regelmäßig und fest an ihrer Stelle, daß hier Verwechs- 
lungen kaum möglich sind. — Anschließend hieran, haben wir 
die wahrscheinlich jüngere Form der Drachensage zu erwähnen. 
Das Westmeer, dem regelmäßige Menschenopfer dargebracht werden 
müssen, ist als Drache aufgefaßt. Auch der Sonnenheld wird als 
letztes Opfer dargebracht. Aber während er das Ungeheuer über- 
windet und oftmals wie in der eigentlichen Walfischsage erst ver- 
schlungen wird, tritt das Liebesmotiv hier ein, und der Held er- 
obert mit seinem Siege seine Geliebte. — Diese Variante dürfte 
mit der Feuerdiebstahlsmythe insofern zusammenhängen, als auch 
dort der Sonnengott oftmals das Weib gleichzeftig mit der Voll- 
bringung seiner Tat erobert. Gegenseitige Beeinflussungen der 
Mythen untereinander müssen wir ja überall berücksichtigen. 
(Vergl. Kap. 4—9.) 

An diese Grundzüge schließt sich nun eine unendliche Fülle 
von Einzelheiten an. So wird z. B. der Sonnengott oftmals nach 
seiner Geburt ausgesetzt. Im geschlossenen Kasten treibt er zur 
Nachtzeit auf dem Meere umher. Dieser geschlossene Kasten der 
Nachtzeit ist die Nacht selbst, die als verengter dunkler Raum 
aufgefaßt wird. Am deutlichsten wird uns dies dadurch gemacht, 
wenn seine Geliebte, der Mond, mit in dem Kasten eingeschlossen 
ist. (Vergl. Kap. 10 u. 11.) 

Wird auf der andern Seite z. B. die aufgehende Sonne als 



Provinzen. 45 

Vogel betrachtet, so schließt sich hieran sehr leicht die Konse- 
quenzmythe, daß der Vogel aus dem Ei ausgekrochen ist. Dies 
Nachtei schwimmt in der Dunkelheit auf dem Meere. Und wir 
treffen hier gleichzeitig die erste Weltschöpfungsidee, der wir uns 
nunmehr zuwenden wollen. 

Bis dahin betrachteten wir die Mythen als Naturerklärungen 
der Tagesereignisse. In der Übertragung erfolgt in der gleichen 
Weise eine Projektion auf die Jahreszeiten, indem die Geburt in 
den Frühling, der Untergang, das Untertauchen und die Nacht- 
fahrt vom Herbst beginnend in den Winter gelegt wird. Des 
weiteren kann aber auch noch eine Projektion vom Morgen in 
den Urbeginn der Dinge gelegt werden. Die Welt wird so ge- 
schaffen, wie das Aufgehen der Sonne täglich geschildert wird. 
Wenn am Morgen eine Jungfrau die Sonne gebiert, dann schwimmt 
im Urbeginne der Dinge eine Jungfrau auf den Wassern, die dem 
Weltformer das Leben gibt. Wenn im Morgen die Sonne im 
Kasten verschlossen umhertreibt, dann wird das erste Menschen- 
paar, der Sonnengott aus einer verschlossenen Arche, aus einem 
Bambus usw. geboren. Und wie die Sonne morgens in konse- 
quenter Weise aus dem Meere emporgeleitet wird, so ist im Ur- 
beginne für fast alle Mythologien nur das Meer da, und die Erde 
wird erst geschaffen von dem dem Wasser entsteigenden Sonnen- 
gotte, dessen Sonnenstrahlen die Bergspitzen und die Spitzen der 
höchsten Bäume zuerst beleuchten, der dann mit seiner Lichtflut 
die blumigen Wiesen überzieht und so das Land aus dem Dunkel 
des Nachtmeeres emporsteigen läßt. (Vergl. Kap. 11.) 

Das sind einige Bilder aus der älteren Schicht der Mytho- 
logie. In den folgenden Kapiteln werden wir uns den Einzelheiten, 
ohne erschöpfen zu wollen, noch des näheren widmen und hoffen 
wir, daß aus diesen Einzelschilderungen mehr Überzeugungskraft 
fließt als aus dieser skizzenhaften Zusammenfassung. — Nunmehr 
wollen wir uns aber — ebenfalls in aller Kürze — der Be- 
sprechung der einzelnen mythologischen Provinzen zuwenden. 

2. Die Provinzen der Mythologie. 

Es muß hier darauf zurückgegriffen werden, was wir schon 
am Ende des vorigen Kapitels gesagt haben. Es wurden dort 



46 Erstes Buch. 

vier Haupttypen der Mythologien ihrem inneren Wesen nach an- 
geführt. Wenn ich hier von heroischem, animalistischem, kosmo- 
logischem und epischem Typus spreche, so darf man darunter 
keine schroff abgetrennten Erscheinungsformen verstehen. Die 
Typen gehen wie überall im Geistesleben so vollständig ohne jede 
Kluft und Spaltung ineinander über, daß es oft außerordentlich 
schwer ist, zu sagen, welchem Typus man die eine oder andere 
Mythologie zurechnen soll. Dazu kommt, daß gar manche Mytho- 
logie mehrere Typen in sich birgt. Nehmen wir z. B. die griechi- 
sche, dann haben wir in der eigentlichen Göttergeschichte den 
heroisch solaren Typus vertreten, der sich hier aber schon wieder in 
eine Götter- und in eine Heldensage spaltet. Homer bietet uns den 
epischen Typus, und die kosmologische Auffassung ist von semitoider 
Seite aus hineingetragen worden. Oder aber ein anderes Beispiel: 
das der Eskimo! Hier kann man kaum von heroischem Typus 
sprechen, denn fast alles Solare ist zugrunde gegangen, und nur noch 
das Geschichtenerzählen als solches blieb als fröhlich betriebene 
Modesache übrig. In der Angelegenheit haben wir hier die Verküm- 
merung des Inhaltes und der Motive auf der einen Seite und die 
Wucherung des eigentlichen Geschichtenerzählens auf der andern. 
Also ist diese Einteilung in vier Typen cum grano salis zu nehmen. 

Immerhin bietet uns eine derartige Teilung wenigstens An- 
haltepunkte für das Verständnis. Wir sehen aus dem Mittelmaß 
des Heroischen die Mythologien der Semitoiden und der Zentral- 
amerikaner z. B. als Erweiterungen, Vertiefungen, Spezialbildungen 
auftauchen, sehen hier den Grundzug dieses kosmologischen Typus 
in voller Blüte: wie nämlich eine klügelnde Priesterkaste aus den 
wunderbaren Erscheinungen, Gesetzen und Kreisläufen der Nach- 
welt mystische, uns nur noch zum Teil verständliche mythologische 
Neubildungen schafft. Wir sehen dann aber auch, wie die Mythe, 
die in anthropomorpher Bildung mit Bevorzugung des Animalis- 
mus menschenähnliche Götter schafft, zu den animalistischen 
Völkern übertragen wird, und wie aus dem Bereiche der Jäger 
und Fischer z. B. Neuhollands und Nordwestamerikas uns dieser 
neue Typus entgegenströmt. 

In solcher Weise betrachtet, entwickelt sich das Bild der 
Mythologie etwa folgendermaßen: 



Provinzen. 47 

Von Südasien ausgehend, ergießt sich ein Strom der Mytho- 
logie über Polynesien nach Amerika auf der einen Seite, von 
ebenda nach Südafrika auf der andern. Eine zweite Gruppe der 
Erscheinungen verläuft von Südasien durch den Erdteil nach 
Norden, zweigt sich in verschiedene Gruppen ab, deren eine die 
arioiden Völker nach Europa tragen, deren zweiter von mongo- 
loiden Völkern in fast entgegengesetzter Richtung über Nordost- 
asien bis. Amerika vordringt. Diese nördlich wandernden Typen 
sind auf jeden Fall jüngeren Datums, die an der Küste nach 
Südafrika vordringenden sind entweder älteren Datums und in 
jüngerer Zeit durch Nachströmungen aufgefrischt, oder in einer 
mittleren Zeit dorthin übertragen worden. Die über Ozeanien 
nach Amerika führenden Formen lassen ebenfalls mehrere Haupt- 
schichtungen, wenn auch nur schwach, erkennen, was uns aber 
nicht zu einem Schluß auf jüngere Befruchtung ohne weiteres 
führen darf, da wir noch keine Ahnung haben, in wie viel Epochen 
oder Formschichtungen wir das eigentliche Zeitalter des Sonnen- 
gottes zergliedern müssen. Jedenfalls ist nach Loslösung des 
regelmäßigen Verkehrs und nach Isolierung Amerikas dort ein 
Aufschwung von statten gegangen, der im Zentrum eine Blüten- 
form des kosmologischen Typus par exellence gezeitigt hat. Des 
ferneren ist zu vermerken, daß die dort in den Vordergrund treten- 
den Strömungen des Meeres den Völkern des nördlichen großen 
Ozeans im Gebiete der mikronesischen und japanischen Inselwelt 
und der nordwestamerikanischen Küstenstrecken Auffrischungen 
bis in die jüngere Zeit zugeführt haben. 

Nun eine Besprechung der Provinzen nach der Reihe. 

1. Die Provinzen Ozeaniens: Indonesien, Mikronesien, 
Japan, Polynesien, Melanesien, Neuholland. In Indonesien ein 
wirres Durcheinander von Formen des ältesten Typus bis zum 
jüngsten. Ich habe die indonesische Mythologie in verhältnis- 
mäßig geringem Maße verwertet, weil ich dem Stoffe dieses Ge- 
bietes eine eigene Arbeit zudenke. Mikronesien ist mythologisch 
schwach durchforscht. In vieler Hinsicht (z. B. Rohrursprungs- 
mythe) ist eine starke Einmischung indonesischer Varianten zu 
vermerken. Im übrigen ist hier der heroische Charakter offenbar 
gut erhalten. — Japan muß entschieden in mythologischen Dingen 



48 Erstes Buch. 

Ozeanien zugerechnet werden. Wenn hier das Bestreben nach 
historischer Anknüpfung auch in gewissem Sinne epische Bil- 
dungen anstrebt, so ragen doch die alten Göttergestalten des 
heroisch-solaren Typus gar mächtig empor. Daß Japan gegen- 
über China und dem Ausströmungsgebiet der zentralasiatischen 
Mongoloiden liegt, können wir daran erkennen, daß an die Stelle 
des Westverschlingers der bei den Landvölkern entstandene Regen- 
drache getreten ist. In Polynesien und Melanesien sehen wir ein 
merkwürdiges Schauspiel, das uns ein für allemal lehrreich sein 
sollte. In der Bevorzugung der Mauimythologie erkennen wir 
das Lieblingsthema eines in sich konzentrierten Meerverkehres 
großartigster Form. Aber wir dürfen die für die Rekonstruktion 
der alten Formen wertvolleren Mythen nicht in dieser etwas ab- 
geschliffenen Form erwarten, sondern müssen danach umschauen, 
was an die Randgebiete verschlagen und hier abseits des großen 
Verkehres erhalten wurde. Ein solches Gebiet der verschlagenen 
Typen ist Melanesien. Die Melanesier haben die alten Stoffe in 
vieler Hinsicht besser verwahrt als die Polynesier, weil sie nicht 
dem gleichen engen und ständigen Verkehr ausgesetzt waren, und 
weil auf der andern Seite ihre Inseln größer und dichter bevölkert 
sind. Dagegen ist zu vermerken, daß den Polynesiern infolge 
ihres Wohnsitzes der ursprüngliche Sinn der Mythologie am längsten 
erhalten geblieben ist. — Das abgelegene Neuseeland zeitigte wie 
kein anderes polynesisches Volk einen histologischen Typus, in- 
dem die Maori die Mythen des Sonnengottes als Wandersage aus- 
bauten. — Auf der andern Seite sehen wir den kosmologischen 
Typus auf Hawai zu intensiverer Entwicklung gelangen. Inwieweit 
die Meeresströmungen für diesen kosmologischen Typus durch An- 
regung eines eigenartigen Verkehrs verantwortlich sind, ist erst 
nach genauer Feststellung des Mythenbestandes zu sagen. (Das 
Hauptwerk der hawaischen Mythologie war mir aber nicht zu- 
gänglich.) Daß eine gewisse festere Beziehung zwischen Hawai 
und Mikronesien bestand, ist sicher. — Auf der andern Seite 
wurden die Mythen in das animalistische Neuholland verschleudert 
und haben hier den entsprechenden Charakter angenommen. 
Neben wenigen kaum als Götter zu bezeichnenden Heldengestalten 
fällt hier die Unmasse der Tiere ganz besonders auf. 



Provinzen. 49 

2. Die Provinzen Amerikas: Die Region des zentral- 
amerikanischen Kulturvölker, die südamerikanischen Naturvölker, 
die nordamerikanischeü Indianer, die Nordwestamerikaner, die 
Eskimo. Vom Zentrum nach beiden Seiten, d. h. von Norden 
nach Süden ausgehend, können wir eine gewisse Abdachung fest- 
stellen. Die Mythologien der sämtlichen amerikanischen Natur- 
völker gehen augenscheinlich von der Sonnenverehrung aus und 
haben ihre höchste Entwicklung im kosmologischen Typus der 
Zentralamerikaner erfahren. Wunderliche Wucherungen sind hier 
eingetreten; histologische Wandersagen haben sich hineingemischt; 
die Tatsache, daß jedes Völklein das Sonnengeschlecht seiner 
Herrscher vom Sonnengott ableitete, dem Sonnengotte selbst so 
jedes einen eigenen Namen gab, auf solche Weise eine Unzahl 
von Göttern nebeneinander schaffend, wirkt hier außerordentlich 
verwirrend ; einzelne Reste und höchst eigenartige Mythenbestand- 
teile lassen hier noch ältere Anschauungssätze durchschimmern. 
Wenn z. B. die Gegend, in der für diese Völker das Meer liegt, 
„im Rachen der Schlange" genannt wird, so können wir dieses 
als einen Rest der Walfischsage auffassen, zumal wenn uns in 
kosmogonischer Bildung ein Tiamat-ähnliches Urweib entgegentritt, 
in welches der Sonnengott hineinschlüpft und aus dessen Teilen 
Himmel und Erde geschaffen werden. Die Proben auf das Exempel 
sind noch nicht durchgeführt worden, und es ist zu erwarten, daß 
hier reiche Erkenntnisse noch erzielt werden. Sehr zu bedauern 
ist es, daß uns die Mythologie der südamerikanischen Kultur- 
völker in so mangelhafter Weise überliefert worden ist, und es 
ist höchste Zeit, festzustellen, ob etwa die Eingeborenen, wie dies 
zu erwarten ist, trotz der energischen Herrschaft der katholischen 
Kirche etwa noch im Besitze von Märchen sind, aus denen das 
alte Volkswissen nachklingt. — Von Zentralamerika nach Norden 
gehend, ist die Abflachung deutlich. Aus den Navahoslegenden 
spricht noch vieles von zentralamerikanischem Charakter und sind 
hier noch reiche Analogien zu den Aussagen des Popol Vuh zu 
finden. . In den früher wohl kulturreicheren Tälern des Missisippi 
bildete sich vielleicht mancherlei zu den Formen um, die wir 
heute noch anderweitig finden. Bei den Tinneh ist die Umbildung 
des alten Typus am schwächsten — entsprechend der größten 

Frobenius, Sonnengott. I. 4 



50 Erstes Bach. 

Entfernung von der weiterbildenden Kulturregion des Zentrums! — 
andererseits aber auch eine Beeinflussung via Nordwestamerika 
nicht unwahrscheinlich. Daß eine Strömung über den Norden 
nach Amerika hinein vor noch nicht allzu langer Zeit stattgefunden 
hat, könnte man aus der Mythologie der Micmac schließen, wenn 
einerseits die hier wiedergegebenen Stücke alt und echt sind, 
und wenn man andererseits die hier erhaltenen Stoffe als einen 
Bandniederschlag entsprechend der Bandbildung in Melanesien 
auffaßt. Denn die Micmac haben die Mythen von der Wander- 
genossenschaft, vom Guten und Bösen usw. usw., und das sind 
Stoffe aus der jüngsten asiatischen Mythenbildungsperiode, Stoffe, 
deren Ursprung aus Indien nachgewiesen ist. — Während also 
die Nordindianer im allgemeinen den heroischen Typus beibehalten 
haben, fällt eine vollständige Verflachung bei den Eskimo auf, 
bei den Nordweststämmen dagegen eine unendliche Farbenpracht 
des animaliden Typus. Die wundervollen Materiale, welche Boas 
und seine Schüler hier gesammelt haben, lassen uns heute schon 
ohne weiteres erkennen, daß sowohl eine Befruchtung über Nord- 
asien her als auch eine solche älteren Datums (entsprechend den 
Meeresströmungen) von Mikronesien her stattgefunden hat. Die 
Sonnengötter treten hier zum größten Teil als Tiere auf. Das 
neueste Ergebnis der Forschungen der Amerikaner ist, daß diese 
Mythenumbildungen sich auch nach Nordostasien hinein erstrecken. 
Bei den Kamtschadalen und Tschuktschen kehren sie wieder. — 
Von Zentralamerika nach der andern Seite gehend, sehen wir 
in der Mythologie der Nu-Aruak die gute Erhaltung eines heroisch- 
solaren Typus, der allerdings noch einen Schritt weiter in das 
Innere gehend bei den Jägervölkern den animalistischen Typus 
annimmt. — Führt so von den Kulturvölkern Zentralamerikas 
ein Weg von Norden nach Süden in den Kolos hinein, so geht 
eine andere Straße vom Süden Perus nach Osten hin. Leider 
sind wir über die Araukaner und ihre Mythologie* noch nicht 
sehr vollständig informiert (wenigstens gelang es mir nur, kurze 
Anhaltepunkte aufzutreiben). Von hier geht aber jedenfalls eine 
Mythenströmung nach Paraguay, wo der alte heroische Typus, 
hier vielleicht eine Ablagerung altperuanischer Formbildungen, 
anzutreffen ist. — Die Frage, in wieweit von Ozeanien aus, also 



Provinzen. 51 

direkt von Westen her eine Einführung der Mythe stattgefunden 
hat, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft, und werde 
ich mich bemühen, einige objektive Fragestellungen wenigstens 
im zweiten Bande dieses Werkes vorzulegen. 

3. Die Provinzen Afrikas: Nach Afrika führen zwei 
Straßen und zwar mündet die eine — eine Wasserstraße — auf 
die Südostküste und die andere — eine Landbahn — von Nord- 
osten kommend nach dem Westen zu. Aus dem Altertume ist 
uns ein Teil der alt -ägyptischen Mythologie gerettet worden, 
welche uns eine gewisse Konzentrierung der Mythen und be- 
bestimmter Hauptpunkte sowie einen kosmologischen Aufbau er- 
kennen läßt. Entsprechend unserer Auffassung der afrikanisch- 
asiatischen Kultur müssen wir diese ägyptische Mythologie als 
ein Anhängsel und als eine Kolonialbildung mesopothamischer 
Formen bezeichnen. Durch Nordafrika, dessen wohl nie sehr stark 
ausgebildet gewesene Mythologien durch den Mohamedanismus fast 
gänzlich vernichtet worden sind, ist ein Strom gegangen, der heute 
noch in den Mythen der Nordwestküste nachklingt. In wieweit 
wir einen Landweg quer durch den Nordblock des Kontinentes 
oder eine Wasserstraße um die Nordwestküste des Kontinentes 
herum anzunehmen haben, ist noch unentschieden. Jedenfalls 
tritt uns in der Mythologie der Yorubastaaten westlich der Niger- 
mündung der Höhepunkt guter Erhaltung entgegen. Halb animalid 
angehauchte Stoffe bieten die Spinnenmythen, deren Verbreitung 
von Senegambien bis ziemlich weit an der Westküste hinab 
reicht. — In neuerer Zeit wurden Mythen jungarioider Herkunft 
in Nordafrika, bei den Kabylen und ihren Nachbarn eingeführt. — 
Verhältnismäßig besser unterrichtet sind wir über die zweite, die 
Südostprovinz. Wir müssen wahrscheinlich in Zukunft die mada- 
gassische Mythologie als einen selbstständigen Zweig der afrika- 
nischen Mythologie aufstellen. Heute sind wir noch so schlecht 
unterrichtet, daß wir nur den halb heroischen, halb märchenhaften 
Typus erkennen können. Madagaskar gegenüber dagegen blüht 
der Weizen des Mythologen. Hier haben wir die herrlichen alten 
Traditionen der Zulustämme, der Basuto (über die auch noch 
einschlägige gute Arbeiten fehlen), und von hier ging offenbar 
auch der Strom der Mythologie aus, der, quer durch Südafrika 



52 Erstes Buch. 

hinziehend, an der Westküste die Grenze seiner Verbreitung fand. 
Wahrscheinlich haben wir in der Mythologie der Hottentotten, 
die ja bekanntlich von der Ostküste nach der Westküste verdrängt 
wurden, den animalid angehauchten Typus gleicher Abstammung 
entsprechend dem heroischen Typus der Zulu, die sich ihrerseits 
wieder mehr dem Märchen in der Entwicklung zuwendeten. Die 
nach Angola verdrängten Mythenteile verraten bei näherer Unter- 
suchung wohl unter allen südafrikanischen Bildungen den größten 
Reichtum. Die zwischen Zulu und Hottentotten wohnenden Busch- 
männer haben nach Bleek, Lloyd und Orpen eine reiche Mytho- 
logie, die aber dem ganzen Bestände nach mit dem der Zulu 
übereinstimmt; nur ist sie verwirrter. Weitere Schlüsse müssen 
wir der Zukunft und besserer Informierung überlassen. — Sicher 
ist es, daß ebenso wie nach Südostafrika auch nach anderen 
Gebieten des Ostens dieses Erdteiles Mythenbildungen gelangt sind. 
Daß dieselben unter dem Einflüsse des ständigen Hin- und Her- 
schwankens der Völker wenig Gelegenheit zum Festwachsen hatten, 
ist aber ebenso glaubhaft. Notizen, die Oskar Baumann die Masai 
betreffend gemacht hat, lassen mich hier ein weiteres vermuten. — 
4. Die Provinzen Asiens: Die Provinz der Semitoiden, 
die Provinz der Arioiden, die* Provinz der mongoloiden Nomaden 
und die Provinz der mongoloiden Kulturvölker. Die Mythen- 
bildungen der Asiaten sind am meisten durchgearbeitet worden, und 
dennoch geben sie uns heute noch die größten Probleme auf. 
Denn wenn wir z. B. auch die ältere Einheit der arioiden Mytho- 
logien feststellen können, wenn wir auch zeigen können, daß alle 
indischen Gedanken in der Märchenwelt Europas wiederklingen, so 
bleibt doch immer die große Frage übrig, welche Quellen für die 
arioide Mythologie anzunehmen sind. Wir dürfen niemals ver- 
gessen, was wir nicht scharf genug betonen können, daß nämlich 
die Mythologien der historischen Zeit uns schon auf epischer 
Basis entgegentreten. Ich lasse hier im allgemeinen die semitoide 
Mythologie unberücksichtigt, werde mich aber bemühen, im zweiten 
Bande zu zeigen, wie wenig ursprünglich, entsprechend dem hero- 
ischen Typus dieselbe ist. In der semitoiden Mythologie der älte- 
ren Zeit herrscht der kosmologische Charakter für uns weniger 
vor, als die Tatsache aller Eigenschaften alten Erbgutes. Auch 



Provinzen. 53 

ist schon in alter Zeit das epische sowie das ethische Streben 
zu erkennen. — Nun aber das Epos. Diese eigenartige Bildung 
der : Mythologie ist allen arioiden Völkern und fast allen Nach- 
barn derselben eigen. Das Streben nach epischen Bildungen 
haben alle Mongoloiden an den Grenzen der Arioiden gewonnen. 
Ich erinnere an die Kalewala, und vor allen Dingen auch an all 
die breiten Wiedergaben, die wir Radioff verdanken. Das Älteste, 
was uns von den Arioiden erhalten ist, ist schon epischer Art. 
Hier sehen wir ganz deutlich, das Streben, die Mythen zu Rekon- 
struktionen der Geschichte zu machen. Daher ist alles das 
histologisch, — just so, wie ja das alte Testament und der größte 
Teil des Neuen Testamentes nur histologisch zu erklären ist. So- 
weit die äußere Form. Und gehen wir auf das Wesen der inneren 
Bedeutung zurück, so kommen wir bei allen Nachbarvölkern der 
Arioiden auf altindische Stoffe. Bekanntlich ist die ganze mongo- 
lische Märchenwelt indischen Ursprunges. Lesen wir eine Mythe 
durch, wie sie uns Georgi von den Tungusen aufgeschrieben hat, 
da erkennen wir dieselbe Behandlungsweise des Stoffes, die allen 
Nomaden Innerasiens eigentümlich ist, nämlich die Bevorzugung 
der magischen Verwandlungen, und damit wird unser Augenmerk 
sofort wieder zurückgelenkt auf das Heimatland der Verwand- 
lungen — auf Indien. Von dein ganzen großen asiatischen Reich- 
tum an Geschichten, der mir im Laufe der Jahre durch die Hände 
gegangen ist, habe ich nichts, gar nichts Ursprüngliches und Eigen- 
artiges, sondern immer nur Umgebildetes gefunden. So gähnt uns 
das Innere Asiens in seiner Anschauungsform der Vorzeit, der 
vorepischen Zeit als große Leere entgegen. — Wie steht es nun 
mit China? Wenn all die vielen, unendlich vielen Geschichten 
der Innerasiaten immer nur wieder als arioide Urgebilde erkannt 
werden, dann drängt sich doch alles Suchen darin zusammen, 
wenigstens im Osten des Kontinentes das Stammgut älterer mongo- 
loider Art zu finden. Und doch, es ist geradezu unglaublich, und 
ich habe mich heute noch nicht an den Gedanken gewöhnen 
können: Soweit meine Kenntnisse reichen, habe ich auch für 
China nichts Eigenes finden können. Es ist sehr gut denkbar, 
daß mir, da ich mit der chinesischen Sprache nicht Bescheid 
weiß, mancherlei entgangen sein kann. Sehen wir aber von dem 



54 Erstes Buch. 

philosophierenden Typus chinesischer Weltanschauungen ab, so 
müßte doch aus irgend einem Winkel einmal ein Nachklang aus 
altmythologischer Zeit zu vernehmen sein. Und ich bin auch 
persönlich überzeugt, daß noch mancherlei vorhanden ist, komme 
hier aber doch auf den einen wichtigen Satz, daß Chinas ältere 
mythologische Weltanschauung unter dem ewig sich wiederholenden 
Sturmbrausen der verwüstenden Nomaden zugrunde gegangen 
ist. Denn allein schon die eine Tatsache, daß China aus Indien 
den Buddhismus erhalten hat, läßt mich darauf schließen, daß 
China in älterer Zeit nicht abgeschlossen gewesen sein kann. 
Und die Zahl der in China kursierenden Göttergestalten, die ab- 
solut nicht alle mit dem Buddhismus herüber getragen zu sein 
brauchen, spricht für ein volleres Gewesensein. Und noch 
einen Beleg habe ich. Wer das große Werk Schlegels über die 
chinesische Uranographie studiert, sieht hier den gesamten Bau 
der vollendeten asiatischen Kosmologie und Sternkunde vor sich. 
Wo das war. war auch mehr. Die Nomaden haben in China 
aber nicht nur verwüstet, sie haben auch hinüber getragen. Sie 
brachten z. B. den Gedanken des Regendrachen nach China hin- 
über. (Oder ging er von China aus?) Und da sehen wir nun 
eine wunderbare Erscheinung! Das Westungeheuer, das überall 
in der Mythologie als Meer die Sonne verschlingt, bringt in China 
die Sonne aus dem Meere empor! Daher der Drachenthron und 
der Drachenkaiser, der goldene Glutball, der vor dem Drachen- 
maule auf den Bannern zu sehen ist. Das ist eins der belehrendsten 
Stücke der geographischen Mythenkunde. Für die Chinesen geht 
die Sonne im Meere nicht unter, sondern sie geht im Meere auf. 
Deshalb nahm der Drache die umgekehrte Stellung ein. — Solche 
Schlüsse sind es, die wir in China ziehen müssen, um das Material 
zu gewinnen. — Und dann kommen die anderen mythologischen 
Provinzen des Südens im Bereiche der Mongoloiden! Wie uns 
die Mythologie der Burmesen, Siamesen etc. entgegentritt, ist sie 
gründlich im Feuer des Buddhismus durchglüht worden. In den 
Vordergrund des Interesses ist der einsiedlerische grübelnde Priester- 
gott getreten. Viele arioide Züge drängen sich schon beim ersten 
Beschauen auf, histologische Geschichten der Städtegründung 
keimen wie Pilze aus dem Boden und doch ist sehr vieles alt- 



Provinzen. 55 

erhalten, und je weiter wir uns der indonesischen Inselwelt nähern, 
desto mehr drängt sich ursprüngliche Selbständigkeit hervor. 

Der Schreiber dieses ist sich bewußt, daß die vorliegende 
kurze Beschreibung wohl allzu kurz ist. Aber man wolle be- 
denken, daß diese vorgelegte Übersicht nur den Zweck der Er- 
leichterung der Betrachtung und der Erleichterung des Verständ- 
nisses beim Studium der nachfolgenden Materiale bilden soll. 
Wir müssen von der Geographie ausgehen, um zu zeigen, was 
wir wollen, werden aber erst auf die Geographie gründlicher 
eingehen können, nachdem wir hier im ersten Bande die Stoffe 
einigermaßen bewältigt haben und den zweiten zur freien Ver- 
fügung für die eigentliche geographische Mythenkunde darzubringen 
vermögen. 

Und nun wolle man mir beim Studium einzelner spezieller 
Mythen Folge leisten. 



Soweit unsere eigene Betrachtungsweise. Der hier sprach, 
ist der Autor. Mögen nunmehr die Stoffe reden! Werden sie alle 
Zeugnis aussagen, entsprechend der vorliegenden Darlegung? — 
Schwerlich ! Denn wenn wir vergleichen, was wir Seite 41 gegen- 
über den im zweiten Kapitel ausgesprochenen Grundsätzen be- 
treffend die Entstehung der Mythenbildungen (siehe S. 32 unter 6) 
sagten, dann ergibt sich schon eine Inkonsequenz. Nicht aus 
einer Figur, nicht aus einer Erfahrung, einer Beobachtung floß 
der ganze breite Strom der Erzählungen. Einzelheiten drängten 
sich auf. In Einzelheiten äußerte sich die Natur, — nicht eine 
Natur, nicht ein Werden, — nicht ein Rundlauf, nicht ein Unter- 
gehen und Wiederkehren, sondern vielseitig und in vielen Punkten 
keimten die Erfahrungen, sproßten die Erkenntnisse und ent- 
wickelten sich die Vorstellungen. Was uns also als eine Gottheit, 
als ein Gewordenes entgegen tritt, muß uns von vornherein als 
ein Zusammengefaßtes, als eine Vereinigung, als ein großartiges 
Kompositionsgemälde erscheinen. Zur Schöpfung dieser einen Ge- 
stalt des Sonnengottes, — so drängt sich uns von vornherein 



56 Erstes Buch. Provinzen. 

die Überzeugung als Widerspruch auf, — gaben viele Gottheiten, 
viele Erfahrungen und viele Erkenntnisse den Bildungsstoff. 

Das setzen wir voraus, das wollen wir beibehalten als Grund- 
gedanken der Skepsis. Ich weiß es, daß ich mit der Betonung 
des einen Sonnengottes mich auf die ältere Anschauung stütze, und 
daß ich mit der Zergliederung der Eigenschaften dieses „einen" 
den Ergebnissen der Forschung über semitoide Formen und astro- 
logische Typen entgegenkomme. Ich weiß aber ebensogut, daß 
ich mit dieser Voraussetzung, daß alles zu einem zusammenfloß, 
dem Gange der heutigen Anschauung wiederspreche, — doch das 
ist gleich ; behalten wir im Auge, daß wir von einer naiven Kritik 
auszugehen haben, um objektiv zu bleibeu. Die Texte muß der 
Leser selbst vor Augen haben, um die Disharmonie älterer und 
neuerer Anschauungen erkennen zu lernen. 

Und dann vergesse man nicht: Dies Buch ist ein Buch der 
Fragen ! 



ZWEITES BUCH 

DER SONNENGOTT IM FISCHBAUCH 

(WALFISCHMYTHE 
UND ALS VERGLEICH: KROKODILMYTHE) 



Beim Studium der Texte wolle man die dem Schluß dieses Bandes 
angeheftete Tafel vergleichend zur Seite behalten. 



IV. 

Die Walfischdrachenmythen Ozeaniens.*) 

Der Grundtypus der zentral-ozeanischen Mythologie entspricht 
dem geographischen Gesamtbilde: nach Westen hin größere 
Variabilität, größerer Formreichtum entsprechend den größeren 
und eng aneinander geschmiegt lagernden Inselgruppen. Es ist 
sicherlich von den polynesischen Völkern gar manches verloren 
worden, und zwar dies um so mehr, je vereinsamter die Inseln 
lagern. Ebenso sicher ist es aber auch, daß eigentlich und dem 
Ursprünge nach polynesische Mythen in das westliche melanesische 
Gebiet nicht nur getragen wurden, sondern sich hier auch leben- 
diger erhielten als im eigentlichen Polynesien selbst. Sogar 
sprachlich läßt sich dieses nachweisen, Tangaroa, der große 
polynesische Gott, kehrt als Tagaro, als Heros bei diesen west- 
lichen Melanesiern wieder. 

Während wir so das polynesisch- melanesische Gebiet als 
Einheit betrachten dürfen, sind wir gezwungen, Neu-Holland und 
van Diemensland alleinstehend zu untersuchen. In diesen Gegenden 
ist eine derartige Verflachung eingetreten, daß sie eine abge- 
sonderte Behandlung beanspruchen. Und drittens endlich werde 
ich wenigstens einige Stichproben aus dem mikronesisch-indone- 
sischen Gebiet geben, die die Haupttypen der Varianten dieser 
Gebiete vor Augen führen. 



*) Der beifolgenden Mythenwiedergabe werden in Klammern die Namen 
der wichtigsten Motive beigefügt und zwar derjenigen, die für die ent- 
sprechenden Mythen besonders wichtig sind in Kursiv (also Verschlingen, 
Meerfahrt, Feuerentzünden, Herz, Öffnen, Ausschlüpfen, Saar etc. und Hohle, 
Frauenraub oder Freisjungfrau, Drachenköpfe etc.), die andren in gleich- 
laufender Antiqua. Vergleiche hierüber einerseits Kap. IX des vorliegenden 
Bandes und andererseits das Index des zweiten Bandes. — Vgl. die Tafel 
am Ende des Buches! 



60 Zweites Buch. 

Für das polynesisch-melanesische Gebiet, dessen enorme 
Bedeutung im Zentrum des transozeanischen Gebietes mehr und 
mehr Beachtung findet, ist im folgenden eine Zweiteilung der 
hier zur Betrachtung gelangenden Mythe gegeben, nämlich eine 
Absonderung der Walfischgruppe von der Drachenschlangengruppe. 



Die Walfischmythen Mela-Polynesiens. 

Ä. Die Kamakajakumythe. Ysabel-Iland. — Er wohnte auf 
dem Hügel von Gaji ; er besserte seine Netze aus und sah hinab 
auf den Ozean und er sah ihn außergewöhnlich dunkel. Und 
seine Enkelkinder gingen hinab zur See, um in dem Riffgebiet 
zu fischen und Kamakajaku sagte zu ihnen: „Geht und holt mir 
Salzwasser von jenem Platze, damit ich sehe, ob seine Farbe der 
der See gleich ist." Und seine Enkelkinder gingen fort und 
stiegen hinab und fischten mit Netzen; und nachher schöpften 
sie Salzwasser und kamen herauf und gelangten zu dem Dorfe; 
und sie kamen zu ihm und gaben es ihm. Und er sagte zu 
ihnen: „Gebt das Gefäß her, ich will es hinabgießen und will 
sehen, ob die Schwärze die gleiche ist wie diejenige, welche ich 
von oben aus sah" — sagte er. Und er goß es hinab und sah, 
und er fand es nicht gleich dem ausschauend, was er von oben 
auf dem Hügel gesehen hatte. 

Und es war Morgen; da nahm er das Salzwassergefäß und 
stieg hinab und er steckte in sein Ohr ein Stück Obsidian und 
er ging hinab und kam an die See und er legte am Ufer seinen 
Beutel und seine Keule und seinen Schild nieder; und er nahm 
das Gefäß in die Hand und watete und kam vom Ufer herunter 
und schaute rückwärts zu dem Hügel, auf dem er wohnte, und 
er konnte ihn noch nicht sehen. Und er schwamm fort vom 
Ufer, bis er den Hügel von Gaji sah (stellte also damit fest, daß 
er den Ort erreicht hatte, der ihm als so schwarz aufgefallen 
war) und dann tauchte er. 

Und die Oberfläche des Meeres wogte und Blasen stiegen 
auf und er hörte, daß ein Kombili (Königsfisch), ein sehr großer 
Fisch auf ihn zukam; und er kam und verschluckte ihn 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien.' 61 

{Heidenver schlingen). Und er bewegte sich mit ihm ostwärts zum 
Sonnenaufgang (Meerfahrt, W.-O .-Bewegung). Und bewegte sich 
mit ihm fort, bis er an eine seichte Stelle kam und da warf er 
sich hin, sodaß Kamakajaku merkte, daß hier offenbar ein Ufer 
wäre (Landen). „Hier bin ich", sagte er, und er dachte an den 
Obsidian in seinem Ohr und er fühlte nach ihm und er fand ihn 
und er schnitt den Bauch des Kombili auf (Offnen) und er 
schlüpfte hinaus (Heldenausschlüpfen) und sah einen Glanz. 
Und er setzte sich nieder und überlegte: „Ich wundere mich, wo 
ich bin?" — sagte er. Da stieg die Sonne mit einem Ruck 
empor und warf sich von einer Seite zur andern. 

Und die Sonne sagte: „Steh mir nicht im Wege, du wirst 
sonst plötzlich sterben; stelle dich auf meine rechte Seite", — 
sagte er (die Sonne männlich gedacht). Und er stellte sich zur Seite 
bis die Sonne emporgestiegen war und dann folgte er ihr; und die 
beiden stiegen am Himmel empor (Sonnenaufstieg) und kamen 
endlich am Dorf der Sonnenkinder an. Und er (die Sonne) sagte: 
„Warte hier", sagte er; so stand er denn mit ihm stille und 
blieb bei den Kindern und Großkindern und die Sonne ging fort 
(Sonnenmittagswohnung). Und Kamakajaku stand; und sie fragten 
ihn: „Von wo seid ihr hierher gekommen?" Und er sagte: „Von 
der Erde; ich wohnte an meinem Orte und ich tauchte in das 
Salzwasser und ein großer Fisch verschlang mich und so bin ich 
zu eurem guten Orte gekommen." So blieben sie beieinander; 
und sie aßen nur rohe Nahrung, diese Menschen hier oben; und 
er zeigte ihnen das Feuer, sodaß sie gekochte Nahrung verspeisen 
konnten (Feuer entzünden; verschobenes Motiv). 

Und sie sagten zu ihm: „Gehe nicht an diesen Ort, er ist 
tabu" sagten sie ihm; und dann gingen sie ihres Weges. Und 
er blieb zu Hause und dachte, weshalb sagten sie mir wohl, 
geh dort nicht hin" — so sagte er (Wanderverbot). Und er ging 
dennoch dort hin und hob einen Stein auf, der eine Höhlung im 
Himmel deckte (Himmelsloch) und blickte hinab auf den Platz 
von Gaji und schrie. Sie brachten ihm Nahrung, aber er wollte 
sie nicht haben; und sie fragten ihn: „Bist du von hier an die 
andere Seite des Hauses gegangen, wie wir es dir verboten haben?" 
— „Ja." — „Und willst du herunter gehen?" — und er sagte 



62 Zweites Buch. 

„Ja". Und sie machten ein Hans und gaben ihm Samen von 
Pau, und sie nahmen ein Rohr und banden es an das Sattelstück 
des Hauses und Kamakajaku setzte sich in dasselbe und sie 
ließen ihn herab. Und sie sagten: „Wenn die Vögel und solche 
Wesen schreien, schau nicht heraus (Augenöffnungsverbot), wenn 
aber die Geschöpfe, die auf der Erde wohnen, schreien, dann 
kannst du heraussehen." Und sie ließen ihn herunter, ließen ihn 
immer weiter herunter. Und wenn ein Rohr zu kurz war, 
banden sie ein anderes daran. Und es reichte herab bis zu dem 
Hügel und dann machten sie Halt (Strickleiter; Niederfahrt). Und 
seine Freunde hatten ihn schon gesucht; sie hatten ihn schon 
totgeglaubt. Und als er vom Himmel herunterkam, freuten sie 
sich, daß sie ihn wiedersahen und er lebte eine lange Zeit, bis er auf 
dem Hügel von Gaji starb. Und damit ist es fertig: ja die Ge- 
schichte von Kamakajaku ist fertig. 

B. Die Mutukmythe. Badu, Torresstraße. — Vor langer 
Zeit fischte ein Mann mit Namen Mutuk auf einem Meeresriff, 
als seine Angelschnur sich verfing und er in das Wasser tauchte, 
um sie zu befreien. Ein vorüberschwimmender Hai verschluckte 
ihn, ohne ihn zu verletzen {Heidenver schlingen). Der Hai schwamm 
nordwärts über das Riff von Manrove-Hand (Meerfahrt). Mutuk 
fühlte die Wärme und sagte zu sich: „Jetzt sind wir im warmen 
Wasser." Als der Hai in tieferes Wasser tauchte, empfand Mutuk 
die Kälte und wußte, daß sie wieder in die Tiefe gelangt waren * 
zuletzt schwamm der Hai nach Boigu und strandete bei zurück-, 
tretender Flut (Landen). Mutuk fühlte die prallen Sonnenstrahlen 
auf dem Fische ruhen und erkannte, daß er hoch und trocken 
liegen müsse. Da nahm er denn eine scharfe Muschelschale, die 
er hinter dem Ohre trug und hackte in den Leib des Haies, bis 
er eine genügende Öffnung hatte (Öffnen). Aus seinem sonder- 
baren Gefängnis entschlüpfend (Heldenausschlüpfen) merkte er, 
daß seine Haare ausgefallen waren (Haarausfall). 

(Es schließt sich eine andere Mythenreihe an, welche vor 
allen Dingen aber noch ein uns interessierendes Moment enthält: 
dem Helden beginnen die Haare wieder zu wachsen.) 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 63 

C. Erromango, Neuhebriden. — Eine Sage erzählt von 
einem Manne, der durch einen riesigen Fisch verschlungen, dann 
aber wieder ausgespieen und ans Land gerettet wurde. 

D. Ratamythe. Aitutaki. — (In dem Märchenlande von 
Kupolo lebt der Häuptling Tara. Derselbe beschließt, ein großes 
Doppelboot zu bauen, um unbekannte Länder aufzusuchen. Auf 
dem Wege zum Bootsbau sieht er einen weißen, herrlichen Reiher 
mit einer Seeschlange kämpfend. Der Reiher ruft ihm zu, daß, 
wenn er ihm nicht hülfe, er ihn auch nicht beim Bootsbau unter- 
stützen würde und er sein Boot ohne seine Mitarbeiterschaft nicht 
beenden könne. Rata geht vorüber (Vogelschlangenkampf). 
Sowie er nun seine Bäume geschlagen hat, wachsen sie wieder 
in ihren alten Zustand; er vermag die Arbeit nicht zu vollenden 
(Baumwiedererstehen). Da fällt ihm ein, daß der Vogel gesagt 
hat: „Du wirst dein Boot ohne meine Hülfe nicht vollenden." 
Rata macht sich also auf, sucht den Kampfplatz auf, wo er den 
Reiher schon geschwächt findet, und zerhaut die Seeschlange. 
Darauf bauen die Vögel ihm sein Boot etc.) (Vogelhülfe.) 

Rata richtete nun das von den Vögeln gebaute Boot mit 
Mast und Segel zur Fahrt her, rief seine Freunde zusammen und 
sorgte für Nahrung und Wasser zur beabsichtigten Seefahrt. 
Als nun alles vorgerichtet war, ging er an Bord und man wollte 
just abfahren, als Nganaoa um die Erlaubnis bat, das Wunder- 
schiff mit besteigen zu dürfen. Doch Rata lehnte es ab. Als 
nun der listige Nganaoa das Boot ohne ihn abfahren sah, suchte 
er eine leere Kalabasse, kauerte sich zusammen, drückte sich in 
das Gefäß, so gut er konnte, und ließ sich auf den Wellen des 
Ozeans bis nahe vor das Boot treiben. Die Leute in Ratas Boot 
waren erstaunt, eine offenbar leere Kalabasse vor ihrem Boote 
schwimmen zu sehen. Rata veranlaßte einen seiner Männer, sich 
über Bord zu neigen und die Kalabasse heraufzuholen, da sie 
vielleicht von Nutzen sein könne. Wie gesagt, sollte es geschehen, 
doch der Mann war sehr erstaunt, als er das Gefäß so schwer 
fand und als er bemerkte, daß dasselbe einen so klein wie möglich 
zusammengepreßten Mann enthielt (Baumfrucht). 

Nunmehr erschallte eine Stimme aus der Kalabasse: „0, Rata, 



64 Zweites Buch. 

nimm mich an Bord deines Bootes." „Wohin willst du? u fragte 
der Häuptling. Der arme Bursche in der Kalabasse sagte: „Ich 
gehe auf Veranlassung eines Orakels zu dem Mondlichtlande, um 
meine Eltern Tairitokerau und Vaiaroa zu suchen." Rata fragte 
nunmehr: „Was willst du dafür tun, wenn ich dich mit herein- 
nehme?" Nganaoa antwortete: „Ich will für dein Mattensegel 
sorgen." „Ich brauche deine Hülfe nicht," sagte Rata, „ich habe 
Menschen genug, die für das große Segel sorgen können." 

Nach einer Weile begann Nganaoa wieder zu bitten. Der 
Häuptling fragte ihn wieder, wohin er denn wolle. Nganaoa gab 
dieselbe Antwort und erbot sich nunmehr, das Wasser aus dem 
Rumpfe des Schiffes zu schöpfen. Auch hierfür, erklärte Rata, 
seien Mannskräfte genug vorhanden. — Als das dritte Mal sich 
dies wiederholte, erbot sich Nganaoa, das Boot zu rudern, wenn 
der Wind versagen solle. Doch Rata nahm auch diesen Dienst 
nicht an. — Bei der vierten Bitte aber war Nganaoa erfolgreich 
denn er erbot sich nunmehr, alle Meeresungeheuer, welche etwa 
die Fahrt aufhalten könnten, zu vernichten. Rata überlegte sich,, 
daß er es vergessen hatte, gegen solche Möglichkeiten sich zu 
schützen, und er nahm den geschickten Nganaoa auf, der sich 
aus seiner Kalabasse erhob und in voller Bewaffnung seinen Platz 
an der Spitze des Bootes einnahm, um nach den Ungeheuern 
auszuschauen. 

Unter günstigem Winde segelte das Boot behaglich über den 
Ozean hin, als Nganaoa eines Tages ausrief: „0 Rata, hier ist 
ein fürchterlicher Feind, der aus dem Ozean emporsteigt!" Es. 
war eine offene Muschel von riesigen Dimensionen. Die eine 
Schale war vor, die andere hinter dem Boote, und das Schiff lag 
direkt dazwischen. Im nächsten Augenblicke konnte die fürchter- 
liche Muschel zusammenklappen und das Boot und sie alle in 
ihrem Maule zermalmen. Aber Nganaoa war auf diese Möglich- 
keit vorbereitet. Er ergriff seinen langen Speer und stieß ihn 
schnell in den Leib des Tieres, sodaß das zweischalige Geschöpf^ 
statt zuzuschnappen, sofort auf den Grund des Meeres hinab- 
sank. 

Nachdem sie dieser Gefahr entronnen waren, setzten sie 
ihren Weg fort. Doch nach einiger Zeit war die Stimme des 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 65 

immer wachenden Nganaoa abermals zu hören: „0 Rata, es taucht 
wieder ein fürchterlicher Feind aus den Tiefen des Ozeans empor." 
Diesmal war es ein mächtiger Oktopus, dessen riesige Tentakeln 
das Boot schon umschlangen, um es zu zerstören. In diesem 
kritischen Augenblicke ergriff Nganaoa seinen Speer und stieß ihn 
durch das Haupt des Oktopus. Schlaff sanken die Tentakeln 
herab, und das tote Ungeheuer trieb auf der Oberfläche des Ozeans 
von dannen. 

Abermals setzten sie ihre Reise fort, aber eine noch größere 
Gefahr harrte ihrer. Eines Tages rief der tapfere Nganaoa aus: 
„0 Rata, hier ist ein großer Walfisch!" Das ungeheure Maul 
desselben war weit offen, der Unterkiefer war schon unter dem 
Boote und der andere über demselben. Ein Augenblick und der 
Walfisch hatte sie verschlungen. Nunmehr brach Nganaoa „der 
Drachentöter" (the slayer of monstres) seinen Speer in zwei Stücke, 
und in dem Augenblicke, als der Walfisch sie zermalmen wollte, 
richtete er die beiden Stäbe in dem Rachen des Feindes auf, 
sodaß er seine Kiefer nicht zu schließen vermochte. Nganaoa 
sprang schnell in das Maul des großen Walfisches (Heidenver- 
schlingen) und blickte in dessen Bauch hinein und was sah er? 
Da saßen seine beiden Eltern, sein Vater Tairitokerau und seine 
Mutter Vaiaroa, welche beim Fischen von diesem Ungeheuer 
der Tiefe verschlungen worden waren (Allverschlingen). Das Orakel 
hatte sich erfüllt; die Reise hatte ihr Ziel erreicht. 

Groß war die Freude der Eltern Nganaoas, als sie ihren 
Sohn erblickten. Waren sie doch jetzt davon überzeugt, daß ihre 
Befreiung bevorstände. Und Nganaoa beschloß auch die Rache. 
Er nahm einen von den beiden Stöcken aus dem Maule des Tieres 
— ein einzelner genügte, um dem Walfisch das Schließen des 
Rachens unmöglich zu machen und somit Nganaoa und seinen 
Eltern den Weg frei zu halten. Diesen einen Teil des Speeres 
zerbrach er also in zwei Teile, um sie als Feuerreibhölzer zu ver- 
wenden. Er bat seinen Vater, das eine unten festzuhalten, während 
er selbst das obere Teil handhabte, bis das Feuer zu glimmen 
begann (Feuer entzünden). Indem er es nun zur Flamme anblies, 
beeilte er sich, die fettigen Teile in dem Bauche mit dem Feuer 
zu erhitzen (Herz). Das Ungeheuer, im Schmerze sich windend, 

Frobenius, Sonnengott. I. 5 



66 Zweites Bach. 

suchte Hülfe, indem es an das nahe Land schwamm (Heerfahrt). 
Sobald es die Sandbank erreichte (Landen), traten Vater, Mutter 
und Sohn durch das offene Maul des sterbenden Walfisches auf 
das Land (Heldenausschlüpfen; All ausschlüpfen). 

Das Eiland erwies sich als Iti-te-marama, das Land des 
Mondscheines. Das Boot von Rata war hier auch am Ufer an- 
getrieben, und hier lebten sie alle zusammen eine Zeitlang. Sie 
verzehrten Fruchte und Fische und schmückten sich mit Blumen. 
Endlich sehnten sie sich nach dem Lande ihrer Geburt in Awaiki 
und beschlossen, dahin zurückzukehren. Das Boot wurde herge- 
richtet, Nahrung und Wasser eingeladen, Segel gesetzt und eines 
Tages brach der tapfere Schiffer Rata mit seiner ganzen Partei 
und mit den geretteten Eltern des Nganaoa auf. Nach vielen 
Tagen erreichten sie endlich, ohne einer weiteren Gefahr begeg- 
net zu sein, ihr ursprüngliches Heimatland, das Land des Sonnen- 
unterganges. 

E. Tuamotu. — Ein Kanake dieses Archipels wurde von 
einem Walfisch verschlungen (Heldenverschlingen) und sagte, daß 
er im Bauche des Ungeheuers brate (Hitze). „De ventre inferi 
clamavi." Nach mehreren Tagen riß er dem Ungeheuer den Bauch 
auf (Offnen). Das Tier warf sich in seinem Schmerz auf ein Riff 
(Landen) und gab seine Beute lebend von sich (Heldenaus- 
schlüpfen). 

F. Die Mauimythe. Neuseeland. — (Die verschiedenen Formen 
der Mauimythen, wie sie uns nun schon von so vielen ausge- 
zeichneten Beobachtern wiedergegeben sind, stimmen in zwei 
Punkten mit den wichtigsten Elementen der uns hier beschäfti- 
genden Mythe überein, nämlich einmal in der Mythe von Mauis 
Geburt und zum andern in der von Mauis Tod, welche beide wir 
hier kurz wiedergeben wollen.) 

Von seiner Geburt erzählt der jüngste Maui seiner Mutter: 
„Ich weiß, ich war vorzeitig an der Meeresküste geboren und 
wurde, nachdem du mich in eine Locke deines Haares, welche 
du dir zu diesem Zwecke abgeschnitten hattest, (ein Rest des 
Haarmotivs) in den Meerschaum geworfen. Da umschlang mich 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 67 

das Seegras mit seinen langen Flechten, formte und bildete mich. 
Die weichen Schleimfische wickelten sich um mich, um mich zu 
beschützen (ein Rest des Verschlingungsmotivs). Myriaden von 
Fliegen summten um mich herum und legten ihre Eier auf mich, 
damit die Maden mich essen möchten; Schwärme von Vögeln 
sammelten sich um mich, um an mir zu picken (Vogelhülfe). 
Aber in diesem Augenblicke erschien mein großer Ahnherr, der 
Himmel, Tama-nui-ki-te-Rangi, und er sah die Fliegen und die 
Vögel. Der alte Mann eilte, so schnell er konnte, herbei, löste die 
umwickelten Schleimfische ab und fand da ein menschliches 
Wesen (ein Rest des Ausschlüpfungsmotivs). 

Dann nahm er mich auf und hing mich in das Dach, damit 
ich den warmen Rauch und die Hitze des Feuers fühlen möchte, 
(Rest des Feuermotivs) und so wurde ich durch die Freundlich- 
keit des alten Mannes gerettet. 

Mauis Tod wird uns folgendermaßen geschildert. Maui be- 
schließt, seine Ahnfrau Hine-nui-te-po zu töten. Sie soll da, wo 
sich Himmel und Erde begegnen, aufblitzen und gähnen. Da er 
Tama-nui-te-Ra überwunden hat, glaubt er auch Hine-nui-te-po 
besiegen zu können und bespricht dies mit seinem Vater. Er sieht 
sich nach Genossen des Unternehmens um. Die kleinen Vögel 
schlössen sich ihm an und brachen mit Maui am Abend auf 
(Vogelhülfe). Sie kamen bei der Wohnung Hine-nui-te-pos an und 
fanden sie schlafend. Da wandte sich denn Maui an die Vögel 
und sagte: „Meine kleinen Freunde, wenn ich jetzt in den Rachen 
der alten Frau krieche, dürft ihr nicht lachen. Ich bitte euch, 
lacht ja nicht, ja nicht. Aber wenn ich darin gewesen bin und 
wieder herauskomme aus ihrem Munde, dann mögt ihr mich, wenn 
es euch behagt, mit jubelndem Lachen begrüßen." Und seine 
kleinen Freunde, die durch das, was sie sahen, sehr erschreckt 
waren, sagten: „0 du wirst sicher getötet werden." Er antwortete 
dagegen: „Wenn ihr in Lachen ausbrecht, werdet ihr sie auf- 
wecken, und sie wird mich dann sicher töten ; wenn ihr aber nicht 
lacht, bis ich ganz darin bin und wieder dabei bin, aus ihrem 
Munde herauszusteigen, dann werde ich leben und Hine-nui-te-po 
wird sterben." Und die kleinen Freunde antworteten: „So gehe 
denn, du Tapferer, aber sei recht vorsichtig." — Der junge Held 



68 Zweites Buch. 

bricht auf, er flicht die Stränge seiner Waffe fest um das Hand- 
gelenk; er streift die Kleider vom Körper, und die Haut seiner 
Hüften ist schön bunt von den Tätowierungszeichen, welche mit 
dem Meißel Uetongas eingeschnitten sind; er tritt in den Mund 
der Hine-nui-te-po ein (Verschlingen). Aber ein kleiner Vogel kann 
sich nicht des Lachens enthalten. Da erwacht die alte Frau, öffnet 
ihre Augen, fährt auf und tötet Maui. 

(Diese beiden Teile der Mauimythe sind nicht anders denn 
als Reste älterer, vollerer Bildungen zu erklären. Den Zusammen- 
hang mit den andern Walfischsagen glaube ich deutlich zu er- 
kennen. Aber ihr Wert ist im vorliegenden Falle kein formaler, 
sondern er ist in sofern bedeutungsvoll, als der Sinn der alten 
Mythe in ihnen erhalten ist, wenn auch die Form verkümmerte.) 

Die Drachenmythen Mela-Polynesiens. 

G. Die Betaweraischlange. Aurora. — In folgender Weise 
fing die Sache an: Eine Frau und ihr Kind klopften Pandanus- 
blätter, um sie später zu Matten zu verweben, und der Knabe sah 
eine junge Schlange auf einem Blattstengel. Er bat seine Mutter, 
sie ihm zu lassen, da er sie gebrauche; seine Mutter verbot es, 
sie zu nehmen. Er sagte jedoch, daß er sie sehr wünsche, und 
so ergriff er die kleine rote Schlange und steckte sie in einen 
hohlen Baumstamm, und der Name dieses Baumes ist Uqueva; 
er nahm sie in den hohlen Baumstamm und gab ihr als Nah- 
rung gewöhnlich Ratten oder Vögel oder schwarze Eidechsen oder 
Schweinefleisch, und diese Schlange wurde so außerordentlich 
groß (Schlangengroßzieheri). 

Und eines Tages, als er ein Schwein tötete, wollte er der 
Schlange etwas davon geben; aber die Schlange schnappte das 
ganze Schwein fort und aß ihn ebenfalls und kroch aus dem 
hohlen Baum und kam in das Dorf und aß alle Menschen dieser 
Ortschaft auf (Allverzehren). 

Nur eine schwangere Frau überlebte; und die grub eine 
Höhle und nahm einen dünnen Stein und bedeckte dieselbe da- 
mit: und darin hielt sie sich auf (Höhle). Und sie gebar Kinder, 
Zwillinge (Zwillinge), und die drei lebten in der Erdgrube. Und 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 69 

die Schlange aß alle Menschen auf und dann ging sie hin und 
nahm ihre Wohnung in einem Banyanenbaum und brachte außer- 
ordentlich viele Junge hervor, und zwei davon waren die Häupt- 
linge unter denselben. Der Name der einen dieser beiden war 
Betawerai, und dieser war nicht imstande wegzugehen, sondern 
blieb immer auf einem Zweige dieses .Banyanenbaumes. Wir 
nennen aber den Zweig eines großen Baumes, der einer Banyane 
ähnlich sieht, Tawerai. Der andere von den beiden ging aber 
immer sehr weit fort, suchte eifrig Menschen und Schweine zu 
essen und sein Name war Walolo. 

Aber eines Tages baten die beiden Kinder der Frau, die in 
der Grube wohnte, ihre Mutter, ihnen Bogen und Pfeile zu machen, 
und danach sagten sie, sie wollten in das Dorf gehen, die Schlange 
suchen und sie töten. Aus einiger Entfernung sahen sie dann 
den Banyanenbaum, auf dem Betawerai und Walolo lebten; 
sie sahen an den Zweigen und an den kleinen Ästlein und 
an den Blättern dieses Banyanenbaumes nichts als Schlangen. 
Aber Walolo war nicht auf dem Baume, da er über das Meer ge- 
gangen war und nach Menschen suchte, um sie zu verschlingen. 
Und die beiden Knaben kamen zu dem Banyanenbaum und be- 
gannen mit Stöcken hinaufzuwerfen; da fielen die Schlangen in 
großer Zahl herunter. Und Betewerai begann einen Sang zu 
singen, damit Walolo schnell zurückkomme und die Knaben töte 
und esse: „Kehre um und komm zu Betawerai; der Nordwest- 
wind bläst gegen mein Gesicht. Walolo, Walolo komm hierher. 
Walolo, Walolo, komm hierher!" Und man sagt, daß Walolo 
Betawerais Gesang hörte und gleich dachte, daß sich etwas er- 
eignet haben müßte. Und er kam nahe zu den beiden (Knaben); 
und einer von den beiden schoß ihn, und dann schoß der andere, 
und beide trafen ihn; er dagegen suchte sich auf sie zu stürzen, 
und der eine von den beiden schoß und der andere, und wiederum 
trafen ihn beide, und so fuhren sie fort, auf ihn zu schießen, bis 
er tot war. Und dann wendeten sie sich gegen Betawerai und 
warfen den zu Boden und töteten ihn auch. Und als sie auf 
diese Weise die Schlangen getötet hatten, häuften sie sie auf den 
Ästen des Banyanenbaumes auf, brachten viel Holz herbei und 
verbrannten sie; einen großen Haufen von Schlangen verbrannten 



70 Zweites Buch. 

sie so als ein Zeichen, daß die verschlingende Schlange zerstört 
war. Und die drei, die Knaben und ihre Mutter, kehrten zu dem 
Dorfe zurück und wohnten daselbst. 

H. Die Wakoeischlange. Westneuguinea. — (Es ist von außer- 
ordentlichem Interesse, feststellen zu können, daß dieselbe Mythe, 
die offenbar aus der solaren Kulturperiode stammt, sich von zwei 
Seiten her, nämlich von Osten (Polynesien) und Westen (Indo- 
nesien) aus diesem zentralmelanesischen Gebiet, also der Region 
der älteren manistischen Gartenbauernkultur, genähert hat). 

Vor langer Zeit kam einst eine ausnehmend große Schlange, 
die früher ein Mensch gewesen war, namens Wakoei oder Wosei, 
nach Jauer. In Jauer tat sie sich an Menschenfleisch gütlich 
(Aüverschlingen), und als alle geflüchtet waren, begab sie sich an 
den Fluß Woisiemie. Nachdem sie die dort wohnenden Fandiaer 
und die an der Flußmündung heimischen Waropener ebenfalls in 
die Flucht gejagt hatte, folgte sie der Küste zu den Wandammern 
und bis Roon. Von den Dornen der Palmen blieben etliche am 
Körper hängen, die dann im Boden feststeckten. Daraus ent- 
standen die Sagobäume. (Wir sehen hier also genau wie im 
Osten Melanesiens eine Beziehung zwischen der allverzehrenden 
Schlange und einer Baumart.) Von den in ihren Böten über 
die Wasserstraße entfliehenden Bewohnern ihres Bezirkes wurde 
bei dem Flüchten der Kanoes eine schwangere Frau zurückge- 
lassen, die auf ihr Geschrei durch eine Krabbe in deren Wohnung 
aufgenommen wurde (Höhle), wo sie zwei Kinder zur Welt brachte : 
Simiri und Mandu. Als diese erwachsen waren, zogen sie aus, 
die Schlange zu töten, und als dieselbe auf ihr Rufen: „Aja 
Wakoei, Aja Wosei" herauskam, weil sie ihr Sagowein zum Ger 
tränk anboten (vergl. die entsprechende Drachensage bei den Ja- 
panern), warfen sie in den geöffneten Rachen in Feuer erhitzte 
Steine, die von der Schlange heruntergeschlungen, dieselbe töteten 
(Glutstein). 

(Die Analogien zur ostmelanesischen Sage sind einleuchtend. 
Wenn hier nur von einer Schlange die Rede ist, so fällt es doch 
auf, daß dieselbe zwei Namen hat. Der Unterschied beruht darin, 
daß hier die Knaben ihren Gesang rufen, während dies in der 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 71 

vorhergehenden Mythe der einen der beiden zurückbleibenden 
Schlangen zufällt.) 

I. Die Krokodilsmythe. Samoa. — Dies ist die Geschichte 
von Safea und Falangaua. Ihnen wurden Knaben geboren, welche 
die Namen Zehn, Neun, Acht, Sieben, Sechs, Fünf, Vier, Drei, 
Zwei, Eins trugen. Dazu wurde noch ein Mädchen geboren, 
welche Sina genannt wurde. 

Einmal gingen sie alle in die nächste Dorfschaft, um Speer- 
werfen zu spielen. Sie warfen ihre Stöckchen landeinwärts und 
Sinas Stöckchen flog am weitesten. Dann schleuderten sie sie nach 
dem Ufer, und wieder flog Sinas Stöckchen weit über die andern 
hinaus und fiel dann in die Höhle eines Krokodils (Ballverlust). 
Sina lief hinterdrein und bat: „Gieb mir meinen Stock wieder!" 
Und das Krokodil sagte: „Komm nur her!" Als dann Sina in die 
Höhle (Höhle) stieg, schlössen sich die Felsen über ihr und sie 
war gefangen {Frauenraub). 

Dann kam Zehn und sagte: „Sina, was ists? ich gehe nach 
Hause." Und Sina antwortete: „Ach Zehn, ach lieber Zehn, 
wenn du zu unsern Eltern Safea und Falangaua kommst, sage 
ihnen, daß ich in der Höhle des Krokodils gefangen bin!" Und 
Zehn ging fort. Als aber Safea und Falangaua ihn fragten: 
„Zehn, wo ist Sina?", da antwortete er: „Sie kommt gleich in 
dem Kanoe von Neun!" 

Und dann kam Neun. Und die Sache ereignete sich genau 
wie vorher; dieser Bruder gab an, sie käme in dem Boote von 
Acht, und so ging es weiter bis Eins kam, und Sina sagte aber- 
mals: „Ach Eins, lieber Eins, wenn du zu unsern Eltern Safea 
und Falaugaua kommst, so sage ihnen, daß ich von dem Krokodil 
gefangen bin!" 

Da machte sich aber Eins auf, erklomm einen Falabaum 
und ahmte das Geschrei des fliegenden Fuchses nach. Er brach 
einen Klumpen Falafrüchte ab (Baumfrucht), so daß derselbe vor 
eine Mündung der Höhle fiel. Und Sina sagte zum Krokodil: 
„Mach doch auf, es ist schrecklich heiß hier drinnen." Als es 
geschehen war, sah Sina, daß die Falafrüchte draußen herumge- 
streut lagen und sagte: „Da liegen Falafrüchte, sie sind wunder- 



72 Zweites Buch. 

schön, bitte, laß mich sie aufsammeln, um eine Halskette daraus 
zu machen." — Darauf sagte das Krokodil: „Um, um, wozu soll 
das? da möchtest du mir entwischen!" — Sina aber sagte: 
„Wenn du glaubst, daß ich fortlaufen will, so hole doch ein Tau 
und binde es mir am Bein fest." Da band das Krokodil Sinas 
Bein fest und sie machte sich daran, die Falafrüchte aufzusammeln. 
Als sie aber gegangen war, schrie das Krokodil: „Sina oh ja, 
Sina, oh ja oh, oh, du willst mir jetzt fortlaufen." Sina aber 
sagte: „So warte doch, bis ich alle die wunderschönen Falafrüchte 
aufgesammelt habe!" 

Da faßt Eins schnell zu, löste das Tau von Sinas Bein, band 
es am Falabaum fest und lief mit Sina davon. 

Das Krokodil schrie aber: „Sina!" und da fingen alle die 
Falablätter an zu reden: „Oho, oho, oho, oho!" „Ja, ja, ich 
werde jetzt an deinem Bein reißen, was sind da all für Leute 
draußen?" 

Da riß er mit aller Gewalt am Tau, so daß der Falabaum 
in die Höhle des Krokodils stürzte und das Krokodil totschlug. 
Sina und ihr Bruder Eins waren aber zu ihren Eltern gegangen, 
und da sprachen Safea und Falangaua also zu den andern 
Brüdern: 

„Ja, es ist gut, ihr habt gezeigt, daß ihr alle Sina nicht lieb 
habt; weshalb sollen wir da beim Zählen mit Zehn anfangen? 
Von jetzt ab beginnen wir das Zählen mit Nummer Eins!" 
(Jüngste.) 

K. Die Tunamythe. Neuseeland. — (Dieses Stück der Maui- 
mythologie ist jedenfalls das am meisten „verkommene". White 
hat uns eine größere Zahl von Varianten zugänglich gemacht. 
Gerade diese größere Zahl ermöglicht uns ein Urteil über die 
Erhaltung der Mythe, und da läßt sich eben nur sagen, daß kaum 
eine andere so fragmentarisch im Volksbewußtsein weiter lebt. 
Es sei mir die Bemerkung gestattet, daß es geradezu auffallend 
ist, wie bei den Bewohnern Neuseelands alle mit dem Wasser 
zusammenhängende Mythen degeneriert sind. Vielleicht stellt 
sich einmal eine Zeit ein, in der man derartig feine Züge der 
Mythologie auf ihre Gesetzmäßigkeit hin prüft, und dann wird 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 73 

man möglicherweise den Lehrsatz aufstellen, daß die Maori Neu- 
seelands zur Zeit ihrer Entdeckung im Begriffe waren, ihr mytho- 
logisches Augenmerk vom Meere auf das Festland zu übertragen. — 
Ich will wenigstens einige der wichtigsten Züge der Tunamythe 
wiedergeben.) 

Mauis Weib wurde eines Tages am Ufer von Tuna, dem 
Sohne der „langen Meeresbucht", vergewaltigt (Frauenraub). 
Einige Mythen behaupten, daß Tuna der Vater Hines, des 
Weibes Mauis gewesen sei, andere, daß Tuna zwei Kinder 
Mauis verschlungen habe (Allverschlingen). In der Vergewal- 
tigung Hines sind sich fast alle Berichte einig. Tuna soll 
früher in der oberen Welt gelebt haben, jetzt aber hielt er sich 
in einem Wasserloche (Höhle) auf. Maui bereitet, nachdem seine 
Frau ihm berichtet hat, seine Waffen vor. Tuna wird besiegt 
und von Maui zerhackt. Allerhand Ungeheuer entstehen aus den 
zerteilten Gliedern und aus dem Leibe Tunas (Drachenvermehren). 
Es entstehen aber auch die Seeaale, die Fischwasseraale, Fische, 
und es wurden auch mit dem Blute Tunas die Bäume rot gefärbt. 

(Mit dem letzten Satze werden wir daran erinnert, daß 
Bäume in allen diesen Mythen der Drachenform eine große Rolle 
spielen, wie aber erst später im Kapitel über die Menschenfresser 
erörtet werden soll.) 



Die Walfischdrachenmythen Neuhollands. 

L. Mondsage aus Neusüdwales. — Der Mond wanderte an- 
fangs auf der Erde. Eines Tages besuchte er den Adler und ver- 
schlang ihn ( Verschlingen). Der Mond traf darauf dann auf der 
Wanderung die Frauen des Adlers, die ihn 'auf seinen Wunsch 
an frisches Wasser führten. Während er trank, erschlugen ihn 
die Frauen, öffneten seinen Leib (Öffnen) und brachten den Adler 
wieder zum Leben (Ausschlüpfen). 

M. Byameemythe. Narran. — Der alte Byamee (soviel wie 
„großer Mann"; jedenfalls der Held dieses Stammes) sagte zu 
seinen beiden jungen Weibern Birrahgnooloo und Cunnunbeillee: 
„Ich habe zwischen die hinteren Beine einer Biene eine weiße 



r~ 



74 Zweites Buch. 

Feder gesteckt und will sie jetzt fliegen lassen, ihr zu ihrem Baue 
folgen und so Honig aufsuchen. Während ich dem Honig nach- 
gehe, mögt ihr beide Frösche und Yamswurzeln suchen, und dann 
treffen wir uns bei der Coorigel-Quelle, wo wir kampieren werden, 
denn dort ist das Wasser süß und klar." — Die Frauen ergriffen 
ihre Goolays und Grabstöcke und machten sich auf, um zu tun T 
wie er ihnen gesagt hatte. 

Nachdem sie weit gegangen waren und auch viele Wurzeln 
und Frösche eingesammelt hatten, waren sie, als sie die Coorigel- 
Quelle erreicht hatten, müde, und wie sie nun das kühle frische 
Wasser sahen, gelüstete es sie, zu baden. Sie errichten aber erst 
eine Zweighütte und ließen die Goolays, die die gesammelten 
Wurzeln und Frösche enthielten, in derselben zurück. So war denn 
alles für die Ankunft Byamees hergerichtet. Dieser Byamee hatte 
seine Frauen nicht nur mit dem Nulla-nulla (also im Kampfe) 
erobert, sondern hielt sie mit dieser Waffe auch in Furcht und Ge- 
horsam. Nachdem die beiden Frauen also ihre Pflicht erfüllt 
hatten, gingen sie zur Quelle, um zu baden. Sie ließen ihre Klei- 
dung, die noch die junger Mädchen war, am Ufer liegen und 
stiegen ins Wasser. 

Alsbald aber wurden sie von zwei Kurreahs (Alligatoren) 
verschlungen (Verschlingen. Frauenraub). Nachdem sie die 
Mädchen verschluckt hatten, krochen die Kurreahs in eine Höhle 
(Höhle) zur Seite der Quelle, welche den Eingang zu einem unter- 
irdischen Wasserlaufe, der zum Narranflusse führte, bildete. In- 
dem sie durch diesen Gang krochen, nahmen sie alles Wasser 
der Quelle mit sich in den Narran, dessen Lauf sie im Entlang- 
laufen ebenfalls trockenlegten. 

Inzwischen war der ahnungslose Byamee auf der Honigsuche. 
Er war der Biene mit der weißen Feder eine Zeitlang gefolgt; 
dann flog das Tierchen aber auf eine Blume und bewegte sich 
nicht weiter. Byamee sagte : „Es hat sich irgend etwas ereignet, 
sonst würde die Biene nicht sitzen bleiben und sich weigern, zu 
ihrem Baue zu fliegen. Ich muß zur Coorigel-Quelle gehen und 
sehen, ob meine Frauen auch heil und gesund sind. Es hat sich 
vielleicht etwas Schreckliches ereignet." Und Byamee begab sich 
eiligst zur Quelle. Als er anlangte, sah er die Zweighütte, die 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 75 

die Weiber errichtet hatten, er sah die Frösche, aber Birrahgnooloo 
und Cunnunbeilee sah er nicht. Er rief laut ihre Namen, aber 
er erhielt keine Antwort. Darauf ging er zur Quelle. Am Rande 
derselben sah er die Kleider liegen. Er blickte in die Quelle: 
sie war trocken. Da sagte er: „Das ist das Werk der Kurreahs; 
sie haben den unterirdischen Durchgang geöffnet und sind mit 
meinem Weibern zum Flusse gegangen. Als sie aber die Passage 
öffneten, ist die Quelle ausgetrocknet. Nun weiß ich aber sehr 
wohl, wo der Gang in den Narran mündet und da will ich schnell 
hinlaufen. Er bewaffnete sich also eiligst und nahm die Verfol- 
gung auf. 

Er erreichte die tiefe Höhlung, da wo der Coorigelkanal in 
den Narran mündete, sehr bald. Hier sah er aber etwas, was 
er noch nie zuvor gesehen hatte, daß nämlich die tiefe Höhle 
trocken war. Da sagte er sich: „Sie haben die Höhlen geleert, 
als sie entlang gingen und haben das Wasser mit sich genommen. 
Ich kenne aber die tiefen Höhlen dieses Flusses sehr gut" etc. 
So lief er denn eilig von Höhle zu Höhle; jede Höhle, zu der er 
kam, fand er jedoch trocken, bis er endlich an das Ende des 
Narran kam; hier war die Höhle noch ganz feucht und kotig, 
woraus er ersah, daß er seinen Feinden nahe sein müsse. Und 
bald sah er sie auch. Er suchte, ohne daß er gesehen wurde, 
ein wenig vor die Kurreahs zu kommen. Alsdann versteckte er 
sich hinter einem starken Baum. 

Als die Kurreahs ganz nahe bei ihm waren, trennten sie sich, 
um jedes in einer andern Richtung fort zu gehen. Byamee 
schleuderte aber flugs nach jedem von den beiden einen Speer. 
Er verwundete auch beide Kurreahs. Sie krümmten sich vor 
Schmerz und schlugen mit ihren Schwänzen rasend um sich, wo- 
bei sie im Boden großen Höhlen aufwühlten (Landbilden), die sich 
sogleich mit dem Wasser, das die Tiere mit sich führten, füllten. 
Byamee, der fürchtete, die Kurreahs möchten ihm entfliehen, trieb 
sie mit seinen Speeren vom Wasser fort und tötete sie endlich 
mit seinem Woggarahs. Und gleich darauf füllte der Narran in 
der Flutzeit die Höhlen, die die Kurreahs in ihren Schwanzkrüm- 
mungen geschlagen hatten, mit Wasser. 

Sobald Byamee sah, daß die Kurreahs völlig tot waren, 



76 Zweites Buch. 

schlitzte er ihren Leib auf {Offnen) und nahm seine Frauen her- 
aus (Ausschlüpfen), Sie waren mit feuchtem Schleim bedeckt 
und schienen völlig leblos; nichtsdestoweniger trug er sie fort 
und legte sie auf zwei Nester der roten Ameisen. Dann setzte 
er sich in einiger Entfernung hin und beobachtete sie. Die 
Ameisen bedeckten sogleich die beiden Körper, reinigten sie von 
dem weißen Schlamm und alsbald konnte Byamee erkennen, daß 
die Muskeln der jungen Frauen zuckten. „Aha," — sagte sich 
da Byamee, „es ist doch Leben in ihnen, denn sie fühlen das 
Kneifen der Ameisen." Während er noch sprach, ertönte ein 
Donnerschlag. Der Ton schien aber aus den Ohren der jungen 
Frauen zu kommen. Und als das Echo verklang, erhoben die 
Weiber sich auf ihre Füße. Einen Augenblick standen sie wie 
geblendet da, dann fuhren sie wie von einem tötlichen Schrecken 
getroffen zusammen. Byamee trat aber sogleich zu ihnen und er- 
zählte ihnen, wie er sie aus den Leibern der Kurreahs befreit 
habe. Er bat sie, niemals in den tiefen Höhlen des Narran zu 
baden, damit solche nicht der Aufenthaltsort von Kurreahs 
werden möchten. Dann bat er sie, auf das Wasser, das nunmehr 
bei Boogari war, zu blicken und sagte: „Bald werden die 
Schwäne, die Pelikane und die Enten ihren Weg hierher finden. 
Wo früher trockenes Land und Steine waren, werden in Zukunft 
Wasser und Wasservögel sein. Wenn der Narran zu fließen be- 
ginnt, wird Wasser in die Höhlen fließen und es wird ein großer 
See entstehen." Und was Byamee sagte, das geschah, wie dies 
der Narransee mit seiner großen Wasserfläche und seiner meilen- 
weiten Ausdehnung zeigt, der eine Heimat tausender von wilden 
Vögeln ist. 

(Die Mythe soll die Entstehung des Narransees erklären.) 

N. Mythe des Oysterbaistammes auf Vandiemensland. — Mein 
Vater, mein Großvater, alle insgesamt lebten vor langer Zeit 
über das Land ausgebreitet; sie hatten kein Feuer. Zwei Schwarze 
kamen; sie schliefen am Fuße eines Hügels, eines Hügels in 
meiner eigenen Heimat. Auf dem Gipfel eines Hügels wurden 
sie von meinen Vätern, meinen Landsleuten gesehen, auf der 
Spitze des Hügels sah man sie stehen: sie warfen Feuer wie ein 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 77 

Stern, — es fiel unter die Schwarzen, meine Landsleute. Sie 
waren erschrocken, — sie flohen hinweg, alle insgesamt; nach 
einer Weile kehrten sie zurück, sie eilten und machten ein 
Feuer, — ein Feuer mit Holz; Feuer ging in unserm Lande nicht 
mehr verloren. Die beiden Schwarzen sind in den Wolken, in der 
klaren Nacht seht ihr sie wie zwei Sterne. Diese sind es, die 
meinen Vätern Feuer brachten (Feuerzünderi). 

Die beiden Schwarzen blieben eine Zeitlang im Lande meiner 
Väter. Zwei Frauen badeten; es war bei einem felsigen Ufer, 
wo es Muscheln in Menge gab. Die Frauen waren mürrisch, sie 
waren traurig; ihre Männer waren treulos, sie waren mit zwei 
Mädchen fortgegangen. Die Frauen waren einsam, sie schwammen 
im Wasser, sie tauchten nach Kräften. Ein Stachelroche lag in 
der Höhlung eines Felsens (Höhle) versteckt, ein großer Stachel- 
roche! Der Stachelroche war groß, er hatte einen sehr langen 
Speer. Aus seinem Loche erspähte er die Frauen, er sah sie 
tauchen; er durchbohrte sie mit seinem Spieß, er tötete sie, er 
brachte sie weg (Frauenraub). Eine Zeitlang waren sie nicht 
mehr zu sehen. Der Stachelroche kehrte zurück, er kam dicht 
an das Ufer, er lag im stillen Wasser, nahe beim sandigen Ge- 
stade; bei ihm waren die Frauen, sie waren fest auf seinem 
Spieß, — sie waren tot. 

Die beiden Schwarzen kämpften mit dem Stachelrochen. Sie 
erschlugen ihn mit ihren Speeren, sie töteten ihn; — die Frauen 
waren tot! Die beiden Schwarzen machten ein Feuer, ein Holz- 
feuer. Auf jede Seite legten sie eine Frau, — das Feuer war 
dazwischen: Die Frauen waren tot! Die Schwarzen suchten einige 
Ameisen, einige große, blaue Ameisen; sie legten sie auf die 
Busen der Frauen. Derb, heftig wurden sie gebissen. Die Frauen 
lebten wieder auf — sie lebten noch einmal. 

Bald kamen Nebel, ein Nebel dunkel wie Nacht. Die beiden 
Schwarzen gingen hinweg, die Frauen verschwanden: sie gingen 
durch den Nebel, den dicken, dunklen Nebel! Ihre Stelle ist in 
den Wolken. Zwei Sterne seht ihr in der klaren, kalten Nacht: 
die beiden Schwarzen sind dort, — die Frauen sind bei ihnen: 
sie sind Sterne droben. 



78 Zweites Buch. 

Einige verwandte Elemente aus Mikro-Indonesien. 

0. Eine Sonnenmythe. Palauinseln. — Das Haus der Sonne 
befindet sich im Westen unter der See, und auf der Stelle wuchs 
ein Dengesbaum, der an den Ufern des Landes dichte Wälder 
bildet. Wenn die Sonne abends zu dem Baume kam, so riß sie 
die schon auf dem Baume keimenden Früchte ab (Baumfrucht) 
und warf sie in die See; die Haifische, die den Eingang zu dem 
Sonnenlande bewachten, waren begierig hinter diesen Früchten 
und bemerkten nicht, wie die Sonne untertauchte, um zu ihrem 
Hause zu gelangen. 

P. Mythe von der Insel Nias. — Ein schrecklicher Krebs be- 
deckt nach Angaben der Niasser den Rachen einer Schlange, wo- 
durch Ebbe und Flut entstehen. Früher waren in der See keine 
Meerbusen. Über die Entstehung derselben wird folgendes er- 
zählt: Einst befand sich in der See eine fürchterliche Schlange, 
die jedes Schiff verschlang, das die See zu befahren wagte (All- 
verschlingen). Nun lebte unten am Seestrand bei Wodo ein ge- 
waltig starker Mann, Laowo-maroe genannt, seine Frau hieß Sihoi. 
Dieser Mann ging zu Schiff und wußte durch List die Schlange 
zu überreden, daß sie ihren Hals immer kleiner machte, und als 
er klein genug war, legte er ihn auf sein Schiff und hieb ihn 
mitten durch. Zufolge der Zuckungen und Krümmungen des mit 
dem Tode ringenden Ungetümes entstanden die Meerbusen der See, 
die nun nicht mehr zur Ruhe kommen wollen (Landbilden). 
Laowo-maroe wurde nun Seeräuber, so daß die See wieder eben- 
so unsicher wurde wie früher. Endlich wußte man mit Hülfe 
seiner Frau zu erfahren, worin seine Kraft bestand. Nachdem 
ihm sieben Haare ausgezogen waren, war er ein schwaches Wesen 
geworden und gelang es, ihn zu töten (Haare). 

Q. Märchen von der Insel Nias. — Der Fisch sagte zur 
Ratte: „Höre Ratte!" Die Ratte: „Was ist es?" Der Fisch: „Laß 
nns Freundschaft schließen." Die Ratte: „Was für Freundschaft?" 
Der Fisch: „Geh! Hole die Leber des Krokodils unten im Wasser 
und gib sie mir zu essen, dann gehe ich auch und hole dir ein 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ozeanien. 79 

Ei von dem Huhn des Menschen aus dem Hause und gebe es 
dir zu essen." Da stimmte die Ratte zu und ging weg, um einen 
Weg zu suchen, auf dem sie zu der Leber des Krokodils gelangen 
könne. 

Nun stand eine Kokospalme am Ufer des Flusses, die sich 
über das Wasser neigte und in dem Flusse waren sehr viele 
Krokodile; wenn eine Frucht in das Wasser fiel, dann schnappten 
sie dieselbe gleich weg und fraßen sie auf. Darum kletterte die 
Ratte in die Krone der Palme und durchlöcherte die äußere Schale 
einer Nuß mitsamt der inneren und richtete sich wohnlich darin 
ein. und als sie damit fertig war, durchnagte sie den Stiel, aber 
nicht ganz, etwas ließ sie, etwa so dicht wie ein Haar. Dann 
ging sie hinein, und als sich da ein Wind erhob, da riß das, was 
sie vom Stiel übrig gelassen hatte, und die Nuß fiel herunter 
(Baumfrucht), und ein Krokodil verschluckte sie ganz mit der Ratte 
darin (Verschlingen), und die Ratte biß nun die Leber des Kro- 
kodils ab (Hetrz) und trug sie in die Nuß hinein, und etwa zwei 
Tage darauf ging das Krokodil hin und spie die Nuß mitsamt 
der Ratte ans Ufer (Landen, Offnen oder Speien), und als das 
Krokodil sie ausspie, lief die Ratte weg und nahm die Leber des 
Krokodils mit. Sie ging zum Fisch und sagte: „Hier ist deine 
Krokodilsleber, Fisch, aber erst gib mir das Hühnerei, dann erst 
gebe ich sie dir." „Warte," erwiderte der Fisch, „ich gehe 
jetzt, um es dir zu holen." Darauf ging der Fisch und begab 
sich in die Wasserleitung, und als eine Frau zum Wasserholen 
kam und ihr Wassergefäß unter den Strahl hielt, da schwang er 
sich in das Gefäß hinein, und die Frau ging heim und stellte 
ihre Tracht Wassergefäße in das Haus neben der Leiter und 
nicht weit davon war der Behälter für die Hühnereier, und der 
Fisch ging und holte und kehrte zurück in das Gefäß. Als man 
dann das Wasser aus dem Gefäß verbraucht hatte, da holte man 
wieder und nahm auch das Gefäß mit, in dem sich der Fisch be- 
fand, und als er unter den Strahl gehalten wurde, da schwang 
sich der Fisch wieder ins Wasser, und nun tauschten die beiden 
ihre Beute aus. 



V. 

Die Walfischdrachenmythen Amerikas. 

Unsere Kenntnis der amerikanischen Mythenformen ist eine 
durchaus ungleichmäßige. Einige Stämme sind außerordentich 
gründlich untersucht, andere garnicht; von dritten Stämmen sind 
uns einige Bruchstücke erhalten, und aus vierten Gegenden sind 
uns nur schwache Traditionen aus einem verspäteten Mittel- 
alter überliefert worden. Die Mythenforschung ist ja, soweit sie 
sich auf die Naturvölker erstreckt, überhaupt ganz jungen Datums. 
In älteren Zeiten wurde höchstens eine Analogie zur altklassischen 
Mythologie als Kuriosum, gebucht. Und was wir sonst früher 
gehört haben, war nicht viel mehr als das Erstaunen der Reisenden 
über besonders absurde Ideen, — wenigstens nannten die älteren 
Forscher sie so. Nun ist in neuerer Zeit uns gerade in Amerika 
ein Stamm tüchtiger Forscher erwachsen, an deren Spitze vor 
einigen Jahrzehnten ein Schoolcraft und in neuerer Zeit ein Boas 
zu nennen war und ist. Diese Verschiedenartigkeit unseres Wissens 
müssen wir in den Vordergrund stellen, wenn wir ein gerechtes 
Urteil, besonders in Dingen der amerikanischen Mythologie, ge- 
winnen wollen. Wo ein Boas und seine Schüler forschten, d. h. 
z. B. im Nordwesten Amerikas, da quillt uns überreiches Material 
entgegen. Wo ein Schoolcraft und seine Zeitgenossen hinkamen, 
da wissen wir vieles. Wo das Mittelalter seine Chroniken ver- 
faßte, sind uns die Fragmente eines wunderlichen Götterwesens 
überliefert, wo aber die moderne Forschung nicht hinkam, da 
wissen wir besonders im Süden so viel wie nichts. — Südamerika 
hat wahrscheinlich nur einen ganz geringen Bruchteil von Mythen- 
reichtum des Nordens aufzuweisen; aber auch dieser Bruchteil ist 
uns in dezimierter Form und nur auszugsweise gerettet worden. Aus 
den reichen Kulturländern des Südens wissen wir so viel wie nichts. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 81 

Daß es unter diesen Umständen ausgeschlossen ist, ein auch 
nur annähernd vollständiges Bild der Walfischdrachenmythen 
Amerikas vorzuführen, wird jeder verstehen. Daß es dem Autor 
nicht gelungen ist, in der unglaublich zersplitterten Literatur alles 
überhaupt Niedergelegte aufzufinden, ist aber ebenso selbstver- 
ständlich. Aber alles, was sich erkennen läßt, verrät doch eine 
bestimmte geographische Gruppierung in der Verteilung, die den 
folgenden Abschnitten zugrunde gelegt ist. 

Die gründliche Forschung der Boasschule hat uns den Norden 
in ein verhältnismäßig helles Licht gerückt. Der Nordwesten 
Amerikas stellt nach den jüngsten Arbeiten, besonders von Bogoras, 
eine Seitenprovinz der nordostamerikanischen Mythologie dar. 
Die Walfischmythen dieses Gebietes sind demnach in eine Gruppe 
zusammengefaßt, die Walfischmythen des Ostens folgen mitsamt 
ihren Abwandlungstypen (Elch- und Bärenmythe) in zweiter Reihe, 
zum dritten vereinigen wir die Drachenmythen Nordamerikas und 
viertens endlich geben wir "die Brosamen, die von dem Tische 
der zentral- und südamerikanischen Mythologie in unsern Schoß 
fielen. 



Die Walfischmythen der nordpazifischen GeMete. 

A. Die Walfischmythe der Küsten-Selisch. — Es waren einmal 
zwei Knaben. Eines Tages fuhren dieselben in ihrem Boote aus. 
Als sie nicht weit gefahren waren, erblickten sie einen Walfisch, 
welcher auf- und niedertauchte. Da fingen sie an, denselben mit 
Schmähreden zu überhäufen. Der Walfisch kam darauf ganz nahe 
zu ihnen herangeschwommen, aber sie ließen sich nicht stören. 
Dreimal tauchte er auf, jedesmal näher beim Boote. Da die 
Knaben aber gar nicht aufhörten zu schmähen, verschlang er beim 
vierten Male Boot und Knaben und schwamm von dannen (Ver- 
schlingen; Meer fahrt). Er sprach zu ihnen: „Ihr könnt von 
meinem Fleisch essen, aber hütet euch, meinen Magen zu ver- 
letzen, denn sonst muß ich sterben." Die Knaben aber fürchteten, 
so weit ins Meer vom Wal hinausgetragen zu werden, daß sie nie zu- 
rückkehren könnten. Deshalb schärften sie ihr Steinmesser und 
der ältere Bruder sprach zum jüngeren: „Nun hebe mich, damit 

Frobenius, Sonnengott. I. Q 



82 Zweites Buch. 

ich den Magen des Wales zerschneiden kann." (Herz?) Der 
jüngere Bruder gehorchte, und jener tötete den Wal. Dieser trieb 
nun auf den Wellen umher. Da dachten die Brüder: „0 strandete 
doch der Wal!" Und siehe, er trieb an die Mündung des Co- 
witchin-Flusses (Landen). Da fingen die Knaben drinnen an zu 
schreien, damit die Leute auf sie aufmerksam werden sollten. 
Zuerst bemerkte sie niemand. Bald aber hörten sie in der Nähe 
Axtschläge und es klang, als wenn jemand daselbst ein Boot 
baue. Sie schrieen nun wieder, so laut sie konnten. Da hörte 
der Mann sie und ging ins Dorf. Er erzählte, er habe zwei 
Stimmen gehört, wisse aber nicht, woher sie kämen. Da gingen 
alle Leute mit ihm zum Strande, und sie hörten nun zwei Stimmen 
singen: „0 wir sitzen im Walfische. Kommt und befreit uns. 
Es ist so heiß, daß wir fast verbrannt sind." (Hitze.) Die Leute 
gingen weiter und entdeckten bald den Walfisch. Der Vater der 
Knaben war mit unter den Leuten. Er erkannte die Stimmen 
seiner Söhne und rief: „0 seid ihr dort, meine Söhne?" „Ja", 
riefen jene „befreie uns, wir müssen hier drinne verbrennen." 
Da nahmen die Leute ihre Steinmesser, öffneten (Öffnen) den 
Wal und die Knaben kamen heraus (Entschlüpfen). Es war aber 
so heiß im Walfischmagen gewesen, daß sie alle Haare verloren 
hatten (Haar). 

B. Walfischmythe der Nutka. — In Hellgate in Barclay Sound 
wohnte ein Riesenwal, namens „Verschlinger von zusammen- 
gebundenen Booten". Wenn jemand nicht vermeiden konnte, 
diesen Weg einzuschlagen, fuhr er vorsichtig am Ufer entlang, 
um die Aufmerksamkeit des Ungeheuers nicht auf sich zu ziehen. 
Eines Tages fuhr des Helden Mutter in einem kleinen Boot dort 
vorbei. Das Boot trieb vom Ufer fort,*und da kam der Wal so- 
fort herbei und verschlang es (Fraaenraub).' Als der Held erfuhr, 
daß der Wal seine Mutter gefressen hatte, beschloß er, sich zu 
rächen. Er schnitt lange Stangen, spitzte dieselben an beiden 
Enden und legte sie über zwei Boote. Dann kochte er Wasser 
in einer großen Kiste. Er rief seine drei Brüder und ließ sie in 
das kochende Wasser springen. Sie kamen unverletzt wieder 
heraus und jeder sagte, als er herauskam: „Es soll mich wundern, 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 83 

ob des Wales Bauch so heiß ist wie dieses Wasser." Dann 
sprang der Held selbst hinein und kam unverletzt wieder heraus. 
Sie fuhren nun auf dem Fluß ins Meer hinaus und sangen ein 
Lied. Als sie dasselbe zweimal gesungen hatten, sank das Wasser 
tief herab, der Wal tauchte auf und verschlang das Boot (Ver- 
schlingen), Der Held rief seinen Brüdern zu, dasselbe gerade den 
Schlund hinabzusteuern. Sobald sie im Magen angelangt waren, 
zerschnitte» sie die Eingeweide des Wales mit Muscheln und 
schnitten endlich sein Herz ab (Herz). Da starb er. Bald trieb 
er ans Ufer (Landen). Und als die kleinen Vögel (Vogelhülfe) 
und anderen Tiere ihn fanden (diese waren damals schon vor den 
Menschen auf der Erde gewesen), wollten sie ihn aufschneiden. 
Sie machten sich rasch bereit, nur ein kleiner weißer Fisch konnte 
gar nicht fertig werden. Er wollte sich schön anziehen und sein 
Haar in einen Knoten binden, da er annahm, daß viele Leute 
dort zusammenkommen würden. Daher kam er zu spät. Die 
Leute fragten auch eine Muschel, ob sie mitkommen wollte etc. 
Sie gingen nun alle zum Strande hinab, allen voran ein Tinten- 
fisch. Sie schnitten den Wal auf (Offnen), herauskamen der Held 
und seine Brüder (Ausschlüpfen). Und als sie nun einander sahen, 
lachten sie sich an. Einer der Brüder hatte alle Haare in dem 
Bauche des Wales verloren, so heiß war es darin gewesen (Haar). 

C. Walfischsagen der Newettee. — Der Rabe traf den Mink. — 
Beide schlössen Freundschaft und beschlossen miteinander durch 
die Welt zu wandern. Einst begegneten sie einem Wale. Der Rabe 
rief ihn an: „He, wir wollen über das Wasser fahren, willst du 
uns nicht hinüber nehmen?" Der Wal war bereit, öffnete sein 
Maul und beide krochen hinein (Verschlingen). Nach einiger Zeit 
kniff der Rabe den Mink und dieser schrie. Da fragte der Wal: 
„Warum schreit der Kleine?" „0", erwiderte der Rabe, „er ist 
hungrig." „Ich habe viel Fleisch", sagte der Wal, „schneide ihm 
ein wenig ab." Der Rabe schnitt ein Stück ab und beide aßen 
es auf. Nach kurzer Zeit kniff er den Mink wieder, sodaß er 
schrie. Als der Wal fragte, was es gäbe und der Rabe wieder 
sagte, der Kleine sei hungrig, erlaubte er ihnen, mehr abzu- 
schneiden. Er sagte : „Nehmt nur, so viel ihr wollt, nur schneidet 

6* 



84 Zweites Buch. 

meine Kehle nicht durch, denn sonst muß ich sterben." Kaum 
hatte er das gesagt, so schnitt der Rabe seine Kehle durch (Herz)\ 
der Wal machte noch ein paar krampfhafte Bewegungen, dann 
verendete er, und der Leichnam trieb ans Ufer {Landen). Der 
Rabe und der Mink waren nun in großer Not, denn sie wußten 
nicht, wie sie wieder herauskommen sollten. Bald aber fand ein 
Mann den Wal, rief seine Freunde und alle machten sich daran, 
ihn aufzuschneiden. Als sie sahen, daß überall Fleisch abge- 
schnitten war, wunderten sie sich sehr. Als sie endlich den Magen 
öffneten (Offnen), flog der Rabe und sprang der Mink hervor 
(Ausschlüpfen). Da wußten sie, daß jene von dem Walfisch ge- 
fressen hatten. Sie brachten das Fleisch und den Speck ans Land 
und kochten es. 

D. Die Walfischmythe der Tlingit. — Einst ließ der Rabe 
sich vom Walfisch verschlucken (Verschlingen). Drin im Magen 
machte er sichs bequem und zündete ein kleines Feuer an (Feuer- 
entzünden). Der Wal bat ihn, sich ja in acht zu nehmen, daß 
er nicht sein Herz verletze. Der Rabe konnte aber der Versuchung 
nicht wiederstehen und pickte daran. „0!" schrie der Wal, denn, 
es tat ihm weh. Er bat den Raben nochmals, ja sein Herz nicht 
anzurühren. Der Rabe entschuldigte sich, indem er vorgab, nur 
zufällig daran gestoßen zu haben. Bald pickte er aber wieder 
daran und biß diesmal herzhaft zu (Herz). Da verschied der 
Wal. Der Rabe wußte nicht, wie er wieder herauskommen sollte,, 
denn das Maul des Tieres war fest geschlossen. Er dachte: „0, 
strandete doch der Wal an einem flachen Ufer." Bald hörte er 
die Brandung brausen und fühlte den Körper des Wales auf die 
Steine am Ufer stoßen (Landen). Da freute er sich. In der Nähe 
war ein Dorf, und Kinder spielten mit Bogen und Pfeilen am 
Strande. Als sie den Wal erblickten, liefen sie gleich nach 
Hause und riefen ihre Eltern herbei, die daran gingen, den Speck 
abzulösen. Als sie damit beschäftigt waren, hörten sie jemand 
im Bauche des Wales singen und schrein, konnten sich aber nicht 
denken, wer das täte. Da dachte der Rabe: „0, schnitte doch 
einer von oben her gerade zu mir herab!" Kaum hatte er das 
gedacht, so war sein Wunsch erfüllt. Ein Mann schnitt ein Loch 



Der Sonnengatt im Fischbauch: Amerika. 85 

in den Magen (Offnen), und sogleich flog der Habe von dannen 
und schrie: „Kola, kola, kola!" (Ausschlüpfen.) . 

E. Walfischmythe der Eskimo an der Beringstraße. — (Die 
Mythe beginnt mit einer Beschreibung des Tagfluges. Der Rabe 
hatte sich ein Weib aus der Masse der weißen Gänse gewählt. 
Ein schöner weißer Stein scheint ihm als Sonnensymbol im An- 
fange die Flugkraft zu verleihen. Da ist er ein junger schöner 
Mann. Eine Ermattung tritt ein, endlich fällt er völlig entkräftet 
als ein alter Mann in die Fluten, wird von einer Woge an das 
Gestade getragen nnd entgeht so mit knapper Not dem Tode. 
Am Ufer entzündet er sich ein Feuer, nachdem er sich ein Feuer- 
zeug hergestellt hat, um sich in der Wärme zu trocknen.) 

Nachdem der Habe seine Kleider getrocknet hatte, blickte er 
auf das Meer hinaus. Da sah er einen mächtigen Walfisch nahe 
dem Ufer schwimmen. Dem rief er zu: „Wenn du wieder aus 
dem Wasser an die Luft kommst, schließe die Augen und öffne 
dein Maul weit!" Mittlerweile schlüpfte er schnell in seinen Rock, 
zog seine Maske herunter, nahm den Feuerbohrer unter den Arm 
und flog über das Wasser. Inzwischen kam der Wal wieder 
empor und tat, wie ihm gesagt war. Kaum sah der Rabe den 
offenen Rachen, als er auch schon flugs schlankweg durch die 
Kehle des Walfisches hindurchflog (Verschlingen). Der Wal ver- 
schloß darauf sein Maul und fuhr wieder in die Tiefe (Meerfahrt), 
während der Rabe drinnen stand und um sich schaute. Er sah 
sich am Eingang eines schönen Raumes, an dessen anderem Ende 
^ine Lampe brannte. Er war überaus erstaunt, ein schönes junges 
Mädchen darin sitzen zu sehen (Verwischter Frauenraub?). Der 
Raum war trocken und sauber. Das Dach wurde von dem Rück- 
grat des Tieres gestützt, während dessen Rippen die Wände 
bildeten. Aus einer Röhre, die am Rückenknochen angebracht 
war, tropfte langsam Öl in die Lampe. Als der Rabe eintrat, sah 
die Frau auf und rief aus: „Wie kommst du hierher? Du bist 
der erste Mann, der jemals hier hinein kam." Rabe erzählte ihr 
den Verlauf dieses Abenteuers, und sie bat ihn, auf der andern 
Seite des Zimmers Platz zu nehmen. Diese Frau war die Seele 
oder Inua des Wales, welcher ein weiblicher Walfisch war. Sie 



86 Zweites Buch. 

bereitete ihm alsdann Essen, gab ihm Beeren und öl und erzählte 
ihm derweilen, daß sie die Beeren vor einem Jahre gesammelt 
habe. Vier Tage blieb Rabe als Gast der Inua im Walfischleibe und 
während dieser ganzen Zeit grübelte er darüber nach, was das wohl 
für eine Röhre sei, die längs des Daches des Hauses hinlief. Jedes- 
mal, wenn die Frau den Raum verließ, verbot sie ihm, die Röhre 
zu berühren. Als sie nun einmal wieder die Kammer verließ, ging 
er zu der Lampe, streckte seine Klaue aus und fing einen großen 
Tropfen auf, den er mit der Zunge ableckte. Das schmeckte aber 
so süß, daß er den Versuch wiederholte und dann fortfuhr, einen 
Tropfen nach dem andern, so schnell sie niederfielen, aufzufangen. 
Allmählich wurde ihm das aber bei seiner Gier zu langsam und so 
langte er denn hinauf und brach ein Stück von der Röhre ab 
und aß es. Kaum war das aber geschehen, als auch eine große 
ölwelle, das Licht verlöschend, in den Raum sich ergoß und das 
Gemach selbst gewaltig hin- und herzurollen begann; das währte 
vier Tage, und Rabe war fast tot vor Müdigkeit und infolge des 
Geräusches, das ihn während der ganzen Zeit umtoste. Dann 
wurde es ruhig und der Raum lag still da. Der Rabe hatte 
nämlich eines seiner Herzgefäße abgebrochen {Herz) und der Wal 
war darauf gestorben. Die Inua kam nicht wieder zurück, und 
der Walfisch trieb ans Ufer {Landen). Nunmehr war Rabe aber 
ein Gefangener. Während er darüber nachdachte, wie er wohl 
entschlüpfen könne, hörte er zwei Männer auf dem Rücken des 
Tieres sprechen und verstand deren Verabredung, alle Leute aus 
ihrem Dorfe zur Hülfe herbeizubringen. Das geschah alsbald, und 
die Leute hatten auch in kurzer Zeit in den oberen Teil des 
Walfisches ein Loch geschnitten. Als dasselbe groß genug war 
{Offnen) und just alle Leute mit Fleischstücken fortgegangen waren, 
um sie auf das hohe Ufer zu tragen, schlüpfte Rabe unbemerkt 
hinaus {Ausschlüpfen). Auf dem Ufer angelangt, fiel ihm jedoch 
ein, daß er seinen Feuerbohrer im Walfisch hatte liegen lassen. 
Er entfernte alsbald seinen Rock und seine Maske und kurze Zeit 
später sah das Volk einen kleinen schwarzgefärbten, in fremd- 
artige Tierhaut gehüllten Mann herantreten. Alles blickte neu- 
gierig auf ihn. Der Mann erbot sich, ihnen zu helfen, streifte 
seine Ärmel zurück und machte sich ans Werk. Bald darauf rief 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 87 

ein im Innern des Wales arbeitender Mann: „Seht, was ich ge- 
funden habe! Ein Feuerbohrer im Walfisch!" (Feuerenteünden?) 
Kaum hatte Rabe das gehört, als er sagte: „Das ist schlimm, 
denn meine Töchter hat mir gesagt, daß, wenn ein Feuerbohrer 
in einem Walfisch gefunden und er von Menschen aufgeschnitten 
würde, viele von diesen sterben würden. Ich werde wegrennen." 
Er krempelte seine Ärmel wieder herunter und lief von dannein. — 
Alles Volk beeilte sich, sein Vorbild nachzuahmen und lief von 
dannen. Und der Rabe hatte somit fürs erste den ganzen Schmaus 
für sich allein. 

F. Walfischmythe der Hundsrippen- und der Hasenfellindia- 
ner. — Ein schöner junger Mann ging am Meeresufer spazieren. 
Da schwamm ein Walfisch übers Wasser herauf. „Walfisch, ver- 
schlucke mich!" sagte der junge Mann. Alsbald stürzte er sich 
ins Wasser, und der Walfisch verschluckte ihn (Verschlingen) — 
so erzählt man. Drei Tage wohnte er in dem Bauche des Wal- 
fisches. Hierauf beweinte seine Schwester diesen jungen Mann 
ununterbrochen. Sie ging am Gestade auf und ab und weinte. 
Plötzlich erschien der Walfisch von neuem. Sie hörte die Stimme 
ihres Bruders aus dem Bauche: „(Meine) Schwester, (meine) 
Schwester, ich bin so unglücklich, der Walfisch verbrennt mich 
in seinem Bauche (Hitze). Deshalb bitte ich dich inständig, 
meine Schwester, wirf einen deiner Schuhe nach dem Walfisch, 
um mich aus ihm herauszuziehen," — sagte er unter Tränen. 
So löste denn das Mädchen einen ihrer Schuhe, warf ihn nach 
dem Walfisch und hielt ihn am Schnürband fest — so erzählt 
man. Da ergriff der Jüngling den Schuh, und infolgedessen spie 
ihn der Walfisch wieder aus — so erzählt man (Ausschlüpfen)* 
Am Ufer des Meeres spie er ihn aus, er war fast tot, aber immer- 
hin noch ein wenig am Leben. • Deshalb war der Walfisch sehr 
unzufrieden und peitschte das Wasser mit dem Schwanz. Infolge- 
dessen entstanden gewaltige Wellen. Sie türmten sich noch höher 
als Berge und breiteten sich über die Erde aus, so daß sie über- 
schwemmt wurde (Flut). Nur den jungen Mann und seine Schwester 
tötete das Wasser nicht — so erzählt man. 



gg Zweites Buch. 

G. Walfischmythe der nordwestlichen Algonkin. — (Die 
Mythe beginnt mit einer Menschenfressermythe, die die meisten 
Motive gut erhalten aufweist: Ballverlust, Armausreißen etc. Die- 
selbe fährt nach der Schilderung des Todes der Menschenfresser 
folgendermaßen fort:) 

Im nächsten Frühjahr machte sich der Zwerg einen großen 
Bogen und mehrere Pfeile, welch letztere er zum größten Ärger 
seiner Schwester alle in den See schoß. Dann schwamm er ihnen 
nach und tat dabei, als ob er am Ertrinken wäre, damit seine 
am Ufer stehende Schwester recht um ihn weine und klage. 
Auch rief er noch obendrein: „Großer Fischkönig, komm und 
verschlucke mich!" Und der große Fischkönig ließ auch nicht 
lange auf sich warten, schwamm herbei und verschluckte ihn 
(Verschlingen). Ehe er nun im Maule dieses Fisches verschwand, 
glaubte seine Schwester noch das Wort „Mesuschkisinens" zu 
hören, das sie aber nicht augenblicklich zu deuten wußte. Nach 
längerem Nachdenken meinte sie, er wünsche vielleicht einen 
alten Mokassin. Sie suchte also einen solchen hervor, band ihn 
an ein Seil, warf ihn ins Wasser und befestigte das Seil an einem 
nahestehenden Baum. Der Fischkönig war ungeheuer neugierig, 
was das für ein wunderlicher Gegenstand sei, der da herum- 
schwamm. Er bat den Knaben in seinem Bauche um Auskunft. 
„Schwimm schnell hin und friß es", raunte ihm dieser in die 
Ohren, und der Fisch schluckte den alten Schuh auch wirk- 
lich herunter. Da freute sich der Kleine, ergriff das Seil mit 
beiden Händen und zog sich samt dem Ungeheuer ans Ufer 
(Landen). Die Schwester erstaunte ob der ungeheueren Größe 
des Fisches, nahm aber ihr Messer und stach ihn tot. Darauf 
kroch der Bruder wohlbehalten aus dem Bauche (Ausschlüpfen) 
und befahl seiner Schwester, das Fleisch zu trocknen und nie 
mehr an seinen außerordentlichen Fähigkeiten zu zweifeln. 

H. Die Walfischmythen der Völker auf der Nordostspitze 
Asiens. — Der Rabe oder des Raben Sohn nimmt die Form des 
Donnervogels an, trägt einen Walfisch in seinen Klauen von 
dannen, wird aber von dem Wale verschlungen, als er sich zu 
Veit über dessen Maul beugt (Verschlingen). Walfisch und Rabe 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 89 

stürzten in die See. Der Habe tötet jedoch den Walfisch, indem 
er an dessen Herz pickt {Herz) und kommt dann heraus {Aus- 
schlüpfen). In der Coryakversion aus dem nördlichen Kamtschatka 
ist der Rabe durch die Annäherung einiger Leute erschreckt, 
schlüpft in das Maul eines toten Walfisches {Verschlingen) und 
kommt heraus, nachdem sie den Leib aufgeschnitten haben {Öff- 
nen). Als er herausschlüpft {Ausschlüpfen), fliegt der Rabe von 
dannen; seine Haut ist mit Öl bedeckt. — In einer andern Er- 
zählung schlüpft der Schwiegersohn des Raben in den Wal (Fer- 
schlingen) und wird eine lange Zeit in der See mit herumge- 
schleppt {Meerfahrt), indem er sich fortwährend von dem Fleische 
des Wales ernährt. — Das Ereignis von verschluckten Lebewesen 
wird auch noch auf andere Tiere als auf den Walfisch bezogen. 
So verwandelt sich z. B. der Rabe in das Aas eines Renntieres, 
das zum Teil vom Wolf (hier haben wir also die Beziehung zum 
fernen Westen Asien-Europas, wo der Wolf der Verschlingende 
ist: siehe, was nachstehend über das deutsche Märchen und die 
deutsche Götterdämmerung gesagt ist!) verschlungen wird {Ver- 
schlingen). Auf diese Weise gelangt der Rabe in den Leib des 
Wolfes, und gelingt es ihm, denselben mit seinen Krallen zu 
töten. — In einer Coryakerzählung gehen zwei Vogelweiber zu 
einer Höhle am Ufer, eine nach der andern. Sie werden von 
einem Kala-Riesenweibe verschlungen {Verschlingen), aber es ge- 
lingt ihnen, zu entschlüpfen und sich einen Ausgang zu bereiten 
mit ihren Klauen {Offnen, Ausschlüpfen). 

(Was wir zunächst von Bogoras an Bruchstücken erhalten 
haben, beweist uns, welch reiche Materiale bei den Tschuktschen 
und deren Nachbarn noch zu finden sind. Es ist sicher, daß^ 
wenn wir heute schon den ganzen Stoff übersehen könnten, wir 
noch eine ganze Reihe von wichtigen Motiven finden würden. 
Wir können nur die Hoffnung aussprechen, daß die Publikation 
dieser Mythen bald erfolgen möge.) 

Die Waiflschmythen des inneren Nordamerika. 

(Vor anscheinend nicht allzulange verflossener' Zeit haben 
sich Stämme aus dem Inneren an die Nordwestküste und in das 



90 Zweites Buch. 

nordkalifornische Küstengebiet verschoben. Wenn der Leser in 
der Reihe der Mythen aus dem „inneren" Nordamerika einige 
Typen aus den Küstengebieten vorfindet, so ist dies mit dieser 
Völkerbewegung zu erklären. Während die eigentlichen Walfisch- 
sagen sowohl im Westen bei den pazifischen Völkern als auch 
im Osten bei den Alkonkin, Schiroki und Ponca in glücklicher 
Ausbildung zu finden sind, treffen wir auf dem dazwischen liegen- 
den Streifen, der sich von der kalifornischen Küste nach dem 
Mackenzie hinaufzieht, im Norden die unter F. und G. auf- 
geführten schwächlichen Verbindungsglieder und im Süden die 
unter I — N gebotenen Abwandlungsformen, welch letztere inso- 
fern einen absolut kontinentalen Charakter tragen, als hier der 
Walfisch verschwunden ist und an seine Stelle Bären, Elche und 
Bisons traten. Diese Ersetzung des Walfisches durch die großen 
Tiere der Landjagd kann nur im Inneren des Erdteils und nicht 
an der Küste erfolgt sein. Aus diesem Grunde werden besagte 
Mythen in diesem und nicht in dem vorigen Abschnitte auf- 
geführt.) 

I. Bärenmythe der Heiltsuk. — Stskins (eines kleinen Vogels) 
ältere Brüder gingen in den Wald, um zu jagen. Sie kehrten 
aber ohne Beute zurück und waren sehr traurig, denn sie hatten 
nichts zu essen. Da nahm Stskin seinen Bogen und seine Pfeile 
und ging in den Wald. Bald ward er einen grauen Bären ge- 
wahr. Er setzte sich vor ihn auf einen Zweig und verspottete 
ihn, indem er rief: „0 wie groß ist deine Nase". Darüber ward 
der Bär zornig und verschlang ihn (Verschlingen). Stskin flog 
aber unverletzt hinten wieder zum Bären hinaus (Ausschlüpfen), 
setzte sich abermals auf einen Zweig und verspottete ihn. Der 
Bär verschluckte ihn zum zweiten Male (Verschlingen), doch Stskin 
flog hinten wieder hinaus (Ausschlüpfen). Zum dritten und 
vierten Male verschluckte ihn der Bär. Da zerbrach Stskin seinen 
Bogen in dem Magen des Bären und machte einen Feuerreiber 
daraus. Seinen Regenmantel benutzte er als Zünder und ent- 
zündete ein großes Feuer im Magen des Bären (Feuer entzünden). 
Dann flog er hinten wieder hinaus (Ausschlüpfen). Zuerst 
mußte der Bär husten, da der aufsteigende Rauch seine Kehle 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 91 

reizte. Dann schlugen die Flammen aus allen seinen natürlichen 
Offnungen hervor, und er verbrannte elendiglich. Stskin flog nun 
nach Hause und sprach zu seiner Mutter: „Rufe doch alle Leute 
und laß sie mit mir in den Wald gehen, ich habe einen großen 
Bären getötet." Die Mutter glaubte ihm nicht, sondern sagte: 
„Du wirst mir doch nicht vorlügen wollen, daß du etwas gefangen 
hast, während deine älteren Brüder mit leeren Händen zurück- 
gekehrt sind?" (Jüngste.) Da nahm Stskin ein Messer, flog in 
den Wald und schnitt dem Bären die Nase ab. Diese brachte 
er seiner Mutter, und da wußte sie, daß der kleine Stskin den 
Bären getötet hatte. (Dieselbe Mythe wiederholt sich bei den 
Bilqula.) 

K. Aus der Wandermythe der Chinook. — Nach einiger 
Zeit erreichten sie einen See, auf dem ein Schwan schwamm. 
Derselbe hatte zwei Köpfe {Drachenköpfe). Der jüngere Bruder 
schoß ihn und sprang dann in den See, um ihn ans Land zu 
holen. Kaum hatte er den Schwan ergriffen, so verschwand er 
unter Wasser {Verschlingen). Da weinte sein älterer Bruder. 
Er erhitzte viele Steine und warf dieselben in den See (Glutstein), 
welcher zu kochen begann und austrocknete. Da sah er auf dem 
Boden viele Ungeheuer. Er ergriff sein Messer und schnitt einem 
nach dem andern den Bauch auf, fand aber seinen Bruder nicht. 
Endlich blieb nur ein kleines Ungeheuer übrig, und als er dieses 
aufschnitt {Öffnen), fand er seinen Bruder, der den zweiköpfigen 
Schwan in der Hand hielt. Er trug ihn zum Wasser, blies auf 
ihn, und derselbe erhob sich. {Ausschlüpfen selbstverständlich.) 

L. Aus der Wandermythe Shushwap. — Die Brüder gingen 
weiter und kamen nach Savanners Ferry. Dort stand ein großer 
Elch mit gespreizten Beinen über dem Fluß und tötete alle, die 
über den Fluß zu gehen versuchten. Er zog die Boote ans Land 
und verschlang sie {Allverschlingen). Als die Brüder dort an- 
kamen, wußten sie nicht, wie sie vorankommen sollten. Der 
Älteste sprach: „Ich werde ein Floß bauen und hinunterfahren." 
Seine Brüder wollten es nicht erlauben. Er aber kümmerte sich 
nicht um sie, sondern machte ein Floß. Als er fertig war, stieg 



92 Zweites Buch. 

er darauf und ließ es den Fluß hinabtreiben. Als er dicht an 
den Elch herankam, schlürfte derselbe das Floß mit den Insassen 
herunter (Verschlingen). Da weinten die Brüder, denn sie 
glaubten, er sei tot. Die Stangen des Flosses gingen aber gerad- 
wegs durch den Elch hindurch. Der Wanderer machte drinnen 
ein Feuer (Feuerentzünderi) und kochte sich ein gutes Mahl. 
Dann ergriff er das Herz des Elches und drückte daran. Da 
fing er an, von einer Seite des Flusses zur andern zu schwanken. 
Als die Brüder das sahen, sprachen sie zueinander: „Was mag 
mit dem Elch geschehen sein?" Als er nun wieder von einer 
Seite zur andern schwankte, wo die Brüder standen, schnitt der 
Wanderer im Innern das Herz ab (Herz), und es fiel tot nieder. 
Die Brüder zogen es ab und schnitten es auf. Als sie nun den 
Magen öffnen wollten, rief der Älteste aus dem Innern: „Paßt 
auf und schneidet mich nicht!" Da öffneten sie den Magen vor- 
sichtig (Öffnen) und fanden nun, daß ihr ältester Bruder sich 
drinnen ein Mahl bereitet hatte (Ausschlüpfen selbstverständlich). 
Die Brüder aßen ihm alles auf. 

M. Elchmythe der Chinook. — (Es mag genügen, die Haupt- 
züge der Mythe auszugsweise hier wiederzugeben.) 

Die Großmutter fordert den Enkel auf, Elche zu jagen. Er 
jagt allerhand Tiere, aber tötet keine Elche. Endlich macht er 
sich auf und ruft: „Komm heraus aus den Wäldern, Elch, wir 
wollen fechten, wir wollen tanzen!" Nacheinandor kommen nun 
allerhand Tiere, die der Enkel aber verspottet, bis endlich der 
männliche Elch selbst erscheint. Der Enkel überlegt sich, wo er 
hineinschlüpfen soll, in den Mund, in die Nasenlöcher, in die 
Ohren oder in den Anus. Endlich schlüpft er in den Anus 
(Verschlingen). Drinnen zerschneidet er den Leib in Stücke 
(Herz; Öffnen.) Nachdem er herausgekommen ist (Ausschlüpfen) ^ 
zerlegt er den Elch und geht nach Haus. Er neckt seine Groß- 
mutter, indem er vorspiegelt, er hätte allerhand Tiere erlegt, bis 
es herauskommt, daß er den Elch getötet hat. 

N. Bisonmythen der Mönitarier. — Die Mönitarier erzählen, 
daß einmal eine Jagdgenossenschaft einen Knaben verlor und sie 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 93 

in der Annahme waren, daß er von den Sioux, mit denen sie 
damals Krieg führten, getötet worden sei. So brach dann eines 
Tages eine Kriegerschar auf, um den Tod des Knaben im Kampfe zu 
rächen. Auf der Kriegsfahrt trafen sie einen Bison. Sie ver- 
folgten und töteten ihn. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie 
beim öffnen des Leibes {Öffnen) den wohlerhaltenen und leben- 
den Knaben erblickten (Ausschlüpfen), der darin nicht weniger 
als ein volles Jahr zugebracht hatte. Als er aus seinem lebendigen 
Gefängnis befreit war, erzählte er, daß er vor Jahr und Tag ab- 
seits jener Jagdgenossenschaft diesen Büffel verfolgt und getötet 
habe. Er hatte die eine Seite des Tieres geöffnet und war, als 
ein Regen anhub und die Nacht nahe bevorstand, in den Leib des 
Tieres hineingekrochen (Verschlingen), um so Schutz zu finden; 
die Eingeweide hatte er vorher herausgenommen. In der Nacht 
war aber, während er schlief, alles vorher abgeschnittene Fleisch 
wieder neu gewachsen, und hatte der Körper sich wieder ge- 
schlossen. So war es ihm unmöglich gemacht, herauszukommen. 
Das Tier war wieder heil und lebendig geworden und hatte ihn 
eingeschlossen immer mit sich herumgetragen. 

0. Fischmythe der Algonkin. — Nokomis erzählt ihrem Enkel 
Manabozho, wie sie in früheren Zeiten öl zum Einfetten der 
Haare erhalten habe, das ihr jetzt sehr fehle. „Gut", sagt Mana- 
bozho, „Noko, hol 1 Zederrinde und mach mir eine Leine, während 
ich mein Boot baue." Als alles fertig war, begab er sich auf die 
Mitte des Sees, um zu fischen. Er warf seine Leine aus und 
rief : „Me-she-nah-ma-gwai (der Name des Fischkönigs), beiße an 
meinen Köder an." Dieses rief er mehrmals. Endlich sagte, der 
König der Fische: „Manabozho stört mich. Forelle geh' du hin 
und pack die Leine." Die Forelle tat so. Manabozho begann 
seine Leine emporzuziehen, das war aber so schwer, daß das Boot 
dabei bis zur senkrechten Lage heruntergezogen wurde; er zog 
aber weiter, indem er rief: „Wha-ee-he! Wha-ee-he!" bis er die 
Forelle zu Gesicht bekam. Als er sie erkannte, rief er ihr zu: 
„Weshalb hast du denn an meinen Haken angebissen? Esa! Esa! 
(Soviel wie schäme dich! schäme dich!) du häßlicher Fisch!" Als 
die Forelle so ausgescholten war, ließ sie den Angelhaken fahren. 



94 Zweites Bach. 

— Manabozho warf seine Leine wieder auf das Wasser und rief: 
„Fischkönig, pack meine Leine!" Aber der König der Fische 
befahl einem riesigen Sonnenfische, anzubeißen; denn Manabozho 
störte ihn mit seinem ununterbrochenen Rufen. Manabozho zog 
mit den Rufen „Wha-ee-he, Wha-ee-he" mit alter Kraft die außer- 
ordentlich schwere Last empor, unter deren Gewicht das Kanoe 
in Kreisen herumwirbelte. Als er aber den Sonnenfisch sah, rief 
er aus: „Esa, Esa, du abscheulicher Fisch, weshalb hast du 
meinen Angelhaken beschmutzt, indem du ihn in das Maul ge- 
nommen hast? Laß ihn gehen, ich sage dir, laß ihn gehen!" — 
Der Sonnenfisch tat so und erzählte dem König der Fische, was 
Manabozho gesagt hatte. Just im gleichen Moment kam der 
Köder in die Nähe des Königs, und als er gleichzeitig Manabozhos 
ununterbrochene Rufe: „Me-she-nah-ma-gwai, pack meinen Haken 
an!" hörte, tat er zuletzt der Aufforderung Folge und war so 
gnädig, sich an die Oberfläche de& Wassers ziehen zu lassen, 
welche er aber kaum erreicht hatte, als er mit einem Zuschnappen 
Manabozho und sein Boot herunterschluckte (Veischlingeri). Wie 
er zu sich kam, fand der Held sich und ebenfalls sein Kanoe 
im Bauche des Fisches. Er wandte nun seine Gedanken auf die 
Frage, wie er wohl diesem Gefängnis wieder entfliehen könnte. 
In sein Boot schauend, gewahrte er seine Kriegskeule, mit welcher 
er sofort auf das Herz des Fisches loszuschlagen begann. Er 
fühlte aber auch gleich darauf eine gewaltige Erschütterung, als 
wenn er mit großer Geschwindigkeit hin und her geworfen würde. 
Der Fisch bemerkte inzwischen zu seinen Genossen: „Ich fühle 
mich im Leibe krank, seitdem ich den schmutzigen Kerl, den 
Manabozho heruntergeschluckt habe!" Gleichzeitig fühlte er aber 
auch, daß er einen weiteren gewaltigen Schlag gegen sein Herz 
erhielt. Inzwischen dachte Manabozho: „Wenn ich in der Mitte 
des Sees herausgeschleudert werde, werde ich ertrinken; dem 
muß ich vorbeugen." Er ergriff also sein Kanoe und stellte es 
quer vor die Kehle des Fisches und er hatte dies kaum fertig ge- 
gestellt, als der Fisch auch schon versuchte, sich zu übergeben 
und ihn herauszubrechen, was ihm nun aber nicht mehr gelang. 
Manabozho wurde hierbei übrigens von einem Eichhörnchen unter- 
stützt, welches unbemerkt mit ihm hineingeschlüpft war und für 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 95 

seine Müheleistung mit einem schönen Namen belohnt wurde. — 
Dann erneuerte Manabozho seinen Angriff auf das Herz des 
Fisches {Herz). Und es glückte ihm auch nach wiederholtem Zu- 
schlagen, den Fisch zu töten, was er an dem Nachlassen der 
krampfhaften Bewegungen und auch daran merkte, daß der Körper 
an das Ufer geschleudert wurde {Landen). Er hörte das Schurren 
des Leibes auf dem Sande. Eine Zeitlang wartete Manabozho 
ab, was sich nun wohl ereignen würde. Endlich hörte er Vögel 
über dem Leibe kreischen (Vogelhülfe), und mit einem Male fiel 
ein Sonnenstrahl von oben herein. Da sah er denn die Köpfe 
der Möven, welche durch die Öffnung, die sie in den Leib des 
Fischkönigs gepickt hatten, hineinschauten. „0", rief da Mana- 
bozho aus, „meine jüngeren Brüder, macht die Öffnung größer, 
damit ich herausgehen kann." Die Vögel erzählten einer dem 
andern, daß ihr Bruder Manabozho im Innern des Fisches sei. 
Unverzüglich gingen sie daran, das Loch so weit zu erweitern, 
(Offnen), daß Manabozho in kurzer Zeit seine Freiheit zurück- 
erlangte (Ausschlüpfen). Die Möven erhielten zur Belohnung von 
Manabozho einen schönen Namen. 

P. Fischmythe der Schiroki. (Erste Version.) — In alten Zeiten 
lebte im Tennessee-Fluß ein großer Fisch, den man Dakwa nannte. 
Der war so mächtig, daß er mit Leichtigkeit einen Menschen ver- 
schlucken konnte. Einmal fuhr ein mit Kriegern gefülltes Boot 
über den Fluß, als der Dakwa sich plötzlich unter dem Nachen 
aus dem Wasser erhob und das Fahrzeug mit allen Insassen in 
die Luft schleuderte. Als sie wieder niederfielen, schnappte der 
Fisch einen von ihnen auf, verschluckte ihn (Vei*schlingen) und 
schwamm auf die Tiefe des Flußbettes (Meei'fahrt). Sobald der 
verschlungene Jäger zum Bewußtsein kam, versicherte er sich zu- 
nächst, daß er keinen Schaden genommen habe. Es war jedoch 
so heiß (Hitze) und eng in dem Innern des Dakwa, daß er fast 
erstickte. Als er nun im Finstern herumtastete, griff er in einen 
Haufen von Muscheln, die das Ungeheuer verschluckt hatte. Er 
ergriff eine derselben, gebrauchte sie an Stelle eines Messers, und 
begann sich einen Weg zu schneiden. Bei dem Schaben wuchs 
das Unbehagen des Fisches, und so kam er denn an die Ober- 



96 Zweites Buch. 

fläche des Wassers, um Luft zu holen. Der Mann fuhr fort, sich 
seinen Weg weiter zu schneiden, zu kratzen und zu schaben, bis 
der Fisch unter furchtbaren Qualen an der Oberfläche des Wassers 
über den Strom hinschwamm, wobei er das Wasser mit seinem 
Schwanz zu Schaum peitschte. Zuletzt war das Loch so weit, 
daß der Mann herausschauen konnte (Offnen). Da gewahrte er, 
daß das Dakwa in seichtem Wasser nahe dem Ufer war. Sobald 
der Fisch das erreicht hatte (Landen), kroch er vorsichtig, damit 
es der Fisch gar nicht merke, zu seiner Seite heraus (Ausschlüpfen) 
und watete ans hohe Ufer, sich auf den Rückweg nach Hause 
machend. Die Flüssigkeit im Bauche des großen Fisches hatte 
aber sein ganzes Haar weggebrüht (Haare), und er blieb danach 
kahlköpfig. 

Q. Fischmythe der Schiroki. (Zweite Version.) — Ein Junge 
wurde von seinem Vater mit einem Auftrage ausgesandt. Er hatte 
aber keine Lust, denselben auszurichten und rannte an das Wasser. 
Nachdem er eine Zeitlang im Sande gespielt hatte, kamen einige 
ihm bekannte Jungen im Kanoe angefahren und luden ihn ein, 
sich zu ihnen zu gesellen. Glücklich über eine Gelegenheit, fort- 
zukommen, stieg er in das Boot; kaum war er aber in demselben, 
als es höchst unangenehm zu schaukeln und zu kippeln begann. 
Die Jungen gerieten in große Bestürzung und in der Verwirrung' 
fiel der ungehorsame Knabe in das Wasser und wurde sogleich 
von einem großen Fische verschlungen (Verschlingen). Als er 
einige Zeit in dem Bauche des Fisches gelegen hatte, wurde er 
hungrig. Und als er nun um sich schaute, gewahrte er, daß die 
Leber des Tieres über seinem Kopfe hing. Er begann nun mit 
einer Muschelschale, mit der er gespielt hatte und die er noch in 
der Hand hatte, ein Stück abzuschneiden (Herz). Diese Operation 
schmerzte den Fisch und er spie den Knaben aus (Ausschlüpferi)~ 



L" 



Einige Drachenmythen Nordamerikas. 

R. Drachenmythe der Comox. — Und der Wanderheld gingr 
weiter zu einem Ort, wo ein Ungeheuer von der Gestalt eines 
Tintenfisches in einem See wohnte, das jeden verschlang, der hin- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 97 

abging, um Wasser zu holen (Allver schlingen). Niemand wagte 
sich mehr herunter, und die Dorfbewohner starben vor Durst. Nur 
ein alter Mann wußte sich zu helfen. Er fuhr täglich hinüber 
zu einer Insel und fing roten Schellfisch. Er ließ das Fett aus 
und trank es. So kam es, daß er und sein Enkel am Leben 
blieben, während alle Leute um sie herum starben. Als der 
Wanderheld ankam und die Not der Dorfbewohner sah, beschloß 
er, das Ungeheuer zu töten. Er befahl seinen Begleitern, große, 
flache Steine glühend zu machen. Als die Steine heiß waren, 
setzte er sich einen als Hut auf und bedeckte mit den andern 
seinen Körper. Da nahm er den Eimer in den Arm, ging zum 
See hinab und plätscherte im Wasser, um die Aufmerksamkeit 
des Tintenfisches zu erregen. Es dauerte auch nicht lange, so 
tauchte er auf, und streckte seine langen Arme aus, um den 
Wanderhelden zu seinem Maule herabzuziehen. Aber sobald er 
die glühenden Steine mit den Saugnäpfen berührte, fielen diese 
herab. Endlich sprang das Ungeheuer gar auf des Helden Kopf 
und hätte ihn fast überwunden, aber der glühende Stein, welchen 
jener als Hut trug, tötete es (Glutstein). Dann zerschnitt der Held 
es und warf die Teile nach allen Richtungen hin ins Meer. Er 
sprach: „Ihr sollt euch in Tintenfisch verwandeln und künftig den 
Menschen als Nahrung dienen." Den Magen warf er aufs Land, 
wo er in einen großen Stein verwandelt wurde; den Kopf ver- 
senkte er ins Meer, dort erzeugt er noch heute gefährliche Wirbel 
und Stromschnellen. 

S. Drachenmythe der Newettee. — Als der Held einige Zeit 
gewandert war, kam er zu einem Dorfe und sah mit Erstaunen, 
daß aus keinem der Häuser Rauch aufstieg. Er ging in jedes 
einzelne Haus, aber er sah niemand. Endlich im letzten Hause 
fand er einen Mann und dessen Enkelin, ein kleines Mädchen, die 
einzigen Bewohner des Dorfes. Er fragte: „Wo sind denn alle 
eure Landsleute?" „Das Ungeheuer Tsekis, das in jenem See 
haust, hat alle getötet. Sobald jemand hinabging, um Wasser 
zu holen, kam es und verschlang ihn (Allverschlingen). Wir sind 
die einzigen Überlebenden." Er blieb im Hause mit dem Mann 
und dessen Enkelin. Eines Tages sprach er zu dem Kinde: „Geh 

Frobenius, Sonnengott. I. 7 



98 Zweites Buch. 

hinab zum See und hole mir Wasser." Dem aber widersetzte sich 
der Alte aufs heftigste und wollte es nicht dulden. Er aber rief: 
„Nein, sie soll und darf nicht gehen! Tsekis soll mir nicht 
das letzte meiner Kinder auch noch entreißen und gewiß wird 
er sie fressen, wenn sie geht." Der Wanderheld aber suchte ihn 
zu beruhigen. Er gab dem Kinde den Eimer, band ihr den Gürtel 
aus der Haut des Sisiutl um und hieß sie gehen. Er folgte ihr, 
sah wie der Tsekis auftauchte und das arme Kind verschlang 
{Frauenraub; Verschlingen). Da ergriff der Wanderheld einen 
Stock, und indem er auf einem Steine Takt schlug, sang er: „Sisiutl, 
werde lebendig und töte ihn, erwache und töte ihn!" Kaum hatte 
er ausgesungen, so kam das Ungeheuer aus den Tiefen empor 
und wand sich in Todesqualen. Die Knochen aller Menschen, 
die es verschlungen hatte, spie es aus (Allausschlüpfen). Dann 
erschoß der Wanderheld es mit seinen Pfeilen. Er setzte die 
Knochen wieder zusammen und besprengte sie mit dem Wasser 
des Lebens. Da standen sie auf und rieben sich die Augen, als 
wenn sie geschlafen hätten (Wiederbeleben). 

T. Aqmythe der Thompson-River-Indianer. — Sieben Frauen 
gingen in die Berge, um Wurzeln zu graben und nahmen einen 
Knaben mit sich. Sie gelangten in die Gegend des Platzes, an 
den sie zu graben gedachten und schlugen dort am Abend ihr 
Lager auf. Kurz nachdem sie sich niedergelassen hatten, hörten 
sie aus weiter Entfernung einen Schrei herüberschallen. Der Ruf 
kam näher; sie wunderten sich, was das wohl sein möchte. Es 
klang wie: „Aq, Aq, Aq!" Dreimal hintereinander, worauf dann 
eine Pause erfolgte. Die Stimme näherte sich dem Lager und 
kurze Zeit darauf kam vom Waldrande, in das freie Feld tretend, 
ein Mann von gigantischer Gestalt, der von Seite zu Seite schaute, 
das Gesicht nach oben wandte und „Aq, Aq, Aq!" rief. Er trat 
in das Lager. Die Frauen sprachen ihn an, er antwortete aber 
stets nur mit seinem Aqruf. Eine sagte: „Wahrscheinlich will er 
Fischrogen haben", und diejenigen, welche unter ihren Speisen 
Fischrogen hatten, boten ihm solchen an; er wandte aber sein 
Gesicht ab und rief: „Aq!" Die Frauen sagten dann: „Laßt ihn 
nur, er wird wahrscheinlich allmählich fortgehen. Wir können 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 99 

uns inzwischen zum Schlafen niederlegen." Sie legten sich nieder. 
Als sie alle eingeschlafen waren, tötete der Mann eine nach der 
andern, riß ihren Leib auf und verzehrte ihre Herzen {Herz (?), 
Verschlingen, Frauenraub). Der Knabe hatte sich unter einem 
umgekehrten Korb versteckt und wartete, bis der Mann fortge- 
gangen war. Dann lief er so schnell wie möglich nach Hause 
und erzählte den Leuten, was sich ereignet hatte. Sieben Mann 
bewaffneten sich und begaben sich unter der Führung des Knaben 
nach dem Schauplatz des traurigen Ereignisses. Die Männer 
verkleideten sich, bemalten ihr Antlitz, steckten ihr Haar auf, 
um möglichst frauenähnlich auszusehen. Ferner trugen sie Körbe 
und Grabstöcke, auch hatten sie ihre Waffen dicht am Körper 
versteckt. Sie erreichten den Ort und fanden die toten Frauen. 
Dann zündeten sie ein mächtiges Feuer an und warteten bis zum 
Beginn der Nacht. Da hörten sie denn auch den langsam sich 
nähernden Schrei, und endlich trat der Mann mit dem Rufe „Aq" 
in das Lager. Sie stellten sich ihm gegenüber möglichst freund- 
lich, boten ihm Nahrung an, umzingelten ihn aber gleichzeitig. 
Zuerst griffen diejenigen, die hinter ihm standen, an, dann fielen 
alle miteinander über ihn her und streckten ihn nieder. Sie 
öffneten dann seinen Leib und warfen die einzelnen Teile seines 
Körpers in die verschiedenen Himmelsrichtungen (den umwohnen- 
den Völkern zu). In seinem Innern fanden sie die Herzen der 
Weiber, welche sie in den Busen der entsprechenden Frauen 
wieder niederlegten, und als jede Frau wieder ihr Herz an ihrer 
Stelle hatte, erhob sie sich und sagte : „Ich habe eine lange Zeit 
geschlafen." {Wiederbelebung.) Die Männer und der Knabe er- 
zählten ihnen aber, was sich ereignet hatte, und sie waren sehr 
erstaunt. 

U. Drachensage Algonkin. — Ein Knabe hatte einst eine 
zweiköpfige Schlange {Drachenköpfe) gefangen und in eine 
Schachtel gesteckt, wo er sie zehn Winter lang mit Vogelfleisch 
fütterte. Im Verlauf dieser Zeit wurde sie aber so groß und stark, 
daß sie nur fette Bären, Hirsche und Büffel zu sättigen vermochten, 
was dem inzwischen zu, einem mutigen Jäger herangereiften Knaben 
viel Mühe verursachte {Schlangengroßziehen). Als er eines Tages 



302956 



100 Zweites Buch. 

ausgegangen war, kroch die Schlange aus ihrer Behausung her- 
vor, trat alle Bäume wie Gras nieder und drohte, alle Menschen 
zu verschlingen (anstatt Allver schlingen). Die Krieger vermochten 
mit ihren besten Waffen nichts gegen sie auszurichten und mußten 
sich eilends in eine geräumige Höhle flüchten (Höhle), m welche 
sie ihrer Größe wegen nicht folgen konnte. Lauernd und züngelnd 
blieb sie daher vor dem Eingange liegen, und alle Versuche, sie 
zu verscheuchen, schlugen fehl. Nun hatte einer dieser Krieger 
einen Traum, daß, wenn er seine Pfeile mit dem Haar seiner 
Schwester, das über medizinische Zauberkräfte verfügte, schmückte, 
dieselben die Haut der Schlange durchdringen würden. Er folgte 
also diesem Traume und war auch wirklich so glücklich, mit 
dem ersten Schuß das Herz des höllischen Reptils vollständig zu 
zerstören, so daß es augenblicklich tot niedersank. Auf diese 
Art wurden die Menschen vor ihrem sicheren Untergange er- 
rettet. 

V. Drachenmythe der Seneka. — Ein Knabe fing einst eine 
zweiköpfige Schlange (Drachenköpfe), nahm sie mit nach Haus 
und tat sie in eine Schachtel. Er fütterte sie jeden Tag mit 
jungen Vögeln, wodurch sie allmählich so groß wurde, daß er 
ihr einen andern Wohnplatz geben mußte. Er setzte sie oben auf 
das Wigwam und fütterte sie regelmäßig weiter. Mit der Größe 
wuchs aber auch ihr Appetit, und zuletzt hatte das ganze Dorf 
nichts anderes zu tun, als für den Unterhalt der Riesenschlange 
auf die Jagd zu gehen (Schlangengroßziehen). Dies wurde den 
Leuten mit der Zeit natürlich zu lästig, und da die Schlange nicht 
ging, beschlossen die Einwohner, sie zu verlassen. Doch dies 
merkte das Ungeheuer und legte sich rings um das Dorf, sodaß 
es niemand verlassen konnte. Sie schössen zahllose Pfeile erfolg- 
los auf sie ab; zuletzt aber zwang sie doch der Hunger, einen 
Ausfall zu wagen. Dabei wurden nun alle mit Ausnahme 
eines Kriegers und seiner Schwester verschlungen (Verschlingen). 
Dieser Krieger träumte nun, daß, wenn er einen Pfeil mit dem 
Haare seiner Schwester bewickle und denselben auf das Herz 
der Schlange abschösse, er sie töten würde. Der Krieger tat es 
denn auch, und es dauerte nicht lange, so lag das Ungetüm in 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 101 

Todeskämpfen und spie alle verschlungenen Leute wohlbehalten 
wieder aus (Ausschlüpfen). 

W. Drachenmythe der Navahos. — (Bei den Navahos tritt 
die Drachenmythe als Fortsetzung der Feuerdiebstahlmythe auf. 
Es waren auf der Erde fast alle Menschen von den Ungeheuern 
am Weltrande verschlungen worden (Allverschlingen), und die 
beiden Sonnenhelden waren zu ihrem Vater, der Sonne, gepilgert, 
um sich von diesem die zum Drachenkampf notwendigen Waffen 
zu holen. Einer der beiden Zwillinge zieht nun in den Kampf.) 

Der Sonnenheld macht sich auf, um das Ungeheuer Teeiget 
zu bekämpfen. Am Rande des Plateaus angelangt, sieht er unter 
sich, mitten in der Ebene, das Geschöpf liegen. Während er da- 
rüber nachsinnt, wie er das Scheusal überwinden könne, naht sich 
die Erdschildkröte und verspricht ihm zu helfen. Sie gräbt einen 
Gang bis unter das liegende Teeiget. Von da aus gräbt sie auch 
nach den anderen drei Himmelsrichtungen Gänge und geht von 
unten, von der Mitte dieses Kreuzes aus direkt nach oben, auf 
solche Weise gerade auf die Herzgegend Teelgets stoßend. Von 
der Herzgegend schneidet sie dem Tiere die Haare ab. Als Teeiget 
fragt, was das bedeuten solle, sagt die Erdschildkröte, sie wolle 
aus den Haaren ein Lager für ihre Jungen machen, worauf sie 
zu dem Sonnenhelden durch den unterirdischen Gang zurückkehrt. 
Der Held steigt nun durch die Höhle (Höhle) bis zu dem Raum 
unter Teeiget und zielt mit dem Pfeil genau auf die von Haaren 
entblößte Stelle. Teeiget gerät in Raserei und reißt mit seinen 
Hörnern die Gänge auf, in denen der Held immer glücklich von 
einem in den andern entrinnt, bis das Ungeheuer zusammenbricht. 
Der Held traut sich nicht näher, aber das Erdeichhörnchen schleicht 
sich heran und stellt den Tod fest. 



Die Walflschdrachenmythen Zentral- und Südamerikas. 

(Daß die Zentral- Amerikaner gut und klar ausgebildete Mythen, 
die unbedingt in diesen Kreis gehören, besessen haben, geht aus 
den Anspielungen schon hervor, die dem Mythologen bereits beim 
ersten Durchblättern der einschlägigen Literatur auffallen. Ich 



102 Zweites Buch. 

überlasse es aber besseren Kennern der zentral-amerikanischen 
Verhältnisse, den Versuch zu unternehmen, die erhaltenen Bruch- 
stücke zu einem festen Ganzen organisch wieder zusammenzufügen. 
Es sei nur darauf hingewiesen, daß der Heldenkampf mit der 
Waldschlange, dann die Bedeutung des Südmeeres als „im Rachen 
der Schlange" und ähnliches mehr von vorne herein die Aussicht 
auf Auffindung eines reicheren Quellmateriales eröffnet. Die kos- 
mogonische Schöpfungsmythe, welche die Helden in den Leib der 
Erdenriesin hineinkriechen, diesen zerteilen und aus ihm Himmel 
und Erde schöpfen lassen, — eine Mythe, welche sich direkt an 
die deutsche und andere Schöpfungsmythen anlehnt, werde ich 
kurz in der nachfolgenden Besprechung der Schöpfungsmythe, der 
Tiamatmythe usw. erwähnen. An dieser Stelle mögen nur noch 
zwei Mythen aus dem südamerikanischen Kulturkreise folgen.) 

X. Die Walfischmythe aus Britisch-Guiana. — Die Omar sind 
Fabelwesen, riesig gestaltete Krebse oder Fische, die in den 
Stromschnellen hausen und die Fischer mit ihren Booten in die 
Tiefe ziehen. Von einem Omar, der im Ouropocarifall am Essi- 
quibo wohnen soll, erzählt man folgendes: Dieser Omar pflegte 
sich von verwittertem Holz zu nähren, und er zog viele Boote, 
die er für schwimmende Baumstämme hielt und deren Insassen 
auf solche Weise ertranken, in die Tiefe. Da wickelte denn eines 
Tages ein Ackawoi-peaiman (Zauberer) zwei Holzstöcke, mit deren 
Hülfe Feuer gebohrt werden kann, so sorgfältig ein, daß sie im 
Wasser nicht feucht werden konnten. Alsdann tauchte er in der 
Mitte des Wasserfalles und gelangte derart in den Bauch des 
Omar (Verschlingen). Drinnen fand er ganze Stöße faulen Holzes. 
Mit dem Feuerholz entzündete er eine Flamme und setzte den 
ganzen Holzstoß in Brand (Feuer entzünden). Da packte gewal- 
tiger Schmerz das in seinem Innern brennende Ungeheuer; der 
Omar kam an die Oberfläche (Landen), spie den Peaiman aus (Aus- 
schlüpfen) und starb. 

Y. Walfischmythe der Bakairi. — Ewaki schickte die beiden 
Knaben (Keri und Käme) aus, das Wasser zu holen. Sie wan- 
derten drei Tage. Sie fanden drei Töpfe, die der Ochobiwasser- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Amerika. 103 

schlänge gehörten. In den Töpfen war Wasser, in zweien war 
gutes Wasser, aber in dem dritten war schlechtes, von dem man 
nicht trinken kann, ohne zu sterben. Diesen dritten Topf ließen 
sie ganz, sie wollten gutes Wasser haben. Die zwei anderen 
Töpfe zerschlugen sie; das Wasser, das aus dem einen abfloß, 
war der Paranatinga, das Wasser des andern der Ronuro und Kuli- 
sehu. Keri nahm sich des Paranatingawassers, Käme des Ronuro- 
Kulisehuwassers an. Beide Flüsse liefen weiter und Keri und 
Käme liefen jeder hinter dem seinen; sie riefen einander zu, da- 
mit sie sich nicht verlören. Auf einmal hörte Kames Rufen auf. 
Keri schrie und schrie, doch die Antwort blieb aus. Da ließ er 
den Paranatinga stillstehen und warten und ging zum Ronuro. 
Der dumme Käme hatte sich den schlechtesten Fluß ausgesucht, er 
konnte nicht mit ihm fertig werden; das Wasser wurde groß und 
breit und Käme ertrank. Ein gewaltiger Jahufisch verschluckte 
ihn (Verschlingen). Keri kam und fand den Ronuro stillstehend, 
Käme verschwunden. Sogleich ging er ans Fischen; er fing drei 
Jahus und einer war dick geschwollen. Dem riß er den Bauch 
auf und erblickte nun Käme, der tot war (Offnen); er legte die 
Leiche auf große, grüne Blätter und blies sie an. Da stand Käme 
auf und sagte: „Ich habe gut geschlafen ( Wiederbeleben). „Nein," 
rief Keri, „du hast ganz und gar nicht geschlafen! Ein Jahu hat 
dich gefressen." Mit dem Ronuro wollten sie nichts mehr zu tun 
haben; Keri ließ eine Ente kommen und befahl ihr, das Wasser 
mitzunehmen. So geleitete die Ente den Fluß wieder weiter und 
die beiden Knaben begaben sich zu Keris Paranatinga, der noch 
geduldig wartete. „Das ist das Wasser," sagte Keri, „das wir 
mitnehmen wollen." Drei Tage liefen sie mit ihm talwärts. Da 
kamen sie zum Salto des Paranatinga, allein es war noch kein 
Wasserfall, sondern nur trockener Fels. Sie selbst brachten jetzt 
das Wasser zum Salto und ließen es jenseits des Falles warten. 
Aber da sie nun hierblieben, ließ Keri bald Enten und Tauben 
kommen und andere Vögel, die das Wasser mitnahmen und weiter- 
führten. (Vogelhülfe?) 



VI. 

Die Walfischdrachenmythen Afrikas. 

Unter allen Erdteilen hat Afrika bis jetzt den geringsten Be- 
standteil an Mythenbildungen zu unserer Kenntnis gebracht. Wenn 
man sagen kann, daß entsprechend den geographischen und wirt- 
schaftlichen Bedingungen Amerika die typischen Jägervölker und 
die typischen Tiermythen gebildet hat, dann kann man von Afrika 
sagen, daß in seinen Gebieten, sowohl im Wirtschaftsleben wie im 
ganzen Geistestreiben das Garten- und Hackbauerntum und das 
manistische, spiritistische Grübeln mit seinem Hokuspokus zu 
Hause und vorherrschend ist. Der Spiritismus unserer Tage ist 
allerdings bedeutungslos gegenüber den fundamentalen Erschei- 
nungen des alten Manismus. Aber wo auch immer die Toten- 
welt, die Gespensterfurcht und die Sehnsucht, mit dem Verstor- 
benen in Verkehr zu treten, ausgeprägter auftritt, da nimmt das 
eigentliche umbildende, und natürlich um so mehr das neubil- 
dende Geistesleben den Typus des Verkümmerns an. Die Quellen 
des Manismus haben niemals mythen- oder epenbildende Frucht- 
barkeit besessen. Deshalb glaube ich, daß, wenn es auch erst 
einmal gelungen sein wird, sich noch weiter in das Seelenleben 
der Neger Afrikas zu vertiefen, daß dennoch eine große Aus- 
beute an Mythen nicht zu erhoffen ist. Um so mehr fällt natür- 
ich dasjenige auf, das vorliegt, und dies ganz besonders, wenn, 
wie dies der Fall ist, die Mythologien in einer Gegend gefunden 
werden, in der sie von früheren Forschern am wenigsten vermutet 
wurden. Vor allen Dingen haben die Südländer in Afrika man- 
ches gute Material geliefert. Das ist die erste Provinz. Die 
zweite Gruppe ist im Norden gelegen, da, wo die Semitoiden und 
der Mohammedanismus sich angesiedelt haben. Die Tatsachen 
dieser zweiten Provinz setzen nicht in Erstaunen. Während wir 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 105 

aber aus dem Innern, zumal aus dem Kongogebiet nichts erwarten, 
können wir nur unser Erstaunen darüber aussprechen, daß an der 
Ostküste bis jetzt so wenig gefunden ist. Die Schätze müssen 
auf jeden Fall dort liegen. Aber wo sind die Schatzgräber? Die 
deutsche Kolonialverwaltung hat in diesem Punkte ihre Verpflich- 
tungen auf wissenschaftlichem Gebiete noch nicht erfüllt, und es ist 
sehr die Frage, ob diese Lücke überhaupt ausgefüllt werden wird. 



Die Walfischdrachenmythen Südafrikas. 

A. Die Litaolanemythe der Basuto. — Uns wurde erzählt, 
daß früher einmal alle Menschen zugrunde gingen. Ein unge- 
heures Tier, Kammapa mit Namen, verschlang sie alle, groß und 
klein (Allverschlingen), Es war ein schreckenerregendes Ge- 
schöpf; die Entfernung von einem Ende des Körpers zum andern 
war so bedeutend, daß selbst das schärfste Auge es kaum auf ein- 
mal übersehen konnte. Nur ein Weib blieb auf Erden übrig, das 
der Wildheit Kammapas entging, indem es sich sorgfältig vor ihm 
verbarg. Die Frau empfing einen Sohn und brachte ihn in einem 
alten Stalle (wohl statt Höhle) zur Welt. Sie war übrigens über- 
aus überrascht, als sie bei näherer Besichtigung des Kindes fand, 
daß sein Hals mit einem Halsband von bezauberndem Schmucke 
geziert war (Sonnenjuwel). „Da das so ist," sagte sie, „soll sein 
Name Litaolane oder der Bezauberer sein. Armes Kind! In was 
für einer Zeit ist es geboren ! Wie wird es ihm möglich sein, dem 
Kammapa zu entgehen! Was kann ihm sein Schmuck nützen?" 
Während sie so sprach, las sie ein wenig Stroh auf, um für ihr 
Kind ein Lager herzurichten. Als sie den Stall wieder betrat, 
war sie starr vor Überraschung und Schrecken; das Kind hatte 
bereits die Größe eines ausgewachsenen Mannes erreicht und sprach 
Worte voll Weisheit (Sonnenaufwachsen). Er trat dann ins 
Freie und war erstaunt über die Einsamkeit, die um ihn herum 
herrschte. „Mutter," sagte er, „wo sind die Menschen? Ist kein 
anderer außer dir und mir auf der Erde?" „Mein Kind," erwiderte 
die Frau zitternd, „noch vor kurzer Zeit waren die Täler und 
Berge mit Menschen bedeckt; aber das Untier, dessen Stimme 



106 Zweites Buch. 

die Felsen zittern läßt, hat sie alle verschlungen." „Wo hält sich 
dieses Untier auf?" „Dort ist es, nahe bei uns." Litaolane nahm 
ein Messer und ging, taub gegen die flehenden Bitten seiner Mutter, 
um den Verschlinger der Welt anzugreifen. Kammapa öffnete seinen 
schrecklichen Rachen und verschlang ihn (Heidenver schlingen). 
Aber das Kind des Weibes war nicht tot, es betrat, mit seinem 
Messer bewaffnet, den Magen des Ungeheuers und zerschnitt seine 
Eingeweide (Herz). Kammapa brüllte fürchterlich und brach 
zusammen. Sofort begann Litaolane, sich einen Ausgang zu öffnen, 
aber die Spitze seines Messers ließ tausende von menschlichen 
Wesen aufschreien, die lebendig mit ihm begraben waren. Zahl- 
lose Stimme ließen sich von allen Seiten vernehmen, die ihm zu- 
riefen: „Nimm dich in acht, du durchbohrst uns." Es gelang 
ihm jedoch, eine Öffnung zu machen (Öffnen), durch welche die 
Völker der Erde mit ihm aus dem Bauche Kammapas heraus- 
kamen (Allausschlüpfen). Die vom Tode befreiten Menschen 
sprachen untereinander: „Wer ist der Mann, der vom Weibe ge- 
boren, nie die Spiele der Kindheit erfahren hat? Woher kommt 
er? Er ist ein Ungeheuer, kein Mensch. Er kann mit uns nichts 
gemein haben; laß uns ihn zwingen, von der Erde zu verschwin- 
den." Bei diesen Worten machten sie eine tiefe Grube, deckten 
ein wenig Rasen darüber und richteten darüber einen Sitz her; 
dann lief ein Bote zu Litaolane und meldete ihm: „Die Ältesten, 
deines Volkes sind versammelt und wünschen, daß du kommst 
und in ihrer Mitte Platz nimmst." Das Kind des Weibes kam, 
aber als es dem Sitz nahe war, stieß es schlauerweise einen seiner 
Gegner darauf, der augenblicklich für immer verschwand. 

(Die Verfolgung wird fortgesetzt. Es wird auf ihn geschossen ; 
man* bemüht sich, ihn in ein großes Feuer zu werfen: als er 
eines Tages verfolgt wird, verwandelt er sich in einen Stein und 
läßt sich von seinen Verfolgern über den Fluß werfen, worauf 
er auf der andern Seite seine* ursprüngliche Gestalt wieder an- 
nimmt — ein Motiv, das auch in der Zulumythologie heimisch ist.) 

B. Die Hubeanamythe der Basuto. — Hubeana ist der Sohn 
eines Weibes, das nach der Verschlingung der übrigen Menschen 
durch ein Ungeheuer (Allverschlingen) allein am Leben geblieben 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 107 

war. Plötzlich zu einem kraftvollen Jüngling erstarkt (Sonnen- 
aufwachsen), will er dem Menschenmörder seine Beute entreißen, 
geht aber denselben Weg wie die andern (Heldenverschlingen). 
Jedoch schneidet er behutsam ein Loch in den Bauch des Unge- 
heuers (Öffnen), schlüpft hinaus (Ausschlüpfen), und alle, die ver- 
schlungen waren, folgen ihm (Allausschlüpfen). Die Geretteten 
haben ihn aber schlecht belohnt, da sie ihn wegen seiner Klug- 
heit und Macht beneideten und verfolgten, ohne ihm jedoch 
schaden zu können. 

C. Die Unanana-boselemythe der Zulu. — Es war da eine 
Frau, die hatte zwei kleine sehr hübsche Kinder; ein anderes 
Kind pflegte sich bei ihnen aufzuhalten. Die Frau hatte im Ver- 
trauen auf ihre eigenartigen höheren Kräfte ihr Haus am Wege 
aufgebaut. Als die Mutter einst ausgegangen war, um Feuerholz 
zu holen, waren die Kinder allein zu Hause. Die einzelnen Tiere 
kamen nun des Weges und besuchten die Kinder. Es kam auch 
ein sehr großer Elefant; der fragte sie, wer sie wären und ver- 
schluckte die beiden kleinen Kinder der Frau (Verschlingen), wäh- 
rend das besuchende Kind verschont blieb. Als die Mutter nun nach 
Hause zurückkehrte, erzählte dieses Kind, daß der Elefant die 
beiden andern verschlungen habe und dann fortgelaufen sei. 
Unanana-bosele, die Alte, fragte: „Sind sie tot?" Das kleine Kind 
(Mädchen) antwortete: „Nein, ich weiß es nicht." Unanana-bo- 
sele machte sich nun auf den Weg. Sie hatte einen Topf mit 
Speise mitgenommen und folgte dem Elefanten. Die Tiere be- 
richteten ihr auf ihre Frage, wo der Elefant hingelaufen sei, und 
sie fand ihn endlich. Sie fragte nun auch den Elefanten, wo der 
Elefant sei, der ihre Kinder verschlungen habe. Der Elefant riet 
ihr, weiterzugehen. Aber sie fragte wieder und wieder, und end- 
lich verschluckte der Elefant sie denn auch (Verschlingen). Als 
sie im Bauch des Elefanten angelangt war, sah sie da große 
Wälder, große Ströme und weites Land. Auf der einen Seite 
waren da viele Felsen; auch war da viel Volk (es geht also 
vorher Allverschlingen), welches sich seine Hütten gebaut hatte, 
sowie viel Rindvieh und Hunde. All das war im Leib des Ele- 
fanten. Sie sah da aber auch ihre beiden Kinder sitzen. Sie 



108 Zweites Buch. 

gab denen von der mitgebrachten Speise und fragte sie, was sie 
bis dahin hier drin gegessen hätten. Sie antworteten : „Wir haben 
nichts gegessen. Wie liegen nur immer so da." Sie fragte: 
„Weshalb habt ihr euch nichts von dem Fleisch gebraten?" Die 
Kinder antworteten: „Wird uns das Tier nicht töten, wenn wir 
von seinem Fleisch essen?" Sie sagte: „Nein, es wird selbst 
sterben! ihr werdet nicht sterben." Sie zündete ein großes Feuer 
an {Feuerentzünden). Sie schnitt die Leber ab, briet sie und 
aß sie mit ihren Kindern (Herz). Sie schnitten auch von dem 
Fleisch ab, rösteten es und aßen es. All das Volk, das sich 
dort befand, wunderte sich und rief aus: „Wahrhaftig, sie essen, 
während wir uns hier aufgehalten haben, ohne irgend etwas zu 
essen!" Die Frau sagte: „Ja, ja, der Elefant kann gegessen 
werden." Da schnitt sich alles Volk etwas ab und aß es. Mittler- 
weile sprach der Elefant mit andern Tieren und sagte: „Seit 
ich die Frau verschluckt habe, bin ich krank. Es schmerzt in 
meinem Leibe." Die andern Tiere sprachen: „Das mag daher 
kommen, o Häuptling, daß so viel Volk in deinem Leibe ist." 
(Vergl. das Gespräch des Fischkönigs in der Algonkinmythe, als 
er Manabozho verschlungen hat; Seite 94). Nach langer Zeit 
starb aber der Elefant. Die Frau öffnete nun mit einem Messer 
seinen Leib und zerhieb eine Rippe mit einer Axt (Öffnen). 
Eine Kuh, eine Ziege, ein Hund und überhaupt alles Volk kam 
heraus und freute sich, daß es endlich wieder an das Tageslicht 
kam (Allausschlüpfen). Das Volk machte der Frau Geschenke; 
einige gaben Rindvieh, andere Ziegen, dritte Schafe. 

D. Aus der Sikulumemythe der Zulu. — (Als die Knaben unter 
Sikulumes Führung nach dem Einfangen der als Vögel verzau- 
berten Königssöhne (Sonnenvogelapfelfang) aus dem Kannibalen- 
lande heimkehrten, war von allem Volk nur noch ein altes Weib, 
das sich im Aschenhaufen verborgen hatte (Höhle), übrig. Das 
fabelhafte Ungeheuer Inabulele hatte sie verschlungen (Allver- 
schlingen) und war dann wieder in das Wasser gegangen.) 

Darauf ging Sikulume mit den Knaben zum Flusse und sagte 
zu ihnen: „Ich werde jetzt in das Wasser gehen und meinen 
Assegai mitnehmen. Wenn das Wasser stark aufwallt, mögt ihr 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 109 

daraus erkennen, daß ich in den Leib des Inabulele gekrochen 
bin; wenn das Wasser rot wird, mögt ihr wissen, daß ich Ina- 
bulele getötet habe." Darauf warf er sich in das Wasser und 
tauchte hinab. Inabulele verschlang ihn {Heldenverschlingeri), 
ohne ihn zu verletzen. Er sah nun seinen Vater und seine Mutter, 
viel Volk und Vieh (also alle vorher Verschlungenen). Darauf 
nahm er seinen Assegai und durchbohrte Inabulele von innen. 
Das Wasser wogte, bis daß Inabulele tot war. Darauf färbte es 
sich rot. Es ward nun in das Inabulele von außen ein Loch ge- 
schnitten {Offnen), und alle Welt kommt heraus {Ausschlüpfen). 

E. Die Kleinrotlleib-Mythe der Zülu. — Es war in alten Zeiten 
ein gewisser Knabe, dessen Name war Kleinrotleib. Eines Tages 
ging der Knabe aus, das Feld zu bestellen. Während des Hackens 
wurde er durstig, und er ging zu einem Teiche, um Wasser zu 
trinken. Inzwischen kam seine Mutter und sagte: „Trinke nicht 
von diesem Wasser, denn du weißt nicht, wer sein Besitzer ist." 
Er sagte: „Ich werde doch trinken." Darauf antwortete seine 
Mutter und sagte: „Du wirst durch den Besitzer des Wassers 
getötet werden." „Ich mache mir keine Sorge, denn ich werde 
allein sterben," antwortete er. Hierauf entgegnete seine Mutter: 
„Wenn du dies Wasser trinkst, werde ich hinweggehen." Also 
ging seine Mutter fort. Kleinrotleib trank alsdann. — „Warum 
hast du mein Wasser getrunken? Hat deine Mutter dich nicht 
davor gewarnt, dies Wasser zu trinken?" sagte der Besitzer des 
Wassers. „Ich werde dich töten, denn deine Mutter sagte dir, 
daß du nicht von diesem Wasser trinken solltest", wiederholte 
der Wasserbesitzer mehrmals. Danach schloß Kleinrotleib seine 
Augen und wurde durch das Ungeheuer verschlungen {Verschlingen). 
Das Ungeheuer ging dann zu dem Platze, an dem es lebte, näm- 
lich in einen großen Wasserteich. Als das Ungeheuer diesen 
Wasserteich erreichte, blieb es wegen des Gewichtes seines Bauches 
außerhalb. Während das Ungeheuer eine Weile so verharrte, kam 
ein großer Frosch aus dem Teich und sagte: „Habe ich dir nicht 
gesagt, du solltest die Person, die dein Wasser trinkt, nicht ver- 
schlingen, weil du sterben wirst, und wir dann niemand haben 
werden, der für uns sorgt?" Nachdem der Frosch das gesagt 



HO Zweites Buch. 

hatte, sank er im Wasser unter. Nach Sonnenuntergang sagte 
das Tier: „Ich habe Bauchschmerzen." Darauf sammelten sich 
alle Tiere an diesem Wasserteich und er sagte: „Gebt acht, 
was ich euch jetzt sagen werde." Darauf paßten alle die kleinen 
Tiere in dem Wasser sorgfältig auf. Er sagte: „Ihr seid hier 
alle ohne Freund verlassen." Darauf gingen sie alle zu ihren 
Freunden. Nachdem sie alle fortgegangen waren, starb das Tier. 
Kleinrotleib lebte aber noch in dem Bauche des Tieres. Er holte 
sein Messer heraus und schnitt den Leib des Tieres auf (Offnen) 
und kam heraus (Ausschlüpfen). Als er herausgekommen war, ging 
er nach Hause. Als er zu Hause angekommen war, sagte er zu 
seiner Mutter: „Habe ich dir nicht gesagt, daß ich nicht sterben 
würde?" etc. 

F. Menschenfressersage der Zulu.*) — War da einmal ein 
Mann und eine Frau, die hatten zwei Kinder, einen Sohn und 
eine Tochter. Diese Kinder lebten bei ihrem Großvater. Die 
Mutter war eine Kannibalin, der Vater aber nicht. Eines Tages 
sagten sie (die Kinder) zu ihrem Großvater: „Wir waren lange 
bei dir, jetzt würden wir sehr gerne einmal hingehen und unsere 
Eltern sehen." Der Großvater sagte: „Ho! Werdet ihr auch 
imstande sein, wieder zurückzukommen? Wißt ihr nicht, daß eure 
Mutter eine Kannibalin ist?" — Nach einiger Zeit gab er seine 
Zustimmung. Er sagte: „Ihr müßt zu einer solchen Zeit fort- 
wandern, daß ihr gerade am Abend ankommt, sodaß eure Mutter 
euch nicht sieht, sondern nur euer Vater." — Des Knaben Name 
war Hinazinci. Er sagte: „Laß uns nun gehen, meine Schwester." 
— Sie machten sich auf den Weg, als die Sonne untergegangen 
war. Als sie an ihres Vaters Haus kamen, lauschten sie von 
außen, um zu hören, ob ihre Mutter da wäre. Sie hörten nur 
die Stimme ihres Vaters, und so riefen sie ihn denn. Er kam 
heraus, und als er sie sah, wurde er traurig und sagte: „Wes- 
halb seid ihr hergekommen, meine lieben Kinder? Wißt ihr nicht, 



*) Die dieser Mythe eingefügten Motivnamen: „Verstecken, Menschen- 
witterung, Flucht," sind charakteristisch für die Frauendiebstahl-Menschf resser- 
mythen; siehe hierüber das vierte Buch. — 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 111 

daß eure Mutter eine Kannibalin ist?" Bald darauf hörten sie 
einen Ton wie einen Donner. Ihre Mutter nahte nämlich. Ihr Vater 
nahm sie mit herein, steckte sie in einen dunklen Winkel und 
bedeckte sie mit Häuten (Verstecken). Ihre Mutter kam mit einem 
Tiere und mit dem Körper eines Menschen herein. Sie stand 
und sagte: „Hier ist etwas. Was für einen lieblichen Geruch 
hat dies!" (Menschen Witterung.) Sie sagte zu ihrem Manne: „So- 
hinazinci, was kannst du mir über diesen schönen Geruch, der 
in meinem Hause ist, sagen? Du mußt mir sagen, welches von 
meinen Kindern hier ist." — Der Mann antwortete: „Was träumst 
du? Sie sind nicht hier." — Sie kam in den Winkel, wo sie 
waren und nahm die Häute weg. Als sie sie sah, sagte sie: 
„Ich bin sehr traurig, daß ihr hier seid, denn ich muß Menschen 
essen." — Sie kochte für die Kinder und deren Vater das Tier, 
das sie mit nach Hause gebracht hatte und für sich selbst den 
toten Mann. Nachdem sie gegessen hatten, ging die Mutter hin- 
aus. — Da sagte der Vater zu den Kindern: „Wenn wir uns 
zum Schlafen niederlegen, müßt ihr wach bleiben. Ihr werdet 
das Tanzen von Leuten, das Schreien von wilden Tieren und das 
Kläffen von Hunden in dem Leibe eurer Mutter hören. Daran 
werdet ihr erkennen, daß sie schläft, und ihr müßt euch dann 
schnell erheben und fortgehen." — Sie legten sich nieder. Der 
Mann und die Kinder stellten sich aber nur schlafend. Sie horchten 
nach den angekündigten Tönen. Nach einiger Zeit hörten sie 
denn auch das Tanzen der Leute, ein Heulen wilder Tiere und 
ein Hundekläffen! Da stieß sie der Vater an und sagte zu ihnen, 
sie müßten jetzt, wo die Mutter schliefe, gehen. Sie sagten ihrem 
Vater Lebewohl und krochen vorsichtig heraus, damit die Mutter 
sie nicht hören möchte. — (Hier beginnt die Flucht.) Nach Mitter- 
nacht wachte die Frau auf und nahm, als sie fand, daß ihre 
Kinder fortgegangen waren, ihre Axt und verfolgte sie. Sie waren 
schon ein ganzes Stück Wegs gegangen, als sie die Alte hinter sich 
sahen. Sie waren so müde, daß sie nicht mehr rennen konnten. — 
Als die Mutter ihnen nahe war, sagte der Knabe zu dem Mädchen : 
„Meine Schwester, singe deinen melodischen Gesang; vielleicht wird 
sie, wenn sie denselben hört, traurig und geht nach Hause, ohne uns 
zu vernichten." — Das Mädchen antwortete: „Sie wird jetzt auf 



112 Zweites Buch. 

nichts hören, denn sie verlangt nach Fleisch." — Hinazinci 
sagte: „Versuche es, meine Schwester, es ist vielleicht nicht 
vergebens." — Da sang sie denn ihren Gesang, und als die Kanni- 
balin ihn hörte, rannte sie wieder zurück zu ihrem Hause und 
fiel über ihren Mann her, um ihn mit der Axt zu erschlagen, 
ihr Mann fing aber ihren Arm auf und sagte: „Ho! Wenn du 
mich totschlägst, wer wird dann dein Mann sein?" — Da ließ sie 
von ihm ab und lief wieder hinter den Kindern her. — Diese 
waren schon nahe dem Dorfe des Großvaters und waren schon 
ganz matt, als ihre Mutter sie erreichte. Das Mädchen fiel hin, 
und die Kannibalin fing und verschlang es (Verschlingen), dann 
rannte sie hinter dem Knaben her. Der fiel just am Eingange 
zu des Großvaters Haus ebenfalls hin, und sie nahm ihn auf und 
verschlang ihn ebenfalls (Verschlingen). Die Kannibalin fand nur 
die alten Leute und die Kinder des Dorfes daheim, da alle andern 
sich zur Gartenarbeit fortbegeben hatten. Sie fraß alles Volk, 
das zu Hause war und ebenso alles Vieh, das sie vorfand, auf 
(Allverschlingen). — Gegen Abend machte sie sich wieder auf den 
Rückweg nach ihrem eigenen Hause. Am Wege war ein tiefes 
Tal, und als sie an dasselbe kam, sah sie einen sehr schönen 
Vogel (beginnt: Vogelhülfe). Als sie sich demselben näherte, 
wurde der Vogel größer und größer, bis er zuletzt, als sie ihm 
sehr nahe war, so groß wie ein Haus (eine Eingeborenenhütte) ge- 
worden war. — Da begann der Vogel seinen Gesang zu singen. 
Das Weib schaute zu ihm und sagte zu sich: „Ich werde diesen 
Vogel mit nach Hause zu meinem Mann nehmen." — Der Vogel 
setzte seinen Gesang fort und sang: Ich bin ein hübscher Vogel 
des Tales, — du kommst und störst meinen Wohnsitz." — Der 
Vogel kam langsam auf sie zu, immer seinen Gesang fortsetzend. 
Als sie zusammen kamen, ergriff der Vogel die Axt der Frau 
und sang seinen Gesang immer weiter. — Die Kannibalin begann 
sich zu fürchten. — Sie sagte zu dem Vogel: „Gib mir meine 
Axt, ich will jetzt dein Fleisch nicht haben." — Der Vogel schlug 
einen ihrer Arme ab (Armausreißen). — Sie sagte: „Ich gehe 
jetzt fort; gib mir, was mir gehört." — Der Vogel hörte nicht 
auf sie, sondern setzte seinen Gesang fort. — Sie sagte wieder: 
„Gib mir meine Axt und laß mich gehen, mein Mann ist zu 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 113 

Hause sehr hungrig; ich muß gehen und für ihn kochen." — Der 
Vogel sang lauter wie zuvor und schlug eines ihrer Beine ab. — 
Sie fiel nieder und schrie: „Mein Meister, ich habe große Eile 
nach Hause zu gehen, ich brauche nichts, was dir gehört." — 
Sie sah, daß sie in großer Gefahr war. Sie sagte wieder zu dem 
Vogel: „Du weißt noch nicht, wie hübsch dein Gesang gesungen 
werden kann; laß mich gehen und ich will ihn dir vorsingen." 
Der Vogel öffnete seine Schwingen weit und riß ihren Leib auf 
{Offnen). Viel Volk kam heraus, die meisten von ihnen lebend; 
doch einige waren tot (Allausschlüpfen). Als sie herauskamen, 
fing sie dieselben wieder ein und verschlang sie wieder. Die beiden 
Kinder waren noch am Leben und sie rannten fort (Heldenaus- 
schlüpfen). Zuletzt starb die Frau. — Da war große Freude im 
Lande. Die Kinder kehrten zu ihrem Großvater zurück und auch 
alles Volk kehrte zurück und machte die Kinder zu Landes- 
führern, weil durch sie die Kannibalin getötet worden war. — 
Das Mädchen heiratete später einen großen Häuptling, und Hina- 
zinci erhielt die Tochter dieses Großen zum Weibe. 

G. Allverzehrermythen der Buschmänner. — (Von diesen Mythen 
haben wir leider noch keinen vollständigen Bericht, da die An- 
gaben von Bleek und Lloyd außerordentlich fragmentarisch sind. 
Jedenfalls ist soviel sicher, daß der Allverzehrer die Helden ver- 
schlingt (Verschlingen), daß aber ein anderer junger Held oder 
auch ein Kind den Leib des Allverzehrers aufschneidet (Offnen) 
und die Helden wieder ans Tageslicht kommen (Ausschlüpfen). 

H. Menschenfressermythe aus dem inneren Angola. — Eine 
Frau gebar Kinder. Als sie keine mehr zur Welt brachte, wuchsen 
die Kinder heran. — Der Vater starb. Einer, der ältere, sagte: 
„Ich will das Jägergewerbe lernen." Der jüngere sagte: „Ich will 
auch das Jägergewerbe lernen." Sie ergriffen ihre Flinten; sie 
machten sich auf den Weg, bis sie in die Wälder kamen. Sie 
sahen keine Beute. Es begann zu regnen; sie sagten: „Laß uns 
vor dem Regen fliehen." — Sie rennen; sie kommen zu dem Hause 
der Ma-kishi (Ogren); sie treten ein. Sie finden in demselben 
eine Mbanza (Musikinstrument) der Ma-kishi; sie spielen. Ein 

Frobenius, Sonnengott. I. 8 



114 Zweites Buch. 

Di-kishi (Singular von Ma-kishi) kommt; er trägt zwei Büffel. 
Er fragt: „Wer spielt hier die Mbanza?" Er hört, wie jemand 
darin sagt: „Wenn da ein starker Mann ist, trete er ein; du 
sollst die Nahrung meiner Hunde werden." Er bleibt draußen. 
Ein anderer Di-kishi kommt, er trägt auch drei Büffel. Er fragt 
den, der draußen geblieben ist: „Was ist denn in dem Hause, 
daß du davor fliehst?" Er sagt: „Ich floh vor zwei Menschen, 
die darin sind. Sie wollen uns als Nahrung für ihre Hunde töten." 
Es kommen noch andere dazu. Auch der Häuptling kommt. Der 
Häuptling fragt: „Weshalb flieht ihr vor dem Hause?" Sie sagen: 
„Wir fliehn vor zwei Menschen, die uns töten wollen." — (Die 
Ma-kishi wollen nun in das Haus gehen und die beiden Männer 
herausholen. Es entspinnt sich ein Kampf.) — Der ältere setzt 
sich nieder; der jüngere ficht mit den Ma-kishi; er tötet vier 
Ma-kishi. Es bleiben acht Ma-kishi übrig. Er tötet noch vier. 
Der jüngere setzt sich dann nieder. — Der ältere kämpft jetzt; 
er tötet die vier übrig bleibenden. Er ergreift den Häuptling; 
er schlägt dessen Haupt ab. Es kommt wieder ein Haupt her- 
vor; er schlägt auch dieses ab. Da folgt wieder ein Haupt 
{Drachenköpfe). Der ältere sagt: „Wir können sie nicht töten; 
wir wollen uns niedersetzen!" — Der ältere verwandelt sich in 
einen Bagrefisch. Der Di-kishi nimmt ihn auf, er verschlingt 
ihn {Verschlingen). Der Bagre geht, um in seinem Herzen Um- 
schau zu halten, in welchem die Schlüssel ihrer Häuser sind. (The 
bagre goes to look into his hearts, whether there are the keys 
of their houses.) — Wie die ganze Mythe der wörtlichen Über- 
setzung nach nicht ganz klar sein kann, so wird mir diese Stelle 
auch nach dem Vergleichen des Kimbundutextes nicht ganz ver- 
ständlich. Ich vermute, daß es sich hier darum handelt, den Sitz 
des Lebens aufzufinden. Das wäre das Motiv: Herz: es kann 

• • __ 

sich aber ebensogut um ein Offnungs-MoÜY handeln. — Er findet 
sie, er nimmt sie, er kommt heraus {Ausschlüpfen). Der jüngere, 
der ihm folgte, schlägt das Haupt des Di-kishi ab. Der Di-kishi 
starb. — Sie öffneten die Räume. Sie fanden darin Sklaven ; sie 
gaben ihnen zu essen. Sie gehen hinauf in das obere Stockwerk 
und öffnen es. Sie finden daselbst drei Frauen und geben ihnen 
ebenfalls zu essen. Sie sagen: „Laß uns hier leben!" — (Diesen 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 115 

Schluß möchte ich dahin deuten, daß die beiden Heldenjünglinge, 
die früher von den Ma-kishi geraubten und nach älteren Versionen 
wahrscheinlich auch verschlungenen Menschen auffinden. Es würde 
sich hier also handeln um die beiden Motive Allausschlüpfen und 
Preisjungfrau. Ist diese Auslegung richtig, dann ist eine arge 
Verzerrung der Mythe auf dem Wege ihrer Wanderung von der 
Südostküste bis zur Westküste nachgewiesen. Dann dürfen wir 
ohne weiteres sagen, daß das letzte Aufsuchen und öffnen der 
Räume sich früher nicht auf das Innere des Hauses, sondern auf 
das Innere des Ma-kishileibes bezog, und daß demnach das Heraus- 
schlüpfen erst nach der Auffindung und Fütterung der Sklaven 
und Frauen stattfand.) 

I. Aus einer Unterweltfahrts-Heldenprobenmythe der Angola- 
neger. — (In dieser Mythe, auf die wir später im Kapitel XIV 
noch zurückkommen werden, nimmt die arg verkümmerte Walfisch- 
mythe die Stelle einer Heldenerprobung ein. Der Held hat seinen 
jüngeren Bruder daheim gelassen, er ist von seiner Wander- 
genossenschaft, nachdem er die Ma-kishi überwunden hat, in die 
unterirdische Höhle versenkt worden und auf dieses Bruderver- 
folgungsmotiv folgt die Wanderung in die Unterwelt. (Voraus- 
senden muß ich noch, daß der Held (Sudika-Mbambi mit Namen) 
seinen Bruder Kabundungulu zu Hause zurückgelassen und ihm 
ein Todeszeichen zur Beobachtung übergeben hat. Sudika-Mbambi 
fordert von dem Unterweltsbeherrscher Kalunga-Ngombe dessen 
Tochter. Nachdem er eine Tat, die von ihm erforderrt wird, er- 
füllt hat, fährt die Mythe fort.) 

Sudika-Mbambi sagt: „Na-kalunga-ngombe, gib mir nun 
deine Tochter," Na-kalunga-ngombe sagt: „Meine Tochter ist 
von Kinioka kia Tumba fortgeführt worden. Geh und hole sie 
zurück!" — Sudika-Mbambi macht sich auf den Weg; er langt 
bei Kiniokas Behausung an und fragt außenstehend: „Wo ist 
Kinioka hingegangen?" Das Weib von Kinioka sagt: „Er ist 
ausgegangen, um zu schießen." Sudika-Mbambi wartet eine 
Weile. (Er kämpft nun mit allerhand Ameisen, Bienen etc.) — 
Dann kommt- ein Kopf von Kinioka; er schneidet ihn ab. Es 
kommt ein anderer Kopf; er schneidet ihn ebenfalls ab; er schneidet 

8* 



116 Zweites Buch. 

den Palmbaum von Kinioka (Drachenköpfe) ; er schneidet den 
Kopf ab. Dann kommt ein anderer Kopf; er schneidet den Kopf 
des Hundes Kiniokas ab; er schneidet den Kopf Kiniokas ab. 
Es kommt ein anderer Kopf; er schneidet den Bananenbaum 
Kiniokas ab ; er schneidet den Kopf Kiniokas ab. Kinioka ist tot 
(Drachenköpfe). — Sudika-Mbambi tritt in das Haus Kiniokas 
ein. Er findet die Tochter Kalunga-ngombes (Preisjung fr au). 
Er sagt: „Laß uns gehen! Dein Vatet sendet mich nach dir." 
Sie kommen vor Na-kalunga-ngombes Haus an; er sagt: „Deine 
Tochter ist hier." — Na-kalunga-ngombe sagt: „Töte mir Kimbiji 
kia Malenda a Ngandu (etwa der große Krokodilsfisch), welcher 
meine Ziegen und Schweine gefangen hat." Sudika-Mbambi sagt: 
„Bring mir ein Milchschweinchen." Sie geben es ihm. Er steckt 
es an einen Haken; er wirft es in das Wasser. Kimbiji kommt, 
um es zu nehmen; er verschlingt das Schwein. Sudika-Mbambi 
beginnt zu ziehen; er stürzt in das Wasser. Kimbiji kia Malenda 
a Ngandu verschlingt ihn (Verschlingen). — (Inzwischen ent- 
deckt zu Hause der jüngere Bruder Kabundungulu an dem ver- 
trocknenden Kilembe (Todeszeichenmotiv), daß sein Bruder um- 
gekommen ist. Er macht sich auf den Weg, geht durch die 
Höhle, in welche der erste Held gestürzt wurde, und gelangt so 
bei Kalunga-Ngombe an.) — Er fragt: „Wo ist mein älterer 
Bruder?" Na-kalunga-ngombe sagt: „Kimbiji hat ihn verschlungen." 
Er sagt: „Gieb mir ein Schwein." Sie geben es ihm. Er steckt 
es an einen Haken, er wirft es in das Wasser. Kimbiji ver- 
schlingt den Haken. Kabundungulu fordert das Volk auf, Kimbiji 
herauszuziehen. Sie ziehen ihn heraus; er kommt an das trockene 
Land. — Kabundungulu nimmt sein Messer; er scheidet Kimbiji 
auf (Öffnen.) Er findet die Knochen seines älteren Bruders; er 
sammelt sie (statt Ausschlüpfen). Er sagt: „Mein älterer Bruder, 
erhebe dich!" Sudika-Mbambi erhebt sich (Wiederbeleben). Der 
jüngere sagt: „Laß uns nun gehen, mein Bruder." Na-kalunga- 
ngombe gibt Sudika-Mbambi seine Tochter. — (Sie kehren zur 
Oberwelt zurück.) 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 117 

Die Walflschdrachenmythen Nordafrikas. 

K. Die Drachenmythe der Kabylen. — (Wie schon bei den 
Südafrikanern treffen wir auch hier eine große Reihe von wesent- 
lichen Motiven des Zyklus der Menschenfressermythen. Somit 
gehört die Mythe eigentlich in den Bereich des Kapitels XV. 
Wenn ich dieselbe dennoch hier in ihrem ganzen Umfange wieder- 
gebe, so geschieht es, um wenigstens für den vorliegenden Stoff 
das wichtigste und wesentlichste Material vereinigt zu haben.) 

Ein Mann hatte zwei Frauen. Die eine hatte einen Sohn 
namens Mohamed ben Soltan, der Sohn der zweiten hieß Ali ben 
Aguemoun. Die Mutter des ersteren war gestorben und diejenige 
Alis überlebte sie und gab beiden Kindern die gleiche Nahrung, 
denn sie wußte nicht, welcher von beiden ihr Sohn war, derart 
glichen sie einander. Die Kinder verbrachten ihre Tage auf der 
Jagd. • Eines Tages plauderte die Mutter mit anderen Frauen, 
während Ali in der Moschee war. „Warum machst du keinen 
Unterschied zwischen Mohamed und deinem Sohn?" fragten sie. 
„Ich weiß nicht, welcher mein Sohn ist," antwortete die Frau. 
Die Frauen fuhren fort: „Bei ihrer Rückkehr von der Jagd töte 
eine Henne und lege dir ihre Eingeweide auf den Busen; dann 
tue, als ob du fällst, und schreie: Zu Hülfe, meine Kinder, ein 
Ochse hat mich gestoßen. Dein Sohn wird herbeieilen, und du 
mußt ihm dann ein Ohr verletzen, um ihn wiederzuerkennen. 
Wenn sie dann wieder zurückkehren werden von der Jagd, be- 
trachte ihre Ohren; gieb deinem Sohne Weizenbrot und dem Sohne 
der andern Kleiebrot." — Alles geschah, wie verabredet. Eines 
Tages nahmen sie ihr Vesper ein. Als sie den letzten Bissen 
aßen, sagte Mohamed ben Ali: „0, mein Bruder, laß uns um 
Gottes willen diesen letzten Bissen Brot in den Brunnen werfen." 
„Gut," sagte Ali. Sie kamen zum Brunnen und warfen ihre 
Brotreste ins Wasser. Das Brot Alis sank hinab, dasjenige Moha- 
meds schwamm oben auf. „0, mein Bruder," sagte Mohamed, 
„so schwimmt auch das Brot in meinem Magen. Deines dagegen 
sinkt hinab. Ich werde dieses Land verlassen." — „Warum, o 
mein Bruder, so scheiden?" — „Weil unsere Mutter uns nicht 
gleich behandelt." — Dann fingen sie an zu weinen. „Was 



118 Zweites Buch. 

sollen wir tun, o mein Bruder," sagte Ali. — „Laß uns einen 
jungen Feigenbaum pflanzen," sagte Mohamed. „Wenn er ver- 
dorrt, so wirst du wissen, daß ich tot bin, wenn er grünt, wirst 
du wissen, daß ich noch lebe; wenn das Laub zu fallen beginnt, 
so weißt du, daß ich im Begriff bin, zu sterben." (Todeszeichen). 
— Und jeder entfernte sich nach einer andern Seite. — „Adieu, 
Ali." — „Adieu, Mohamed." 

Mohamed nahm seinen Falken, seinen Windhund und sein 
Pferd. Er kam an einen Brunnen, wo er anhielt, um sich aus- 
zuruhen. Da kam die Königstochter und brachte einen Teller 
voll Reisbrei und ein Stück von einem Ochsen. — „0 Mädchen," 
sagte zu ihr Mohamed, „gieb mir zwei Löffel von dem Reisbrei 
und ein Stück Fleisch." Sie antwortete ihm: „Unglücklicher 
Fremdling, wisse, daß in diesem Brunnen eine Schlange haust; 
ich bringe ihr diese Schüssel Reisbrei und dieses Stück Fleisch; 
wenn ich dir etwas davon gebe, so wird sie nicht gesättigt sein; 
sie hört auf, uns mit Wasser zu versorgen, und sie wird mich 
fressen." — Mohamed entgegnete: „Stelle deinen Reisbrei und 
das Stück Fleich hierher." — Im selben Augenblick erhob die 
Schlange ihren Kopf. — - Mohamed versetzte ihr einen Säbelhieb, 
und der Kopf flog herunter. „Das ist nicht mein Kopf," sagte 
die Schlange. — Ein zweiter erschien und auch er flog herunter. — 
Sie erhob den dritten und wieder sprang er fort, sie erhob den 
vierten, dessen Maul schäumte; auch dieser ward abgehauen. — 
Der fünfte desgleichen; dieser schäumte und sprang herunter. 
Sie erhob nun den sechsten und auch dieser flog herunter. — Der 
siebente übertraf alle vorhergehenden an Größe. — Mohamed schlug 
ihn mit einem Säbelhieb ab und er flog zur Seite (Drachenköpfe), 
Als die Schlange tot war, gab der Brunnen viel Wasser. — 
Mohamed aß zwei Löffel Reisbrei und ein Stück Fleisch, und die 
Königstochter kehrte zur Stadt zurück, nachdem sie sich einer 
seiner Sandalen bemächtigt hatte. Als die Leute sie erblickten, 
sagten sie zueinander: „Dort kommt die Königstochter zurück; 
die Schlange hat sie nicht gefressen." — (Die gerettete Preis- 
jungfrau.) — Sie kam zu ihrem Vater und sprach: „0 mein 
Vater, ich habe dort unten einen Menschen gefunden, welcher 
mich um zwei Löffel Reisbrei und ein Stück Fleisch gebeten hat; 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 119 

ich weigerte mich, es ihm zu geben; dann hieß er mich Reisbrei 
und Fleisch vor ihm hinsetzen und tötete die Schlange." — 
„Hast du irgend etwas von ihm mitgebracht?" fragte der Vater. — 
„Ich habe eine Sandale mitgebracht," antworte das Mädchen. — 
Der König ließ eine öffentliche Zusammenkunft anberaumen; er 
wollte allen Bürgern die in Frage stehende Fußbekleidung an- 
messen (Pantoffelgeschichte), Mohamed befand sich gerade in der 
Moschee. Er stach eine Nadel in das Knie seiner Tiere, damit 
sie hinkten; sein Pferd, sein Windhund, sein Falke hinkten; er 
selbst verkleidete sich in Lumpen (Verkleidung). Alle Einwohner 
der Stadt maßen die Sandalen an, sie paßten niemandem. Da 
sagte ein Mann zum König: „In der Moschee ist ein Fremdling 
in Lumpen, sein Pferd hinkt, sein Falke hinkt, sein Jagdhund 
hinkt." Man lief in die Moschee, man maß ihm die Schuhe an, 
sie paßten vollkommen auf seinen Fuß. Und der König sprach 
zu ihm: „Ich schenke dir meine Tochter; du sollst König werden, 
und ich werde dein erster Minister sein." 

Eines Tages sprach Mohamed zu ihm: „Ich gehe auf die 
Jagd." „Es ist gut", entgegnete der Minister. „Du kannst dort 
und dort jagen, aber jage nicht dort, denn das ist das Reich der 
Menschenfresserin." Gewöhnlich jagte er bis zum Abend, und 
dann flogen die Rebhühner bis zu dem Orte, an dem die Menschen- 
fresserin wohnte. Eines Tages sagte er zu seinem Minister: „Ich 
werde in das Gebiet der Menschenfresserin gehen; entweder wird 
sie mich töten oder aber ich töte sie." — So wanderte er in das 
Reich der Menschenfresserin. — Als diese ihn erblickt hatte, kam 
sie ihm entgegen: „Ich grüße dich, mein Sohn Mohamed ben 
Soltan." — „Ich grüße dich, du alte Hexe!" — „Hab acht, daß 
dein Pferd und dein Windhund und dein Falke mich nicht stoßen." 
— „Fürchte nichts." — Die Menschenfresserin trat her, band die 
Tiere mit Pferdehaaren fest und verschlang den Mann, das Pferd, 
den Falken und den Jagdhund {Verschlingen). Ali ben Aguemoun 
ging hin, um den Feigenbaum zu sehen und fand ihn vertrocknet 
(Todezeichen). Sein Bruder war tot. Er begann zu weinen. Er 
ging weiter und kam an den Brunnen, wo sein Bruder die Schlange 
getötet hatte. Die Gattin seines Bruders kam und rief: „Ich grüße 
dich, o Sidi, wir dachten du wärst gestorben." — „Warum soll ich 



120 Zweites Buch. 

gestorben sein?" — „Mein Vater hat zu dir gesagt: „Jage hier und 
dort, aber jage nicht dort. Denn dort ist das Reich der Menschen- 
fresserin." — Ali ben Aguemoun begab sich zu dem Minister und 
ließ Speisen zubereiten, und Ali machte sich unverzüglich auf den 
Weg zur Behausung der Menschenfresserin. — „Schlage sie auf 
die Tätowierung ihrer Stirn," — sagte er zu seinem Pferd. „Kratze 
ihr die Augen aus," — sagte er zu seinem Falken, „öffne ihren 
Leib," — sagte er zu seinem Jagdhund, „aber gib acht auf 
meinen Bruder, auf sein Pferd, auf seinen Falken und seinen Wind- 
hund!" — Die Menschenfresserin erblickte ihn und kam ihm ent- 
gegen : „Ich grüße dich, mein Sohn Sidi ali ben Aguemoun, binde 
dein Pferd, deinen Falken und deinen Jagdhund fest." — Sie sind 
schon festgebunden!" — „Wo. soll ich beginnen? — „Fange bei dem 
Bauche des Pferdes an, denn es ist fett." — „Ich habe Furcht 
vor deinem Pferde!" — „Fürchte nichts, alte Hexe!" — Die Men- 
schenfresserin trat heran, um das Pferd zu verschlingen, sie. erhielt 
aber von demselben einen heftigeu Schlag mit dem Fuß auf ihre 
tätowierte Stirn, und sie fiel tot zu Boden. Der Falke flog hin 
(Vogelhülfe) und riß ihr die Augen aus (vielleicht Herz?) der Wind- 
hund zog vorsichtig den Menschen heraus, auch das Pferd, den 
Falken und den Jagdhund (also Offnen und Ausschlüpfen). In 
ihrer Nähe kämpften zwei Taranteln, und eine tötete die andere. 
Ali sagte zur ersteren: „Fliehe von hinnen, du Böse, jetzt hast 
du deine Schwester getötet, weine über dein Unglück." — „Da ich 
sie getötet habe, — " antwortete sie, „so werde ich ihr das Leben 
wiedergeben." — „Gut, gieb ihr das Leben wieder," antwortete 
Ali. Die Tarantel nahm ein Kraut, (Heilkraut) zerstieß es auf einen 
Stein, preßte den Saft in die Nase ihrer Schwester, die davon 
erwachte. Ali tat dasselbe mit seinem Bruder und dessen Tieren. 
(Wiederlebung) Mohamed stand auf und seine Tiere desgleichen; 
sie brachen zusammen zur Jagd auf, ließen das erlegte Wild braten, 
was ihnen großes Vergnügen verschaffte. Dann kehrten sie in 
den Palast zurück, wo man ihnen zu Ehren ein Fest feierte, welches 
sieben Tage und sieben Nächte währte. 

L. Drachenmythe Senegambien. — Vor vielen Jahren war 
Bambouk von den Saracolais bewohnt. Das Land war fruchtbar, 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 121 

fast im Überflusse brachte es Hirse und andere Lebensmittel her- 
vor, die die Schwarzen gebrauchten. — Das Wild war leicht zu 
erjagen, die Herden gediehen und warfen für ihre Besitzer großen 
Nutzen ab. Mit einem Worte, alle Güter der Erde waren in Fülle 
im Lande, dessen Bewohner sich ganz besonders hätten glücklich 
nennen können, wenn es nicht ein Gesetz gegeben hätte, dessen 
Recht und Ursprung niemand mehr kannte: Sie mußten in jedem 
Jahre ein Menschenopfer bringen, und das war die Quelle eines 
ungeheuren Schmerzes vor allem für die betroffene Familie, der 
sich aber im selben Maße der ganzen Bevölkerung mitteilte. — Man 
wußte übrigens in Bambouk, daß der große Wohlstand, dessen 
man sich erfreute, nur unter der Bedingung fortbestand, daß in 
jedem Jahre ein junges Mädchen, die unter den Schönsten und 
Klügsten ausgesuchi mit großer Praclit an einen schon längst be- 
stimmten Ort im Sumpf gebracht wurde, wo sie die Beute einer 
riesengroßen Schlange wurde, die sich ihrer bemächtigte, sie auf 
den Grund des Wassers zog, ohne das man jemals wieder etwas 
von ihr sah (Allverschlingen). — Tausendmal hatten die Sarakolais 
schon versucht, sich von dieser entsetzlichen Steuer zu befreien; 
sie hatten Gold geboten, genug, um hundert Gefangene zu kaufen 
und so viel Reis und Ochsen, daß es genug gewesen wäre, hundert 
Krieger damit zu ernähren. — Das Ungeheuer war unerbittlich ; sie 
wollte nur ein junges Mädchen, und man mußte nach den genannten 
Bedingungen auswählen und sie im Beisein der gesamten Be- 
völkerung zum Opfer führen. — Man hatte in Bambouk trotz alles 
Reichtums die Freude schon verlernt; die Mütter erfreuten sich 
nicht mehr ihrer Kinder und die jungen Männer zitterten, daß 
die, welche sie liebten, ihnen entrissen werden möchten; kurz, 
alle waren unglücklich. — Nur ein junger Mann und ein junges 
Mädchen fühlten ihr Herz nicht durch die Furcht vor der Schlange 
bedrückt. Sie waren Nachbarn, zusammen aufgewachsen und liebten 
sich zärtlich, sodaß sie nur den Verlauf der nächsten Ernte er- 
warteten um sich zu verheiraten. — Sie lebten glücklich, fanden 
immer einen Vorwand, um sich abends in den Feldern zu treffen, 
und an dem verabredeten Platze hatte das Mädchen stets ein Liebes- 
wort für ihren Bräutigam in Bereitschaft, während der junge Mann, 
als Zeichen seiner Geschicklichkeit und Kühnheit, ihr ein prächtiges 



122 Zweites Buch. 

Stück Wildpret oder die Haut eines wilden Tieres mitbrachte. — 
Eines Tages kam Coumba, so hieß das Mädchen, in Tränen auf- 
gelöst an den Platz des Stelldicheins. Der junge Mann, welcher 
an diesem Tage vom Jagdglück ganz besonders begünstigt worden 
war, wollte sie die Trophäen bewundern lassen, als er den 
Schmerz seiner Geliebten bemerkte und sie bat, ihm die Ursache 
desselben zu sagen. Nach einem Tränenstrom erzählte sie ihm 
die Schreckenskunde, und die beiden Unglücklichen waren der Ver- 
zweiflung nahe. Bald jedoch ermannte sich der Jäger und riet 
dem Mädchen, in das Dorf zurückzukehren und die Tränen zu 
trocknen. — „Und wenn du selbst am Sterben wärest," so sagte 
er ihr, „so dürftest du nicht den Mut verlieren und müstest mir 
vertrauen, denn du wirst nicht das Opfer der gräßlichen Schlange, 
dieses zehnmal verwünschten Ungeheuers, sondern du wirst meine 
Frau werden." — Das arme Mädchen kehrte schluchzend zu ihren 
Eltern zurück, welche, wie man es sich leicht vorstellen kann, 
in Verzweiflung waren. — Inzwischen nahm der junge Mann alles, 
was er in seinem Hause fand und besuchte nacheinander alle Griots, 
alle Marabouts, alle einflußreichen Ältesten und beschwor sie, die 
Schlange dazu zu bringen, ein anderes Opfer als Coumba, seine Ge- 
liebte, anzunehmen. Aber die Furcht, dem Ungeheuer zu mißfallen, 
war so groß, daß jeder ihn schon bei den ersten Worten zurückwies; 
und so beschien die aufgehende Sonne alle Vorbereitungen zu dem 
schrecklichen Feste, welches in jedem Jahre mit großer Feierlich- 
keit begangen wurde. Die ganze Bevölkerung stellte sich in respekt- 
voller Entfernung von dem Sumpfe auf, aus dem die Schlange 
kam, und die arme Coumba, die man mehr tot als lebendig her- 
beigeführt hatte, wurde an einen Baum festgebunden, wie es der 
Brauch war {Preisjungfrau). — Die Priester ließen das Tamtam 
ertönen, und die Frauen stießen von Zeit zu Zeit im Takt einen 
Schrei aus, wie es eben bei diesen Festen von alters her üblich 
war; alles wartete mit schmerzlicher Angst des Augenblicks, wo 
die Schlange, die schon nahe dem Ufer zu sein schien, — denn 
das Wasser des Sumpfes warf bereits Blasen, und endlich erschien 
der Kopf auf dem Wasser, — sich ihr Opfer holen würde. — Da 
erscheint das schreckliche Ungetier nach tausend Verzögerungen 
und Ansätzen, die selbst die Mutigsten erbebend macht ; die Schlange 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 123 

nähert sich Coumba und betrachtet sie mit kaum zurückgehaltener 
Befriedigung; sie will sie eben ergreifen, als plötzlich der junge 
Liebhaber die Menge teilt. Er sitzt auf einem feurigem Rosse 
und ist mit einem Säbel bewaffnet. Alles Volk stößt einen Schreckens- 
schrei aus, denn alle waren überzeugt, daß in diesem Jahre noch ein 
zweites Opfer fallen würde und dachten, weil alle überzeugt waren, 
daß es der junge Mann sein würde: „Nun wird die Schlange künftig 
auch noch einen Jüngling zu gleicher Zeit mit dem Mädchen ver- 
langen." — Der junge Jäger läßt sich jedoch durch das Geschrei 
und die Gefahr nicht beirren; schneller als der Gedanke stürzt 
er sich auf die Schlange, welche schon das Mädchen erfaßt hat, 
um es wegzuschleppen, und mit einem Streich seiner Waffe streckt 
er die Schlange nieder und schneidet sie in zwei Stücke. — Dann 
nimmt er windesschnell Coumba hinter sich aufs Pferd und ver- 
schwindet mit ihr im Galopp, ehe die Einwohner des Dorfes ihn 
zu erreichen vermögen. Denn es ist für ihn zu befürchten, daß 
die Ältesten das liebende Paar doch opfern würden, um damit 
den Tod der Schlange zu sühnen, welche so lange das Land be- 
herrscht hatte. — Schon am nächsten Tage wurde die Gegend von 
feindlichen Volksstämmen überschwemmt, welche mit Feuer und 
Schwert alle Dörfer verheerten, deren Einwohner Miene machten, 
Widerstand zu leisten. Andere Stämme bemächtigten sich durch 
Güte oder Gewalt der besten Landesstücke und der fettesten Herden 
Bambouks. — Heute haben die Sarakolais nur noch kleine Nieder- 
lassungen an Stelle ihrer großen Städte. Sie leben nur noch wie 
arme Bauern auf den von ihren Bezwingern verschmähten Land- 
strecken. 

M. Dodomythe der Haussa. — Eine gewisse Frau ging mit 
ihrer Tochter und ihren Hunden auf die Farm, und als sie dort 
ein Haus gebaut hatten, wohnten sie in der Einsamkeit; sie 
kochten für ihre Hunde und für sich Essen; und sie machten 
Haferschleim für sie und sie tranken ihn. In der Nacht kam Dodo 
und schrie; sie riefen die Namen ihrer Hunde und diese trieben 
Dodo fort. Und als sie Dodo in den Wald gejagt hatten, kehrten 
die Hunde nach Hause zurück. In jeder Nachtstunde kam Dodo, 
und die Hunde trieben ihn immer wieder fort. Als die Mutter 



124 Zweites Buch. 

sich aufmachen wollte, um in die Stadt zu gehen, befahl sie ihrer 
Tochter, Haferschleim zu machen und ihn den Hunden zu trinken 
zu geben ; sie befahl ihr, gute Nahrung für sie zu machen, sodaß 
die Hunde genug zu essen hätten. Das Mädchen sagte: „Schön 
so". — Als aber die Mutter in die Stadt gegangen war, gehorchte 
sie den Worten ihrer Mutter nicht; und als ihre Freunde kamen, 
machte sie Haferschleim und gab ihn diesen und diese tranken 
ihn. Für die Hunde ließ sie nur den Abfall und diesen tranken 
sie nicht. Sie gab ihren Freunden Essen und diese aßen es, und 
das was verbrannt war, gab sie den Hunden, aber die Hunde 
weigerten sich, dies zu essen. Als es Nacht war, kam Dodo mit 
einem Schrei. Das Mädchen war erschrocken und rief die Hunde 
bei Namen „Shato! Shato!" Shato kam, aber ging wieder weg 
und wollte Dodo nicht wegtreiben, sie rief nach Zari; er kam, 
aber entfernte sich auch wieder, ohne Dodo wegzutreiben.. Sie 
rief Shamukusa; er kam und ging wieder, ohne Dodo wegzutreiben. 
Jeder Hund kam und ging wieder weg. Dodo rief fortwährend laut, 
kam und ging in das Haus, und da blieb er stehen. Das Mädchen 
erhob sich, ging in ihr Zimmer und blieb dort, Dodo schrie, kam und 
ging in ihr Zimmer. Das Mädchen stieg in sein Bett. Dodo kam an 
das Bett. Das Mädchen kroch nun die Scheune herauf. Dodo 
schrie und ging in die Scheune. Das Mädchen kroch unter einen 
großen irdenen Topf. Dodo schrie und kam und verschluckte 
das Mädchen mitsamt dem Topf (Verschlingen). — Als ihre Mutter 
am nächsten Tage kam, schaute sie um sich, konnte jedoch ihre 
Tochter nicht sehen. Sie sagte: „Dodo hat das Mädchen ver- 
schlungen; das Mädchen hat Nahrung gemacht, aber hat dieselbe 
nicht den Hunden vorgesetzt; sie hat keinen Haferschleim gemacht, 
damit ihn die Hunde tränken." Nachdem die Mutter eine Masse 
Speise bereitet hatte, gab sie dieselbe den Hunden und diese 
fraßen sie auf und waren sehr befriedigt. Nachdem sie Hafer- 
schleim gemacht hatte, gab sie denselben den Hunden, die sie 
auch tranken und sehr zufrieden waren. In der Nacht kam Dodo 
wieder schreiend an; die Hunde erhoben sich, fingen Dodo, und 
nachdem sie Dodo getötet hatten, kam die Mutter des Mädchens, 
öffnete Dodos Leib (öffnen) und fand den Topf; sie öffnete den 
Topf und fand ihre Tochter (Ausschlüpfen); sie war sehr froh, 



Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 125 

ihre Tochter noch am Leben zu finden und daß sie nicht in Dodos 
Leib gestorben war. Ihre Mutter war glücklich, sehr glücklich, 
weil sie ihre Tochter noch lebend fand. 

N. Spinnenmythe der Temne. — (Es wird mir von Kennern 
des Temnegebietes versichert, daß es eine Mythe gebe, in deren 
Verlauf Spinne das Feuer holen wollte und zu diesem Zwecke 
sich von einer Kuh verschlingen ließ, aus deren Leib dieser Tier- 
held auch glücklich wieder herauskommt. Bis näheres hierüber 
mitgeteilt werden kann, möge wenigstens auf eine verwandte Mythe 
hingewiesen werden. Dieselbe beginnt, nachdem geschildert worden 
ist, wie Spinne mit Tamba, einer mythischen Person, eine Kuh des 
Königs schon getötet, einen Teil von ihr genossen und den Ameisen- 
bär als Sünder zum Tode befördert hatte.) Die Mythe fährt fort: 

Als nun eines Abends, da die Leute des Königs schlafen ge- 
gangen waren, Spinne und Tamba dahin gegangen waren, wo sie 
die Kühe des Königs angebunden antrafen, ergriff Spinne seine 
Medizin, streichelte eine große Kuh und sagte: „Kuh laß einen 
Wind streichen, Kuh, laß einen Wind streichen!" Die Kuh tat 
so, und die beiden schlüpften in den Bauch des Tieres (statt Ver- 
schlingen). Spinne zeigte Tamba das Herz und warnte den Ge- 
nossen davor, dort zu schneiden. Spinne schnitt alsdann Fleisch- 
stücke heraus, und Tamba steckte sie in den mitgebrachten Korb. 
Danach forderte Spinne die Kuh wieder auf, einen Wind streichen 
zu lassen, und so gelangten sie wieder aus deren Leib (Ausschlüpfen). 
Vier Tage lebten sie von dem Fleische. Alsdann zogen beide aber- 
mals zu gleichem Zwecke aus. Wie damals gelangten sie in die 
Kuh (Verschlingen). Diesmal aber schnitt Tamba, und Tamba zer- 
schnitt die Herzfibern (Herz), sodaß die Kuh tot zu Boden sank. 
Nun wußten sie nicht, was tun? Tamba setzte sich in den Mast- 
darm. Die Leute des Königs meldeten diesem den Tod der Kuh. 
Die Männer begannen, das Tier zu zerschneiden. Da schrie Spinne : 
„Seid vorsichtig, daß ihr mich nicht trefft!" Die Leute erschraken 
und berichteten das dem König. Da kam dieser selber und be- 
fahl, an derselben Stelle weiter zu schneiden. Aber Spinne kroch 
an einen andern Ort. Als die Leute beim Zerlegen soweit ge-r 
kommen waren (Öffnen), zogen sie Spinne und seinen Korb heraus 



126 Zweites Buch. Der Sonnengott im Fischbauch: Afrika. 

(Ausschlüpfen). Spinne wurde gebunden und sollte geschlagen 
werden, weil er das beste Stück der Herde des Königs getötet 
hatte. Da schrie Spinne: „Ich und Tamba, wir waren zusammen. 
Ich und Tamba waren zusammen! — „Wer ist Tamba?" fragten 
sie. „Ich weiß nicht, von wo er kam", sagte Spinne. Der König 
glaubte ihm nicht. Unterdessen saß Tamba im Mastdarm. Die 
Leute schnitten denselben heraus, um ihn am Wasser zu reinigen. 
Wie sie nun seinen Inhalt ausschütteten , kam Tamba mit heraus 
und sprang unbemerkt an das andere Ufer. Er beklagte sich nun, 
daß die Leute beim Ausspritzen ihn mit Kuhdünger überschüttet 
hätten. Der König schenkte ihm, um ihn zu beruhigen, darauf 
ein neues Gewand. Beim Palaver behauptete Spinne nun, daß 
Tamba sich an dem Diebstahl beteiligt hätte. Darauf rief man 
dessen Frau, um sie zu verhören. Diese sagte nun allerdings aus, 
daß Tamba seit gestern Mittag nicht zu Hause gewesen sei. Tamba 
wußte sich jedoch zu rechtfertigen, indem er darauf hinwies, daß, 
wenn er dabei gewesen wäre, er auch hätte in der Kuh gefunden 
werden müssen. Da wurde das Urteil über Spinne gefällt; er wurde 
an einen Palmbaum gebunden und mit Palmzweigen gestäubt. Deshalb 
hat er soviel Beine bekommen. Als Spinne genug gepeitscht war, 
ließ der König ihn laufen. Er wurde darauf krank, erholte sich aber 
wieder und hatte nun viele Beine. Er lief in den Wald von dannen. 

0. Jonasmythe der Akpoto. — Unusa ben Mata war ein 
Prophet des wahren Gottes. Aber er überhob sich im Stolz auf 
seine Mission, und eines Tages warf er sich in das Wasser, in 
dem Glauben, ein Wunder würde ihn über demselben halten. Um 
ihn für seinen Dünkel zu strafen, erlaubte der Herr einem großen 
Fisch (kifi-kuka), ihn zu verschlingen (Verschlingen). Der Fisch 
aber wurde die Beute eines Alligators (Kada), der Alligator wurde 
von einem Flußpferd (dorina) verschlungen, und sie lebten einer 
im andern auf solche Weise tausend Jahre. Nach Ablauf dieser 
Zeit befahl Gott dem Hyppopotamus, den Alligator auszuspeien, 
dem Alligator, den Fisch auszuspeien, dem Fisch, Unusa ans Ufer 
zu speien (Ausschlüpfen). Unusa erkannte nun seine Kleinheit 
und Gottes Größe. Er gestand seinen Fehltritt und bekannte von 
Stund' an den wahren Glauben. 



VII. 

Die Walfischdrachenmythen der Mongoloiden 

Asiens. 

Ein einheitliches und in allen seinen Teilen übereinstimmen- 
des Geistesleben beherrscht die türkisch-tatarischen und mongo- 
lischen Völkerschaften Asiens. Diese Übereinstimmung ist natür- 
lich als ein Produkt des ewigen Hin- und Hertreibens und des 
ständigen Wanderns aufzufassen. Je weiter unser Blick zurück- 
reicht, je mehr wir in der Vergangenheit zu lesen vestehen, desto 
mehr erkennen wir die Gesetzmäßigkeit, die den Völkerwande- 
rungen des Inneren Asiens innewohnt. Wir wissen von den 
Türkenströmungen, kennen die Mongolenflut und haben jetzt auch 
nicht nur die mächtige Brandung der Hunnenüberschwemmung, 
die den Westen und das Ufer der arischen Kultur ganz gerade 
so gut überdeckte wie den Osten, und die alt-mongoloide Kultur 
in China kennen gelernt, sondern wir haben auch die Ahnung 
gewonnen, als sei diese letztgenannte nicht die erste der riesigen 
Überschwemmungen gewesen. Und das Geistesleben anbelangend: 
Wir wissen wie ein Dschengis-Chan, zwischen den verschiedenen 
Glaubensformen schwankend, den Buddhismus aufnahm, und wie 
seine Nachfolger ihn über die Völker hin verbreiteten. Das sei 
uns ein Zeichen, das diese Nomadenstürme nicht nur verwüsteten, 
sondern daß sie die Samenkörner einer höheren Kultur aufnahmen 
und über die weiten Ebenen verstreuten. Als einheitlich tritt uns 
die tatarisch-mongoloide Mythologie entgegen, und gleich, ob wir 
unter den Völkern der Steppen Rußlands oder ob wir unter die 
Tarantschi, einer ins Chinesengebiet versprengten Türkengruppe, 
forschen, — überall finden wir die gleichen Mythen, die gleichen 
Stoffe, wenn auch überall in der Form leicht abgewandelt. — Und 
zum zweiten muß ich darauf hinweisen, daß neben der Haupt- 



128 Zweites Buch. 

Charaktereigentümlichkeit der Einheit die zweite der epischen Be- 
handlung des Stoffes nicht übersehen werden darf. Wenn wir 
bei den bisher betrachteten Stoffen zwischen den Bezeichnungen als 
Mythe oder Märchen manchmal schwanken möchten und deshalb 
lieber die einheitliche Bezeichnung als Mythe bevorzugten, so haben 
wir jetzt im Innern Asiens die episch abgewandelte und oftmals 
histologisch erklärte Mythe vor uns. 

Anders wie das Becken der Mongoloiden im Innern Asiens 
zeigt der Ostrand der Mongoloiden Asiens seine Formen. Wohl 
übt auf China und Japan die verflachende Wiederholung der ab- 
schleifenden Sturmbewegungen aus dem Innern ihren Einfluß; 
Japan aber liegt am Rande des großen Meeres, des gewaltigen 
Seewanderns und hat demnach mancherlei Reste erhalten, die den 
Typus der alten solaren Mythologie noch durchschimmern lassen. 
Diesem Gedankengange folgend, behandeln wir den Stoff in zwei 
Abschnitten. 



Die Walfischmythen der Mongoloiden Innerasiens. 

A. Die Bogda-Gesser-Chanmythe in Tibet. — (Die Überschrift 
lautet nach der Übersetzung aus dem mongolischen Original: „Gessers 
Zug gegen den in einen ungeheuren Tiger verwandelten Riesen 
und dessen Besiegung.") — 

In der Nordgegend hauste die Verwandlung eines Mangus 
(Riesen) in der Gestalt eines schwarzgestreiften Tigers von der 
Größe eines Berges. Seine Körperlänge nahmen hundert Meilen 
Wegeslänge ein. Aus der Rechten seiner Nüstern loderte Feuer 
und aus der linken wirbelt dicker Rauch empor. Einen Menschen 
erblickte er in der Entfernung einer Tagereise, und er schnappte 
ihn zum Verschlingen in der Entfernung einer halben Tagereise. 
Die drei siegreichen Schwestern des Herrschers in den zehn Ge- 
genden Gesser Chaghan, namens Dschamtso, Dari und Udam t 
diese Schwestern kamen zu Gesser und sprachen zu ihm : „Weist 
du es auch, liebes Rotznäschen, daß in der Nordgegend die Ver- 
wandlung eines Riesen in der Gestalt eines schwarzgestreiften 
Tigers von der Größe eines Berges haust?" Ferner sprachen die 
drei durch magische Verwandlung siegreichen Schwestern: „Daß 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 129 

dieses dein Volk auf Dschamdudwip unter der Gewalt dieses 
Tigers steht, ist gegen die Ordnung; suche daher ihn mit Vor- 
sicht zu bekämpfen und zu besiegen!" Gesser erwiderte: „Meine 
Schwestern haben vollkommen Recht ! Ich habe es nicht gewußt; 
nun aber will ich hingehen und ihn besiegen." Sogleich schickte 
er einen Boten zu seinem edlen Bruder Dsesse Schikir und zu 
seinen dreißig Helden mit dem Befehle, sie einen nach dem an- 
dern herzurufen. Als alle sich versammelt hatten, fragte Dsesse 
Schikir: „Mein Bogda, zu welchem Zweck hast du uns herbe- 
rufen?" Gesser Chaghan antwortete: „Hast du nichts davon ge- 
hört, mein Dsesse? In der Nordgegend haust ein schwarzgestreifter 
Tiger von der Größe eines Berges; einen Menschen erblickt er in 
der Entfernung einer Tagereise, und er schnappt und verschlingt 
ihn in der Entfernung einer halben Tagereise. Die rotfüßigen 
Menschen sollen nicht länger unter der Gewalt dieses Ungeheuers 
verbleiben. Da ich bis in mein fünfzehntes Jahr mein Dasein in 
verwandelter Gestalt (in niederer Gestalt als Joro) zeigte, so 
konnte ich euch kein einziges Zeichen meines Heldenberufes geben, 
nun aber will ich Euch ein solches Zeichen geben: Macht euch 
zum Aufbruch fertig!" Gesser Chaghan, der Herrscher in den 
zehn Gegenden, hatte sein braunes geistiges (magisches) Pferd 
bestiegen, er hatte seinen tauschimmerf arbigen, schwarzblauen 
Panzer angelegt, er hatte seine weiße Schulterbedeckung angelegt 
er hatte seinen weißen, wie aus Sonne und Mond vereint zu- 
sammengesetzten Helm aufgesetzt. Er hatte seine dreißig weißen 
Pfeile mit Kerben von Edelstein und seinen straffen, schwarzen 
Bogen eingesteckt. Er hatte sein geistiges (magisches) dreiklafter- 
langes Schwert von schwarzem Erze angeschnallt und rief: „Du, 
mein Dsesse Schikir, Sperber unter den Menschen, besteige mir 
nach, deinen geflügelten Grauschimmel, lege deinen beschuppten 
Panzer an, setze den Daghoris-choi genannten Helm auf dein 
edeles Haupt, stecke deine dreißig weißen Pfeile ein, ergreife 
(fasse) deinen straffen schwarzen Bogen, schnalle deinen Kärmi 
genannten Säbel von gegossenem Stahl um und folge unmittelbar 
nach mir, mein Dsesse! Sodann du, mein Schumar, Adler unter 
den Menschen, besteige, meinem Dsesse nach, deinen Apfelschimmel, 
lege deinen tauschimmerfarbigen, schwarzblauen Panzer an, stecke 

Frobenius, Sonnengott. I. 9 



130 Zweites Buch. 

deine dreißig weißen Pfeile ein, fasse deinen straffen schwarzen 
Bogen, schnalle deinen Säbel von unabstumpfbarer Schärfe und 
von härtestem Stahle um; und folge unmittelbar hinter meinem 
Dsesse! Sodann du, Bam Schürtse, Sohn des Badmari, besteige, 
Schumar nach, deinen trefflichen Blauschimmel, lege deinen blau- 
angelaufenen Panzer an, versieh dich mit deinem ganzen Waffen- 
geräte und folge unmittelbar hinter Schumar! Sodann du, mein 
Buidong, mein Verwandter von Frauenseite, besteige, Bam Schürtse 
nach, deinen Apfelschimmel, versieh dich mit deinem ganzen 
Waffengeräte und folge unmittelbar hinter Bam Schürtse als An- 
führer der dreißig Helden in der Art, daß einer nach dem andern 
in ununterbrochener Linie dir folge!" — Nachdem der Herrscher 
in den zehn Gegenden Gesser diese Befehle erteilt hatte, machte 
er sich in Begleitung seiner dreißig Helden auf den Weg. Wäh- 
rend sie dahinzogen, erblickte er in der Entfernung einer Tage- 
reise den schwarzgestreiften Tiger von der Größe eines Berges. 
Als Gesser Chaghan nun rief: „Dort ist der schwarzgestreifte 
Tiger von der Größe eines Berges!" schaute auch der edle Dsesse 
Schikir hin und fragte: „Ist es etwa das gleiche, das gleich 
Nebel oder wie Rauch sich Ausbreitende auf dem Gipfel des 
Berges?" — „Das ist es mein Dsesse Schikir!" sprach Gesser. Die 
dreißig Helden fragten: „Was? Wo." Aber Dsesse Schikir ent- 
gegnete ihnen: „Geht ruhig weiter! Ihr seht es nicht. Laßt uns 
immer in der Richtung bleiben, wohin Gessers Zügel lenkt!" Der 
Herrscher in den zehn Gegenden, Gesser Chaghan, ritt im mäßigen 
Trott, aber der schwarzgestreifte Tiger von der Größe eines Berges, 
noch eine halbe Tagereise entfernt, nahm die Flucht. Der Herr- 
scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan, gab seinem magi- 
schen Braunen einen Hieb über dem Schenkel und verstärkte 
dessen Lauf; hinter Gesser folgten die dreißig Helden in einer 
Reihe nach ihrer Ordnung. Der schwarzgestreifte Tiger von Ber- 
gesgröße versuchte aus der Entfernung einer Tagereise Gesser 
Chaghan zu verschlingen, verfehlte ihn aber. Nach diesem ver- 
fehlten Versuche erreichten und umzingelten sie ihn. Als die 
dreißig Helden sämtlich beisammen waren, wollte Gesser ver- 
suchen, welcher von ihnen herzhaft und welcher es nicht sei und 
sprang zu dem Ende in magischer Verwandlung in den Rachen 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 131 

des Tigers (Vwschlingeri). Innerhalb des Rachens stemmte er 
seine beiden Füße gegen die unteren Hautzähne des Tigers, 
stemmte sein Haupt gegen dessen Gaumen und seine beiden Ell- 
bogen gegen die beiden Mundwinkel. Buidong mit den dreißig 
Helden ergriff die Flucht. Dsesse Schikir, dies sehend, rief: „0 
weh, warte doch, Buidong, was machst du!" Aber Buidong, ohne 
sich umzusehen, floh weiter, fürs erste bis zur Grenzscheide, ehe 
er sich zurück zum großen Volke begab. Bei Gesser waren ge- 
blieben, der edle Dsesse, der Adler der Menschen, Schumar und 
Bam Schürtse, Sohn des Badmarie; diese drei Helden waren allein 
übriggeblieben. Trauernd sprach Dsesse Schikir zu den beiden 
andern Helden: „Den Herrscher in den zehn Gegenden, den Ver- 
filger der Wurzel der zehn Übel, meinen heilbringenden Helden 
und Bodga Gesser Chaghan hat der schwarzgestreifte Tiger von 
Bergesgröße verschlungen. Der nichtswürdige Buidong ist ge- 
flohen und hat die dreißig Helden in seiner Flucht mit fortge- 
rissen. Was würde aus dem teuern Namen meines Bodga werden, 
wenn auch wir drei die Flucht ergriffen! Was würden die man- 
cherlei grausamen Feinde sagen! Was würden die neidisch grol- 
lenden Verwandten, was die Schiraighol'schen Chane sagen! Was 
ist eure Meinung meine Gefährten?" Sie antworteten: „Wie 
können wir beide entscheiden? Du, unser Dsesse Schikir, magst 
wissen, was zu tun ist!" Dsesse Schikir sprach: „Das kann so 
viel heißen als — ich möge entscheiden, ob ein Fest (d. h. nichts 
getan) werden soll; ihr gebt aber damit wohl eure Absicht zu 
verstehen, entweder umzukommen oder davon zu kommen (d. h. 
zu siegen)." Dies gesagt, spornte Dsesse Schikir mit betrübtem 
Herzen seinen geflügelten Grauschimmel durch einen Schenkel- 
streich an, zog sein Kurmi genannten scharfen Säbel von gegos- 
senem Stahl und war im Begriff, den Tiger anzugreifen, als ihm 
der Gedanke einfiel: „Mein Gesser Chaghan, der Herrscher in den 
zehn Gegenden, besaß das Vermögen magischer Verwandlungen: er 
mag nun tot oder noch am Leben sein, so muß ich, auf den Fall, 
daß er noch leben sollte, bis zu seinem edlen Körper zu gelangen 
suchen." Mit diesem Gedanken steckte er den Kurmi genannten 
Säbel von gegossenem Stahl ein und fiel den Tiger an, den er 
am Stirnfell packte und mit dem linken Arm umschlungen hielt. 

9* 



132 Zweites Buch. 

Während der Tiger würgte und sich schüttelte, riß Dsesse Schikir 
ihm mit der festgekrallten Hand das Stirnfell herunter, schwang 
sich dann hinauf und bekam dessen beide Ohren zu packen, wo- 
durch er ihm die Bewegung raubte. Nachdem Dsesse solcher 
Gestalt den Tiger in seiner Gewalt hatte, zogen die beiden an- 
dern Helden ihre Schwerter und kamen heran. Unterdessen rief 
Gesser Chaghan aus dem Innern des Tigerrachen folgendes: „Mein 
edler Dsesse Schikir, dich habe ich erkannt! Verdirb nicht das 
Fell dieses Tigers; wir werden ihn durch ein anderes Mittel 
töten! Denn aus dem Kopffell des Tigers können 100 Helme, 
sowie aus dem Fell des übrigen Körpers 150 Harnische verfertigt 
werden. Laß den Tiger los, mein Dsesse!" Mit Lachen ließ Dsesse 
den Tiger los und rief: „Was hat mein Bogda da gesprochen!" 
Unterdessen hatte Gesser Chaghan mit seiner linken Hand die 
Kehle des Tigers erfaßt, wodurch er ihn zum Wanken brachte 
(Herz?). Sodann zog er mit der rechten sein Messer mit kristal- 
lenem Griff hervor, stieß es dem Tiger durch die Kehle (Öffnen) 
und kam heraus (Ausschlüpfen). Nachdem Gesser Chaghan den 
Tiger getötet hatte, sprach er: „Bist du mein Dsesse nicht ein 
Künstler? Schneide doch aus dem Kopffell für die 30 Helden 30 
Helme zu, so auch aus dem Fell des übrigen Körpers 30 Harnische. 
Das Übrige vom Fell wollen wir unter den Besten der 300 Hauptleute 
verteilen." — Nachdem Gesser Chaghan den Tiger getötet hatte, 
trat er mit seinen 30 Helden den Rückweg an. Unterwegs sprach 
Dsesse Schikir: „Mein Bogda, der nichtswürdige Buidong hat, 
deine 30 Helden mit sich fortreißend, die Flucht ergriffen! Welche 
Schmach deinem teuern Namen!" Der Herrscher in den zehn 
Gegenden Gesser Chaghan erwiderte: „Mein Dsesse Schikir, 
schweige davon, während ich von meiner kleinsten Kindheit an 
die Grausamen unterdrückte und besiegte, gebrauchte ich den Bui- 
dong beständig als Wegweiser. Dieser Buidong ist ein solcher 
Wegweiser, daß er z. B. in der finstersten Nacht eine irgendwo 
hingesteckte Nadel nie verfehlen wird. Überdies ist er ein voll- 
kommener Meister in der Kenntnis der Sprachen aller sechs Wesens- 
gattungen. Darum schweige und beschäme ihn nicht! Sein Titel 
ist fortan Mergen Tewene." 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 133 

B. Die Täktäbäi-Märgän-Mythe der Altejar (Katunja). — (Der 
jüngste Sohn einer armen Familie, Täktäbäi-Märgän wird verjagt. 
Auf der Wanderschaft kommt er an die Jurte eines alten blinden 
Ehepaares, das einen goldenen Napf und eine goldene Schale be- 
sitzt, die von selbst kommen und sich von selbst füllen (Sonnen- 
speise). Sie wittern den Jüngling (Menschenwitterung) und werfen 
die kupferne Angel aus. Die kupferne Angel ergreift den Jüng- 
ling. Die beiden Alten nehmen ihn an Kindes Statt an. Eines 
Tages erhält er das Pferd und den Bogen des alten Mannes. Er 
galoppiert nun mit dem eisengrauen Pferde fröhlich umher). 

Der Alte sprach: 

„Nach Sonnenuntergang zu 

Wird ein sehr großer Weg sein; 

Auf diesem Weg reite nicht mein Kind, 

Nach Sonnenaufgang hin reite. 44 

Als der Sohn des Alten gehört, 

Den mächtigen schwarzen Bogen 

Gürtete er sich um. 

Das schwarze mächtige Schwert 

Gürtete er sich um. 

Das bei der eisernen Pappel angebundene 

Eisengraue Pferd 

Bestieg er. 

Als er das Pferd bestiegen hatte, 

Sprach der Jüngling in seinem Herzen: 

„Weshalb sagte er mir, 

Nach Sonnenuntergang reite nicht! 

Weshalb sagte er dies? 

Vielleicht sein Vieh, 

Sein Geld, sein Volk, seine Leute werden dort sein. 

Wie kann man es wohl sehen? 44 

Der Jüngling ritt jetzt dorthin, 

Nach Sonnenuntergang ritt er, 

Auf einem großen Wege ritt er. 

Des Himmels Staub fiel zur Erde nieder, 

Der Erde Staub stieg zum Himmel auf. 

Daß es Winter war, 

Merkte er am bereiften Kragen. 

Daß es Sommer war, 

Merkte er am erhitzten Schulterblatt. 

So ritt der Jüngling, 

So ritt er. 



134 Zweites Buch. 

Den Berg Aryskan 

Als er überritten hatte* 

Sprengte das eisengraue Pferd zurück. 

Der Jüngling fragte das Pferd: 

„Was weißt du, 

Was weißt du, mein Pferd? 

Was weißt du, 

Was weißt du, mein Pferd? 

Mein eisengraues Pferd, 

Was hast du gesehen?" 

Das Pferd sprach: 

„Wenn wir dem Teufel nahe sind, 

Wie sollen wir darauf denken, uns zu retten?" 

Der Jüngling fragte wiederum: 

„Was hast du gesehen, mein Pferd?" 

Zürn Jüngling sprach das Pferd: 

„Sieh nach unten! 

Sieh nach oben!" 

Der Jüngling sah nach unten, sah nach oben. 

Als der Jüngling so nachsah, 

Mit der oberen Lippe 

Nach dem Himmel schnappend, 

Mit der unteren Lippe 

Nach der Erde schnappend, 

Steht Ker Jupta da. 

Dies sah der Jüngling, 

„Was für Rettung wird sein? 

Keine Rettung wird sein!" Sprechend, 

Sein eisengraues Pferd 

Zu einer grauen Krähe machte er; 

Dorthin schüttelte er es; 

Hierhin schüttelte er es; 

Sein eisengraues Pferd 

Zu einer grauen Krähe machte er; 

Ließ es zum Himmel emporsteigen. 

Der Jüngling selbst 

Pferdemist seiend 

Rollte zu Boden. 

Einen Nagel nahm er, 

In seine Tasche steckte er den Nagel, 

In des Ker Jupta Mund trat er ein. 

Der Jüngling nahm den Nagel, 

Seine untere Lippe fest an die Erde, 

Seine untere Lippe mit dem Nagel befestigte er. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 135 

Der Jüngling nahm einen Nagel, 

Die Oberlippe fest an den Himmel, 

Die Oberlippe mit dem Nagel als er befestigen wollte, 

Da sprach Ker Jupta: 

„Warte, warte doch! 

Was für Fliegendes 

Hat meinen Mund befestigt. 

Laß ein wenig los, 

Ich will ein Wort sprechen!" 

Der Jüngling ließ ein wenig los, 

Ker Jupta sprach: 

„Mein Bauchfett nehmend, 

Gürte es dir um. 

In meinem Innern 

Wird ein silberner Kasten sein; 

In dem silbernen Kasten 

Wir ein goldener Kasten sein; 

In dem goldenen Kasten 

Wird ein silberner Kasten sein. 

Den silbernen Kasten nimm. 

Diesen Kasten nehmend, 

Wirf ihn in den Milchsee. " 

Der Jüngling trat in den Mund des Ker Jupta (Verschlingen). 

Seine Unterlippe befestigte er fest an die Erde; 

Seine Oberlippe befestigte er fest an den Himmel; 

Den Bauch des Ker Jupta zertrat er (Offnen). 

Als er des Ker Jupta Bauch zertreten, 

Wie viel unzählbares Volk kam heraus! (AllausscMüpfen.) 

Wie viel Volk, Leute, Untertanen kamen heraus! 

Wie viel Geld und Sachen kamen heraus! 

Alle weinend, 

Alle jammernd, 

Kamen sie aus dem Leibe des Ker Jupta heraus. 

Ein Teil der Menschen sprach: 

„In einem warmen (Hitze) Lande lebte ich, 

In ein kaltes Land bin ich gekommen." 

Ein Teil der Leute sprach: 

„Was für ein edler Mensch 

Hat uns von der schwarzen Nacht befreit? 

Was für ein edler Mensch 

Hat uns den hellen Tag gezeigt?" 

Jetzt nahm der Jüngling 

Des Ker Jupta Bauchfett (Herz?), 

Schlang es um die eiserne Pappel. 



136 Zweites Buch. 

Die eiserne Pappel verbrannte ganz. (Feuerentzünden?) 
Des Ker Jupta Eingeweide 
Warf er in den Milchsee. 
Der Milchsee trocknete ganz aus. 
Den sibernen Kasten zertrat er. 
In dem silbernen Kasten 
War ein goldener Kasten. 
Den goldenen Kasten zertrat er; 
In dem goldenen Kasten 
War ein silbernen Kasten. 
Den silbernen Kasten zertrat er; 
In dem silbernen Kasten 
War ein zusammengeknotetes weißes Tuch. 
Dieses Bündel nahm der Jüngling, 
Steckte es in seine Tasche. 
Aus dem Kasten kam viel Geld, 
Volk und Leute nahm der Jüngling. 
Alles Geld, alle Sachen nahm er. 
Das w r eiße Vieh trieb er vor sich her 
Und kehrte heim. 

Voraus kam der Jüngling nach Hause. 
Zu Hause schliefen der Alte und die Alte. 
Der Jüngling das vorher in seine Tasche gesteckte 
Weiße Tuch machte er auf, sah nach. 
In dem weißen Tuche 
Des Alten und der Alten zu je zweien 
Beide Augen waren eingebunden. 
Der Jüngling der Alten Augen 
Mit der Handfläche er setzte ein. 
Der Jüngling des Alten Augen 
' Mit der Handfläche er setzte ein. 
Der Sohn zur Seite des Feuers 
Setzte sich mit gekreuzten Beinen, 
Setzte sich und rauchte Tabak. 
Jetzt standen der Alte und die Alte auf, 
Beide standen auf. 
Ihre Augen waren sehr hell, 
Ihre Augen waren sehr schön. 
Den Jüngling sahen sie, 
Bei der rechten Hand faßte ihn der Alte, 
Bei der linken Hand faßte ihn die Alte, 
Den Jüngling küßten sie, 
Als sie herausgingen, 
Draußen Kühe, Pferde, Leute, Volk, 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 137 

Draußen stand alles. 

Der Alte und die Alte freuten sich sehr, 
Beide eilten ins Haus, 
usw. 

(Darauf verleiht der Alte dem Jüngling seine magischen Ver- 
wandlungen, und es folgen die weiteren Taten des Helden.) j 

C. Die Kara Kan-Mythe der Schor. — (Altün Aryg ist die 
einzige Tochter des wohlhabenden Kara Kan. Der Vater wird 
alt. Seine Tochter will ihm die Viehwartung abnehmen; als der 
Vater dies aber nicht will, flieht das Mädchen. Die Eltern blei- 
ben weinend zurück. Sie trifft auf ihrem Wege das Lager des 
Helden Altyn Kan.) 

Zum Helden trat sie ein, 

Beide begrüßten sich. 

Der Held fragte: 

„Was für eines Menschen Kind bist du? 

Sage mir das!" 

Das Mädchen spricht: 

„Des Kara Kan Tochter bin ich, 

Ich bin Altyn Aryg. 

Aber wer bist du?" 

Der Held spricht: 

„0 Mädchen, mein Name ist 

Altyn Kan mit weißblauem Rosse, 

Wohin gehst du aber?" 

Das Weib spricht: 

„Von weiten bin ich gekommen, 

Weit werde ich gehen. 

Es gibt einen Kan der heißt Tschylan Kan (Schlangenfürst) 

Dessen Jurte ist weit, 

Den muß ich töten. 

Wenn er stirbt, so möge er sterben, 

Wenn ich sterbe, so möge ich sterben, 

Dies ist ein starker Fürst, 

Die andern Fürsten besiegt er, 

Der andern Länder Tribut 

Nimmt der Tschylan Kan. 

Der andern Länder Helden 

Fürchten ihn, 

Weinen, 

Zahlen ihm." 



138 Zweites Buch. 

Das Weib ging zum Tschylan Kan. 

Ob sie viel gegangen, ob sie wenig gegangen, 

Den Tschylan Kan sieht sie. 

Alles Wild steht dort, 

Alle Vögel stehen dort. 

Das Weib sieht sie, 

Wild und Vögel weinen alle, 

Des Tschylan Jurte ist nicht dort, 

Auf weiter Steppe steht sie, 

Dort ist des Tschylan Kan Mund. 

Eine Lippe am Himmel, 

Eine Lippe an der Erde, 

Das Kinn ist in der Erde, 

Das Weib sieht es. 

Wenn ein Held kommt, 

Wenn Wild und Vögel kommen, 

Alle treten in den Mund ein. 

Das Weib kam, 

In den Mund trat sie ein (Verschlingen). 

Menschen und Vögel, 

Weib und Vögel 

Befinden sich dort lebending. 

Das Weib kam zum Herzen des Tschylan Kan (Herz). 

Sein Herz hält sie und besieht es. 

„Wo soll man es töten? 44 sagt sie, 

Sie fragt den Helden. 

Die Helden sprachen: 

„0 Weib, 

Wir können es nicht töten! 

Sieh du zu, Weib, 

Wo man es töten kann, sieh zu." 

Das Weib spricht: 

„Gebt mir ein Schwert." 

Die Helden gaben das Schwert. 

Das Weib mit dem Schwerte 

Das Herz des Tschylan Kan schlug sie, 

Tschylan Kan starb nicht, 

Des Weibes Schwert zerbrach. 

Jetzt nahm das Weib ihr eigenes Schwert. 

Das Weib rief: 

„Seht her, ihr Helden! 

Ich will den Schlag versuchen." 

Das Schwert schwang sie, 

Tschylan Kan starb. 



Der Sonnengott im* Fischbauch: Asien. 139 

Als Tschylan Kan gestorben, 

Ging das Weib aus dem Leibe heraus, (Hddenauschliipfen) 

Die Vögel flogen, 

Das Wild lief heraus, 

Die Lebenden von den Helden 

Aus dem Leibe gingen sie heraus (Attausschlüpfen). 

Die Helden sprachen: 

„Dein Leben möge lang sein, 

Dein Wirken möge erhaben sein! 

Du hast uns Gutes getan, 

Du hast uns errettet, 

Wir wollen dir Tribut zahlen!" 

Das Weib sprach: 

„0 Helden, 

Ich nehme euern Tribut nicht, 

Ich bedarf seiner nicht, 

Wo ihr früher gelebt, 

Lebet auch jetzt. 44 

Jetzt das Weib 

Nahm sein Vieh, 

Nahm sein Volk, 

Zu ihrem Vater kehrte sie zurück, 

Zu ihrer Mutter kehrte sie zurück. 

Ihres Vaters Haus erreichte sie, 

Trat ein, grüßte ihn. 

Den Tisch deckte sie, 

Speise stellte sie hin. 

Speise aßen sie. 

Ihr Vater fragt: 

„Von woher kommst? 44 

Das Kind Altyn Aryg 

Erzählte seine Fahrt, 

Erzählte, daß es den Helden getötet. 

Der Vater lobte sie. 

(Der Vater übergibt nun der Tochter das Vieh zur Wartung, 
stirbt bald darauf, und Altyn Aryg heiratet kurze Zeit später einen 
besitzlosen Helden, mit dem sie ihr Eigentum teilt.) 

D. Die Kan-Schentäi-Mythe der Kirgisen. — (Drei feindliche 
Fürsten rauben das Vieh des Helden Karys Kara. Derselbe macht 
sich auf, die Herden wiederzugewinnen, wird gefangen genommen 
und in einen Brunnen gesetzt, der zugedeckt und über dessen 



140 Zweites Buch. 

Decke Wasser geleitet wird. 40 Wächter bewachen dies Gefängnis. 
Inzwischen gebiert seine fünfundachtzigjährige Frau, den kleinen 
Kan Schentäi, der alsbald auszieht, und seinen Vater befreit. 
Schentäi macht sich dann auf den Weg, auch die Pferdeherden 
wiederzugewinnen. In einem Tale trifft er eine Alte, an deren 
Brust er saugt und deren Adoptivsohn er wird, wenn deren drei 
Söhne auch damit zunächst nicht einverstanden sind. Er lebt bei 
der Alten. Nachdem er seinen drei Adoptivbrüdern Frauen besorgt 
hat, zieht er selbst aus, die Tochter des Aian Kan zu erobern, 
dessen Wohnsitz jenseits der tagereisenlangen Feuer- und Sand- 
meere liegt. Er kommt mit Hülfe seines Pferdes und der von der 
Alten erhaltenen Arznei glücklich hinüber und gewinnt im Wett- 
kampfe die Braut. Er läßt sich von seinem Schwiegervater drei 
goldene Teppiche geben, besiegt erst noch die ins Land einge- 
fallenen Freier seiner Braut und macht sich dann endgültig auf 
den Heimweg. Er kommt wieder an das Feuermeer). 

Über das vierzig Tage lange Feuermeer legte er den einen 
Teppich als Brücke und ritt hindurch. Darauf kam er zu der 
vierzig Tage breiten Feuerstätte, machte den zweiten Teppich 
zur Brücke und ritt hindurch. Den dritten Teppich breitete er 
über dem Sandmeere aus und ritt hindurch. — Kan Schentäi sprach 
zu seinen Leuten: „Ich will voraus reiten, ihr drei (die drei be- 
gleitenden Helden Schagyrkai, Scharkei und Kaktyrkai) bringt meine 
Frau hin. An der Stelle, wo ich einen Kreis zeichne, übernachtet, 
wo ich eine Linie ziehe, geht. Ich werde schon wissen, ob ihr 
wohl und gesund seid." Kan Schentäi ließ sie zurück und zog 
voraus. — Als er vorausgezogen, da kam es dem Helden Kara Tun, 
der unter der Erde wohnt, in den Sinn: „Wenn ich doch des Aina 
Kan Tochter freite!" Früher hatte er sich vor Aina Kan gefürchtet. 
Als Kan Schentäi fortgezogen, kam er zur Oberfläche der Erde 
hervor. Des Kan Schentäi Weib, die sechzig buntköpfigen Kameele, 
die vierzig Mädchen und vierzig Jünglinge, allen ihren Reichtum 
(alles dieses hatte Aina Kan seinem Schwiegersohn als Mitgift mit- 
gegeben), alle verschluckte er (Allverschlingen). Schnappend sank 
er unter die Erde nieder. Da wollten jene drei Helden in das 
Loch der Erde zugleich mit hinuntersinken. Als sie aber ihren 
Fuß hineinsteckten, wurde ihr Fuß von der Erde abgeschnitten 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 141 

und sie wurden Krüppel. Dann steckten sie die Hände hinein, 
aber auch diese verloren sie. Ohne Hände und Füße blieben sie 
sitzen. — Eines Tages, als Kan Schentäi ritt, und dann einge- 
schlafen war, sah er einen bösen Traum. Als er erwachte und auf- 
gestanden war, ritt er zu jenen zurück, indem er sprach: „Ist 
ihnen etwas zugestoßen?" Als er zurückkam, war nichts von 
seinen Leuten zu sehen, es saßen nur die drei Helden da. „Was 
hat das zu bedeuten," fragte er. Die drei Helden sprachen: „Ein 
Dschalmaus hat sie verschluckt." Kan Schentäi weinte, weinte. 
Er band hier sein Pferd fest an einen Strick an. Einen Strick 
band er um seine Hüften und sprach: „Ich will mich in die Erde 
herunterlassen, ihr erfaßt das eine Ende des Strickes, wenn ich 
das eine Ende dieses Strickes bewegen sollte, so ziehet!" — Kan 
Schentäi ließ sich unter die Erde hinab (Strickleiter); unterhalb 
der Erde war ebenso eine Welt, dort ließ er den Strick zurück 
und ging nach Sonnenuntergang zu. Eines Tages kam er zu 
zahlreichem Vieh. Als er zur Mitte des Viehes kam, stand dort 
ein Haus wie ein Berg, in dieses Haus trat er ein. Dies war das 
Haus des siebenköpfigen (Drachenköpfe) Dschalmaus, drinnen lag 
dieser selbst: er pflegte sieben Tage und sieben Nächte zu schlafen 
und gerade an diesem Tage schlief er. Des Kan Schentäi Weib 
saß an seiner Seite und weinte. — Kan Schentäi und sein Weib 
begrüßten sich, bewillkommneten sich, sprachen zueinander den 
Gruß. Sein Weib sagte: „0 mein Gemahl, du wirst sterben." 
Kan Schentäi sagte: „Wenn ich diesen nicht töte, kann ich dich 
nicht fortführen, wenn ich dich fortführe, ohne ihn zu töten, wird 
er uns wieder verfolgen. Ich will sterben, wenn es sein muß, will 
aber doch mit ihm kämpfen." Sein Weib sprach: „Deine Kraft 
reicht nicht aus." Kan Schentäi zog sein Schwert und hieb nach 
dem Kopf des Dschalmaus. Der Dschalmaus sprang auf, da 
kämpften beide an dieser Stelle, alles im Hause warfen sie durch- 
einander und sieben Tage und sieben Nächte kämpften sie. Dann 
beredeten sie sich, auszuruhen. Da fürchtete sich Kan Schentäi 
und meinte, er müsse sterben, da seine Kraft nicht ausreiche. 
Zu dieser Zeit kam ein weißbärtiger Mensch dorthin. Er fuhr den 
siebenköpfigen Dschalmaus an und sagte: „Diese ganze Welt hier 
hast du verschlungen, was hast du nur in der zweiten Welt zu 



142 Zweites Buch. 

schaffen? Die Tränen der Augen der von dir verschlungenen 
Menschen sind zu einem Blutmeere geworden, daß die Erdober- 
fläche bedeckt; du bist nie umsonst ausgezogen." So sprach er 
und schlug ihn mit dem eisernen Stocke, da wurden seine sieben 
Köpfe zertrümmert (Drachenköpfe). Dieser Mensch war Kydyr; 
durch den Segensspruch seiner Mutter war Kydyr gekommen. Er 
nahm die Seele (Herz ?) des siebenköpfigen Dschalmaus. — Kan 
Schentäi erhob sich, schnitt den Leib des Dschalmaus auf (Öffnen). 
da waren alle verschluckten Menschen in seinem Innern lebendig, 
diese sprachen: „0 Gott möge dein Auge öffnen!" Und lärmend 
kamen sie heraus (Allausschlüpferi). Alle diese Leute nahm er 
mit sich. — Volk und Vieh, alles trieb er zu dem Loch der Erde, 
hin und her bewegte er den Strick, die drei (Helden in der oberen 
Welt) zogen, aber vermochten nicht sein Volk, Vieh und sein Weib 
hinaufzuholen zu jener Welt. Kan Schentäi blieb mit aller seiner 
Habe unter der Erde. Da sprach Kan Schentäi weinend: „An- 
statt euch zu sehen und in einer andern Welt zu leben, will ich 
euch lieber nicht sehen, umherirren und sterben." Weinend steckte 
er sich die Röckschöße auf und zog davon. — Als er eines Tages 
ging, stand vor ihm eine mächtige Espe; neben dieser Espe lagerte 
er sich und schlief ein: als er so einschlief , war eine gewaltige Stimme 
zu hören. Als er erwachte, hörte er, daß diese Stimme von der 
Spitze der Espe ertönte, und als er zur Espe aufschaute, sah er 
dort ein Nest, in dem Neste waren drei junge Vögel, diese weinten 
laut. Ein Drache hatte den Baum erstiegen, um sie zu verschlingen ; 
vor dieser Schlange fürchteten sich die jungen Vögel und schrien. 
(Das folgende ist natürlich ein Vogelschlangenkampf). Kan Schentäi 
sagte: „Diese Schlange will die jungen Vögel gewiß verschlingen, 
diese Schlange, die dem Dschalmaus gleicht, welcher mein Weib 
verschlungen, will ich töten." Er zog sein Schwert hervor und 
hieb nach ihr mit dem Schwert, der Drachen war in zwei Stücke 
zerteilt, — von hier aus zog er weiter. Da riefen ihn die drei 
jungen Vögel und sprachen: „Was- bist du für ein Mensch, komme 
hierher!" Er kehrte zurück, grüßte sie. „Was für ein Mensch bist 
du?" sagten sie und Kan Schentäi erzählte ihnen, wie sein Weib 
verschlungen worden, wie er den Dschalmaus getötet habe, wie 
er nicht zur Oberfläche sich emporzuheben vermocht und hier- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 143 

geblieben und zuletzt, wie er alles verlassen habe und allein fort- 
gezogen sei. Da sprachen die jungen Vögel: „Unsere Mutter 
ist ein Vogel namens Held Kara Kus, niemand ist größer als sie: 
unsere Mutter fliegt in beiden Welten ganz gleich gut. Von Jugend 
auf hat sie alle Jahre drei Kinder geboren, diese Kinder hat jedes 
Jahr dieser Drache verschlungen und hat sich darauf in die Erde 
in eine Höhle (Höhle) versteckt. Die zuletzt geborenen Kinder sind 
wir, nach uns wird sie keine Kinder gebären. Du hast unsere 
Seelen gerettet; wenn sie nicht zu alt geworden, meine Mutter, 
der Held Kara Kus, so wird sie dich hinbringen, wohin du wünschst. 
Du hast uns viel Gutes zugefügt." Kan Schentäi sprach: „Wohin 
ist deine Mutter gegangen?" Die jungen Vögel sprachen: „Uns 
Speise zu holen ist die Mutter fortgezogen; bis unsere Mutter kommt, 
steige zu uns auf den Baum." Sie halfen dem Kan Schentäi auf 
die Spitze des Baumes hinauf und bedeckten ihn mit Flügeln. 
„Sieht dich unsere Mutter, wird sie dich fressen." Eines Tages 
kam die Mutter weinend, „hat meine Kinder wiederum die Schlange 
verzehrt?" sagend, setzte sie sich auf die Spitze der Espe, die 
Espe bog sich, berührte dreimal die Erde und richtete sich drei- 
mal wieder auf. Da sprachen die jungen Vögel: „Mutter, folgt 
auf eine gute Tat Gutes? auf eine böse Tat Böses?" fragten sie 
dreimal. Ihre Mutter sagte: „Auf Gutes folgt Gutes, auf Böses 
folgt Böses." Da sagten die jungen Vögel: „Wenn auf Gutes 
Gutes folgt, dieser hat uns Gutes zugefügt." Da sprach die Mutter 
zu Kan Schentäi: „Du hast mir viel Gutes getan, wenn ich nicht 
so alt geworden, würde ich dich auf die Erdoberfläche bringen. 
Du hast mir diese meine drei Kinder zurückgegeben, ich werde 
dir den Lohn in dieser Welt geben. Du bringe mir von den Kulan 
und von den Elentieren sechzig Hengste! Füttere mich, dann 
will ich zu fliegen versuchen." — Kan Schentäi legte die Flinte 
auf die Schulter und zog früh am Morgen eilends fort. Er brachte 
von den Kulan und Elentieren sechzig Hengste. Dreißig von diesen 
verzehrte der Kara Kus, dreißig lud er auf, ließ den Kan Schentäi 
ihn besteigen und flog davon. Zu der Stelle kam er, wo jener 
sein Weib zurückgelassen. Auf seinen Vogel lud er das Vieh und 
die Leute; mit allen diesen flog er zum Himmel empor. „Wenn 
ich mich nach hierhin umsehe, lege mir das Fleisch eines Hengstes 



144 Zweites Buch. 

in den Mund, wenn ich mich dorthin umsehe, lege das Fleisch 
von zwei Hengsten in meinen Mund!" Kan Schentäi tat, wie er 
gesagt. Wenn er sich nach hierin umsah, legte er ihm eines 
Hengstes Fleisch in den Mund, wenn er sich nach dorthin umsah, 
legte er ihm das Fleisch von zwei Hengsten in den Mund. Als er 
ihn so im Fluge fortführte und als nur noch eines Tages Weg übrig 
geblieben war, da ging das Fleisch der Hengste zu Ende. In der 
Eile schnitt Kan Schentäi sich das dicke Fleisch von den Schenkeln 
und warf es ihm in den Mund. Mit der Kraft des Menschenfleisches 
erreichte Kara Kus die Erdoberfläche. Als er ihn dort hingebracht,, 
aßen die drei Helden, die er früher hier zurückgelassen hatte, 
ihre eigenen Exkremente, kochten sich die Fetzen ihrer Kleidung 
und die Schäfte ihrer Stiefel und aßen sie. An diesem Tage war 
alles zu Ende gegangen, wenn er an diesem Tage nicht gekommen 
wäre, wären alle drei gestorben. Da sprach Kara Kus: „Was 
sind das für Leute?" Kan Schentäi sprach: „Diese drei Menschen 
waren meine Gefährten." Kara Kus sprach: „Auf Gutes folgt 
Gutes" — so sagend, verschluckte sie alle drei (Verschlingen) und 
spie sie alle drei aus (Ausschlüpfen). Alle drei waren wieder in 
dem Zustande, in dem sie von Hause ausgezogen. Da sprach 
Kara Kus: „0 Kan Schentäi, du hast mir vorher Menschenfleisch 
gegeben. Dies war das Fleisch deiner eigenen Schenkel. Nimm", 
sprach er, indem er das Fleisch wieder ausspie, „lege dieses Fleisch 
an deine Schenkel!" Kan Schentäi legte es an, da kam es in 
seinen früheren Zustand. Darauf sprach Kara Kus: „Lebe wohl!" 
und zog davon. 

(Der Held besucht nun seine Freunde, die er" in ihren Kriegen 
unterstützt, kommt nach Hause, findet seine Eltern, die vor Freude 
ganz jugendlich werden und regiert sein Volk.) 

Die Drachenmythen der Mongoloiden Ostasiens. 

E. Der ostasiatische Drache. — Die Reisenden des Mittelalters 
waren außerordentlich erstaunt, als ihnen beim ersten Betreten 
der ostasiatischen Gegenden nicht nur der Drache als ein beliebtes 
Gebilde der Künste auffiel, sondern noch vielmehr, als sie von der 
Bedeutung dieses Tieres Kenntnis erhielten, da sie der europäischen 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 145 

gänzlich entgegengesetzt ist. Während bei uns in Europa der Drache 
ein feindseliger wilder Geselle, ein Unsegen spendendes räuberisches 
Wesen ist, stellt er im östlichen Asien das Glück, die Fruchtbar- 
keit und alle gewaltige Herrlichkeit dar. Die einzelnen Eigen- 
schaften des ostasiatischen Drachens können in aller Kürze zu- 
sammengefaßt werden. Der äußeren Erscheinung nach vereinigt er 
Kennzeichen des Rehbocks, des Pferdes, des Fisches, der Schlange, 
des Kamels, des Ochsen, des Tigers etc. Die verschiedenen Stämme 
zeichnen ihn verschieden, setzen ihn verschieden zusammen. Fast 
immer aber kommt trotz aller phantastischen Beigaben ein dem 
Krokodil etwas ähnliches Gebilde heraus, welches in mächtigen 
Schlangenwindungen bald mit, bald ohne Flügel mit etwa vier 
Füßen versehen ist. Soweit die äußere Gestalt. Seinem innern 
Wesen nach ist der chinesische Drache unter allen ostasiatischen 
Kameraden am klarsten ausgebildet. Vor allen Dingen ist er der 
Repräsentant des Ostens. Dementsprechend ist er das Geschöpf 
des Frühlings, der aufgehenden Sonne und — was wir ebenfalls 
damit in Zusammenhang bringen müssen — der Träger des Kaiser- 
tums. Bekanntlich ist es das Vorrecht des chinesischen Kaisers 
und seiner Angehörigen, die Darstellung eines Drachen mit fünf 
Klauen zu verwenden. Sehen wir nun von der Bedeutung des 
Drachen am ostasiatischen Sternenhimmel, die wir unserer Dis- 
position nach erst im nächsten Bande erwähnen werden, ab, so 
fällt zweierlei besonders auf. Zum ersten ist der Drache stets 
ein Tier des Wassers, nie eines des Landes, und während für den 
Chinesen das echte Landtier, der weiße Tiger, den Westen reprä- 
sentiert, stellt für ihn der Drache das blaue Meer im Osten dar. 
Aber nicht hierin allein erkennt man die Bedeutung dieses Wasser- 
tieres. Wenn das östliche Meer dem chinesischen Drachen den 
Ursprung verlieh, dann ist die Eigenschaft des Regenspendens, 
des Aufenthaltes in den Wolken eine weitere Entwicklung, die 
diesem Ursprünge aus dem Wasser entspricht. Es liegt ledig- 
lich auf dem Wege dieser Entwicklung, wenn die Tibeter und 
Mongolen die Blitze als die Pfeile eines auf einem Drachen reiten- 
den Gottes und den Donner als die Stimme dieses Drachen be- 
zeichnen. — Eine andere auffallende Eigenart der Drachenbilder 
Ostasiens charakterisiert Ernst Ruhstrat mit folgenden Worten : „Der 

Frobenius, Sonnengott. I. 10 



146 Zweites Buch. 

Drache in der chinesischen Flagge hält den weit aufgesperrten 
Rachen einer roten Scheibe entgegen. Der Überlieferung nach 
wurde diese, die aufgehende Sonne, das Wappen Japans darstellende 
Scheibe vor etwa tausend Jahren vor den Rachen des Drachen 
gesetzt, als die Chinesen in Japan einfallen wollten. Sie suchten 
dadurch anzudeuten, daß der Drache die verachteten Japaner ver- 
schlingen würde." Diese wertvolle Angabe über die heutige Volks- 
anschauung wird mit Leichtigkeit aus dem klassischen Werke 
Schlegels ergänzt. Bei diesem Autor finden wir nichts über das 
angebliche Sonnenbild der Japaner. Da heißt es ganz einfach, 
daß der Drache das Symbol der herrschenden Sonne sei. Er- 
gänzend fügen wir hinzu, daß die Schlangen Chinas ganz ähnlich 
den deutschen Drachen ein Juwel hüten oder im Munde tragen. 
Dennys kann hiervon sogar eine Geschichte erzählen, und wenden 
wir uns weiter nach dem Osten, so hören wir von dem bekannten 
japanischen Autor Bakin: „Die Krystallkugel, die der Drache be- 
sitzt, hat er in seinen Wangen." Also auch in Japan schon diese 
Scheibe im Drachenmaul ! — Mit diesen kurzen Angaben über das 
Bild und die Bedeutung des Drachen in Ostasien wolle sich der 
Leser begnügen, bis wir zu einer eingehenderen Besprechung in 
dem zweiten der nachfolgenden Kapitel gelangen. — 

F. Drachenmythe aus China. — In alten Zeiten lebte einmal 
ein strebsamer Bauer, dessen Name Ah-Tseung war. Dieser Jüng- 
ling fand einmal eine junge Schlange, welche er mit sich nach 
Hause nahm und die zu füttern sein größtes Vergnügen war, so 
lange er lebte. Er machte in seinem Büchergehäuse ein Bett für 
sie zurecht und gab ihr nach jedem Mahle einen Anteil an seiner 
Speise: sie teilte sein Bett und war sein ständiger Genosse. Lange 
Zeit hindurch blieb diese Sache vor den Eltern des Knaben geheim ; 
sein Lehrer hatte jedoch seine häufigen Gänge zu dem Buchgehäuse 
bemerkt, wünschte festzustellen, was denn die Anziehungskraft für 
ihn bilde und entdeckte zu seinem nicht geringen Schrecken eine 
riesige Schlange, welche eines der Fächer vollständig ausfüllte, 
denn das Tier war allmählich ausgewachsen {Schlangengroßziehen). 
Wenige Monate danach starb dieser Ah-Tseung, worauf seine Eltern 
die Schlange zu den nächsten Hügeln forttrieben. Bei jeder nun 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 147 

stattfindenden Trauerzeremonie der Eltern und an jedem Jahrestage 
des Todes des Jünglings erschien aber die Schlange in dem Hause 
des toten Freundes und kehrte dann, nachdem sie mehrmals das 
Haus umwandert hatte , zu ihren Hügeln zurück. Den Nachbarn 
waren diese periodischen Besuche eine natürliche Quelle des Un- 
behagens und man fing an, dem unbequemen Besucher Widerstand 
zu leisten. Die Mutter ergriff ein Messer, warf es nach ihr und 
schnitt ihr einen Teil des Schwanzes dabei ab. Nun kehrte die 
Schlange nicht mehr wieder. Sie begab sich nach einem See, 
dessen Wasser eine unterirdische Verbindung mit dem großen 
Strome von Kwangtung, dem Ngaimun, haben. In der Gegend 
dieses Sees lebte Ah-Tseungs Schlange bis zur Gegenwart und 
ihr Erscheinen auf einer entfernten Hügelspitze, zuweilen in der 
Form eines weißgekleideten Mannes und zuweilen in der Gestalt 
eines weißen Drachen oder auch der aufschwellende Schaum des 
Seewassers, der als ein Zeichen erachtet wird, daß die Schlange 
sich badet, werden als sichere Anzeichen eines nahestehenden 
Sturmes angesehen. 

G. Drachenmythe aus China. — In den östlichen Gegenden 
von Yueh Min (dem jetzigen Fuhkien) verläuft eine Gebirgskette, 
die Yung Ling genannt wird. Auf den nordwestlichen Abfällen 
dieser Berge hatte eine mächtige Schlange von sechzig bis siebzig 
Fuß Länge ihren Aufenthalt. Dieselbe hielt die umwohnende Be- 
völkerung in ständiger Furcht. Zu einer gewissen Zeit teilte sie 
entweder in dem Traume oder auch in der Form der Divination 
irgend jemand mit, daß ihr danach gelüste, ein Mädchen im Alter 
von zwölf oder dreizehn Jahren zu verschlingen. Daraufhin suchten 
dann jedesmal die Gouverneure und die andern maßgebenden Per- 
sönlichkeiten dieses Landes aus Furcht vor dem Untiere eine weib- 
liche Leibeigene oder die Tochter eines Verbrechers aus, um den 
Hunger der Schlange zu befriedigen. Das arme Mädchen wurde 
alsdann am Morgen des gleichen Tages im achten Monat, nachdem 
Opfer dargebracht waren, an den Eingang der Höhle der Schlange 
gebracht, und zur Nachtzeit schoß das Untier dann plötzlich her- 
vor und verzehrte seine Beute (Allverschlingen). Jahr auf Jahr 
ereignete sich das, bis zuletzt neun Mädchen schon diesem Tode 

10* 



148 Zweites Buch. 

entgegengeführt waren. Da wurde ein neues Opfer gefordert; es 
fand sich aber kein geeignetes Mädchen. Zu dieser Zeit hatte 
Li Tan, der Magistrat von Tsing Lo sechs Töchter aber keine 
Söhne. Seine jüngste Tochter namens Ki beschloß auf den Aufruf 
hin zu der Höhle zu gehen, fand aber bei ihren Eltern nicht die 
Einwilligung. Sie setzte es aber dennoch durch, indem sie allen 
Gegenreden entgegensetzte, daß sie keinerlei Nutzen für die Eltern 
biete, und daß sie diesen sogar nur unnütze Ausgaben verursache. 
Sie bat sich lediglich aus, mit einem guten Schwerte und mit 
einem Hunde, der auf Schlangen dressiert sei, versehen werde. 
Am Morgen des betreffenden Tages im achten Monat besuchte 
sie mit dem Schwert an ihrer Seite und mit dem Hunde den 
Tempel. Sie hatte sich vorsichtigerweise auch mehrere Maße ge- 
kochten Reises vorbereitet, welche sie nunmehr am Eingang der 
Höhle aufstellte. Als es Nacht war, kam die Schlange hervor. 
Ihr Kopf war so groß wie eine Reisstaude und ihre Augen wie 
Spiegel von zwei Fuß Durchmesser. Sobald sie das Aroma aus 
dem Reisgefäß verspürte, begann sie sich auch schon auf das- 
selbe zu stürzen. Sogleich ließ Ki ihren Hund los, welcher der 
Schlange auch sofort in die Zähne fiel. Das Mädchen selbst aber 
griff nun die Schlange von hinten an und verstümmelte sie derart, 
daß sie sich sogleich an den Eingang der Höhle (Hohle) flüchtete 
und dort starb. Darauf betrat das Mädchen diesen unheimlichen 
Ort, entdeckte die Knochenreste der neun früheren Opfer, deren 
unglückseliges Schicksal sie beweinte. Dann kehrte sie heim. 
Sie wurde später die Gattin eines Prinzen, der sie zur Königin 
erhob. 

H. Drachenmythe aus Anam. — Ein chinesischer Wahrsager, 
der nach Anam gekommen war, um seiner Kunst obzuliegen, 
entdeckte in einem tiefen See einen goldenen Drachen. An ge- 
wissen Zeichen erkannte er, daß derselbe größere Zauberkraft be- 
saß, als alle anderen. — Es ist bekannt, daß Drachen die Spender 
von Macht und Glück in dieser Welt sind. Wenn es einem Men- 
schen gelingt, die Gebeine seines Vaters in den Rachen eines 
solchen Drachen zu legen, ist er sicher, König zu werden. — 
Unser Chinese wußte das; da er indes nicht schwimmen konnte, 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 149 

packte er die Gebeine seines Vaters zusammen und suchte in der 
Umgegend einen geschickten Taucher, welcher etwa zu bewegen 
wäre, auf den Grund des Sees hinabzusteigen und das Packet in 
den Rachen des Drachen zu legen. Er versprach als Belohnung 
für den Fall des Gelingens eine Stange Silber. Der See war aber 
tief, und niemand wollte das Abenteuer wagen, so daß der Chinese 
schon fast von der Unmöglichkeit des Unternehmens überzeugt 
war, als eines Tages sich ein junger Mann erbot, in den See 
hinabzutauchen. Der Chinese nahm sein Anerbieten mit größter 
Bereitwilligkeit an und versprach aus eigenem Antriebe, die ver- 
sprochene Summe zu verdoppeln. — Dieser Taucher besaß nun 
eine nie erreichte Geschicklichkeit. Er war nämlich auf der 
einen Seite wohl der Sohn einer menschlichen Frau, auf der an- 
dern Seite aber der einer männlichen Fischotter und hatte von 
diesem seinem Vater die amphibische Eigenschaft, auch unter Wasser 
atmen zu können, geerbt. Nur seine Mutter war noch am Leben; 
die Gebeine seines Vaters wurden dagegen in einer Ecke seiner 
Hütte an der Decke hängend aufbewahrt. Der Jüngling nahm 
diese Gebeine, zerstieß sie in Pulver, vermischte sie mit Reis und 
bereitete aus diesem Gemisch einen Kuchen. — Am nächsten 
Morgen ergriff er diesen Kuchen, trat vor den Chinesen und 
sprach: „Erlaubt mir Mundvorrat mitzunehmen, denn die Ausfüh- 
rung des Unternehmens mag lange währen und schwierig sein." — 
Der Chinese lachte über die Vorsicht und übergab dem jungen 
Manne ohne jedes Mißtrauen das Bündel, welches er bereit hielt. — 
Der Jüngling ergriff dies Bündel und tauchte unter. Auf dem 
Grunde des Sees sah er den goldenen Drachen vor sich, welcher 
seinen Rachen furchtbar aufsperrte, Der junge Mann nahm sich 
aber Zeit. Als er sich umschaute, erblickte er einen Stein; den- 
selben hob er auf und legte das Bündel des Chinesen darunter. 
Dann ergriff er den Kuchen, welcher aus den Gebeinen seines 
Vaters bereitet war und warf ihn dem Drachen ins Maul, welches 
sich allsogleich schloß. — Der Chinese freute sich, als der Taucher 
wieder kam und händigte ihm die bestimmte Summe aus. Darauf 
kehrte er wieder in seine Heimat zurück und harrte geduldig der 
Ereignisse, die ihn auf den Thron berufen sollten. Er würde noch 
heute darauf warten, wenn er nicht schon vor 3000 Jahren ge- 



150 Zweites Buch. 

storben wäre. Dagegen wurde der junge Mensch an seiner Stelle 
König und regierte etwa 3000 Jahre vor der christlichen Zeit- 
rechnung unter dem Namen Dinh Thien Hoang. 

(Eine ähnliche Mythe bezieht sich auf den sogenannten Roten 
Fluß. An den Quellen dieses Flusses soll auch ein Drache leben. 
Und wem es gelingt, die Gebeine seines Vaters in dessen Rachen 
zu werfen, der soll König werden. Die Sache soll aber in sofern 
seine Schwierigkeit haben, als jeder, der dem Drachen ins An- 
gesicht schaut, erblindet. Nun sagte sich ein junger Mann: „Wenn 
ich nur ein Auge riskiere, werde ich dieses allerdings zweifellos 
verlieren, aber ich werde dann immer noch eins übrig haben, 
und werde zur Herrschaft gelangen." Gesagt — getan. Er be- 
deckte die eine Hälfte des Gesichtes mit der einen Hand und 
unternahm den Versuch. Das Ergebnis war, daß er auf dem 
einen Auge erblindete, im übrigen aber König und Gründer der 
Dynastie Hung wurde etc.) 

I. Drachenmythe aus Japan. — (Die Mythe setzte nach der 
Vertreibung Sosanoos aus dem Himmel ein. Zur Strafe für seine 
Untaten waren ihm die Haare und Nägel abgeschnitten worden.) 

Sosanoo konnte sich noch immer nicht entschließen, in das 
Reich der Unterwelt, das er sich doch nach freier Wahl von 
seinem Vater als Wohnsitz erbeten, einzukehren, und so stieg er 
zunächst auf die Erde nieder, nachdem ihm infolge seiner Ver- 
gehen der Himmel verschlossen war. Hier auf Erden gedachte er 
noch einige Zeit zu verweilen: er durchstreifte Corea, wo er in- 
dessen nicht bleiben mochte, und kam nach Idzumo, das an der 
Nordküste des westlichen Japan liegt. Hier ging er am Ufer des 
Sonnenflusses hinauf, und als sein Blick die Wasserfläche streifte, 
da sah er zwei Eßstäbchen daherschwimmen. „Ah," rief er aus, 
„da, woher ihr kommt, müssen auch Leute wohnen." Und als 
er so gesprochen, ging er raschen Schrittes weiter, denn er war 
neugierig zu erfahren, wer hier hause. So wanderte er fort und 
fort und hörte endlich ein lautes Weinen und Wehklagen. Er 
stutzte, horchte, ging eilig nach der Gegend hin, woher die Jammer- 
töne kamen, und wie er in eine Talschlucht einbog, da sah er 
einen Greis mit seiner Gattin, zwischen denen ein wunderschönes 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 151 

Mädchen saß, das bitterlich weinte und schluchzte. Er vernahm, 
wie die beiden alten Leute das Mädchen vergebens zu trösten 
suchten, und wie sie selbst immer wieder in laute Klagetöne aus- 
brachen. „Ich bin Aschinadzutschi, der Gott dieses Landes" — 
sprach der Greis. Er hatte sich erhoben und grüßte mit tiefer 
Verbeugung den Fremdling. Dann fuhr er fort: „Friedlich pflege 
ich mit den Meinen des Reisbaues, und es bliebe uns nichts zu 
wünschen übrig, wenn wir nicht von einer furchtbaren, unbe- 
schreiblich grausamen Plage heimgesucht wären. Sieben Töchter, 
welche mir diese meine Frau schenkte, sind bereits von einem 
gewaltigen Seeungeheuer verschlungen. Das Ungetüm kam daher, 
wenn meine Töchter gerade in der Blüte ihrer Schönheit standen, 
doch es kannte kein Erbarmen, es kümmerte sich nicht um unser 
Wehgeschrei, sondern verschlang sie. Nun haben wir nur noch 
unsere letzte Tochter, unsere schöne und gute Inada, und auch 
diese wird das Ungeheuer uns rauben, wir wissen es nur zu wohl, 
und deshalb weinen und klagen wir mit unserem lieben Kinde." — 
Sosanoo war über die Maßen erstaunt, als er die Leidensgeschichte 
des Greises hörte. Er erkundigte sich umständlich nach dem Un- 
geheuer und erfuhr, daß dasselbe ein fürchterlicher Drache mit 
acht Köpfen (Drachenköpfe) sei/ dessen glühende Augen weithin 
leuchteten und so rot wie rote Beeren wären. Sein Rücken sei 
mit förmlichen Wäldern bewachsen, und sein Bauch sei blutrot 
und stets mit Blut besudelt; das ganze Ungetüm aber so lang 
wie eine Talwindung. — Jetzt gab sich Sosanoo zu erkennen und 
versprach den Ärmsten Hülfe in ihrer Not. Zugleich aber bat er 
den Greis und seine Gattin, ihm die schöne Inada zur Frau zu 
geben, im Falle es ihm gelingen sollte, dieselbe aus den Klauen 
des Drachen zu erretten (Preisjungfrau). Mit tausend Freuden 
versprachen dies die alten Leute, und auch Inada war es zufrieden. 
Nachdem nun Sosanoo ein Weilchen über die Sache nachgedacht 
hatte, gebot er den Eltern, eine große Menge Sake (das ist der 
feurige Wein, den die Japaner aus Reis herstellen) zu bereiten. 
Er selbst baute acht Zimmer, die er oben offen ließ, und in jedes 
stellte er einen großen Bottich mit Sake. Als nun das Ungeheuer 
im Anzüge war, da zog er rasch Frauenkleider an und stellte 
sich so, daß sein Spiegelbild auf dem ersten Bottich zu sehen 



152 " Zweites Buch. 

war. Der gierige Drache sah den Schatten und stürzte sich so- 
fort auf den Bottich, da er glaubte, der Schatten sei die Jung- 
frau selbst. Blindlings leerte er den Bottich voll Sake, und als 
er emporsah, da schwebte der Schatten auf den zweiten Bottich, 
und ebenso rasch und gefräßig fiel das Ungeheuer über diesen her. 
Und wie auch der geleert war, ging es an alle die übrigen; aller 
Sake war verschlungen, und ganz wie Sosanoo es sich gedacht, 
so kam es. Als der Drache den achten und letzten Bottich ge- 
leert hatte, fiel er betrunken zur Erde, schlief ein und rührte kein 
Glied. Jetzt trat Sosanoo herver, zog sein Schwert und hieb mit 
kräftiger Hand dem Unhold alle Köpfe ab und zerschnitt den 
mächtigen Körper. Als er aber den Schwanz durchhauen wollte, 
da ward sein gutes Schwert schartig; er verwunderte sich sehr 
darüber, denn das war ihm noch nie vorgekommen. Als er aber 
der Ursache nachforschte, da entdeckte er in dem Schwanz des 
Drachen ein Schwert, das ungleich besser als das seinige war. 
Er nannte es das Wolkenschwert, weil der Drache stets mit dickem 
Gewölk umgeben war, und sandte es zu fernerer Sühne an seine 
Schwester Amaterasu in den Himmel hinauf zum Geschenk. 
Diese hielt das wunderbare Schwert hoch in Ehren und gab es 
später ihrem Enkel, dem Uran tier Mikados, mit auf die Erde 
herunter. Alsdann ist es mit den übrigen Schätzen der Mikados 
von einem auf den andern übergegangen, und viele große Helden- 
taten sind mit ihm verrichtet. — Nachdem Sosanoo die schöne 
Inada, ihre Eltern und das ganze Land von dem greulichen Drachen 
befreit hatte, bekam er zur Belohnung Inada zur Gemahlin. 
(Sosanoo gründete ein Herrschergeschlecht, von dessen berühmtesten 
Sprößling Okuninuschi wir im vierten Buch noch mehr hören 
werden.) 

K. Fischmythe aus Japan. — In der Urzeit waren die Erd- 
beben in Japan noch häufiger und schrecklicher als jetzt. Der 
Grund davon ist, daß ein riesiger Fisch mit ungeheurem, breitem 
Kopfe, langen Bartfäden und mächtigen Flossen, dessen größte 
Kraft in seinem endlos langen Schweife enthalten ist, sich unter 
der Insel befindet. Sein Kopfende liegt gen Norden, sein Schweif 
reicht bis ins Herz der Insel, bis nach Yamato, in die Nähe der 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 153 

großen Stadt Kioto. Das ist denn auch der Grund, weshalb in 
letzterer Gegend die Erde am häufigsten erbebt, denn meist rührt 
das Ungetüm nur den Schweif. — Damit dasselbe nicht noch 
größeres Unheil schafft, hält der mächtige Gott Kaschima Wache 
und lastet nicht nur selbst auf dem Rücken des Tieres, sondern 
beschwert denselben auch noch mit Felsen. Ist auch dies nicht 
ausreichend, so ergreift der Gott sein mächtiges Schwert, das er 
einst in der Landschaft Hidadschi in die Erde stieß und dessen 
Griff einen mächtigen Felsen bildet, den man den Kanamefelsen, 
den Grundpfeiler der Insel Nippon genannt hat. Das Schwert 
vermag niemand zu heben als Kaschima; erfaßt er es aber, so 
ergreift Furcht den großen Erdbebenfisch, und ohne daß Kaschima 
es wirklich zu zücken braucht, beruhigt er sich und das Erdbeben 
hört auf. 

L. Fischmythe der Aino. — An der Quelle des Saruflusses 
ist ein großer See. In diesem See lebte eine riesige Forelle, die 
so mächtig war, daß, wenn sie mit den Brustflossen gegen das 
eine Ufer schlug, sie mit ihrem Schwänze am entgegengesetzten 
Ende die Wellen zum Aufbäumen brachte. Es kamen einmal 
die hochverehrten Vorfahren überein, diesen Fisch zu töten, fanden 
aber alsbald, daß sie nicht imstande wären, das Unternehmen 
auszuführen, obgleich sie- es viele Tage versuchten. Da sie sich 
so sehnlich wünschten, diesen Fisch zu töten, beschlossen die 
Götter, welche eine besondere Liebe für die Wohlfahrt des Aino- 
landes empfanden, vom Himmel herab Hülfe zu senden. Herab- 
steigend, ergriffen die Götter mit ihren Händen die Forelle. Darauf- 
hin tauchte der Fisch mächtig und mit großer Gewalt bis auf 
den Boden des Sees hinab, die Götter aber strengten alle ihre 
Kraft an, trieben die große Forelle an die Oberfläche des Wassers 
und brachten sie ans Ufer. Sobald dies geschehen war, ergriffen 
die hochverehrten Ahnen ihre Schwerter und hieben auf den Fisch 
ein, bis er tot war. 

(Hierzu bemerkt der wohlbewanderte Batchelor etwa folgen- 
des : Man erzählt sich, daß diese mächtige Forelle nicht nur Tiere 
wie Rindvieh und Bären, die an das Ufer des Sees kamen, um 
zu trinken, sondern auch Männer, Frauen und Kinder zu ver- 



154 Zweites Buch. 

schlingen pflegte. Ja nicht nur diese, sondern sogar ganze Boote 
mit ganzer Mannschaft! Ja Boote mit allen Insassen! Daher 
kommt es, daß die Alten sich so sehr davor fürchteten, auf das 
Ungetüm einen Angriff zu wagen. — Die Aino scheinen vor 
großen Seen eine ganz besondere Furcht zu haben, weil sie große 
Angst davor haben, daß immer wieder einer von diesen riesigen 
Fischen hervorkommen und sein Vernichtungswerk mit dem Ver- 
schlingen von Tieren und Menschen wieder beginnen könne. Man 
sagt, daß erst vor wenigen hundert Jahren einer dieser fürchter- 
lichen Fische an den Ufern des Chitose-Sees gefunden sei. Das 
Ungetüm hatte ein großes Kind mit Hörnern und allem ver- 
schlungen. Die Hörner hatten aber einen peinlichen Anfall von 
Unhehagen verursacht, welches der Fisch nicht zu überwinden 
vermochte; ja, diese Hörner waren so lang, daß sie seinen Leib 
zuletzt durchbohrten und seinen Tod herbeiführten. [Dies scheint 
mir eine stark verdorbene Walfischverschlingungsmythe zu sein.] 
Die Bewegungen dieser mächtigen Fische sind es, auf die die Be- 
wohner von Yezo die in dieser Gegend so häufigen Erdbeben 
zurückführen. Die Erde — das heißt, so weit das Ainoland sich 
erstreckt — glaubt man auf dem Rücken eines dieser Geschöpfe 
liegen; wenn dieses sich nun bewegt, so pflanzt sich das Beben 
durch den Erdkörper fort. Dieser Erdbeben erzeugende Fisch 
wird zuweilen Tokuschisch, d. h. Forelle, manchmal aber auch 
Moschiri ikkewe chep, d. h. „der Rückgratfisch der Welt", genannt.) 



VIII. 

Die Walfischdrachenmythen der Seniitoiden 

und Arioiden. 

Wenn ich vorhergehend die Mythen der Mongoloiden Asiens in 
einem Kapitel und hier die der Semitoiden und Arioden in einem 
gemeinsamen Abschnitt zusammenfasse, so mag das im ersten 
Augenblick Verwunderung erregen. Denn es ist sicher, daß bei 
einigermaßen guter Disposition die Kapiteleinteilung nicht nur 
einer Raumfrage, sondern viel wesentlicher einer Stofffrage ent- 
springt. Mit dieser Zusammenfassung deute ich also eine gewisse 
Zusammengehörigkeit an, in der die Mongoloiden nicht aufge- 
nommen sind. Zur Erläuterung muß ich zunächst auf das hin- 
weisen, was ich im IL und III. Kapitel über die geographischen 
Typen schon gesagt habe. Es mag das hier kurz wiederholt werden. 

Gerade der Kreis von Mythep, der uns hier interessiert, 
zeitigt die hoffentlich einleuchtenden Schlußfolgerungen, daß wir 
bei der Priorität der babylonischen Kultur vorsichtig sein müssen. 
Es sei vorweg genommen, daß die Tiamatmythe schon der höheren 
priesterlichen Kosmologie ihre in den Tontafeln reproduzierte Ge- 
stalt verdankt. Auf der Rückseite des ersten Fragmentes der uns 
hier interessierenden Inschriftenserie steht nach Smith: „Palast 
Assurbanipals , des Königs der Nation, des Königs von Assur, 
welchem Nebo und Tasmit achtsame Ohren verliehen: er suchte 
mit sorgsamen Augen die Weisheit der geschriebenen Tafeln, so 
da unter den Königen vor mir keiner die Schriften gesucht hatte. 
Die Weisheit Nebos, die Eindrücke (?) des Gottes, meines Lehrers (?), 
alle prächtig, schrieb ich auf Tafeln, erforschte, beobachtete 
ich und stellte ich zur Einsichtnahme meines Volkes innerhalb 
meines Palastes auf." — Die Unterschrift wird einerseits zeigen, 
welchen Wert man den Urkunden beilegte, andererseits das Datum 



156 Zweites Buch. 

der vorliegenden Abschriften erkennen lassen, — so fügt Smith 
hinzu. Es geht aber aus dieser Unterschrift noch etwas Wert- 
volleres hervor. Die Aufstellung der Tontafeln im Palaste mit 
dem ausgesprochenen Zweck, daß das Volk Einsichtnahme neh- 
men könne, bedeutet nichts anderes, als daß eine Weisheit volks- 
tümlich werden solle. Und was wir nach der ganzen Form, dem 
altertümlichen Charakter des Sprachbaues, den falsch verstandenen 
Verdrehungen, die offenbar in diesem Urtexte schon enthalten 
sind, entnehmen können, wird dadurch zur Sicherheit, führt uns 
zu der Überzeugung, daß diese Weisheit früher eben nur priester- 
liches Eigentum gewesen ist. Nun fängt keine Mythologie der 
Erde mit einer priesterlichen Geheimlehre an. Auch hierüber 
wurde oben schon gesprochen. Wo das Volk erst unterrichtet 
werden muß, da ist die Lehre entweder von außerhalb gekommen 
— und das ist stets das Wahrscheinlichere — oder sie ist im 
Volke im Laufe der langen Zeit erstorben. Wenn ich das Letztere 
als das Unwahrscheinlichere hinstelle, so verweise ich auf die 
Tatsache, daß eine Volksweisheit in jenen alten Zeiten ebenso 
lebenskräftig gewesen sein muß wie in den heutigen. Zum mindesten 
ebenso kräftig! Gerade in diesem Kapitel haben wir uns mit der 
Frage zu beschäftigen. Das Mythengut der Arioiden, das heute dem 
Volke in seiner asiatischen Form z. B. in Deutschland noch näher 
steht als in seiner vorchristlichen Epengestalt, beweist uns diesen 
Satz. Und wahrlich! Es waren den Mythengütern nordischer 
indogermanischer Völker, die doch heute noch in der Märchen- 
gestalt erhalten sind, gefährlichere und wuchtigere Feindschaften 
entstanden als irgend einem Volke des Altertumes. Ich meine 
hier nicht das Christentum. „Religionen" vernichten nicht die 
Volks Weisheit, sondern bilden sie höchstens um. Die schlimmste 
Feindschaft war vielmehr die Schrift, sobald sie Volksgut wurde. 
Denn die Schrift als Volksgut hat jene gewaltige, uns nicht mehr 
verständliche Riesenmacht des Volksgedächtnisses gelähmt. Und 
als weitere Feindschaften sind das langsame Aufkeimen der natur- 
wissenschaftlichen Anschauung und last not least die seit dem 
Mittelalter mächtig heranwachsende Weltflutung des über die 
Ozeane hinströmenden neuarioiden Wanderlebens zu bezeichnen. 
Solche Feindschaften hat unsere Volkweisheit ertragen. Sie ist 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 157 

auf der einen Seite vielleicht durch die Schrift, durch die Auf- 
zeichnung der Märchen erstarkt. Aber diese Aufzeichnung der 
Märchen ist jungen Datums. Soweit mir bekannt ist, besitzt 
ein einziges unter den nordischen Völkern eine alte Niederschrift 
wie die Schrift Morlinis (Mitte des 16. Jahrhunderts) und den 
Pentamerone. 

Also bei den Semitoiden tritt uns die vollendete Priester- 
weisheit entgegen, der wir wenig an Volksweisheit zur Seite zu 
stellen haben. Betreffend das Buch Jonas, welches den zweiten 
Typus unseres Materials repräsentiert, bin ich mir nicht sicher. 
Das Buch Jonas enthält ein priesterliches Lehrstück. Insofern 
ist es Priesterweisheit. Aber ist diese Priesterweisheit nicht viel- 
leicht wieder aus dem Volke geschöpft worden? — Das Buch 
Jonas ist eine frappierende Erscheinung. Bei allen Semitoiden 
scheint die eigentliche Walfischmythe in ihrer ursprünglichen Ge- 
stalt verschwunden. Da taucht mit einmal dieses Stück wieder 
auf. Ich muß aber fragen, ob denn nicht eine verhältnismäßig 
junge Befruchtung hier stattgefunden haben kann. Diese Frage 
wird entschieden werden, wenn wir besser orientiert sind über 
jene Kulturformen, die die arioiden Einwanderungen von Norden 
über Griechenland und von Osten über Persien antrafen. Es ist 
nicht zu vergessen, daß einerseits die italienische Volksweisheit 
des Mittelalters die Walfischmythe in einer Form birgt, die nicht 
zu den Semitoiden des Südens, sondern zu den Arioiden des Nordens 
weist, denn sie tritt auf im Anhang an das Hansel und Gretel- 
motiv. Es ist fernerhin darauf hinzuweisen, daß die Herakles- 
mythe, die ich im Gegensatz zu manchen neueren Autoren teil- 
weise als arioid bezeichnen möchte, das Verschlingungsmotiv in 
guter Erhaltung aufweist, daß fernerhin das Buch Jonas ver- 
hältnismäßig spät und vielleicht nicht in Ländern, die dem Per- 
sischen Golf, sondern in solchen, die dem Mittelmeer näher lagen, 
entstand. Alles in allem erscheint mir die Auffassung des Buches 
Jonas als einer Schöpfung aus der Volksweisheit zu unsicher, 
daß ich sie nicht wage. Damit aber fällt der letzte Anhalt. 

Wir brauchen ja nicht nur die Walfischdrachenmythen zu 
nehmen. Es liegt ja jetzt schon Material die Hülle und Fülle 
vor. Und ein Studium etwa des Werkes von Jensen über die 



158 Zweites Buch. 

Kosmologie der Babylonier und ein Vergleich mit dem grund- 
legenden Werk Schlegels über die Uranographie der Chinesen, 
muß wohl bei jedem die Überzeugung hervorrufen, daß wir in 
dem Gehalt beider Priesterweisheiten die Wiedergabe eines uralten, 
tief ausgebauten und feingegliederten Priesterlehrens vor uns 
haben, dessen Ursprung wir weder bei den Mongoloiden Ostasiens 
noch bei den Semitoiden Westasiens suchen dürfen, ohne die Behaup- 
tung aufzustellen, daß in damaliger, für uns uralter Schöpfungs- 
zeit schon beide Kulturformen und auch Rassen voll ausgebildet 
gewesen wären, — eine Behauptung, die uns sehr gewagt er- 
scheint, und der wir auf jeden Fall die Annahme gegenüber setzen 
müssen, daß beide Kulturformen Produkte der Isolierung langer 
Abgesondertheit und vielleicht der Kolonialbildung sind. Wir 
müssen ja auf jeden Fall an dem Satze festhalten, daß auf 
keinen Fall bei den Schlußfolgerungen ein Zwang ausgeübt 
werden, sondern daß man nur der größeren Wahrscheinlichkeit 
folgen darf. 

Soweit die Vorbemerkungen zur semitoiden Mythologie. 

Anders als die vorhergehenden Stoffansammlungen werden im 
vorliegenden Kapitel die arioiden Mythen und Märchen behandelt. 
Es würde einen Band für sich beanspruchen, wenn wir die ein- 
zelnen Mythen und Märchen hier vollkommen wiedergeben wollten. 
Aber hiervon abgesehen, darf ich wohl annehmen, daß die Stoffe 
im großen und ganzen dem Leser bekannt sind. Sollte dies nicht 
der Fall sein, so verweise ich auf die gründlichen Arbeiten von 
Gubernatis und Schwartz, die ziemlich alles Einschlägige mit voll- 
kommener Literaturangabe angeführt haben. Wir müssen aber 
auch in diesem Stoffe eine Trennung der einzelnen Gruppen fest- 
halten, um die wünschenswerte Ordnung aufrecht zu erhalten. 
Diese Gliederung ergibt sich von selbst. Eine kurze Besprechung 
der asiatischen arioiden Mythenbildungen zum ersten, der euro- 
päischen Arioiden zum zweiten und der europäischen Märchen 
zum dritten erleichtert die Übersichtlichkeit. Hinsichtlich der 
letzten beiden Gruppen muß ich aber auch noch eine Bemerkung 
voransenden, deren Sinn zwar im ersten Teile schon zu finden, 
deren Wiederholung aber wünschenswert ist, um den laufenden 
Inhalt auch dieses Kapitels zu einer Einheit zu gestalten. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 159 

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden von kompetenter 
Seite Versuche unternommen, die alten Mythen der europäischen 
Völker, die uns aus einem dichtungsreichen Mittelalter erhalten 
geblieben sind, als die Stammväter unserer Märchen, soweit sie 
noch heute im Volksmunde leben, hinzustellen. Ich erinnere 
z. B. an den Versuch, das Dornröschenmärchen mit seinem Rosen- 
walle mit der Brunhildenmythe und ihrem Feuermeer etc. in 
einen derartigen Zusammenhang zu bringen. Absichtlich wähle 
ich dasjenige Beispiel, welches für diese Abstammungstheorie des 
Märchens aus dem Epos am beweiskräftigsten ist, um es dem 
Leser möglichst leicht zu machen, meine Ansicht nicht zu teilen. 
Denn ich gebe selbst zu, daß eine derartige Anschauung nicht 
nur viel Verlockendes, sondern auch sehr viel Einleuchtendes birgt. 
Wenn ich dennoch anderer Ansicht bin, so ist dies, weil jener 
Versuch sich im wesentlichen nicht etwa auf die formalen Über- 
einstimmungen, sondern auf die Wahrscheinlichkeit der zeitlichen 
Beziehung stützt. Es ist gar nicht zu leugnen, daß es nahe liegt, 
das anscheinend so junge, jedenfalls erst ganz kürzlich aufgezeich- 
nete Märchen von dem Jahrhunderte alten epischen Mythenstoff ab- 
zuleiten. Der Zeitunterschied ist es, der für diese Annahme spricht. 

Wenn ich dagegen die Behauptung aufstelle, daß das deutsche 
Volksmärchen eine ältere und besser erhaltene Volksweisheit und 
Volksanschauung birgt als das alte Epos, dann stütze ich mich 
ad 1 auf die Behauptimg, daß die alten Ependichter und Epen- 
sänger aus einem alten Priesterstande hervorgegangen und somit 
die Träger einer alten Priesterweisheit waren, und ad 2 auf die 
Tatsache, daß die Volksweisheit, die dem Sinne entsprechenden 
Formen nicht nur reicher, sondern auch deutlicher im deutschen 
Märchen erhalten hat. Was die erstere Behauptung anbetrifft, 
so brauche ich wohl nur an einige Worte unseres alten Zunft- 
meisters Jacob Grimm zu erinnern, um einen wesentlichen Schutz 
zu gewinnen. „War nun die Dichtkunst den Menschen mit den 
Göttern gemein, von Göttern erfunden und übertragen worden 
(wie Grimm dies vorhergehend bewiesen hat), so folgt notwendig, 
daß sie dem Altertum auch für ein Amt und Geschäft der Priester 
galt und die Begriffe von Priester, Weissager und Dichter an- 
einander rührten." 



160 Zweites Buch. 

Die Beziehung des Sängers und Dichters zum Priester ist 
hierdurch als Tatsache gut markiert. Wie ist aber nun die Ab- 
stammungsfrage zu stellen, d. h. stammt etwa der Dichter vom 
Priester oder der Priester vom Dichter ab? Als Antwort darauf 
muß ich auf das verweisen, was ich im ersten Teile dieses Buches 
gesagt habe. Die große Bedeutung des Rythmus in allen An- 
fängen der Dichtkunst und Musik ist erwiesen, und mit diesem 
Beweise ist auch der Gehalt der ersten Dichtkunst, das Material, 
das zur Verwendung kam, deutlich charakterisiert. Aus der Arbeit 
kam der Sang, die Melodie, der Rythmus, mit der Arbeit hing 
der erste Stoff zusammen. Die Arbeit steht aber nirgends in Be- 
ziehung zur kosmogonischen Dichtung. Das mythologische Ele- 
ment kann nicht aus der Arbeit entstanden sein, sondern das 
mythologische Element muß durch eine Priesterschaft in das Be- 
reich der Gesangeskunst hineingetragen worden sein. Wie vor- 
dem alles Volk Sänger war und sich nicht der Beruf eines Sängers 
abzweigen konnte, so muß auch einstmals die mythologische 
Weltanschauung eine Volkanschauung gewesen und kann erst 
später zur Priesterwissenschaft geworden sein. Dadurch ist aber 
auch der Anhaltepunkt für den Sänger gegeben worden. Nicht 
der Epensänger, sondern der Priester ist der ältere. — Es ist 
nicht die Aufgabe dieses Bandes, sondern es ist eine Aufgabe 
des zweiten, festzustellen, ob der priesterliche resp. göttliche 
Sänger ein Wesenszug der altindogermanischen Kultur war. Wir 
wollen nur zunächst festhalten, daß er in Deutschland an der 
historischen Grenze auftrat, daß er in allen Deutschland um- 
lagernden Ländern im Osten, Westen und Norden noch in später 
Zeit fortgelebt und gewirkt hat, und daß seine Produkte der Form 
nach eher aus der Volksweisheit geschöpft haben als etwa die 
Volksweisheit aus seinen Epen. 

Damit komme ich auf meine zweite Behauptung. Diese ist 
es, welche ich im vorliegenden Kapitel zu beweisen haben werde. 
Der Beweis mag gleich hier vorne Platz finden. 

In der Götterdämmerung der deutschen Mythologie verschlingt 
der Wolf als Darstellung des Meeres Sonne und Mond. Die Be- 
handlung dieses Stoffes hört mit dieser Tatsache auf. — Im deut- 
schen Märchen verschlingt der Wolf einerseits die Großmutter 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 161 

und Rotkäppchen und andererseits die Geislein bis auf das jüngste. 
Das Märchen schneidet nicht ab wie die Mythe, sondern schildert 
es, wie der Bauch des Wolfes aufgeschnitten, mit Steinen gefüllt, 
in den Brunnen befördert wird. 

Aus dem ganzen Zusammenhange unserer Darstellung der 
Walfischdrachenmythe hoffe ich mit genügender Überzeugungskraft 
bewiesen zu haben, daß wir es überall mit einem einheitlichen 
Stoffe, mit einer einheitlichen Bedeutung und mit einem ge- 
schlossenen Darstellungskreis zu tun haben. In diesen Darstellungs- 
kreis gehört für den Abend das Verschlungenwerden, für den 
Morgen das öffnen des Ungetüms und das Herausschlüpfen. Die 
beiden Tatsachen, die des Abends und die des Morgens, müssen 
unbedingt zusammen gehören. Es ist das eine jener Notwendig- 
keiten, die wir als Annahme in den Vordergrund stellen müssen, 
wenn wir nicht alle Geistesprodukte des menschlichen Anschauens 
als tote Maschinenprodukte bezeichnen wollen. Von dieser Zu- 
sammengehörigkeit ist uns aber in der deutschen Mythologie 
nur der eine Teil gerettet worden, während das deutsche Volks- 
bewußtsein im Märchen beide Teile und die Zusammengehörigkeit 
vollständig sinngemäß gerettet hat. Das heißt aber, daß wenn 
auch die Mythologie zeitlich die ältere ist. sie dennoch nicht die 
Mutter des Märchens genannt werden darf. Es sind beides Ab- 
zweigungen des Volkswissens und der Volksweisheit. Und wenn 
der Ependichter auch die größeren Gestalten gemalt hat, so hat 
das Volksmärchen doch den reineren Inhalt und die größere Voll- 
ständigkeit der Bedeutung in der Form gewahrt. 

Dieses glaubte ich gerade dem vorliegenden Abschnitte vor- 
aussenden zu müssen. 



Die Walfischdrachenmythen der Semitoiden. 

Die neuere Zeit hat erst wieder das Interesse an der alt- 
babylonischen Kultur gewonnen. Es waren aber schon die Ge- 
lehrten im Anfange des vergangenen Jahrhunderts, die auf die 
Bedeutung altbabylonischer Mythologie hinwiesen. Die Quellen, 
welche damals zur Verfügung standen, waren außerordentlich 

Frobenins, Sonnengott. I. H 



162 Zweites Buch. 

mangelhaft. Vor allen Dingen war es Berosus, ein babylonischer 
Priester, der um das Jahr 330 — 260 v. Chr. gelebt und geschrieben 
hat und dessen in die griechische Literatur übergegangenen Notizen 
von größerem Werte sein konnten. Erst in neuerer Zeit wurden 
Inschriften aus altbabylonischer Zeit entziffert, die eine hinreichende 
Aufklärung über ältere Anschauungen boten. Das Hauptinteresse 
an dieser neueren Entdeckung erwarb sich die Übereinstimmung 
mit den biblischen Schöpfungsmythen, — eine Übereinstimmung, 
die allerdings genügte, um die Abstammung der biblischen von 
der altbabylonischen Mythologie zu beweisen. Das daraus hervor- 
gehende Bestreben, nun alle Kultur aus dem alten Babylonien ab- 
zuleiten, muß durchaus verworfen und als unwissenschaftlich be- 
zeichnet werden. Ich habe hier an der Hand der sogenannten 
Tiamatmythe die Aufgabe, zu zeigen, daß die alte babylonische 
Mythologie nicht mesopotamischen Ursprunges sein kann, von 
anderen Völkern den Babyloniern überliefert und von den Baby- 
loniern selbst mißverstanden worden ist. Wir stellen im folgenden 
den Bericht des Berosus in der Übersetzung des alten Munter (nach 
den Angaben des Alexander Polyhistor) der Übersetzung der Keil- 
inschriften von Smith-Delitzsch gegenüber. 

Berosus berichtet, daß seinerzeit ein gewisser Oannes, der 
aus dem erythräischen Meere kam, die Babylonier unterrichtet 
habe. Dieser Oannes hatte ganz den Leib eines Fisches, jedoch 
unter dem Kopf einen andern unter dem Fischkopf hervorge- 
wachsenen Kopf, Füße eines Menschen, hervorgewachsen aus einem 
Fischschwanze und eine menschliche Stimme. Dieser Oannes ver- 
kehrte am Tage mit den Menschen, ohne Speise zu sich zu nehmen, 
und überlieferte diesen die Kenntnis der Schriftzeichen und Wissen- 
schaften und mannigfache Künste, lehrte sie, wie man Städte be- 
völkert und Tempel errichtet und Gesetze einführt und das Land 
vermißt; er zeigte ihnen Säen und Einernten der Früchte und 
überliefert überhaupt den Menschen alles, was zur Sittigung des 
Lebens dient. Mit Sonnenuntergang sei dieser Oannes wieder 
in das Meer getaucht und habe die Nächte in der See verbracht, 
denn er war amphibienartig. Oannes habe aber über Ent- 
stehung und Staatenbildung geschrieben und dieses Schriftwerk 
den Menschen übergeben. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 163 

Der Schöpfungsbericht, den dieser Oannes nach Angabe des 
Berosus niederlegte, lautet etwa folgendermaßen: 

„Es war eine Zeit, in der alles Finsternis und Wasser war. 
In der Finsternis und dem Wasser wurden wunderbare und ganz 
außerordentlich gestaltete Tiere erzeugt : Menschen mit zwei, einige 
mit vier Flügeln und doppelten Angesichtern. Sie hatten nur 
einen Körper, aber zwei Köpfe, einen männlichen und einen weib- 
lichen. Dabei auch doppelte Geschlechtsteile. Andere Menschen 
hatten Bockschenkel und Hörner; andere waren Pferdefüßler und 
hatten die hinteren Teile vom Pferde, die vorderen von Menschen, 
wie die Gestalt der Hippokentauren. Da wurden auch Ochsen 
erzeugt mit Menschenköpfen, Hunde mit vier Leibern und Fisch- 
schwänzen; Menschen und andere Gestalten mit Pferdekörpern 
und Köpfen und mit Fischschwänzen, auch andere lebende Wesen 
in der Gestalt der verschiedensten wilden Tiere; desgleichen Fische, 
Gewürme, Schlangen und andere wunderbare Tiere mit den ver- 
schiedensten Gestalten, deren Bilder alle im Tempel des Bei 
bewahrt werden. Die Fürstin aller dieser Tiere war ein Weib, 
Omorka genannt. Dieser Name heißt auf kaldäisch Thaletth, 
ins Griechische übersetzt Thalassa (gleich Meer) und ist gleichen 
Zahlenwertes mit dem Namen des Mondes, selene. — So war das 
Ganze beschaffen, als Bei hinzukam, das Weib mitten durchhieb, 
aus der einen Hälfte die Erde, aus der andern den Himmel machte, 
die Tiere aber tötete. — Auf diese Art (so sagte er) werde der Ur- 
sprung der Dinge allegorisch gelehrt. Da aber das Ganze und die 
in demselben erzeugten Geschöpfe feuchter Natur gewesen wären, 
hätte der Gott sich seines eigenen Hauptes (über die heute als 
falsch erachtete Schreibweise dieses Teiles siehe nachstehend!) 
beraubt; das ausströmende Blut hätten die andern Götter mit 
der Erde vermischt und daraus die Menschen gebildet, die daher 
auch mit Vernunft begabt und des göttlichen Wesens teilhaftig 
waren. Bei habe hierauf die Finsternis mitten durchschnitten, 
Himmel und Erde voneinander geschieden, die Welt geordnet 
und die Tiere, so die Kraft des Lichtes nicht hätten ertragen 
können, wären umgekommen. Als Bei nun das wüßte, jedoch 
fruchtbar gesehen, habe er einem der andern Götter geboten, 
seinen eigenen Knopf abzuschneiden, Erde mit dem aus sich heraus- 

ll* 



164 Zweites Buch. 

strömenden Blute zu vermischen und daraus sowohl Menschen 
wie Tiere, welche die Luft ertragen könnten, zu bilden. Er selbst 
aber habe die Gestirne, die Sonne, den Mond und die fünf Planeten 
gemacht." 

Ehe ich weiter gehe, sei darauf hingewiesen, daß es nicht 
klar zu ersehen ist, ob Bei nach der Spaltung des Weibes Omorka 
sich das Haupt selbst abgeschnitten habe oder der Omorka. Es 
ist dies insofern wesentlich, als aus der Leseart zu schließen 
ist, ob die alten Babylonier den Sinn dieser Mythe noch gekannt 
haben oder nicht. Da aber auf jeden Fall der Schluß der Dar- 
stellung und die zweite Schilderung des Abschlagens eines Götter- 
kopfes die Unklarheit des Berichterstatters verrät, sind wir 
berechtigt, die Unwissenheit auch für den ersten Teil anzu- 
nehmen. 

Die Bruchstücke der Keilschriften, welche den altbabylonischen 
Schöpfungsbericht enthalten, beginnen folgendermaßen: 

1. Als droben der Himmel nicht aufgerichtet, 

2. und drunten auf Erden eine Pflanze nicht aufgesproßt war, 

3. auch die Tiefe der Wässer nicht durchbrochen hatte ihre 
Schranken: 

4. Mummu-Tiamat war die Gebärerin ihrer aller. 

5. Jene Wasser wurden im Anbeginn geordnet; aber 

6. ein Baum war nicht gewachsen, eine Blume hatte sich nicht 
entfaltet. 

7. Als die Götter noch nicht erstanden waren, keiner von ihnen; 

8. eine Pflanze nicht gewachsen war, und Ordnung nicht exi- 
stierte ; 

9. auch die großen Götter wurden geschaffen. 

Dieses Tiamaturgeschöpf bedeutet in seinem Namen Mummu- 
Tiamat, soviel wie „Seewasser" oder „Seechaos". Das Tiamat ist 
also ^direkt eine Personifikation des Meeres. Der zweite Teil 
dieser Berichte, in dem das Tiamat eine wesentliche Rolle spielt, 
ist uns leider sehr mangelhaft erhalten, und ich fürchte sogar zu- 
nächst infolgedessen auch nicht einmal ganz genau richtig über- 
setzt. Die betreffenden Fragmente enthalten eine Schilderung des 
Entscheidungskampfes zwischen Tiamat und Merodach oder Bei. 
Ich gebe die Vorder- und Rückseite dieses Teiles vollständig und 
fülle gleich Smith die Lücken mit Punkten aus. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 165 

Vorderseite : 

1 bereitete er ... . 

2 seiner rechten Hand teilte er zu 

3. . . und Köcher schleuderte seine Hand 

4. er sandte den Blitzstrahl vor sich her, 

5. . . . Grimm erfüllte seinen Körper. 

6. Er machte das Schwert zum Schweigen bringen den Drachen 
des Meeres, 

7. die sieben Winde bannte er, nicht herauszukommen -aus 
ihrer Wunde. 

8. Nach Süden, Norden, Osten und Westen, 

9. ließ er seine Hand das Schwert halten vor dem Hain seines 
Vaters, des Gottes Anu. 

10. Er machte den bösen Wind, den feindlichen Wind, das Un- 
wetter, den Sturm, 

11. die vier Winde, die sieben Winde, den Wind . . . den 
regellosen Wind. 

12. Er ließ los die Winde, die er geschaffen hatte, sieben an 
der Zahl, 

13. der Drache des Meeres streckte sich aus, kam hinter ihm 
drein. 

14. Er trug den Donnerkeil, seine große Waffe, 

15. auf einem Wagen . . ohnegleichen fuhr er dahin: 

16. Er packte sie und vier Fesseln befestigte er an ihre Hände 

17. ... unnachgiebig, stürmend ... sie 

18 mit ihrem Stachel todbringend 

19. hinwegfegend Erkenntnis 

20 Zerstörung und Kampf 

Rückseite. 

1 dein Unheil sollst du bezwingen, 

2. der Tribut an deine Mutterschaft soll ihnen aufgezwungen 
werden durch deine Waffen, 

3. ich (dein Gemahl) will beistehen, und dir sollen sie ge- 
macht werden zur Beute. !*• 

4. Tiamat, als sie dies hörte, 

5. trat sie auf einmal hinzu und änderte ihren Entschluß. 

6. Tiamat rief und stand behend auf, 

7. stark und fest umgab sie sich mit ihrer Schutzwehr, 

8. sie nahm einen Gürtel (?) und legte 

9. und die Götter machten für sich bereit ihre Waffen zum 
Kampf. 

10. Tiamat griff an den gerechten Götterfürsten Merodach. 



166 Zweites Buch. 

11. Die Banner richtete sie auf in dem Streit gleich einer Feld- 
schlacht ! 

12. Auch Bei zog sein Schwert und verwundete sie. 

13. Der böse Wind kam hinterher und schlug gegen ihr Ge- 
sicht. 

14. Tiamat öffnete ihren Mund, ihn zu verschlingen, 

15. aber den bösen Wind ließ er hineinfahren, bevor sie ihre 
Lippen zu schließen vermochte; 

16. die Gewalt des Windes füllte ihren Magen, und 

17. ihr Herz erbebte, und ihr Gesicht war verzerrt, 

18. . . ergriff mit Ungestüm ihren Magen, 

19. zerriß ihr Inneres und besiegte ihr Herz. 

20. Er kerkerte sie ein und machte ein Ende ihrem Werk. 

21. Ihre Helfershelfer stunden ob ihr erstaunt, 

22. als Tiamat, ihre Führerin, bezwungen war. 

23. Ihre Reihen zerbrach er, ihre Gesamtheit ward zerstreut, 

24. und die Götter, ihre Helfer, die ihr zur Seite gingen, 

25. bebten, fürchteten sich und lösten sich auf, 

26. der Aushauchung ihres Lebens gingen sie aus dem Weg. 

27. Krieg ringsum, flohen sie unaufhaltsam (?) davon. 
28 sie und ihre Waffen zerbrach er, 

29. gleich einem Schwert niedergeworfen, in Finsternis sitzend, 

30. ihrer Gefangenschaft sich bewußt, voll Kummer, 

31. ihre Stärke entrückt, geschlagen in Banden, 

32. und auf einmal ward die Stärke ihres Werkes von Furcht 
überkommen, 

33. das Schleudern von Steinen, gehend . . . 

34. Er warf nieder den Freund, seine Hand .... 

35. einen Teil des Feindes unter sich 

36. Und der Gott Kingu wiederum 



Wir schließen den Inhalt des Buches Jona hier an. Jona 
erhält vom Herrn den Auftrag, in die große Stadt Ninive zu gehen 
und zu predigen. Jona flieht aber, wollte hinab gen Tharsis und 
kam hinab nach Japho. Er fand da auch ein Schiff, das nach 
Tharsis wollte, gab sein Fährgeld und war so auf dem besten 
Wege, zu entfliehen. Da ließ Jahwe einen großen Wind aufs Meer 
kommen, sodaß die Schiffsleute in große Angst gerieten. In- 
zwischen schlief Jona unten im Schiffe. Der Schiffsherr fordert 
Jona auf, zu beten. Darauf ziehen die Schiffer das Los, um fest- 
zustellen, wessenwegen das Ungewitter wohl hereingebrochen sei. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 167 

Das Los fällt auf Jona, der denn auch den Schiffern beichtet: 
„Ich bin Ebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, 
welcher gemacht hat das Meer und das Trockene." — Als die 
Not nun kein Ende nehmen wollte, nahmen sie Jona und warfen 
ihn ins Meer; da stand das Meer still von seinem Wüten. Der 
Herr schaffte aber einen großen Fisch, Jona zu verschlingen, und 
Jona war im Leib des Fisches drei Tage und drei Nächte. Im 
Bauch des Fisches betete Jona und beichtete. Da sprach der Herr 
zum Fische und der Fisch spie Jona ans Land. — Darauf wanderte 
nun Jona nach Ninive und predigte, daß noch 40 Tage wären, 
dann würde Ninive untergehen. Die Leute in Ninive ließen sich 
daraufhin zur Sündenbekenntnis überreden und zogen Säcke an, 
das Volk und der König. Es war allgemeine Landesreue. Ob dieser 
Reue erbarmte sich der Herr und vernichtete Ninive nicht, was 
Jona außerordentlich verdroß. Und Jona ging zur Stadt hinaus, 
und setzte sich morgenwärts von der Stadt und machte sich daselbst 
eine Hütte; da setzte er sich in den Schatten, daß er sähe, was 
der Stadt nun widerfahren würde. Inzwischen ließ aber der Herr- 
gott einen Ricinus wachsen, den aber gar bald ein Wurm zerfraß, 
sodaß die schattenspendende Pflanze verdorrte und Jona nun der 
prallen Sonne ausgesetzt war. Als darüber nun Jona verzagt, da 
sagt ihm der Herr: „Dich jammert des Ricinus, daran du nicht 
gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer 
Nacht ward, und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht 
jammern Ninives, solcher großen Stadt, in welcher sind mehr 
denn 120000 Menschen, die nicht den Unterschied wissen, was 
rechts und links ist, dazu auch viel Tiere?" 

Aus dem Urgewässer steigt wie bei allen Völkern, die im 
Besitze der älteren Mythologie sind, das All empor. Die Personifika- 
tion dieses Urgewässers ist Tiamat. Tiamat wird zerteilt (siehe 
nächstes Kapitel), aus dem Leibe des Tiamat wird die Welt ge- 
schaffen. Die Sonne steigt leuchtend aus dem Meere empor und 
strahlt über die Erdoberfläche dahin. Insofern verstehen wir 
Tiamat vollständig. Es ist nicht viel hier hinzuzufügen. Die Pro- 
jektion des Sonnenaufgangs als Schöpfungsmythe an den Anfang 
der Dinge ist hier genau dieselbe wie bei allen alten Kulturvölkern. 
Diese Schöpfungsmythe ist aber in der Berosusversion offenbar 



168 Zweites Buch. . 

verquickt mit dem Stoffe, aus dem sie gebildet wurde, d. h. es 
ist ein Rückfall eingetreten. Der Streit, ob Bel-Marduch oder 
Oannes sich selbst das Haupt oder dem Tiamat das Haupt abge- 
schlagen habe, ist aus dem Bereiche der Jonassage zu beant- 
worten. — 

Diese Walfischjonasmythe nun ist uns in den beiden Les- 
arten der Keilinschriften des Alten Testamentes erhalten. In der 
Version des Alten Testamentes fehlen einige wesentliche Glieder. 
Das Herzmotiv vermisse ich vor allen Dingen. Dasselbe ist der 
Tiamatversion offenbar noch eigen, aber diese Tiamatversion der 
Keilinschriften haben die alten babylonischen Priester anscheinend 
selbst von älteren Versionen falsch abgeschrieben. Gehen wir die 
Zeilen der Reihe nach durch. (Es handelt sich natürlich um die 
Rückseite der Tafel.) In Zeile 14 öffnet Tiamat den Mund, um den 
Gott zu verschlingen, und in Zeile 15 läßt dieser den bösen Wind 
hineinfahren, bevor sie ihre Lippen zu schließen vermochte. In 
Zeile 16 — 19 spielt sich der Vorgang im Magen des Drachen ab. 
Aber angeblich ist nicht der Gott, sondern nur der Wind ver- 
schlungen. Von dieser Stelle an herrscht eine andere Anschauung 
vor. Angeblich kerkert Bei Tiamat ein (Zeile 20). In Zeile 29 
sitzt sie in Finsternis, in Zeile 31 ist sie in Banden geschlagen. 
Es ist also eine Abänderung des alten Textes vorgenommen 
worden. In der ursprünglichen Mythe, die wir nun schon bei so 
vielen Völkern der Erde angetroffen haben, sitzt zunächst der 
Sonnenheld in der Finsternis des Walfisch- resp. Drachenbauches, 
und es folgt darauf das Aufschneiden des Ungetümes und das 
Ausschlüpfen des Sonnenhelden. Diese beiden Motive sind in- 
folge der ursprünglichen Form verloren gegangen. Aber auch 
die neuere Darstellung, daß Tiamat nach dem Verschlingen des 
bösen Windes resp. Bels gefangen genommen und gebunden 
worden ist, ist nicht vollständig klar ausgesprochen. Vielmehr 
glaube ich noch einige Symptome älterer Versionen feststellen 
zu können. — Es sei mir ein Sprung erlaubt. Ich greife auf 
die Bogda Gesser Chanmythe zurück. Dort fliehen die Genossen 
des in den Leib des Ungetüms geschlüpften Sonnenhelden. Hier 
fliehen angeblich die Helfershelfer der Tiamat. Ich frage aber, 
ob denn nach allem Wesenssinn der Mythe Tiamat Götter zu 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 169 

ihrer Hülfe gehabt haben kann ? — Und doch heißt es ausdrück- 
lich in Zeile 23 — 24, die Götter, ihre Helfer, wurden zerstreut, 
und Zeile 26, daß sie der Aushauchung ihres Lebens aus dem 
Wege gingen. Das hat offenbar» ursprünglich so geheißen: „Als 
Bei im Leibe der Tiamat verschwunden war, sprangen die ihn 
begleitenden Götter entsetzt zur Seite, bis Tiamat ihr Leben aus- 
hauchte" — oder „bis sie ihn wieder ausspie". Es ist also um 
den Tatbestand kurz festzustellen, schon 1500 — 2000 Jahre v. Chr. 
bei den Babyloniern eine sinnlose Umbildung der Mythe vor sich 
gegangen, die sich darin äußert, daß zwar noch eine Erinnerung 
an das Verschlungenwerden und an das Herzmotiv bestand, daß 
aber der Rest des öffnens und ans Tageslichtkommens durch die 
Gefangennahme und Fesselung der Tiamat ersetzt wurde. 

Erkennen wir somit aus den Formen schon eine Sinnverbil- 
dung in jener alten Zeit, so läßt sich auf der andern Seite diese 
Erkenntnis noch durch eine Betrachtung des Grundwesens der 
babylonischen Schöpfungsmythe ergänzen und vertiefen. Die 
Schlange spielt bekanntlich auch in der Schöpfungsmythe des 
Alten Testamentes eine große Rolle. Sie ist mit an dem Apfel- 
diebstahl verschuldet. Die Hauptschuld trifft aber in der alt- 
testamentarischen Auffassung den Menschen. Das ist eine voll- 
ständig ethische Auslegung der Mythe bei vollständigem Verlust 
des ursprünglich kosmogonischen Sinnes. Denn daß der ver- 
schlungene Apfel die Sonne darstellt, versteht sich ganz von 
selbst. Bei den alten Babyloniern ist dieser ethische Sinn noch 
nicht so vollkommen durchgedrungen, und es ist der ursprüngliche 
Sinn noch wirksamer auch in der Formgestaltung. Aber der 
ethische Grundsinn liegt auch schon bei den Babyloniern klar zu- 
tage, wovon sich ein jeder Leser der babylonischen Schöpfungs- 
texte ohne weiteres überzeugen kann. Dieser ethische Grundge- 
danke ist auch in der Jonasmythe noch erhalten, wenn auch die 
Formen — wie ich annehme infolge Berührung mit besser er- 
haltenen arioiden Gedanken? — noch eine bessere Erhaltung auf- 
weisen. — Immerhin ist es sicher, daß die ganze altsemitoide 
Anschauungswelt darauf hinauszielte, ethische Gedanken den 
alten Mythen unterzuschieben, — ein Prozeß, den wir mit Leichtig- 
keit bis in das Neue Testament hinein zu verfolgen vermögen. 



170 Zweites Buch. 

Es wird an anderer Stelle meine Aufgabe sein, zu zeigen, daß 
auch die Offenbarung Johannis überall die alten Mythen als 
Stoff zur Formung geistigen Wesens verwendet hat. Wesentlich 
ist aber für uns, nachgewiesen jm haben, daß die alten Babylo- 
nier, so weit wie wir sie historisch zurückzuverfolgen vermögen, 
stets den Stoff der alten solaren Mythologie verwendet haben. 

Dieser Schlußsatz führt mich dazu, hier noch einige Worte 
einer eigenartigen Provinz der semitoiden Mythologie, nämlich dem 
alten Ägypten zu widmen. 

Die altägyptische Mythologie ist uns leider nur außerordent- 
lich fragmentarisch bekannt. Das Wesentlichste ist noch heute, 
was der alte Plutarch in seinem Werke Osiris und Isis aufge- 
schrieben hat. Was dann und wann ein Papyrus uns verrät, 
deutet mehr an, als es ausführt. Die Inschriften in den Tempeln 
und in den Grabstätten enthalten Gebete und zahlreiche Hinweise 
auf eine ziemlich große Menge von Mythen, die man jedoch sämt- 
lich als dem Leser bekannt voraussetzte. Immerhin erschließen 
sich uns zwei Teile der ägyptischen Mythologie noch klar; es 
handelt sich einmal um die Göttergeschichte des Osiris und zum 
andern um die Fahrten des Ra. Wenn wie in den altsemitischen 
Staaten Mesopothamiens auch jede Ortschaft resp. jede Stadt 
oder Provinz ihren eigenen Landesgott hatte, so ragten doch über 
all die vielen Erscheinungen gerade diese beiden genannten 
Göttergestalten gar mächtig empor. Wir haben dabei den Ein- 
druck, als ob die Ramythologie vielleicht doch eine ältere, die 
Osirismythologie eine jüngere sei. Die Ramythologie ist es, die 
den Sonnenlauf von West nach Ost in der Barke über das Wasser 
hin schildert, während die Osirismythe den Sonnenlauf den Nil 
entlang im Kasten vor sich gehen läßt; den Nil hinab, d. h. also 
von Süd nach Nord. 

Die Sonnenbarkenfahrt Ras entsprechend dem Lauf der 
Sonne über ein Wasser hin kann natürlich nicht an den Ge- 
staden des Nils entstanden sein. Diese Mythe muß aus einem 
Bereiche kommen, dessen geographische Eigentümlichkeit das 
Aufgehen und Untergehen der Sonne im Meere auszeichnen. 

In der Ramythologie sind zwei Drachensagen enthalten, ein- 
mal in jenem Teile, der für uns noch unverständlich ist, in dem 



Der Sonnengott im Fischbspich: Asien. 171 

nämlich Isis sich bemüht, den heiligen Namen Ras zu erfahren, 
und zum zweiten in der täglichen Nachtsonnenfahrt des Gottes. 
In der siebenten Stunde dieser Nachtfahrt legt sich die Schlange 
Mehen, „die Umspannerin", um die Kajüte des Ra; hier gilt es 
den schwersten Kampf gegen die Apepschlange, die zuletzt glück- 
lich besiegt und mit Messern durchbohrt wird, während die Sonnen- 
barke sich von selbst fortbewegt. Dieser schwerste Teil der 
Nachtfahrt wird sehr häufig erwähnt. Die Widersacherin er- 
scheint in den verschiedenen Namen Apep, Apap, Apophis etc. 
Es ist hier offenbar der Kampf mit den Nachtgewässern gemeint. 
Aber nicht nur Ra kämpf tmit diesem Ungetüm, sondern wir sehen 
auch Horus vom Boote aus das durch das Wasser hinschleichende 
Ungetüm durchbohren. 

Daß das Motiv des Verschlungenwerdens der Sonne den alten 
Ägyptern geläufig war, erkennen wir an verschiedenen Stellen 
der alten Aufzeichnungen. Nach der im 55. Kapitel von Plutarch 
wiedergegebenen Sage soll Typhon das Auge des Horos bald ver- 
letzt, bald ausgerissen und verschluckt, dann dem Helios wieder 
zurückgegeben haben. Die alten Ägypter erzählten diese wahr- 
scheinlich griechisch abgewandelte Form folgendermaßen: Eines 
Tages wünschte Horus alle Wesen zu sehen, die Ra erschaffen 
hatte; da zeigte ihm dieser ein schwarzes Schwein, und in dem 
gleichen Augenblicke fühlte Horus einen heftigen Schmerz im 
Auge, denn Set hatte sich, um Horus zu verletzen, in ein Schwein 
verwandelt. — Das Sonnenauge, in den Fluten des Meeres 
verschwindend, ist eine der ältesten Versionen des solaren Zeit- 
alters. — 

Die Walfischdrachenmythen der Arioiden Asiens. 

Aus den ältesten und heiligsten Schriften, die uns aus dem 
Bereiche der altarischen Kulturvölker Asiens erhalten geblieben 
sind, geht die große Bedeutung, die schon in ältesten Zeiten die 
Geschichte vom Drachenkampfe gehabt haben muß, hervor. Greifen 
wir erst in den Norden, so fällt uns das Beispiel der Zendbücher 
ein, die den Kampf zwischen dem Sonnen und die Licht weit 
schaffenden Ormuzd und dem das Reich der Dunkelheit schaffenden 



172 Zweites Buch. 

und beherrschenden Ahriman ein. Ahriman wird bei seinem Ver- 
suche, die Lichtwelt zu zerstören, als Schlange in die Tiefe zurück- 
geschleudert. Vieles spricht dafür, daß Ahriman der Herr der 
Wasser ist. Als interessante Parallele zum Merudach-Tiamatkampf 
mag erwähnt werden, daß Ahriman gefesselt wird, — eine Schil- 
derung, die andererseits auch wieder an die Fesselung des Fenrir- 
wolfes gemahnt. 

Und im Anschluß hieran die Dschemschidmythe ! Wie wunder- 
voll klar ist diese Zeichnung: Am Ende seines großen Werkes 
wird Dschemschid gestürzt. Der Widersacher ist Zohak, aus dessen 
Körper die Drachen emporsteigen. Das deutet die Westverschlin- 
gung an. Und dann: Nicht für immer ist Dschemschid verstoßen; 
nach hundert Jahren erscheint er wieder am Gestade des chine- 
sischen Meeres. Also der Aufgang im Osten. Das ist ein wohl 
aus weiter Ferne und ein spät zurückschallendes Echo. Aber wir 
erkennen es als solches ohne Schwierigkeit. Wer hier noch mehr 
will, spüre der Geschichte von der Verschlingung der Rinder Dschem- 
schids nach. Darin steckt auch uralte Anschauung. 

Uns nach dem Süden wendend, bemerken wir vor allen Dingen 
die wichtigste Geschichte aus dem Leben und den Taten Indras: 
den Kampf mit dem Ungeheuer, nach dessen Unterliegung der 
Gott selbst, vom Schrecken erfaßt, flieht. Also Drachenkämpfe 
treten uns in jeder der altarischen Mythologien Asiens als große 
und wesentliche Ereignisse entgegen. Ein Eingehen auf die Ein- 
zelheiten würde hier zu weit führen, zumal auch hier ein großer 
Teil der Volksweisheit und der älteren kosmogonischen Mythen 
nicht in den Schriften des Priestertumes , sondern in den Erzäh- 
lungen des Volkes erhalten ist, aus denen nachgehend wenig- 
stens einige Zeilen ausgewählt werden mögen. 

Wichtig ist uns vor allen Dingen aus dem älteren Bereiche 
eine Flutmythe, welche nachfolgend in einigen Zügen charakte- 
risiert werden mag. 

Der fromme weise Manus ging einst am Ufer eines Flusses 
spazieren, als ihm ein Fischchen um Schutz gegen die größeren 
Raubfische anflehte. Der Weise setzte ihn in einen größeren Teich, 
wo der Fisch aber so wuchs, daß er ihn herausnehmen und in 
den Ganges bringen mußte; aber auch dieser Strom wurde ihm 



Der Sonnengott im Fischbauch: Asien. 173 

bald zu enge und der Weise war genötigt, seinen inswischen riesen- 
haft ausgedehnten Schützling in das Weltmeer zu bringen. Hier 
zeigte sich erst, daß der Fisch ein überirdisches Wesen, nämlich 
Brahma selbst war. Er zeigte dem Manus an, daß die Zeit ge- 
kommen wäre, wo eine allgemeine Flut die ganze Erde über- 
schwemmen und alle geschaffenen Wesen vernichten würde. Zu- 
gleich befahl er dem Manus, ein festes Schiff zu zimmern, Samen 
von allen Gattungen mit in das Schiff zu nehmen etc. — Wir 
haben hier das Motiv des Schlangengroßziehens, das uns nicht 
nur schon mehrmals entgegentrat, sondern das wir auch in der 
nordischen Mythe noch einmal treffen werden. 

Unter den Inkarnationen Wischnus interessiert uns vor allen 
Dingen die erste, die Fischinkarnation. — Wischnu ruhte im Ver- 
zückungsschlafe auf den Gewässern, da erhob sich durch diesen 
Schlaf der Gott Brahma aus dem Nabel Wischnus auf einem 
Lotos thronend und die Weddas eifrig studierend. Während- 
dessen hatte eine Wasserflut die ganze Welt überschwemmt, da 
das Element durch den' Schlaf Wischnus entfesselt worden war. 
Ein böser Geist benutzte diesen Augenblick, um dem in Nachdenken 
über den Inhalt der Weddas versenkten Brahma das Werk zu 
stehlen und damit in den Abgrund zu fliehen. Dies gelang ihm 
auch, und nachdem Brahma in Verzweiflung geraten war, ward 
Wischnu aus seinem Schlafe erweckt. Wischnu erkannte sofort 
den Raum und den Ort, wo der Räuber sich verborgen hatte. 
Er verwandelte sich alsbald in einen Fisch, tauchte in den Ozean 
hinab, kämpfte mit dem dahin geflüchteten bösen Geist, erlegte 
ihn, brachte die heiligen Schriften zurück und bannte die über- 
getretenen Gewässer in ihre Grenzen. 

In weniger priesterlich verdrehten Formen äußert sich die 
Walfischmythe im Ramayana, welches bekanntlich die Göttlichkeit 
des Sonnenhelden in der Gestalt des Affen Hanumant verherr- 
licht. Auszugsweise sei ein Stück wiedergegeben. 

Die Sonne, in welcher Hanumant durch die Luft eilt, wirft 
einen Schatten auf das Meer; ein Meerungeheuer bemerkt den- 
selben und zieht durch ihn Hanumant an sich. Als dieser sieht, 
daß das Ungeheuer ihn verschlucken will, dehnt er seine Gestalt 
ganz maßlos aus; das Ungeheuer nimmt dieselben gigantischen 



174 Zweites Buch. 

Proportionen an. Als es das tut, wird Hanumant so klein wie 
ein Daumen, schlüpft in den großen Leib des Ungeheuers hinein 
und kommt auf der anderen Seite wieder heraus. An einer an- 
dern Stelle des Gedichtes sagt Hanumant selbst, daß er bei dem 
rechten Ohr des Fisches wieder herausgekommen wäre, wogegen 
der Ausgang in der Schilderung selbst am Schwänze erfolgt zu 
sein scheint. Alsdann setzt Hanumant seinen Flug über den Ozean 
fort, um auf eine Insel zu gelangen. Der Ozean hat Mitleid mit 
ihm und erhebt, um ihm zu helfen, „den Berg mit dem goldenen 
Nabel", das ist der Berg, aus welchem die Sonne hervorkommt; 
Hanumant sagt denn auch in der Tat, daß er den Berg mit seinem 
Schwänze traf und ihm die Spitze abbrach, welche gleich der 
Sonne glänzte, um sich darauf auszuruhen. Hanumant nimmt 
dann seinen Flug wieder auf und findet ein neues Hindernis in 
dem Meerungeheuer, das ist die Mutter Rahus (also des Dämons, 
der Sonne und Mond packt und dadurch die Verfinsterung der- 
selben bewirkt). Diese zieht ebenfalls den Schatten Hanumants 
an sich; dieser nimmt wieder zu der früheren Kriegslist seine 
Zuflucht, wird klein und schlüpft in ihren Leib hinein; doch kaum 
ist er darin, so wächst er zum riesigen Klumpen an, schwillt auf, 
zerreißt sie, tötet sie und macht sich davon, ein Streich, der ihm 
die Huldigung der Vögel einbringt, welche fernerhin ungestraft den 
Ozean werden kreuzen können. 

In dieser alten Mythe sind die meisten Züge des uns beschäf- 
tigenden Stoffes enthalten und fehlt auch ein Anklang an das 
Motiv der Vogelhülfe nicht. 

Zum Schluß mag noch ein Stück aus der Somadeva Bhatta 
folgen. Die Hindusage von Saktideva erzählt, es sei einst eines 
Königs Tochter gewesen, die keinen andern als den Mann heiraten 
wolle, der die goldene Stadt gesehen hätte. Da Saktideva diese 
Königstochter liebt, so macht er sich auf, die Welt zu durchreisen 
und jemand zu suchen, der ihm sagen könne, wo diese goldene 
Stadt sei. Im Laufe seiner Reise schifft er sich an Bord eines 
nach der Insel Utsthala bestimmten Schiffes ein, wo der König 
der Fischer wohnt, der, wie Saktideva hofft, ihn würde zurecht- 
weisen können. Auf der Seefahrt erhebt sich ein großer Sturm 
und das Schiff geht in Stücke, aber ein großer Fisch verschlingt 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 175 

Saktideva auf einmal. Durch die Macht des Schicksals getrieben, 
geht darauf der Fisch nach der Insel Utsthala, und dort fangen 
die Diener des Königs der Fischer diesen riesigen Fisch. Der 
König, erstaunt über dessen Größe, läßt ihn aufschneiden, und 
Saktideva kommt unverletzt heraus, besteht noch andere Aben- 
teuer, sieht endlich die goldene Stadt und heiratet zum Schluß 
nicht nur die von ihm so geliebte Prinzessin, sondern auch noch 
deren drei Schwestern. 

Anhangsweise sei noch auf die Naga hingewiesen. Wir 
werden auf diese Schlangen bei der Besprechung des Motives 
„Vogelschlangenkampf" zurückkommen. Auch wird uns im zweiten 
Bande die Figur des Schlangenkönigs, der mit seinem Leibe wie 
die Mitgartschlange um die Welt liegt, beschäftigen. Hier sei nun 
darauf hingewiesen, daß diese Nagaschlangen wie tiberall in Asien 
und Europa, die Besitzer der Schätze sind, die durch die Vögel 
geraubt werden. Wenn die alten Heldensagen berichten, daß die 
einwandernden Arier die Schlangen anbetenden Stämme der Naga 
schon angetroffen hätte, die überall Schätze und schöne Frauen 
besessen hätten und deren Fürst den Talisman in Händen hatte, 
der selbst Tote wieder zum Leben erwecken kann, so ist das eben 
eine Mythe, die dahin auszulegen ist, daß der Sonnenheld in die 
Tiefe fährt, um den Schatz des Feuers und der Sonne zu er- 
obern. Denn die Helden der Vorzeit sind ja im Zeitalter des 
Sonnengottes die Söhne der Sonne oder der Sonnengott selbst 
gewesen. 

Zusammenfassend können wir erklären, daß die Arier in Asien 
schon in alter Zeit im Besitze der solaren Mythologie waren, daß 
sich aus ihren Schriften, die allerdings auch oftmals dogmatisch 
zugestutzte Reste dieser alten Mythologie heute noch herausfinden 
lassen, daß sich dieselben aber in größerer Reinheit erhielten, als 
bei den Semitoiden. 



Die Walfischdrachenmythen der Arioiden Europas. 

Die Indogermanen Europas treten uns in ihrer Weltanschau- 
ung in keinem Punkte ihres Gebietes und in keinem Punkte der 
Geschichte als echtes Naturvolk entgegen. Sie haben überall als 



176 Zweites Buch. 

Hauptmerkmal ihres kulturellen Wesens den Aufschwung gezeigt, 
und von diesem Standpunkte betrachtet werden wir demnach nicht, 
hoffen dürfen, eine klar ausgebildete alte Mythe aus dem Zeit- 
alter, das uns hier beschäftigt, herübergerettet zu finden. Sie 
schließen sich in diesem Punkte durchaus den Arioiden Asiens 
an. Wir können demnach den Satz aufstellen, daß wir kein 
arioides Volk nachzuweisen vermögen, welches die alten Güter 
des solaren Zeitalters in jener konservativen Treue bewahrt hat, 
die wir bei vielen Naturvölkern bewundern. Alle arioiden Völker 
haben diese Stoffe weiter entwickelt, und wenn wir aus dem Be- 
sitze der Arioiden Europas dem Anscheine nach ältere und besser 
erhaltene Materiale zu gewinnen vermögen, so liegt dies teilweise 
daran, daß die unteren Volksschichten der Arioiden Nordeuropas 
noch nicht in der Weise wie die Völker des Südens und Südasiens 
von einer unaufhaltsam aufwärts und zur höheren Entwicklung 
aufstrebenden Anschauungswelt ergriffen sind. 

Aber diese älteren Güter beruhen nicht in dem, was wir 
Mythologie nennen, sondern sie sind uns in der Märchenwelt er- 
halten. 

Von solcher Kritik des Stoffes müssen wir ausgehen. Der 
Gesamttypus und die Gesamtmateriale verleihen uns das Recht, 
also zu urteilen und derart zur Spezialisierung überzugehen. 

Eine eigentliche Walfischmythe bietet meines Wissens die 
gesamte Mythenwelt der Arioiden Europas nicht. Dagegen finden 
wir den Typus der Drachenmythen ausgebildet wie sonst nirgends 
auf der Erde, — es sei denn, daß China, dessen Mythenstoffe wir 
noch so wenig kennen, ein Mehreres bietet. Aber Reste der Wal- 
fischmythen lassen sich aus dem Wesen der Entwicklung nach- 
weisen, und vor allen Dingen ist es leicht, zu zeigen, daß die 
Walfischmythe ursprünglich den Arioiden bekannt gewesen ist. 
Da ich voraussetzen darf, daß meine Leser sämtlich mit den 
Drachenmythen bekannt sind und ich dies Büchlein nur unnötig 
belasten würde, so ich auf all die Geschichten von Apollo, Per- 
seus, Herakles, Kleostratos, Cadmus, Jason etc. oder Siegmund, 
Siegfried, Beowulf etc. des näheren eingehen würde, so beschränke 
ich mich darauf, die wesentlichsten Züge kurz zu erwähnen. Das 
Buch von Schwartz über den Ursprung der Mythologie bietet ja 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 177 

außerdem jedem die Möglichkeit, sich sehr schnell über die Ein- 
zelheiten zu orientieren. 

Der Drache ist ein Repräsentant des Wassers. Er ist ur- 
sprunglich kein Landtier. Das homerische Zeitalter spricht vom 
Meere direkt als von einem Drachen. Die griechischen Drachen 
leben sämtlich an Quellen und sind teilweise zu deren Schutz 
angestellt. Das klingt uns noch nach aus dem Wesen der schweizer 
Drachen, von denen Rocholz schon gesagt hat, sie lebten sämtlich an 
Gewässern. Wie weit solche Anschauung reicht, läßt sich an un- 
endlich vielen kleinen, aber charakteristischen Zügen erkennen. 
In einem alten Werke des alten Holländers Pyrard (um 1600) 
werden die Wasserhosen direkt als Drachen bezeichnet. Ein etwas 
späterer Schriftsteller englischer Abkunft erzählt uns, die bösartige 
Drachennatur des Meeres könne man am besten in Ostindien nach- 
weisen. — Daß diese Wasserungeheuer als durch die Luft flie- 
gende Drachen mythologisch oftmals als Gewitterwolken, als große 
Regenbringer aufgefaßt werden müssen, soll nicht bestritten werden. 
Man vergesse aber nicht, daß es sich in der vergleichenden My- 
thologie immer darum handelt, woraus etwas entstanden ist. 
Die Bestimmung der Umbildungsformen und Umbildungsweise ist 
hinsichtlich mythologischer Perspektivenbestimmung immer die 
wesentlichste Erkenntnis. Da müssen wir feststellen, daß die 
Drachen der arisch europäischen Mythologie zunächst sämtlich 
nicht am Himmel, sondern auf der Erde aufgesucht werden müssen, 
daß wir bei allem eine Beziehung zum Meere, zu Strömen, Quellen 
oder irgendwelchen anderen irdischen Gewässern nachzuweisen 
vermögen. 

Der zweite Zug in den uns beschäftigenden Mythen ist der 
Frauenraub. Ich brauche wohl nicht erst an Perseus usw. und 
seine nordischen Genossen zu erinnern. — Zum dritten fällt der 
Besitz besonderer Schätze, tor allem des Goldes in die Augen. 
Ob dies ein goldenes Flies, ein Rheinschatz oder ein Juwel ist, 
ist gleichgültig. — Fernerhin erinnere ich daran, daß Drachen 
stets ihre Höhle haben, ein Motiv, daß besonders in der Siegfried- 
sage in die Augen sticht, das aber in den vielen Drachenhöhlen 
und in den stets mit einer Kluft versehenen Drachensteinen der 
europäischen Gebirge einen lebhaften Nachklang gefunden hat. 

Frobenius, Sonnengott. I. 12 



178 Zweites Buch. 

Wir sahen im Vorhergehenden mehrere Male das Motiv des 
Schlangengroßziehens auftauchen. Eine kurze Angabe, die Grimm 
schon in seiner Mythologie machte, zeigt, daß das Motiv bis zum 
Norden heraufreicht, während es in slavischen Ländern nicht fehlt. 
Man höre: der schönen Thora Borgarhiörts wird ein kleiner Lyn- 
gorna geschenkt, den sie in ein Kästchen, Gold unter ihn, legt; 
wie er wächst, wächst auch das Gold, so daß die Kiste zu eng 
wird und der Wurm sich im Kreise um die Kiste legt; bald ist 
kein Raum mehr im Zimmer, er legt sich also um das Zimmer 
und nimmt den Schwanz in den Mund; er läßt niemand in das 
Zimmer als den, der ihm Futter bringt: zu jeder Mahlzeit braucht 
er aber einen Ochsen ; nunmehr soll der, der ihn erlegt, die Jung- 
frau und das unter dem Drachen liegende Gold heimführen; Ragnar 
Lodbrok erlegt das Ungetüm. — Das ist das Motiv des Schlangen- 
großziehens, wie wir es schon manches Mal trafen, in gleicher Um- 
gebung und in gleicher Klarheit erhalten. — 

Wertvoll ist es mir, daß in den Drachensagen Europas sich 
des weiteren aber ein kleiner Zug findet, der mich stark an das 
Herzmotiv erinnert. Oftmals, wenn der Held den Drachen erlegt 
hat, naht ein anderer und raubt die Ehre des Helden, indem er 
angibt, er sei es gewesen, der den Drachen erlegt habe. Später 
vermag der Held die Tat aber daraus zu beweisen, daß er die 
herausgeschnittene Drachenzunge vorzeigt. (Vergl. Grimm Märchen 
Nr. 60, in dem dieser Typus gut erhalten ist.) Diese Geschichte 
ist vom Norden bis nach Italien, von Westen bis weit zu den 
slavischen Völkern hinein verbreitet. Sollte diese abgeschnittene 
Zungenspitze, die zu Glanz und Ehren verhilft, nicht dem Herz 
entsprechen, das der verschlungene Held in der Walfischmythe 
dem Ungeheuer ausschneidet und das in Vertretung des entzün- 
deten Feuers vielleicht die aufgehende Sonne darstellt? 

Wir haben aber noch einen siebenten kleinen Zug zu er- 
wähnen, der in der Mythologie der Arier Europas allein dasteht. 
Als nämlich Herakles seinen Drachenkampf vollbringt, heißt es, 
daß er selbst in den Schlund des Drachen hineingesprungen sei 
(Verschlingen), daß er ihm von innen die Leber aufgeschnitten 
habe (Herz), daß ihm aber infolge der Glut der Eingeweide des 
Drachen alle Haare verbrannt seien (Haar). — Hier haben wir 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 179 

im Drachenkampf noch die Walfischmythe erhalten. Dies ist an 
der Grenze der altarioiden Mythenbildung Europas, und wir wissen, 
daß der Streit, ob die Heraklesmythen althelenisches Eigentum 
seien oder nicht, im wesentlichen zugunsten letzterer Anschauung 
entschieden ist. Dies räumt aber nicht die Tat des Existierens 
der Mythe in Griechenland aus dem Wege und ist für uns, die 
wir danach trachten, festzustellen, daß • diese Mythen alle einheit- 
lichen Ursprunges und Eigentum eines uralten Kulturzeitalters ge- 
wesen sind, nicht sehr wesentlich. Ob die heutigen Anschauungen 
betreffend die Abstammung der Heraklesmythen immer wird bei- 
behalten werden können, erscheint mir so wie so etwas zweifel- 
haft. — Die Hauptsache ist aber, daß dies alte Stück der Wal- 
fischdrachenmythen uns erhalten ist. — 

Wir kommen nunmehr zu dem nordischen Spezialfall: 
Midgardschlange, Fenriswolf, — Bekanntlich heißt die " Midgard- 
schlange, dieses die Welt umspannende Wasserungeheuer, Jörmun- 
gandr (Gandr gleich Wolf). Jörmungandr heißt also wörtlich der 
,, allgemeine Wolf." Nun ist aber die Midgardschlange sicherlich 
kein Wolf gewesen, sondern eine ganz regelrechte Riesenschlange, 
die Personifikation des Meeres. Wie kommt die Schlange zu 
diesem Namen? 

Haben wir bei der Midgardschlange den Namen des Wolfes, 
so wollen wir daran erinnern, daß Simrock beim Wolfe auch 
schon die Wassereigenschaft nachgewiesen hat, denn der Name 
Fenris erinnert an das Meer. Fen, das auch in Fensalir (Meer- 
säle), der Wohnung der Frigg, erscheint, bedeutet erst auf 
zweiter Stufe Sumpf, ursprünglich aber das Meer. 

Wir haben also in den beiden Ungeheuern, welche die 
wichtigsten Vernichter in der Götterdämmerung des Nordens dar- 
stellen, Erinnerungen daran erhalten, daß die Verschlingung 
ursprünglich vom Meere oder einem Meerungeheuer ausging. 
Diese Erinnerung ist uns auch sonst erhalten. Im Wöluspa heißt 
es ja nicht nur, daß die Erde im Meer versinkt, sondern wir 
haben auch den Versteil: „Es erhebt sich die Flut", mit welchem 
das Aufbäumen der Midgardschlange anhebt. Es verbirgt sich 
demnach hinter der jüngeren Anschauung einer Weltverbrennung 
die ältere Anschauung einer Flutvernichtung. 

12* 



180 Zweites Buch. 

Für den Sinn der Mythe, an deren Ursprung: „Die Sonne 
geht im Meere unter, wird vom Meere verschlungen", jetzt aus- 
drücklich erinnert werden soll, ist also hier schon mancherlei ge- 
wonnen. Sehen wir davon ab, daß das Landvolk, das lange 
genug auf den Hochsteppen und mitten im weiten Kontinente 
gelebt hat, an Stelle des Wasserungeheuers den Wolf gesetzt hat, 
schieben wir für den Fenris dies ursprüngliche Wasserungeheuer 
ein, so verstehen wir die gesamte Entwicklung der Götter- 
dämmerung aus der Walfischdrachenmythe. Denn der Untergang 
hebt damit an, daß Fenris ( — wohl ursprünglich die ja in der Götter- 
dämmerung immer noch vorhandene Midgardschlange — ) los wird 
und das Meer das Land überflutet, und fährt fort, daß der Fenris- 
wolf mit klaffendem Rachen einherstürzt, daß sein Oberkiefer den 
Himmel, der Unterkiefer die Erde berührt, und daß er diesen 
Rachen noch weiter aufsperren würde, wenn Raum genug vor- 
handen wäre. Und während es klar ausgesprochen wird, daß ein 
Wolf die Sonne verschlingt, ein anderer den Mond, stürzt Odhin in 
den Schlund des Fenris, in dem er seinen Tod findet. 

Wir haben hier viele Varianten eines einzigen Motives neben 
einander. Das ursprüngliche Motiv muß geheißen haben: Die 
Midgardschlange dringt in der Flut empor und in ihrem weitauf- 
gerissenen Rachen verschwindet der Sonnengott. — Alle anderen 
Parallelen sind jüngeren Datums und haben sich mit der Ein- 
bürgerung des Wolfgedankens eingestellt. 

Aber auch der Weitergang der Mythe läßt sich aus einigen 
wenigen Angaben noch nachweisen. Der ursprüngliche Sinn war 
natürlich den alten Priestersängern nicht mehr bekannt. — Als 
der Sonnengott verschlungen ist, kehrt sich Widar gegen den 
Wolf und setzt ihm den Fuß in den Unterkiefer. Widar greift 
dem Wolf nach dem Oberkiefer und reißt ihm den Rachen ent- 
zwei und das wird des Wolfes Tod. — Indem der alte Sonnen- 
gott stirbt, der junge aber, der, wie wir sehen, auch in den Rachen 
des Wasserungeheuers getreten ist, dieses tötet, ist uns die Fort- 
setzung der Walfischmythe geboten. Statt des Herausreißens des 
Herzens, tritt das Entzweireißen des Rachens ein, — das alte 
kosmogonische Element, denn indem der Sonnenheld das Tier, 
in dessen Leib er gefahren ist, zerteilt, schafft er aus seinem 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 181 

unteren Körper die Erde, aus dem oberen den Himmel. • (Siehe 
nächstes Kapitel.) Aber die Mythe hat noch mehr schöne Reste 
erhalten. — Nachdem der Sonnengott aus dem Ungeheuer wieder 
herausgeschlüpft ist, beginnt die Erneuerung: „Die Erde taucht 
aus der See auf, grün und schön, und Korn wächst darauf un- 
gesät. Widar und Wali leben noch," — Ging vordem die . Erde 
im Meere unter (die Flutsage), so steigt sie aus diesem auch 
wieder empor. Aber der Aufgang der Sonne nach dieser Ver- 
schlingung wird uns noch schöner erzählt. Wöluspa 59 berichtet : 
.,Da werden sich wieder die wundersamen goldenen Bälle im 
Grase finden, die in Urzeiten die Äsen hatten." — Damit ist die 
Mythe abgeschlossen. Der Tages- resp. Frühlingslauf beginnt von 
vorn. Der Sonnenball, der vom Wasserungeheuer verschlungen 
wurde, steigt wieder empor. 

Ich glaube damit nachgewiesen zu haben, daß diö letzten 
Reste der alten Walfischmythe in der nordischen Götterdämmerung 
erhalten wurden, daß sie aber dadurch dem Verständnis schwer 
zugänglich gemacht sind, daß das Landvolk an Stelle des Wasser- 
ungeheuers den Meerwolf setzte, trotzdem die Midgardschlange 
als Nebenperson weiter bestehen blieb. — 

Kurz noch eins, Betreffend den Ursprung des für das Wasser- 
ungeheuer eingesetzten Wolfes verweise ich darauf, daß aus dem 
Süden Asiens, in dessen Küsten- und Inselwelt wir ja das Ur- 
sprungsgebiet dieser ganzen Mythologie zu suchen haben, dieser 
Wolf nicht kommt. Seine Entstehung muß in einem Gebiete ge- 
sucht werden, das seine Anschauungsströmungen nicht nur nach 
Europa, sondern auch nach Nordostasien entsandte. Denn ich 
habe auf Seite 89 schon gesagt, daß in Nordostasien der Sonnen- 
vogel vom Wolfe verschlungen wird, und ich muß hinzufügen, 
daß in einer anderen Mythe aus diesem Gebiete der Wolf die 
verschlungene Sonne dem Rachen entfallen läßt. Damit ist diese 
Anknüpfung geboten. 

Die Walfischdrachenmärchen der Arioiden Europas. 

Es wäre eine besonders verführerische Aufgabe, die Ent- 
wicklung des Drachen bis zum Teufel zu verfolgen. Aus den 



182 Zweites Buch. 

Teufelsgeschichten Deutschlands läßt sich noch so mancher wert- 
volle Zug der alten Anschauungswelt gewinnen. Es würde das 
aber zu weit führen, und ich wende mich demnach sogleich einer 
anderen Materie zu, die noch ein regeres Interesse vorfinden 
dürfte: Der Märchenwelt. 

Das allgemeine über die Märchen ist oben schon gesagt 
worden, soll aber mit wenigen Zügen hier wiederholt werden, 
um dem Leser das Rückschlagen zu ersparen. 

Über das Alter der europäischen Märchen wissen wir nichts. 
Wir wissen nicht, wie dieselben im primitiveren Deutschland, 
im Norden oder Osten einst ausgesehen haben und müssen uns 
damit begnügen, festzustellen, daß dieselben abseits aller ethischen 
Entwickelung, religiösen Beeinflussung und philosophischen Auf- 
fassungsweise ein fröhliches Dasein erlebt haben. In Italien 
wurden schon zur Renaissancezeit Märchen gesammelt und auf- 
geschrieben. Ein Vergleich mit den unseren beweist, daß diese 
Spanne Zeit von ein paar hundert Jahren für das Märchen offen- 
bar einen gänzlich unbedeutenden Zeitraum darstellt. Denn was 
die Menschen damals in Italien aufschrieben, das erzählt heute 
noch gar manches Bauernmütterlein in deutscher Weise, aber dem 
Stoff nach gleich. Dieses eine Maß gibt uns allerdings gar 
keinen Anhaltepunkt für eine weitere Abschätzung. Wir stehen 
der Frage gegenüber, ob in jenen alten Zeiten, in denen die 
Priestersänger den Mythenstoff zu Epen umbildeten, diese alten 
Märchenstoffe schon lebendig waren, oder ob sie sich erst später 
etwa von der Ependichtung abzweigten. 

Die Entscheidung dieser Frage ist nicht so schwierig, als es 
vielleicht auf den ersten Augenblick erscheint. Wenn es auch nicht 
möglich ist, eine klare Beweisführung hier wiederzugeben, so geben 
doch schon einige Andeutungen feste Anhaltepunkte für die 
Kritik. 

Vor allen Dingen muß ich darauf hinweisen, daß die Reste 
der alten Mythologien, auf die wir oben wenigsten mit einigen 
Absätzen eingingen, die ursprüngliche Form der Mythen nicht so 
gut erhalten haben wie die Märchendichtung. Die nachfolgenden 
Stücke mögen hierfür Belege bilden. Der Priestersänger verwandte 
offenbar für seine Epen den in diesen Gegenden vorherrschenden 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 183 

religiösen Stoff. Ein religiöser Stoff liegt aber im Märchen nicht 
vor. Wir haben damit demnach eine Entwicklung der religi- 
ösen Stoffe schon in sehr alter Zeit und zwar eine Entwicklung 
des Stoffes zu Formen, die genau den geographischen nordischen 
Verhältnissen entsprechen : Die Mythen stellen Winter und Frühling 
gegenüber. Dies tun die Märchen nicht. Im Märchen ist viel 
eher noch der Tageskreislauf der Sonne beibehalten. Die Mär- 
chen stellen also wohl das ältere Material dar. Ich möchte sie 
demnach als eine alte Volksüberlieferung bezeichnen, die ihren 
religiösen Charakter verloren hat, als die Priesterschaft die Mytho- 
logie zu ihrem Eigentume erhob. Diese Abzweigung der Priester- 
mythologie von der Volksanschauung vermögen wir ja auch in 
anderen Gebieten der Erde nachzuweisen. Daß dadurch die alte 
Mythologie ihren religiösen Charakter mehr und mehr verlor und 
den einer Volkserzählung mehr und mehr annahm, versteht sich 
ganz von selbst. Ebenso natürlich ist es aber auch, daß das 
Volk, einmal beim Geschichtenerzählen angekommen, dies Ge- 
schichtenerzählen auch fortsetzte, die älteren Stoffe, soweit sie 
nicht mehr in die jeweiligen Natur- und Kulturverhältnisse paßten, 
umbildete, unverstandene Teile fallen ließ und neue Züge nach 
histologischem Verfahren einfügte. 

Wir haben aber wenigstens einen Anhaltepunkt für die Be- 
stimmung des Alters der arioiden europäischen Märchenwelt. Ich 
brauche wohl nicht darauf hinzuweisen, daß wir ja nicht nach 
Jahreszahlen (also nicht nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten) 
sondern nach Kultijrformen rechnen. Die Kulturform, die die 
Märchenwelt in ihren wesentlichen Zügen zu der jetzt noch 
vorhandenen Gestalt umbildete, läßt sich aber festhalten, wenn 
wir daran denken, daß in dem im nördlichen Europa heimischen 
Märchen der Wolf schon an Stelle des verschlingenden Wasser- 
ungeheuers getreten ist. Der Ursprung muß also in jener Gegend 
zu suchen sein, die auch nach dem Nordosten Asiens ihre Kultur- 
strömungen sandte; die Umbildung muß demnach stattgefunden 
haben vor der Ausstreuung aus dem Innern Asiens und nach der 
Einführung der Mythologien aus dem Süden nach dem Inneren 
Asiens. Um es klar zu sagen: Der Märchenstoff muß seine 
wesentliche Umbildung in einem Lande erhalten haben, in welchem 



184 Zweites Buch. 

infolge geographischer Umstände das Verständnis für die im 
Meere untergehende Sonne verloren ging. 

Prüfen wir nun einige der wesentlichsten Typen. 



A. Das deutsche Rotkäppchenmärchen. — Eine kleine süße 
Dirne, die alle Welt und vor allen Dingen ihre Großmutter sehr 
liebt, wird von letzterer mit einem Käppchen von rotem Samt 
(eine Erinnerung an die Sonne) beschenkt und erhält daher seinen 
Namen. Rotkäppchen soll eines Tages der Mutter Kuchen und 
Wein bringen, weil dieselbe schwach und krank ist. Sie macht 
sich auf den Weg. Sie trifft den Wolf. Dieser erkundigt sich, 
wohin Rotkäppchen gehe und läßt sich genau berichten, wo die 
Großmutter wohne. Der Wolf denkt bei sich: „Das junge zarte 
Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird hoch besser schmecken 
als die Alte, du mußt es listig anfangen, daß du beide erschnappst." 
Er fordert also Rotkäppchen auf, umherzuschauen, und dieses 
wird so auf die prangende Blumenwelt aufmerksam. Während 
sie eilig einige Blumen pflücken will und dabei ziemlich weit vom 
Wege abkommt, geht der Wolf gerade weg auf das Haus der 
Großmutter und klopft an die Tür. „Wer ist draußen?" — „Rot- 
käppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf." — „Drück 
nur auf die Klinke," ruft die Großmutter, „ich bin zu schwach 
und kann nicht aufstehen." Der Wolf kommt herein, geht auf 
die Großmutter, die im Bett liegt, gradwegs zu und verschluckt 
sie (Verschlingen), dann tut er ihre Kleider an, setzt ihre Haube 
auf, legt sich in ihr Bett und zieht die Vorhänge vor. — In- 
zwischen kommt Rotkäppchen auch hin. Es ruft Gutenmorgen, 
bekommt aber keine Antwort. Da geht es zum Bett und zieht 
die Vorhänge zurück: da liegt die Großmutter und hat die Haube 
tief ins Gesicht gesetzt und sieht sehr wunderlich aus. Es folgt 
eine Unterhaltung über die großen Ohren, die großen Augen, die 
großen Hände, das große Maul, die der Wolf zum besseren 
Hören, zum besseren Sehen, und um Rotkäppchen besser packen 
und fressen zu können hat. Der Wolf tut einen Satz aus dem 
Bett und verschluckt das arme Rotkäppchen. (Verschlingen.) Da- 
nach legt er sich wieder ins Bett, schläft ein und fängt überlaut 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 185 

an zu schnarchen. Der Jäger, ( — ich darf wohl darauf hinweisen, 
daß in der Götterdämmerungsmythe der Frühlingsgott Wali ein 
großer Schütze ist, — ) geht am Hause vorbei, wird auf das merk- 
würdige Schnarchen der Großmutter aufmerksam und tritt in das 
Zimmer. Er entdeckt den Wolf. Er will schon seine Büchse 
anlegen, da fällt ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter ge- 
fressen haben und sie könne noch leben. Er schießt also nicht, 
sondern nimmt eine Scheere und fängt an, dem schlafenden 
Wolf den Bauch aufzuschneiden. (Offnen.) Wie er ein paar Schnitte 
getan hat, da sieht er das rote Käppchen leuchten und noch ein 
paar Schnitte, da springt das Mädchen heraus und ruft: „Ach 
was war ich erschrocken, wie war es so dunkel in dem Wolf 
seinem Leib!" (Ausschlüpfen.) Und dann kommt die alte Groß- 
mutter auch lebendig heraus. (Allausschlüpfen.) Rotkäppchen 
holt geschwind große Steine (Glutsteine) und füllt damit den 
Leib des Wolfes, und wie er aufwacht und fortspringen will, sind 
die Steine so schwer, daß er niedersinkt und tot hinfällt. 

Als Rotkäppchen zum andern Male der Großmutter wieder 
Gebackenes bringt, spricht sie ein anderer Wolf an. Sie läßt sich 
aber nicht vom Wege abbringen,, sondern geht weiter. Sie er- 
zählt das Erlebnis aber der Alten. „Komm, u sagt die Großmutter, 
wir wollen die Tür verschließen, daß er nicht herein kann." Der 
Wolf klopft auch bald, wird aber nicht hereingelassen. Die beiden 
sind still. Der Graukopf schleicht einige Male um das Haus und 
springt endlich aufs Dach, um zu warten, bis Rotkäppchen abends 
nach Hause ginge. Dann will er ihr nachschleichen und sie 
auffressen. Die Großmutter merkt, was er im Sinn hat. Vor 
dem Hause steht ein Steintrog. Die Großmutter sagt zu dem 
Kind: „Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern habe ich Würste ge- 
kocht, da trag' das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog. 1 ' 
Rotkäppchen trägt nun so lange, bis der große Trog ganz voll 
ist. Der Geruch der Wurstbrühe steigt dem Wolf in die Nase, 
der zu schnuppern anfängt, einen langen Hals macht und zu 
rutschen beginnt. Er fällt gerade in den Trog hinein und ertrinkt. 

B. Das deutsche Geisenmärchen. — Eine alte Geis hat sieben 
Junge. Sie will eines Tages in den Wald gehen, um Futter zu 



186 Zweites Buch. 

holen. Sie warnt die zu Hause bleibenden sieben Kinder davor, 
den Wolf hereinzulassen, sagt ihnen, daß er sich oft ver- 
stelle, daß man ihn aber an seiner rauhen Stimme und seinen 
schwarzen Füßen erkennen könne. Die Alte geht. Es dauert 
nicht lange, so klopft es an der Haustür. An der rauhen Stimme 
des draußen Harrenden erkennen sie, daß er nicht, wie er vor- 
lügt, ihre Mutter ist. Der Wolf geht, kauft sich ein Stück Kreide, 
ißt sie und macht dadurch seine Stimme fein. Als er nun wiederkehrt 
und mit feiner Stimme ruft, verlangen die Kinder, er soll seinen 
Fuß zeigen. Sie sagen ihm, daß sie ihn an dem Fuß als Wolf 
erkennen. Er läßt sich daraufhin von einem anfangs wider- 
strebenden Bäcker die Pfote mit Mehl bestreuen. Als er nunmehr 
zurückkehrt, sich mit seiner feinen Stimme als die Mutter der 
Geislein ausgegeben und zum Beweis ferner die weiße Pfote zum 
Fenster hineingezeigt hat, machen die Geislein auf. Der Wolf 
kommt hinein, die Geislein stürzen zwar fort, um sich zu ver- 
stecken, er erwischt aber die sechs ältesten und verschlingt sie 
(Verschlingen.) Das jüngste hat sich im Uhrkasten verkrochen 
und bleibt darin, bis die Mutter wiederkommt, während der Wolf hin- 
ausgeht, um auf einer grünen Wiese unter einem Baum zu schlafen. 
Die Mutter kommt heim, sieht mit Entsetzen die Unordnung und 
hört von dem jüngsten Geislein (Jüngste) was geschehen ist. Die 
Mutter läuft mit dem jüngsten Geislein hinaus, sie finden den 
Wolf. Sie betrachtet ihn von allen Seiten und sieht, daß in 
seinem angefüllten Bauch sich etwas regt und zappelt. „Ach Gott", 
denkt sie, „sollten meine Kinder, die er zum Abendbrot hinunter 
gewürgt hat, noch am Leben sein?" Das kleine Geislein muß 
nach Hause laufen und Scheere, Nadel und Zwirn holen. Dann 
schneidet sie dem Ungetüm den Wanst auf (Offnen), und kaum 
hat sie einen Schnitt getan, so steckt schon ein Geislein den 
Kopf heraus, und als sie weiter schneidet, da springen sie alle 
sechs nacheinander heraus. (Ausschlüpfen.) Sie sind noch am 
Leben. Allgemeine Freude. Die Alte: „Jetzt geht, und sucht 
wacker Steine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch 
füllen, so lange der Wolf noch im Schlaf liegt." Die sieben 
Geislein schleppen. Der Bauch ist bald mit Steinen gefüllt und 
zugenäht. (Glutsteine.) Der Schläfer erwacht endlich. Die Steine 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 187 

* 

im Magen verursachen ihm großen Durst und er will zum Brunnen 
gehen. Er geht zum Brunnen und trinkt, und als er sich vorn- 
überbeugt, ziehen ihn die Steine herunter und er ersäuft jämmerlich. 

C. Russisches Geisenmärchen. — Die Ziege geht Futter 
suchen und läßt die Zicklein allein zu Hause: sie schließen die 
Tür hinter ihr zu. Sie kommt zurück und sagt: „öffnet meine 
Söhne, meine kleinen Väterchen; eure Mutter ist da; sie bringt 
etwas Milch, ein halbes Gläschen Milch, ein halbes Hörn frischen 
Käse, ein halbes Hörnchen helles Wasser. 44 Die Zicklein öffnen 
sofort. Den zweiten Tag geht die Ziege wieder aus: der Wolf, 
der die Worte gehört, versucht sie ebenfalls den Zicklein vorzu- 
singen: diese merken jedoch, daß es nicht die Stimme der Mutter 
ist und öffnen nicht. Am nächsten Tage ahmt der Wolf auch 
die Stimme der Mutter nach; die Zicklein öffnen, alle werden 
aufgefressen (Verschlingen,) ausgenommen eines, das sich im 
Ofen verbirgt und nachher der Mutterziege das Vorgefallene er- 
zählt. Die Ziege rächt sich folgendermaßen: Sie geht mit dem 
Wolf in den Wald, und kommt an einen Graben, wo einige 
Arbeiter Hafergrütze gekocht und das Feuer brennen gelassen 
hatten. Die Ziege fordert den Wolf heraus über den Graben zu 
springen ; der Wolf versucht es und fällt hinein : das Feuer macht 
seinen Bauch platzen; (Feuer entzünden und Öffnen.) Aus dem- 
selben springen die Geislein heraus Ausschliefen und laufen zu 
ihrer Mutter. 

D. Deutsches Märchen vom Daumesdick. — Nachdem Daumes- 
dick von Hause fortgekommen und schon eine Weile unterwegs 
ist, gerät er auf der Flucht in einen Heuschober. Zwischen den 
Heuhälmchen hat er sich einen guten Lagerplatz zum Schlafen 
ausgesucht. Er will sich ausruhen bis es Tag ist, und dann zu 
seinen Eltern heimkehren. Als es dann aber Tag wird, kommt 
die Magd, holt ein Bündel Heu und wirft es den Kühen vor. Daumes- 
dick ist in dem Heu und merkt es nicht eher, als bis er in dem 
Maul der Kuh ist (Verschlingen), die ihn mit dem Heu aufgerafft 
hat. Er denkt, er sei in eine Walkmühle geraten, paßt aber auf, 
daß er nicht zwischen die Zähne komme und etwa zermalmt 



188 Zweites Buch. 

werde, und so rutscht er glücklich bis in den Magen. Daumesdick 
denkt: „In dem Stübchen sind die Fenster vergessen und scheint 
keine Sonne hinein: ein Licht wird nicht gebracht." Es gefällt 
ihm nicht. Immer mehr Heu kommt zur Tür herein. Ihm wird 
angst und bange, weil der Platz enger wird. „Bringt mir kein 
frisch Futter mehr, bringt mir kein frisch Futter mehr!" — 
schreit er. Die Magd erschrickt ob der schreienden Kuh. Der 
Herr Pfarrer kommt selbst, erschrickt nicht weniger, und läßt die 
Kuh töten. Sie wird geschlachtet. (Offnen.) Der Magen aber, 
worin Daumesdick steckt, auf den Mist geworfen. Daumesdick 
hat große Mühe, sich herauszuarbeiten. (Ausschlüpfen.) Doch ein 
neues Unglück passiert: ein hungriger Wolf kommt daher und 
verschluckt den ganzen Magen mit Daumesdick auf einen Schluck. 
(Verschlingen). Daumesdick bekommt große Angt, denkt aber, 
vielleicht lasse der Wolf mit sich reden. Er nennt darauf dem 
Wolf ein Haus, in dem viel Kuchen, Speck und Wurst zu finden 
seien, es ist das Haus seines Vaters. Durch die Gosse kriecht 
der Wolf in die Vorratskammer. Er will sich nach Herzenslust 
satt essen, tut es auch, frißt sich so dick, daß der Däumling nun 
zu schreien anfing, — worob er große Angst bekommt und zu 
entfliehen sucht, — er kann nicht mehr zur Gosse hinaus. Daumes- 
dicks Vater kommt auf das Schreien, hört, wie der Kleine ruft: 
„Lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leib des Wolfes." Der 
schlägt den Wolf mit einem Schlag vor den Kopf tot, nimmt 
Messer und Scheere, schneidet ihm den Leib auf (Offnen) und 
zieht den Kleinen wieder heraus. (Ausschlüpfen,) — Das 
Märchen schließt mit den Worten: „Die Eltern gaben ihm zu 
essen und zu trinken und ließen ihm neue Kleider machen, denn 
die seinigen waren ihm auf der Reise verdorben." (Haar! — 
wenn auch ziemlich stark umgebildet, da aber genau am Ende 
stehend? doch noch an seiner alten Stelle wiederzuerkennen.) — 
(In einer anderen Version: „Daumerlings Wanderschaft" ge- 
rät der kleine Mann erst in die Kuh, wird dann in eine Wurst 
gestopft und kommt endlich in den Fuchs.) 

E. Das italienische Märchen von Nennillo und Nennella. — 



(Das Märchen beginnt wie das Hansel- und Gretelmärchen in 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 189 

Deutschland. Infolge der bösartigen Stiefmutter werden Nennillo 
und Nennella in den Wald gebracht und allein gelassen. Im Walde 
verbirgt sich der Knabe in einem hohlen Raum, während das Mäd- 
chen fortläuft und zur Meeresküste gelangt. Der Prinz, der auf 
der Jagd mit seinen bellenden Hunden die Kinder so erschreckt 
hat, findet den Knaben und nimmt ihn mit sich, um ihn zu Hause 
als Vorschneider bei der Mahlzeit zu erziehen. Das Mädchen da- 
gegen wird an der Meeresküste von einem Seeräuber und dessen 
Frau an Kindes Statt angenommen.) 

Es wurde entdeckt, daß der Schiffseigner, in dessen Hause 
sich Nennella befand, ein Seeräuber wäre, und man wollte ihn 
ins Gefängnis setzen ; weil der aber die Gerichtsleute zu Freunden 
hatte und sie in seinem Solde hielt, so bekam er Wind und machte 
sich mit seinem ganzen Hause aus dem Staube. Es war aber 
vielleicht die Gerechtigkeit des Himmels, die es bewirkte, daß der, 
welcher sein Verbrechen auf dem Meere verübt, auch auf dem 
Meere dafür büßen sollte. Denn da er sich auf einer schwachen 
Barke eingeschifft hatte und sich nun eben mitten auf der See 
befand, kam ein solcher Windstoß und Wogendrang, daß die 
Barke umschlug und alle ertranken. Nur Nennella, die nicht 
wie seine Frau und Kinder an den Räubereien teil genommen 
hatte, entkam der Gefahr, indem sich in derselben Zeit in der 
Nähe des Schiffes ein großer bezauberter Fisch befand, welcher 
seinen furchtbaren Rachen öffnete und Nennella verschlang. (Ver- 
schlingen.) Als sie aber eben glaubte, daß es mit ihr vorbei 
wäre, erblickte -sie in dem Bauche des Fisches wunderbare Dinge; 
denn es befanden sich darin herrliche Gefilde, wunderschöne Gärten 
und ein prächtiger Palast mit allen Bequemlichkeiten, in welchem 
sie wie eine Prinzessin wohnte. Der Fisch brachte sie hierauf 
mit größester Schnelligkeit an eine Seeküste, und da eben die 
drückendste Glut des Sommers war, welche sengte wie ein Kalk- 
ofen, so hatte sich der Prinz gerade dorthin begeben, um sich an 
der Meeresfrische zu erquicken. Während man nun ein prächtiges 
Mahl bereitete, war Nennillo auf einen Balkon des Palastes, der 
sich am Ufer befand, getreten, und schliff dort einige Messer, in- 
dem er, um sich Ehre einzulegen, seinem Amte mit vielem Eifer 
vorstand. Sobald ihn daher Nennella durch die Kehle des Fisches 



190 Zweites Buch. 

erblickte, erhob sie ihre Stimme aus der Tiefe und rief: „Mein 
Brüderlein, mein Brüderlein, die Messer sind geschliffen fein, der 
Tisch gedecket nett und rein, doch schmerzt es mich gar bitter- 
lich, in diesem Fisch zu sein ohn' dich." Nennillo selbst achtete 
zwar anfangs nicht auf diese Stimme, der Prinz jedoch, welcher 
sich auf einem anderen Austritte befand, und diese klagenden 
Töne gleichfalls vernommen hatte, wandte sich nach dieser Rich- 
tung hin und erblickte so den Fisch. Als er nun dieselben Worte 
noch einmal wiederholen hörte, geriet er vor Erstaunen ganz außer 
sich und schickte eine Anzahl Leute ab, die sehen sollten, ob sie viel- 
leicht den Fisch durch List oder sonst irgend eine Weise ans Land 
ziehen könnten. Inzwischen hörte er immer dieselben Worte: 
„Mein Brüderlein, mein Brüderlein" wiederholen und fragte daher 
jeden einzelnen seiner Diener, ob er vielleicht eine Schwester be- 
säße, die er verloren hätte, worauf endlich Nennillo erwiderte, 
er erinnere sich wie im Traume, daß, als er im Walde gefunden 
wurde, er eine Schwester gehabt habe, von der er nimmer wieder 
etwas gehört. Der Prinz sagte hierauf zu ihm, er solle sich dem 
Fisch nähern und sehen, was da los wäre, vielleicht ginge die 
Sache gerade ihn an. Nennillo ging an den Fisch heran, worauf 
dieser seinen Kopf dem Ufer nahe brachte und seinen sechs Ellen 
hohen Rachen öffnete (Offnen), aus welchem Nennella in solcher 
Schönheit heraustrat (Ausschlüpfen) , daß sie ganz wie eine Nymphe 
aussah, welche in irgend einem Zwischenspiel durch die Zauberei 
eines Magiers aus dem Bauche eines Fisches hervorkommt. 

(Die Eltern der Kinder werden nun zitiert. Der Prinz wäscht 
dem Vater den Kopf und nennt ihn einen einfältigen Pinsel, daß 
er sich von seiner Frau so habe ins Bockshorn jagen lassen und 
zwei solche Juwelen, wie seine Kinder gewesen wären, von sich 
gestoßen hätte. Es wird ihm jedoch das Plaster des Trostes auf- 
gelegt, indem ihm die Kinder zugeführt werden und er in neue 
Kleider gesteckt wird. Die Mutter wird dagegen in ein geschlosse- 
nes Faß gesteckt und einen Berg heruntergerollt. Nennillo und 
Nennella werden mit einem Edelfräulein und mit einem Edelmann 
verheiratet.) 



Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 191 

Ziehen wir das Facit. In alter Zeit muß den Ariern der 
Zyklus der Motive der Walfischdrachenmythe bekannt gewesen 
sein. Sie werden ihn aus dem Süden Asiens empfangen und 
nach dem Norden getragen haben. Dasselbe vermögen wir von 
den Semiten zu sagen, die jedoch von allen Punkten eine schwä- 
chere Ausbildung aller Mythenteile besitzen. — Hinsichtlich der 
einzelnen Entwickelungsgänge ist folgendes zu bemerken: 

An den Gestaden des Mittelmeeres ist die Mythe einmal 
lebendig gewesen, denn hier wird von Herakles noch gesagt, daß 
ihm im Drachenbauche vor Hitze die Haare verbrannten. Das 
ist ein Beweis, wie lebendig hier noch die Einzelheiten einmal 
gewesen sind. In Italien, also im Mittelmeere ist es auch, wo 
die letzte Version des Walfischmärchens noch erhalten ist. Die 
Frage ist nur die, ob dieses Märchen von Nennillo und Nen- 
nella wirklich altitalienisches oder etwa vom Norden eingeführtes 
altdeutsches Besitztum ist. Denn der Anfang ist genau ein Hänsel- 
und Gretelmärchen. Ich komme gleich darauf zurück. 

Ein weiterer charakteristischer Zug ist die Umbildung der im 
europäischen Norden erhaltenen Motive der Walfischmythe in der 
Form, daß neben dem Wasserungeheuer oder für dasselbe der 
Wolf eingeschoben wird. Für die deutschen Formen kommt aber 
noch ein wichtiges Moment dazu, das ist die weibliche Auffassung 
der Sonne. Ein Märchen wie Grimm 6 „Der treue Johannes", 
in dem ganz klar und deutlich die strahlende Sonne als Braut 
heimgeholt wird, oder wie das Rapunzelmärchen, in dem die Haare 
des Sonnenmädchen die ursprüngliche Bedeutung behalten haben, 
zeigen uns die weibliche Auffassung der Sonne unverkennbar. 
Auch Rotkäppchen mit seinem schönen Hauptschmucke verrät in 
allen Zügen die weibliche Sonne. Es ist schon von Grimm dar- 
auf hingewiesen worden, wie noch im Mittelalter diese weibliche 
und die männliche Auffassung der Sonne miteinander gekämpft 
haben. Die weibliche Auffassung ist also wohl hier als eine nicht 
sehr alte zu betrachten, obgleich zugegeben werden muß, daß eine 
verschiedene jeweilen männliche, jeweilen weibliche Auffassung auch 
schon im alten Indien hervortritt. Nun ist aber auch Nennella 
eine weibliche Sonne. Der Sonnenaufgang mit seiner Schönheit 
ist in dem italienischen Märchen betont. Aus diesem Zuge fol- 



192 Zweites Buch. Der Sonnengott im Fischbauch: Europa. 

gere ich, daß das Nennellamädchen zum mindesten deutsch be- 
einflußt ist. Hat nun dieses Märchen in Deutschland auch existiert? 
— Es ist eine nicht unwichtige Aufgabe, dem nachzuspüren. 

Dagegen ist daneben die männliche Auffassung der Sonne 
nicht nur in den anderen deutschen Märchen gewahrt, sondern 
herrscht vor allen Dingen in der nordischen Götterdämmerung vor. 

Ich will aber zum Schluß darauf hinweisen, woher die weib- 
liche Auffassung der Sonne kommt. Sie stammt offenbar aus der 
alten Drachenmythe. Sie entstammt dem Motive des Frauen- 
raubes. 

Wir werden im vierten Buche sehen, wie die Hülfsaite zur 
menschenfressenden Hexe werden kann. Es ist der gleiche Um- 
wandlungsprozeß, der hier das geraubte Fräulein zur Sonnenheldin, 
zur Sonne bildet. 

Wer war aber dies geraubte Fräulein? 



IX. 

Sinn und Ergänzung der Walüschdrachenmythe. 

In den vorhergehenden Kapiteln ist das wichtigste Textma- 
terial vereinigt, welches ein Verständnis der Mythen ergeben muß, 
wenn wir sie nämlich mit Recht als einheitlichen Ursprunges und 
als einheitlicher Bedeutung auffassen. Gehen wir erst die Walfisch- 
mythe durch, so erhalten wir etwa folgende Reihenfolge der Mo- 
tive: Verschlingen, Meerfahrt, W-O-Bewegung, Herz, Feuerent- 
zünden, Landen, Öffnen, Ausschlüpfen, Haar. Hinsichtlich dieser 
Einzelteile und ihrer Stellung verweise ich auf die dem Werke 
eingefügte Tafel, die uns in schematischer Weise das Bild er- 
klären soll. In Bezug auf Einzelheiten ist zu bemerken, daß er- 
stens das Motiv des Verschlingens in ein Allverschlingen und in 
ein Heldenverschlingen und das des Ausschlüpfens in ein Allaus- 
schlüpfen und ein Heldenausschlüpfen mehr als einmal zerfällt. 
Zweitens muß es auffallen, daß das Herzabschneiden und das Feuer- 
entzünden sehr häufig vereinzelt vorkommt, und daß dementspre- 
chend eins von beiden sehr leicht fortfällt. Verschiedene Male taucht 
das Hitzemotiv auf und scheint dasselbe seinerzeit mit dem Haar- 
motiv in Verbindung gestanden zu haben. — Fremde Motive, die 
sich mehr oder weniger häufig einstellen, und vor allen Dingen 
das Motiv der Vogelhilfe, welches nicht unbedingt der Gruppe 
der fremden Motive zugezählt zu werden braucht, werden nach- 
gehend kurz erwähnt. 

Was bedeutet diese Mythe? — Sehen wir bei denjenigen 
Autoren, die sich mit dieser Sache beschäftigt baben, nach, z. B. 
bei Goldziher, Baur, Minckwitz, Schwartz etc., so fälft es zunächst 
auf, daß die Gruppe dieser Gelehrsamkeit sich zumeist nur mit 
den asiatisch europäischen Perallelen beschäftigt, daß Jonas fast 
als einziger das Interesse angeregt hat, daß die Naturvölker gänz- 

Frobenius, Sonnengott. I. 13 



194 Zweites Buch. 

lieh unberücksichtigt blieben, und daß die meisten sich darüber 
einig sind, daß wir es hier mit einer alten Sonnensage zu tun 
haben. Wir haben in vorliegenden Zusammenstellungen diesen 
kleinen Interessenkreis bedeutend zu erweitern versucht, und es 
ist nun die Frage, ob sich die Annahme Goldzihers von der so- 
laren Eigenschaft des Sonnenhelden gegenüber derjenigen von 
Schwartz betreffend die Auffassung des Drachens als einer Ge- 
witterwolke aufrecht erhalten läßt. Ich muß das entschieden be- 
jahen. Nehmen wir eine Mythe wie diejenigen aus Melanesien, 
Nordwestamerika, Südamerika usw., so ist nicht zu zweifeln. Die 
Wanderung geht hier direkt mit der Sonne. Der Held ist stets 
der Sonnenheld und wird auch als solcher ausdrücklich be- 
zeichnet. 

Wie die Mythe uns so entgegentritt, enthält sie ein ausge- 
sprochen geographisches Bild. Die örtlichkeit ist einfach: im 
Westen ein Meer des Sonnenunterganges, im Osten ein Meer des 
Sonnenaufganges. Und wir können sogar diese geographische 
Bestimmung an der Hand eines der eigenartigsten Motive, als 
welches ich das Haarmotiv bezeichne, noch erweitern. Das Haar- 
motiv lautet: „Als der Sonnenheld aus dem Walfischbauche ent- 
ronnen ist, ist ihm infolge der Hitze das Haar ausgegangen." 
Wir haben dies Motiv gefunden in Nordwestamerika, in Ozeanien 
und in der Heraklesmythe. Wenn unsere ganze Annahme nicht 
hinfällig sein soll, dann muß hier ein ganz besonderer Zug, eine aus- 
gezeichnete Eigenart des Himmelsbildes, der Vorgänge beim Sonnen- 
aufgange geschildert sein. Was bedeutet diese Haarlosigkeit am 
Morgen, die entschieden einem bedeutenden Haarreichtum am 
Abend gegenüber gesetzt ist? — Der einfache Schluß, der sich 
uns aufdrängt ist der, daß diese Haare die Sonnenstrahlen sym- 
bolisieren, da die Sonne ja in vielen Mythen direkt als Kopf be- 
zeichnet wird. Danach wäre also eine Strahlenlosigkeit am Mor- 
gen eine besondere Eigenart, der ein besonderer Strahlenreichtum 
am Abend gegenüber steht. Wer in unseren nordischen Ländern 
Sonnnenaufgang und -Untergang häufiger zu beobachten Gelegen- 
heit hat, wird einen besonderen Gegensatz nicht gefunden haben. 
Nun höre man aber, was der alte Diodor von Sizilien über die 
Eigenart der bei Arabien gelegenen Länder und astronomischen 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 195 

Erscheinungen zu sägen vermag. Nachdem er erzählt hat, daß 
in den verschiedenen Monaten das Sternbild des Bären anders 
auftauche als im Mittelländischen Meere, fährt er fort: „Der Tages- 
anbruch soll nicht, wie bei uns, kurz vor dem Aufgang der Sonne 
vorgehen, sondern aus der finstern Nacht soll sie plötzlich mit 
ihrem Schein hervorbrechen, weshalb es auch in diesen Gegenden 
vor Aufgang der Sonne nicht Tag werden soll. Sie soll bei ihrem 
Aufgang, mitten aus dem Meer, einer sehr feurigen Kohle ähnlich 
sehen, große Funken von sich werfen, und nicht, wie es uns 
scheint, in Gestalt einer länglichen Halbkugel, sondern einer Säule 
mit einem etwas dicken Kopf aufgehen. Bis zur ersten Stunde 
soll sie weder einen Glanz geben, noch Strahlen schießen, sondern 
wie ein Feuer aussehen, das im Finstern, ohne Flimmerglanz, 
leuchtet: zu Anfang der zweiten Stunde soll sie schildförmig 
werden, und ein plötzliches, überaus feuriges Licht geben. Bei 
ihrem Untergange sollen sich entgegengesetzte Ereignisse bei ihr 
finden. Denn dann soll sie nicht weniger als zwei, oder wie 
Agatharchides von Knidus schreibt, drei Stunden, gleichsam mit 
neuen Strahlen die Welt erleuchten." 

Diese Schilderung Diodors findet sich meines Wissens in neue- 
ren Reisebeschreibungen nicht wieder. Aber Leute, die in jenen 
Meeren des Südens gefahren sind, versichern mich, daß die 
meisten Punkte ihnen selbst anfangs aufgefallen sind, daß sie 
aber von keinem erwähnt werden, weil sie nach längerem Ver- 
weilen zu selbstverständlich erscheinen, um eine Erwähnung zu 
verdienen. Jedenfalls ist sicher, daß die den Tropen zugelegenen 
Meere dies Bild bieten und zwar als ein Bild, das uns Nord- 
ländern zunächst ungewohnt erscheint. Damit haben wir, glaube 
ich, hier schon auf ein außerordentlich wesentliches geographisches 
Moment hingewiesen, dem sich später, vom anthropologischen Stand- 
punkte aus betrachtet, weitere Gedanken aufdrängen werden. — 
Wir haben das Motiv an drei Stellen gefunden, von deren Eigenart 
wir behaupten dürfen, daß es nur an einer, nämlich in Ozeanien 
durch den Bereich der Tatbestände erhalten worden ist, während 
es sowohl in Nordwestamerika, als in Griechenland im Bereiche 
dieser Mythe und dieser Auffassung nicht mehr berechtigt er- 
scheint. Wir haben hier also ein festgewachsenes Motiv, das nur 

13* 



196 Zweites Buch. 

durch die Erinnerung des Erzählens und durch genaue Buchung 
der Erzählungsform und Reihenfolge erhalten wird. 

Sehen wir nun unter den weiteren Motiven nach einem 
festeren Anhaltepunkte um, so schließt sich das Feuerentzünden 
als Sonnenaufgangsmotiv 'unserer Auffassung direkt an, während 
wir hinsichtlich des Herzmotives einerseits daran erinnern müssen, 
daß bei vielen Völkern die Sonne als Herz des Himmels bezeichnet 
wird, während andererseits ein eigentliches Diebstahlsmotiv hier 
vorliegt. Den Sonnenaufgang als einen Feuerdiebstahl werden 
wir im vierten Buche noch näher kennen lernen, doch ist das ja 
eine Sache, die nach Kuhn und schon viel länger vorher und so 
lange als man die Prometheusmythe betrachtet hat, gleichlautend 
aufgefaßt wurde. 

Haben wir so einerseits geographische Anhaltepunkte sowohl 
im Sonnenuntergang und -aufgang im Meere als in der Form der 
Sonnenaufgangsschilderung gefunden, dann brauche ich nicht mehr 
ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß schon das W-O-Bewegungs- 
motiv uns direkt die Nachtfahrt der Sonne charakterisiert. Wir 
hätten uns also nur noch kurz mit dem Tiere abzufinden, welches 
den Sonnenhelden verschlingt. Dies Tier betreffend sahen wir 
ja schon im vorhergehenden Kapitel die Identifizierung des nor- 
dischen Wolfes mit der die Welt umspannenden Midgardschlange. 
Die Verschlinger sind im Norden zum Gandrvolke, zum Wolfge- 
schlechte, geworden. Ähnlich ist es im Innern Asiens. In der 
Dschemschidmythe ist der Tagesfeind der Drache, bei den Tataren 
ist der Verschlinger der Schlangenfürst. Wäre noch die mongo- 
lische Form des Bogda Gesser Chan zu berücksichtigen. Es ist 
ein Irrtum, wenn die alte Darstellung erzählt, das Tier lebe in 
der Nordgegend. Denn dies Tier wird uns als Tiger geschildert, 
und dieser Tiger stellt nach ostasiatischer Anschauung nicht den 
Norden, sondern den Westen dar. — So können wir eins nach 
dem andern durchgehen, und wir werden immer auf das West- 
ungeheuer und zumeist auf eine Repräsention des Meeres stoßen. 

Die Walfischmythe dürfen wir demnach unbedingt als eine 
a-priori-Form auffassen, und ich glaube nicht, daß in diesem Punkte 
ein ernster Widerspruch erfolgen wird. Der Klarheit dieser Mythe 
steht aber eine gewisse Unsicherheit der Formgestaltung der 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 197 

Drachenmythe gegenüber. Ihr fehlt die Selbstverständlichkeit, die 
wir für a-priori-Mythen in Anspruch nehmen müssen. Es drängen 
sich hier verschiedene Motive auf, die teilweise der Walfischmythe 
angehören, die aber andererseits offenbar aus verwandten Mythen- 
kreisen übernommen worden sind. Da ist z. B. die Höhle, die 
Preisjungfrau oder der Frauenraub. Eine Frauengestalt gehört 
der Walfischmythe nicht an. Sie stammt aus einem anderen Be- 
reiche, das sich in vieler Hinsicht ostentativ als dasjenige der 
Feuerdiebstahls- und Menschenfressermythen dokumentiert. Grimm 
hat schon darauf hingewiesen, daß die Drachen und die Ogren 
verwandte Erscheinungen sind. Diese Ogren, Menschenfresser oder 
Riesen werden im vierten Buche ihre Würdigung erfahren. Nur 
weniges soll hier vorweg genommen werden. Wenn der Held in 
die Region der Ogren kommt, so trifft er dieselben fast immer 
als in Höhlen lebend an oder versteckt sich selbst zunächst in 
einer Höhle. Bei der Überwindung dieser Geschöpfe hilft ihm 
fast immer ein Weib, die sich, wenn sie alt ist, als seine Mutter 
erweist oder die er, wenn sie jung ist, als jungfräuliche Maid 
entführt und später heiratet. Alle Ogrenmythen sind Nachtmythen. 
Da auch die Walfischmythe als eine Nachtmythe in Anspruch ge- 
nommen werden muß, so liegt die Analogie außerordentlich nahe. 
Ja, in einzelnen Mythenkreisen läßt sich schwer erkennen, ob 
wir es mit einer Ogren- oder mit einer Drachenmythe zu tun 
haben, und im Siegfriedzyklus kämpft der Held zur Befreiung der 
Jungfrau erst mit einem Riesen und dann mit einem Drachen. 
Somit nehme ich diese Form als eine Vermischung der Ogren- 
und Walfischmythen an. 

Aber ich will mich hier nicht in Erörterungen, die zum größeren 
Teil dem zweiten Bande vorbehalten bleiben müssen, ergehen, 
sondern will in aller Kürze noch einige Ergänzungen hinzufügen. 



Ergänzung 1. Das Gestirnverschlingen. — Die Walfisch- 
mythe erinnert uns unwillkürlich an eine Vorstellung, die wir bei 
den meisten Trägern der solaren Weltanschauung oder ihrer Nach- 
klänge wiederfinden: Bei Finsternissen wird angenommen, daß 
sich ein Tier der Sonne oder dem Monde nähere, um das Gestirn 



198 Zweites Buch. 

zu verschlingen. Bei den Indiern kennen wir den Unhold Rahu 
oder die Schlange Sessen, resp. Wasughi als Sonnenverschlinger. 
Rahu wandert hinüber bis in die Molukken und bis zu den 
Philippinen, bei denen ein Krokodil an seine Stelle tritt, wäh- 
rend die Javaner das Ungeheuer Remda Chulung in Anspruch 
nehmen. Nach Norden gehend treffen wir im Schahname 
ein Meerungeheuer oder Krokodil, welches die Sonne verschlingt. 
Bei den nordischen Germanen verfolgen die Wölfe Sköll und 
Hati das Tagesgestirn. Bei den Kelten suchen Riesen den Mond 
zu verschlingen, und so finden wir den Glauben hier verbreitet 
bei Tschuwaschen, Esten, Finnen, Litthauern, bei den Römern 
und Mongolen und bei den Berbern im nördlichen Afrika. In 
südlichen Meeren brauche ich nur Mangaja, Rarotonga, Tahiti zu 
erwähnen, während in den ostasiatischen Gewässern von den 
Chinesen ausgehend ein Volk nach dem andern gleiche An- 
schauung verkündet. In Amerika schließt sich der die Sonne ver- 
schlingende Jaguar der Mexikaner, das Verschlingungsungeheuer 
der Kalifornier und die weitausgebaute Mythe der Peruaner an, 
die zu erzählen weiß, daß Löwe und Schlange den Gestirnen 
nachstellen. Bis tief nach Brasilien hinein läßt sich solcher 
Glaube hier verfolgen. 

Die Parallele zur Anschauungen der Walfischmythe spricht 
zu deutlich, um noch viele Worte zu machen. Eine Mythe muß 
hier mit der andern in Zusammenhang stehen, und es ist nur die 
Frage, welche die ältere sei. 

Ergänzung 2. Die Rimumythe. — Eduard Stucken be- 
ginnt seine Astralmythen mit der Etanalegende und weist darauf 
hin, daß das Rimumotiv, das wir gleich des näheren kennen 
lernen werden, bei Babyloniern und Israeliten gleich beliebt ge- 
wesen ist. Der Held versteckt sich in dem Kadaver eines Tieres 
und fängt von hier aus den Sonnenvogel. — Diese Geschichte 
vom Leben im Tierkadaver erinnert uns insofern an die oben 
nach Long im 5. Kapitel unter N. wiedergegebene Mythe, als 
auch dort der Held nicht durch den Mund sondern durch den 
aufgeschnittenen Bauch in das Innere des toten Tieres kriecht. 
Die Mythe hat dadurch einen Zug erhalten, der sie der Ursprung- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 199 

liehen Form der Walfischmythe entfremdet. Es sei hier aber ge- 
zeigt, daß dieses Rimumotiv im weitesten Umkreise bekannt ist. 

In Südamerika erhalten Keri und Käme, die wir oben schon 
kennen lernten, den Auftrag, die Sonne zu holen, die der rote 
Urubu oder Königsgeier besitzt. Im Zenith gibt es nun ein 
schwarzes Loch, das den Urubus gehört. In dieses Loch stürzt 
der Tapir, den man in der Milchstrasse sieht, weil es finstere 
Nacht ist. Keri sieht den Tapir und geht in seinen Vorderfuß 
hinein. Käme geht aber in einen kleinen gelben Singvogel und 
setzt sich auf einen Ast; er soll Keri, der nichts sehen kann, 
von allem was vorgeht, unterrichten. Der rote Geier öffnet die 
Sonne, es wird hell, und so erblicken die Urubus den Tapir. Die 
ganze „Urubusiada", schwarze und weiße Geier — nur der rote 
bleibt noch fern — stürzten sich auf den Tapir. Sie holen 
Schlingpflanzenstricke herbei, ziehen ihn mit aller Mühe aus dem 
Loch und wollen ihn zerteilen. Da macht Käme auf seinem Ast 
„Neng, neng, neng", Keri bläst und die Geier können mit ihren 
Schnäbeln den Tapir nicht öffnen. Sie rufen den Königsgeier zu 
Hülfe. Er kommt und Käme hört auf „Neng, neng, neng" zu 
machen. Der rote Geier öffnet den Tapir mit seinem Schnabel 
und in diesem Augenblick ergreift ihn Keri, ihn so fest packend, 
daß er fast stirbt. Nur wenn er die Sonne hergibt, soll er am 
Leben bleiben. Da schickt der Königsgeier seinen Bruder, den 
weißen Geier, die Sonne zu holen. Dieser bringt die Morgen- 
röte. „Ist das recht?" fragt Käme Keri, der festhalten muß. 
„Nein, nicht die Morgenröte", erwidert Keri. Da bringt der weiße 
Urubu den Mond usw. Er muß aber die Sonne bringen, ehe Keri 
den roten Urubu freiläßt. 

In Nordwestamerika sagt der Held zu seinem Vetter: „Komm, 
laß uns gehen und Vögel fangen". Sie gehen zusammen aus, 
und als sie an eine sandige Stelle am Flußufer kommen, heißt 
er seinen Vetter sich niederlegen. Dann zerschneidet er die Brust 
desselben mit Pfeilspitzen und bedeckt ihn bis zur Brust mit Sand. 
Er sagt zu ihm: „Ich verberge mich jetzt. Bald werden Adler 
zu dir kommen. Wenn sie von der Seite her auf dich zufliegen, 
dann blase und du wirst sie damit verjagen können. Wenn aber 
einer von gerade oben sich auf dich hinabstürzt, dann schließe 



200 Zweites Buch. 

deine Augen. Er wird sich niederlassen wollen und ich fange 
ihn dann". Der Vetter tut, wie jener geheißen. Als ein Adler 
von der Seite her auf ihn zufliegt bläst er und jener fliegt von 
dannen. Endlich erscheint einer gerade über seinem Haupte. 
Da hält er seinen Atem an und schließt seine Augen. Der Adler 
stürzt sich herab und greift seine Brust mit den Fängen. In 
diesem Augenblick stürzt sich der Held aus seinem Versteck her- 
vor, ergreift den Adler und schüttelt ihn so stark, daß alle seine 
Knochen und sein Fleisch zur Erde fallen. Dann zieht er den 
Balg des Adlers an, nimmt Abschied, seine Rückkehr in einer 
roten Wolke verkündend, und fliegt zum Himmel. — Die Mythe 
findet sich auch noch bei andern Völkern des Nordwestens. 

Im Innern Asiens — wohin wir uns mit einem Sprunge der 
Kürze halber gleich wenden — benötigt Gesser Chaghan zu allen 
Kleinnodien noch des Nasenblutens des männlichen schwarten 
Adlers, der Milch aus den Brüsten des weiblichen schwarzen 
Adlers, der Tränen aus den Augen der Jungen des schwarzen 
Adlers und des saftigen Krystalls aus dem Meere. Der Herrscher 
in den zehn Gegenden Gesser Chaghan gibt dem am Himmel 
sich aufhaltenden männlichen schwarzen Adler einen Traum ein. 
Als der Adler des Morgens bei Tagesanbruch erwacht, spricht er 
zu seinem Weibchen: „Seit meiner Geburt habe ich keinen solchen 
Traum gehabt; mir träumte nämlich in dieser Nacht, daß am 
Ursprünge des Flusses Nairandsa eine durch achtjährige Unfrucht- 
barkeit fett gewordene, krepierte bunte Kuh liege, und daß ich 
hinging, ihr Fleisch zu verzehren. Was für ein herrlicher Traum 
war das". Sein Weib entgegnet hierauf: „Es ist gegen Sitte und 
Gebrauch, daß am Himmel sich aufhaltende Wesen sich auf die 
Erde herab auf dort liegendes Aas senken, so wenig es Sitte ist, 
daß auf der Erde wandelnde Wesen sich zum blauen Himmel er- 
heben. Als Gesser Chaghan, der Herrscher in den zehn Ge- 
genden geboren wurde, geschah dies in seiner Menschenhaut; 
man sagt, daß er sich in allen zehn Gegenden verwandeln könne. 
Vielleicht ist jenes Fleisch seine Speise und (jenes Wasser, der 
Fluß) sein Trank. Du bist unbekannt mit der List eines Menschen, 
der über magische Verwandlungen gebietet, deshalb bleibe hier, 
gehe nicht hin!" Der Adler versetzt: „Ich werde am Himmel 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 201 

kreisend umherschweben und wenn kein Mensch da ist, mich 
herabsenken ; ist aber ein Mensch da, so drehe ich um und komme 
zurück. Ich muß doch sehen, ob mein Traum Wahrheit oder 
Täuschung ist." Mit diesen Worten entfernt er sich und sein 
Weib, das ihn nicht zurückhalten kann, bleibt zurück. Der Herr- 
scher in den zehn Gegenden Gesser Chaghan hat eine durch 
achtjährige Unfruchtbarkeit fettgewordene bunte Kuh geschlachtet 
und ihren Körper an den Quellen des Stromes Nairandsa hin- 
gelegt. Über die Brust des Tieres hat er seine eiserne neunästige 
Fangschlinge aufgestellt. Für sich selbst hat er eine Grube ge- 
graben, in welcher er, .den Zugfaden der Schlinge haltend, 
verstekt liegt. Unterdessen kommt der männliche schwarze Adler, 
kreist am Himmel umher und senkt sich, als er findet, daß kein 
Mensch da ist, herab. Er fängt mit dem Hinterteile der Kuh an, 
frißt weiter bis zur Brust, und nun zieht Gesser Chaghan an der 
Schnur seiner neunarmigen, eisernen Fangschlinge und fängt den 
Vogel. Nachdem er ihn gefangen hat, läßt er ihn herumspringen, 
und während er sich dabei den Schnabel zerstößt, sammelt Gesser 
eine Hornbüchse voll von dessen Nasenblute. Unterdessen schwebt 
das Weibchen des Adlers am Himmel umher und ruft ihrem 
Manne zu: „Habe ich es dir nicht gesagt? Jetzt ist dir der Tod 
gewiß!" Gesser Chaghan, der mittels seines magischen Wissens 
die Trauerworte des weiblichen Adlers versteht, spricht zu ihr: 
„Weiblicher, schwarzer Adler! Dein Männchen werde ich nicht 
töten; du aber schaffe mir aus deinen Brüsten eine Hornbüchse 
voll Milch und aus den Augen deiner Jungen eine Hornbüchse 
voll ihrer Tränen. Ferner gibt es im Meere einen saftigen Kry- 
stall von der Größe einer steinernen' Walze, den schaffe mir her! 
Diese drei Sachen schaffe herbei, wo nicht, so werde ich dein 
Männchen töten." Bei diesen Worten läßt er den gefangenen Adler 
springen und flattern. Der weibliche Adler erwidert: „Herrscher 
in den zehn Gegenden! Furchtbarer Gesser Chaghan, töte ihn 
nicht! Ich werde die verlangten Sachen zu schaffen suchen." 
Mit diesen Worten entfernt sie sich, säugt ihre Jungen nicht und 
sammelt dadurch eine Hornbüchse voll Milch aus ihren Brüsten. 
Sodann quält sie ihre Jungen bis zum Weinen und sammelt eine 
Hornbüchse voll Tränen aus ihren Augen. Zuletzt findet sie auch 



202 Zweites Buch. 

im Meere den saftigen Krystall von der Größe einer steinernen 
Walze und holt ihn heraus. Diese drei Sachen bringt und über- 
liefert sie dem Herrscher in den zehn Gegenden, worauf sie sich 
mit ihrem Männchen entfernt. — 

Es wird genügen, sich mit diesen vollendeten Beispielen hier 
abzufinden und nur nach rechts und links den Anschluß zu suchen. 
Eduard Stucken, der die vorliegenden Texte nicht gekannt 
hat, führte schon den wichtigen Beweis, daß das schon oben 
zitierte Rimumotiv der Etannalegende in der Simsonmythe, in der 
Abrahammythe usw. nachklingt. Aus dem Bereiche eines Tier- 
kadavers wird der Vogel gefangen. Und wir vermögen noch mehr 
anzuknüpfen. Das asiatische Märchen erzählt, wie der Held sich 
in der Haut des verstorbenen Esels versteckt und die bedeutsame 
Elster fängt. 

Und hieran vermögen wir nun allerhand weitere Bildungen 
ähnlicher Art anzuknüpfen. Schon Grimm und Simrock haben 
sich mit den nordischen Versionen beschäftigt. Um die zweite 
Version besser zu verstehen, müssen wir uns klar machen, daß 
in vielen Mythologien der Sonnenvogel ein Repräsentant des Sonnen- 
helden, der aufgehenden Sonne ist, und daß dementsprechend 
eine leichte Nüancierung im Leben der Sonnenhelden erscheinen 
kann, derzufolge der Sonnenheld an Stelle des Vogels tritt. Als 
der russische Sonnenheld Oleg an den Schädel des erschlagenen 
Pferdes tritt, fährt eine Schlange daraus hervor und sticht ihn in 
den Fuß, woran er erkrankt und stirbt. In ähnlicher Weise stirbt 
der Jarl im Norden, Hackelberg in Deutschland und Orion in 
Griechenland. Die Parallelen sind schon von anderen so durch- 
geführt, daß ich nicht näher darauf einzugehen brauche. Liegt 
es mir doch so wie so hier lediglich am Herzen, die Beziehung 
noch nicht verwendeter Stoffe alten Ergebnissen hinzuzufügen. 
Alle jene nordischen Sagen, die ich eben erwähnte, werden mit 
sehr viel Berechtigung als Sonnenwendmythen bezeichnet. Der 
Sonnenheld wird verwundet, so daß er in der nächsten Jahreszeit 
nicht mehr mit jener Gewalt auftreten kann. Es braucht der 
Held nicht nur die Sonne zu sein, sondern es kann sich die ganze 
Mythe sehr wohl in den Sternbildern wiederspiegeln, in deren 
Bereich jeweilen die Sonne ein- oder austritt. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 203 

Und daß wir es hier mit einer Sonnenmythe zu tun haben, 
möchte ich auch aus einem wenig beachteten Sagenkreis heraus 
motivieren. Es ist wohl allen bekannt, daß es einmal dem alten 
ägyptischen Sonnengotte Ra sehr schlecht erging. Als derselbe 
nämlich alt war, beschloß Isis, ihm das Geheimnis seines Namens 
zu entwinden. Es heißt da: „Der Gott Ra kam jeden Tag auf 
seinen Thron; er war alt geworden, sein Mund lief und der Speichel 
floß auf die Erde; was er ausspie, fiel auf den Boden. Das kne- 
tete Isis mit ihrer Hand zusammen mit der Erde, die daran war. 
Sie bildete daraus eine heilige Schlange, der sie die Gestalt eines 
Speeres gab. Sie wand sie nicht um ihr Gesicht, sondern warf 
sie auf den Weg, den der große Gott durchschritt, so oft er es 
wünschte, in seinem Doppelreiche. Der ehrwürdige Gott trat 
hervor, die Götter, die ihm als ihrem Pharao dienten, begleiteten 
ihn, er erging sich, wie alle Tage. Da biß ihn die heilige Schlange. 
Der göttliche Gott öffnete den Mund, und sein Schrei drang bis, 
zum Himmel. Sein Götterkreis rief „Was ist das?" Und die 
Götter schrieen „Siehe da!" Er konnte nicht antworten, seine 
Kinnbacken klapperten, seine Glieder zitterten, das Gift ergriff 
sein Fleisch usw. 

In dieser Mythe haben wir sehr deutlich eine Sonnenwend- 
mythe vorliegen. Der alternde Gott, das ist der Gott des Herbstes, 
der nun bald im Winter sterben wird. Wir haben den Figuren- 
reichtum des Sonnengottes entsprechend den verschiedenen Jahres- 
zeiten, wie er im Mittelländischen Meere blühte, von Macrobius 
hinsichtlich des Bacchus so genau beschrieben erhalten, daß hier- 
über kein Zweifel mehr bestehen kann. — Eine andere Frage ist 
es, ob wir in diesen Mythen durchgehends symbolische An- 
schauungen der Sonnenwende erkennen dürfen. Die Sonne wird 
gefangen; es wird der Sonne entschieden die Kraft geraubt; die 
Sonne wandert wohl nachher weiter, aber sie geht langsamer. 
Und alles das wird erreicht: entweder indem sie nur gefangen 
genommen oder indem sie gestochen wird, sei es von einem 
Skorpion, sei es von einer Schlange. Letzteres anbelangend, möchte 
ich auf die geradezu ungeheuerliche Analogie zur Ra-Isismythe 
hinweisen, die sich bei den Nordamerikanern vorfindet und welche 
ich in dem Kapitel der Orpheusmythe (Kap. XIV) zur Erwähnung 



204 Zweites Buch. 

bringen werde. Auch hier wird die Sonne von der Schlange ge- 
bissen und muß sie dann, als sie lange abseits gelebt hat, wieder 
zu fröhlichem Auflodern angeregt werden. Und damit kommen 
wir denn auf die berühmte alte Sage indischen Ursprungs, der- 
zufolge die Kinder eines Adlers von einem Drachenungeheuer 
immer wieder geraubt werden. — Doch bleiben wir noch einen 
Augenblick bei der Sonnenwende. 

Die Sonne braucht nicht nur vom Tierkadaver aus gefangen 
zu werden. Es gibt noch eine große Reihe anderer Varianten, 
von denen besonders die Mythen vom Sonnenschlingenfang unser 
ganzes Interesse in Anspruch nehmen müssen. In Polynesien 
fordert Maui seine Brüder auf, ihm bei der Bändigung der Sonne 
behülflich zu sein. Diese Mythe wollen wir in der Maoriform 
nach Manning hier wiedergeben. 

Zu jener Zeit war die Sonne viel heißer als heute, und die 
•Tage waren sehr kurz; denn die Sonne blieb nichtlange am Himmel, 
ihr Schritt war so schnell ehe sie unterging; und wegen der Hitze 
und der Kürze der Tage konnten die Menschen nicht arbeiten, 
um sich Nahrung zu verschaffen, wären aber die Tage länger 
gewesen, so würde die Welt verbrannt sein, weil die Hitze der 
Sonne so groß war. So sprach Maui zu seinen Brüdern ; „Lasset 
uns die Sonne angreifen und ihr etwas von ihrer großen Hitze 
fortnehmen und sie binden und ihren Lauf langsamer machen, 
auf daß die Tage länger werden und die Menschen mehr Zeit 
haben mögen, die Erde anzubauen." Aber seine Brüder ant- 
worteten : „Kein Mensch kann der Sonne nahe kommen, so heftig 
ist ihre Hitze." Da sprach der Held: „Ihr habt meine vielen 
Arbeiten gesehen, und daß mir nie etwas mißlungen ist. Auch 
hierin werde ich erfolgreich sein — und auch in größeren Dingen." 
So ließen sich seine Brüder überreden und willigten ein, die Sonne 
anzugreifen. So begannen sie nun, Stricke zu machen. Da konnte 
man wahrlich die Kunst, Stricke zu machen, erblicken — ge- 
drehte Stricke, geflochtene Stricke, geknotete Stricke, alle Arten 
von Stricke machten sie; und als sie damit fertig waren, nahm 
Maui seine Keule, und während seine Brüder die Stricke trugen, 
begab er sich nach dem Aufgange der Sonne. Lange wanderten 
sie und gingen bei Nacht und ruhten bei Tage in den offenen 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 205 

Ebenen, bis sie, immer näher und näher kommend-, endlich den 
Ort erreichten, wo die aufgehende Sonne hervorkommt. Nun 
bauten sie Mauern von Erde und Häuser von Baumzweigen, um 
sich gegen die Hitze zu schützen, und nun erheben sie die Schlinge 
von Stricken, mit der sie die Sonne bei ihrem Aufgehen fangen 
wollen, und als sie dies vorbereitet haben, stellen sie sich auf: 
Maui an der einen und seine Brüder an der andern Seite des 
Aufganges der Sonne, und alle haben ihre Kriegsmatten umgehängt. 
Da redete Maui, der den Kinnbacken Muri-ranga-whenuas in der 
Hand hielt, seine Brüder an: „Seid geduldig und vorsichtig und 
mitleidslos; erschreckt sie nicht; laßt sie von unseren Schlingen 
umfangen werden bis zu den Achselhöhlen; dann, wenn ich rufe, 
zieht eure Stricke ein und haltet sie lange, während ich sie an- 
greife und mit meiner Keule verstümmele. Habt nur kein Mitleid ; 
wenn sie um Erbarmen fleht, seid erbarmungslos, o meine Freunde." 
Jetzt erhebt sich die Sonne wie flammendes Feuer, leuchtend über 
die Erde. Sie schreitet vorwärts; ihr Haupt ist in der Schlinge; 
jetzt sind ihre Achselhöhlen umgarnt; jetzt ziehen sie die Stricke 
ein. Ha! Der Held ist in der Schlinge gefangen. Jetzt springt 
Maui-tiki-tiki-o-Taranga vorwärts; die Keule in der Hand, greift 
er die Sonne an. Nieder fällt die schwere Waffe auf ihr gelbes 
Haar; ihre glänzenden Locken teilen sich voneinander und er- 
reichen nun die Enden der Erde in zerstreuten Strahlen, nicht 
mehr wie ehemals in dichten Feuerflammen. Da ruft der um- 
garnte Held: „Weshalb greifst du mich an, o Mensch! Du, der 
du selbst „das Große-Kind-Ra" anzugreifen wagst?" — So ver- 
nahm man zuerst den wahren Namen der Sonne: „Tama-nui-te- 
Ra." Der heftige Angriff dauert fort, endlich lassen sie die Sonne 
frei; verwundet und der Hälfte ihres Lichtes beraubt verfolgt sie 
langsam ihren Weg und es währt lange, ehe sie ihren Unter- 
gangsort erreicht. So sind seitdem die Tage länger und kühler 
geworden, und die Menschen können in Ruhe arbeiten. So kehrten 
Maui und seine Gefährten heim. — 

Ehe ich die interessanten Teile der Mythe bespreche, sei dar- 
auf hingewiesen, daß auch das nördliche Amerika derartige Mythen 
besitzt, und zwar werde ich eine derselben im folgenden hier 
wiedergeben. Es ist ein Stück aus dem Gebiete des Seenbeckens. 



206 Zweites Buch. 

Der Sonnenfänger ist unter den Ojibwas offenbar die nämliche 
Person, wie der vom Fisch verschlungene Knabe in der oben 
zitierten Walfischmythe (vergl. Seite 88, G.). Zur Zeit als die Tiere 
auf der Erde herrschten, hatten sie alles getötet, ausgenommen 
ein Mädchen und ihren kleinen Bruder, und diese beiden lebten 
in Zurückgezogenheit und Furcht. Der Knabe wuchs nicht größer 
als ein kleines Kind und seine Schwester pflegte ihn mit sich hin- 
auszunehmen, wenn sie sich entfernte, um Vorrat für das Hütten- 
feuer zu holen. Er war zu klein, um alleingelassen zu werden; 
ein größerer Vogel hätte ihn im Fluge mit sich wegnehmen können. 
Sie machte ihm eines Tages Bogen und Pfeile und hieß ihn die- 
selben verstecken, wo sie Holz gehauen hatte und forderte ihn 
auf, nach den Schneeammern zu schießen, wenn sie kämen und 
Würmer aus dem Holze pickten. Zunächst versuchte er es ver- 
gebens, eine derselben zu töten, aber schon gegen Abend des 
nächsten Tages, hörte sie die Tritte seiner kleinen Füße auf dem 
Schnee. Der Knabe brachte einen Vogel mit und forderte seine 
Schwester auf, die Haut abzuziehen und den halben Vogel auf 
einmal in das Gemüse zu tun, denn damals hatten die Menschen 
noch nicht gelernt, Nahrung aus dem Tierreiche zu essen, sondern 
lebten nur von Pflanzenkost. Als der Knabe endlich 10 Vögel 
getötet hatte, machte die Schwester ihm ein Röckchen von Häuten, 
aus deren Federpelz. Eines Tages fragte er die Schwester, ob 
sie allein am Leben wären und in der Welt. Sie erzählte ihm 
nun, daß diejenigen, die die Verwandten umgebracht hätten und 
vor denen sie sich fürchteten, in einer gewissen Gegend lebten, 
und daß er sich hüten müsse, diesen Weg einzuschlagen. Dies 
machte ihn begierig. Er nahm seinen Bogen und Pfeile und 
brach auf. Als er eine lange Zeit gewandert war, legte er sich 
auf einen Hügel, von dem die Sonne den Schnee weggeschmolzen 
hatte, und dort schlief er ein ; während dessen aber brannte die Sonne 
so heiß auf ihm, daß sein Vogelhautrock ganz versengt ward und 
einschrumpfte. Als er erwachte und seinen Rock so verdorben 
sah, nahm er sich vor, sich an der Sonne zu rächen und hieß 
seine Schwester, ihm eine Schlinge zu machen. Sie machte ihm 
eine solche von Hirschsehnen und dann eine solche von ihrem 
eigenen Haar; sie taugten aber beide nichts. Endlich gab sie 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 207 

ihm eine, die ihm paßte ; als er sie zwischen seinen Lippen durch- 
zog, ward sie wie ein roter Metallfaden. Mit diesem Gerät be- 
waffnet, machte er sich nach Mitternacht auf den Weg, und be- 
festigte seine Schlinge genau da, wo die Sonne ans Land treten 
mußte, während die sich über die Erde erhob; und so fing er 
denn auch die Sonne, die auf solche Weise in Stricken festge- 
halten ward und nicht aufzugehen vermochte, Die Tiere, welche 
damals die Erde beherrschten, gerieten dadurch in große Erregung, 
denn es fehlte das Licht. Sie hielten eine Versammlung ab, um 
sich über die Sache zu beraten und jemand ausfindig zu machen, 
der hingehen und den Strick zerschneiden solle; dies war nämlich 
ein gefährliches Wagestück, da die Sonnenstrahlen jeden ver- 
brannten, der ihr zu nahe kam. Endlich versuchte es das Murmel- 
tier, das damals das größte Tier auf der Erde war. Wenn das 
Murmeltier aufstand, sah es aus wie ein Berg. Als es dahin 
kam, wo die Sonne in der Schlinge gefangen war, begann die 
heftige Hitze auf seinem Pelz zu rauchen und zu brennen. Der 
obere Teil seines Körpers verwandelte sich in einen mächtigen 
Aschenhügel. Es 'gelang ihm jedoch, den Strick mit den Zähnen 
zu zernagen und der Sonne die Freiheit wiederzugeben. Aber es 
war ganz klein geworden und so klein ist es seitdem geblieben. 
In Amerika finden wir Reste dieser Mythe auch sonst. In 
der Sierra Perus liegt bei Andahoayllas der Rest zweier Stein- 
türme mit eingefügten Hämmern auf gegenüberliegenden Zerros, 
die dazu dagewesen sein sollen, um zwischen ihnen ein Netz 
auszubreiten und darin die Sonne zu fangen, und nach Gargilasso 
de la Vega verglich der Inka die Sonne mit einem gebundenen 
Tier, das immer auf der gleichen Bahn um läuft. Die ozea- 
nischen Inseln kennen die Mythe durchgehend und sind nur 
kleine Varianten zu vermerken. Auch in Indonesien fehlen Spuren 
nicht. In Asien bindet der tatarische Held die Sonne an das 
Ohr des Pferdes, und Bogda Gesser Chan hat unter seinen Klein- 
odien eine goldene Fangschlinge, die Sonne zu fangen, eine 
silberne, den Mond zu fangen. Im Ditmarschen haben die Ein- 
wohner von Bösum auf dem Kirchturm sitzend die Sonne am 
Tau gehalten und im Reinecke Fuchs wird der Tag mit Seilen 
gebunden. Also weite Verbreitung der Sonnenschlingenfangmythe. 



208 Zweites Buch. 

In welchem Verhältnis steht dieselbe nun zur eigentlichen 
Rimumythe. Der Tierkadaver, in den sich der Held versteckt, 
ist verschwunden, und der Held ist nur noch mit Wällen und 
Baumzweigen bedeckt. Wir hören nichts mehr von einem Vogel, 
der gefangen werden soll, sondern wir hören überall von der ge- 
fesselten Sonne. Und das Merkwürdigste ist: Während sonst der 
Sonnenheld als ausgeprägter Vertreter der Sonne mit dieser iden- 
tifiziert wird, lenkt er hier in feindlicher Gesinnung das Schicksal 
des Tagesgestirnes. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns 
erkennen läßt, daß hier eine Umbildung stattgefunden hat, die 
aber auch schon im Rimumotiv sich erkennen läßt, wenn wir 
daran denken, daß bei den Brasilianern es ja auch der Sonnen- 
held ist, der dem Urubugeier die Sonne raubt und sie zum Auf- 
gehen zwingt. 

Die Einheitlichkeit aller dieser Stücke beruht aber wohl 
darin, daß die entweder als Vogel aufgefaßte Sonne oder nach 
ausdrücklicher Aussage die Sonne selbst in ihrem Laufe ge- 
regelt wird. Wir haben oben die Vermutung ausgesprochen resp. 
uns der Vermutung anderer angeschlossen, die angegeben haben, 
diese Mythengedanken bezögen sich auf die Sonnenwenden und 
auf das Wandern der Sonne durch bestimmte Tierkreise. Hin- 
sichtlich des Sonnengottes Ra sind wir uns dessen ziemlich sicher. 
Und es besteht eine entschiedene Beziehung zwischen den beiden 
vorliegenden Mythen von Ra und Maui, denn es kann kein Zufall 
sein, daß beide den merkwürdigen Satz enthalten: „Da erfuhr 
man zum ersten Male den Namen des Gottes." Ich möchte an- 
nehmen, daß dies nichts anderes bedeuten kann, als daß der Gott 
im Wechsel der Jahreszeit und seiner Kräfte nunmehr einen andern 
Namen empfängt. Ist das so und sind die asiatisch europäischen 
Formen dieser Mythen die älteren, dann haben wir ein sehr 
merkwürdiges Beispiel dafür, wie in der Übertragung und Wan- 
derung der Sinn der Mythen sich ändert. In Asien haben wir 
noch den ausgesprochenen Sinn der Sonnenwendmythe, und in 
Ozeanien resp. Amerika haben wir den Sinn einer den Tages- 
kreislauf beschreibenden Geschichte. In den Tropen, in denen die 
Jahreszeiten gegenüber der Bedeutung der Regenzeiten eine ver- 
hältnismäßig geringe Rolle spielen, geht der Sinn verloren, der 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 209 

weiter nördlich wohnenden Völkern mit dem Begriff der Sonnen- 
wende verbunden ist. 

Es ist hier nicht der Ort, um der Differenz des objektiven 
und subjektiven Sonnenhelden nachzuspüren. Für uns ist es 
wichtig, festgestellt zu haben, daß der Schlangenbiß, der dem 
Verschlingen der Sonne beim Untergehen im Westmeere, also dem 
täglichen Ereignis entspricht, hier in der Sonnenwendmythe wie- 
derkehrt und daß wir andeuten können, wie eine Sonnenwend- 
mythe bei dem Wege über Ozeanien mit dem Ziele Amerika 
sich umbildet. 

Wir verstehen auf der andern Seite hier aber auch schon 
die Bedeutung des Motives der Vogelhilfe. Ein Vogel hilft dem 
verschlungenen Sonnengotte wieder an das Tageslicht und ein 
Vogel wird als Sonne hier gefangen. Die Bedeutung der auf- 
gehenden Sonne als Vogel liegt hier klar zutage. 

Im folgenden Abschnitt werden wir nun die Tagesmythe aber 
auch noch als Schöpfungsmythe wiederkehren sehen. Was der 
Schlangenbiß, hervorgegangen aus einer Beziehung zum Verschlin- 
gungsmoment, bei der Sonnenwendmythe wird, das wird das 
Ausschlüpfen in der Schöpfungsmythe. 

Ergänzung 3. Die Schöpfung aus dem Fischleib. — 
Von der Schöpfung und vom Weltuntergange haben wir in den 
vorhergehenden Texten schon mancherlei gehört, und es wird sich 
hier darum handeln, festzustellen, inwieweit eine einheitliche 
Auffassung sich in den verschiedenen Regionen nachweisen läßt. 
Wir werden das "Gebiet in vier Provinzen nachprüfen, nämlich 
einmal bei den Semitoiden, dann bei den Arioiden, drittens bei 
den Völkern Ozeaniens und viertens bei den Amerikanern. 

I. Die Schöpfungsmythe der Semitoiden knüpft an die Tia- 
matmythe an. Das das Meer darstellende Urtier Tiamat oder 
Tehom, ein Drache oder eine Schlange, wird von dem Sonnengotte 
Marduk überwunden. Für Marduk tritt bei den Israeliten Jahve 
ein. Tiamat spannt ein Netz am Horizonte aus. Wir sahen oben, 
daß sich heute noch Reste einer älteren Mythenform nachweisen 
lassen, der zufolge der Sonnengott in den Leib des Meerunge- 
tümes hineinfährt. Alles weitere siehe Seite 167 ff. Diese 

Frobenius, Sonnengott. I. 14 



210 Zweites Buch. 

Schöpfungsmythe klingt dann in der Schilderang des Beginnes 
aus. Tiamat wird wie ein Fisch durchgeschnitten. Aus der einen 
Hälfte wird der Himmel, aus der unteren die Erde gebildet; 
Sonnenaufgang usw. Delitzsch hat in den letzten Jahren die Mythe 
ja sehr populär gemacht, und nachdem Gunkel die alten Bibel- 
materiale zur Schöpfung aus dem Chaos schon beigebracht hat, 
zeigte Heinrich Zimmern die völlige Identität der israelitischen 
und babylonischen Schöpfungsmythe dem Ursprünge nach, der 
durchaus auf diese Teilung des Tiamatungetümes zurückgeht. 
Die Mythe knüpft also direkt an die Walfischmythe an und stellt 
eine Projektion des Sonnenaufgangs in den Urbeginn der Dinge dar. 
H. Es wird sich nun darum handeln, festzustellen, ob wir 
eine entsprechende Auffassung bei den Arioiden zu finden 
vermögen. Einen Vorsprung haben wir gewonnen, als wir 
Seite 179 ff. zeigten, daß der Weltuntergang der Verschlingungs- 
gruppe der Walfischmythen entspringt. Wäre also zu prüfen, ob auch 
die eigentliche Schöpfung aus dem Leibe des Urwalfisches auf- 
zufinden ist. Wir müssen uns zu diesem Zwecke mehrere Stellen 
der älteren und jüngeren Edda in ihrem einstigen Zusammen- 
hange rekonstruieren. Das Material glaube ich indenYmirmythen ge- 
funden zu haben. Der solare Gott ist in das Riesenreich gezogen. 
Die näheren Details werden wir in der Ogrenmythe des vierten 
Bandes wiederfinden. Es ist eine Nachtfahrt. Während der 
Nacht war Thor bei den Riesen zu Gaste. Als es tagt, steht Ymir 
auf und macht sich fertig, auf die See zu rudern zum Fischfang. 
Thor steht auch auf und ist gleich bereit und bittet, daß 
Ymir ihn mit sich auf die See rudern lasse. Ymir sagt, er 
könne wenig Hilfe von ihm haben, da er so klein und jung sei. 
Thor aber entgegnet, er dürfe um dessen willen nur immer recht 
weit hinausfahren, da es noch ungewiß sei, wer von ihnen beiden 
zuerst auf die Rückkehr dringen werde; Thor zürnt dem Riesen 
so, daß wenig fehlt, jenen seinen Hammer fühlen zu lassen. 
Doch unterläßt er dies, weil er seine Kraft anderweitig zu ver- 
suchen gedenkt. Er fragt Ymir, was sie zum Köder nehmen 
wollen, und Ymir sagt, er solle sich selbst seinen Köder ver- 
schaffen. Da geht Thor dahin, wo er eine Herde Ochsen sieht, 
die Ymir gehört, und er nimmt den größten Ochsen, der „Himmels- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 211 

brecher" heißt, reißt ihm das Haupt ab und nimmt dies mit an 
die See. Ymir hat das Boot indessen ins Wasser geflößt. Thor 
geht an Bord, setzt sich hinten ins Schiff, nimmt zwei Ruder und 
rudert so, daß Ymir denkt, von seinem Rudern habe er gute 
Fahrt. Ymir rudert vorn so, daß sie schnell fahren. Ymir sagt, 
sie wären nun an die Stelle gekommen, wo er gewohnt sei, zu 
halten und Fische zu fangen. Aber Thor sagt, er wolle noch 
viel weiter rudern; sie fahren also noch lustig weiter. Da sagt 
Ymir, sie wären nun so weit hinausgekommen, daß es gefährlich 
sei, in größerer Ferne zu halten wegen der Midgardschlange. 
Aber Thor sagt, er werde noch eine Weile rudern, und so tut er, 
womit Ymir übel zufrieden ist. Endlich zieht Thor die Ruder 
ein und rüstet eine sehr scharfe Angelschnur zu, und der Hamen 
daran ist nicht kleiner oder schwächer. Thor steckt den Ochsenkopf 
an die Angel, wirft sie von Bord, und die Angel fährt zu Grunde. 
Die Midgardschlange schnappt nach dem Ochsenkopf, der haftet 
dem Wurm im Gaumen. Als die Schlange das merkt, zuckt sie 
so stark, daß Thor mit beiden Fäusten auf den Schiffsrand ge- 
worfen wird. Da wird Thor zornig, fährt in seine Asenstärke 
und sperrt sich so mächtig, daß er mit beiden Füßen das Schiff 
durchstößt und sich gegen den Grund des Meeres stemmt: also 
zieht er die Schlange darauf an Bord. Und das mag man 
sagen, daß niemand einen schrecklichen Anblick gesehen hat, 
der nicht sah, wie jetzt Thor die Augen wider die Schlange 
schärft und die Schlange von unten ihm entgegenstiert und Gift 
bläst. Es wird gesagt, daß der Riese Ymir darob die Farbe 
wechselt und darob erbleicht, als er die Schlange sieht und wie 
die See im Boot aus- und einströmt. Aber in diesem Augenblick, 
da Thor den Hammer ergreift und in der Luft schwingt, stürzt 
der Riese hinzu mit seinem Messer und zerschneidet Thors Angel- 
schnur, und die Schlange versinkt in die See, und Thor wirft den 
Hammer nach ihr und die Leute sagen, er habe ihr im Meeres- 
grund das Haupt abgeschlagen; doch dem Erzähler der alten Mythe 
dünkt, die Wahrheit sei, daß die Midgardschlange noch lebe und 
in der See hege. Aber Thor schwingt die Faust und trifft den 
Riesen so ans Ohr, daß er über Bord stürzt und seine Fußsohlen 

sehen läßt. Dann watet Thor ans Land. Wir sehen, der 

14* 



212 Zweites Buch. 

Mythenerzähler weiß davon zu berichten, daß nach dem Glauben 
einiger Thor der Midgardschlange das Haupt abgeschlagen habe. 
Es hat also eine ältere Version noch existiert. Hiergegen läßt 
sich nichts sagen. Schwer ist es jedoch, diese ältere Lesart auf- 
zufinden resp. wiederzuerkennen, und ich muß hier das vollstän- 
dige geographische Verständnis meiner Leser voraussetzen, wenn 
ich verlange, daß die nun folgende Anknüpfung als eine berech- 
tigte erkannt werden soll. Die Schöpfung erfolgt nämlich nicht 
aus der Midgardschlange, sondern sie erfolgt aus Ymir. Die 
Riesen sind hier im Norden die Vertreter der schneeigen, eisigen 
Winterzeit geworden; der Frühling bricht hier aus der Eiszeit 
hervor, und somit ward auch die Welt aus dem Eise geschaffen, 
statt aus dem Meere. Wenn diese Völker aber einst weit im 
Süden diese Mythen empfingen, dann kann nicht der Eis -Ymir, 
sondern dann kann nur die Meermidgardschlange das Wesen ge- 
wesen sein, aus dem die Welt geschaffen ward. In der Tat ver- 
mögen wir sowohl die Schöpfung aus Ymir nachzuweisen als 
Reste des Endkampfes mit der tiamatartigen Midgardschlange. 
Der Urriese Ymir wird von den Göttern zerteilt. Aus seinem 
Hirnschädel wird der Himmel gebildet, aus seinem Fleische die 
Erde, aus seinen Knochen die Berge usw. Feuerfunkel aus Mus- 
pelheim erscheinen als Gestirne dieser neugeschaffenen Welt. — 
Aber auch Reste des Endkampfes mit der Midgardschlange sind 
noch erhalten. Der Erzähler der Edda berichtet nicht nur, wie 
andere Leute vom Abschlagen des Schlangenhauptes zu erzählen 
wüßten, sondern wir haben auch in der Mythe selbst noch einen 
Rest des Hineinschlüpf ens in den Rachen des Ungetüms, und dies 
Hineinschlüpfen muß ja dem Ursprünge der Mythe nach der 
eigentlichen Schöpfung vorausgehen. Es heißt nämlich, daß, als 
die Midgardschlange nicht gleich in die Höhe kommt, Thor mit 
beiden Füßen das Schiff durchstößt und sich gegen den Grund 
des Meeres stemmt. Das ist eine derartige Übertreibung und 
Unmöglichkeit in der Erfahrung, daß diese Angabe nicht ursprüng- 
licher Natur sein kann. Wir brauchen auch nicht so weit aus- 
zuschauen, um in den Analogien ein Verständnis dieser wunder- 
lichen Angabe zu finden. In der Gesser Chanmythe, die bekannt- 
lich aus Indien stammt, spreizt sich der Held im Rachen des 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 213 

Ungeheuers (vergl. Seite 131). Das Motiv ist nicht vereinzelt. 
Wir finden es in ähnlicher Weise in der Ratamythe (vergl. 
Seite 65) und in der Manabozhomythe (vergl. Seite 94), in denen 
sowohl Speere als Boote zur Spreizung dienen. Ich glaube, daß 
diese Spreizung an Stelle der Zerteilung getreten ist. Jeden- 
falls geht aus der angegebenen wunderlichen Angabe der Edda 
hervor, daß in früherer Zeit Thor offenbar im Haupte der Mid- 
gardschlange gestanden hat, und ich darf wohl annehmen, daß 
dem Abschlagen des Hauptes eine Schöpfung des Landes ent- 
sprach. — Es sei mir noch vergönnt, darauf hinzuweisen, daß 
übrigens auch die Vedas schon eine Schöpfung entsprechend der 
Ymirschöpfung besitzen. Nach diesen ward Viraj, das erstge- 
schaffene Wesen, von den Göttern geopfert, und alle Teile des 
Weltalls werden als aus seinen verschiedenen Gliedern entspringend 
dargestellt. — Nunmehr werden wir aber die Parallelen zu Thors 
Fischzug in einem hübsch weit entfernten Gebiete aufsuchen und 
wird der Zuhörer, der mir nun schon ein paarmal über die Welt- 
meere gefolgt ist, nicht davor zurückschrecken dürfen, von der 
nordischen Mythologie über den Äquator und einige Breitengrade 
hinweg mitten hinein in die polynesische Inselwelt zu springen. 
Trösten mag es ihn, daß man ja sowohl die Arioiden als die 
Ozeanier ohne große Mühe mit dem Süden Asiens in Ver- 
bindung bringen und annehmen kann, daß dieselben einfach nach 
verschiedenen Seiten aus dem Bereiche einer Region sich entfernten, 
die beiden Gruppen der Menschheit die Mythologie schenkte. 
Und somit erstaunen wir nur darüber, wie ungeheuerlich die Ge- 
walt des Gedächtnisses ist, welche die Menschen beim Erzählen 
kaum den kleinsten Zug der Schilderung vergessen ließ. 

DL Die Schöpfung der Erde ist bei den Ozeaniern eine 
Fischermythe. Sie kehrt auf den sämtlichen Inseln Polynesiens 
wieder, läßt sich in Mikronesien noch nachweisen, hat sich in 
kleinen Zügen nach Melanesien und Neuholland verzogen und 
fehlt vor allen Dingen dem Ubergangsgebiete nach Asien, Indo- 
nesien, nicht. Die Maorimythe lautet etwa folgendermaßen: Maui 
verfertigt sich einen Fischhaken aus dem Kinnbacken, den er sich 
von Muri-ranga-vhenua geholt hat. Dazu dreht er sich eine Schnur. 
Als die Brüder zum Fischen hinausfahren wollen, und er darum 



214 Zweites Buch. 

bittet, sie begleiten zu dürfen, schlagen sie ihm dies zunächst 
ab. Als sie zur Nacht zurückkehren, versteckt sich aber Maui 
abends unter dem Gestell des Bootes und wird so am nächsten 
Morgen, ohne daß die Brüder es wissen, mit hinausgenommen. 
Erst auf hoher See kommt er hervor. Nun angeln sie. Maui 
fordert sie nun auf, immer weiter hinauszufahren. Sie fahren 
immer weiter. Endlich erbietet sich auch Maui, seinen Haken 
auszuwerfen. Die Brüder verspotten ihn, weil er keinen habe, 
Maui zieht aber seinen Haken aus dem Mantel hervor ; der Haken 
glänzt von eingelegten Perlen, ist geschnitzt und verziert, mit 
Büscheln von Haar und Federn. Maui will nun einen Köder 
haben. Sie geben ihm aber keinen. Da schlägt er sich endlich 
mit der eigenen Faust an die Nase, so daß das Blut herausfließt, 
und dies reibt er an seinen Haken, den er ins Meer auswirft. 
Der Haken sinkt in die Tiefe. Dort unten packt etwas an. Jetzt 
zieht Maui mit seiner ganzen Kraft; er zieht weiter, und das An- 
gebissene kommt mit herauf! Jetzt fühlt er den ganzen Wider- 
stand; seine göttliche Kraft hat ihresgleichen gefunden; nicht 
näher kommt der Haken. Der trübe Ozean wallt auf; die Gipfel 
der Meere sind nahe und manch ein wirbelnder Strudel tost. 
Jetzt ergreift Maui Wut; grimmig zieht er und jauchzt laut seinen 
hochhebenden Gesang. Ha! Der Fisch Mauis erhebt sich aus 
dem Wasser — ein Landfisch — ein großes Land — Papa-tu- 
a-nuku! (Dies letzte Wort bedeutet eigentlich: die Walfisch- 
erde.) So liegt nun Mauis Kanoe trocken auf dem Lande, und 
er geht nun fort, um den Göttern zu opfern. Er fordert seine 
Brüder auf, den Fisch nicht zu zerteilen, ehe die Götter ihr Opfer 
davon erhalten und von ihm gekostet haben. Als aber der Held 
fort ist, beginnen die Brüder Mauis den Fisch zu zerschneiden 
und von ihm zu essen. Als dies der Meergott sieht, ergrimmt 
er und läßt den Fisch sich heftig sträuben. In grimmigen 
Zuckungen wirft er sich umher und wird dadurch unförmig und 
ungestaltig. Und hierdurch ist das Land so häßlich gestaltet — 
Berge, Täler, Ebenen, Schluchten und Abgründe, alle gemischt; 
ohne die Gottlosigkeit von Mauis Brüdern würde der Fisch still- 
gelegen haben., und so würde auch mit dem Lande geschehen 
sein, denn der Fisch Mauis ist das Land. — Einige kleine Va- 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 215 

rianten sind zu bemerken. Einige behaupten, es wäre ein ganzer 
Kontinent hervorgekommen, wenn Mauis Schnur nicht gerissen 
wäre. Nach mikronesischer Version riß die Schnur, weil die Be- 
gleiter zu früh auf das heraufkommende Land sprangen. Die Ana- 
logie zur Ymirmythe erstreckt sich auf folgende Punkte: 1. Beim 
Hinausfahren ist der eigentliche Sonnenheld mit der Entfernung 
noch nicht einverstanden, und er will immer weiter hinaus. 
2. Mit dem Köder hat es jedesmal eine besondere Bewandnis, 
einmal ist es der Kopf des „Himmelsbrechers", in welchem Worte 
direkt die Zerteilung im Aufgange angedeutet ist, und zum andern 
schlägt sich der Sonnenheld das eigene Gesicht blutig, welches 
man als eine Parallele zur Glut, des die Nacht zerteilenden Sonnen- 
aufganges auffassen kann. 3. Nun entsteht auf der einen Seite 
der Zorn Thors, auf der andern Seite die Wut Mauis. 4. Thor 
steht mit den Füßen auf dem Grund des Meeres, und Mauis Boot 
sitzt auf dem Trocknen. 5. Die den Sonnengott begleitenden 
Fischer sind entweder unwillig über den Fischfang (Ymir) oder 
sie wollen den Sonnenhelden nicht mitnehmen, resp. handeln 
gegen den Befehl des Sonnengottes beim Fischfang (Mauis Brüder). 
Jedenfalls liegt ein gewisser Streit vor. 6. Die Angelschnur 

reißt. Diese Übereinstimmungen sind so merkwürdig, daß 

es sich nicht um einen Zufall handeln kann. Die ganze Grund- 
idee habe ich ja schon in der Tmirmythe und in der Tiamatform 
charakterisiert, so daß ich hier nur darauf hinzuweisen brauche, 
daß durch diesen Fischzug das Land gebildet wird, um den An- 
schluß an die Schöpfungsmythe zu gewinnen. Im Verlauf der 
Aufzählung der ozeanischen Texte habe ich schon mehrmals das 
Motiv der Landbildung angeführt, und auch anderweitig sehen wir 
hierin immer die Schöpfung im Anschluß an die Walfisch- 
resp. Sonnenaufgangsmythe. — Im Anschluß an die ozeani- 
schen Mythen sei darauf hingewiesen, daß eine Spur von Land- 
fischen auch in Japan nachklingt, wo im Urbeginn der Dinge 
Izanagi das Erdenland schafft. Er taucht nämlich seine mit Edel- 
steinen geschmückte Pike (vergl. Mauis Angelhaken !) in die weite 
See und rührt die Wogen um. Die trüben Wassertropfen, die von 
der aus dem Gewässer gezogenen Pike abströmen, verdichten sich 
und bilden in einem Augenblick eine Insel, auf die sich Izanagi 



216 Zweites Buch. 

mit seinem Weibe niederläßt, nach dem Vorbilde der Vögel die 
Begattung beginnend. — Also ein letzter Rest, der um so bedeu- 
tungsvoller ist, als wir ja oben (Seite 152 und 153) gesehen haben, 
daß die Japaner ihr Land für einen Fisch halten ! ! Das ist 
direkt polynesische Anschauungsweise! — Übrigens glauben auch 
indische Völker, daß die Erde auf einem Fisch ruhe. 

IV. Eine wenig beachtete Mythe Mexikos stellt die Parallele 
zu den vorhergehenden Mythen dar. Nach der einen Version 
heißt es, daß Tezcatlipoca und Ehecatl die Schöpfung vollbracht 
haben, indem der eine durch den Mund, der andere durch den 
Nabel der Göttin Tlatleutl in dieselbe gelangten und im Herzen, 
also im Mittelpunkte, zusammenkamen. Sie hoben dann das 
Himmelsgewölbe empor. — Nach Torquemada stellten die Mexi- 
kaner sich die Erde als Frosch mit blutigen Mäulern in allen 
Gelenken vor, weil sie alles verschlinge. Mit Zugrundelegung 
dieser Angabe verstehen wir die zweite Lesart der gleichen Mythe. 
Nachdem die Göttin der Erde, Atlalteutli, die mit Mündern an 
allen Gelenken versehen war und diese, um sich beißend, öffnete, 
vom Himmel herabgekommen war, verwandelte sie sich in Schlan- 
gen. Die Götter zerrissen dieselbe, worauf die obere Hälfte zum 
Himmel emporflog, während aus den unteren die Erde geschaffen 
ward. Aus den Haaren wurden die Kräuter gebildet, aus den 
Augen die Quellen und Seen, aus ihrem Munde die Flüsse und 
Höhlen und aus ihrer Nase und ihren Schultern Tal und Berg, 
— Hier sehen wir die vollständig ausgebildete Ymir-artige Schöp- 
fungsmythe. Ich glaube nichts weiter hinzufügen zu müssen, um 
es verständlich zu machen, daß diese verschrobene Mythe aus 
der Region der Verschlingungs- und Ausschlüpfungsmotive ent- 
standen ist. — Im übrigen fehlen auch weitere Parallelen in 
Amerika nicht. In der oben wiedergegebenen Manabozhomythe 
(Seite 93 ff.) haben wir eine ausgesprochene Angelsage, der nur das 
Motiv der eigentlichen Landbildung fehlt. Ähnlich verhält es sich 
mit anderen Versionen der Algonkin. Und um den Anschluß 
nach Süden zu gewinnen, sei darauf hingewiesen, daß Im Thurm 
uns aus Guiana berichtet, daß die Eingeborenen vom Fischfang 
der Sonne zu erzählen wissen. 

Aber auch nach anderer Richtung mag angeknüpft werden. 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 217 

Sehr weit verbreitet ist das schöne deutsche Märchen vom Fischer 
nn syner Fru, die bekanntlich im Pisputt leben. Dieselbe Ge- 
schichte kehrt nicht nur wieder unter dem Titel „Die Goldkinder" 
(bei Grimm Nr. 85), sondern sie ist auch durch die normanni- 
schen Länder und nach der andern Seite über Rußland hinweg 
bis tief hinein nach Asien verbreitet. Im Kapitel Xu werden 
wir hierüber ~ weiter sprechen. Jedenfalls haben die alten Mytho- 
logen recht, wenn sie eine gewisse Beziehung zur Schöpfungs- 
mythe annehmen, da hier sogar die Entstehung der verschiedenen 
Stände in den Vordergrund geschoben wird, wie wir dies im 
XI. Kapitel in der Mythe vom Eiursprung der Peruaner wieder- 
kehren sehen werden. Und da hier der Name der Eiursprungs- 
mythe einmal genannt ist, mag gleich darauf hingewiesen werden, 
daß in allen diesen hier wiedergegebenen tiamatartigen Mythen 
eine Verwandtschaft zu den Eiursprungsmythen geboten ist. Wie 
hier aus dem Fisch Himmel und Erde durch Zerteilung gebildet 
werden, so dort aus dem Ei. Die hier besprochenen Mythen ent- 
stammen aber dem Cyklus der Walfischmythe und jene anderen 
dem Cyklus der Vogelmythe. Während die Konsequenz der Wal- 
fischmythe ist, daß am Morgen der Fisch zerteilt wird, entspringt 
der Anschauung, daß die Sonne morgens als Vogel emporsteigt, 
die konsequent durchgeführte Mythe, daß die zerteilte Dunkelheit 
das Ei ist, aus dem der Vogel ausschlüpft. — Doch wenden wir 
uns nunmehr kurz noch einigen anderen Beziehungen der Wal- 
fischmythe zu. 

Ergänzung 4. Die Arionmythe. In der Mädchenangel- 
mythe, die im Kapitel Xu besprochen werden soll, findet sich 
als ein verhältnismäßig häufiges Motiv die Arionheimkehr. Der 
Held setzt sich auf den Rücken des Fisches und wird von diesem 
nach Hause getragen. Der Ausgang dieser Fahrt erfolgt stets 
aus dem Nachtmeere. Wir haben also damit ein Sonnenaufgangs- 
motiv, wie dies schon aus dem Bereiche der griechischen Mythe, 
der ich ja den Namen entnommen habe, hervorgeht. Besonders 
ausgebildet ist das Motiv auf Madagaskar. Eine der vielen auf 
dieser Insel kursierenden Versionen soll hier wiedergegeben werden : 
Rasoanor ist der einzige Sohn eines sehr mächtigen und reichen 



218 Zweites Buch. 

Königs. Sein Vater will ihn mit der Tochter eines andern benach- 
barten Königs verheiraten, welche sehr schön ist. Rasoanor 
weist diese und andere Partien ab, so groß ist seine Liebe zu 
der Frau eines großen Herrschers, des Königs einer Insel, die weit 
entfernt von dieser Erde liegt. Er ist in der Sache so leiden- 
schaftlich, daß er beschließt, mehrere große Kanoes oder Boote 
bauen zu lassen, um diesen Herrscher zu besuchen und ihm seinen 
Dienst anzubieten. Sein Vater tut alles, um ihn von diesem 
Plane abzubringen. Als es ihm aber nicht gelingt, einen Einfluß 
auf seinen Sohn zu gewinnen, läßt er alle Boote zerstören und 
verbrennen und verbietet, andere Seefahrzeuge zu bauen, ehe sein 
Sohn nicht seinen Plan geändert habe. Als Rasoanor sieht, daß 
er auf diese Weise nicht weiterkomme, sagt er zu seinem Vater, 
daß er schwimmend nach der Insel reisen werde, auf der seine 
Geliebte lebe. Diesen Beschluß tut er dem Vater und der Mutter, 
allen seinen Verwandten und Untertanen kund. Er bestimmt den 
Tag und nimmt am Ufer von allem Volk und von seinen Eltern 
Abschied. Er stürzt sich ins Meer und schwimmt von dannen, 
bis ihn die am Ufer Zurückbleibenden aus dem Gesicht verlieren. 
Da nimmt ein Walfisch ihn auf den Rücken, trägt ihn in einem 
Zeitraum von drei Monaten bis zu jener Insel, wo es Rasoanor 
gelingt, die Liebe des Herrschers und die Neigung seiner Geliebten 
zu gewinnen. Er steigt mit seiner Geliebten in ein Boot und 
entführt dieselbe. Glücklich kommt er daheim wieder an. — 
Eine andere Version erzählt, daß ein gewisser Burahe auszog, 
einen Walfisch zu fangen. Er sah ihn und traf ihn glücklich 
mit seiner Harpune. Der Walfisch aber zog seine Piroge weit 
ins Meer hinaus. Die Begleiter forderten ihn auf, die Schnur 
abzuschneiden. Burahe tat dies aber nicht eher, als bis sie in Sicht 
eines Landes gekommen waren. Da schnitt er das Tau durch. 
Als sie landeten, bemerkten sie, daß dieses Land nur von Weibern 
bevölkert war. Alle Matrosen starben; Burahe allein überlebte 
sie. Er lebte bei einem alten Weibe, das ihn in einer Lade ver- 
barg. Jede Nacht fischte er. Einmal ging er zwei Tage von da 
weg. Bei seiner Rückkehr begegnete er einem Delphin. „Wenn 
du mich töten willst", sagte er, „mach, daß du fortkommst, wenn 
du mir aber helfen willst, so bleib!" Der Delphin blieb, Burahe 



Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 219 

band nun ein Stück Holz auf den Bücken des Tieres und ging 
zu der Alten, die ihm gute Reise wünschte. Der Held bestieg 
sodann den Delphin, der ihn nach Nosy-burahe zurücktrug. Der 
Delphin, der den Leuten auch noch zeigte, wie sie zu frischem 
Wasser kommen könnten, ward in hohen Ehren gehalten. — 

Eine entsprechende Heimkehr findet sich in den Mädchen- 
angelmythen Japans, Indonesiens, Lapplands. Wir finden sie im 
Pentamerone und bei den Semitoiden (Dezertosage) usw. Sie fehlt 
Amerika nicht, und der Held der Micmac benutzt den Fisch ge- 
rade so als Reittier wie die Toten der Araukaner, die mit seiner 
Hilfe in das Jenseits gelangen. 

Die Beziehung zur Walfischmythe ist leicht zu verstehen. 
Es ist das Motiv der Meerfahrt, das hier zur Ausbildung gelangt 
ist, nur daß die Meerfahrt nicht im Bauche des Fisches, sondern 
auf seinem Rücken stattfindet. 

Ergänzung 5. Die Polykratesmythe. — Der Name 
sagt alles. Nicht die Sonne wird vom Fische verschlungen, sondern 
das die Sonne repräsentierende Sonnenjuwel. Ähnlich ist es ja 
in der Mädchenangelmythe, wo ein Fisch den Angelhaken abbeißt, 
der später in seinem Rachen wiedergefunden wird. In den Poly- 
kratesmythen ist es zumeist ein Ring oder ein mit zauberischen 
Kräften ausgebildetes Juwel, welches verloren geht, aber mit Fisch- 
hilfe wiedergefunden wird. Man denke auch an Kutkas Geschlechts- 
verlust! Die wohl aus Indien stammende Version, der zufolge 
das Juwel mit Hilfe von verschiedenen Tieren (Katze und Maus, 
Fisch) aus dem Meeresgrunde zurückgeholt wird, findet sich bei 
den Lappländern, den Russen, den Tataren, den Mongolen und in 
Korea, — also in langer Linie quer durch ganz Asien. 

Ergänzung 6. Das Gegessenwerden der Seelen. — 
Die Schicksale der Toten des solaren Zeitalters entsprechen denen 
der Sonne auf ihrer Nachtwanderung. Und so ist es denn leicht 
verständlich, wenn wir oben sahen, daß der Walfisch bei den 
Araukanern die Seele ins Jenseits trägt, wenn der Polynesier 
glaubt, daß seine Seele am Horizonte verschlungen wird und zum 
Weiterleben im Jenseits wieder ausgespien wird. Es geht ihr 



220 Zweites Buch. Der Sonnengott im Fischbauch: Ergänzung. 

ebenso wie dem verschlungenen Sonnengotte. Die Verbreitung 
und Eigenart der Mythe in Polynesien und den benachbarten Ge- 
bieten habe ich schon an anderer Stelle besprochen und darf 
auf die entsprechende Arbeit hinweisen. Zwei kleine Züge sind 
es, auf die ich hier aber noch eingehen möchte. Einmal nämlich 
treffen wir dasselbe Verzehren der Götter beim Tode, wenn auch 
in einer gewissen Umkehrung, bei den alten Ägyptern, und zum 
zweiten ist von Indien aus durch Asien eine Mythe gewandert, 
die hier Erwähnung verdient. In der Kan-Schentäi-Mythe sahen 
wir (Seite 144), wie der Held verschlungen wird und heil wieder 
herauskommt. Allen seinen Genossen begegnet dies. Eine derartige 
Rekonstruktion der Kranken, Einfüßigen, Einäugigen, Einarmigen 
zu gesunden und vollendeten Menschen ist in der Tatarenmytho- 
logie häufig, und aus den Beispielen, die uns Bogoras kürzlich 
aus dem Tschuktschengebiet zugänglich gemacht hat, ersehen wir, 
daß die Fabel auch hier heimisch geworden ist. Diese eigen- 
artige Geschichte glaube ich auch mit der solaren Walfischmythe 
in Zusammenhang bringen zu müssen. Denn wenn die Sonne 
abends verschlungen wird, dann ist sie alt und gebrechlich und 
im Kampfe überwunden: wenn sie dagegen morgens aufgeht, 
dann ist sie jung und kraftvoll und siegreich. 



Der Mangel an Platz gebietet mir hier Halt zu machen. Es 
wird in diesem wichtigen Kapitel gar mancherlei allzu kurz be- 
handelt sein; aber man wolle daran denken, daß dies Werk über- 
haupt nur eine Einleitungsarbeit ist, und daß wir die volle Ver- 
wertung aller Materiale und die allseitige Verknüpfung nur an- 
bahnen wollen und in so kurz bemessenen Schritten nicht vollenden 
können. Aber ich hoffe, daß es mir doch wenigstens gelungen 
ist, den Sinn dieser Mythen klarerzustellen und ihre große Be- 
deutung für die ganze Entwicklung der gesamten Mythologie 
wenigstens anzudeuten. 

Gehen wir nunmehr zu einer weiteren Konsequenz der Ver- 
schlingungsmythe über und sehen wir im Beginne eines neuen 
Buches eine neue Sonne geboren werden! Es folge die Conceptio 
immaculata ! 



DRITTES BUCH 



GÖTTINNEN 



X. 

Die Mythe von der Conceptio iinmaculata. 
(Die Jungfraumuttermythe.) 

Als ich mich im ersten Teile bemühte, ein Verständnis für 
den Entwicklungsgang der Mythenbildung zu gewinnen, wies ich 
darauf hin, daß nur aus den Erfahrungen des Naturlebens die 
Keime der Mythenbildung hervorgegangen sind. Anders ist es 
mit der Weiterentwicklung. Wenn der Ursprung auch stets natur- 
getreu ist, so sind dies die Weiterbildungen, die sich aus der 
Fortführung des angesponnenen Fadens ergeben, um so weniger. 
Das eigentlich Wunderbare in den Mythen, das Nichtnaturwahre, 
das Übertreibende und Verzerrende, müssen wir als derartige kon- 
sequente Fortführungen eines einmal angesponnenen Fadens be- 
zeichnen. Nur wenn wir diese Theorie festhalten, können wir 
hoffen, die komplizierteren Mythen und den ganzen Zusammen- 
hang der Mythologien erkennen zu lernen. Die Form der Schluß- 
folgerungen, der Fortsetzungen einmal eingeleiteter Vergleichungen, 
einmal begründeter Symbole zeugt von einer wunderbaren Kon- 
sequenz, die vor keinerlei Naturlüge zurückscheut. Eines der 
besten Beispiele für diese Erscheinung ist das Motiv der Jungfrau- 
mutter, der Conceptio immaculata, wie sie nach römisch-katho- 
lischer Mythologie benannt ist. 

Daß eine Jungfrau Mutter wird, ist trotz allen Hin- und Her- 
redens und trotzdem von manchem unverheirateten Mädchen die 
Theorie noch nach Möglichkeit aufrecht erhalten wird, un- 
möglich. Hier haben wir einen Punkt der natürlichen Lüge, der 
nur erklärt werden kann als Fortsetzung eines einmal gewonnenen 
Gedankens. Den Ansatz oder den einleitenden Gedanken habe 
ich im vorigen Buche eingehend durcharbeitet. Ich zeigte, daß 
die Sonne im Westen im Meere untergeht. Die Sonne wird ver- 



224 Drittes Buch. 

schlungen. Während nun nach der einen Richtung die Weiter- 
entwicklung so durchgeführt wird, daß das als Sonnenverschlinger 
in tierischer Gestalt aufgefaßte Nachtmeer im Osten wieder zer- 
schnitten und geöffnet wird, setzt diese zweite und uns hier in- 
teressierende Folgeform das Verschlingungsmotiv fort, indem sie 
eine Geburt einfügt. Das Westmeer ist ein altes Weib. Es ist 
nicht meine Aufgabe, hier dies zu beweisen, sondern hat die Be- 
trachtung an anderer Stelle zu folgen. In einer Anmerkung im 
Index des zweiten Bandes wird der Leser einige Anknüpfungs- 
punkte finden. Ist das Meer im Westen ein altes, so gibt es 
doch auch ein junges Weib. Dies junge Weib nun hat den Sonnen- 
gott verschluckt und bringt nunmehr dessen Sohn zur Welt. Wer 
dies junge Weib ist, wäre anderweitig zu untersuchen. Ist es 
das jungfräuliche Meer des Ostens? oder ist es. die jungfräuliche 
Erde? (Siehe Weltelternmythe im XIV. Kapitel.) 

Anhaltspunkte für die Richtigkeit meiner Auffassung liegen 
ausdrücklich bestätigt in den nachfolgenden Stoffsammlungen. Mehr 
als einmal wird erklärt, daß die Sonne der Vater des von der 
Jungfrau geborenen Knaben sei. Auf der andern Seite erkennen 
wir aus der Persönlichkeit des die Verschluckung Anregenden 
dessen deutliche* Beziehung zum Sonnengotte. — Aber das wird 
ja alles gelegentlich der Vorführung des Stoffes des näheren ge- 
zeigt werden. Festhalten müssen wir nur von vornherein, daß 
die Geburt im Osten und zwar aus dem Wasser stattfindet, daß 
der Geburt in den meisten Teilen ein Verschlucken vorangeht, 
z. B. das Zusichnehmen irgend welcher Speise, und daß aus den 
späteren Taten des geborenen Knaben (es ist natürlich bis auf 
die Deutschen, bei denen die Sonne weiblich ist, immer ein Knabe 
oder ein Zwillingspaar) seine Natur als Sonnengott hervorgeht. 
Dem entspricht auch das Motiv des Sonnenaufwachsens. Der 
junge Held ist entweder schon völlig bewaffnet und umsichtig bei 
der Geburt, oder er wächst in unglaublich kurzer Zeit auf. Denn 
die Sonne ist ja in wenig Stunden schon alt. Schon am Mittag 
gilt sie als Mann und am Abend zuweilen schon als altersschwacher 
Greis. Dies Motiv ist sehr wichtig. 

Es schließt sich nun zuweilen an diese Conceptio immaculata 
das Motiv der Aussetzung an, dem aus diesem Grunde hier einige 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 225 

Worte gewidmet werden sollen. Das Motiv der Aussetzung hängt 
in engster Weise mit dem Aufenthalt im dunklen Walfischbauche 
zusammen. Der Sonnenheld ist in der dunklen Nacht eingesperrt. 
Ich will nicht behaupten, daß etwa die Einsperrung bei der Aus- 
setzung eine Folgeform, hervorgegangen aus der Einsperrung im 
Walfischbauche, ist. Diese verschiedenen Auffassungen der Ein- 
sperrung, sei es im Walfischbauche, sei es in der Arche, sei es 
im Bambusrohr, sei es im Ei, sei es in dem Kürbis etc. entspringen 
direkt der dunklen Eingeschlossenheit in der Nacht. Ich möchte 
sie demnach mehr als Parallel-Entwicklungen erklären. Mit der 
Walfischmythe sind sie insofern verwandt, als die Kiste, das Ei, 
der Bambus usw. zumeist auf dem Wasser schwimmen. Das 
Wasser ist das Element der Nacht, denn die Sonne ist im Meere 
untergegangen und die subjektive Auffassung der Erde fehlt, so 
daß auch der Ursprung des nächsten Tages aus dem auf dem 
Wasser schwimmenden Behälter erfolgt. Es wird hierauf noch 
des weiteren in dem kurzen nächsten Kapitel eingegangen werden. 
Wenden wir uns nun dem Stoffe selbst zu. 



Die Jungfraumuttermythe in Ozeanien. 

Die Mythe war in Ozeanien nicht sehr „Mode" und trat an- 
deren, bevorzugteren gegenüber sehr in den Hintergrund. Allen 
Anzeichen nach hat sich dieselbe einstmals in der Mauimythologie 
befunden. Aber nur auf Hawai ist eine direkte Aussage noch er- 
halten. Als einmal Akalanai beim Baden den dort zurückgelas- 
senen Gürtel des Häuptlings Akamalo anlegte, wurde sie schwanger 
und gebar aus einem Ei den Sohn Maui. Die Gürtelgeschichte 
ist wenigstens noch in schwachen Spuren auch auf den anderen 
Inseln erhalten, wenn sie auch an eine ihr ursprünglich fremde 
Stelle rückte. Maui stiehlt nämlich den Gürtel seiner Mutter. 
Wenn aber auch nicht in der Mauimythologie, so finden wir doch 
in einem andern Cyklus in den Ratamythen das Motiv z. B. auf 
Neuseeland. Eines Tages geht Apakura, die Schwiegertochter 
Ratas, an der Seeküste entlang und wirft ein Stück ihrer Scham- 
schürze in das Meer. Ein Gott ergreift dasselbe, formt es und 
gibt ihm die Gestalt eines Kindes. — Ein andermal wird ein ins 

Frobenius, Sonnengott. I. 15 



226 Drittes Buch. 

Meer geworfener Nabelstrang zu einem Kinde. — Von Hawai 
hören wir: Das Mädchen Rapai-opua (Bank nächtlicher Wolken) 
fand zwei wunderbar schöne Bananen. Um diese vor Dieben zu 
bewahren, verbarg sie sie auf ihrer Brust unter dem Gewände. 
Sie wurde hierdurch schwanger. (Man denkt unwillkürlich an 
Quetzalcoatls Schurz und an Tsimishian- Varianten.) 

Auf Samoa hören wir: da saß einst ein Weib draußen im 
Freien beim Aufgange der Sonne, und die Strahlen der Sonne 
gelangen zu der Frau. Da kam ein Sonnenstrahl zu dem Weibe 
und sagte ihr: „Gib dem Kinde den Namen Aloaloalela." Dieser 
Held ist es, der die Hauptrolle in der Erfindung der Fischrolle 
spielt. — Zum anderen wird ein Weib mit Namen Mangamangai 
von der Sonne geschwängert, und das Kind wird später zum 
Schiingenfänger, der seinem Vater nachstellt. 

Auf den Gilbertinseln nimmt das Weib Emabine den in ein 
Kind verwandelten Gott auf ihren Schoß und wird schwanger. 
— Auf den Herveyinseln gebiert Hena, von Taaroas Brotfrucht- 
baum überschattet, den Sohn Oro. Auf den Palauinseln trinkt 
ein Weib aus einer Muschelschale, in der der als Larve verwan- 
delte Gott schwimmt. Sie wird schwanger und gebiert den un- 
geheuer rasch aufwachsenden Sonnenhelden. 

Auf den Inseln der Torresstraße wird die ausgesetzte Frau 
Bukari schwanger, als sie sich, aller andern Mittel beraubt, von 
dem als Schmuck in ihren Ohrmuscheln getragenen Samenkörnern 
ernährt und legt darauf ein Ei, dem das Sonnengeschöpf ent- 
steigt. 

Wir sehen also überall das Motiv noch erhalten, wenn der 
Zusammenhang, in welchem es auftritt, auch stark gelockert ist. 
Auf der einen Insel ist nur noch die Beziehung zum Sonnenvater, 
in der anderen nur noch diejenige zum Ursprung aus dem Wasser 
im Gedächtnis der Leute geblieben. 

Die Jiingfraiiniiittermythe in Amerika. 

Außerordentlich beliebt und sehr modisch war dagegen 
die Mythe in Amerika, aus dessen Nordwestgegend uns ein ganz 
besonders starker Quell entgegenströmt. Hier oben können wir 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 227 

den Zusammenhang am besten erkennen und mag demnach 
hier ein gehäufteres Material zur Darstellung gelangen. Ich 
wähle zunächst eine Form der Koluschen nach Erman, alsdann 
eine der Awikyenoq, eine der an der Beringstraße wohnenden 
Eskimo usw. 

A. Jungfraumuttermythe der Koluschen. — Es gab eine 
Zeit, wo kein Licht auf Erden war, so daß alle im Finstern 
gingen und arbeiteten. In dieser Zeit lebte ein Mann und bei 
ihm seine Frau und seine Schwester. Die Frau liebte er so sehr, 
daß er sie durchaus nichts arbeiten ließ, und daß sie daher 
den ganzen Tag mit Stillsitzen hinbrachte, sei es im Hause, 
sei es vor den Häusern auf der Klippe. An ihrem Leibe aber 
trug diese Frau acht von den kleinen roten Vögeln Kun (roter 
Kolibri) zu vier auf jeder Seite. Nach anderen waren es im 
ganzen nur vier Kun, von denen zwei an den Brüsten, neben 
den Armen und die beiden anderen weiter unterhalb saßen. Sie 
verließen aber ihre Plätze augenblicklich und flogen davon, 
sobald die Frau, sei es auf das sittsamste, mit einem andern 
Manne als ihrem eigenen zu tun bekam. Ihr eigener Mann war 
nun so eifersüchtig, daß er sie, wenn er von Hause ging, in einen 
Kasten einschloß. Er ging aber täglich zur Arbeit in den Wald, 
wo er einstämmige Boote machte und war Meister in dieser Kunst. 
— Seine Schwester hieß Kitchuginsi, das ist die Nordkapertochter. 
Sie hatte, man wußte nicht von wem, einige Söhne, und diese 
wurden von ihrem argwöhnischen Mutterbruder einer nach dem 
andern getötet. Nach einigen soll er einen solchen Neffen, sobald 
derselbe heranwuchs und etwa anfangen konnte, nach seiner 
Tante zu blicken, mit sich zur See genommen und dann weit von 
der Küste das Boot, worauf er saß, mit dem Kiel nach oben ge- 
kehrt haben. Die Sitchaer Koluschen erzählen dagegen, daß der 
eifersüchtige Onkel seine Neffen in die trogartig ausgehauenen 
Stämme, die er zu Booten ausweiten wollte, gesteckt und darin 
verspundet habe. — Auf die eine oder andere Weise waren meh- 
rere dieser Jünglinge getötet, und die Mutter klagte hilflos über 
den Verlust ihrer Kinder. So saß sie weinend auf der Klippe, 
als nahe an dem Strande ein Schar von Nordkapern vorbeizog, 

15* 



228 Drittes Buch. 

von denen der eine stehen blieb und ein Gespräch mit der trost- 
losen Mutter anfing. Nachdem er die Ursache ihrer Trauer gehört 
hatte, befahl er ihr ins Wasser zu steigen und einen kleinen Stein 
vom Brunnen zu nehmen, ihn zu verschlucken und Wasser nach- 
zutrinken. Einige Koluschen erzählen, daß der Nordkaper selbst 
ihr den Stein gegeben, und andere, daß sie ihn gefunden habe. 
Genug, Kitchuginsi verschluckte einen Stein und trank danach 
von den Wellen, die der Abzug des Walfischs hinterließ. Infolge 
davon wurde sie schwanger und gebar schon nach acht Monaten 
einen Sohn, den sie für einen gewöhnlichen Menschen hielt, der 
aber der El (der Rabe) war. Während der Schwangerschaft hatte 
sie sich vor ihrem Bruder an einem Orte verborgen gehalteu. 
(El geht darauf zur Jagd, erbeutet so viele Kun, daß seine Mutter 
sich ein Federkleid daraus machen kann, schießt den Himmels- 
vogel mit dem eisernen Schnabel und kann nun mit Hilfe des 
Balges dieses Vogels fliegen. Ein andermal schießt er eine Ente, 
deren Balg ihm die Möglichkeit des Schwimmens verleiht. Als- 
dann befreit El die Kolibris aus dem Kasten. Der erregte Onkel 
nimmt ihn mit zur See und wirft ihn über Bord. El geht 
aber ungesehen auf dem Meeresgrunde landwärts, wo 
er nach vier Tagen wohlbehalten wieder auftritt." 
Der Onkel ruft: „Dann komme die Flut!" Die Flut kommt 
und zieht über alle Berge hin. El fliegt mit seinem Vogel- 
kleid gen Himmel. Zurückkehrend fällt er auf einen Haufen 
Seekohl.) 

B. Jungfraumuttermythe der Awikyenoq. — (Damals, als es 
noch keine Sonne gab, sondern nur der Mond am Himmel leuch- 
tete!) Der Rabe, „der wahre Häuptling" oder „der Haupterfinder" 
mit Namen, wußte, daß der Häuptling Menis die Sonne im Besitz 
hatte und beschloß, sie zu rauben. Da verwandelte er sich in 
eine Kiefernadel und ließ sich in den Brunnen fallen, aus dem 
Menis' älteste Tochter täglich Wasser zu holen pflegte. Sie schöpfte 
Wasser, und der Rabe schlüpfte als Nadel in ihren Eimer; als 
sie aber trank, blies sie die Nadel zur Seite. Da diese List miß- 
glückt war, verwandelte sich der Rabe in glänzende Beeren, und 
diese sah das Mädchen sich im Wasser spiegeln. Es verlangte 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 229 

sie, dieselben zu essen; sie pflückte und verzehrte sie. Da gebar 
sie nach vier Tagen einen Sohn, dieser wurde rasch groß und 
konnte schon am ersten Tage sprechen. Er spielte auf dem Boden 
des Hauses und fing bald an zu schreien und wollte sich nicht 
beruhigen lassen. Der Großvater fragte ihn : „Was willst du denn 
haben?" „Mach mir eine Lachswehr, ich will Lachse haben." 
Menis erfüllte den Wunsch des Knaben, aber dieser weinte und 
wollte Bogen und Pfeile haben. Der Großvater erfüllte auch 
diesen Wunsch und machte ihm einen Bogen und vier Pfeile. 
Da beruhigte sich der Knabe. Am zweiten Tage konnte er schon 
gehen und lief hinunter zum Wasser. Am dritten Tage fing er 
wieder an zu schreien und beruhigte sich nicht eher, als bis ihm 
sein Großvater ein Ruder gemacht hatte, wie er es begehrte. 
Damit ging er zum Wasser hinab, kam aber bald schreiend zu- 
rück und wollte auf dem Wasser fahren. Da bat seine Mutter 
den Menis, ihm einen Kahn zu bauen. Der Großvater erfüllte 
ihre Bitte und machte ein Boot aus Seelöwenfell. Da freute sich 
der Knabe, bestieg den Kahn und spielte damit auf dem Wasser. 
Bald aber kam er wieder zurück und schrie: „Ich will mit der 
kleinen Kiste dort spielen." Diese hing oben an einem Dach- 
balken des Hauses, und der Großvater bewahrte das Tageslicht 
darin auf. Da schalt ihn die Mutter und sprach: „Du schlechter 
Bube, du bist gar nicht wie andere Kinder, alles willst du haben. 
Diese Kiste bekommst du nicht." Da schrie der Knabe noch 
mehr und ließ sich gar nicht beruhigen. Endlich erlaubte der 
Großvater seiner Tochter, die Kiste ein wenig herunter zu lassen, 
damit der Enkel sie sehen könne. Dieser aber war damit noch 
nicht zufrieden und ertrotzte sich endlich die Erlaubnis, mit der 
Kiste zu spielen. Er nahm sie mit in den Kahn und fuhr sie 
auf dem Wasser umher. Bald aber kehrte er nach Hause zu- 
rück. Am folgenden Tage schrie er wieder, bis er die Kiste hatte. 
Er setzte sie in den Schnabel des Bootes und fuhr damit weit 
in das Meer hinaus. Dort öffnete er sie ein wenig. Als die 
Mutter, die ihn beobachtet hatte, dieses sah, rief sie Menis zu: 
„0 siehe, was für Schlechtigkeiten jener treibt!" Als er den Kasten 
noch mehr öffnete, fuhr die Sonne heraus und erleuchtete die Erde. 



230 Drittes Buch. 

C. Jungfraumuttermythe von den Eskimo an der Bering- 
straße. — Die Mythe kennt zwei Raben. Zum ersten den eigent- 
lichen Schöpfer und zum zweiten dessen Bruder. Der Schöpfer- 
rabe hat den Menschen, weil sie zu viel Tiere töten, die Sonne 
genommen und hält sie nun sorgfältig in einem Sack verborgen. 
Das Bitten der Menschen hilft nicht. Nun fürchtet der Rabe- 
bruder für das Leben der Menschen und unternimmt es auf fol- 
gende Weise, die Sonne wieder zu gewinnen. Er stellt sich 
sterbend und tot, worauf er in eine Grabkiste gesteckt wird. So- 
bald die Trauernden das Grab verlassen haben, geht er in eine 
gewisse Entfernung fort und verbirgt seine Rabenmaske und sein 
Kleid in einem Baum. Alsdann kehrt er zurück zu der Stelle, 
an welcher die Dörfler ihr Wasser schöpfen. Dahin kommt auch 
das Weib Rabes und schnell verwandelt sich Rabebruder in ein 
Blatt, welches die trinkende Rabenfrau mit dem Wasser verschluckt. 
Sofort wird die Frau schwanger und nach wenigen Tagen wird 
ein Knäblein geboren, das ist gar munter und rennt schon nach 
kurzer Frist umher. Dies Kind schreit nun unaufhörlich nach 
der Sonne, und da der Alte es gar lieb hat, gibt er ihm dieselbe 
auch als Spielzeug hin. Das Kind spielt erst im Hause mit der 
im Beutel befindlichen Sonne, als aber just niemand hinsieht, 
läuft es hinaus, rennt schnell zu dem Baum, aus dem es Maske 
und Rock herausholt und fliegt von dannen. Darauf ordnet das 
wiedergeborene Rabenkind, d. h. Rabebruder, Tag und Nacht. 

Wir wollen uns mit diesen Versionen begnügen, ich will 
aber auf einige Punkte der Verbreitung hinweisen. Bogoras hat 
festgestellt, daß diese Rabenmythe sich auch bei den Nordost- 
asiaten, d. h. hier bei den Tschucktschen, findet. Daselbst läßt 
sich Rabe, in ein Blatt verwandelt und als solches in einen Teich 
gefallen, von einem Mädchen mit dem Wasser nach Hause nehmen 
und dann beim Trinken verschlucken. Soweit die Ausdehnung 
nach Nordwesten. Nach Osten zu reicht die Verbreitung der 
Mythe nicht sehr weit. Im Süden begegnen wir ihr jedoch noch im 
nördlichen Kalifornien und zwar bei den Chihalis. Hier ist die 
Mythe außerordentlich verkümmert. Wir erkennen deutlich, daß 
wir uns an der Grenze einer jüngeren Verbreitungsregion befinden. 
Jedoch ist eins interessant. Wenn die eigentliche Jungfraumutter- 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 231 

mythe mit ihren wesentlichen Motiven auch wohl verschwunden 
ist, so hören wir doch folgenden Anfang: „Es war einmal ein 
Häuptling, welcher die Sonne in einer Kiste verwahrte. Wenn 
seine Tochter ausging, Beeren zu pflücken, nahm sie dieselbe mit 
und öffnete sie ein wenig, um sehen zu können." Es ist hier 
also das Motiv des Beerenpflückens noch geblieben, und wir haben 
somit zwei verschiedene Gruppen. Im Norden mit den Tlinkit 
als Zentrum finden wir die Auffassung des Verschluckens „einer 
Zedernadel", das ist wohl entschieden „eines Sonnenstrahles". An 
der Grenze der Verbreitung der eigentlichen Mythe haben wir 
schon neben der Zedernadel bei der Awekyinok die glänzende 
Beere, welche die Jungfrau verschluckt. Das ist wohl der 
glänzende Sonnenball. Ganz im Süden ist das eigentliche Ver- 
schluckungsmotiv nicht mehr vorhanden, wir haben aber noch 
das Motiv der Beeren. Dies Beispiel ist uns in sofern außer- 
ordentlich wichtig, als es zeigt, wie die wesentlichen und wert- 
vollen Mythen der nordwestamerikanischen Provinz auf eine be- 
stimmte geographische Fläche des Küsten- und Inselgebietes 
Nordwestamerikas beschränkt sind. 

Also der Sonnenstrahl oder die Sonne wird verschluckt. Die 
Verschluckende ist die Nordkapertochter. Sie ist also vielleicht 
das jungfräuliche Meer. Auch für die Sonne als Raben und 
ihren Lauf haben wir eine hübsche Stelle. Der Rabe wird 
draußen ins Meer geworfen, läuft aber auf dem Meeresgrund 
zurück und kommt an der Küste, d. h. auf dem Lande, wieder 
zum Vorschein ; das ist ein regelrechter Sonnentageslauf. 

Der wesentliche Rahmen der Mythe, wie wir sie hier wieder- 
gegeben haben, ist gefaßt als eine Feuerdiebstahlmythe von der 
Form der Menschenfressersage. Näheres siehe im nächsten Buche. 
Die wichtigsten handelnden Persönlichkeiten sind der Feuerbe- 
sitzer und das junge Mädchen. Der Feuerbesitzer, den wir als 
das Meer personifizierenden Riesen oder Menschenfresser ja 
baldigst sehr genau kennen lernen werden, ist auch hier in 
seiner Gestalt als Vernichter noch vollständig erhalten. Er sucht 
ja die Sprößlinge des Tages zu töten. Das junge Hilfweib ist 
nicht immer die Frau dieses Feuerbesitzers. Sie gehört eigent- 
lich nicht in seine nächste Familie, — wenigstens nicht nach 



232 Drittes Buch. 

der sonst vorherrschenden mythologischen Auffassung. Dieses 
Hilfweib ist das jugendliche Meer des Ostens, kann aber auch, 
wie wir nachgehend sehen werden, den Mond darstellen. Es 
leuchtet wohl jedem Leser ein, daß den Nordwestamerikanern die 
Sonne nicht aus einem Meer aufgeht. Wir werden also den Ur- 
sprung dieser Mythe auf jeden Fall in einem andern geographisch 
anders gearteten Wohnplatze der Menschen aufzusuchen haben. 
Die Sonne selbst ist im Kasten verborgen. Dem Sonnenaufgange 
folgt die Flut. Der Knabe, der die Sonne freiläßt, vollführt diese 
Tat draußen auf dem Meere. Das alles heißt, daß die Sonne aus 
der dunklen Nachthülle emporsteigt. — Ich muß es mir versagen, 
hier des näheren auf die Rabenerzählung einzugehen und verweise 
auf frühere und spätere Bearbeitung. 

Nordwestamerika stellt das für diese wie manche andere 
Mythe wertvollste Quellgebiet dar, weil die Motive hier in einer 
wunderbaren Konsequenz durchgeführt und von einer wunderbar 
konservativen Natur festgehalten worden sind. Aber Amerika ist 
auch sonst reich an derartigen Mythen und besonders der öst- 
liche Teil Amerikas gibt uns mancherlei weiteren Stoff. Da ist 
z. B. der wunderbare Knabe in den Schirokimythen, der aus dem 
Blute entsteht, das beim Waschen des Wildbretes in das Wasser 
fällt. Aus dem Wasser muß er weggefangen werden. Er ent- 
wickelt sich zu einem regelrechten Sonnenhelden. Eine Mythe 
der Mandan mag mit festeren Strichen gezeichnet werden. 

Vor langer Zeit kam Ochkih-Häddäh in Begleitung des ersten 
Menschen von Westen her in das Dorf der Mandan und setzte 
sich neben eine Frau, die nur ein Auge hatte und Getreide 
häufelte. Ihre Tochter, welche sehr schön war, kam zu ihr, und 
der böse Geist bat sie, ihm Wasser zu bringen, doch wünschte 
er, daß sie vorher noch zu ihm komme und etwas Büffelfleisch 
esse; sie möge, sagte er, nur ein Stück aus seiner Seite nehmen. 
Sie tat dies, aß und fand, daß es wie Büffelfett schmeckte. Dann 
holte sie Wasser, von dem beide, die unterdes nach dem Dorfe 
gegangen waren, tranken — und weiter geschah nichts. Die 
Freunde des Mädchens suchten sie bald darauf in Unehre zu 
bringen, indem sie erzählten, daß sie schwanger sei, was sie 
zwar nicht leugnete, zugleich aber ihre Unschuld beteuerte und 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 233 

kühn jeden Mann im Dorfe aufforderte, sie anzuklagen. Dies 
verursachte eine große Aufregung im Dorfe, und da niemand auf- 
trat, um sie zu beschuldigen, so wurde sie als große „Medizin" 
betrachtet. Bald nachdem dies geschehen, ging sie heimlich nach 
dem oberen Mandandorfe, wo das Kind geboren wurde. Es 
wurden eifrige Nachforschungen angestellt, ehe man sie fand, 
denn man erwartete, daß das Kind ebenfalls große Medizin und 
für das Bestehen und die Wohlfahrt des Stammes von großer 
Wichtigkeit sein werde. Zu diesem Glauben bewog sie die sonder- 
bare Weise der Empfängnis und der Geburt des Kindes. Auch 
bestätigten die Wunder, welche es verrichtete, diesen Glauben. 
Außer anderen Wundern gab das Kind den Mandan, als sie nahe 
daran waren, vor Hunger zu sterben, vier Büffel und sagte, daß 
dieselben sie für immer mit Nahrung versorgen würden, auch 
war, nachdem sie sich gesättigt, noch ebensoviel Fleisch vor- 
handen, wie vorher, ehe sie gegessen hatten. Der erste Mensch 
war jedoch entschlossen, das Kind zu töten, und nachdem er es 
lange vergebens gesucht, fand er es einst an einem dunklen 
Orte, worauf er es ergriff und in den Fluß warf. 

Wir haben hier eine außerordentlich wertvolle Zusammen- 
setzung der Motive, deren Bedeutung offenbar vergessen ist. Die 
Jungfraumutter holt das Wasser, — ein Rest des früheren Wasser- 
trinkens. In dem Essen des Büffelfleisches aus der Seite der 
Gottheit ist der Rest der Empfängnismythe herauszulesen. Darauf 
folgt eine regelrechte Aussetzung. Denn das junge Mädchen ent- 
fernt sich heimlich aus dem unteren Mandandorfe und muß erst 
lange gesucht werden. Fernerhin folgt ein Motiv, das uns hier 
noch nicht begegnet ist, das wir aber später noch des näheren 
kennen lernen werden, das Motiv der Sonnenspeise. Der Sonnen- 
gott gibt nämlich unerschöpfliche Speise. Wir finden das in allen 
älteren Mythologien. Es ist gleichgültig, ob mit einem Kalbe 
tausend Menschen genährt werden oder mit ein paar Fischen 
zehntausend, — es bleibt immer noch so viel übrig, als im Anfang 
gegeben war. Es ist hier nicht die Aufgabe, an dieser Stelle auf 
die Bedeutung des Motives näher einzugehen. (Siehe das Ver- 
zeichnis im zweiten Bande.) Endlich ist aber in vorliegender 
Mythe auch der Sonnenuntergang im Wasser geboten, denn der 



234 Drittes Buch. 

Sonnengott, noch jung, wird in das Wasser geworfen. — Dieselbe 
Mythe erzählt uns der Prinz Wied. Wir werden auf dessen 
Fassung im nächsten Buche des näheren eingehen. 

Kurz auf die entsprechende Mythe bei den Hurondft hin- 
weisend, wende ich mich dem Süden zu. Bei den Pirna wird 
die Göttin des Maises durch einen Regentropfen geschwängert 
und gebiert den Stammvater der Menschen. Bei den Navahos 
wird das Türkisweib schwanger, als die Sonne es bescheint, und 
die weiße Muschelschalenfrau ebenfalls, als die Wassertropfen im 
Sonnenschein auf sie fallen. Die Kinder wachsen außerordentlich 
schnell heran und sind in vier Tagen zur Größe zwölfjähriger 
Knaben aufgeschossen. Das ist das Aufwachsen der schnell sich 
entwickelnden Morgensonne, ein Motiv, das wir ja auch schon oben 
in der Kabenmythologie vorfanden. Im übrigen ist zu erwähnen, 
daß die deutliche Aussprache der Schwängerung durch die Sonne 
mehr auf Polynesien und polynesische Formen zurückzuführen ist, 
als die entsprechende Lesart in Nordwestamerika. 

Treten wir nun in das Gebiet der Kulturvölker. Wie bei 
den nördlichen Naturvölkern Manabozho und Joskeha, so ist im 
Süden ein Quetzalzoatl, ein Huitzilopochtli und auch ein Viracocha 
der Sohn einer Jungfrau. Also ist wohl bei allen Kulturvölkern 
Amerikas diese Mythe heimisch. Über die Geburt der ver- 
schiedenen großen Götter der Zentralamerikaner weichen die 
verschiedenen Lesarten außerordentlich ab. Am häufigsten ist 
noch der Bericht über die Entstehung des Kriegsgottes. Eine 
Frau steckt einen aufgefundenen Fehdball in ihr Busentuch, will 
ihn daheim herausnehmen, findet ihn aber nicht mehr. Sie ist 
schwanger geworden und bringt den vollständig ausgebildeten 
und gerüsteten Kriegsgott zur Welt, der mit seinen Brüdern, 
welche ob der Schwangerschaft seiner Mutter zürnen, hart ab- 
rechnet. Nach Mendieta fand die Mutter Quetzaquatls einen 
kleinen Grünstein, der die Geburt dieses Gottes verursachte. Im 
Popol Vuh wird der neue Sonnengott geboren, als der alte in der 
Unterwelt seines Kopfes beraubt ist. Dieser Kopf speit nämlich 
in die Hand der Fürstentochter, welche dadurch geschwängert 
wird und die Zwillinge, die jungen Sonnengötter hervorbringt. 
Auch die Flucht der Mutter nach der Konzeption, also das Aus- 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 235 

setzungsmotiv fehlt in Zentralamerika nicht. — Im übrigen ist 
zu bemerken, daß wir ja bei den Zentralamerikanern denselben 
Zustand der mythologischen Neuschöpfung und Bildung vorfinden 
wie bei den alten Babyloniern. Jede Stadt hat ihren Spezial- 
sonnengott. Die siegreichen Städte oder Stämme lassen ihre 
Sonnengötter über die Unterworfenen herrschen. Auf diese Weise 
gelangt ein Motiv immer von einem Gott auf den anderen. Eine 
ununterbrochene Verwechslung tritt ein. 

In Südamerika dürfte das Motiv am weitesten vorgeschoben 
bis nach Paraguay sein, wo das von der Jungfrau geborene Kind 
nach vielen Wundern als Sonne in die Luft erhoben wird. Wir 
wollen hier aber die Variante der Warrau wiedergeben. 

War da ein Wasser, in dem die Warrau zu baden pflegten. 
Dies taten auch einmal zwei Frauen, von denen eine, mit Namen 
Korobona, einen die Oberfläche des Wassers emporragenden Baum- 
stumpf berührte, der sie darauf ergriff und sogleich zu seinem 
Weibe machte. Korobona ging heim und gebar nach einiger 
Zeit ein Kind. Anfangs wollten die Brüder, eifersüchtig auf die 
der Schwester zu teil gewordene Ehre, das Kind töten; endlich 
ließen sie jedoch von diesem Gedanken ab. — Trotzdem starb 
das Kind nach einiger Zeit. — Darauf ging Korobona nach dem 
Wasser zurück. Wieder traf sie den Baumstumpf und wieder empfing 
sie und wieder gebar sie ein Kind. Diesmal einen Knaben. Der 
Eifersucht der Brüder gedenkend, verbarg die Mutter das Kind 
im Walde. Die Brüder entdeckten aber das Geheimnis, schössen 
ihre Pfeile auf das Kind und ließen es als tot zurück. Aber die 
Mutter nährte das Kind, brachte es zum Leben zurück und zog 
es auf. Die Brüder entdeckten erst, daß das Kind noch lebte, 
als es schon zum starken Jungen herangewachsen war. Den 
griffen sie nun wieder an und schnitten ihn in kleine Stücke. 
Aus dem Grabe, in dem die Mutter das arme Opfer bestattete, 
entstand wieder ein Indianer, gewaltiger und mächtiger, als 
irgend ein Warrau je gewesen. Das war der Caraibe, und er 
und seine Nachkommen führten den beständigen Krieg mit den 
Warrau, der diese Völker so außerordentlich schwächte. 

Es ist sehr interessant, von Norden kommend, jenseits der 
zentralamerikanischen Kulturhöhe wieder eine Mythe zu finden, 



236 Drittes Buch. 

die mehr Ursprünglichkeit aufweist, als die der Zentralamerikaner. 
Hier steigt uns die Sonne wieder aus dem Wasser empor. — 
Des ferneren treten die Feindschaften der älteren Bruder des 
Sonnengottes in ihre Rechte; denn die jüngere Sonne wurde als 
bevorzugtes und leuchtendes Tagesgestirn von den älteren Brüdern 
angefeindet. — Ich will hier darauf hinweisen, daß Karl von den 
Steinen bei den Bakairi eine entsprechende Mythe gefunden hat. 
Wir dürfen aber nicht vergessen, daß dieselbe entschieden Nu- 
aruak-Ursprunges ist. „Nimagakaniro verschluckte zwei Bakairi- 
fingerknochen, von denen viele im Hause waren, weil Oka sie 
für seine Pfeilspitzen gebrauchte und viele Bakairi tötete, deren 
Fleisch er aß. Von den Fingerknochen und nur von diesen, 
nicht von Oka wurde die Frau schwanger. Die Schwiegermutter 
Mero kommt jedoch zu Besuch, als Oka auf Jagd war; sie wollte 
nicht, daß er von einer Bakairi Söhne habe, denn sie haßte und 
aß die Bakairi. Sie riß Nimagakaniro mit ihren Krallen die 
Augen aus und ging wieder. Nimagakaniro starb, aber der 
Oheim Kuara schnitt den Leib auf, holte die Zwillinge Keri und 
Käme hervor und legte sie in eine Kailebasse wie junge Papa- 
geien." — Es ist zu erwähnen, daß Nimagakaniro das aus dem 
Maismörser entstandene Weib, Mero, Oka und Kuara aber vom 
Jaguargeschlecht sind. Wir befinden uns also vollständig im Ge- 
biete der animalistischen Mythologie. Und dennoch die schönsten 
solaren Charakterzüge! Das Verschlucken der zu Pfeilspitzen zu 
verwertenden Knochen — die schwängernden Sonnenstrahlen! 
Dann das Augenausreißen, — der Sonnenaufgang (wie ander- 
weitig gleich gezeigt werden kann). 

Alles in allem stellt die Conceptio immaculata in Amerika 
ein reiches Material. Der Zusammenhang nach allen Seiten ist 
klar, der Ursprung kaum verkennbar. 

Die Jungfraumuttermythe in Afrika. 

Wir werden die afrikanische Mythologie auch hier wieder in 
zwei verschiedenen Provinzen nachprüfen müssen, nämlich erstens 
im Südosten und zweitens im Norden. 

Die Südostprovinz hat mehrere Jungfraumuttermythen. Wir 
werden uns hier mit drei Formen beschäftigen, deren jede irgend 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 237 

welche wesentlichen Bestandteile der ursprunglichen Form aufzu- 
weisen hat. Da ist erst die Sage von dem weisen Sohn des 
Königs: Eines Königs Töchter baden regelmäßig an einer be- 
stimmten Stelle des Flusses. Als dies auch eines Tages geschieht, 
beginnen ganz unvermittelt die Brüste eines kleinen Mädchens, 
das eigentlich noch viel zu jung zur Empfängnis ist und das 
noch nie mit einem Manne etwas zu tun gehabt hat, zu schwellen. 
Die Brüste werden wie die einer Frau. Der König und alle 
alten Männer sind erstaunt, und der Herrscher läßt, aus Furcht, 
daß das Kind ein Tier zur Welt bringen könnte, die junge 
Mutter vertreiben. Alle Mädchen weinen, als das junge Schwester- 
lein verjagt wird. Unter fremden Leuten gebiert die junge Mutter 
einen richtigen menschlichen Knaben. Inzwischen sind ihr ihre 
Freunde nachgeschlichen. Sie sehen, daß es nicht ein Tier, 
sondern ein regelrechter Mensch ist, den sie zur Welt gebracht 
hat, und bringen sie mit ihrem Kinde zu ihrem Vater zurück. 
Daher große Freude. Der kleine Knabe wird ein berühmter 
Arzt. Im übrigen ist der Schluß der Mythe nach Callaways 
Angabe christlichen Ursprunges. 

Weiterhin die zweite, ebenfalls von den Zulu stammende 
Version: In uralter Zeit kommen einmal einige Felsentauben zu 
einem Hause, vor dem eine Frau sitzt. Sie fliegen herein und 
spielen am Feuerplatz. Die Frau schreit auf. Denn obgleich 
sie eine verheiratete Frau ist, hat sie kein Kind (Kinderlosigkeit 
ist hier eine Schande), und so glaubt sie, daß die Tauben, die an 
ihrem Feuerplatz spielen, als wenn sie ihre Kinder wären, sich 
über sie lustig machen wollen. Diese sechs Tauben belehren sie 
aber eines besseren, sie raten ihr, sich mit einem Hörn, wie dies 
bei den Zulu üblich ist, zu schröpfen. Einen Blutstropfen soll sie 
in einem Topfe auffangen, den Topf verschließen und ihn für acht 
Monate verschlossen beiseite stellen, im neunten Monat aber auf- 
decken. Sie folgt dem Rate, öffnet im neunten Monat den Topf 
und findet ein Kind in demselben. Die Tauben raten ihr nun, 
das Kind herauszunehmen, es in einen Sack zu stecken und ihm 
Essen zu geben. Eine andere Taube gibt den Rat, das Kind vor 
den Augen der anderen Frauen zu verbergen und ihm viel Nahrung 
zu geben, damit es möglichst schnell aufwachse. Sie tut dies 



238 Drittes Buch. 

auch, und das Kind wächst ganz plötzlich auf. Als der Mann 
abends heimkommt, ist er über das Kind sehr überrascht und 
fragt, woher es komme. Die Frau entgegnet, daß es ihr Kind 
sei und erzählt, wie sie zu demselben gekommen wäre. Da ist 
der Mann mit der Frau froh, daß sie nun ein Kind haben. — 
In anderen Versionen derselben Mythe bringt die Frau Zwillinge 
zur Welt. Wichtiger ist für uns aber ein Zug, der in der wieder- 
gegebenen Form fehlt, der mir aber bedeutungsvoll erscheint: 
in anderen Lesarten erbitten nämlich die Tauben Beeren. Sie 
essen dieselben und schröpfen dann die Frau, die darauf schwanger 
wird. Das Verzehren der Beeren kennen wir schon aus Nord- 
westamerika und aus Melanesien. Es ist hier nur auf die Tauben 
übertragen worden. Die ursprüngliche Mythe muß geheißen haben, 
daß die Tauben der Frau die Beeren zu essen gaben. 

Einen dritten Typus finden wir bei den von der Ost- an die 
Westküste Südafrikas verdrängten Hottentotten. Hahn erzählt die 
Mythe folgendermaßen: Gras wuchs und er (eigentlich es) wurde 
von einer Kuh abgeweidet, und die Kuh wurde trächtig und ge- 
bar ihn (Heitsi Eibib) als ein Stierkalb. 

Also Schwängerung durch Baden im Wasser, Verzehren von 
Beeren und Verzehren von Gras. Das ist also Schwängerung 
durch Sonnenstrahlen und Verschlucken der Sonne und endlich 
in der Form des Badens auch Aufgehen der jungen Sonne aus 
dem Wasser. Endlich bringen auch Vögel, hier Tauben, die 
Konzeption hervor. Die Austreibung resp. Aussetzung ist in der 
ersten Version erhalten. Das Hervorgehen der Sonne aus dem 
dunklen Raum oder Kasten bietet die zweite Version in dem 
Aufwachsen des Kindes im Topf oder Sack. — An Beziehungen 
soll hier darauf hingedeutet werden, daß die Hottentottenmythe 
von der sonnengebierenden Kuh an ägyptische Auffassungen er- 
innert und daß die sonnentragende Taube ein vor allen Dingen 
semitisches Motiv ist. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die 
sonnentragende Taube überhaupt dem Süden und den Äquatorial- 
gebieten mehr angehört, während die Mythe von sonnentragen- 
den Raben ja ihren Siegeszug hauptsächlich über den Norden 
der Erde gehalten hat. 

Die Nordprovinz Afrikas bietet mehrere Typen, die an west- 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 239 

asiatische Versionen erinnern. Ich denke vor allen Dingen an 
gedruckte und ungedruckte Erzählungen der Kabylen. Die Sache 
lautet meist folgendermaßen: Ein Mann hat sieben Frauen. Er 
reist einst über sieben Meere und bringt sieben Äpfel mit. Da 
trifft er einen Mann, der ihn um eine der Früchte bittet. Dem 
antwortet er, daß er nur sieben Äpfel, also nur je einen für jede 
seiner Frauen hat. Er gibt dem Manne aber einen halben Apfel. 
Die sieben Frauen werden, nachdem sie die sieben Äpfel ge- 
gessen haben, schwanger. Und zwar bringt diejenige Frau, die 
nur den halben Apfel gegessen hat, denjenigen Sonnenhelden 
hervor, der die größten Taten vollführt. — Also Ursprung der 
Äpfel aus dem Meere. Dann Verzehren des Sonnenballes. 

Anlehnend hieran komme ich auf die Jungfraumuttermythe 
der alten Ägypter, die sehr wertvoll ist. Es ist die Mythe von 
Anup und Bata. Die beiden Brüder haben sich um ein Weib 
gestritten, das den jüngeren verführen will, aber die Geschichte 
umgekehrt dem älteren Anup erzählt hat. Bata flieht, und der 
Sonnengott Ra schafft hinter ihm einen Fluß, über den der Ver- 
folgende nicht zu gelangen vermag. Anup erfährt von Bata das 
Todeszeichen. (Siehe im Motivindex des zweiten Bandes.) Bata 
wird nun von den Göttern besonders ausgezeichnet, sein Leben 
mit dem einer Baumblüte in Verbindung gebracht, und außerdem 
erhält er ein Göttermädchen zum Weibe. Dem König von Ägypten 
wird auf dem Meere eine Locke des Weibes zugetragen und der- 
selbe sendet Boten aus, läßt das Weib entfahren, und nachdem 
sie ihrem neuen Gatten den Lebenszauber Batas verraten hat, 
läßt er den Akazienbaum fällen. Anup erkennt inzwischen an 
dem Todeszeichen, daß sein Bruder Bata mit dem Umstürzen des 
Baumes gestorben ist, derselbe sucht nun das Herz des Toten 
auf, macht ihn wieder lebendig und führt den in einen Stier 
verwandelten Bata der Königin zu. Der Batastier verkündet der 
Königin, daß er ihr alter Gemahl sei. Die Königin läßt nun 
den Stier töten, aus dessen Blut zwei Bäume aufsprossen. Die 
Königin läßt die Bäume fällen; ein Holzsplitter gerät ihr aber in 
den Hals und hierdurch wird sie geschwängert. Der aus dem 
Holzsplitter entstandene Sohn wird Thronfolger, läßt die Königin 
töten und tritt mit seinem Bruder die Herrschaft an. 






• 



240 Drittes Buch. 

Das Götterweib, das entschieden mit dem Wasser zusammen- 
hängt, da ihre Locken über das Meer fluten, wird also durch den 
Holzsplittersonnenstrahl geschwängert. Das ist sehr klar. Wesent- 
lich ist es aber, daß die Stierfigur, die sich hier einmischt, auch 
in den Mythen des ältesten Ägypten ihre Beziehung hat. Im 
Ptahtempel zu Memphis verehrte man nämlich die Kuh, von der 
es hieß, daß sie durch die Berührung eines Mondstrahles zur 
Mutter des Apis geworden sei, — auch ein Überbleibsel der 
alten Conceptio immaculata. 



Die Jungfraumuttermythe der Mongoloiden 
in Asien und Europa. 

Das in mythologischen Dingen von den Arioiden und noch 
älteren Völkern Südasiens genährte Zentral- und Nordasien bietet 
eine solche Fülle von Versionen der uns hier interessierenden 
Mythen, daß es gut sein wird, wenn wir uns an der Hand einiger 
vollständig wiedergegebenen Stücke erst über Wesen und Wande- 
rung der Stoffe klar werden, ehe wir zu einem eigentlich sum- 
marischen und zusammenfassenden Berichte übergehen. 

A. Jungfraumuttermythe der Kirgisen. — („Der Kirgisen 
Abkunft" überschrieben.) Es lebte ein Chan mit Namen Altyn 
Bei; der Fürst hatte einen einzigen Sohn mit Namen Kaischyly 
Kan, andere Kinder hatte er nicht. Eines Tages wurde die Fran 
des Chan schwanger und gebar zu einer Zeit ein Mädchen. 
/ Herrlich wie der Mond war es, schön wie die Sonne war es. 

Als die Mutter, die es geboren, diese ihre Tochter erblickte, fiel 
sie in Ohnmacht über ihre Schönheit. Ein solches Mädchen hat 
sie geboren, sagte man dem Fürsten. Der Fürst sprach: „Zeiget 
sie keinem Menschen ! Damit sie kein Mensch erschaue, ernähret 
sie, sie unter der Erde verbergend!" sprach er. Darauf rief des 
Chans Frau ein altes Weib, gab der Alten jährlich 100 Dilla. 
Die Alte nahm das Kind, brachte es in ein dunkles Eisenhaus 
und nährte das Kind. — Dieses Kind erwuchs zu einer Zeit zum 
Mädchen. Als es erwachsen, fragte das Mädchen eines Tages 
die Alte: „Wohin gehst du nur immer?" Die Alte sprach: „Ja, 



/ 



/ 



Göttinnen: Conceptio iramaculata. 241 

mein Kind, es gibt eine helle Welt, in dieser hellen Welt lebt 
dein Vater, lebt deine Mutter, da sind allerlei Leute, dahin gehe 
ich." Das Mädchen sprach: „0 Mütterchen, ich will es niemand 
sagen, zeige mir doch diese helle Welt." Die Alte sprach: „Nun 
schön, wenn du es niemand sagst, so will ich sie dir zeigen." 
Die Alte brachte das Mädchen hinaus; als sie es hinausgebracht 
und das Mädchen die helle Welt gesehen hatte, schwankte es 
und verlor das Bewußtsein. Zu der Zeit, als sie hinausgekommen, 
fiel das Auge Gottes auf sie und auf Gottes Befehl wurde das 
Mädchen schwanger. Zu einer Zeit wuchs ihr Leib und wurde 
groß. Die Alte wußte nun, daß das Mädchen schwanger war, 
und sie betrübte sich sehr, da sie meinte, man würde sie töten. 
„Wenn man mich jetzt tötet, so fließe mein Blut, ich will es 
doch der Frau des Fürsten sagen!" — Die Alte kam und sprach 
zu des Fürsten Gattin: „Eure Tochter ist schwanger geworden, 
ich habe sie keinem Menschen gezeigt; wenn ihr mich tötet, so 
sei es mein Blut! bleibe ich lebendig, so ist es mein Glück!" 
Des Fürsten Frau sprach: „Was hast du denn anderes getan?" 
Die Alte sprach: „Was ich getan habe, verberge ich nicht; die 
Sünde, die ich begangen, ist nur die: ich habe sie hinaus ins 
Freie geführt. Von dem Tage an, wo ich sie hinausgebracht, 
ist sie schwanger geworden. Des Fürsten Frau sprach: „Wenn 
du keine böse Tat begangen hast, so will ich das vor dem Fürsten 
schon selbst verantworten." So sprechend ging sie zum Fürsten. 
— Zum Fürsten kommend, sprach sie: „Eure Tochter ist schwanger 
geworden nach dem Befehle Gottes. Kein Mensch hat sie er- 
schaut." Der Fürst sprach: „Wenn es so ist, so töte sie." Da 
sprach die Frau zum Fürsten: „Es wird ein schlechter Ruhm 
sein, wenn es heißt: Der Fürst hat seine Tochter getötet." Der 
Fürst sprach: „So tue, was du willst, nur bringe sie aus meinen 
Augen!" — Die Frau vermochte ihre Tochter nicht zu töten. 
Sie tat sie in einen goldenen Kasten, hinein tat sie auch Nahrung, 
den Deckel schloß sie, band den Schlüssel draußen an und setzte 
ihn auf dem fließenden Wasser draußen aus. — In einem Lande 
befanden sich Domdagul Sokur und Toktagul Mergän auf der 
Jagd. In der Mitte dieses Meeres sahen sie den Kasten herbei- 
schwimmen. Als Toktagul Mergän ihn gesehen, sprach er: „0 Ge- 

Frobenius, Sonnengott. I. 16 



242 Drittes Buch. 

fährte, in der Mitte des Wassers sehe ich irgend etwas Glänzendes 
kommen. Wenn Gott es gibt, werden wir es nehmen, nimmst du das 
Innere oder das Äußere? Jetzt werden wir es teilen; wenn wir es in 
unsere Hand bekommen, so werden wir uns streiten und uneinig 
werden." Domgagul Sokur sprach: „Ich will das Äußere nehmen." 
Toktagul Mergän sprach: „Ich will das Innere nehmen. Was auch nur 
herauskommt, es kommt von meinem Glücke." — Darauf verfertigten 
sie eine Schnur aus Seide und banden sie an einen Pfeil. Tokta- 
gul Mergän schoß diesen ab ; dieser Pfeil flog, im Kasten blieb er 
stecken, den Kasten zogen sie herbei und nahmen ihn aus dem 
Wasser heraus. Des Kasten Öffnung öffneten sie, als sie ihn 
öffneten, war drinnen ein Mädchen, schön wie der Vollmond 
(wie der am 14. Tage aufgehende Mond). Als die beiden es ge- 
sehen hatten, schwand ihnen von der Schönheit die Besinnung. 
„Was für ein Mädchen bist du, was hast du begangen", sprachen 
sie. Das Mädchen sprach: „Ich bin des Altyn Bei Kan Tochter, 
man hat mich in einem dunklen Hause aufgezogen, und dort 
wurde ich nach Gottes Befehl schwanger. Darauf wollte mich 
mein Vater töten lassen, aber die Mutter vermochte mich nicht 
zu töten, sie meinte, wohin ich ginge, möchte ich wenigstens 
lebendig hinkommen, daher hat sie mich in diesen Kasten aus- 
gesetzt." Da sprach Toktagul Mergän: „Dich will ich freien, 
nimmst du mich?" Das Mädchen sprach: „Ich will dich nehmen; 
wenn ich dieses in meinem Leibe befindliche Kind geboren habe; 
dann werde ich dich nehmen." Toktagul Mergän war damit zu- 
frieden. — Darauf, nachdem die Zeit herangekommen, gebar sie 
einen Knaben, der schöner als sie selbst war. Darauf wurden 
sie getraut. — (Dieser Knabe Schyngy ist der Sonnenheld. Er 
wird Fürst, aber wird infolge der Eifersucht der drei nach ihm 
geborenen Fürstensöhne wieder vertrieben. Seine Tüchtigkeit 
siegt aber zuletzt über die Eifersucht der Brüder.) 

B. Jungfraumuttermythe der Baraba. — („Altyn Tsabak" = 
„der goldene Tschebak" überschrieben.) In einem Lande lebte 
«in Alter mit drei Söhnen, der jüngste Sohn war ein Narr. Der 
Greis sagte zu dem jüngsten Sohne: „Du liegst den ganzen Tag 
unnütz da, arbeitest nichts, geh' zum See und fange Barsche." 



Göttinnen: Gonceptio immaculata. 243 

Der jüngste Sohn ging fort, um Barsche zu fangen, nahm die 
Angel mit sich, hieb ein Loch durch das Eis, ließ die Angel ins 
Wasser. Ein Fisch biß an, als er ihn herauszog, hatte ein Tsche- 
bak mit goldenen Schuppen angebissen. Der Jüngling wollte ihn 
mit einem Stocke schlagen. Da sprach derTschebak: „Nein, Jüng- 
ling, schlage mich nicht! Ich tauge noch zu etwas!" „Wozu 
taugst du denn?" sagte er. Der Tschebak sagte: „Wenn du etwas 
brauchst, so sprich: auf Befehl des einen Gottes, durch den 
Schwanz des Goldtschebaks ! Wenn du dies sagst, will ich das 
dir Notwendige tun! Jetzt lass mich frei!" Der Jüngling liess 
diesen Tschebak wieder ins Wasser, kehrte nach Hause zurück, 
legte sich wieder in die Asche. — Seine beiden Brüder machten 
sich fertig, irgendwohin zu gehen. Der Narr fragte: „Wohin 
geht Ihr?" Die Brüder sprachen: „Der Kan hält das Erntefest." 
Die beiden Brüder gingen zum Erntefest. Der Narr richtete drauf 
einen Schlitten zu, um zu dem Erntefeste des Fürsten zu fahren. 
Zum Anspannen hatte er aber kein Pferd. Er setzte sich auf 
den Schlitten und sprach: „Auf Befehl des einen Gottes, durch 
den Schwanz des Goldtschebaks, Schlitten fahr zu!" Der Schlitten 
fuhr ohne Pferd davon, fuhr zu dem Heu des Kans. Der Jüng- 
ling stieg vom Schlitten herab, es sprach der Jüngling: „Auf 
Befehl des einen Gottes, durch den Schwanz des Goldtschebaks, 
Schober steig auf meinen Schlitten!" Der ganze Heuschober hob 
sich von selbst auf, legte sich selbst auf den Schlitten. Der Jüng- 
ling setzte sich auf das Heu und sprach: „Auf Befehl des einen 
Gottes, durch den Schwanz des Goldtschebaks, fahr o Schlitten 
zu dem Fürsten!" Wiederum eilte der Schlitten davon, kam zu 
dem Torweg des Fürsten. — Der Fürst hatte eine Tochter, diese 
Tochter öffnete das Fenster und erblickte den Jüngling. „Was ist 
das für ein Wunder", sagte sie, „ein Schlitten ohne Pferd kommt 
selbst herbeigefahren." Der Jüngling sah das Mädchen, sah, daß 
sie auf ihn blickte. Als der Jüngling sie gesehen, sagte er: „Auf 
Befehl des einen Gottes, durch den Schwanz des Goldtschebaks, 
sei von mir ein Kind im Mädchen!" Dieses Heu brachte er in 
den Hof, sprach : „Auf Befehl des einen Gottes, durch den Schwanz 
des Goldtschebaks, steig Heu auf das Dach des Schuppens!" Der 
Heuschober hob sich von selbst empor und legte sich auf das 

16* 



244 Drittes Buch. 

Dach des Schuppens. Der Jüngling kehrte nach Hause zurück, 
legte sich wieder in die Asche. — Des Fürsten Tochter ward 
schwanger, gebar einen Sohn. Einen Tag lebte er, da war er 
ein Jahr alt, zwei Tage lebte er, da war er zwei Jahre alt. Er 
ward groß, fing an zu sprechen. Der Kan war beschämt, daß 
seine Tochter ein Kind geboren. Der Kan versammelte sein Volk, 
nicht ein Mensch blieb in der Stadt, alle versammelte er. Der 
Fürst sprach: „Wo ist der Sohn? Er wird seinen Vater finden." 
Auf eine goldene Schüssel legte er Speise, gab sie dem Kinde 
jenes Mädchens. „Gieb diese Schüssel Speise deinem Vater. Der 
Sohn nahm die Schüssel, ging zu den Leuten, die nebeneinander 
dasassen und sprach: „Hier ist mein Vater nicht." Der Kan 
sprach: „Ist noch jemand zurückgeblieben?" Die Leute sagten: 
„Des Alten jüngster Sohn, der Narr, ist zurückgeblieben." Der 
Fürst sprach: „Bringt ihn her." Hingehend brachten sie den 
Narren zum Fürsten. — Das Kind brachte die Schüssel und gab 
sie dem Narren. „Da, Vater," sagte es. Da war der Fürst sehr 
beschämt. Der Fürst sprach: „Ich werde meiner Tochter den 
Kopf abhauen lassen." Die dort sitzenden alten Leute sprachen: 
„Schlage ihr nicht den Kopf ab! Lege deine Tochter in einen 
Kasten! Ihr zur Seite lege den Narren! auch das Kind lege zu 
ihnen! Den Kasten mache zu und wirf ihn ins Meer!" — Der 
Kan legte seine Tochter in den Kasten, auch den Narren legte er 
hinein, auch ihren Sohn legte er hinein, der Kasten wurde zuge- 
macht, dann brachte man ihn zum Meere und warf ihn hinein. 
Das Wasser führte den Kasten davon. Das Mädchen jammerte 
in dem Kasten. Der Narr sprach. „Was jammerst du? Wir 
werden ans Ufer gehen." Das Mädchen sprach: „Wir liegen in 
dem Kasten, wie sollen wir hinauskommen?" Das Mädchen lag 
in dem Kasten und schlief ein. Da sagte der Narr: „Auf Befehl 
des einen Gottes, durch den Schwanz des Goldtschebaks, möge 
ein Wind im Meere wehen!" Ein Wind erhob sich, das Meer 
schlug Wellen, das Wasser führte den Kasten fort, brachte ihn 
ans Ufer. Da sprach der Narr: „Auf Befehl des einen Gottes, 
durch den Schwanz des Goldtschebaks, Kasten mögest du zerbrechen!" 
Der Kasten zerbrach, diese stiegen ans Ufer. Der Jüngling sprach 
zum Mädchen: „Du lege dich hin und schlafe!" — (Der Jung- 



Göttinnen: Conceptio Immaculata. 245 

ling läßt nun durch den Schwanz des Goldtschebaks ein Steinhaus 
entstehen, das mit allem Komfort ausgerüstet ist. In großem 
Reichtum lebten sie darinnen.) 

C. Jungfraumuttermythe der Lappländer. — Ein junger Bursch 
war eines Tages auf der Rebhühnerjagd. Als er so dahinging, 
kam ihm ein Riesenknabe entgegengelaufen und hinter dem Riesen- 
knaben eine greulich große Katze. Der Riesenknabe sprang an 
dem Jungen vorbei und rief: „Lieber Junge schieß die Katze!" Die 
Katze, welche hinterdreinkam, rief: „Lieber Junge, schieß den 
Riesen!" Der Riesenknabe schrie wieder: „Lieber, guter Junge, 
schieß die Katze!" Der Junge tat das letztere, und die Katze lag 
tot auf der Erde; der Riesenknabe war aber so außer sich, daß 
er gleichzeitig in Ohnmacht fiel. Der Junge machte sich daran, 
der Katze das Fell abzuziehen. Als er damit fertig war, kam der 
Riesenknabe wieder zur Besinnung: „Wo ist die Katze", fragte 
der Riesenknabe. „Hier ist der Balg!" antwortete der Junge. 
Der Riesenknabe nahm den Balg in die Hand und roch an dem- 
selben. „Ja, ganz richtig, eine Zauberkatze ist es!" sagte er. 
„Kann schon sein !" sagte der Junge. — Hierauf steckte der Riesen- 
knabe den Balg in die eine Westentasche und den Jungen in die 
andere und ging dann wieder heim nach dem Riesenhofe. Auf 
dem Wege sagte er zu dem Jungen : „Der Vater wird dich schon 
dafür bezahlen, daß du mir das Leben gerettet hast. Er wird dir 
ein vergoldetes Pferd und eine ganz jämmerliche Mähre anbieten. 
Du kannst dir dann von den beiden Pferden nehmen, welches du 
willst; nimm jedoch nicht das vergoldete Pferd, sondern nimm die 
schlechte Mähre, mit ihr wird dir am besten gedient sein! Er 
wird dir ferner eine goldene und eine hölzerne Dose anbieten; 
wähle jedoch die hölzerne. Noch zwei Dinge wird er dir an- 
bieten, nämlich eine goldene und eine beinerne Flöte; wähle die 
letztere! Nun hast du Bescheid erhalten und weißt, was du tun 
sollst, wenn du nach dem Hofe meines Vaters kommst!" So 
wanderten sie dahin, bis sie zu dem Orte kamen, wo der Riese 
wohnte. Der Riese nahm sogleich den Balg, roch daran und sagte, 
wie der Sohn gesagt hatte: „Eine Zauberkatze ist es!" Er wollte 
nun den Jungen belohnen, der seinem Sohne das Leben gerettet 



246 Drittes Buch. f 

hatte. Es traf so ein, wie der Riesensohn es vorhergesagt hatte. 
Er konnte sich drei Dinge auswählen. Der Junge wählte das 
schlechte Pferd, die schlechte Dose und die schlechte Flöte und 
mit diesen drei Dingen zog er nun nach dem Königshofe. Der 
König brauchte gerade einen Holzträger, und der Junge erhielt 
sogleich Dienst. Am nächsten Tage befahl ihm der König, in den 
Wald zu gehen und ein Fuder trockenes Holz herbeizuschaffen. 
Der König hatte aber eine einzige Tochter. Es traf sich nun so, 
daß sie gerade in demselben Augenblicke am Fenster stand und 
in den Hof hinausblickte, .als der König dem Jungen diesen Auf- 
trag gab; da dieser bemerkte, daß die Königstochter ihre Augen 
auf ihn gerichtet hatte und der König bereits seines Weges gegangen 
war, holte er die Dose hervor und öffnete sie. „Was verlangst 
du", fragte die Dose. „Daß meine Axt zu einem Pferde werden 
möge" sagte der Junge so laut, daß die Königstochter es hörte. 
Sie fand diesen Wunsch sehr sonderbar und brach in lautes Lachen 
aus. Darüber wurde der Junge ärgerlich, holte seine Dose her- 
vor und öffnete sie: „Was verlangst du?" „Daß die Königstochter 
ein Kind bekomme!" sagte der Junge, und von diesem Augen- 
blick an war die Königstochter schwanger. Als der Junge aus 
dem Walde kam, wurde das Pferd wieder zur Axt und zerspaltete 
Holz. — Es dauerte nicht lange, so wurde dem König hinter- 
bracht, daß seine Tochter schwanger sei. Hiertiber wurde der- 
selbe sehr aufgebracht, und sein Ärger stieg noch mehr, als seine 
Tochter gar nicht angeben konnte, wer der Vater des Kindes sei. 
Als das Kind geboren war, versammelte er alle vornehmen Herren 
aus dem ganzen Königreiche um sich im Königshofe und ließ das 
Kind zu jedem einzelnen hintragen, um zu stehen, wen es anlächeln 
würde. Derjenige, den es anlächelte, mußte der Vater sein. Aber 
das Kind weinte nur immer und lächelte keinen einzigen von den 
vornehmen Herren an. Der König befand sich in großer Ver- 
legenheit. Endlich wurde das Kind auch zu dem Holzträger gebracht, 
und es lächelte denselben auch sogleich an. War der König schon 
früher sehr erzürnt, so wurde er es jetzt noch mehr, als er glauben 
mußte, daß seine Tochter mit einem erbärmlichen Jungen zu tun 
gehabt habe. Er befahl daher, daß die Tochter und der Bursch 
zusammen in eine Tonne gesteckt und ins Meer geworfen werden 



Göttinnen: Gonceptio immaculata. 247 

sollten. Die Tonne war so eingerichtet, daß sie in der Mitte durch 
eine hölzerne Wand in zwei Räume abgeteilt wurde. In den einen 
Raum wurde der Bursch gesteckt, in den andern die Königstochter. 
Dieser gab man ein Stück Leber mit als Proviant, der Bursch 
aber erhielt nichts. Die Tonne wurde ins Meer geworfen und 
trieb nun in Wind und Sturm auf demselben umher. Endlich 
wurde der Bursch hungrig; er öffnete die Dose, erhielt Speise und 
begann zu essen. Die Königstochter hörte es, wie der Junge speiste, 
konnte es aber nicht erklären, von woher er Speise erhalten habe, 
da ihm die Leute des Königs nicht das geringste mitgegeben hatten. 
Auch sie wurde bald hungrig, war aber gleichwohl nicht imstande, 
etwas von der Leber zu verzehren. Da bat sie den Burschen, 
daß er ihr etwas von seinem Essen geben möchte. — (Der Bursche 
verpflichtet nun das junge Mädchen, seine Gattin zu werden; sie 
stimmt zu. Darauf wird die Bretterwand entfernt, Speise beschafft 
und ein großer Königshof mit allem Luxus bestellt. Alles geschieht 
mit Hülfe der Dose. Es soll nun Hochzeit gefeiert werden. Alle 
hohen Herren und auch der König wird eingeladen, es ist ein 
großes Fest. Die Erzählung fährt fort:) — Eines Tages ging der 
Bursche spazieren, und hatte seine Dose in der Gästestube ver- 
gessen. Als er zurückkam, war die Dose weg. Ein Zauberweib 
war aus dem Meeresgrunde heraufgekommen und hatte sie genommen. 
Die Hochzeitsgäste wußten von nichts, als bis sie und der Hof 
und alle plötzlich auf dem Meeresgrunde standen. — (Die Fort- 
setzung, die das Wiederholen der Dose behandelt, ist eine Poly- 
kratesmythe. Siehe Seite 219). 



Das Auffallendste an diesen Mythen ist das Fehlen des eigent- 
lichen Verschluckungsmotives. An seine Stelle tritt hier das 
Wunschmotiv. Stark betont ist hier die Aussetzung, und in diesem 
Punkte sehen wir eine gewisse Verkümmerung der ursprünglichen 
Form langsam vor sich gehen. In der Mythe A werden Mutter 
und Kind, in der Mythe B Mutter, Vater und Kind und in der 
Mythe C Mutter und Vater ausgesetzt. Es ist aber klar, daß die 
Aussetzung sich ursprünglich nur auf den jungen Sonnenhelden 
bezieht. Die Mutter gehört schon eigentlich nicht dazu; den Vater 



248 Drittes Buch. 

geht dies Motiv nun schon eigentlich gar nichts an, zumal die 
Empfängnis ja in unserem Sinne ursprünglich eine absolut vater- 
lose ist. Diese Verbildung des Motives ist aber eben darauf zu- 
rückzuführen, daß das Verständnis für die Form der Konzeption 
und (bei der Weiterbildung) überhaupt für die Form des Wesens, 
das heißt für das Wesen der Mythe verloren gegangen ist. Also 
das Verschluckungsmotiv ist verloren und das Wunschmotiv ist 
dafür eingetreten. Der Gott, d. h. der allgemeingültige (und nicht 
der Sonnengott), also die von der Natur losgelöste Gottheit schafft 
mit ihrem Worte das Kind im Mutterleibe. Das tritt uns hier 
zum ersten Male entgegen, und es mag demnach sogleich betont 
werden, daß dieses Motiv den westlichen Mongoloiden nicht etwa 
allein eigen ist. Es herrscht vielmehr überhaupt auf der nord- 
westlichen Wanderbahn vor. Wir finden es, um dies Gebiet genau 
zu umschreiben, bei den westlichen Mongoloiden, bei den Ariern 
Europas und bei den Semitoiden. Zumal bei den Semotioden ist 
diese Form des Motives die vorherrschende. Mit dem Worte des 
Herrn wird Sarah geschwängert. Es wird von ihr ausdrücklich 
gesagt, daß es ihr nicht mehr nach der Weiberweise ging. Im 
deutschen Märchen klingt bei alten kinderlosen Eheleuten der 
Wunsch auch immer wieder durch, und der Wunsch wird direkt 
zum Konzeptionsmotiv. 

Des ferneren ist auffallend, in welcher Weise der Wasser- 
ursprung charakterisiert wird. Im Motiv B haben wir ein starkes 
Anklingen an die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau. 
Die Bedeutung des aus dem Wasser hervorgehenden Fischsegens 
ist aber schon Seite 217 besprochen und wird nachgehend noch 
weiter erörtert. In der Mythe A wohnt der vertriebene Held später 
am Oberlauf des Flusses und herabschwimmende Federn zeigen 
der Mutter an, daß er sich gesund und am Leben befindet. Da 
haben wir gleichzeitig den Rest des Vogelmotivs. Denn eine Auf- 
fassung der Sonne als Vogel spielt ja stark in die Mythen hin- 
ein. In Nordwestamerika ist Jetl, der Rabe, der Befruchtende, 
in Zentralamerika ist ein Federball, also auch ein vom Vogel 
stammendes Gebilde, das Schöpfungsmaterial für die Sonne, in 
Polynesien und in Melanisien wird aus dem von der Jungfrau- 
mutter gelegten Ei der Vogelgott geboren, in Südafrika bringen 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 249 

♦ 

die Tauben die Befruchtung hervor, eine Fassung, die uns sehr 
stark an die Mythen der Semiramis erinnert, — eine sehr wich- 
tige Mythe, die ja aber leider auch nur äußerst fragmentarisch 
erhalten ist. Und hier schwimmt vom Vogelgott wenigstens das 
Federwerk noch den Strom hinab. Das Wohnhaus dieses Sonnen- 
helden Schyngys wird aber noch in bezeichnender Weise geschildert: 
„Eines Tages erreichten sie das Land des Schyngys, das aus 
Wildfellen gemachte Haus des Schyngys sahen sie, die wie einen 
Berg aufgehäuften Federn sahen sie." Und nachher heißt es, daß 
die Boten sich selbst in dem Federwerk versteckten. — Also 
einiges von den Eigenschaften des Sonnenvogelgottes, dessen Motive 
ursprünglich unbedingt in der Jungfraumuttermythe vorgeherrscht 
haben, läßt sich auch noch in den arg verwischten Mythen der 
westlichen Mongoloiden erkennen. 

Der Wasserursprung in diesen Mythologien mag aber auch 
sonst noch mit einigen Beispielen belegt werden. Ich denke vor 
allen Dingen an die Kalewala, das große finnische Volksepos. 
Die alte Rune der Finnen beginnt die Schöpfupg mit etwa folgender 
Schilderung: 

Im Beginn der Zeiten gab es weder Erde noch Sonne, weder 
Mond noch Sterne, sondern nur Licht und Wasser. In der Lüfte 
weiten Räumen hielt sich eine Jungfrau, eine der schönsten Töchter 
der Natur, namens Ilmatar auf, welche während ihres ganzen 
Lebens einen keuschen, jungfräulichen, heiligen Wandel geführt 
hatte. Endlich hatte sie doch bei diesem ihrem einfachen Leben 
in der Lüfte öden Strecken lange Weile und ließ sich auf die 
Meerfläche hinab. Hier erhob sich ein heftiger Wind aus Osten; 
das Meer brauste auf, und die Jungfrau Ilmator wurde von den 
Wogen auf dem weiten Meeresrücken umhergetrieben. Sie wurde 
durch den Wind schwanger und fuhr fort, in diesem Zustande 
siebenhundert Jahre, neun Mannsalter, zu wandern, ohne das Kind, 
welches sie in ihrem Leibe trug, zur Welt bringen zu können. 
Endlich wurde ihr auch die Zeit auf dem Meere zu lang, sie fühlte 
sich durch die Leibesfrucht belastet, und sie klagte bitter über 
ihren Unverstand, daß sie nicht lieber als Jungfrau in der Luft 
geblieben war, als es zu unternehmen, als „Wassermutter" auf 
dem Meere umherzuirren. In ihrer Betrübnis rief sie Ukko, den 



250 Drittes Buch. 

Gott des Himmels an, daß er kommen und sie von der beschwer- 
lichen Leibesfrucht befreien möchte. Doch die Erlösungsstunde 
war noch nicht gekommen, sondern sie fuhr stets fort, auf den 
Wogen umherzuirren, und es heißt, daß sie unterdessen die Welt 
schuf. Mittlerweile fing ihr ungeborenes Kind Wäinämöinen an, 
lange Weile in seiner dunklen Wohnung zu empfinden und sich 
nach dem Tageslicht zu sehnen. In der Hoffnung, diesen Wunsch 
durch Hülfe der Sonne, des Mondes und des großen Bären er- 
füllt zu sehen, wandte er sich an sie mit einem Gebet um Befrei- 
ung; als dies aber keinen Erfolg hatte, bahnte er sich selbst den 
Weg zum Lichte. Er wurde auf dem Meere geboren, irrte dann 
viele Jahre auf der Meeresfläche umher und landete endlich bei 
einer Landspitze. — Hier haben wir die Jungfrau auf dem Ur- 
meere in einer Zeit, da die Sonne noch nicht geschaffen ist. Mit 
der gewaltsamen Erscheinung des Sonnenhelden wird die Tages- 
schöpfung vollendet. Das Verschluckungsmotiv fehlt auch hier, 
das Wasserursprungsmotiv ist aber in indonesischer Klarheit aus- 
gebildet. 

Aber das Verschluckungsmotiv vermögen wir auch bei den 
Mongoloiden nachzuweisen. Die Teleuten erzählen z. B. von einem 
jungen Mädchen, das in einem öden Lande umherirrte, bis sie 
auf ein dichtes Volk traf. Ein unverheirateter Mann nahm sie 
zu seiner Frau. Als das Mädchen zu ihm kam, war sie aber 
schwanger und als sie hierüber befragt wurde, erzählte sie: „Als 
ich von meinem Vater und von meiner Mutter getrennt war, und 
ohne Speise zu finden umherirrte, floß ein großer Regen herab; 
nachdem nun der Regen vorbei war und ich die Stelle, wo ich 
gesessen hatte, ansah, lag ein Stück Eis da, welches mit dem 
Regen zusammen heruntergefallen war. Ich nahm es und zerbrach 
es, da waren in seiner Mitte zwei Weizenkörner. Nachdem ich 
nun diese beiden genommen und gegessen hatte, so war es mir 
sogleich so, als ob in meinem Innern zwei Kinder sich erkennen 
ließen." — Die Zwillinge werden darauf geboren, es sind die 
Sonnenhelden. Nehmen wir diese Teleutenmythe mit der finnischen 
Kalewalamythe zusammen, dann haben wir eine ursprünglichere 
Fassung. Denn in beiden irrt eine Jungfrau umher. Die Em- 
pfängnis erfolgt nach einem Naturereignis, nach einem Winde 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 251 

hier und nach einem Regen dort. Das Wassermotiv ist außer- 
ordentlich ausgeprägt, es ist ja auch in dem Regen erhalten (ein 
goldener Regen bringt die Konzeption in der griechischen Mythe, 
ein Regentropfen schwängert in der Mythe der Pirna und ebenso 
bei den Navahos), aber während in der finnischen Mythe das 
Verschluckungsmotiv vermißt wird, tritt es bei den Teleuten deut- 
lich hervor: die beiden Weizenkörner sind wieder die Sonnen- 
strahlen. 

Und noch weiteres Material von solcher Art können wir bieten : 
In einer Mythe der Schor fällt auf ein junges Mädchen ein „goldener 
Perlmutterschnee". Als darauf der Held herantritt, rollt auch schon 
ein Knäblein herab. Also wieder der Regen. Und dann bei den 
Kirgisen: Lebt da ein Reicher, namens Sarybai, der war lange 
verheiratet, aber sein Weib hatte ihm keine Kinder geschenkt. 
Als er zu einem Gastmahle kommt, wird er nicht aufgenommen, 
weil er noch keine Kinder hat. Da erflehen Sarybai und sein 
Weib ein Kind. Und nach einen Opfer erfolgt die Konzeption 
auf dem Rückwege von der Mahlzeit, an der sie nicht teilnehmen 
durften. Da heißt es: „Das Weib war müde geworden und setzte 
sich hin. Sarybai schlief ein, die Frau schlief aber nicht. Vom 
Himmel kam ein silberner Napf mit Honig herab, in dem Napf 
war ein silberner Löffel. „Steh' auf, Gemahl!" sprach sie, „vom 
Himmel ist ein Napf herabgekommen." Sarybai stand auf, sagte: 
„Bism'illah" und aß einen Löffel Honig. Der Mann sprach zu 
seinem Weibe: „Iß du! Gott wird ein Kind geben." Das Weib 
aß alles auf. Darauf kehrte er nach Hause zurück, da wurde 
sein Weib schwanger. Zu seiner Zeit gebar das Weib ein Kind T 
einen Sohn gebar sie und eine Tochter gebar sie. 

Doch verfolgen wir nunmehr die Jungfraumuttermythe zu 
den Mongoloiden Hinterindiens. 



A. Jungfraumuttermythe aus Kambodia. — Aufgezeichnet im 
Jahre 1687. Damals heißt es schon, die Geschichte soll sich 
vor 2231 Jahren zugetragen haben. Ein junges Mädchen hat 
sich in den tiefsten Wald von Siam znrückgezogen und erwartet 
dort die Ankunft des Gottes, den die Menschen sehnsüchtig 



* ^ 



252 Drittes Buch. 

erharren. Sie wird schwanger, ohne ihre Jungfräulichkeit zu ver- 
lieren, indem die Sonne durch den Minister ihrer Strahlen die 
Gestalt eines Kindes während eines Gebetes formen läßt. Ver- 
schämt zieht sie sich noch weiter in die Wälder zurück und 
kommt endlich bei einem großen See zwischen Siam und Kam- 
bodia an, wo sie ohne viel Mühe das schönste Kind der Welt gebiert. 
Da sie keine Milch zur Ernährung hat, will sie sich ertränken, 
aber die Natur sorgt für die Sicherheit des Kindes, das ja vom 
Gotte stammt. Als die Mutter es auf die Blütenknospe einer 
Blume setzt, blüht dieselbe sogleich von selbst auf, um das Kind 
entgegen zu nehmen und um dasselbe wie in einer Wiege zu 
umschließen. Das Mädchen verschwindet darauf, ein Einsiedler 
jedoch, dem ein Engel prophezeit hat, daß er vor seinem Ende 
das Kommen des Herrn schauen würde, nimmt das Kind aus der 
auf dem See schwimmenden Lotosblume heraus und erzieht es 
mit Milch und Honig. So erwächst der König der Könige, der 
Sonnengott. 

B. Jungfraumuttermythe aus Kambodia. — Aufgezeichnet 
von Bastian. Während der Zeit der Regieruug eines schlechten 
Königs, der das Volk durch dieEdelleute unterdrücken läßt, lebt 
im Walde in der Nähe der Stadt ein frommer Einsiedler, der die 
Religionsgesetze streng und eifrig beobachtet. Er läßt täglioh 
sein Wasser in einem ausgehöhlten Stein, der neben seiner Zelle 
steht, fließen. Nun geschieht es, daß ein Waldbewohner von der 
Basse der Bergbewohner eines Tages mit seiner Frau und Tochter 
im Walde Wurzeln ausgräbt und daß die letztere, als sie sich 
auf dem Heimweg verirrt hatten, unwohl wird. Die Eltern 
suchen nach Wasser, um sie zu erfrischen und finden im hohlen 
Steine das Wasser des Eremiten, das sie ihrer Tochter in ihrer 
Unwissenheit zu trinken geben. Diese fühlt sich bald darauf 
schwanger. Da ihre Tochter nie männliche Gesellschaft gekannt 
hat, wundern die Eltern sich sehr. Sie sind völlig von deren 
Unschuld überzeugt, wie ja auch das Mädchen auf alle Fragen 
beteuerte, von keinem Manne zu wissen. Nach 10 Monaten der 
Schwangerschaft wird ein Sohn geboren, der mit allen Zeichen 
der Schönheit ausgestattet ist und den die Großeltern bei sich 



Göttinnen: Conceptio iramaculata. 253 

aufziehen. Als der Knabe herangewachsen im Alter von etwa 
7 Jahren von den Kindern des Dorfes im Spiele als vaterloser Sohn 
gescholten wird, befragt er, darüber erzürnt, seine Mutter, die ihm 
gesteht, daß sie keine andere Ursache ihrer Schwangerschaft 
wisse, als Wasser, das sie einst aus einem Stein im Walde ge- 
trunken und das etwas urinös gerochen habe. Um nicht im 
Dorfe verlacht zu werden, zieht der Knabe, trotz der Bitten seiner 
Mutter und seiner Großeltern in die Fremde, um seinen Vater 
zu suchen und trifft im Walde den Eremiten, der aus den Er- 
zählungen seines Ursprunges den Zusammenhang ahnt und ihm 
anbietet, in seiner Einsiedelei zu bleiben, um die magischen 
Wissenschaften, zu erlernen. — (Der Jüngling bleibt beim Ere- 
miten, erhält ein wundertuendes Stück Eisen und wird später 
König, — ein echter Sonnenheld.) 

C. Jungfraumuttermythe in Siam. — (Den Ursprung der 
Laoskönige erklärend.) In alter Zeit lebt ein Aussätziger, der 
am ganzen Körper mit Geschwüren bedeckt ist, der das Feld be- 
stellt und Pfeffer und Liebesäpfel pflanzt. Er sammelt die reifen 
Früchte und verkauft sie, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. 
An einem der Äpfelbäume, die nahe bei seiner Hütte stehen, 
pflegt er täglich zu urinieren und die Samenteilchen imprägnieren 
die Wurzeln, so daß der Baum durch ihre Größe ausgezeichnete 
Früchte trägt, weil das Prinzip des Lebens in ihnen schwillt. 
Nun geschieht es, daß die Prinzessin des königlichen Hauses ein 
Gelüst verspürt, Liebesäpfel zu essen. Sie schickt eine ihrer 
Dienerinnen, die zum Kaufe ausgeht und einen besonders großen 
und schönen Apfel zurückbringt. Die Prinzessin fühlt sich 
schwanger und teilt es ihrem Vater mit, der strenge Nachforschung 
anstellen läßt, aber sich überzeugt, daß kein männlicher Besuch 
bei ihr eingetreten ist. Die Schwangerschaft schreitet fort und 
nach 10 Monaten gebiert sie einen Sohn, der die Zeichen de& 
Königstums an sich trägt. Seine königlichen Verwandten beeilen 
sich alle um die Wette, ihn zu liebkosen, zu pflegen und sorgsam zu 
hüten. Als er das Alter von drei Jahren erreicht hat, beschließt 
sein Großvater, sein Prognostikon zu stellen und wünscht deshalb 
ausfindig zu machen, wer sein Vater sei. Er läßt deshalb durch 



254 Drittes Buch. 

das Schlagen des Gong verkünden, daß alle männlichen Bewoh- 
ner seines Königreiches ohne irgend eine Ausnahme sich auf 
der Ebene versammeln sollen, jeder Mann mit Kuchen und Früchten 
verschiedener Art in seinen Händen. Nachdem der König im 
Gebet um Erkennung des wahren Vaters nachgesucht hat, läßt 
er seinen Enkel herbeibringen und durch die Versammlung tragen. 
Der Aussätzige hat nun nichts in der Hand als einen Klumpen 
kalten Reis. Dennoch fällt aber der Prinz, als er an ihn vorbei- 
kommt, ihm um den Hals und beginnt von dem Reis in seiner 
Hand zu essen. Als die Leute dies sehen, verwundern sie sich; 
man hört Murren und Spotten und allgemeiner Unwille gibt sich 
kund. Der König ist im höchsten Grade beschämt und nieder- 
geschlagen. Er gibt den Befehl, daß die Prinzessin und der 
Enkel mit dem Aussätzigen zusammen auf ein Floß gesetzt und 
ihrem Schicksal überlassen werden sollen. Das Floß aber treibt 
zu dem Apfelbaume in der Nähe der Stadt, und der Aussätzige 
hilft dort seiner Frau und dem Kinde ans Land. — (Der Knabe 
wird nun mit einem prächtigen Gong vom Gotte beliehen. An 
diesem Gong, der später wieder verschwindet, erkennen wir so 
recht die Eigenart des Sonnengottes, der auch hier natürlich als 
König auftritt.) 

Vergleichen wir den Zusammenhang der geographischen Ver- 
breitung, so erkennen wir wohl sogleich den Einfluß der Nähe 
Vorderindiens; dem das Sperma, das von der Jungfrau im Urin 
oder im Apfel hinuntergeschluckt, die Schwangerschaft herbei- 
führt, ist eine vorderindische Idee, die wir im nächsten Abschnitt 
wiedertreffen werden. Im übrigen haben wir hier denselben Stoff 
wie er auch von den Mongoloiden im Westen Asiens und auf der 
Nordspitze Europas erhalten worden ist. Die Aussetzung ist klar, 
zumal in der Version 3. 

In der eben wiedergegebenen Laosmythe verschluckt die Jung- 
frau, das jungfräuliche Meer (?), den Apfel, den Sonnenball. Dies 
Motiv läßt sich im Osten Asiens auch sonst nachweisen. Blicken 
wir an den Küsten der östlichen Gewässer einmal um uns! 

Bei den Chinesen steigen drei himmliche Genien weiblichen 
Geschlechts aus ihren Paradieswohnungen, um sich in einem 
Flusse zu baden. Kaum hat das Wasser ihre Körper berührt, 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 255 

als die schönste derselben auf ihrem Gewände eine Lotospflanze 
mit Blüten und Früchten erblicke, ohne zu wissen, woher dieselben 
gekommen. Sie kann dem Wunsch, von dieser Frucht zu kosten, 
nicht widerstehen. Der Versuch aber hat zur Folge, daß sie 
schwanger wird. Sie gebiert einen Sohn. Bis zu den männlichen 
Jahren erzieht sie denselben, dann kehrt sie in ihr himmliches 
Reich zurück. — Das Königsgeschlecht der Mandju stammt von 
der Himmelsjungfrau Fäcula, die zur Erde gekommen von der 
herangetriebenen Pflanzenfrucht ißt, und die so die Mutter des von 
der Elster beschützten Sonnenhelden wird. Und dann Japan: Im 
Momotaromärchen sind zwei alte Leute arg betrübt, da sie keine 
Kinder haben. Das Mütterchen findet eines Tages an den Strom 
tretend, um die Kleider zu waschen, im Sonnenscheine auf dem 
Wasser dahertreibend, einen Kürbis. Sie nimmt ihn mit nach 
Haus. Beim Aufschneiden steigt aus der Frucht der kleine Momo- 
taro heraus. Er ist der Sonnenheld, der später über das Meer 
zieht und die Tore der Oni erbricht. — So hat sich hier im Osten 
das Motiv des von der Jungfrau verschluckten Sonnenballes um- 
gebildet. 

Die Jungfraumuttermythe der Arioiden. 

Es gilt, die uns hier gehäuft entgegentretenden Grundzüge 
der Jungfraumuttermythe sorgfältig und gruppenweise zu unter- 
scheiden. Von all dem vielen, das sich uns hier aufdrängt, möge 
besonders ein Zug Beachtung finden, der auf ein hohes Alter 
schließen läßt, der eine spezielle Gruppe dieser Mythen charak- 
terisiert und mit Leichtigkeit mit anderen Zügen der alten Mythologie 
in Zusammenhang gebracht werden kann. Es handelt sich darum, 
festzustellen, wie weit die Verbreitung des verzehrten und die 
Schwangerschaft hervorrufenden Fisches reicht. Ist doch diese 
Form des Motives ein charakteristisches Merkmal der arioiden 
Mythologien. Ich fasse mich kurz. 

A. Die Jungfraumuttermythe in der Mahabharata. — Der 
Pauravakönig Uparicara geht auf Befehl seiner Ahnen auf die 
Jagd und läßt seine Frau daheim. Im Walde erfaßt ihn Sehn- 
sucht nach derselben. Den sich ergießenden Samen tut er auf 



256 Drittes Buch. 

ein Blatt, das er einem Falken gibt, um es seiner Frau zu bringen. 
Der Falke kämpft unterwegs mit einem andern; dabei fällt der 
Same in die Yamuna und wird von der durch einen Fluch in ein 
Fischweibchen verwandelten Nymphe Adrika verschluckt. Der 
Fisch wird von Fischern gefangen und aufgeschnitten. In seinem 
Bauche finden sie ein Knäblein und ein Mädchen, welche beide 
sie zu Uparacara bringen. Die Nymphe nimmt nach anderer 
Lesart dann wieder himmlische Gestalten an. Der Sohn wird 
aber später der König der Fische. 

B. Jungfraumuttermythe der Russen. Ein König, welcher 
keine Söhne hat, hat einen Fisch mit goldenen Floßfedern: er 
läßt ihn kochen und der Königin zu essen geben, das Innere des 
Fisches wird der Hündin vorgeworfen, die Knochen werden von 
der Köchin benagt, das Fleisch aber ißt die Königin. Die Hündin, 
die Köchin und die Königin werden zu gleicher Zeit schwanger, 
und es wird gleichzeitig von jeder ein Sohn geboren. Alle drei Söhne 
werden Iwan genannt und als drei Brüder beachtet; der Stärkste ist 
Iwan, der Sohn der Hündin, der in das Reich der Ungeheuer hinab- 
steigt. — (Eine andere Leseart:) Ein König hat keine Söhne; 
er fängt einen Hecht, welchen die Köchin abwäscht und gibt das 
schmutzige Wasser der Kuh zu trinken. Den Fisch aber geben 
sie dem schwarzen Mädchen, die ihn zu der Königin trägt. Das 
schwarze Mädchen ißt auf dem Wege ein Stück davon, und die 
Königin ißt das übrige. Nach Ablauf von neun Monaten geben 
die Kuh, das Mädchen und die Königin jede einem Sohne das 
Leben. Die drei Söhne gleichen einander vollständig, doch der 
Sohn der Kuh, der Held Sturm, ist der Stärkste von den drei 
Brüdern und verrichtet die schwierigsten Taten. 

C. Jungfraumuttermythe in deutschen Märchen. — (Es han- 
delt sich um eine der Varianten jenes Märchens, das unter dem 
Titel: „Von dem Fischer un syner Fru" am meisten bekannt 
ist. Der Fischer fängt den Fisch, der mit ihm spricht und der 
ihm alle Wünsche erfüllt, bis die Frau durch ihre Habgier den 
Segen verdirbt. Der Fischer zieht den Fisch zum zweitenmal 
heraus. Der Fischer erzählt das Geheimnis des Fischfanges noch 



Göttinnen: Gonceptio immacnlata. 257 

einmal und der Segen ist wieder aus. Als der Fisch zum dritten- 
mal gefangen wird hebt unser Stoff an: Der Mann ging wieder 
fischen und über eine Zeit, so war es nicht anders, er holte den 
Goldfisch zum drittenmal heraus. „Hör", sprach der Fisch, 
„ich sehe wohl, ich soll immer wieder in deine Hände fallen, 
nimm mich mit nach Haus und zerschneide mich in sechs Stücke, 
zwei davon gib deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferd und 
zwei leg in die Erde, so wirst du Segen davon haben." Der 
Mann nahm den Fisch mit nach Haus und tat, wie er ihm ge- 
sagt hatte. Es geschah aber, daß aus den zwei Stücken, die in 
die Erde gelegt waren, zwei goldene Lilien heranwuchsen und 
daß das Pferd zwei goldene Füllen bekam und des Fischers Frau 
zwei Kinder gebar, die ganz golden waren. — Die Goldlilien 
sind die Todeszeichen, die Goldpferde tragen den Sonnenhelden, 
die Kinder selbst sind als Sonnenhelden vollständig charakterisiert. 

D. Jungfraumuttermythe im isländischen Märchen. — Es 
war einmal ein Herzog, der hatte eine Frau; sie liebten ein- 
ander sehr, hatten aber doch lange Zeit keine Kinder und waren 
darüber sehr betrübt. Einmal ging die Frau mit ihren Mägden 
in einen schönen Hain, um sich zu unterhalten. Da wurde sie 
von einem starken Schlafe befallen, so daß sie sich nicht auf- 
recht erhalten konnte, und als sie eingeschlafen war, träumte ihr, 
daß drei Weiber in schwarzer Kleidung zu ihr kämen: „Wir wissen, 
daß du traurig bist, weil du keine Kinder hast; nun sind wir 
gekommen, um dir zu raten, was du tun sollst, wenn du er- 
wacht bist. Geh zu einem Bache, welcher nicht weit von hier 
sich befindet; in demselben wirst du eine Forelle sehen. Lege 
dich sodann am Rande des Baches nieder, dort, wo die Forelle 
ist, und trinke aus dem Bach und sieh zu, daß die Forelle dir 
in den Mund schwimme; du wirst hierauf sogleich guter Hoff- 
nung werden; wir werden dich zu der Zeit, wo du das Kind ge- 
bärenwirst, heimsuchen, denn wir wollen ihm den Namen geben." 
Hierauf verschwanden die Weiber. Als die Herzogin erwachte, 
dachte sie über den Traum nach, ging zum Bache und fand die 
Forelle. Sie tat genau, wie ihr im Traume gesagt worden war 
und kehrte nach Hause zurück. Es dauerte auch nicht lange, 

Frobenius, Sonnengott. I. 17 



258 Drittes Buch. 

so fühlte sie, daß sie guter Hoffnung sei, und sie sowohl, wie 
auch der Herzog waren darüber sehr erfreut. (Wenn auch hier 
nicht mehrere Kinder geboren werden, so ist doch zu erwähnen, 
daß die Fortsetzung dieses Märchens vollen Ersatz bietet, denn 
die wohl gleichzeitig in der Nähe des Königsschlosses ein Mäd- 
chen gebärende alte Frau bietet das Nebenstück zu der die Fisch- 
suppe trinkenden Köchin. Im übrigen haben wir eine typische 
Sonnensage im weiteren Verlaufe. Die beiden Kinder, der Sohn 
der Königin und die Tochter der alten Frau sind durchaus als 
Gleichgeburten, als Sonnenheld und Mondheldin aufzufassen.) — 

E. Jungfraumuttermythe im italienischen Märchen. — Es 
war einmal ein König von Langelaube namens Gianone, welcher 
ein großes Verlangen hegte, .Kinder zu bekommen, daher auch 
immerwährend die Götter anflehte, daß sie doch seiner Frau 
den Bauch anschwellen möchten. Damit ihm diese Freude von 
ihnen gewährt würde, war er gegen die Pilger so mildtätig, daß 
er fast sein ganzes Hab und Gut unter sie verteilte. Da er je- 
doch sah, daß sich das Ding in die Länge zog und auch keine 
Idee von Sprößling zum Vorschein kommen wollte, so verschloß 
er aller Welt seine Tür eisenfest und jagte jeden, der sich näherte, 
wie mit Pfeilschüssen fort. Ein langbärtiger Einsiedler nun, der 
von dieser Sinnesänderung des Königs nichts wußte oder viel- 
mehr sie wußte und ihn davon zurückbringen wollte, begab sich 
zu Gianone und bat ihn um Herberge in seinem Hause, indes 
dieser mit finsterer und schrecklicher Miene zu ihm sagte : „Wenn 
du so gerechnet hast, dann hast du deine Rechnung ohne den 
Wirt gemacht. Die alten Zeiten sind vorbei, die Augen sind mir 
gehörig ausgewischt worden und ich bin kein Narr mehr." Als 
ihn aber der Greis nach der Ursache dieser Veränderung fragte, 
fuhr der König fort: „Weil ich nämlich ein großes Verlangen 
hegte, Kinder zu bekommen, habe ich jedem, der nur irgend von 
mir forderte, geschenkt und gegeben und mein ganzes Geld und 
Gut verschwendet, zuletzt jedoch, da ich sah, daß alles vergeblich 
war, habe ich mein Verfahren geändert und eine neue Weise an- 
genommen." — „Wenns weiter nichts ist," erwiderte der Greis, 
„so sei ganz ruhig, denn ehe du dich dessen versiehst, soll deiner 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 259 

Frau der Bauch bis zum Kinn hinaufsteigen." — „Wenn du das 
zu bewirken vermagst," versetzte der König, „so verspreche ich 
dir mein halbes Königreich," worauf jener antwortete: „Gib ge- 
nau acht, was ich dir sage; wenn du nämlich mit Erfolg pflanzen 
willst, so nimm das Herz eines Meerdrachen und laß es von 
einer reinen Jungfer kochen, welcher beim bloßen Geruch dieses 
Gerichtes der Leib gleichfalls aufschwellen wird. Hierauf gib 
das Herz, wenn es gekocht ist, der Königin zu essen und du wirst 
sehen, daß sie alsbald so hoch schwanger wird, als befände sie 
sich im neunten Monat." „Wie ist das möglich?" versetzte der 
König. „Das scheint mir in Wahrheit doch ein wenig zu hart 
zum Verdauen." „Wundere dich nicht gar so sehr", entgegnete 
der Alte, „denn wenn du die Mythologie gelesen hast, so mußt 
du wissen, daß, als einst Juno in den olympischen Gefilden auf eine 
Blume trat, ihr der Leib alsbald schwoll und sie einen Sohn gebar." — 
„Wenn das so ist", begann wieder der König, „soll unverzüglich 
ein solches Drachenherz herbeigeschafft werden, und am Ende 
verliere ich ja auch nichts dabei". Er schickte daher auf der 
Stelle hundert Fischer, wohlversehen mit Streichnetzen, Wurfnetzen, 
Waten, Reusen, Stricken und Angeln, und diese fuhren und fischten 
so lange hin und her, bis sie einen Seedrachen fingen, worauf 
sie ihm das Herz herausrissen und es dem König überbrachten. 
Dieser übergab es einem hübschen Hoffräulein zum Kochen, welche 
sich damit in ein Zimmer einschloß und das Herz sobald über 
das Feuer gesetzt hatte, als auch schon ein pechschwarzer Rauch 
emporstieg, so daß nicht nur diese hübsche Köchin schwanger 
wurde, sondern auch alle Mobilien im Hause anschwollen, und 
nach einigen Tagen in Wochen kamen, und zwar gebar das 
Himmelbett eine Wiege, der Kasten ein Kästchen, der Sessel 
kleine Sesselchen, der Tisch ein Tischchen und der Nachtstuhl ein 
so hübsches, niedliches Nachtstühlchen, daß man es hätte küssen 
mögen. Kaum aber war das Herz selbst gekocht und von der 
Königin gekostet, so fühlte sie, wie der Leib sich ihr rundete und 
nach vier Tagen brachte sie und das Edelfräulein zu gleicher Zeit 
jede einen hübschen Knaben zur Welt, welche beiden Kinder 
einander so ähnlich sahen, daß man sie nicht voneinander zu unter- 
scheiden vermochte. Diese nun wuqhsen zusammen in solcher 

17* 



>. 



^ 



260 Drittes Buch. 

Freundschaft auf, daß sie sich auf keinen Augenblick von ein- 
ander trennen konnten; so groß war die Zuneigung, die sie gegen- 
seitig hegten, daß die Königin, da der Sohn mehr Liebe zu dem 
Sohne einer Magd als für seine Mutter zu fühlen schien, anfing 
einigen Neid zu empfinden und nicht wußte, wie sie sich diesen 
Splitter aus dem Auge ziehen sollte. — (Wie in dem deutschen 
Märchen zieht nun der eine in die Welt und läßt ein Todeszeichen 
zurück. Er ist der richtige Sonnenheld, der zunächst unterliegt, 
aber von seinem Zwillingsbruder glücklich gerettet wird. Wir 
haben hier ein Märchen vor uns, das, in einer Linie von Norden 
nach Süden gehend, wir sowohl in Deutschland wie in Italien, 
wie in Nordafrika bei den Kabylen gleichlautend antreffen, — 
abgesehen vom Parallelen bei andern Völkern.) 



Soweit die erste und mir hier wesentlichste Form der Jung- 
fraumuttermythe bei den Arioiden. Betreffs der Übereinstimmung 
brauche ich hier nicht viel Worte zu verlieren. Wohl aber dürfte 
es am Platze sein, sich über das Wesen des hier vorliegenden 
Motivs und dessen Beziehungen zu älteren und jüngeren Formen 
auszusprechen. 

Die Jungfrau wird schwanger, indem sie einen Fisch ver- 
schluckt. Kann das wohl eine ursprüngliche Form sein? — Wohl 
kaum! Wenden wir uns nach dem lieben Nordwestamerika, das 
uns in mythologischer Hinsicht gar manche Schwierigkeit heben 
hilft. Dort oben ward die Jungfrau die Nordkapertochter genannt. 
Sie ist also aus dem Fischgeschlecht. Sollte das nicht etwa auch 
das Grundmotiv der Arioidenmythe sein? Das alte Indien bietet 
uns ja die Ubergangsform: Die Nymphe Adrika verschluckt das 
Sperma des Königs. Sie haben wir als Fisch erkennen gelernt. 
Es ist also eine Fischjungfrau. — Nach einem anderen Anhalte- 
punkte suchend, weise ich auf das Märchen des Pentamerone 
hin. Dort wird das Herz des Meerdrachen zur Ursache der 
Schwangerschaft. 

Das Herzmotiv ! Wir sahen im zweiten Buche dieses Werkes, 
wie der Sonnengott, der des Nachts im Bauche des Fisches ver- 
schlossen ist, gegen Morgen das Herz des Tieres abschneidet. Ich 
habe darauf hingewiesen, daß dieses Herz die eigentliche Sonne 



Göttinnen: Gonceptio immaculata. 261 

darstellt, denn das Herzmotiv geht parallel dem Feuerentzündungs- 
motiv. "Die Sonne ist also aufgefaßt als Herz des Meeres. Des- 
halb gibt das Herz des Meerdrachen, wenn es gegessen wird, die 
Veranlassung zur Schwangerschaft. 

Soweit dürfte wohl Klarheit herrschen. Inbezug auf alle 
weitere Erklärung weise ich aber darauf hin, was ich im An- 
fange dieses Kapitels gesagt habe, daß nämlich die Jungfrau- 
muttermythe keine a priori- Auffassung darstellt, sondern eine Kon- 
sequenzvorstellung repräsentiert. Denn faßt man den Untergang 
der Sonne auf als ein Verschlungenwerden, und faßt man zum 
andern den Morgenaufgang aus dem Meere als ein Geborenwerden 
auf, so ergibt die konsequente Schlußfolgerung, daß das ge- 
bierende Weib am Abend den Sonnenkeim verschluckt hat. 
Diese Konsequenzauffassung hat aber eine durchaus selbständige 
Fortbildungskraft bei den Arioiden angenommen, und es herrschte 
sicher bei keinem Volke, das alle diese Mythen zu ihren heutigen 
Formen umbildete, das Bewußtsein, daß der Stoff von der Wal- 
fischmythe ausgeht. Nur eine Ahnung herrschte noch, daß die 
Sonne vielleicht vom Fische stamme. Die befruchtende Kraft 
wurde also auf den Fisch übertragen, von dem man nur noch 
in Indien ahnte, daß er seinerseits den befruchtenden Keim in 
sich aufgenommen habe. Und somit wird denn der Fisch selbst 
zum Befruchter. 

Aus solchen Zügen werden wir Schlüsse ziehen dürfen auf 
die Entstehungsgeschichte der Verbreitung nicht nur dieser Mythen, 
sondern auch der Völker, die dieselben ausbildeten, und da ergibt 
sich denn, daß nur in Südasien noch eine Erinnerung daran 
erhalten ist, daß der Fisch die Befruchtung selbst durchgemacht 
hat. Wir haben das sowohl in Vorder- wie in Hinterindien jetzt 
gesehen. Über das Mittelmeer kam eine Kunde von der Be- 
deutung des Herzmotives aus dem Süden nach Italien. Aber der 
Norden hat junge abgewandelte Formen. Ihm hat bei der 
Mythenumbildung kein Bewußtsein der inneren Bedeutung mehr 
schöpferisch zur Seite gestanden. — Im übrigen ist zu erwähnen, 
daß wir hier einmal wieder erkennen können, wie die Mongo- 
loiden zu ihren Mythen resp. Märchen gekommen sind. Denn 
die Tschebakversion, die wir bei den Mongoloiden unter B kennen 



262 Drittes Buch. 

gelernt haben, zeigt uns noch den Anfang der Geschichte vom 
Fischer und syne Fru. Auch hier ist ein Fisch der zur Be- 
fruchtung der Jungfrau Helfende. 

Es würde übrigens eine Versäumnis sein, wenn wir nicht 
darauf hinweisen würden, daß den Arioiden auch noch andere 
wesentliche Formen der Fischmuttermythe eigen sind. Vor allen 
Dingen hat auch Italien eine Mythe vom Typus der unter A — C 
bei den Westmongoloiden aufgeführten Varianten, die auf die 
Conceptio immaculata infolge Wunsch zurückführt: Pervonto ist 
ein ausgemachter Taugenichts und Tagedieb. Endlich wird er 
von seiner Mutter hinausgeworfen, auf daß er hingehe und ein 
Reisigbündel im Wald sammle. An einen Fluß kommend, trifft 
er drei schlafende Jünglinge, die in der Sonnenhitze schwitzen, 
und erbarmungsvoll baut er ihnen eine Laubhütte. Sie erwachen, 
loben ihn und beschenken ihn mit der Gabe der Erfüllung aller 
seiner Wünsche. Er geht seiner Arbeit nach. Als er ein großes 
Reisigbündel zusammen hat, setzt er sich darauf und wünscht, 
daß es wie ein Pferd davongaloppiere. Das Reisbündel galoppiert 
vor des Königs Haus. Vastolla, die Königstochter, lacht über 
den wunderlichen Reiter. Pervonto ruft: „Zum Wetter, Vastolla, 
ich wünschte, daß du von mir schwanger werden möchtest!" 
dann reitet er heim. Vastolla wird schwanger, der König wütet. 
Man beschließt, abzuwarten, bis das junge Leben das Tageslicht 
sieht. Zwei Knaben werden geboren, die der Wehmutter „wie 
goldene Äpfel" in den Schoß fallen. Jetzt kommt die Recherche 
nach dem Vater in bekannter Form. Die beiden Knaben erkennen 
unter den Grafen und Herren keinen an. Als das Lumpen- 
gesindel jedoch geladen ist, klammern sich die beiden hübschen 
Buben an Pervonto. Jetzt werden alle vier, Mutter, Vater und 
zwei Sqjhne, in das Faß gesteckt. Vastolla bewirkt nun einen 
Wunsch Pervontos nach dem andern. Pervonto läßt sich mit 
Mandeln und Rosinen die Wünsche entlocken: erst ein Schiff, 
dann ein Schloß am Meeresufer, dann eine schöne Gestalt, denn 
er ist sehr häßlich. Der König wird einmal in das Haus ver- 
schlagen, ist entzückt von dem reizenden Schwiegersohn und den 
süßen Enkeln. Friede! — Also genau die Geschichte, wie sie 
von den Grenzen Chinas bis zu den Lappländern verbreitet ist. 



TP 



Göttinnen: Conceptio immaculata. 263 

Doch noch andere Formen der Mythe sind reichlich vertreten. 
Da haben wir die Perseussage, in der ein goldener Regen die 
schöne Danae befruchtet und in der Mutter und Perseus in einem 
Kasten ausgesetzt werden. „Ein ebenso rührendes als anmutiges Bild 
des neugeborenen Licht- und Sonnengottes!" — wie wir nach erster 
Autorität zitieren können. Oder wir haben die merkwürdige Ent- 
stehungsgeschichte des Orion. Oder wir haben der Geschichte der 
Nachkommenschaft des Iphiclos nachzuspüren. Doch das sind alles 
Stoffe, die dem Leser mehr als bekannt und die gründlich durch- 
gearbeitet sind. Interessanter ist schon die Lesart, die in den 
deutschen und italienischen Märchen eine größere Rolle spielt, 
einmal die Schwangerschaft nach dem Verzehren des Krautes 
der Hexe (Rapunzelmärchen), dann die des Rosenblattes in Italien 
oder diejenige des Apfels. Der Apfel als Sonnenball ist uns nun 
schon so oft begegnet, daß ich hierüber nichts mehr zu sagen 
brauche. 

Überhaupt was soll ich noch sagen? Die Gesamtheit mag 
hier in ihrer Einheitlichkeit uns den Blick klären. Die Einheit- 
lichkeit sagt mehr wie lang gezogene Erklärungsreden. 

Aber betrachten wir uns jetzt jenes Motiv näher, das wir 
hier schon in hübscher Auswahl von Varianten kennen gelernt 
haben: das Motiv der Aussetzung, der Einsperrung des Sonnen- 
gottes vor dem Sonnenaufgange! Das Urmeer, die Entstehung 
aus dem Ei (die auch bei den Esthen in einer Jungfraumutter- 
mythe schön erhalten ist), aus dem Bambus, aus dem Baum und 
das Heraussteigen aus der Nachtarche mag uns nun für einige 
Seiten fesseln. 



/ 



XL 

Das Nachtmeergefängnis. 

Wir haben den Zug der Mythe von der Conceptio immaculata, 
von der Jungfraumutter über die Erde hin verfolgt. Wir sahen, 
wie sich dieser wunderlichen Geburt des Gottes eine Vertreibung 
anschließt, eine Aussetzung. Dem neugeschaffenen Sonnengotte — 
nehmen wir an, daß es sich um diesen handle, und behalten wir 
immer im Auge, daß wir zunächst nur Übereinstimmungen nach- 
zuspüren und so eine Rekonstruktion der Mythe herbeizuführen 
suchen — geht es niemals gut. Entweder er wird allein oder 
mit seiner Mutter zusammen den Wassern anvertraut, und was 
uns in den bekannten Geschichten von Moses, Cyrus, dem 
römischen Gründerpaare, Wolfdietrich und sonst erzählt wird, das 
klingt in kosmogonischer Form zusammen mit dem finnischen 
Gedanken: „Die Jungfraumutter schwimmt auf dem Meere, ohne 
den Sonnengott gebären zu können." 

Wir stehen vor einer der merkwürdigsten Erscheinungen der 
Mythologie. Ich meine nicht allein die Tatsache der Überein- 
stimmung in der Angabe der Vertreibung über das Wasser nach 
der Geburt durch eine Jungfrau, die offenbar durch die Sonne 
befruchtet wurde. Ich meine nicht allein diese Übereinstimmung, 
sondern will hier darauf hinweisen, daß diese Mythe nur wie ein 
Tor ist, das in eine Riesenwelt der Gedanken hineinführt. Der 
Rahmen, durch den wir hineintreten, ist geschlossen, aber die 
Wege, die nun des weiteren verfolgt werden können, die sich 
immer wieder kreuzen und trennen, lassen in uns zunächst das 
Gefühl aufdämmern, daß wir uns in einem Labyrinth befinden. 
Die Versuchung, vom Wege abzuweichen, tritt hier so häufig, man 
möchte sagen, nach jedem Schritt ein, daß wir mit vollständigem Ziel- 
bewußtsein den Marsch antreten müssen. — Wagen wir den Marsch. 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 265 

Das Resultat des zweiten Buches war, daß wir zur Annahme 
folgender ursprunglicher Mythe gedrängt wurden: „Beim Sonnen- 
untergange wird die Sonne von einem Fisch verschlungen. 
Während der Nacht zieht sie in ihrem Nachtmeergefängnis, hier 
dem Fischbauche, dem Osten zu. Im Osten teilt der Sonnen- 
held das Ungeheuer und schafft wohl, um den Beginn des Tages 
so darzustellen, aus der unteren Hälfte die Erde, aus der oberen 
den Himmel." — Der Gedanke tritt uns überall sowohl als 
Sonnenaufgangssage, als auch direkt als Schöpf ungsmythe ent- 
gegen. Es ist immer das Meerungeheuer, welches geteilt wird 
und in welchem sich nachts der Sonnenheld befand. Es braucht 
nicht ein Fisch zu sein. Gerade so gut mag ein riesiger Polyp 
die Stelle vertreten, und es sei hier gleich auf die ozeanische und 
nordwestamerikanische Version hingewiesen, derzufolge ein Polyp 
des Nachts Himmel und Erde zusammenhält. Der Sonnenheld 
muß die Fangarme des Ungetümes abschlagen, um Himmel und 
Erde die Möglichkeit zu geben, sich zu trennen. Als es geschehen 
ist, kann der Himmel sich emporheben. Es wird Tag. — Auch 
hier wieder haben wir Gedanken des Nachtmeergefängnisses. — 
Und nachdem die Jungfraumutter den Knaben geboren hat, muß 
er wieder hinaus aufs Wasser, muß er im Kasten, im Faß, im 
Korbe, in der Dunkelheit dahintreiben, bis die Sonne seines sieg- 
reichen Lebens aufgeht. — Ist das wieder ein Nachtmeergefäng- 
nis? Ist dies wieder ein Bild des Sonnenaufganges? 

Wunderbar! Überall ist es das Meer! Packen wir die 
Mythenhydra bei diesem Kopfe. 

1. Die Urmeermythe. — Wir sahen, daß die alte Mytho- 
logie die Ereignisse des Tageskreislaufes zu Schöpfungmythen und 
zu Weltuntergangsmythen umgearbeitet hat. Zumal ersterer Fall 
drängt sich dem Beschauer immer wieder auf. Wie im Morgen 
der Fisch zerteilt wird, wird im Anfang der Dinge das Tiamat- 
wesen geteilt. Und genau hierangliedert sich der Satz an: „Im 
Anfang war das Meer." Es entspricht das dem ganzen Gange 
der Entwicklung, wie wir ihn bis hierher verfolgt haben, so voll- 
ständig, daß eine Beweisführung kaum vonnöten erscheint. Denn 
wenn die Sonne im Meere aufgeht, dann muß im Anfange die 



266 Drittes Buch. 

Schöpfung aus dem Meere erfolgen. Und wenn der den Sonnen- 
gott in seinem Bauche bergende Fisch zur Nachtzeit vom Westen 
nach Osten hinüberschwimmt, dann ergibt sich als selbstverständ- 
liches Bild für die alte Mythologie, daß die Erde auf dem Meere 
schwimmt. Und in der Tat ist dieser letztere Satz der zweite 
Teil der Urmeermythe. — Gehen wir kurz über die Tatsachen 
hinweg. Daß in Ozeanien im Ursprünge der Dinge das Land 
aus dem Meere gefischt wird, haben wir gesehen. Hieran schließt 
sich die besonders auf Timor und Celebes klar ausgesprochene 
Anschauung der Indonesier an, daß die Erde auf dem Meere 
schwimme. Bei den Battak kann die Erde in diesem Urmeere 
mehrfach untergehen. Bei der Schöpfung weiß das gestaltende 
Wesen sich kaum zurechtzufinden, und ein Vogel muß die erste 
Erdkrume bringen, aus der das Land geformt wird. Der Ge- 
danke zieht sich weit bis nach Hinterindien hinein. Oder aber 
auf den Philippinen bei den Bissargos: der im Uranfange durch 
die Welt schwebende Geier findet nichts als Wasser, und der 
Himmel muß erst die Inseln schaffen, ehe er zur Ruhe gelangen 
kann. Das Urmeer tritt uns in Amerika überall entgegen : von 
den nordöstlichen Algokin bis zu den Maidu Kaliforniens, von 
den Schiroki bis zu den Eskimo der Beringsstraße, um so zwei 
Diagonalen zu ziehen. Und von den Stämmen des Mississipi- 
beckens gelangen wir nach Süden zu der Angabe des Popol Vuh, 
die da zu sagen weiß, wie nur ein Urmeer und keinerlei Erde 
gewesen sei. Wasserwesen sind es, die in Peru aus dem Ur- 
beginne emporsteigen. Nach Asien zurück: In Assam legt der 
Phra die Erde auf den Rücken eines Fisches, und die Veden er- 
zählen immer wieder: „Im Anfang war das Wasser." Aus dem 
Wasser steigt Wischnu-Brahma empor. Die Mongolenchronik 
erzählt vom Urbeginne im Wasser, chinesische Weisen wissen 
aus der Bedeutung der Schöpfung aus dem Wasser wunderliche 
Dinge zu lesen; Jakuten, Teleuten, Tarantschi, Schor und alle 
Semitoiden haben das Urmeer. Es sind kleine Unterschiede, ob 
in Japan der Gott aus dem Meere die Inseln herausfischt, oder 
ob im alten Ägypten auf dem Urmeere Nu die Schöpfung erfolgt. 
Das eine ist mehr ozeanisch gedacht, das andere mehr diluvial. 
Und wie der Geist Gottes schon im alten Babylon über dem 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 267 

Wasser schwebte, so predigt der griechische Kosmolog gleiche 
Gedankenverbindungen. Verwischt ist die Mythe nur bei den 
nordischen Völkern. Aber Simrock kommt unabhängig von allen 
anderen Mythologien zu dem Ergebnis: „Da es zwölf Ströme 
sind, welche sich aus Hwergelmir ergießen, so lernen wir das 
Wasser als den Grundstoff erkennen,, aus dem Himmel und Erde 
gebildet sind." 

Also Einheit auf der ganzen Linie.*) Aber was bedeutet das 
Motiv, welches in dieser Weise ausgeprägt außerordentlich be- 
deutungsvoll erscheint? Ich will hier gleich sagen, daß es ver- 
schiedene Möglichkeiten gibt, das Problem dieser Mythe zu lösen. 
Wir können die Mythe nach drei Theorien erklären: 1. nach der 
Grenztheorie, welche sagt, daß die Mythe aus der Erfahrung 
entstanden sei, daß man überall an das Meer, als eine Grenze 
der Wanderschaft zu Lande, gekommen sei; 2. nach der Frucht- 
barkeitstheorie, derzufolge die Menschheit erkennt, daß die Erde 
sich immer erst dann mit der gesegneten Pflanzenwelt bedecke, 
wenn das Wasser im Regen oder in der Überschwemmung über 
das Land zieht; 3. nach der Sonnenaufgangstheorie, die wir oben 
schon erörtert haben. 

Es ist hier nicht meine Aufgabe, ohne weiteres die Beweis- 
führung von der Berechtigung jeder einzelnen Theorie auszuarbeiten. 
Ich erwähne die verschiedenen Auffassungsmöglichkeiten nur, um 
von vornherein einen objektiven breiteren Boden für die Kritik 
zu bieten. Betrachten wir die Mythe von dem Standpunkte aus, 



*) Diese Einheit geht noch weiter, und sei hier wenigstens in Anmerkung 
auf einige Ergänzungsstücke der alten Mythologie hingewiesen. — Das Meer, 
aus dem die Welt entstand, lagert um die Erde, und deshalb müssen auch 
die Seelen Verstorbener, wenn sie in das Jenseits gelangen wollen, stets, 
gleich der Sonne dieses Wasser passieren. So entstand die Idee des Styx, 
die ich bei allen Trägern der alten solaren Weltanschauung angetroffen 
habe. — Zum zweiten lagert das Meer, als Fischschlange personifiziert, um 
die Erde. Ich weise auf die die Welt umspannenden Meerschlangen der 
Inder, Japaner, Siamesen, Chaldäer, Phönizier und der nordischen Völker 
hin. Ich werde bei der Kalenderbesprechung auf sie zurückkommen und 
zeigen, daß auch die den Kalender der Mexikaner umgebende Schlange 
ihrem Ursprung nach wohl auf diese Weltmeerschlange, auf das den Sonnen- 
gott verschlingende Walfischwesen zurückzuführen ist. 



268 Drittes Buch. 

von dem wir in dieses Buch eingetreten sind, nämlich aus dem 
Cyklus der Walfischmythen heraus, dann werden wir uns selbst- 
verständlich dahin entscheiden müssen, daß, wenn der Sonnen- 
aufgang aus der Tiamatschöpfung erfolgt, daß dann konsequenter- 
weise auch in den Urbeginn ein Urmeer gesetzt werden muß. — 
Dies unsere vorläufige Auffassung. Wichtig ist aber auch, wieder 
einmal festgestellt zu haben, daß alle Mythologien in den wichtig- 
sten Punkten Grundeinheiten darstellen. Ich kann nicht oft genug 
sagen, daß im Vordergrunde dieses ersten Bandes — wenn er 
überhaupt als eine Beweisführung aufgefaßt werden kann — die 
Beobachtung zu stehen hat, daß bei aller provinziellen Diffe- 
renzierung der Mythologie in den einzelnen Provinzen die Einheit 
des Ausgangspunktes festgelegt werden muß. Wichtig ist es 
aber auch, klarzustellen, daß dieses Ausgangsbild eine große, 
vollendete Auffassung und Weltvorstellung enthält, sodaß also alle 
Differenzierung entweder einen Verfall oder eine Weiterentwicklung 
der vollendeten Weltanschauung darstellt. — Nochmals: die 
Weltanschauung war also vollständig ausgebildet, als die pro- 
vinzielle Differenzierung eintrat! Doch schreiten wir im Verfolg 
der Einheitsmythen weiter. 

2. Die Weltelternmythe. — Wir haben hier eine Mythe, 
welche sagt : „Im Anfang der Dinge lag Vater Himmel eng 
gepreßt auf der Mutter Erde", und zwar ist hinzuzufügen, daß sie 
sich in dieser Stellung begatteten. Die Mythe würde für uns 
zunächst im Rahmen der Weltvorstellung, die wir bis dato kennen 
gelernt haben, unverständlich sein, wenn sich nicht die Fort- 
setzung einstellte: „Der junge Sohn drängt die Eltern auseinander, 
sodaß der Vater als Himmel in die Höhe rückte." Wir haben 
hier also wieder eine Trennung und zwar, wie aus mancherlei 
Einzelheiten hervorgeht, eine Trennung von Himmel und Erde, 
die dem Sonnenaufgange und darum also der Tiamatteilung ent- 
spricht. Eine energische Teilung, die hieran besonders erinnert, 
haben wir in der Geschichte der Griechen. — Im übrigen finden 
wir die Auffassung vom Himmel als dem Vater und der Erde 
als der Mutter der Welt in ganz Ozeanien, in China, im alten 
Indien, bei den Semiten, Griechen und unseren nordischen Völ- 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 269 

kern. Auch in Amerika fehlt sie nicht, und die Zuin haben sie 
ganz besonders klar ausgesprochen. In Afrika ist sie in Joruba 
hervorragend schön ausgebildet: Im Anfange liegt Obatala der 
Himmel und Odudua die Erde, sein Weib, in einer Kalabasse 
fest aufeinandergepreßt. Da entsteht Streit und der edle Gatte 
reißt Odudua das Auge aus, worauf die Trennung der Kalabasse 
und das Emporsteigen des Himmels folgt. Dies Auge ist natür- 
lich die Sonne, die des Morgens aufgeht. Nicht immer liegt 
solche Klarheit vor. Aber wir können doch im gesamten Nord- 
und im östlichen Afrika die Anschauung nachweisen, daß der 
Himmel einst ganz nahe auf der Erde lag und daß ein Held 
ihn erst emporstößt. Ich habe schon früher bewiesen, daß in 
diesem Falle die afrikanische mit der ozeanischen Mythe genau 
übereinstimmt. (Siehe „Weltanschauung der Naturvölker".) Etwas 
anders entwickelt die Sache sich in Amerika, wo dieses Auf- 
einanderliegen von Himmelsvater und Erdmutter aber noch in 
einer anderen Mythe nachklingt, deren Entstehen aus dem vor- 
liegenden Motiv bei breiterem Baume leicht nachgewiesen werden 
kann. Ich meine die Mythe vom Ursprünge der Menschen aus 
einer Höhle, die unter der Erde liegt. Erstaunlich ist die Über- 
einstimmung im Mississippibecken und bei den Guyanastämmen, 
bei welchen beiden eine dicke Frau in der Durchgangsöffnung 
stecken bleibt, in der wir die alte Mutter Erde erkennen, 
während die Männer, die Vertreter des Himmelsvaters, schon 
aufgestiegen sind. 

In den Nebenerscheinungen dieser Mythe klingen für uns 
wesentliche Tatsachen des Nachtgefängnisses nach. Es ist kein 
Licht, als die beiden aufeinander liegen und vor allen Dingen: 
„die eingeschlossenen Kinder sind arg beengt". Das ist das 
Nachtgefängnis, welches dem Sonnenaufgange vorausgeht. (Des 
weiteren vergleiche Kapitel XIV.) 

3. Die Ureimythe. — Diese Mythe erzählt: „Im Ursprünge 
schwimmt ein Ei auf dem Wasser. Als es aufbricht, sinkt die 
untere Schale als Erde nieder, während die obere zum Himmel 
emporsteigt in dem Augenblick, als der Sonnen vogel emporfliegt." 
— Hier liegt eine Konsequenzmythe vor. Die Voraussetzung ist 



270 Drittes Buch. 

die Auffassung, daß die Sonne des Morgens gleich einem Vogel 
in die Lüfte steigt. Die Sonnenvogelmythe, auf die schon anderen 
Ortes hingewiesen wurde, findet sich bei den sämtlichen Trägern 
der alten solaren Weltanschauung. Wenn des Morgens die Sonne 
als Vogel emporsteigt und außerdem die Anschauung vorliegt, 
daß die Sonne in der vorhergehenden Nacht irgendwo im Dunkeln 
eingeschlossen war, dann ergibt sich die selbstverständliche 
Folgerung, daß die junge Sonne sich eben vorher noch in ihrem 
Ei befand. Wir verstehen also diese Mythe ohne weiteres. — 
Die Angabe, daß die Welt aus einem Ei entstanden sei, finden 
wir bei den Ozeaniern (Hawai, Neuseeland, Rajatea, Tahiti, 
Fidschi etc.), bei den Malaien, bei den Battak und Verwandtes 
wohl auf allen Inseln; denn es wird uns erzählt, daß die Ur- 
ahnen aus dem Ei hervorgegangen wären, oder daß die Sonne 
aus einem Ei geschaffen wäre etc. Bei den Amerikanern haben 
wir das Ei, aus dem nach yukatekischer, noch heute kursierender 
Legende der Held ausgebrütet wird, das Ei, aus dem der König 
von Acolhua hervorkommt, die Eier, aus denen die hohen Edel- 
leute und Fürsten des alten Peru entstehen. Wir haben auch 
eine Variante an der Beringstraße , derzufolge der erste Mensch 
aus einer Erbsenschale geboren wird. Des ferneren haben wir 
das Weltei in China, in Indien, in Persien. In Japan kommt 
der Sonnenheld zwar nicht aus dem Ei hervor, aber aus einem 
Pfirsich, und auf Korea entsteigen den Kürbissen die Gaben des 
Jenseits. Wir haben das Urei bei den Phöniziern. Im alten 
Ägypten entsteigt Phta, „der Uranfängliche" oder „der Eröffner", 
dem Ei. In Nordafrika haben wir den Kalabassenursprung der 
Welt, und in Europa entsteigt allen Märchenbildungen einmal ein 
göttliches Wesen aus einem Ei. Ich brauche nicht auf die ver- 
schiedenen Eier der griechischen Mythologie hinzuweisen und 
möchte nur bemerken, daß nach der Ansicht des alten Petersen 
bei den nordischen Germanen einmal die Mythe geherrscht hat, 
daß die Welt aus einem Ei geschaffen sei. Über die eigeborenen 
Helden der Slaven hinweggehend, kommen wir im Norden zu den 
berühmten Eiern der Finnen, aus denen der Held Himmel, Sonne, 
Mond und Sterne schafft. Also auch hier Einheitlichkeit in der 
Anschauung. Im allgemeinen ist es die Sonne, die aus dem Ei 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 271 

geboren wird, oder der Sonnenheld, oder auch das Sonnen- 
geschlecht. — Im Urei dürfen wir also eine weitere Variante 
des Nachtgefängnisses erblicken, welches um so interessanter ist, 
wenn es, wie es meistens der Fall ist, auf dem Wasser vor 
dem Sonnenaufgang schwimmt. 

4. Die Blüten- und Rohrursprungsmythen. — Eine der 
wunderlichsten aber auch graziösesten Bildungen der alten My- 
thologie stellt die Auffassung dar, daß die Sonne, wenn sie des 
Morgens aufgeht, aus einer geschlossenen Blütenknospe empor- 
steigt. Wir haben wohl hier eine einfach morphologische Vor- 
stellung zunächst, denn wenn wir an unsere „Sonnenblume" 
denken, dann sehen wir, wie nahe der Vergleich der Sonne mit 
einer Blume liegt, zumal, wenn dieselbe sich immer dem Lichte 
zuwendet. Wir sahen nun oben auf Seite 252, wie der junge 
Sonnengott in Kambodja in der Blütenknospe verborgen und er- 
halten wird. Aus solcher Blütenknospe kommt nach Plutarchs 
Angabe jeden Morgen die Sonne aus dem Wasser; aus dieser 
Blütenknospe steigt Brahma empor; aus dieser Blütenknospe wird 
in Assam das erste Menschenpaar geboren: sie stellt das erste 
Götterwesen der japanischen Mythologie dar. — Eine eigenartige 
Variante, die aber einem verhältnismäßig kleinen Kreise angehört, 
in dessen Peripherie wir auch sonst die Auffassung eines weib- 
lichen Sonnengottes als einer jüngeren Bildung unter arioidem 
Einfluß nachweisen können, läßt aus dieser Blume eine Jungfrau 
erwachsen. So ist es in Korea. Auf Sumatra läßt sich das Ur- 
mädchen auf ihr nieder und in Madagaskar wird aus ihr das 
Ideal der weiblichen Schönheit geboren. — Ich weiß nicht genau 
anzugeben, in wieweit die Blütengeburt mit der Rohrursprungs- 
geburt zusammenhängt. Aber die Rohrursprungsmythe ist sicher- 
lich eine außerordentlich alte Variante des Nachtmeergefängnisses. 
Wenigstens ein Beispiel mag hier erläutern, wie die offenbar ältere 
Form der Inselbewohner sich in der etwas verwirrten Variante der 
Küstenbewohner umbildet. Wir vergleichen hier eine Mythe der 
Mikronesier mit einer solchen der Nordwestamerikaner: Nach einer 
Erzählung von den Palauinseln beschlossen einige Eingeborene, 
nämlich vier Männer, der Sonne einen Besuch abzustatten. Die 



I 



272 Drittes Buch. 

Sonne wohnt in einem Hause im Westen unter dem Meere. Sie 
folgen also dem Tagesgestirn bis zu der Stelle, wo, wie wir oben 
sahen (siehe Seite 78) der Dengesbaum wächst. Von dem Grunde 
ihres Kommens benachrichtigt, heißt die Sonne sie, ihre Kanoes 
treiben zu lassen und ihr dann rasch zu folgen. Dies tun sie 
denn auch und finden sich bald in einem neuen Lande und in 
einem guten Hause, wo sie von der Sonne ausgezeichnet bewirtet 
werden. Die dargebrachten Speisen sind zwar winzig klein be- 
messen, sie werden aber trotz des Zugreifens nicht weniger. Als 
sie heimkehren wollen, ihre Fahrzeuge aber weggetrieben sind, 
da schließt die Sonne sie in ein dickes Bambusrohr, das damals 
in Palau noch unbekannt war, und so treiben sie in demselben 
dem Ufer der Heimat zu. Sie werden die vier ersten Häuptlinge 
des Landes. — Hören wir als Ergänzung hierzu die elfte Mythe 
der Tsimschian in Nordwestamerika nach Boas: Der Held und 
seine drei Schwäger, also ebenfalls vier Männer, ziehen zur See- 
hundjagd aus. Als sie am Abend müde sind, ausruhen, und so- 
mit den Anker auswerfen wollen, fällt derselbe auf das Dach 
Nugunaks, eines Walfisches, dessen Name wörtlich übersetzt „irr- 
tümlich für Wasser gehalten" bedeutet. Nach einem kurzen 
Zwischenspiel, in dessen Verlauf ein Bote Nugunaks vernichtet 
wird, ergreift mitten in der Nacht Nugunak das Boot und zieht 
es auf den Grund des Meeres. Als die vier Männer am Morgen 
aufwachen, sehen sie sich im Bereich der Fische und treten in 
das Haus des Häuptlings, der sie aber freundlich aufnimmt. Er 
schenkt dem Helden seinen Mantel, der . ganz aus Seegras gear- 
beitet ist, und lad ihn ein, dort zu bleiben. Der Held will sich 
durch Geschenke revanchieren und Nugunak macht nun aus den 
kleinen Geschenken große Mengen. Es folgt ein Fest. Abends 
setzen die vier Männer sich dann wieder ins Boot, und als sie 
wieder erwachen, hat Nugunak sie an die Oberfläche des Wassers 
zurückgebracht. Früh morgens, als der Mann im Bug des Bootes 
erwacht, fühlt er dasselbe auf dem Wasser schaukeln. Als die 
vier Männer um sich schauen, sehen sie, daß Tang und Seegras 
auf ihrem Körper und ihren Kleidern und dem Boote festgewachsen 
ist. — Vergleichen wir die beiden Mythen, so fallen Überein- 
stimmungen in so großer Zahl auf, daß wir erkennen können, in 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 273 

welchen Punkten sie zusammenhängen. Vier Männer gehen am 
Abend im Westmeere unter, machen dort die Bekanntschaft der 
berühmten Eigenschaft der Sonne, nämlich der Vermehrung (vgl. 
unter Sonnenspeise im Index des zweiten Bandes) und werden am 
Morgen zurückgebracht. Auf der einen Seite kommen sie zurück 
im Bambusrohr, auf der andern in dem Mantel aus Seegras. 
Das Nachtgefängnis der Sonne ist hier also sehr deutlich ausge- 
sprochen. • Der Unterschied der beiden Versionen beruht darin, 
daß in der mikronesischen Mythe der Besuch bei der Sonne statt- 
findet und in der nordwestamerikanischen bei dem Walfisch. Da 
die Fahrt nun ursprünglich eine solche des Sonnengottes gewesen 
sein muß, so haben die Nordwestamerikaner also sehr viel mehr 
Eecht. Bei einem andern Volke derselben Gegend, bei den Heilt- 
suk, findet sich bei Boas unter 5 eine weitere interessante Vari- 
ante, deren Einzelheiten uns noch einige Reste des Kampfes mit 
dem Fischverschlinger erkennen lassen. 

Ich glaube nicht, daß es nötig ist, hier viel hinzuzufügen. 
Es ist sicher, daß wir als eine neue Variante des Nachtgefäng- 
nisses hier das Bambusrohr bezeichnen müssen. Diese Version 
konnte sich natürlich nur erhalten, wo der Bambus in gehör% x 
großer Form heimisch ist, und es verschwindet deshalb an den 
Grenzen einer pflanzengeographischen Region. Wie es sich um- 
bildet, das haben wir eben ganz deutlich gesehen : Aus dem Rohre 
wird ein Seegrasmantel. Dies Spiel läßt sich nun überall wieder- 
erkennen. Als Maui nach der Geburt auf Neuseeland ins Wasser 
geworfen wird, umfängt ihn Seegras. Wenn in ganz Indonesien 
und in Hinterindien das erste Menschenpaar aus dem Bambus 
hervorkommt, dann entspricht dem die polynesische Mythe, nach 
der das erste Menschenpaar aus dem Seegras beim Verfaulen ent- 
steht. In Südafrika, wo der Bambus auch nicht mehr ist, kommt 
das erste Menschenpaar aus einem hohlen Baume. In der be- 
rühmten Südostecke Neuhollands, die die außerordentlich reiche 
Befruchtung durch ozeanische Mythologie erfahren hat, wird der 
erste Mensch aus Baumknoten herausgeholt. 

Aber es lassen sich noch sehr viele Merkmale zeigen, aus 
denen der Ursprung der Sonne aus dem hohlen Bambus nachzu- 
weisen ist. Der wahrscheinlich aus Indien stammende Dionysos- 

Frobenius, Sonnengott. I. 18 



274 Drittes Buch. 

mythus der Griechen läßt diesen Gott aus dem hohlen Baum 
kommen. In Ägypten wächst nicht nur Horus aus dem hohlen 
Baume heraus, sondern in seiner Nachtfahrt wird Osiris in dem 
berühmten Baume eingeschlossen, aus dem ihn Isis herausschält. 
So sehen wir das Motiv sich überall etwas umbilden, aber in den 
meisten Formen doch noch nachklingen. Wenn das Bambusrohr 
auch außerordentlich vielartig umgebildet wird, so ist doch meisten- 
teils das das Rohr vertretende Material dem Seestrande oder dem 
Sumpfe entnommen oder es treibt auch wohl auf dem Wasser 
einher. Hübsch ist eine kleine Pointierung, die" wir bei den Na- 
wahos antreffen. Nach dem Diebstahle kommt die Flut. Die 
Menschen fliehen. Da kommen die Helfer, die in aller Eile Rohre 
aufwachsen lassen. In die Rohre werden die von der Flut Ver- 
folgten aufgenommen, das Rohr wächst und wächst bis in die 
nächste Welt hinein. Sie sind glücklich von der Flut verschont; 
— da haben wir wieder das auf dem Wasser schwimmende Rohr, 
das Nachtmeergefängnis, da haben wir, — doch nun komme ich 
in ein böses Gebiet: Sintflutmythe! Da breche ich lieber ab, 
um ein neues Stück zu beginnen. 

Fassen wir den vorliegenden Stoff zusammen, dann glaube 
ich etwa folgende Hauptversion der Mythe geben zu können: 
Des Morgens treibt der Rohr mit der Sonne im Osten ans Land 
und beim Aufspalten des Bambus geht die Sonne auf. Daß wie 
die Sonne auch die ersten Menschen entstehen, treffen wir immer 
wieder. Es dürfte kaum nötig sein, dies noch zu beweisen, ich 
möchte aber hier auf einige der wesentlichsten Parallelen hinge- 
zeigt haben: Wie die Sonne im Osten aus dem Ei hervorbricht, 
so entstehen die ersten Menschen aus dem Ei; wie die Sonne 
aus dem Bambus heraustritt, so werden auch beim Spalten 
des Bambus die ersten Menschen ans Tageslicht gebracht; wie 
die Sonne abends verschlungen und morgens ausgespien wird, 
so werden alle Menschen des Abends verschlungen und des 
Morgens vom Sonnenhelden wieder befreit. (Des weiteren vergl. 
Kap. XIV.) 

5. Die Aussetzungs- und Sintflutmythe. — Ich setze 
hier zweierlei nebeneinander, von dem eine Gruppe im vorigen 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 275 

Kapitel und im Anfange dieses schon zur Sprache gekommen ist. 
An Texten habe ich im Anschluß an die Jungfraumuttermythe 
wohl schon Genügendes geboten, um ein für allemal eine grund- 
legende Übersicht gewonnen zu haben. Wenn ich diese Ausset- 
zungsmythe, der bisher nicht die genügende Beachtung geschenkt 
wurde, der Sintflutmythe parallel stelle, so trete ich in ein Wes- 
pennest. Jede Wissenschaft hat ihre Liebhabereien, die Mythologie 
hat diejenige des Spielens mit der Sintflutmythe. Nachdem nun 
schon eine große Reihe von Arbeiten im Laufe eines Jahrhunderts 
über diesen Stoff herausgebracht wurde, die mehr oder weniger 
unwissenschaftlich war, ist seit dem Jahre 1891 eine ernstere 
Bearbeitungsweise eingetreten. Richard Andree begann damit, daß 
er einen großen Teil der Flutsagen (etwa 80) sammelte und eine 
Untersuchnng vornahm, die sowieso einmal gemacht werden mußte. 
Er bemüthe sich nämlich, festzustellen, ob die Flutmythen nicht 
bei den verschiedenen Völkern als Erinnerungen an Katastrophen 
des Naturlebens aufzufassen seien. Richard Andree hat dies im 
großen und ganzen bejaht, hat die gemeinsamen Züge teilweise 
auf christlichen Einfluß zurückzuführen und teilweise als lokale, 
selbständige Bildungen hinzustellen versucht. Die Arbeit ist in- 
sofern wesentlich, als sie vor allen Dingen zum erstenmal eine 
solche Frage monographisch zu entscheiden sucht. Es ist zu be- 
dauern, daß Andree nicht die Frage erörtert hat, in wieweit denn 
überhaupt Mythen als historische Reminiszenzen aufzufassen sind. 
Hätte Andree Parallelen gesucht, dann hätte er nicht eine einzige 
von Belang gefunden. Es giebt bei Naturvölkern keine his- 
torischen Mythen, Dieser Satz ist nicht etwa meine Ent- 
deckung, sondern er ist schon mehrmals von Mythensammlern 
ausgesprochen worden, wenn auch vielleicht noch nicht in gene- 
reller Weise, so doch immer hinsichtlich derjenigen Gebiete, die 
die betreffenden Forscher kannten. Diesem Satze zufolge ist die 
Lösung Andrees also falsch. Wie verhält es sich nun mit dem 
christlichen Einfluß? — In der Tat befinden wir uns hier in einem 
Dilemma, und ich möchte persönlich den Vorschlag machen, daß 
man nach Möglichkeit von der Betrachtung derjenigen Mythen, 
die bei den Missionaren zur Belehrung so außerordentlich beliebt 
sind, so lange Abstand nimmt, als nicht das Grundgerippe der 

18* 



276 Drittes Buch. 

gesamten Mythologie wenigstens in den grundlegenden Struktur- 
Verhältnissen klar gestellt ist. 

Nach der Arbeit Richard Andrees ist noch viel Material be- 
kannt geworden, und es läßt sich die Zahl der entsprechenden 
Mythen, die seitdem aufgeschrieben wurden nebst denen, dieAndree 
schon sammelte und denen, die derselbe übersehen hat, auf etwa 
200 berechnen. Also haben wir es mit einer der verbreitetsten 
und beliebtesten Mythen auch dann zu tun, wenn wir die Zahl 
in Parallele zu der solcher Mythen setzen, die in der christ- 
lichen Mythologie nicht enthalten sind. Der Stoff hat natürlich 
angeregt und ist weiter verwertet worden. Die entsprechende 
Arbeit von Usener, die ich leider nur nach Citaten kenne, war 
mir nicht zugänglich. Dagegen hat mich Dr. Böklen mit seiner 
im Archiv für Religionswissenschaft erschienenen Monographie 
erfreut. Das ist ein schönes Stück, wie es uns bitter nottat. 
Seltene semitoide Formen sind hier verwendet, und es ist eine 
Auslegung der Mythe durchgeführt, die auch einmal sehr gründ- 
lich zur Erwägung kommen mußte. Böklen faßt die Sache als 
Mondmythe auf und führt diesen Gedanken durch. — 

Wie gesagt, möchte ich heute nicht so schnell in eine Dis- 
kussion betreffend die Sintflutmythen eintreten. Wir haben einen 
ziemlich komplizierten Stoff, und es ist absolut falsch, diese kom- 
plizierten Materien durch schroffe Urteile für die Weiterverwertung 
auszutrennen. Etwas ähnliches werden wir im letzten Buche in 
Bezug auf die Ogrenmythen sehen. Derartig komplizierte Gebilde 
verlangen eine Kenntnis der primitivsten Formen der Auffassung, 
und zu diesen einfachsten Formen gehört z. B. die Frage des 
Personenbestandes. Ich will wenigstens einige Worte hierüber 
sagen. Es ist ja sicher, daß wir im großen und ganzen einen 
Sonnengott für die solare Auffassung feststellen müssen. Außer- 
ordentlich schwach ist daneben auch eine Sonnengöttin erkennbar, 
sie ist so schwach erkennbar, daß ich mich nicht getraue, zu 
behaupten, sie sei der alten solaren Weltanschauung schon bekannt 
gewesen. Zum andern haben wir eine ganz klare Mondgöttin. 
Spuren eines entsprechenden Mondgottes sind dagegen schwach 
oder selten. Die Spuren sind so kümmerlich, daß ich auch hier 
davor warnen muß, ohne weiteres den lunaren Gott für die alte 



Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 277 

Form der solaren Weltanschauung anzunehmen. Ihn lediglich auf 
Grund der Flutmythe gar als Zentralgott der alten Weltanschau- 
ungsform hinzustellen, muß ich als sehr bedenklich bezeichnen. 
Wir dürfen doch niemals eine einzelne Mythe als Grundpfeiler 
für die ganze riesengroße Mythologie hinstellen. Eine Mythe ist 
nur ein Stück, das nach allen Seiten hin verbunden ist. Sicher- 
lich hat es in der alten Mythologie Widerspruche gegeben. Diese 
Widersprüche werden aber nur im Stoff, in der Geschichte und 
nicht in den Personen bestanden haben, da diese Personen ja 
durch die ganze Form der Naturbetrachtnng festgelegt waren. Die 
Geschichten standen nicht vor den Augen der Menschen, wohl 
aber diese Personen und deshalb bezeichne ich es als eine Haupt- 
aufgabe der Mythologie zunächst einmal ein Personenverzeichnis 
dieses riesengroßen dramatischen Werkes zu gewinnen. 

Also ohne weiteres einen lunaren Gott zu konstruieren, halte 
ich für bedenklich. Ich erachte es um so bedenklicher, als die 
Grundzüge der Sintflutmythe so sehr entfernt nicht liegen. Wir 
müssen uns aber an die einfacheren Formen halten. Z. B. als 
Maui das Feuer gestohlen hat, braust hinter ihm her die Flut. 
Als Yeti die Sonne befreit hat, steigt hinter ihm die Flut empor. 
Als der Navahosheld in der vorigen Welt den Diebstahl ausge- 
führt hat, braust die Flut heran. Als Odysseus den Polyphem 
geblendet hat, tritt eine Katastrophe ein, die doch zuletzt auch 
eine Flutmythe ist, und wir finden dasselbe in der Jasonmythe, in 
der Manabozhomythe , in südafrikanischen Versionen. Das sind 
einfache, natürliche Anknüpfungspunkte. Eben solche Anhalts- 
stellen bietet die Rohrursprungssage. Einen ähnlichen Stoff finden 
wir fast in allen Mythen, die im vierten Buche dieses Bandes kurz 
zur Besprechung gelangen, — d. h. also in allen Ogre- und Feuer- 
diebstahlmythen. Und in diesen dürfen wir nicht vom Monde 
sprechen. — Bedenklich erscheint es mir außerdem, gerade den 
Mond einzusperren. Nach einfacher Naturvorstellung könnte der 
Mond natürlich nur dann eingesperrt sein, wenn er nicht zu sehen 
ist. Viel natürlicher erscheint mir die Einsperrung des Sonnen- 
gottes, welcher sowieso am Westrande dem Auge entrückt wird 
und dem man naturgemäß, weil er ja doch am nächsten Morgen 
statt im Westen im Osten auftaucht, irgend etwas zudichten muß. 



278 Drittes Buch. Göttinnen: Nachtmeergefängnis. 

Ich glaube hier haben wir einen natürlichen Anhaltepunkt, der, 
wenn überhaupt einmal das Denken und Fabulieren über solche 
Punkte anfängt, zum Markstein werden kann. Im Westmeere geht 
er unter, im Ostmeere taucht er auf. Was geschieht inzwischen? 
Die Walfischmythe ist eine sehr einfache Lösung. Sie ist uns in 
sofern verständlich, als von der Tätigkeit in dem Bauche nichts 
gesagt wird, bis die Darstellung des Sonnenaufganges erfolgt. 

Am meisten Ähnlichkeit haben unter allen Nachtmeergefäng- 
nisdarstellungen die Sintflutmythe und die Aussetzungsmythe. Ihnen 
schließt sich die Rohrursprungsmythe in einer gewissen selbstver- 
ständlichen Klarheit an. Die ganze Gruppe der Erscheinungen 
basiert auf der Vorstellung von dem erdumspannenden Meere, eine 
Vorstellung, die sich für den Mond nicht beweisen läßt. Ich werde 
ja allerdings in dem XHL Kapitel die Bedeutung des Mondes als 
des Wassergestirnes zeigen. Aber eine Angabe von einem auf 
dem Wasser schwimmenden Mond läßt sich wohl nur im Bereiche 
der semitoiden Mythologie erkennen. Ich glaube deshalb nur der 
Erdumgebung die eigentliche Meerfläche zusprechen zu dürfen, und 
da in dieser Meerfläche die Sonne auf- und untergeht, so werden 
wir auch all diese Nachtgefängnisse auf den Sonnengott beziehen 
müssen, wenn wir zunächst auch nicht immer wissen, in welchem 
Punkte des Naturlebens wir die entsprechende Variante einzu- 
fügen haben. 

Ich werde im vierten Buche nochmals auf dieses Nachtmeer- 
gefängnis zurückkommen müssen, wenn wir den Höhlenbewohner, 
den Ogren kennen lernen. Wir werden dann sehen, daß diesem 
subteranen Nachtmeergefängnis der Sonne wahrscheinlich eine 
cölare Nachthöhle entspricht, daß wir den Nachthimmel als eine 
Höhle aufzufassen haben, in der der Ogre lebt. 

Ich habe mich nunmehr aber von der edlen Weiblichkeit, der 
wir dieses Buch ja gewidmet haben, ziemlich weit entfernt und 
muß deshalb schleunigst in das Bereich der Geliebten meines 
Gottes zurückeilen. 



XII. 

Die Mädchenangelmythe. 

Wir haben uns im vorigen Kapitel eingehend mit dem Nacht- 
meergefängnis beschäftigt. Jetzt, wo wir zu einer neuen einge- 
henden Mythenbetrachtung bei sorgfältiger Berücksichtigung der 
Personenverhältnisse zurückkehren, wollen wir zunächst auch noch 
ein Wort zum Personenbestande der im X. Kapitel behandelten 
Jungfraumuttermythe sagen. Wir haben entsprechend un- 
serem Wege die jungfräuliche Mutter des jungen Gottes, jene 
Jungfrau, die durch einen Sonnenstrahl oder durch das Verzehren 
des Apfelsonnenballes geschwängert ist, als das jungfräuliche 
Meer aufgefaßt. Sollte . dies wirklich der alten Anschauung ent- 
sprechen? Sollte das Meer mit einer Jungfrau verglichen worden 
sein? Ich muß hier selbst, entsprechend einer objektiven Be- 
trachtungsweise, der Skepsis das Wort verleihen und diese Skepsis 
weigert sich, die Auffassung des Meeres als einer Jungfrau an- 
zuerkennen. Denn nirgends im Bereiche der Naturvölker habe 
ich eine Angabe finden können, derzufolge das Meer als eine 
Jungfrau bezeichnet wird. 

Hier habe ich aber den großen Wert der Mythologien der 
Naturvölker gegenüber denen der Kulturvölker zu betonen: Die 
Naturvölker bezeichnen immer selbst noch in irgend einem Reste, 
wie um das entschwindende Gedächtnis zu stärken, die ursprüng- 
liche Bedeutung irgend einer Figur. Sie tun es meist nicht in 
der Mythe, wohl aber gelegentlich und nebenbei. Und da finde 
ich nirgends die Betonung des Meeres als einer Jungfrau. 

Wir werden uns also nach anderer Richtung wenden müssen, 
werden Umschau halten müssen unter den Göttinnen, die sich 
den Helden und Göttern in Liebe zuwenden. Dabei werden wir 
immer ganz klar beobachten müssen, wo etwa Beziehungen zwischen 



280 Drittes Buch. 

den Personen der einen Mythe und Personen anderer Mythen be- 
stehen. Denn die Personen haben bestimmte Eigenschaften be- 
halten und mit dem Personenbestande sind die einzelnen Motive 
verbunden, ja verwachsen. 

Soweit die Personen. — Was nun die Bühne anbelangt, auf 
der die einzelnen Ereignisse der Mythologie sich abspielen, so 
können wir feststellen, daß auch hier eine gewisse Gleichheit und 
ein logischer Zusammenhang besteht. Eine bestimmte Scenerie 
stellte das Meer dar, welches wir nunmehr schon in mehreren 
Mythenakten angetroffen haben. Fassen wir die Ergebnisse kurz 
zusammen, so sind wir nach dem Bisherigen wohl berechtigt, zu 
vermuten, daß das Meer entweder der Nacht selbst oder dem- 
entsprechend der Winter- resp. Regenzeit, der Zeit der kürzeren 
Tage oder drittens den Verhältnissen und dem Raum der dem 
Sonnenaufgang resp. dem Frühlingsanfang vorhergehenden Urnacht 
entspricht. 

Und nun wolle mir der Leser freundlichst in das Bereich 
einer neuen Mythe folgen. Er wolle beachten, — um dies wenig- 
stens vorherzusagen, — daß in der Mädchenangelmythe der Angel- 
haken durch eine Harpune, einen Pfeil, ja sogar durch ein Rinden- 
stück ersetzt werden kann. 



Die Mädchenangelmythe in Ozeanien. 

A. Palauinsel in Ozeanien. — (Die Mutter des Helden ist hier 
die aus dem Meere hervorgestiegene Mädchenschwanenjungfrau, 
die zu einem Häuptling entflieht und hier dem Knaben Atmolokot 
das Leben gibt. Näheres siehe nächstes Kapitel.) Der Knabe 
machte sich im Hauswesen bald nützlich. Einige Neffen seines 
Vaters schnitten Palmwein in Ngarulumuong und Atmolokot frug, 
ob er nicht das Essen bringen dürfte, was der Vater ungern er- 
laubte, weil diese Neffen eine wundervolle Lampe besaßen, die 
nur aus zwei Perlmutterschalen bestand und ohne zu brennen 
ein prachtvolles Licht gab. Nun gebot er dem Sohne, bei dem 
Essenbringen immer laut zu singen, damit die im Hause ihn 
hören und so die Lampe zeitig verstecken könnten. Das fiel 
dem Knaben auf, und er handelte eines Tages wieder das Verbot 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 281 

und kam schweigend, wobei er die Perlmutterschalen zu Gesicht 
bekam. Nun hatte er keine Ruhe mehr und verlangte sie zu 
haben. Augel Roysa schnitt ihm ein Stück von einer der Schalen 
ab und machte ihm daraus einen Fischhaken (Leihen), dann gab 
er ihm auch eine Leine und Atmolokot fischte nun jeden Tag an 
der Spitze des Ngaraboso-Steindammes. Jedesmal, wenn er heim- 
kehrte, mußte er dem Vater den Haken zeigen; es traf sich aber, 
das ihm eines Tages ein Fisch den Haken abbiß, und er kam 
sehr unmutig nach Hause (Verlust). Der Vater zürnte ihm sehr 
(Zwist) und nannte ihn das Kind einer dummen Mutter, die er 
auf dem Wege gefunden hätte und er sprach mit der Mutter, die 
nun den Verlust erfuhr und zu Adalal ging, Hülfe zu suchen. 
Sie riet ihm, Asche und etwas von dem Karamalholze zu nehmen 
und diese von der Spitze des Steindammes in die See zu werfen, 
sich aber selbst dann nachzustürzen. Atmolokot gehorchte dem 
Rate und sprang in die See (Meer fahrt) und fand sich in dem Lande 
Adatk. Unterwegs kamen ihm die Fische entgegen usw. Nach 
dem Lande Adatk folgte ihm nur ein Tudalem. Die beiden saßen 
an einer Quelle, als Mädchen kamen, Wasser zu holen (Wasser- 
holendes Mädchen). Auf die Frage, weshalb sie das täten, .ant- 
worteten sie, daß die Lilituguu im Sterben liegt und sie holen 
Wasser für sie, und wie er befragt wurde, wer er sei, antwortete 
er: audugul ma kewit! und weiter nichts. Dies berichteten nun 
die Mädchen im Hause, und die Fremden wurden ins Haus ge- 
laden. Die kranke Frau (Kranke Alte) war erstaunt über die 
Ähnlichkeit des Atmolokot mit ihrer Tochter und sie fragte, wer 
seine Mutter wäre und erfuhr so, daß der Fremde ihr Enkel sei. 
Dieser frug nun nach der Ursache der Krankheit, die ein Hals- 
leiden war, und da der Tüdalem, der den Atmolokot begleitete, 
sich sehr komisch benahm und tanzte, so fing die alte Frau zu 
lachen an, wobei ihr aus dem Munde ein großer Fischhaken her- 
ausfiel (Ausspeien), den Atmolokot als den seinen erkannte und 
rasch (Heimliches Verstecken, etwas unklar) in seinen Korb nahm. 
Nun erholte sich die Frau wieder und sagte zu ihrem Enkel, er 
möge nach seiner Heimat gehen, und wenn er wieder angeln 
würde, so könne er aus dem Adatklande, das ihm nun gehöre, 
alles heraufholen, was er wolle, und wenn er einmal die Angel 



282 Drittes Buch. 

sehr beschwert finde, so solle er vorsichtig weiter ziehen, denn 
es wird sein Land sein. (Es folgt darauf die Landangelsage. — 
Das Motiv Heirat fehlt hier. Das einzige Restchen der Beziehung 
ist, daß der Jüngling das Mädchen beim Wasserholen trifft. An 
Stelle des Mithinaufnehmens des Mädchens tritt hier also das 
Heraufziehen des Landes.) 

B. Minahassa. — Kawulusan von Pasambangko wollte auf 
dem Meere fischen; da er aber keine Angel hatte, lieh er eine 
von seinem Freunde {Leihen). Er ging nun in einem kleinen 
Kahn auf den See, um zu fischen. Bald schnappte ein Fisch 
zu, aber als er ihn herausziehen wollte, riß die Schnur und die 
Angel war fort {Verlust). Mit bekümmertem Gemüt kehrte Ka- 
wulusan nach Hause zurück und erzählte seinem Freunde das Ge- 
schehene. „Meine Angel mußt du mir wiedergeben; wenn du 
mir auch zehn andere dafür gibst, so werde ich sie nicht an- 
nehmen!" {Zwist) Nun ging Kawulusan wieder nach der See 
zurück, um die verlorene Angel zu suchen. An der Stelle, wo 
er sie verloren hatte, sprang er ins Wasser und tauchte nach 
unten (Meerfahrt). Alsbald fand er auf dem Meeresgrunde einen 
gebahnten Weg, der ihn nach einem Dorfe führte. In einem der 
Häuser dieses Dorfes hörte er viel Getöse und Gejammer, da man 
ein Schwein opferte für ein Mädchen (Mädchen), welchem eine 
Gräte in die Kehle gefahren war (Krankheit). Kawulusan, der 
hineingegangen war, sah sogleich, daß seine Angel in der Kehle 
des Mädchen steckte. „Es ist nichts", sagte er zu den Eltern, 
„ich werde ihr Arznei geben, dann wird sie bald gesund sein." 
Nun ließ er alle herausgehen, und als er mit der Tochter allein 
war, zog er die Angel vorsichtig aus der Kehle (Ausspeien) und 
verbarg sie in seiner Kleidung (Heimliches Verstecken). Darauf 
kehrte Kawulusan mit den von den Eltern erhaltenen Geschenken 
(an Stelle des mitgegebenen Mädchens) zurück. Doch als er an 
den Platz kam, war sein Kahn verschwunden. Als er über dieses 
neue Unglück noch trauerte, erblickte er einen großen Fisch. 
Sogleich bat er ihn mit den Worten: „Wenn du mich glücklich 
an das Ufer bringst, werde ich dir den Namen Pongkor sume- 
sengkat geben." Da seine Bitte Erhörung fand, setzte er sich 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 283 

auf den Rücken des Fisches, der mit erstaunlicher Schnelligkeit 
durch das Wasser schoß (Arionheimlcehr). — 

C. Keiinseln. — Drei Brüder mit Namen Hian, Tongiil und 
Parpara und zwei Schwestern, Bikeel und Meslaang genannt, 
wohnten ehemals über der Erde (im Himmel). Eines Tages ging 
Parpara mit dem Angelhaken seines ältesten Bruders (Leihen) 
auf dem Wolkenmeer fischen und verlor den Haken (Verlust), denn 
kaum hatte er die Schnur in das Wasser herabgelassen, als ein 
gewaltig großer Fisch in den Köder biß, den Haken verschluckte 
und so gewaltig an der Schnur zog, daß diese riß; so war Par- 
para gezwungen, ohne Fisch und ohne Haken zurückzukehren. 
Durch so viel Widerwärtigkeit enttäuscht, begab er sich nach 
Hause und teilte seinem Bruder den Verlust mit. Aber anstatt 
Parpara zu beklagen, war Hia über den Verlust seines Hakens 
im höchsten Grade aufgebracht und verlangte in heftigem Tone, 
Parpara solle ihm denselben wieder schaffen (Zwist). Parpara 
begab sich in sein Boot und tauchte in die Wolken (Meer fahrt). 
Nach vielen fruchtlosen Anstrengungen begegnete er dem Fisch 
Kiliboban, welcher ihn fragte, was er dort triebe. Parpara teilte 
ihm alles mit, und der Fisch versprach ihm, nach dem Haken 
zu suchen. Nach einiger Zeit begegnete Kiliboban dem Fisch 
Kerkeri, welcher wiederholentlich hustete (Krankheit). Kiliboban 
fragte ihn, was ihm fehle, und erhielt die Erlaubnis, Kerkeris 
Kehle zu untersuchen, wo er den Haken fand (Ausspeien), den er 
Parpara zurückbrachte. 

D. Hawai. — (Die Mythe ist von Bastian etwas unklar 
wiedergegeben, und wir müssen darauf verzichten, den vollständig 
klaren Zusammenhang zu finden, der vielleicht in Polynesien hin- 
sichtlich dieser Mythe überhaupt nicht mehr vorhanden war.) 
Wir haben jedenfalls erstens das Fischen und das Verlieren des 
Hakens, dann die Feststellung, daß an der Stelle, wo die Angeln 
verloren sind, in einer unterseeischen Stadt ein schönes Weib 
wohnt, das endlich mit viel List von dem Häuptling, dessen Fischer 
ihre Angeln verloren haben, an die Oberfläche des Wassers ge- 
lockt und von diesen geheiratet wird. Als die Königin nach 



284 Drittes Buch. 

Essen verlangt, läßt der Häuptling einen Diener nach einen Kokos- 
nußbecher senden, den er, hinabtauchend, hinter ihrem Hause 
finden würde, aber nicht öffnen dürfe. Da dies doch geschah, 
entflog ihre Speise und wurde zum Mond. Darauf folgt dann die 
Flutmythe. — (Wertvoll ist hier vor allen Dingen die Beziehung 
zum Monde und das Motiv des Wassersackes, über das im Index 
des zweiten Bandes nachzusehen ist.) 

E. Samoa. — (Auch diese von Sierich in schöner Original- 
form vorgetragene Mythe läßt nichts an Unklarheit zu wünschen 
übrig, so daß wir uns damit begnügen, die Grundzüge kurz zu 
schildern.) Der nach Conceptio immaculata geborene Sonnensohn 
Aloaloalela fängt zunächst seinen Vater mit der Schlinge, damit 
dieser ihm die Geschenke gebe, die er bei der Geburt seines 
ersten Sohnes nach landesüblicher Weise seinem Weibe darbringen 
muß, welch letzteres eine Tochter des Häuptlings von Fidschi ist. 
Der Sonnengott fordert den jungen Mann auf, zu seinen Töchtern 
zu gehen und sich die Auamanu-Muschel geben zu lassen. Diese 
Damen setzen ihm diese Muschel auf den Kopf und verbieten 
ihm, sie zu öffnen, ehe er zu seiner Frau kommt. Er tut es 
doch, und die wertvollen Teile des Inneren, die Materiale zu einem 
Fischhaken, welches Gerät man damals noch nicht kannte, fielen 
in die See. Sie werden aus dem See wieder herausgeholt, und 
der Fischhaken wird gemacht. Reicher Fischfang! Die Fischer 
stehlen jetzt die Angel. — Man suche aus dieser Verwirrung die 
Beziehungen zu der alten Mythe hervor. 

Doch wenden wir uns nun nach dem Norden, wo wir ein 
reicheres und schöneres Material, die eigentlichen Wertobjekte im 
Bereiche dieser Mythe finden. 

Die Mädchenangelmythe in Asien. 

F. Japan. — (Hosusori und Hohodemi, die Nachkommen 
der Sonnengöttin, waren gemeinsame Herrscher des Reiches.) — 
Hosusori war der ältere von beiden und Hohodemi der jüngere. 
Als die beiden Brüder nach dem Tode ihres Vaters ihr Erbe 
teilten, da bekam der ältere den Ertrag, den die See gab, der 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 285 

jüngere die Berge, die er nach Gefallen ausbeuten konnte. Wäh- 
rend nun der Jäger Hohodemi (der Sonnengot ist fast immer ein 
Jäger) fast täglich, auch dann, wenn das Wetter schlecht war, 
sein Waidwerk üben konnte und oft reichen Ertrag heimbrachte, 
konnte Hosusori häufig nicht einmal auf die See hinausfahren 
und seine Netze auswerfen, denn der Sturmgott peitschte die Wogen 
haushoch empor und machte es ganz unmöglich, an den Fischzug 
zu denken. Dies aber ärgerte den Hosusori gar sehr, und des- 
halb machte er seinem Bruder den Vorschlag, die Beschäftigung 
mit ihm zu tauschen. Schließlich willigte Hohodemi ein, gab 
seinem Bruder Bogen und Pfeile und nahm von diesem den Angel- 
haken in Empfang (Leihen). Dieser Tausch war indessen nicht 
wohlgetan und sollte für beide Brüder nachteilig werden, denn 
während Hosusori nicht einmal die Spuren des Wildes auffinden 
konnte, weil er eben kein Jäger war, büßte Hohodemi schon nach 
wenigen vergeblichen Versuchen, einen Fisch zu fangen, seinen 
Angelhaken ein (Verlust). Hosusori, der Sache müde, kam bald 
zu seinem Bruder zurück, brachte Pfeil und Bogen und forderte 
seinen Angelhaken. Dieser war nun aber verloren gegangen und 
durchaus nicht wiederzubekommen, deshalb begehrte der stürmische 
Hosusori gewaltig auf und forderte mit vielen Schmähworten gegen 
seinen Bruder den Angelhaken zurück (Zwist). Er beteuerte, sich 
nicht eher beruhigen zu wollen, als bis er ihn wieder in Händen 
halte. Dies Benehmen machte Hohodemi sehr unglücklich; er 
wollte um jeden Preis Rat schaffen, und deshalb zerbrach er sein 
gutes Schwert und schmiedete daraus eine große Menge Angel- 
haken, die er sämtlich seinem Bruder anbot. Dieser aber war 
weit entfernt, sich dabei zu beruhigen; er schrie und tobte fort 
und fort und verlangte keinen anderen Angelhaken als seinen 
eigenen. Trostlos ging Hohodemi von dannen und fand nicht 
Hülfe noch Rat. Er ging am Ufer des Meeres hin und seufzte 
tief. Als er aber eine kurze Strecke gewandert war, da sah er 
in der Nähe eine Gans, die sich in einer Schlinge gefangen hatte 
und sich flatternd abmühte, sich frei zu machen. Gutmütig, wie 
er stets war, ging Hohodemi herzu und befreite das arme Tier 
aus seinen Banden. Und als die Gans sich auf und in die Luft 
erhoben hatte und davon geflogen war, da trat der Greis der 



286 Drittes Buch. 

Salzerde, der Gott des Seestrandes, zu Hohodemi heran und fragte 
ihn nach dem Grunde seines Kummers. Dieser erzählte dem 
Alten, was zwischen ihm und seinem Bruder vorgefallen; er be- 
klagte, daß der Angelhaken verloren sei, und war über den Ver- 
lust so aufrichtig betrübt, daß der Greis ihm seine Hülfe versprach. 
Derselbe schritt auch sofort zur Tat; er flocht einen großen, dichten 
Korb ohne Maschen, in diesen setzte er Hohodemi und schob das 
Fahrzeug weit ins Meer hinein. Als der Greis sich entfernt, sank 
der Korb in die Tiefe des Meeres; dort schwamm er weiter und 
weiter (Meer fahrt), bis er ganz, wie der Greis vorhergesagt, auf 
einem breiten Pfade an ein liebliches Gestade kam, an dem ein 
prachtvoller, aus glänzenden Fischschuppen erbauter Palast 
stand. Er sah vor demselben einen Brunnen und über diesem 
einen großen Zimmtbaum, wie ihm der Greis erzählt hatte, 
und sich genau nach dessen Rat richtend, verbarg er sich in 
den breiten Zweigen des schönen Baumes. Und ganz wie es 
der Greis ebenfalls vorher verkündet, trat auch alsobald die 
Tochter des Meergottes aus dem Palaste heraus, die schöne 
Toyotamahime, die mit einer Schale aus Edelstein in der 
Hand zum Brunnen kam, um Wasser zu schöpfen (Wasserholendes 
Mädchen). Als sie sich nun über den Brunnenrand beugte und 
im Begriffe war, die Schale einzutauchen, da sah sie plötzlich 
Hohodemis Spiegelbild in dem Wasser; darüber erschrack sie so 
sehr, daß sie sich rasch emporrichtete und- die Schale zu Boden 
fallen ließ, sodaß sie zerbrach. Als sie sich etwas gesammelt, 
ging Toyotamahime in den Palast zurück und meldete ihrem 
Vater die Begebenheit. Sie sagte ihm, am Brunnen wäre ein 
herrlicher Gott angelangt, der auf einem Baume sitze und dessen 
Bild man im Wasser sehen könnte. Der Meergott, ihr Vater, 
wußte sogleich, um wen es sich handelte; er sprach: „Das ist 
gewiß der Urenkel der Sonnengöttin Amaterasu." Und mit diesen 
Worten ging er zum Brunnen, hieß Hohodemi willkommen und 
lud ihn ein, in sein Haus zu treten. Als Hohodemi der Einladung 
folgte, ließ der Meergott achtfache Matten legen, darauf setzte 
er sich mit seinem Gaste und fragte nach dessen Begehr. Hoho- 
demi erzählte seinem liebenswürdigen Wirte umständlich die Ge- 
schichte von dem verlorenen Angelhaken und von den Folgen 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 287 

dieses Verlustes, und sogleich ließ der Meergott alle Fische herbei- 
kommen. Sie erschienen auch alle auf seinen Befehl, nur der 
Tai, der über und über rote Seebrasse, auch das rote Weib ge- 
nannt, fehlte, und als der Meergott sich nach dem Grunde ihres 
Ungehorsams erkundigte, kam sie klagend angeschwommen und 
entschuldigte sich mit Krankheit. Nun ließ der Meergott den 
kranken Fisch untersuchen und bald wurde man gewahr, daß 
die Krankheit im Maule (Krankheit) läge. Dasselbe war dick 
geschwollen, und als man näher zusah, da fand man den ver- 
lorenen Angelhaken (Ausspeieri). Hohodemi war überglücklich, 
als er herausgezogen war und bat den Meergott, ihn in Ver- 
wahrung zu nehmen (Verstecken), da er dessen Einladung zu 
längerem Verweilen in dessen Palaste annahm. Nun war Hoho- 
demi leichten Herzens und freute sich seines Aufenthaltes in dem 
herrlichen Meerespalaste, und damit ihm nichts zu seiner Zu- 
friedenheit fehle, erfüllte ihm der Meergott seinen Wunsch und 
gab ihm seine Tochter, die schöne Toyotamahime zur Frau 
(Heirat). In Freude und Glück brachte er nun drei Jahre dort 
unten zu, dann aber befiel ihn große Sehnsucht nach seiner 
Heimat, die er nicht zu unterdrücken vermochte und durch viele 
Seufzer bekundete. Seine Frau hörte dieselben und erzählte 
ihrem Vater von der veränderten Stimmung Hohodemis. Beide 
hatten ganz recht, wenn sie seinen Kummer als Heimweh deuteten. 
Und als der Meergott sich davon überzeugt hatte, fragte er Hoho- 
demi, ob er ihn nach Japan zurückschicken sollte. „Ich will dir 
gern Geleit und meine besten Wünsche mitgeben", sprach der 
edle Meergott, und Hohodemi nahm mit tausend Freuden den 
Vorschlag an. Nun berief der Meergott seine dienenden Meer- 
drachen, welche auch sogleich ihre großen Flossen aufrichteten 
und herbeikamen. Als sie befragt wurden, wie lange Zeit sie 
wohl gebrauchten, um Hohodemi zurück ans Land zu bringen, 
sagten diejenigen, welche acht Klafter lang waren, sie würden 
acht Tage gebrauchen. Die kleineren aber waren flinker und 
erboten sich, die Reise in kürzerer Zeit zu machen, und der 
kleinste, der nur einen Klafter maß, versprach, Hohodemi in 
einem einzigen Tage hinzubringen. Da wurde denn dieser letztere 
ausersehen. Noch bevor Hohodemi seinen Rücken bestieg be- 



288 Drittes Buch. 

schenkte ihn der Meergott, außer daß er ihm den Angelhaken 
einhändigte, noch mit zwei großen leuchtenden Edelsteinen, welche 
die Gabe hatten, das Meer steigen und fallen zu machen. Sie 
heißen die Steine der Ebbe und Flut. Dann hatte Hohodemi noch 
eine wichtige Unterredung mit dem Meergotte, denn dieser belehrte 
ihn, die Steine zu gebrauchen, um seinen Bruder zu demütigen: 
er gab ihm folgende Lehren: „Wenn du deinem Bruder den 
Haken zurückgibst, so sprich die Worte: Armseliger Haken, un- 
glücklicher Haken, trauriger Haken! dann aber wende dich rasch 
von ihm ab, um deinen Unglück bringenden Worten auszuweichen. 
Ferner bebaue stets hochgelegene Felder, wenn dein Bruder 
niedrig gelegene bebaut und wähle zu deiner Aussaat niedrige 
Felder, wenn dein Bruder hochgelegene bepflanzt. Befolgst du 
meinen Bat, so verspreche ich, dich reich zu segnen; da ich die 
Gewässer regiere, so kann ich jedesmal dich begünstigen und 
deinen Bruder benachteiligen, und so wird dieser binnen drei 
Jahren gänzlich verarmt sein." Auf dem Rücken des Drachen 
kehrt nunmehr Hohodemi heim (ArionheimJcehr). Es erfolgt der 
Bruderstreit, in welchem Hohodemi glänzend siegt. Hosusoris 
Felder sind stets die ungünstigen. Endlich taucht, als Hosusori 
immer feindlicher wird, Hohodemi den Edelstein der Meerflut ins 
Wasser. Hosusori muß vor der Flut fliehen, erst auf einen Hügel, 
dann auf einen Baum. In seiner Angst bittet er um Gnade und 
verspricht, Hohodemi die Rechte des Älteren zu überlassen. 
Hohodemi schafft nunmehr mit dem Edelstein der Ebbe das 
Wasserfallen. — (Über die Fortsetzung der Mythe und Toyota- 
mahimes Besuch auf dem Lande siehe die Mythe von der 
Schwanenjungfrau im nächsten Kapitel.) 

G. Korea. — (Der zurückgesetzte und vertriebene Knabe 
Hong KU Tong wird zu einem hochsinnigen Räuberhauptmann. 
Er wird von dem König in jeder Weise verfolgt, entrinnt aber 
immer glücklich. Endlich beschließt er, mit dem König Frieden 
zu machen und erscheint ihm deswegen eines Tages in wunder- 
licher Weise auf einem Storche reitend. Er bittet den Herrscher, 
ihm 3000 Sack Reis zur Verfügung zu stellen. Im Morgengrauen 
erscheinen die Leute des Kil Tong und verladen fast unbemerkt 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 289 

die Frachten). — Kil Tong segelte gen Westen {Meerfahrt) und 
fand bald eine unbewohnte Insel, auf welcher er sich niederließ. 
Seinen Leuten lehrte er den Boden bearbeiten und brachte seinen 
ganzen bisher im Versteck gehaltenen Reichtum auf diese Insel, 
wo er mit ihnen in Ruhe und Zufriedenheit lebte, bis er seinen 
Ausflug zu einer benachbarten Insel unternahm. Auf dieser ge- 
dieh eine sehr giftige Pflanze, mit deren Saft man die Spitzen 
der Pfeile benetzte, und dieses Gift wollte sich Kil verschaffen» 
Daselbst angelangt, sah er überall Proklamationen angeschlagen, 
in welchem bekannt gemacht wurde, daß die halbwilden Gebirgs- 
bewohner die einzige bildschöne Tochter eines reichen, vornehmen 
Mannes geraubt und mit sich in die Berge geschleppt hätten, 
und daß der unglückliche Vater demjenigen eine hohe Belohnung 
zusichere, der ihm die Tochter wiederbrächte. Kil Tong klomm 
Tag und Nacht, bis er die höchste Spitze des Gebirges erreicht 
hatte, auf welcher die Pfeilgiftpflanze wuchs und machte Anstalten, 
sich zur Nachtruhe einzurichten, um für den nächsten Tag frische 
Kräfte zu sammeln, als er einen Lichtschimmer gewahrte. Diesem 
folgte er, bis er ein Haus bemerkte, aus dem das Licht hervor- 
drang. Ersteres war unter einem Felsenvorsprung erbaut und 
schien sehr schwer zu erreichen. Er ging näher und näher, 
bis er hineinblicken konnte und eine große Anzahl schmutziger, 
notdürftig bekleideter Männer mit langem schwarzem Haar be- 
merkte, welche rauchten und tranken und recht guter Dinge zu 
sein schienen. Der älteste unter ihnen, welcher ihr Anführer 
sein mußte, quälte ein junges Mädchen (Mädchen), indem er ihm 
den Schleier (siehe hierüber nächstes Kapitel) zu entreißen suchte, 
mit welchem es das Gesicht verhüllt hatte. Kil Tong konnte 
diese Bosheit nicht ruhig mit ansehen, ergriff seinen Bogen, um 
dem Alten einen vergifteten Pfeil ins Herz zu senden. Leider 
war die Entfernung zu groß, denn statt den Bösewicht zu töten, 
verwundete er ihn nur am Arm. Die Männer waren höchst be- 
stürzt darüber, denn sie konnten Kil Tong nicht sehen (einge- 
schoben für die unsichtbare Waffe), und in der Verwirrung, die 
über sie kam, gelang es dem jungen Mädchen, zu entfliehen. 
Kil Tong suchte sich einen entlegenen Platz aus und legte sich 
nieder um zu schlafen. Ganz früh am Morgen des nächsten 

Frobenius, Sonnengott. I. 19 



290 Drittes Buch. 

Tages fanden ihn die Männer dort noch schlafend und machten 
ihn zu ihrem Gefangenen. Sie fragten ihn, wer er sei und was 
er auf der Insel wolle. Da antwortete er ihnen, daß er ein Arzt 
(Arzt) sei und hierher käme, um eine Medizinpflanze zu suchen, 
die nur hier zu finden sein solle. Diese Antwort gefiel den 
Männern sehr gut, und sie erzählten Kil Tong, daß ihr Anführer 
von einem Pfeile verwundet sei, der aus den Wolken gefallen 
wäre und fragten ihn, ob er ihn wohl heilen könne. Kil Tong 
versprach, es zu versuchen; man führte ihn an das Lager des 
Verwundeten, und er sagte ihnen, in drei Tagen wolle er ihn 
gesund machen. Schnell nahm er etwas von dem Saft der Gift- 
pflanze und tröpfelte es in die Wunde des Alten, der sogleich 
seinen Geist aufgab, denn das Gift hatte eine ganz plötzliche 
Wirkung ( r lrugheihmg\ Sobald die wilden Männer den Tod 
ihres Häuptlings bemerkten, wurden sie sehr wütend und fielen 
über Kil Tong her. Doch dieser, eingedenk seiner Macht über 
die Dämonen, rief diese zu seiner Hülfe herbei. Alsbald füllte 
sich der ganze Raum mit sausenden Schwertern, welche so lange 
in der Luft umher flogen, bis kein Kopf der Wilden mehr auf 
ihren Schultern saß und die ganze Bande sich in ihrem Blute 
wälzte. — (Im Nebenzimmer findet Kil Tong zwei verschleierte 
Frauen, von denen er die eine als die Jungfrau, welche er am 
Abend vorher gesehen hatte, erkennt und die ihm erzählt, sie 
sei mit ihrer Dienerin von den Wilden geraubt worden und ver- 
danke ihr Leben nur einem Gotte, der den Anführer der Bande 
aus den Wolken mit einem Pfeile verwundet habe. Es ist natür- 
lich das junge Mädchen, welches in den Bekanntmachungen ge- 
sucht wird. Der Held heiratet sie (Heirat). Im übrigen verläßt 
er eines Tages, um seinen Vater aufzusuchen, seine Frau, kehrt 
heim, begräbt den inzwischen verstorbenen Vater, tritt dann aber 
mit seiner Mutter zusammen die Rückfahrt an.) 

(In diesem wunderlichen Bruchstück wird der Leser im ersten 
Augenblick kaum die Reste unserer alten ozeanischen Mythe er- 
kennen. Es wird nötig sein, mehrere Parallelen aus dem innern 
Asien zu bringen, um zu zeigen, daß der Pfeil hier genau dem 
verlorenen Angelhaken entspricht. Weiter im Innern Asiens 
kursierende Versionen haben mit der ursprünglichen Form mehr 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 291 

Verwandtschaft bewahrt als das dem großen Ozean benachbarte 
Korea. Nehmen wir demnach einige innerasiatische Beispiele.) 

H. Kalmücken. — (Der Sonnenheld Massang ist von seinen 
Wandergenossen, — siehe unter diesem Titel im Index des zweiten 
Bandes weiteres! — verlassen, hat aber die Oberwelt wiederge- 
wonnen. Mit seinem eisernen Bogen samt Pfeilen macht er sich 
auf den Weg). — Auf seiner Wanderung traf er ein reizendes 
Mädchen, das aus einer Quelle Wasser holt (Wasserholendes 
Mädchen); indem sie dahinwandelte, sah er mit Verwunderung, 
wie unter jedem ihrer Tritte immer eine Blume nach der anderen 
emporsproßte. Ihr folgend, gelangte Massang in den Götterhimmel. 
Da sprach der gewaltige Churmusta (der altpersische Ormuzd): 
„Daß du gekommen, ist sehr gut. Gegenwärtig haben wir jeden 
Tag mit den schwarzen Schumnu Kämpfe zu bestehen; morgen 
kannst du es mit ansehen, den nächsten Tag mußt du unser Ge- 
fährte werden." Tags darauf nun verfolgten die weißen Stiere 
(des Sonnen- und Tagesgottes) in der Frühe die schwarzen (des 
Nachtgottes) nach jener Seite hin; gegen Abend aber trieben die 
schwarzen Stiere die weißen nach dieser Richtung zurück. Chur- 
musta sprach: „Die weißen Stiere sind die Götter, die schwarzen 
sind die Schumnu. Wenn heute die schwarzen Stiere uns hier- 
her zurücktreiben, so spanne deinen eisernen Bogen, während du 
sie bis auf Spannweite einholst; auf der Stirne eines der schwarzen 
Stiere befindet sich ein Strahlenauge, auf dieses ziele du los." 
Also gebot er. Diesem Befehle gemäß schoß Massang den Pfeil 
ab (Pfeilschuß) und traf den Augenstrahl auf der Stirn des 
schwarzen Stieres, welcher unter fürchterlichem Geheul eiligst 
die Flucht ergriff. Darüber hatte Churmusta eine große Freude 
und sprach zu Massang: „Du hast eine große Belohnung verdient, 
wohne denn bei mir immerdar." Trotz dieses Anerbietens war 
Massang nicht dazu zu bewegen. „Ich muß", sprach er, „mich 
auf den Weg machen, um dem Vater meinen Dank abzustatten". 
Als er, zur Belohnung einen göttlichen Talisman in Empfang 
nehmend, aufzubrechen im Begriffe war, sprach Churmusta zu 
ihm: „Unterwegs wirst du, vom Schlaf übermannt, dich verirren; 
und wenn du nun zu der Schumnupforte gelangst, so wirst du 

19* 



292 Drittes Buch. 

dir dadurch, daß du fliehen willst, die Sache nicht leichter 
machen. Klopfe vielmehr an die Pforte und sage: „Ich bin ein 
Arzt." Kommst du dann zum Schumnu-Chan, um den Pfeil- 
schuß zu untersuchen, so stelle dich, als wolltest du den Pfeil 
herausziehen, streue aus der Hand sieben Körner gegen den 
Himmel, stoße dann aber den Pfeil so tüchtig, daß er in den 
Kopf eindringt und töte auf diese Weise den Chan." Also gebot 
er ihm. Massang brach auf, verfehlte wie ihm vorausgesagt 
worden, den Weg, gelangte vor die Schumnupforte und klopfte 
an das Tor. Da trat eine, Feuer aus dem Munde flammende 
weibliche Schumnu heraus und fragte: „Was verstehst du?" Auf 
seine Antwort: „Ich bin ein Arzt" (Arzt), ließ sie ihn in das 
Haus eintreten und zeigte ihm den vom Pfeile getroffenen Chan. 
(Kranher Alte.) Kaum hatte er an dem Pfeile gezogen, so sagte 
der Chan freudig: „Ein wenig fühle ich mich schon erleichtert." 
Doch plötzlich stieß Massang den Pfeil tiefer hinein, sodaß er 
bis mitten in das Gehirn drang (Trugheilung). Aus den Sternen 
der Gerstenkörner kam vom Himmel klirrend eine eiserne Kette 
herabgefallen. Kaum aber hatte die weibliche Schumnu nach 
derselben ihn greifen lassen, da schlug sie ihn mit einem eisernen 
Hammer auf die Lenden, so daß vom Schlage die Funken auf- 
sprühten, die aufgefangen und als sieben Sterne (Siebengestirn) 
an den Himmel entrückt wurden. 

I. Tibet. — (Ein Stück aus dem vierten Kapitel des Bogda 
Gesser Chan. Der zwölfköpfige Riese hat die Gemahlin Gessers 
geraubt. Diese Gemahlin ist die „Hülfsaite". Um den Riesen zu 
töten, gilt es unter anderen dessen ältere Schwester zu vernichten. 
Denn diese stellt einen Teil seiner Seele dar. Sie hat einen großen 
Käfer in Verwahrung, den der Sonnenheld erwerben muß, wenn 
er den zwölfköpfigen Riesen töten will. Die Mythe beginnt damit, 
daß sich der Riese nach Osten aus dem unterirdischen Schlosse 
entfernt, während Gesser nach Westen geht.) Vor Gesser hüpfte 
und sprang eine weißlich gelbe Hirschkuh umher und kam auf 
ihn zugelaufen. Gesser spannte den Bogen und schoß ihn durch 
das Weiße der Stirn in der Art, daß die Pfeilspitze hinten am 
Schwanzende herauskam. (Pfeilschuß.) Die Hirschkuh entfloh mit 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 293 

dem Pfeil im Leibe und Gesser verfolgte sie unausgesetzt, bis sie 
in das große Schloß entschlüpfte (Kranke Alte) und dessen neun- 
fache steinerne Eingänge verschloß. Gesser zerschmetterte zwei 
der Pforten mit seinen zwei stählernen Beilen, ging hinein und 
fand ein altes Weib mit grauem Haar, dessen Hauzähne der 
unteren Kinnlade gegen den Himmel strebten, während die Hau- 
zähne der oberen Kinnlade die Erde berührten und mit zwei 
Brüsten, welche herabhängend die Erde bedeckten. Der Pfeil, 
welcher den Scheitel des Weibes durchbohrt hatte, guckte mit der 
Spitze oberhalb des Schwanzbeines hervor, und das Weib, in der 
Art eines Hundes auf der Erde sitzend, schrie in einem fort: 
„0 weh, welcher Jammer, welcher Schmerz!" Gesser kam in der 
Gestalt eines schönen Mannes hinein und fragte: „Was ist dir 
begegnet? Mütterchen?" Das Weib erwiderte: „Ich war gewohnt, 
nach Herzenslust auf der Erdoberfläche herumzugehen, die Wesen 
zu fangen und zu fressen; als ich plötzlich in dieser Art durch- 
schossen und in diesen Jammer gebracht wurde. Am Gefieder 
den Pfeil fassend, wollte ich ihn herausziehen, aber vergeblich; 
an der Spitze ihn fassend, wollte ich ihn herausziehen, doch um- 
sonst. Das schwarze Blut quillt aus der Schußwunde; ich bin 
durch den Schuß bis ins innerste Leben verwundet. Wer bist 
du, schöner, reizender Mann? Ziehe mir doch den Pfeil aus!" 
Gesser erwiderte: „0 weh, Mütterchen, deinen Pfeil kann ich 
nicht ausziehen! Es mag wohl ein Pfeil des Gottes Chormusda 
da oben sein; oder auch ein Pfeil von den Assuri der Mitte; 
ich kann ihn nicht ausziehen!" Das Weib versetzte: „Lieber, 
laß uns beide Mann und Frau werden! Was sagst du zu dem 
Vorschlag, mein Mann zu werden?" Gesser erwiderte: „Kennst 
du denn mich, deinen jüngeren Bruder nicht?" Das Weib ver- 
setzte: „Wer sagst du, daß du seiest?" Gesser entgegnete: „Bin 
ich denn nicht der Kiese, dein jüngerer Bruder?" Das Weib ver- 
setzte: „Seit wann, mein Lieber, ist dein Aussehen so reizend 
geworden?" Gesser erwiderte: „Seit ich die Gemahlin des 
Gesser Chaghan genommen habe, bin ich so schön geworden." 
Das Weib sprach: „Nunwohl, aber warum hast du auf mich 
geschossen?" Gesser antwortete: „Schwester! Seit ich geboren 
bin, hast du mir meine Seele, einen Käfer, noch nicht gezeigt; 



294 Drittes Buch. 

aus Unwillen darüber habe ich dich erschossen." Das Weib ent- 
gegnete: „Weil ich deinen Leichtsinn und deine Unbesonnenheit 
kannte und für die schlimmen Folgen besorgt war, wenn du die 
Seele jemanden zeigen solltest, habe ich sie dir nicht gegeben, 
also deswegen hast du mich getötet? Da nimm!" Mit diesen 
Worten warf sie ihm die Seele, sie auf die Erde rollen lassend, 
entgegen. Da sprach Gesser: „Nun komm her, Schwester, ich 
will deinen Pfeil ausziehen!" Sich stellend, als zöge er den Pfeil 
heraus, zerwühlte er ihr dann die Eingeweide und tötete sie 
vollends. (Tritgheilung.) Die Seele verschloß er in einem dunklen 
Raum des Gebäudes und brannte alles nieder. — (Im sechsten 
Kapitel desselben Werkes kehrt das Motiv noch einmal wieder. 
Gesser schießt die als Hirschkuh einherwandelnde alte Zauberin 
in die Stirn, verfolgt sie, trifft sie zu Hause sitzend als altes Weib. 
In dieser Version zieht er den Pfeil heraus, wird dann von der 
Alten verschlungen, aber wieder ausgespieen. Im übrigen ver- 
steht es sich von selbst, daß der Sonnenheld siegreich nach 
Hause zurückkehrt und in ersterem Falle seine Gemahlin mit- 
nimmt.) 

K. Lappländer. — Zwei Brüder gehen in einer mondhellen 
Nacht zum Meere hinab, um einem Fisch aufzulauern, der längs 
des Strandes zu kommen pflegt, um Fische zu finden. Während 
sie so dasitzen, taucht ein Meerweib aus dem Meere empor und 
setzt sich auf einen Stein, der nicht weit vom Strande entfernt 
ist. Der jüngere will nach dem Meerweib schießen, der ältere 
hält ihn zurück. Als der jüngere dennoch just abdrücken will 
(verkümmerter Zwist), warnt der ältere sie durch Zuruf, und sie 
springt wohlbehalten ins Meeer. Sie taucht noch einmal auf und 
ruft dem älteren zu, er soll am nächsten Abend nochmal an die- 
selbe Stelle zurückkehren. — Die beiden Brüder gingen nun heim. 
Am nächsten Abend begab sich der ältere allein wieder zum 
Strande hinab und setzte sich auf denselben Platz nieder, wo er 
den Abend zuvor gesessen hatte, er saß nicht lange hier, so kam 
ein Schwarzfuchs heran. Er schoß denselben (offenbar an Stelle 
der getroffenen Alten oder des Angelverlustes). Gleich darauf tauchte 
auch das Meerweib aus dem Meere auf, setzte sich wieder auf 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 295 

denselben Stein und rief dem jungen Manne zu, er solle zu ihr 
hinauskommen. „Du brauchst dich nicht zu fürchten," fügte sie 
hinzu, „ich werde dir nichts zu leide tun!" Der Bursche watete 
hinaus zur Meerfrau. „Setze dich auf meinen Rücken", sagte die 
Meerfrau, „und stecke Nase und Mund in meine Haare hinein, 
damit du nicht erstickst, wenn ich dich durch die Tiefe des Meeres 
zur Wohnung meines Vater hinabführe!" Der Bursche tat, wie 
die Meerfrau ihm gesagt hatte. Diese tauchte nun mit ihm in 
das Meer nieder {Meerfahrt), Als sie auf dem Meeresboden an- 
gekommen waren, nahm sie einen Bootsanker (an Stelle des 
wiedergefundenen Fischhakens), reichte ihm den Burschen und 
sagte: „Wenn wir in meines Vaters Haus kommen, wird mein 
Vater erproben wollen, wie stark du bist; er ist jedoch blind und 
du mußt ihn daher nicht mit der Hand begrüßen, sondern ihm den 
Anker hinreichen!" Sie kamen an der Ort, wo die Meerfrau 
wohnte; es war hier kein Wasser, auch war es nicht finster, son- 
dern ebenso hell wie oben am Tage, und das Wasser stand über 
ihnen wie ein Dach. Als der junge Mann guten Tag sagte und 
den Anker hinreichte, ergriff der Vater der Meerfrau denselben 
mit solcher Wucht, daß er ganz verbogen wurde. Sie gaben nun 
dem Burschen eine ganze Menge Silbergeld, und dazu fügte die 
Meerfrau selbst noch einen großen goldenen Becher, der einmal 
auf dem Tische eines Königs gestanden hatte. (Offenbar ein Sym- 
bol der Sonne, die ja am nächsten Tage wieder aufgeht.) Hier- 
auf reisten sie wieder auf dieselbe Weise zurück, wie sie gekommen 
waren. {Arioriheimkehr.) — (Dieser Bursche wird nun ein wohl- 
habender Mann, während der, der nach der Meerfrau hat schießen 
wollen 1 , dahinwelkt, wie ein von Würmern zerfressener Baum. 
Was er tun will, mißlingt. Es geht ihm eben wie Hosusori.) 



Die Mädchenangelmythe in Amerika. 

L. Die nordwestamerikanische Mythologie auf der Nordost- 
spitze Asiens bietet wenigstens einen schwachen Anknüpfungs- 
punkt. Ein junger Mann, der bei seinem Onkel nicht genug zu 
essen bekommt, verläßt dessen Haus. Sein neuer Gastfreund 
bietet sich ihm an, ihm eine Frau zu erobern. Der Alte öffnet 



296 Drittes Buch. 

eine Höhle. Man sieht hinab. 5 Mädchen spielen nahe einem 
See Ball. Also Mondmädchen am Wasser. Der Gastfreund wirft 
nun die Angel mit einem scharfen Fischhaken aus und zieht eine 
der Mädchen hinauf. Er hat aber nur die Seele gefangen und 
die Begleiterinnen des Mädchens weinen über ihren plötzlichen Tod. 
— Es wird sich ja zeigen müssen, ob sich noch bessere Materiale 
in dieser Gegend finden. Immerhin wäre es uns doch sehr bedeu- 
tungsvoll, einmal zeigen zu können, daß die nordostasiatische 
Mythologie gegenüber ihrer Schwester, der nordwestamerikanischen, 
sehr verkümmert ist. Sie hat noch einen Anhaltepunkt in der 
Angelhakenmythe, aber die Form ist gänzlich verwischt. 

Wenden wir uns nunmehr dem Prachtmateriale Nordwest- 
amerikas zu. 

M. Nutka. — Kwotiath fuhr einst in seinem Boote aus, Heil- 
butten und Schellfische zu fangen. Als er eben im Begriffe war, 
seine Angel zu legen, schwamm ein Haifisch um sein Boot herum 
und verjagte alle Fische. Darüber ward Kwotiath zornig. Er 
ging ans Ufer und machte sich eine Harpune aus Eibenholz, um 
den Hai zu fangen, wenn er wiederkommen sollte. Sobald Kwo- 
tiath wieder fischen ging, erschien der Hai, und er warf ihn mit 
seiner Harpune. (Verlust oder Pfeilschuß.) Der Hai tauchte so- 
gleich. Kwotiath kehrte nach Hause zurück und machte sich am 
nächsten Morgen auf, um den Hai zu suchen. Er ging an dem 
Ufer entlang (an Stelle der Meerfahrt) und sah nach einiger Zeit 
ein Dorf, das er früher nie bemerkt hatte. Er setzte sich nahe 
demselben nieder und hörte nun die Krankenbeschwörer im Hause 
singen und tanzen. Als eine Pause in dem Sänge eintrat, ahmte 
Kwotiath denselben laut rufend draußen nach. Nachdem er vier- 
mal so geschrieen hatte, hörte ihn eine Frau. Sie sandte einen 
Sklaven hinaus und ließ ihn fragen, ob der Fremde ein Schamane 
sei. Der Bote ging hinaus und sprach zu Kwotiath: „Eine 
unserer Frauen ist krank (Kranke Alte), bist du ein Schamane 
und kannst du sie heilen?" Kwotiath sagte, er könne es (Arzt), 
und der Sklave führte ihn ins Haus. Sogleich sah er seinen Speer 
in dem Rücken der Kranken und wußte nun, daß er im Dorf der 
Haifische war. Die Haie konnten aber die Waffe nicht sehen, 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 297 

sondern glaubten, ein großer Wurm sei in die Kranke gefahren. 
(Unsichtbare Waffe.) — Kwotiath singt nun seine Gesänge. Die 
Verwandten der Kranken sagen ihm, daß er als Belohnung für 
die Heilung eine der Töchter zur Frau erhalten würde, er ver- 
langt aber zwei. Sie sagen ihm beide Schwestern zu. — Da 
nahm er den Speer und zog daran, indem er fortfuhr zu singen. 
Er riß ihn aus der Wunde und warf ihn aus dem Hause. (Heim- 
liches Verstecken.) Die Kranke sagte nun: „Ich fühle, daß du 
meine Krankheit herausgezogen hast," und sie ward rasch gesund. 
Er heiratete dann die Mädchen (Heirat) und nahm sie mit nach 
Haus. 

N. Nimkisch. — Yaqstatl ging zum Flusse hinab und fing 
Lachse, welche sein Bruder auf einem Gerüste über dem Feuer 
trocknete. Abends ging er wieder zum Lachswehr hinab, während 
er seinem Bruder auftrug, auf die Lachse zu achten. Wie er- 
staunte er, als er am Morgen zurückkehrte und fand, daß alle 
Lachse verschwunden waren. Er ward böse auf seinen Bruder, 
weil er glaubte, jener habe alle Lachse gegessen. (Zwist) Dieser 
versichert, nicht einen gegessen zu haben und wußte nicht auf 
welche Weise sie verschwunden waren. Er versprach aber, die 
folgende Nacht wach zu bleiben und aufzupassen, ob der Dieb 
wiederkäme. Aber er konnte seine Müdigkeit nicht bezwingen 
und als er am nächsten Morgen erwachte, fand er wieder alle 
Lachse verschwunden. Da es ihm in der dritten Nacht nicht 
besser erging, beschloß Yaqstatl selbst zu wachen, Er versteckte 
sich hinten im Hause und hielt seinen Bogen und Pfeil in der 
Hand bereit, den frechen Eindringling zu erschießen. Als der 
Tag dämmerte, hörte er jemand herankommen. Zwei große Hände 
schoben den Vorhang, welcher die Tür bedeckte, auseinander und 
ein riesenlanger Arm streckte sich aus, nahm die Lachse vom 
Trockengerüst und füllte sie in einen Korb, den der Dieb auf dem 
Bücken trug. Es war ein Tsonokoa. Yaqstatl legte seinen Pfeil 
auf den Bogen, schoß und traf sie gerade in die Brust. (Pfeilschuß.) 
Dann entfloh jene, vor Schmerz laut schreiend, und warf die ge- 
waltigsten Bäume vor sich nieder. Yaqstatl sprach zu seinem 
Bruder: „Ich will der Tsonokoa nachgehen und meinen Pfeil 



298 Drittes Buch. 

wiederholen/ Er fing viele Lachse für seinen Bruder, damit er 
nicht Not leide, so lange er fort sei und hing seinen Halsring um 
und machte sich dann auf, die Tsonokoa zu verfolgen. Er ging 
den umgefallenen Bäumen nach und kam endlich zu einem kleinen 
See. Er badete in dem See (Meerfahrt) und setzte sich dann am 
Ufer nieder. Nach einiger Zeit kam ein junges Mädchen aus dem 
nahe gelegenen Hause, um Wasser zu schöpfen. (Wasserschöpfen- 
des Mädchen.) Sie war die Tochter Tsonokoas, die nun krank 
im Hause lag. (Kranke Alte.) Niemand wußte, was ihr fehlte, 
denn der Pfeil, mit dem Yaqstal sie getroffen hatte, war allen 
Augen unsichtbar außer seinen eigenen. (Unsichtbare Waffe.) Als 
das Mädchen den fremden Mann am Teiche erblickte und seinen 
Halsring aus Cedernbast sah, wußte sie, daß er ein Schamane 
war. (Arzt.) Sie ging auf ihn zu und bat ihn flehentlich, ins 
Haus zu kommen und ihre Mutter zu heilen. Er folgte ihr und 
sah sogleich seinen Pfeil in der Brust Tsonokoas stecken. Er 
fragte, was man ihm als Bezahlung geben wolle, wenn er die 
Frau heile und war erst zufrieden, als sie ihm das junge Mädchen 
zur Frau gaben (Heirat) und ihm das Wasser des Lebens 
schenkten. Vier Tage blieb er dort und kehrte dann zurück. — 
Sein Bruder ist inzwischen gestorben, seine Knochen werden aber 
zusammengesucht und er wird wiederbelebt. 

0. — Heiltsuk. — (Die Mythe beginnt mit der Schöpfung 
des Fischfanges, der Fische und des Flusses. Es werden viele 
Fische gefangen, welche die zwei Brüder aufhängen und die 
Schwester zubereitet. Die Fische werden alsdann gestohlen. Der 
ältere Bruder läßt seine Geschwister schlafen und wacht selbst 
mit Pfeil und Bogen.) — Er nahm seinen Bogen und Pfeile und 
versteckte sich. Um Mitternacht sah er Masmasalaniq kommen, 
einen großen Mann ohne Kopf, dessen Augen an beiden Seiten 
der Brust saßen. Viermal schoß er ihn, aber nichtsdestoweniger 
nahm jener die Lachse und lief von dannen. Der junge Mann 
verfolgte ihn über drei Berge und drei Täler. Endlich sah er 
Masmasalaniqs Haus auf einer Ebene an einem See stehen. Mas- 
masalaniq lief hinein. Der junge Mann hatte ihn unterwegs noch 
oft geschossen (Pfeilschuß), aber nicht töten können. Er setzte 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 299 

sich an das Ufer des Sees und hörte bald im Hause rasseln und 
trommeln. Masmasalaniq fühlte sich sehr krank (Kranke Alte) 
und wollte sich niederlegen, konnte es aber nicht, da sein Körper 
voller Pfeile war. Niemand wußte aber, was ihm fehlte, denn 
die Pfeile waren für ihn und sein Volk unsichtbar. (Unsichtbare 
Waffe.) — (Man ruft nun den jungen Helden hinein, der sich als 
Krankenbeschwörer (Arzt) kundgibt, und dem man für etwaige 
Heilung als Lohn die Tochter verspricht. Der junge Mann sieht 
sie oben im Hause sitzen und sie gefällt ihm. Er zieht unbemerkt 
die Pfeile aus Masmasalaniqs Körper. (Heimliches Verstecken.) 
Vier Jahre, die der junge Mann dort weilt, kommen ihm vor wie 
vier Tage. Sie haben auch Kinder. Sie beschließen heimzukehren. 
Auf einem Berg werden Cedern gefällt. Es wird ein Boot gebaut. 
Der junge Mann wundert sich, wie dies wohl zum Meere hinab 
kommen würde. Die Frau beruhigt ihn aber. Sie laden Nahrungs- 
mittel in das Boot. Dann setzen sie sich hinein, — oben auf 
dem Berggipfel. Dann fing aber die Frau an zu harnen, und aus 
ihrem Harn entstand ein großer Fluß. Auf dem Fluß begaben 
sie sich fort. Der Mann mußte den Mantel über den Kopf ziehen. 
Die Frau klappte nun mit ihren Händen auf die Außenseite des 
Bootes, da fing die Malerei an zu rudern. (Arionheimkehr.) Sie 
erreichen die Heimat, und der junge Mann darf die Decke vom 
Kopf nehmen. Seine Angehörigen sind inzwischen gestorben, 
werden aber wiederbelebt. Die Frau warnt den Mann davor, je 
ihr Kind zu schlagen. Dieser tut es doch. Darauf springt die 
Frau mit dem Kind in das Boot, klappt an die Wände desselben 
und fort eilen sie. 

(In dieser Mythe sind einige Fehler enthalten. Der junge 
Mann verfolgt den Fischdieb über drei Berge und drei Täler. Das 
Haus desselben steht an einem See. Danach muß also eine Land- 
verbindung zwischen den beiden Wohnorten gewesen sein. Die 
Rückkehr zum Meere erfolgt aber auf einem Fluß. Um diese zu 
ermöglichen wird das wunderbare Motiv des Hamens eingeführt, 
welches nebenbei gesagt uralt ist. Wenn die Meerfahrt also im 
Anfange fehlt, zum Schluß aber vorhanden ist, so zeigt dies, daß 
ältere Bestandteile der Mythe vergessen sind, daß diese älteren 
Bestandteile offenbar aber eine Meerfahrt darstellen. Wenden wir 



300 Drittes Buch. 

uns nunmehr der Mythologie eines Volkes zu, dessen Stellung 
unter den Mythen umbildenden Völkern unser ganzes Interesse in 
Anspruch nehmen kann.) 

F. Micmac. — Ein altes Weib findet ein kleines Kind. Sie 
zieht das kleine Kind auf. Dasselbe hat wunderbare Kräfte. Es 
wird allmählich zum Schützen, der immer größere Tiere erlegt. 
Diese Tiere geben in ihren Fellen die Zauberdecken. Die alte 
Frau warnt den jungen Mann in einer gewissen Richtung sich in 
eine Sumpfgegend zu begeben. Er tut es dennoch, und sie werden 
auf magische Weise gezwungen, in ein gefährliches Gebiet über- 
zusiedeln. Ein gewaltiger Vogel mit Namen Culloo herrscht über 
dieser Gegend und raubt hier die Menschen, die er als Gefangene 
anscheinend mitnimmt. Der junge Held macht sich einen Bogen, 
dessen Sehne ein Haar seiner Pflegemutter ist. Als nun der 
Culloo kommt, schießt der Jüngling einen Pfeil in die Brust des 
mächtigen Tieres, welches getroffen nach Hause entflieht. Der 
junge Mann macht sich auf die Wanderung, um den Culloo zu 
verfolgen; er läßt ein Todeszeichen zurück. Endlich kommt er 
an das Dorf des alten Culloohäuptlings, wo er einen Trupp junger 
Mädchen trifft. Sodann tritt er bei seinen eigenen Eltern ein, 
die er hier wiederfindet und die sich unter den Gefangenen des 
Culloohäuptlings aufhalten müssen. Hier hört er, daß am nächsten 
Tage alle vernichtet werden sollen. Es kommt darauf ein Sohn 
vom alten Culloo an, der den Jüngling auffordert zu dem alten 
Häuptling zu kommen, da derselbe krank sei und dieser Fremde 
vielleicht Heilung bringen könnte. Sobald der junge Mann ge- 
gessen hat, macht er sich auf den Weg und sucht den alten 
Culloo auf. Die Pfeile, die er abgeschossen, stecken in dessen 
Herz, und er vernichtet den alten Culloo mit einem Axthiebe, 
woran sich dann die Hinrichtung der ganzen Culloofamilie schließt. 
Nur das jüngste Mitglied wird geschont. Dieses besorgt dem 
Helden das Weib. 

Welche merkwürdige Bedeutung diese Mythe hat, darauf 
werde ich am Ende dieses Kapitels hinweisen. 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 301 



Mädchenangelmythe in Afrika. 

Von maßgebender Stelle wird versichert, daß an zwei Stellen 
Afrikas entsprechender Stoff gefunden werden könne, und ich 
erwarte entsprechende Nachricht. Ich muß mich zunächst auf 
das Vorhandene beschränken und das ist sehr gering. Es han- 
delt sich nur um Vergleich einer Mythe der Tschivölker, welche 
ich in der Arbeit „Der Kameruner Schiffsschnabel und seine Mo- 
tive" wiedergegeben habe. Einen kurzen Auszug gebe ich im 
folgenden Kapitel. Hier sei nur daran erinnert, daß der verloren 
gegangene und wiedergefundene Speer uns auf ein altes Angel- 
hakenmotiv schließen läßt. 



Es sei mir gewährt, einige Anmerkungen anzufügen, welche 
um so notwendiger sind, als der hier vereinigte Stoff beim ersten 
Beschauen keinen sehr einheitlichen Eindruck machen dürfte. 
Unterscheiden wir drei Gruppen: 

1. Gruppe der eigentlichen ozeanischen Formen, für die 
die Typen A, B, C und F maßgebend sind. Hier verschluckt 
ein Fisch den Angelhaken. Eine Vernichtung des Verschluckenden 
wird nicht vorgenommen. Auffallend ist in diesen Mythen, daß 
der infolge der Verschluckung Erkrankte nicht so recht weiß, 
was ihm fehlt, und daß der niedergestiegene Sonnenheld den 
Angelhaken heimlich versteckt. — Einige Formen lassen uns er- 
kennen, daß der Sonnenheld aus der Unterwelt das Mondmädchen 
mit empornimmt. 

2. Gruppe der eigentlich nordwestamerikanischen Formen. 
Die Sonnenmythen schließen sich den vorigen in hübscher Klarheit 
an. Wir haben auch eine Harpune statt der Angel. Sonst 
spielen die Pfeile die größere Rolle. Eine hier nicht wieder- 
gegebene Version hat statt des Pfeiles ein Rindenstück einge- 
schoben. — Die Meerfahrt ist undeutlich und ist mehr in eine 
Küstenwanderung umgebildet. Doch erkennen wir an der zuletzt 
wiedergegebenen Version, daß eine schwache Erinnerung an die 
Meerfahrt noch vorhanden ist. — Sehr ausgeprägt ist die Ehe 
mit dem Mondmädchen. — Hier begegnen wir einem Punkte, der 



302 Drittes Buch. 

in der vorigen Gruppe schon durchschimmert, aber nicht mehr 
so klar ausgebildet ist wie hier im Nordosten: Nur der Sonnen- 
held kann seine eigenen Waffen sehen und die andern nicht. Er 
zieht sie auch heimlich heraus. Wie kommt das? Das kann 
nach meiner Überzeugung nichts anderes heißen, als daß die 
Sonnenstrahlen, die die Verwundung herbeiführen, ja eigentlich 
keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Man weiß es, daß der 
Sonnenstrahl hier geruht hat, ist er aber verschwunden, dann 
sieht man ihn eben nicht mehr. Wenn nun auch die Sonnen- 
strahlen als feste Körper, sei es Angelschnur, die der über die 
maritime Inselwelt hinwandernde Sonnengott in das Meer sendet, 
oder seien es Pfeile, die die Gottheit, die Länderstrecken überziehend, 
zur Erde hinabschießt, gedacht sind, so sind doch diese festen Ge- 
genstände nicht mehr sichtbar, wenn die Nacht eintritt. Nur der 
Sonnengott selbst kann seine Geschosse finden. Es handelt sich 
also nicht um eine Schilderung und Festlegung der eigentlichen 
Sonnenstrahlen, sondern um eine Wirkung derselben. 

3. Gruppe der eigentlich asiatischen Formen. Eine wirk- 
liche Angelmythe ist nur noch in jenem Nordostgipfel Asiens er- 
halten, der unter ozeanisch-mythologischem und nordwestameri- 
kanisch-mythologischem Einfluß steht. Im übrigen haben wir 
eine Pfeilmythe. Das Übereinstimmende mit Nordwestamerika beruht 
darin, daß der Sonnenheld auch hier zuweilen als Arzt auftritt, das 
Unterscheidende liegt aber in der Behandlung des getroffenen 
Sonnenfeindes. Derselbe wird nämlich getötet. Wir haben in 
den asiatischen Mythen den Sieg des Sonnengottes über das Nacht- 
ungeheuer vollständig durchgeführt. Und dieses energische Durch- 
führen des Sonnensieges hat den ganzen Stoff außerordentlich 
verwischt. Es gehört ein geübtes Auge dazu, um die Spur auf- 
zufinden und im Vergleichen aller Teile den Zusammenhang 
nicht zu verlieren. Werden die nordwestamerikanischen Pfeil- 
mythen aber hinzugerechnet, dann ist der Tatbestand nicht zu 
verkennen. 

Etwas ganz Merkwürdiges ist die Umwandlung des Motivs 
des Ausspeiens in die „Trugheilung". Der Held zieht seine Waffe 
nicht heraus, sondern tötet den Getroffenen. In solchen Fällen 
der Umbildung müssen wir immer fragen, welche Mythe sich 



Göttinnen: Mädchenangelmythe. 303 

hier umbildend eingemischt hat. Im vorliegenden Falle ist die 
Sache leicht zu erkennen. Wir werden das Motiv der „Trug- 
heilung" im 4. Buche wiedertreffen und bei dieser Gelegenheit 
sehen, daß Zentralamerika eine Mythe hat, die auch in diese 
Gruppe gehört. 

Und dann müssen wir noch auf eine sehr merkwürdige 
Sache hinweisen: Die Mythe der Micmac im Osten Asiens ge- 
hört zu den zentralasiatischen Formen! Das ist nicht vereinzelt. 
Auch die Mythen von der Wandergenossenschaft, die Mythe vom 
Guten und Bösen usw. finden sich bei den Micmac genau so ausge- 
bildet wie im zentralen Asien. — Es wird meine Aufgabe sein 
an anderen Orten des näheren auf diese frappierende Tatsache 
einzugehen. 

Des ferneren verdient eine selbständige Beachtung die ent- 
sprechende Mythe der Lappländer (oben unter K). Dieselbe 
nähert sich den ozeanischen Formen in einseinen Punkten. Etwas 
wie ein Bruderzwist spielt sich hier ab. Das Schießen nach dem 
Schwarzfuchs ist wohl eine schwache Erinnerung an das Pfeil- 
schießen der asiatischen Typen: eine stärkere Erinnerung an die 
ozeanischen Formen liegt aber in dem merkwürdigen Auftreten 
des Hakens. Dieser unvermittelt erhaltene Haken ist offenbar 
der Rest des Fischangelmotives. Eine weitere Reminiszenz an 
ozeanische Urformen liegt in der Arionfahrt des Sonnenhelden. 
Er fährt auf dem Rücken der Meerjungfrau in die Tiefe und aus 
der Tiefe wieder empor wie der ozeanische Sonnenheld auf dem 
Rücken des Fisches. So sehen wir einen Rest aus alter Zeit an 
die Grenze der Ökumene verdrängt. Verdrängt wurde er durch 
die zentralasiatischen Mythenbewegungen. 

Es dürfte eine interessante Aufgabe sein, dasselbe Motiv im 
Bereiche der alten Arioiden aufzusuchen, eine Aufgabe, von der 
ich heute schon sagen kann, daß sie lohnend ausfallen wird. — 
Mir genügt es, an dieser Stelle für die geographische Mythen- 
kunde ein Material gewonnen zu haben, welches die Umbildung 
eines ozeanisch-maritimen Motives auf kontinentalen Boden er- 
kennen läßt — wenn es nicht umgekehrt ist. 



XIII. 

Die Schwanenjungfrauenmythe. 

Begegneten uns im vorhergehenden Kapitel außerordentlich 
häufig wasserholende Mädchen, so treffen wir in dem folgenden 
Stück die badenden Jungfrauen an. Das sich Hinneigen zum 
Wasser oder das Emporsteigen zum Wasser scheint demnach eine 
außerordentliche Bedeutung für die Göttinnen und ihre Lokali- 
sierung zu haben. Im übrigen wollen wir auch gleich von vorn- 
herein davor warnen, etwa zu identifizieren. Beziehungen und 
Parallelen festzustellen, ist und bleibt zunächst die Hauptaufgabe, 
und in allem übrigen werden wir uns an die Aussagen der Völker, 
wie sie gelegentlich dem Munde der Naturmenschen entschlüpfen, 
halten müssen. Solche Aussagen werden wir dann im nächsten 
Kapitel vereinigen, und dann wird es uns vielleicht auch gelingen, 
die Grundzüge der Erscheinungswelt festzustellen. 



Die Schwanenjungfraumythe in Ozeanien. 

A. Insel Yap, Mikronesien. — (Vorauszusenden ist, daß 
Gutschik in der Yapsprache das Wort für den Delphin ist. Es 
scheint aber nicht ausgeschlossen, daß man mit Gutschik früher 
die sogenannte Meerkuh, den Dugong bezeichnete.) — In der 
Vorzeit kamen oftmals zwei Gutschiks an die Küste von Yap ge- 
schwommen, die ihre Rückenflossen im Sande verbargen und sich 
alsbald in zwei junge Mädchen verwandelten. Durch den Busch 
liefen sie zu dem Tanzplatz der Frauen und schauten den 
Tänzen zu. Wenn die Nacht um war, eilten sie zum Seestrande 
zurück und gruben ihre Rückenflossen wieder aus dem Sande. 
Sobald sie sich dieselben auf den Rücken legten, wurden sie 
wieder zu Fischen und schwammen über das Riff in das Meer 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 305 

hinaus. Ein Mann aber saß einstmals in einer Kokospalme und 
sah, wie die Fische ihre Flossen verbargen (Schleierablegen) und 
zu Mädchen wurden. Rasch stieg er herunter, stahl die eine 
der Flossen (Schleierdiebstahl) und verbarg sie in einem Korbe. 
Als nun die Mädchen am Morgen vom Tanz zurückkehrten, fand 
die eine ihre Flossen nicht und mußte traurig sehen, wie ihre 
Gefährtinnen davon schwammen. Da stieg der Mann vom Baume 
herab, führte das Mädchen in sein Haus, gab ihr zu essen und 
nahm sie zu seinem Weibe. (Heirat) Die Flosse verbarg er 
aber sorgfältig in einer Matte. (Schleierverstecken.) Sie lebten 
glücklich und hatten viele Kinder. (Kmdersegen.) Eines Tages 
aber, als der Mann in den Busch gegangen war, fand die Frau 
ihre Flosse wieder. (Schleiertviederfinden.) Sofort lief sie zum 
Meeresstrande herunter, legte sich die Flosse auf den Rücken und 
wurde alsbald zum Fisch. Rasch schwamm sie ins Meer zu- 
zück. (Abschied.) Lange Zeit war vergangen, da segelte der 
Mann einst mit seinem Sohne zum Fischfang hinaus auf das Riff. 
Und wie er nun umher fuhr und nach Fischen spähte, kam ein 
großer Fisch geschwommen, der beständig das Kanoe umkreiste 
und über den Ausleger hin- und hersprang. Der Knabe aber 
rief dem Vater zu: „Sieh den großen Fisch!" Da ergriff der 
Mann die Lanze und sperte den Fisch. Wie er ihn aber ans 
Kanoe zog, erkannte er an der Flosse, daß er sein Weib getötet 
hatte. Da wickelte er den Fisch in seine Matten, und weinend 
grub er ihn in die Erde und legte viele Steine darauf. Dann 
zog er mit seinen Kindern in den Busch und blieb trauernd 
20 Tage darin. Dann kehrten sie in ihr Haus zurück und lebten 
wie zuvor, der Mann und die Kinder. 

B. Palauinseln. — Der aus dem Bambus aufgestiegene Sonnen- 
held Akapekemek findet, daß seine auf den Palmen aufgehangenen 
Becher jede Nacht von jemandem ausgeleert werden. (Es er- 
innert dieses mehrfach vorkommende Becherleeren an die Wasser- 
eimer der wasserholenden Mädchen!) Er legt sich also auf 
die Lauer. Wirklich gelingt es ihm eines Nachts zu sehen, daß 
ein Fisch aus dem See hinaufsteigt und, seinen Schwanz ablegend 
(ScKleierablegeri), in menschlicher Gestalt auf die Palme steigt. 

Frobenius, Sonnengott. I. 20 



306 Drittes Buch. 

Akapekemek ergreift rasch den Schwanz und bringt ihn heim. 
(Schleierdiebstahl.) Als Akapekemek am nächsten Morgen kommt, 
um den Palmwein einzusammeln, findet er unter einer Palme 
eine Frau, die ihm zuruft, daß sie nackt sei und daß er ihr rasch 
einen Schurz bringen soll, was er auch tut. Als er seinen Palm- 
wein zusammen hat, gehen sie nach Hause und Akapekemek hei- 
ratet die Frau. (Heirat) Sie gebiert eine Tochter, die zu einem 
sehr schönen Mädchen heranwächst. (Kindersegen.) Zufälliger- 
weise entdeckt eines Tages die Frau den vor vielen Jahren ver- 
lorenen Schwanz. (Schleierwiederfinden.) Es ergreift sie eine 
mächtige Sehnsucht nach ihrer früheren Heimat. Sie kann der- 
selben nicht widerstehen, ergreift den Fischschwanz, eilt zum 
Strande und stürzt sich in die See. (Abschied.) Indessen war 
der Schwanz von dem langen Trocknen so leicht geworden, daß 
es ihr unmöglich wurde, in die Tiefe zu sinken, und so machte 
sie einen Tausch mit einem anderen Fische und verschwand nun 
rasch, nach ihrer Heimat eilend. 

C. Bantik im nördlichen Celebes. — Utahagi, die Tochter 
der Limumu-ut und des Toar schwebte mit sechs anderen Nym- 
phen, welche ihre Schwestern und ebenfalls sehr schöne Frauen 
waren, vom Himmel herab, um sich in einem Brunnen, der sehr 
helles und reines Wasser hatte, zu baden. (Baden.) In dieser 
Zeit wohnte daselbst ein gewisser Kasimbaha, ein Enkel der 
Götter. Da nun Kasimbaha die Nymphen in der Luft entdeckte, 
sah er sie zuerst für weiße Tauben an, bemerkte aber, nach dem 
sie zum Brunnen gekommen waren und sich entkleidet hatten 
(Schleier ablegen), zu seiner größten Verwunderung, daß es Frauen 
waren. Während nun die Nymphen im Bade waren, nahm Ka- 
simbaha ein Blaserohr, schlich sich durch das Gebüsch, möglichst 
nahe zu dem Brunnen und zog mit demselben einen der leichten 
Röcke zu sich hin. (Schleierdiebstahl,) Dieser besaß die Kraft, 
daß derjenige, der es an hatte, dadurch fliegen konnte. Jedes 
der Mädchen zog nach beendetem Bade ihr Kleid wieder an und 
schwebte heimwärts. Eine derselben konnte aber das ihrige 
nicht finden und mußte daher zurückbleiben. Diese war Uta- 
hagi, so genannt nach einem weißen Härchen, welches auf dem 



Göttinnen: Schwanenjnngfrauenmythe. 307 

Scheitel ihres Hauptes wuchs und eine besondere Kraft hatte. 
Kasimbaha brachte sie nach seiner Wohnung und machte sie zu 
seiner Frau (Heirat) Aus dieser Ehe entsproß ein Sohn namens 
Tambaga. (Kindersegen.) Einige Zeit danach teilte Utahagi 
ihrem Manne das Geheimnis des weißen Härchens insofern mit, 
daß sie ihm empfahl, ja vorsichtig damit zu sein, weil, wenn sie 
es durch einen Zufall verlieren sollte, großes Unglück daraus 
entstehen würde. (Verbot.) Trotzdem hielt sich Kasimbaha 
nicht an diese Worte, und als er es ausgezogen (Verbotsbruch), 
entstand ein schwerer Sturm, begleitet von Blitz und Donner. 
Als dies (Jewitter ausgetobt hatte, war Utahagi verschwunden 
und in den Himmel zurückgekehrt. (Abschied.) Tambaga blieb 
bei Kasimbaha. Dieser sann aber auf ein Mittel, in den 
Himmel zu kommen. An einer Rottangranke, die vom Himmel 
zur Erde herabreicht und von welcher eine Feldratte die hin- 
dernden Dornen abnagt (Strahlenleiter), klettert Kasimbaha mit 
seinem Söhnlein auf dem Rücken empor. Verschiedene kleine 
Tiere (Hülfsgeschöpfe) unterstützen nun Kasimbaha bei seinem 
ferneren Handeln. Die Proben, die ihm die Götter auferlegen, 
um zu sehen, ob er ein Halbgott und von göttlicher Abstammung 
sei, vermag er mit deren Unterstützung zu vollbringen. Er blieb 
endlich mit seiner Frau im Himmel, seinen Sohn ließ man aber 
an einer langen Kette zur Erde herab und von diesem Tambaga 
stammen die Bantik . 

D. Aurora. Melanesien. — Die Geschichte handelt von einigen 
Frauen, die, wie man sagt, dem Himmel entstammten und Flügel 
gleich Vögeln hatten. Und sie kamen zur Erde hinab, um sich 
im Meere zu baden (Baden), und als sie badeten, legten sie ihre 
Schwingen ab (Schleier ablegen). Und als Quat vorbeiging, sah 
er sie. Und er nahm ein paar von den Flügeln fort (Schleier- 
diebstahl) und ging zurück in das Dorf und vergrub sie am Haupt- 
pfahl seines Hauses (Schleierverstecken), Darauf begab er sich 
zurück und beobachtete die Frauen, und als diese ihr Bad beendet 
hatten, kehrten sie an den Strand zurück und ergriffen ihre Schwingen 
und flogen zum Himmel empor; nur eine konnte nicht fortfliegen, 
weil Quat ihre Flügel gestohlen hatte, und sie schrie. Da trat 

20* 



308 Drittes Buch. 

Quat zu ihr heran und betrügerischen Sinnes spricht er mit ihr 
und fragt sie, weshalb sie schreie und sie sagt: „Sie haben mir 
meine Flügel fortgenommen". Da nimmt er sie mit sich nach 
Hause und heiratet sie (Heirat). Und Quats Mutter nimmt sie, 
und sie gehen zur Arbeit; und wenn sie ein Yamsblatt berührt^ 
dann sind da schon die Yamsknollen, als ob sie schon jemand 
ausgegraben habe. Und wenn sie ein Bananenblatt berührt, so 
sind die Früchte sogleich reif. Als die Mutter Quats dieses aber 
sah, schalt sie sie; nicht aber Quat; dieser war auf die Vogel- 
jagd gegangen. Und als Quats Mutter sie so schalt, ging sie 
zurück in das Dorf, und sie setzt sich neben den Pfosten cles Hauses 
und weint. Und als sie schrie, flössen ihre Tränen herab auf den 
Boden und verursachten eine tiefe Höhle. Und die Tränen wuschen 
die Erde von den Flügeln, sodaß die Frau sie fand (Schleierwieder- 
finden). Da flog sie wieder zurück zum Himmel (Abschied). — 
(Als Quat vom Vogelschießen heimkehrt, sieht er, was geschehen 
ist und schilt seine Mutter. Er schießt nun die Pfeilleiter zum 
Himmel empor, welche an das Wurzelende einer Feige mündet 
(Sonnenstrahlenleiter). Er nimmt alsdann Speise und klettert empor. 
Er findet sein Weib. Quat stürzt später herab, während seine 
Frau zum Himmel zurückfliegt). 

E. Lepers. Island. Melanesien. — Gleicht der vorigen Mythe. 
Nur ist Tagaro für Quat eingeschoben. Der Schluß der Fahrt zum 
Himmel fehlt. 

F. Die polynesischen Formen dieser Mythe zeigen eine starke 
Umbildung. Während nämlich Melanesien neben jenen beiden 
soeben zitierten Formen D. und E., in denen die Himmelsjung- 
frau hervortritt, noch solche hat, in denen die Fischjungfrau zum 
Segen des Helden ans Land steigt, findet sich in Polynesien ledig- 
lich die Himmelsjungfrau. Das Motiv des Schleierdiebstahls ist 
an eine andere Stelle der Mythologie gewandert. In der Maui- 
mythologie raubt der Sonnenheld seiner Mutter den Gürtel. Aus 
den Resten der Hawaischen Mythologie geht hervor, daß dieser 
Gürtelraub einst eine große Bedeutung hatte. — Im übrigen treffen 
wir die verschiedensten Schwanenjungfrauen in Polynesien, wenn 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 309 

auch nicht gerade in der Anzahl wie in Indonesien. Mariner hat 
uns seinerzeit schon eine Form kennen gelehrt, Grey und White 
solche von Neuseeland, Mann eine solche von Hawai und neuer- 
dings Stübel eine solche von Samoa. Wenn ich nun noch hinzu- 
füge, daß diese jüngere Form der Himmelsjungfrauensage auch 
nach Melanesien hinübergedrungen ist, so hat der Leser ein sehr 
hübsches Bild der Verbreitung. — Die so erhaltene Himmels- 
jungfrauenmythe ist aber arg verkümmert. Des Schleierdiebstahls, 
der in den meisten Versionen so außerordentlich wesentlich ist, 
ist sie verlustig geworden, und wir können nur daraus, daß 
dies Motiv an den Gestaden Melanesiens und, wie wir gleich sehen 
werden, Neuhollands sich erhalten hat, und daß es in einer ver- 
worrenen Weise in die Mauimythologie übergegangen ist, erkennen, 
daß es einst vorhanden war. Gut nachweiseu läßt sich dagegen 
das Verbotsmotiv sowohl in der Tawhakimythe als in der Stübel- 
schen Samoaversion. Indem das Gebot oder ein Wunsch nicht 
erfüllt wird, kehrt das Mädchen in den Himmel zurück. Wichtig 
ist es, daß in der neuseeländischen Mythe Tawhaki auf dem 
Rottangseil zum Himmel emporsteigt und die Proben im Himmel 
besteht. Es schließt sich also genau wie in Indonesien und Mela- 
nesien die Himmelfahrt an. 

G. Narran. Neuholland. — Nach einigen wunderbaren Er- 
fahrungen in unbekannten Ländern und nach mehrfachem Fliehen 
erblickt Wurrunah sieben junge Mädchen. — Die jungen Mädchen 
zeigten bei seinem Anblick keinerlei Furcht, waren vielmehr sehr 
freundlich zu ihm, gaben ihm zu essen und ließen ihn in ihrem 
Kreise übernachten. Sie sagten ihm, daß sie aus einem fernen 
Lande stammten und dahin auch wieder zurückkehren würden. 
Am nächsten Tage verließ Wurrunah sie, beschloß jedoch, in ihrer 
Nähe zu bleiben, und, wenn sich eine Gelegenheit böte, eines der 
Mädchen zu stehlen und als Frau mitzunehmen. So beobachtete 
er denn, daß die sieben Mädchen mit den Grabstöcken in der 
Hand aufbrachen. Bei einem Neste fliegender Ameisen machten 
sie Halt und gruben um den Bau Löcher. Nachdem sie mit Er- 
folg gegraben hatten, setzten sie sich nieder, um die von ihnen 
als Delikatesse geschätzten Ameisen zu verzehren. Während dessen 



310 Drittes Buch. 

legten sie die Grabstöcke zur Seite. (An Stelle des Motivs Schleiei*- 
ablegen). Sobald sie beim Mahle saßen, kam Wurrunah vorsichtig 
herbei und stahl zwei der Grabstöcke (Schleier diebstahl), worauf 
er zu seinem Verstecke zurückkehrte. Sobald die Mädchen ihr 
Mahl verzehrt hatten, nahmen sie ihre Stöcke auf und machten 
sich zur Rückkehr nach ihrem Lager bereit. Aber nur fünf konnten 
ihre Stöcke finden und nur diese wanderten fort. Zwei sahen 
sich vergebens nach ihrem Gerät um, suchten und suchten. Als 
sie nun einmal gerade mit dem Rücken ihm zugekehrt waren, 
kam Wurrunah hervor und steckte die Stöcke in den Boden, wo- 
rauf er sich wieder verkroch. Alsbald sahen die beiden ihre Grab- 
stöcke, stürzten sich mit einem Freudengeschrei auf sie zu und 
wollten sie just erfassen, als Wurrunah herbeisprang und sie fest- 
hielt. Zwar weinten und schrien sie mächtig, aber der Mann 
erklärte ihnen, daß sie seine Weiber werden sollten, daß sie es 
auch gut haben würden, wenn sie seinen Wünschen folgten etc. 
Als die beiden nun sahen, daß jeder Widerstand nutzlos sei, er- 
gaben sie sich in ihr Schicksal und gingen mit ihm von dannen 
(Heirat). Sie sagten ihrem Manne aber, daß in einigen Tagen 
ihr Stamm kommen würde, um sie zurückzuholen, und daß sie 
deswegen tüchtig darauf losmarschieren müßten, und das taten sie 
denn auch. Einige Wochen verstrichen, und die beiden Meamei 
(Meamei war der Name der sieben Schwestern) schienen mit 
ihrem neuen Leben ganz einverstanden zu sein. Sie wunderten 
sich nur, daß die andern Meamei so gar nichts von sich hören 
ließen, fragten sich, ob dieselben wohl noch am selben Orte 
wohnten, ob sie zu ihrem Stamme gekommen wären, um Beistand 
zu holen etc. Es verstrich lange Zeit. — Als sie eines Tages 
lagerten, sagte Wurrunah : „Dieses Feuer will nicht recht brennen. 
Geht ihr beide denn hin und holt von den beiden Fichten dort 
einige Borke." Darauf antworteten sie ihm: „Nicht doch, wir 
dürfen nicht Fichtenborke abschälen. Wenn wir es täten, würdest 
du uns nie wiedersehen." (Warnende Erklärung an Stelle des 
Verbotes). Er befahl es nochmals; sie warnten ihn wieder 
und wieder; aber es half nichts, er wollte seinen Willen ausge- 
führt sehen. (Durchsetzen seines Willens an Stelle des Ver- 
botsbruches). So gingen denn die beiden Meamei an die Arbeit. 



Göttinnen: Schwajienjungfrauenmythe. 311 

Sie nahmen ihre Steinbeile, und jede trat an einen Baum. Jede 
trieb mit einem festen Schlage ihr Beil in den Baum. Aber kaum 
war das geschehen, so fühlte jede, daß der Baum, in den sie ihr 
Beil getrieben hatte, vom Boden emporwuchs, höher und höher 
wuchs und sie mit sich trug. Höher und höher wuchsen die 
Fichten empor, höher und höher wurden die zwei jungen Frauen 
von der Erde gehoben. Als nun Wurrunah nach den ersten 
Schlägen nichts mehr vernahm, stand er auf, um zu sehen, was 
die Mädchen eigentlich machten. Wie er an die Fichten kam, 
sah er das unnatürliche Wachstum und seine beiden Frauen außer- 
dem oben in der Luft. Er rief ihnen zu, herabzukommen, aber 
er erhielt keine Antwort. Er rief sie wieder und wieder, erhielt 
aber keine Antwort, mußte es vielmehr mit ansehen, wie sie höher 
und höher hinaufgelangten. Und die Fichten wuchsen, bis ihre 
Spitzen den Himmel erreichten. Im gleichen Augenblicke sahen 
aber auch die anderen fünf Meamei aus dem Himmel, riefen ihren 
beiden Schwestern auf dem Fichtenbaume zu, nicht zu erschrecken, 
sondern zu ihnen zu kommen. Sobald die beiden die Stimmen 
ihrer Schwestern vernahmen, klommen sie nun ihrerseits empor, 
und als sie die Spitzen der Bäume erreichten, steckten die anderen 
fünf die Hände herab und zogen sie zu sich in den Himmel, wo 
sie von nun an für immer leben sollten. Und dort kannst du die 
sieben Schwestern auch sehen. Du kennst sie als Plejaden, die 
Schwarzen nennen sie aber Meamei. 



Die Schwanenjungfrauenmythe in Amerika. 

H. Tschuktschen. Nordostasien. — Ein Mann sieht fünf 
weiße und schöne Frauen in einem See baden {Baden). Am 
Ufer findet er ihre weißen Gänsehautjacken und ergreift Besitz 
von ihnen (Schleier diebstahl). Die Frauen kommen ans Land 
und bitten um ihre Anzüge. Eine von ihnen ist schöner als die 
anderen. Sie ist so schön wie Feuer. Der Mann weigert sich, 
dieser die Jacke wiederzugeben, während die andern, die die 
ihren zurückerhalten, diese anziehen und von dannen fliegen. 
Der Mann nimmt die Gänsefrau mit sich nach Hause und heiratet 
sie (Heirat). Sie schenkt ihm einen Sohn (Kindersegen). Nach 



312 Drittes Buch. 

einiger Zeit bittet die Schwiegermutter sie, in das Land zu gehen 
und eßbare Wurzeln zu graben. Sie bringt jedoch nichts als 
Grasstengel. Die alte Frau schilt sie und bringt sie zum Weinen. 
(Vergleiche die melanesischen Mythen D. und E.). Sobald die 
Vögel zu ziehen beginnen, kann die Gänsefrau nicht schlafen 
und beobachtet sie; sie wünscht sie zu sprechen. Zwölf weiße 
Gänse fliegen vorbei. Sie ruft und bittet sie, ihr zu helfen. 
„ Nehmt mich mit in unser Land!" sagt sie. Sie antworten: 
„Wir haben keinen Schlitten." Dann läßt aber jede eine Feder 
aus ihren Fittichen fallen. Die Frau sammelt die Federn auf 
und näht sie an ihren Ärmel (an Stelle des Schleieriüiederfindens) 
und fliegt mit den Gänsen fort (Abschied). Der Mann rügt seine 
Mutter und bittet sie, ihm zehn paar neue Schuhe zu machen. 
Er füllt die Schuhe mit Proviant und macht sich auf zur Verfolgung 
seines Gänse weibes. Jeden Tag trägt er ein paar von den 
Schuhen ab und verzehrt die Nahrung aus einem andern. Als 
er zuletzt alle seine Schuhe aufgebraucht hat, kommt er an den 
Seestrand. Ein alter kleiner Mann steht am Ufer, der behaut 
Holz mit einer Axt. (Nach einer anderen Lesart verwandeln sich 
die ins Wasser fallenden Holzschnitzel in Fische usw.) Er blickt 
nach des alten Mannes After und bemerkt, daß er durch den- 
selben bis in den Mund sehen kann. Er geht nun in den Anus 
hinein und kommt bei dem Munde heraus. „Woher kommst 
du?" fragt der alte Mann. „Von deiner rechten Seite" antwortet 
er, da er fürchtet, ihn mit der Wahrheit zu ärgern. Der alte 
Mann bittet ihn, einen Block Treibholz, der nahebei liegt, heran- 
zubringen. Mit seiner Axt höhlt er ihn aus und macht ein 
Kanoe mit einem genau darauf aufliegenden Dache daraus, so 
daß dieses gleich dem Deckel einer Schnupfbüchse genau paßt. 
In diesem Boot kreuzt der Mann zu einem anderen Gestade. 
Doch es spielt sein kleiner Sohn am Ufer mit anderen Kindern 
und erzählt seiner Mutter, der entflohenen Gänsefrau, daß ihr 
Mann komme. Diese glaubt dem Kinde nicht, tritt jedoch zuletzt 
heraus, um den Ankömmling zu treffen. „Weshalb kommst du?^ 
sagt sie. „Sie werden dich töten! Ein sehr starker Mann hat 
mich zu seinem Weibe genommen!" „Gut", sagt er: „Ich komme, 
um zu sterben, nicht um zu leben." Eine Glaukusmöwe ist der 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 313 

Mann der Frau. Er ist der klügste und stärkste Mann im Dorfe. 
Sein Haus steht gegenüber allen anderen. Er greift den Besucher 
an, der aber des Möwen Nacken umdreht und ihn niederwirft. 
Das Vogelvolk sammelt sich in Schwärmen und greift den Mann 
an. Sie schießen mit ihren Schwingfedern nach ihm. Er aber 
greift eilig eine Keule und erlegt hunderte von Vögeln. Dann 
kehrt er mit seinem Weibe und seinem Kinde in demselben zu- 
geklappten Boote zurück. — In einer anderen Lesart ist der neue 
Vogelehemann ein mächtiger Adlerschamane, und er siegt nur mit 
Hülfe der anderen Vogelschamanen: des Raben, der Meerschwalbe 
und des Falken. 

I. Zentrale Eskimo. — Ititaujang (d. h. dem Anus ähnlich) 
war von dem zur Heirat erbetenen Mädchen zurückgewiesen 
worden, weil er einen so häßlichen Namen habe. Da wanderte 
er weit, weit fort. — Zuletzt kam er in das Land der Vögel 
und an ein .kleines Gewässer, in dem viele Gänse schwammen 
(Baden). Am Ufer sah er eine Menge von Schuhen stehen; 
vorsichtig schlich er sich näher und stahl so viele von denselben, 
als er fortnehmen konnte (Schleierdiebstahl). Einige Zeit später 
verließen die Vögel das Wasser und machten, als sie ihre Schuhe 
nicht fanden, einen großen Lärm. Nur eine von dem Schwärme 
blieb zurück, die rief: „Ich will meine Schuhe wiederhaben, ich 
brauche meine Schuhe." Ititaujang kam hieraufhin hervor und 
sagte: „Ich will dir deine Schuhe wiedergeben, wenn du meine 
Frau werden willst." Erst wollte sie nicht; als Ititaujang aber 
ihr den Rücken zudrehte, um mit den Schuhen wegzugehen, er- 
klärte sie sich, wenn auch widerstrebend, bereit. Nachdem sie 
ihre Schuhe wieder angezogen hatte, war sie sogleich in ein 
Weib verwandelt und wanderte mit ihm zur Meeresküste, wo sie 
sich in einem großen Dorfe niederließen (Heirat). Hier lebten 
sie mehrere Jahre zusammen, und hier brachte sie ihm auch 
einen Sohn zur Welt (Kindersegen). Inzwischen wurde Ititau- 
jang ein hochgeachteter Mann, da er unter den Inuit bei weitem 
der beste Walfischjäger war. Nach einiger Zeit hatten die Inuit 
einmal einen Walfisch getötet, und man war dabei beschäftigt, 
ihn zu zerlegen und Fleisch und Speck in die Hütten zu tragen. 



314 Drittes Buch. 

Obgleich Ititaujang emsig arbeitete, stand sein Weib müßig da- 
neben. Als er sie nun rief und sie bat, ihm zu helfen, wie die 
andern Frauen dies taten, schlug sie ihm dies ab und rief: 
„Meine Nahrung ist nicht die des Meeres, meine Nahrung ist 
die des Landes. Ich will nicht Walfischfleisch essen, ich will 
nicht helfen." (Diese Weigerung ist an Stelle des warnenden 
Verbotes getreten.) Ititaujang antwortete: „Du mußt Walfisch- 
fleisch essen: das wird deinen Magen füllen." (Durchsetzen 
des Willens an Stelle des Verbotsbruches.) Darauf schrie sie 
aber wieder und rief: „Ich will nichts davon essen; ich will 
mein schönes weißes Kleid nicht beschmutzen." Sie stieg zum 
Ufer hinab und suchte nun emsig nach Vogelfedern. Nachdem 
sie genügend gefunden hatte, steckte sie sie zwischen ihre Finger 
und zwischen die ihrer Kinder (an Stelle des Schleierivieder- 
findens); darauf verwandelten sie sich in Gänse und flogen 
fort (Abschied). Als die Inuit dieses sahen, riefen sie aus r 
„Ititaujang, dein Weib fliegt fort!" Da wurde Ititaujang sehr be- 
trübt; er rief nach seiner Frau; er achtete nicht mehr des Über- 
flusses an Fleisch und Speck, und das Spritzen der Walfische nahe 
dem Ufer blieb ihm gleichgültig. — Er macht sich nun auf die 
Reise über Land, um seine Frau zu suchen. Der Salme schnitzende 
Mann mit dem offenen Rücken nimmt ihn freundlich auf, weil 
Ititaujang in falscher Darstellung der Tatsachen sagt, er sei von 
vorn und nicht von hinten gekommen. Der Mann leiht ihm einen 
Salmenrückenknochen, der Ititaujang auf eine kleine Insel tragen 
soll, auf der sein Weib und sein Kind mit einem neuen Gatten 
zusammenwohnen. Nur soll er während der Überfahrt in dem 
zum Kajak verwandelten Knochen die Augen schließen. Ititau- 
jang kommt, als er die Augen ein wenig öffnet in Gefahr, gelangt 
aber doch endlich glücklich an das Gestade der Insel. Dort spielt 
sein Kind. Dasselbe sieht den Vater und meldet ihn der Mutter 
an, die aber trotz zweimaliger Mitteilung nicht an dessen An- 
kunft glauben kann. Kaum hat es aber der Knabe zum zweiten 
Male gesagt, da erscheint auch Jtitaujang am Eingange der Tür. 
Als ihn der neue Ehemann der Frau sieht, fordert dieser sie auf, 
die in einer Ecke der Hütte stehende Kiste zu öffnen. Sie tut 
es, und viele Federn fliegen aus der Kiste, die sofort an ihnen 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 315 

haften. Die Frau, der neue Ehemann und das Kind werden so- 
gleich in Gänse verwandelt; als aber Ititaujang sieht, daß sie 
drauf und dran sind, fortzufliegen, wird er wütend und schlitzt 
den Leib seiner Frau auf, ehe sie entweichen kann. Viele Eier 
fallen zu Boden. 

K. Grönländer. — Ein alter Junggeselle pflegte sich zu unter- 
halten, indem er mit Schädeln von Seehunden spielte. Er be- 
handelte sie, als wären sie seine Kinder. Wenn er im Kajak 
ausfahren wollte, legte er sie auf das Ufer und sagte, nachdem 
er in seinem Fahrzeug Platz genommen hatte: „So, nun seid 
artig, Kinder, und geht schleunigst nach Hause!" Und wenn er 
sie, heimkehrend, wieder an demselben Platze vorfand, pflegte er 
auszurufen: „Ihr scheint mir insgesamt taub und schwerhörig zu 
sein, habe ich euch nicht, ehe ich abfuhr, gesagt, ihr solltet vom 
Wasser fortgehen?" Dann nahm er wohl einen der Köpfe, warf 
ihn in das Wasser und sagte: „Schaut, da ist euer kleiner Bruder 
in das Wasser gefallen!" — Als er sich nun einstmals sehr ein- 
sam und betrübt fühlte, lief er weit weg in das Land, und da 
traf er eine große Menge von Frauen an, die sich in einem 
See badeten (Baden). Bei diesem Anblick stieg ein Gedanke in 
ihm auf. Geräuschlos stahl er sich zu dem Platze, an dem die 
Frauen ihre Kleider abgelegt hatten und brachte das Kleid der- 
jenigen, die ihm die hübscheste schien, in Sicherheit (Schleiei- 
diebstahl). Sodann ging er kühn auf sie zu. Als die Frauen 
ihn sahen, eilten sie auf ihre Kleider zu, warfen dieselben über,, 
verwandelten sich allsogleich in Vögel und flogen fort. Die aber, 
der er die Kleider weggenommen hatte, blieb allein zurück. Und 
der Junggeselle ging schlangweg auf sie zu und fragte: „Willst 
du wohl meine Frau werden?" Darauf antwortete sie: „Ja, du 
magst mich nehmen, gib mir aber meine Kleider zurück." Sie 
erhielt sie darauf auch; er hielt sie aber fest, damit sie ihm 
nicht etwa wegflöge. Sie kleidete sich also an, er nahm sie mit 
sich nach Hause und heiratete sie (Heirat). Am folgenden 
Morgen wagte er es nicht, seinen Kajak zu besteigen, aus Furcht, 
sie möchte ihm entfliehen; und so kam es, daß er es ganz auf- 
gab, auszufahren, bis sie eines Tages selbst zu ihm sagte: „Jetzt 



316 Drittes Buch. 

kannst du mich ohne Furcht verlassen, denn ich liebe dich jetzt 
in Wahrheit. Du kannst mir nunmehr trauen." Da begann er 
wieder auf die Seehundjagd auszuziehen. Endlich bekam sie 
einen Sohn, und als er aufwuchs, wurde ihm noch ein Sohn ge- 
boren. Danach erhielten sie aber keine Kinder mehr (Kinder- 
segen). Als die Kinder aufwuchsen, nahm die Mutter sie zu- 
weilen beim Ausgehen mit sich, und auf dem Wege pflegte sie 
sie zu ermahnen, Flügel und Federn zu sammeln, indem sie 
sagte: „Kinder, ihr seid Verwandte der Vögel." Eines Tages 
aber befestigte sie endlich diese Flügel an dem einen Knaben, 
der darauf sogleich in ein Seehuhn verwandelt wurde und fort- 
flog. Dasselbe machte sie mit seinem Bruder und zuletzt legte 
auch sie Flügel an (das Federsammeln und Anheften ist an 
Stelle des Schleierwiederfindens getreten) und folgte ihnen 
ebenfalls in Gestalt eines Seehuhnes (Abschied). Als der alte 
Mann heimkehrte, fand er weder Weib noch Kinder vor, worauf 
er sehr betrübt wurde. Immerhin hörte er nicht auf, in seinem 
Kajak auszufahren, obgleich er nicht mehr Seehunde jagte. — 
Er kommt nun eines Tages an einen Sandhügel, an dem, wie in 
den beiden vorhergehenden Mythen, der hinten ausgehöhlte Mann 
sitzt, den er als solchen auch erkennt, dem er sich aber in vor- 
sichtiger Weise von vorne nähert. Deshalb wird er auch von 
diesem nicht getötet. Als er den Alten fragt, ob er nicht drei 
Vögel gesehen habe, sagte er erst nein, nimmt auch den ange- 
botenen Kajak nicht an, lehnt dagegen die Axt nicht ab. Der 
alte, frühere Junggeselle wird nun auf den Schwanz eines Salmes 
gesetzt und fährt von dannen; Gefahr beim Augenöffnen. Erst 
als ein Kind schreit: „Vater ist da!" öffnet er die Augen, sieht 
sich am Ufer und bemerkt ein Haus mit schönen Fenstern. Alle 
Bewohner sind Frauen. Nahe der Rückwand sitzt seine Frau 
und ihr gegenüber ein Mann mit einer Stülpnase, der in einem 
fort die Worte wiederholt: „Willst du mich heiraten?" worauf 
diese Frau aber antwortet: „Nein, ich habe schon einen andern 
Gemahl erhalten." Alle andern Frauen verlassen das Haus, nur 
diese beiden bleiben zurück. Als zuletzt auch der Bursche mit 
der Stülpnase sich entfernt hat, macht der Mann einen Versuch, 
seine Frau zurückzuerlangen ; aber geschwind folgt seine Frau 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 317 

dem andern, und als er sie verfolgt, verwandelt sie sieh in eine 
Möve, wie dies die andern Frauen auch getan haben. Der 
Stülpnasenmann ist inzwischen zur Wildente geworden, und als 
der abgedankte Ehemann sich herumdreht, sieht er, daß sich 
das Haus in einen Mövenhügel verwandelt hat, wie solche aus 
den Abfällen, überall da, wo diese Vögel lange hausen, ent- 
stehen. 

L. Micmac. — Es sind nur noch fragmentarische Reste der 
Mythe vorhanden. In einer Geschichte baden (Baden) drei junge 
Mädchen zur Winterszeit in einem Eisloche. Der Held sieht sie, 
wie sie ihr Haar ordnen (Schleierablegen). Es gelingt ihm das 
dritte Mal, als er sie sieht, das Haarband der einen zu stehlen 
(Schleierdiebstahl). Er nimmt dasselbe mit nach Hause. Das 
junge Mädchen kommt zu ihm und bittet ihn um dasselbe. Er 
heiratet sie (Heirat). 

In einer andern Version trifft der Held Marder an einem 
kleinen See einige junge Mädchen, die dort baden und ihre 
Sachen am Ufer niedergelegt haben (Baden und Schleiei*ablegen). 
Der Marder stiehlt die Kleider der Schönsten (Schleierdiebstahl)* 
Dieselbe folgt ihm nach Hause, wo er ihr einen leichten Schlag 
versetzt und sie heiratet (Heirat). Später folgt als Fortsetzung 
die Geschichte von den, Sternenmänner heiratenden Frauen. 

M. Antillen. — Nachdem die ersten Männer hervorgekommen 
waren, fehlten ihnen noch die Weiber. Endlich entdecken sie 
unter Baumzweigen an den Ufern eines großen Sees einige Tiere, 
die sich als Frauen erweisen. (Es liegt hier offenbar das Motiv 
des Badens und Schleierablegens zugrunde). Diese Frauen sind 
aber außerordentlich schwer zu erreichen, ja es ist geradezu un- 
möglich, sie festzuhalten, weil sie glatt wie Aale sind. (Also 
mehrmaliger Versuch die Frauen zu erlangen, wie wir das eben 
auch schon bei den Micmac sahen, und wie wir das Motiv in der 
lappländischen Mythe wiederfinden werden.) Endlich versuchen 
es einige Männer, die Frauen festzuhalten, deren Hände durch 
eine Art Aussatz rauh geworden sind. (Offenbar an Stelle des 
Schleierdiebstahles.) Diesen gelingt es, vier von den glatten 



318 Drittes Buch. 

Frauen zu fangen, welche geheiratet werden und von denen die 
Welt bevölkert wird. 

Eine ganz schwache Spur der Mythe findet sich auch in 
Peru, wo nach der Flut ein Indianer zwei Aarapapageien mit 
Weibergesichtern antrifft, die ihm immer heimlich ein Mahl be- 
reitet haben. Der Mann versteckt sich und es gelingt ihm, trotz- 
dem die beiden zu fliehen suchen, eine derselben zu heiraten, 
welche die Stammmutter wird. — Wenn überhaupt, dann ist dies 
ein sehr schwacher Nachklang. 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Afrika. 

N. Betsimisaraka aus Madagaskar. — Man erzählt, daß ein 
Betsimisaraka, der fischen gegangen war, eine wunderbare Undine 
mit weißer schöner Haut und langen schwarzen Haaren herauf- 
gezogen habe (offenbar Vermischung mit der Mädchenangelmythe). 
Dieses Weib lebte im Wasser und nährte sich von rohem Fleisch. 
„Ich heirate dich", sagte sie zum Fischer, „und wohne mit dir 
unter der Bedingung, daß du nie meinen Ursprung aufdeckst 
(Verbot). Sie heiraten sich (Heirat), und das Weib lebte auf 
Erden, wie wenn sie eine gewöhnliche Frau wäre. Aus dieser 
Ehe entsprossen vier Kinder, zwei Knaben und zwei Mädchen 
(Kindersegen). Eines Tages, als der Betsimisaraka vom Rum 
betrunken war, fragte man ihn, wie ein so armer Fischer wie 
er sei, eine so schöne Frau hätte heiraten können. Er erzählte, 
auf welche Weise die Ehe zustande gekommen sei und enthüllte 
so den Ursprung seiner Frau (Verbotsbruch). Sowie die Tochter 
des Wassers dies vernahm, verließ sie ihren Gatten und kehrte 
in den Fluß zurück (Abschied). Die Töchter folgten ihr und 
wurden Undinen wie sie. Die Söhne blieben bei ihrem Vater. 
Sie wurden Stammväter und nannten ihre Nachkommen „die 
Söhne des Wassers". Es gibt noch Nachkommen von ihnen in 
Tamatave. 

0. Zulu. — Es wird behauptet, daß in Südafrika eine voll- 
ständig erhaltene Schwanenjungfrauenmythe existiere, die ich aber 
nicht aufzufinden vermochte. Wesentlich sind aber einige Reste. 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 319 

Es kommt nämlich in den Geschichten oftmals vor, daß eine 
Schar junger Mädchen in einem See baden und daß eine von 
ihnen ein Schmuckstück liegen läßt, welches sie später noch 
holen will. Als sie zurückkehrt, wird sie aber von den Kanni- 
balen oder von dem Wasserungeheuer geraubt. — Als Rest sind 
diese kurzen Notizen natürlich sehr wertvoll. Wir müssen hoffen, 
daß uns besseres Material noch zugänglich gemacht wird. 



. Nunmehr möchte ich aber auf einige Züge der afrikanischen 
Mythologie eingehen, die zwar nicht in einem direkten Zusammen- 
hange mit der Schwanenjungfrauenmythe stehen, die uns aber 
offenbar auf die Grundzüge dieser Mythologie zurückführen. Dies 
hier eingeschobene Stück wird um so wertvoller werden, als es 
das Wesen der afrikanischen Mythologie und die Verschiebung 
der Mythologien auf diesem merkwürdigen Boden deutlich zeigt. 
Wir beschäftigen uns hier erst mit einer Mythe aus Angola, die 
jene Stämme, die einst im Osten Afrikas saßen und die im 
Mittelalter an die Westküste verschoben wurden, mit hierher ge- 
nommen haben. Es ist eine Mythe, welche- das wasserholende 
Mädchen so klar erkennen läßt, wie keine andere. Dies ist die 
Einschiebung A. Die andere Einschiebung B stammt aus dem 
Gebiete der Nordwestküste und führt uns in das Leben der Fisch- 
weiber ein. Ich habe schon im vorigen Kapitel auf sie hinge- 
wiesen und muß sie jetzt des Näheren besprechen. 

Einschiebung A. Mythe aus Angola. — Der Sohn des Sonnen- 
helden Kimanaueze will durchaus die Tochter des Herrn Sonne 
und seiner Frau Mond heiraten und keine andere. Er schreibt 
nun einen Heiratsantrag, den er absenden will. Aber kein Tier 
kann ihn überbringen. Endlich erbietet sich der Frosch. Dieser 
vollführt die Briefbestellung auf folgende Weise: An einer be- 
stimmten Quelle holen die Leute der Frau Mond das frische 
Wasser. Dorthin geht auch Frosch. Als die Mädchen den 
Humpen ins Wasser tauchen, hüpft er hinein. Die Mädchen 
merken ihn nicht. Sie nehmen ihn mit in den Himmel, wo er 
in dem Wasserraum den Brief auf einen Tisch legt und sich in 



320 Drittes Buch. 

eine Ecke versteckt. Sonne liest den Brief und Frosch läßt sich, 
als die Krüge wieder leer sind, von den Wassermädchen in der 
gleichen Weise in den Eimern zur Quelle mit zurücknehmen, wo 
er unbemerkt wieder entschlüpft. So besorgt er in verstohlener 
Weise erst einen Brief nach dem andern nach oben und nimmt 
auch die Antworten, die oben auf den Tisch gelegt werden, 
wieder mit herunter. Desgleichen vermittelt er den Austausch 
der üblichen Heiratsgeschenke. — Über das Hinauf- und Hinab- 
steigen der Wassermädchen hören wir, daß sie dies an einem 
Spinnenfaden tun. — Die Vereinbarungen sind so weit gediehen, 
daß der Sohn Kimanauezes seine Braut heimholen kann. Der 
Frosch sinnt eine hübsche List aus, um dies zu umgehen. Er 
läßt sich von dem Wassermädchen wieder hinaufnehmen, versteckt 
sich in einer Ecke und macht ausfindig, wo des Nachts die 
Tochter der Frau Mond und des Herrn Sonne schläft. Unbemerkt 
raubt er ihr beide Augen, schlägt sie in ein Tuch und versteckt 
sich wieder. Als die Sonnentochter morgens erwacht, ist sie 
blind. Darauf senden die Eltern die Sonnentochter zu Ngongo. 
einem vielwissenden Geist, der aussagen soll, was für ein Grund 
für die Krankheit vorliegt. Seine Antwort ist: „Das krankge- 
wordene Weib ist zur Frau bestimmt, aber noch nicht verheiratet. 
Der Spruch, den ihr zukünftiger Gemahl gesandt hat, indem er 
sie besprach und so blind machte, lautet: „„Laßt mein Weib 
kommen, wenn sie nicht kommt, werde ich sie töten!"" — Diese 
Auskunft bringen die Diener dem Herrn Sonne, der darauf sagt: 
„Gut, wir wollen schlafen und morgen soll sie zur Erde gebracht 
werden." — Frosch hört das alles in seiner Ecke und läßt sich 
am nächsten Tage von den Wassermädchen zur Quelle auf die 
Erde zurückbringen. Er verkündet seinem Herrn, daß die Braut 
kommen werde. Herr Sonne läßt aber von der Spinne ein be- 
sonders starkes Seil anfertigen, an dem die Tochter der Frau 
Mond und des Herrn Sonne dann am Abend zur Erde gebracht 
wird. Sie kommt an die Quelle, an der immer Wasser geholt 
wird, und dort wird sie von ihren Leuten zurückgelassen. Frosch 
kommt aus der Quelle herausgehüpft, gibt ihr die Augen wieder 
und bringt sie zu ihrem Manne. 

Die Söhne der Sonne sind stets Sonnen, die Töchter des 



Göttinnen: Schwanen jungfrauenmythe. 321 

göttlichen Ehepaares sind aber Monde oder Sterne. Der Mond 
gilt im allgemeinen wie alle Sterne, nur ist er der größte und 
der schönste. In der vorliegenden Mythe sind die wasserholen- 
den Mondmädchen außerordentlich ausgeprägt. Wir sehen das 
Erstrahlen des über dem Meere hinfunkelnden Mond- und Sternen- 
himmels. Natürlich kann der Sonnengott mit seiner Mondliebe 
nicht so leicht zusammenkommen, eine Geschichte nnd eine 
Schwierigkeit, die hier wunderhübsch dargestellt ist. 

Einschiebung B. Mythe der Tschi. — Ein Eingeborener, der 
kürzlich seine Frau verloren hat, geht niedergeschlagen an der 
Küste auf und ab, als er eine junge Frau trifft, die ihn fragt, 
weshalb er so niedergeschlagen sei. Die Frau heiratet den Mann. 
Einige Zeit geht alles gut. Nach einigen Monaten wird sie aber 
unruhig und sagt ihrem Manne, daß sie heimgehen und ihre 
Verwandten besuchen müsse. Der Mann will sie begleiten, was 
sie nicht will. Als sie am Meeresstrande sind, sagt sie, daß sie 
ihn nicht mitnehmen wolle, da er sie sicherlich nach ihrer Rück- 
kehr verspotten würde. Er versichert, daß er das nicht tun werde, 
und sie berichtet, daß ihre Heimat im Meere sei. Sie und ihre 
Verwandten wären Fische. Wenn er nun noch immer wünsche 
mitzukommen und sie zu begleiten, so solle er die brandenden 
Wellen zählen, wenn sie an die Küste schlügen und mit ihr 
unter der dritten untertauchen. Als die dritte Welle die Küste 
berührt, stürzen sie hinunter und kommen nun zu den Fischen. 
Die Verwandten räumen ihnen ein Haus ein, warnen aber den 
Mann davor, dasselbe zu verlassen. Einen Grund für diese 
Warnung geben sie nicht an. Einige Tage willfahrt er ihrer 
Bitte. Als er aber eines Tages einige junge Fische spielen sieht, 
geht er hinaus, um sie in der Nähe zu beobachten. Die Ver- 
wandten kommen ihm nach und überreden ihn, zurückzukehren. 
Drei Tage nachher, als er die jungen Fische wieder spielen sieht, 
verläßt er das Haus jedoch abermals. Er hat in der Zeit, in 
der er bei den Fischen lebt, einige Eigentümlichkeiten derselben 
angenommen, z. B. das Ausstrahlen eines phosphoreszierenden 
Lichtes während der Nacht. Als er sich nun der Oberfläche des 
Wassers zu sehr nähert, wird er von einigen Fischern (von einem 

Frobenius, Sonnengott. I. 21 



322 Drittes Buch. 

Kanoe aus) bemerkt, die sogleich einen Speer nach ihm werfen, 
da sie ihn für einen besonders ungewöhnlich schönen Fisch 
halten. Die Verwandten seiner Frau merken die Gefahr, eilen 
ihm zu Hilfe und suchen ihn auf den Grund des Meeres zurück- 
zuziehen. Als die Bemühungen mißglücken und der Mann nach 
der Oberfläche hinaufgezogen wird, bitten sie einen vorbei- 
schwimmenden Haifisch, die Schnur, an welcher der Speer be- 
festigt war, zu zerbeißen. Der Haifisch erfüllt sogleich ihre 
Bitte und der Mann wird wieder frei. Er wird in das Haus ge- 
tragen, der Speer wird herausgezogen. Die Wunde heilt. Als 
er genesen ist, schicken ihn die Verwanden seiner Frau, die 
fürchten, daß ihnen bei längerem Verweilen ein neuer Unfall 
zustoßen möchte, mit seiner Frau ans Land zurück. Als Ab- 
schiedsgeschenk geben sie ihm den Speer, schärfen ihm jedoch 
ein, denselben sorgfältig verborgen zu halten. — Sie kehren 
ans Land zurück. Der Mann verbirgt den Speer sorgfältig im 
Stroh des Daches. Nun beschließt einige Jahre nach der Rück- 
kehr des Paares aus dem Meere der Besitzer des gesamten 
Grundstückes, die Strohbedachung der sämtlichen Gebäude zu 
erneuern, findet dabei den Speer und entdeckt ihn sogleich als 
den seinen. Er spricht den Mann darauf an, der auszuweichen 
sucht, der aber, als er Verklagt wird, den Speer gestohlen zu 
haben, zu einer Erklärung gedrängt wird. Er erzählt also das 
ganze Abenteuer. So wird die Sache bekannt. Eine zweite 
Frau, die der Mann inzwischen geheiratet hat, verspottet das 
Fischweib mit seiner Herkunft. Das Fischweib geht zu ihrem 
Gatten, macht ihm Vorwürfe, daß er ihr Geheimnis verraten 
habe und verläßt ihn alsdann. Sie läuft zum Meeresstrande 
hinab, stürzt sich mit ihrem jüngsten Kinde im Arm ins Meer. 
Ihre beiden ältesten Kinder bleiben der Fürsorge des Mannes 
überlassen, und von ihr stammt eine große Familie im Lande ab. 
Eine zweite Version von einer anderen Familie erzählt : Ein 
Mann, und zwar ein Junggeselle, der nicht die Mittel hat, sich 
ein Weib zu kaufen, wirft abends sein Netz aus. Er fängt einen 
sehr schönen Fisch von der Appei genannten Art. Als er den 
Fisch töten will, spricht derselbe zu ihm: „Töte mich nicht, 
ich will deine Frau sein und du sollst mein Mann sein." Der 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenniythe. 323 

Mann ist überrascht, daß der Fisch spricht, tötet ihn nicht und 
trägt ihn beiseite. Er selbst fischt weiter. Als er das Fischen 
beendet hat und heimkehrt, findet er daselbst an Stelle des ge- 
fangenen Fisches eine junge hübsche Frau. Sie erzählt ihm, daß 
sie ein Fisch sei, und daß in Zukunft weder er noch sie noch 
ihre Kinder von dem Appei genannten Fische essen dürften. 
Die Familie vermehrte sich sehr stark. 



Wenn wir in den beiden letzten Versionen auch weder eine 
War ausgesprochene Mädchenangelmythe noch eine Schwanen- 
jungfrauenniythe, deren letzterer eventuelle Herkunft aus dem Be- 
reiche der Fischjungfrauen wir später besprechen werden, vor 
uns liegen haben, so sind doch die Materiale außerordentlich 
wertvoll für die Kritik der Verbreitung. Die erste Tschimythe 
muß eine starke Umarbeitung erlebt haben. Wir haben das 
Motiv des Angelhakens in der Geschichte mit dem Speer vor- 
liegen. Indem die Geschichte mit dem Speer weiter nach hinten 
gerückt ist, hat sich der ganze Stoff umgebildet. — Aber auf 
Madagaskar ist ja die Schwanenjungfrauenniythe, zumal in den 
ersten Teilen, auch stark abgeändert, und wir werden demnach 
wohl kaum einen falschen Schluß ziehen, wenn wir annehmen, 
daß die afrikanische Mythologie sich unter dem Einflüsse einer 
ihrerseits schon stark umgebildeten jüngeren Mythologie zu ihren 
heutigen Formen entwickelt hat. Ob diese ihrerseits schon stark 
umgebildete Mythologie die altsemitische ist, wäre an einem an- 
dern Orte zu untersuchen. 

Die Schwanenjungfrauenmythe in Asien und Europa. 

P. Japan. — An der Küste von Suruga, zu Miwo, wohnte 
einst ein Fischer namens Hakurioo. Als dieser eines Tages im 
Sonnenschein am Gestade von seiner Arbeit ausruhte, sah er 
ein hellglänzendes weißes Gewand vor sich liegen, zart und 
durchscheinend und ganz aus Federn zusammengewoben. An 
den Stellen, wo die Schultern sich befinden mußten, hingen zwei 
Flügel an dem Wunderkleide. Gierig nahm er es zu sich und 
wollte es nach Hause nehmen und sorgfältig verwahren (Sclüeier- 
diebstahl), als ein wunderschönes Mädchen vor ihm erschien und 

21* 



324 Drittes Buch. 

laut jammernd ihr Gewand von ihm zurückforderte. Hakurioo 
war anfangs garnicht gewillt, seine Beute fahren zu lassen: das 
Mädchen sagte jedoch unter fortwährendem Klagen und Tränen, 
sie sei eine Himmelsgöttin, müsse aber elendiglich auf Erden 
weilen, so lange sie ihr Federkleid nicht habe, das sie beim 
Baden abgelegt {Baden), und das auf diese Weise widerrechtlich 
in seine Hände gekommen sei. Da ward der Fischer von Mit- 
leid bewegt und sprach: „Wohlan denn, ich will dir dein Ge- 
wand zurückgeben, wenn du mir dafür den himmlischen Tanz 
vortanzt, mit dem ihr Himmelstöchter durch die Wolken schwebt/' 
Die Maid erwiderte: Ja, gib mir mein Gewand und du sollst 
den schönsten Tanz erschauen, den ich zu tanzen vermag.'' Der 
Fischer bedachte sich aber noch und sagte: „Nein, erst tanze, 
dann gebe ich dir dein Kleid!" Darauf erzürnte die himmlische 
Maid und rief: „0 schäme dich, das Wort einer Göttin zu be- 
zweifeln! Geschwind gib mir das Gewand, denn ohne dasselbe 
vermag ich nicht zu tanzen. Es soll dich nicht gereuen, das 
verspreche ich dir!" Darauf reichte ihr denn Hakurioo das 
Federgewand. Sie legte es sofort an und erhob sich in die Lüfte. 
Allein getreu ihren Worten führte sie vor des Fischers erstaunten 
Blicken den herrlichsten Tanz auf, den man sich nur denken 
kann, und dabei sang sie wunderschöne, sinnberauschende Melo- 
dien, so daß Hakurioo nicht wußte, wie ihm geschah. In immer 
schöneren Windungen erhob sie sich immer höher und höher, 
allein es dauerte lange, ehe sie den Blicken des entzückten 
Fischers entschwand und bis in einem lichten Gewölk, das dem 
Haupte des Fuji-Yama ausschwebte, die letzten Töne des Götter- 
gesanges seinen Ohren verklangen (Abschied). — (Während 
das Motiv des Abschieds klar ausgesprochen ist, fehlt die da- 
zwischen liegende Ehe und der natürlich ohne dieselbe nicht 
mögliche Kindersegen. — Ich greife übrigens ein Stück der 
Hohodemimythe heraus, um es hier einzufügen. Dasselbe soll 
zweierlei zeigen : einmal, daß das Verbotsmotiv und der Verbots- 
bruch auch in Japan nicht fehlt und zweitens, daß auch bei den 
Fischmädchen die Federn eine bedeutende Rolle spielen. Das 
Stück ist eine Fortsetzung der im vorigen Kapitel gebrachten 
Hohodemimythe. Vergl. Seite 284 F.) 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 325 

Einschiebung C. Japan. — Als Hohodemi wieder in die 
Oberwelt übersiedelte, begleitete ihn seine Gattin nicht. Toyo- 
tamahime sagte ihm aber, daß sie ihm bald nachkommen werde. 
„Ich werde dir bald einen Sohn schenken", sprach sie, „und zur 
Zeit seiner Geburt will ich in einer stürmischen Nacht hinauf 
und zu dir ans Land kommen." Ferner bat sie ihn, hart am 
Strande ein Haus für sie zu bauen, in dem sie wohnen wolle. 
Dies Haus baute Hohodemi auch sogleich mit aller nur möglichen 
Aufmerksamkeit. Er sparte keine Mühe, um es bequem und 
herrlich auszustatten. Das Dach machte er aber aus lauter 
Federn der Seevögel und daran hatte er seine besondere Freude, 
denn es gewährte nicht nur einen gefälligen Anblick, sondern war 
auch leicht und dabei warm. Nun geschah es aber, daß Hohodemi 
bei der allzu großen Sorgfalt, die er auf das Dach verwandte, 
noch nicht damit fertig war, als Toyotamahime unter Sturm und 
Hegen im Wogengebrause anlangte. Hohodemi führte seine Ge- 
mahlin in das Haus und zeigte ihr, daß das Dach noch nicht 
ganz fertig sei und an der einen Seite noch eine große Lücke 
habe: er bat sie, noch ein paar Tage bei ihm zu wohnen. 
Toyotamahime wies jedoch diese Bitte zurück. Sie sagte, daß 
keine Zeit mehr dazu sei, und daß schon in .der nächsten Nacht 
ihr Sohn geboren würde. So blieb denn nichts übrig, als daß 
Toyotamahime ihren Wohnsitz in dem unfertigen Hause aufschlug, 
und als Hohodemi, von ihr gedrängt, sie allein ließ, mußte er 
ihr fest und bündig versprechen, ja keinen Versuch zu machen, 
sie zu sehen. „Bleibe im Hause", sagte sie, „bis ich dich rufen 
lasse, und versuch es unter keiner Bedingung, mich vorher zu 
sehen!" (Verbot) Hohodemi versprach, ihre Bitte zu erfüllen; 
allein die Neugier ließ ihm keine Ruhe, und so schlich er sich 
leise herzu und sah seine Frau (Verbotsbruch) in Gestalt eines 
Drachen sich hin- und -herwinden. Erschrocken trat er zurück, 
doch als ihn Toyotamahime später rufen ließ, sah sie sogleich, 
daß er ihr Geheimnis, das sie vor allen Menschen zu verbergen 
gedachte, ungeachtet seines Versprechens erspäht hatte. Und 
hierüber war sie so erzürnt, daß sie mit heiligen Eiden gelobte, 
zu ihrem Vater zurückzukehren und nie wieder auf die Erde zu 
kommen usw. — Mit diesen feierlichen, harten Gelöbnissen legte 



326 Drittes Buch. 

sie das Söhnlein, das in der Nacht, wie sie vorhergesagt, geboren 
war (Kindersegen), am Strande nieder. Sie trat darauf ans 
Wasser und verschwand vor seinen Augen (Abschied). 

(Wir sehen hier ebenfalls den Rest einer alten Schwanen- 
mythe. Am Schluß dieses Abschnittes werde ich zu zeigen ver- 
suchen, daß diese Mythe sehr wesentliche Symptome trägt. 
Denn der Schwan ist hier das Fischweib. Das Schleiermotiv 
hat sich in diesen Mythen aber auch eingebürgert, und die merk- 
würdige Geschichte von dem Federdache des Hauses ist nicht 
anders aufzufassen als eine Einschiebung aus dem Gebiete der 
anderen Version der Urmythe.) 

Q. China. — Von den Liu-Kiu-Inseln haben wir folgende 
Version zu vermerken: In alter Zeit hat ein armer Bauer von 
ausgezeichnetem Charakter, der aber noch ohne Familie ist und 
den Namen Ming-ling-tzü trägt, eine Quelle von herrlichem 
Wasser nahe seinem Hause. Eines Tages geht er zu derselben, und 
schon aus der Entfernung sieht er ein merkwürdiges Licht in 
der Quelle. Näher tretend, um zu sehen, was das für eine 
merkwürdige Sache sei, sieht er eine Frau, die ihre Kleider an 
einer nahe stehenden Fichte aufgehangen hat (Schleierablegen), 
in derselben auf- und niedertauchen und sich baden (Baden). 
Der Mann ist erzürnt darüber, zumal daß die schöne Quelle da- 
durch beschmutzt wird und trägt deshalb im Geheimen ihr 
Kleid fort (Schleier diebstahl). Die Teile derselben waren ihrer 
Art nach ganz anders als die Liu-Kiu-Tracht; sie waren von 
rötlicher Sonnenuntergangsfarbe, was ihn so in Erstaunen setzte, 
daß er vorsichtig zurückschlich, um zu sehen, was sich weiter 
wohl ereignen würde. Nachdem sich die Frau fertig gebadet 
hat, ruft sie in großem Ärger, wer ihre Kleider am hellen Tage 
geraubt habe und verlangt, daß man sie schnell zurückbringe. 
Dann bemerkt sie Ming-ling-tzü und wirft sich vor ihm auf den 
Boden. Er schilt sie und fragt sie, wie sie dazu komme, sein 
Wasser zu beschmutzen. Die Frau antwortet, daß die Fichte 
und die Quelle vom Schöpfer für den Gebrauch aller geschaffen 
seien. Nach längerem Hin- und Herstreiten heiraten sie sich 
(Heirat). Sie lebt bei ihm etwa zehn Jahre und schenkt ihm einen 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 327 

Sohn und eine Tochter {Kindersegen). Nach dieser Zeit besteigt 
sie während der Abwesenheit ihres Mannes einen Baum und, 
nachdem sie von ihren Kindern Abschied genommen hat, gleitet 
sie auf einer Wolke fort und entschwindet. 

(Die Mandschuren erzählen übrigens, daß ihr Herrscherge- 
schlecht von einigen himmlischen Jungfrauen abstamme, die einst 
zum Baden herniedergestiegen waren und von einer herangetrie- 
benen Pflanzenfrucht aßen usw. 

R. Tarantschi. — (Der Sonnenheld Hämra träumt in einer 
Grabkapelle eines Tages von einer Tochter des Perifürsten. Er 
verliebt sich in sie, und sie verspricht ihm im Traume, ihren 
Wohnort so nahe aufzuschlagen, daß er sie erreichen könne. Er 
macht sich auf den Weg. Eines Tages kommt er in einen 
Garten.) — Im Innern des Gartens war kein Mensch, mitten im 
Garten war ein See, der war mit Wasser gefüllt, sonst waren 
im Garten verschiedenartige Bäume und Früchte. Da sprach 
Hämra zu sich: „Dies ist gewiß der Garten meiner Geliebten, 
ich will mich irgendwo verbergen. Wenn meine Geliebte kommt, 
wird sie mich erkennen. Wenn es aber der Garten meines 
Feindes ist, wird er kommen und mich töten." Er erstieg einen 
Baum und versteckte sich. Nach einiger Zeit kamen einige Tauben, 
tauchten im Wasser des Sees unter, schüttelten sich, aus dem 
Wasser kommend, und wurden zu Mädchen. (Motiv des Badens 
und Schleier äblegens.) Alles waren Perimädchen. Hämra sah 
sie sich an, fand aber unter ihnen seine Geliebte nicht. Wieder 
kam ein Schwärm Tauben: auch diese tauchten im See unter, 
schüttelten sich und wurden zu Mädchen. Auch sie sah sich Hämra 
an ; unter ihnen war aber seine Geliebte auch nicht. Abermals kam 
ein Schwärm Tauben : unter diesen befand sich ein Papagei ; auch 
sie tauchten im See unter, schüttelten sich und wurden zu Mäd- 
chen. Auch der Papagei wurde ein Mädchen, und zwar seine Ge- 
liebte Hülükar, die er im Traume gesehen hatte. Das freute Hämra 
in seinem Sinne, daß er seine Geliebte gefunden hatte. Da sprach 
Hülükar zu ihren Gefährtinnen: „In diesen Garten ist der Geruch 
von Menschen gekommen, findet ihn!" Da suchten die Mädchen 
im Garten, fanden aber nichts. Darauf suchte Hülükar selbst mit 



( 



328 Drittes Buch. 

einigen Mädchen, fanden aber auch nichts. Da sprach sie: 
„Mensch, der du in diesem Garten bist, zeige dich selbst. Wenn 
du mein Geliebter Hämra bist, so zeige dich selbst." Da stieg 
Hämra vom Baume herab und zeigte sich usw. 

S. Toboltataren. — (Nach merkwürdigen Wanderungen ist der 
Held Zyhanza zu einer Alten gekommen, deren Kind er wird. 
Als sie fortgeht, erlaubt sie ihm, alle Zimmer zu öffnen, nur in 
eine Tür nicht einzutreten. In den Türen, die er betreten darf, 
während die Alte einen Monat wegbleibt, sind Edelsteine, Gold, 
Silber, Korallen. Die Mythe fährt fort:) Die Alte ging fort. Der 
Jüngling öffnete die Zimmer, öffnete sie alle und beschaute sie. 
„Was hat mir nur meine alte Mutter befohlen, diese Türen nicht 
zu öffnen? Was mag hier sein?" Zyhanza öffnete diesen Tor- 
weg, inwendig war eine Ebene, in der Ebene war ein See. 
Zyhanza stand am Fuß einer Pappel, da kamen vom Himmel 
drei Schwäne herab, die stiegen zum Ufer nieder, zwei von 
ihnen gingen ins Wasser, da wurden sie Mädchen {Baden and 
Schleier ablegen). Diese beiden Mädchen sprachen : „Ei, Mädchen, 
steige auch du herab." Das Mädchen sprach: „Es riecht hier 
nach Menschen" {Menschenwiüerung). Jene sprachen: „Was ist 
das Land der Menschen und wo ist dieses Land?" Das Mädchen 
vermochte nichts zu erwidern, legte die Vogelkleidung ab und 
stieg ins Wasser. Da kam Zyhanza hervor, nahm die Kleidung 
des Mädchens und setzte sich darauf {Sehleierdiebstahl). Das 
Mädchen sprach: „Habe ich es nicht gesagt, ihr meintet aber, 
es sei nichts." Die zwei Mädchen machten, daß sie fortkamen. 
Die Schwanenkleidung des einen Mädchens nahm der Jüngling 
und kehrte nach Hause zurück. Da folgte das Mädchen und 
trat auch mit ins Haus. Die Tochter der Alten sprach: „He, 
Brüderchen, du hast es gut gemacht, die Murdar haben seit 
langer Zeit das Wasser meiner Mutter verunreinigt (siehe das 
Motiv der Wasserverunreinigung auch in der Version Q von den 
Liu-Kiu-Inseln), wenn jetzt meine Mutter kommt, so mag sie dir 
dieses Mädchen geben." Da kam die Mutter und sah im Haus 
das Mädchen. „Du hast es gut gemacht, mein Kind", sprach 
sie; darauf gab sie das Murdarmädchen dem Jüngling zur Frau 



Göttinnen: Schwanen jungfrauenniythe. 329 

(Heirat). — (Nach einer Zeit will der Jüngling nach Hause 
kommen, und die Alte besorgt einen Vogel, auf dem er entschwebt. 
Dieses wohl einerseits in den Rahmen der ganzen Mythe ge- 
hörend und andererseits vielleicht das Motiv des Abschieds.) 

T. Nordwestmongoloide. — (Im Nordwesten findet sich die 
Mythe sowohl bei den Samojeden, bei denen der Diebstahl des 
Federkleides ein Mittel ist, um Sühne für die der Familie des 
Diebes zugefügten Bedingungen zu erlangen. Ferner haben wir sie 
bei den Lappländern, deren Form wir in folgendem wiedergeben): 

Es war einmal ein Bauer, der hatte einen einzigen Sohn. 
Eines Tages zog dieser auf die Jagd und kam zu einer Meer- 
bucht, wo der Strand mit dem feinsten Sande bedeckt war und 
das Wasser weit hinaus hell und klar über dem weißen Sand- 
boden leuchtete. Der junge Bursche setzte sich an dem Wasser- 
rande nieder und zog seinen Speisevorrat aus der Tasche. 
Während er es sich nun auf das beste schmecken ließ, tauchten 
drei Mädchen aus dem Meere empor, stiegen ans Ufer und legten 
ihre Kleidung auf den Rasen hin, zwei von ihnen an denselben 
Ort, die dritte legte aber die ihrigen ein wenig abseits von den 
andern. Nachdem sie sich so entkleidet hatten (Schleierablegen), 
begaben sie sich wieder hinaus in die See, um sich zu baden 
(Baden). Sie wateten hin und her, spielten und scherzten und 
plätscherten mit den Händen im Wasser. Dann gingen sie 
wieder ans Ufer, zogen ihre Kleider an und verschwanden so 
plötzlich, wie sie gekommen waren. Auch der Bursche ging seines 
Weges, kam aber den nächsten Tag wieder, um zu sehen, ob 
auch die Mädchen sich von neuem zeigen würden, wobei er ein 
Versteck suchte, von wo aus er sie ganz in der Nähe beobachten 
konnte, ohne von ihnen gesehen zu werden. Er hatte auch 
wirklich noch nicht lange dagesessen, als die drei Mädchen sich 
einstellten und ganz ebenso taten wie das erste Mal; doch auch 
an diesem Tage störte der junge Bauernsohn sie nicht, bemerkte 
indes, daß die Kleider, welche das eine der Mädchen etwas ab- 
seits legte, hübscher waren, als die der andern beiden. Am 
dritten Tage jedoch begab er sich hin mit dem Vorsatz, daß, 
wenn er die Mädchen noch einmal zu sehen bekäme, er die 



330 Drittes Buch. 

Kleider, welche die eine von ihnen besonders legte, verstecken 
wolle. Wie gedacht, so getan. Die Mädchen kamen wieder und 
während sie sich badeten, schlich der junge Bursch herbei, nahm 
die schmucksten Kleider mit fort und versteckte sie (Schleier- 
diebstahl). Als nun die Mädchen sich gebadet hatten und wieder 
ans Ufer stiegen, fanden zwei von ihnen ihre Kleider an dem 
Ort, wo sie dieselben hingelegt, zogen sie an und verschwanden. 
Die dritte hingegen fand die ihrigen nicht. Sie wurde darüber 
sehr bange und traurig, lief hin und her und rief aus: „Wenn 
du, der du mir die Kleider genommen, ein Mann bist, so ver- 
spreche ich dir als Liebste dasjenige Mädchen, da du selbst dir 
wünschest, bist du aber ein Mädchen, so verspreche ich dir den 
Bräutigam, den du selbst dir wünschst. Da kam der junge Bursche 
aus seinem Versteck hervor und rief: „Du bekommst deine Kleider 
nicht eher, als wenn du mir versprichst, selbst meine Frau zu 
werden." Das Mädchen weinte und jammerte und sagte, daß 
dies nicht möglich wäre. „Ich kann hier nicht leben, da ich 
hier nicht zur Welt gekommen bin, und du kannst da nicht 
leben, wo ich herkomme." Der junge Bursche meinte indessen, 
daß dies doch wohl anginge, und er sprach und bat so lange, 
bis sie schließlich nachgeben und ihm versprechen mußte, seine 
Frau zu werden, obwohl sie dabei heftig weinte. Er führte sie 
also zu seinen Eltern, ließ sie taufen und gab ihr einen christ- 
lichen Namen, worauf sie sich ehelich verbanden (Heirat) und 
nach einigen Jahren einen Sohn bekamen (Kindersegen). Als 
dieser groß geworden war, sodaß er schon gehen konnte, be- 
gleitete er eines Tages seinen Vater nach dem Vorratshause. 
In dem Kasten aber, aus welchem dieser etwas herauszunehmen 
hatte, lagen obenauf einige Kleidungsstücke, die er zuförderst 
beiseite legte, und da sie dem Knaben, der dabei stand, ganz be- 
sonders schmuck und rar dünkten, so fragte er den Vater, wem 
sie gehörten ? Der Vater gab aber hierauf keine Antwort, sondern 
legte die Kleider wieder an ihre Stelle. Des anderen Tages 
jedoch, als er in den Wald gegangen und die Mutter mit dem 
Knaben allein geblieben war, erzählte er ihr von den schmucken 
und raren Kleidern, die er mit dem Vater im Vorratshause ge- 
sehen. Die Mutter nahm den Knaben bei der Hand und ließ 



Göttinnen: Schwanen Jungfrauenmythe. 331 

ihn ihr zeigen, wo denn die Rarität läge. Als sie den Kasten 
öffnete, erkannte sie gleich die Kleider wieder, die sie einst aus 
dem Meere mitgebracht hatte (Schleieriüiederfinderi), und empfand 
darüber zugleich Freude und Traurigkeit. Doch nahm sie die- 
selben mit in die Stube, hier legte sie sie an, küßte das Söhn- 
chen, welches auf der Schwelle stehen blieb und ihr nachblickte, 
ging dann nach dem Strande hinab und verschwand in dem 
Meere (Abschied), aus dem sie gekommen war. Als nun der 
Mann nach Hause kehrte und seine Frau nirgends sah, fragte er 
den Knaben: „Wo ist deine Mutter?" „Die Mutter", sagt dieser, 
„ist an das Meer gegangen". Der Mann dachte sich nun gleich, 
daß sie wohl ihre Meerfrauenkleider, die er in dem Kasten auf- 
gehoben, wiedergefunden hatte und in ihre alte Heimat zurück- 
gekehrt wäre. Er wurde also sehr traurig und wußte nicht, 
was er anfangen sollte; endlich jedoch suchte er Gieddagäts- 
galgjo auf und erzählte ihr das Vorgefallene. „Hast du Kinder?" 
fragte sie. „Ja", antwortete er, „einen kleinen Sohn". „So sei 
nicht länger traurig", sprach jene, „sie kommt noch dreimal 
wieder in dein Haus; lassest du sie aber das dritte Mal fort, so 
kehrt sie nimmer wieder. Heute Nacht kommt sie das erste 
Mal; jedoch darfst du dich in deinem Bette nicht rühren, sondern 
mußt tun, als ob du schliefest. Sie wird sich bei dem Kinde 
niedersetzen und es eine Zeitlang streicheln und liebkosen. In 
der zweiten Nacht wird sie wiederkommen und ebenso tun. So- 
bald es nun aber am dritten Tage Abend zu werden beginnt, 
mache dir im Winkel bei der Tür ein Versteck zurecht und das 
Bett laß du so aussehen, als ob du darin lägest und schliefest. 
Wenn sie dann das dritte Mal kommt, so hält sie sich am läng- 
sten auf: in dem Augenblick aber, wo sie fortgehen will, fasse 
du sie um den Leib und halte sie mit allen Kräften fest. Sprich 
ihr liebevoll zu und suche sie zu überreden, daß sie bei dir bleibe. 
Wenn sie nun nachgibt, und nicht länger versucht, sich von dir 
loszureisen, so führe sie zum Bett und lege dich mit ihr hinein. 
Sobald sie aber eingeschlafen ist, stehe leise auf, geh hinaus und 
sieh zu, daß du die Kleider findest, welche sie trug, als sie aus 
dem Meere kam. Sie liegen an der Ecke des Hauses, bringe sie zu 
mir, und ich werde sie aufheben, daß sie nimmer wieder von irdi- 



332 Drittes Buch. 

sehen Menschenaugen erblickt werden sollen". Es ging alles, wie 
Gieddagäts-galgjo vorausgesagt. Als die Mutter zweimal bei Ihrem 
Kinde gewesen war und der Abend des dritten Tages sich nahte, 
tat der Mann, wie sie ihm geraten hatte. Noch brannte die 
Lampe, da hörte er seine Frau kommen, leise die Tür öffnen und 
sich nach der Stelle hinschleichen, wo das Kind lag. Da setzte 
sie sich nieder und fing an, das Söhnchen zu streicheln und zu 
liebkosen. Als sie aber fortgehen wollte und mitten in der Stube 
war. ergriff sie ihr Mann und sprach ihr liebevoll mit allen 
überredenden Worten, deren er mächtig war, so zu, daß sie sich 
endlich beruhigte und sich nicht länger loszureißen versuchte. 
Dann führte er sie ans Bett und legte sich mit ihr hinein. Sie 
versank rasch in einen tiefen Schlaf, in welchem der Mann sie 
ließ, während er aufstand, um die Kleider zu suchen, die sie vor 
dem Hause abgelegt hatte. Er fand sie und brachte sie zu 
Gieddagäts-galgjo, welche sagte: „Diese Kleider will ich so ver- 
bergen, daß kein Menschenauge sie mehr sehen soll!" worauf 
der Mann wieder nach Hause kehrte und sich an seiner Frau 
Seite legte. Von dieser Zeit an führten sie ein glückliches Leben. 
Alles schlug ihnen nach Wunsch aus und die Verwandten der 
Frau brachten ihr aus der Tiefe des Meeres alles, was sie nötig 
hatte oder wünschte. 

U. Arioide. — Eine Schwanen Jungfrauenmythe der Semi- 
toiden kennen wir nicht. Denn die Geschichte, die die „ara- 
bischen Nächte" erzählen, in denen der Held die Tochter des 
Königs erobert, indem er, während sie badet, ihr Federkleid 
fortträgt und der erfolgt, als sie mit ihren beiden Kindern in das 
Land Wak-Wak entflohen ist, ist genau wie die persische Ge- 
schichte arioiden Ursprunges. Wo die älteste Quelle der Sage 
ruht, vermag ich nicht anzugeben. Sicher ist aber, daß sie schon 
in dem ersten Teile des Mahabharata vorkommt. Dort ist die 
Ganga selber das „Schwanenmädchen". Es wird wohl aber den 
Kennern der älteren Literatur nicht schwer werden, diese ver- 
schiedenen Formen der Mythe und auch die Urgeschichte der 
Periversion in der alten indischen Literatur wiederzufinden. So- 
weit die Arioiden Asiens. 



Göttinnen: Schwanenjungfrauenmythe. 333 

Ebenso wie diese schätze ich die Schwanenjungfrauenmythen 
der Arioiden Europas im allgemeinen bekannt. Die einfachen 
Züge treten ja schon bei den Griechen, wenn auch nicht mehr 
ganz klar, hervor. Der in die Aphrodite verliebte Hermes läßt 
den Adler, als die Göttin badet, deren Kleider fortnehmen. Die 
Göttin gewährt ihm alles, um die Kleider wiederzuerlangen. Der 
Grundtypus der Mythe reicht durch ganz Europa, von Süden 
bis Norden und von Westen bis Osten. Im russischen Märchen 
ist die hochweise Basilia die Schwanenjungfrau, der das Gewand, 
als sie im See badet, geraubt wird. Die nordischen Formen sind 
bekannt. In der Völundarkvidh ist uns ja wohl die älteste 
nordische Form erhalten. Die drei Mädchen sind Schwanenjung- 
frauen. Sie haben ihre Schwanenhemden abgelegt; es sind Wal- 
küren. Sie spinnen am Strande des Sees schönes Linnen. 
Völundr raubt das Gewand. Aus der Schwanenjungfrau wird 
eine Taubenjungfrau, anderen Ortes wohl auch ein Gänsemädchen, 
und die Version, die uns von den Shetlandinseln wohl noch heute 
erzählt wird, weiß sogar zu berichten, daß die aus dem Meere 
steigenden Mädchen Seehundsfelle am Ufer niederlegten. 

Aber mag auch diese Geschichte sich in kleinen Varianten 
vielfältig verzweigen, die Grundzüge bleiben dieselben, sodaß wir 
als von einer einzigen Mythe sprechen dürfen. 

Aber ist es recht, das ich überhaupt von einer Schwanen- 
jungfraueümythe spreche? Wir haben hier die verschiedensten 
zoologischen Varianten. Teils treten die Jungfrauen als Fische, 
teils als Gänse, teils als Schwäne, teils als Papageien, teils als 
Tauben, ja einmal sogar als Seehundsfräulein auf. Wo liegt da 
die Ursprünglichkeit? 

Doch vergegenwärtigen wir uns nunmehr, was die Natur- 
völker selbst über die Bedeutung der Göttinen, die wir in diesem 
Kapitel kennen gelernt haben, und was sie überhaupt von der 
Personifikation der Gestirne sagen. 



XIV. 

Solares Liebesleben. 

Die Mythen der Kulturvölker und die der Naturvölker sind 
durch einen ziemlich wesentlichen Unterschied getrennt: Die 
Mythen der ersteren haben einen gewissen stammbaumartigen 
Aufbau, die der letzteren fluten in einer Ebene. Es sei gleich 
bemerkt, daß die Mythologie der Polynesier von diesem Gesichts- 
punkte aus betrachtet, in der Region derer der Kulturvölker zu 
suchen ist. Der Unterschied ist so auffallend und, wie ich glaube, 
wichtig, daß ich mich dem Nachspüren der Tatsachen hier für 
einige Augenblicke widmen will. 

Der erwähnte Aufbau ist leicht zu charakterisieren. Die 
alten Mythen der Kulturvölker gehen aus von der Schöpfung, 
von einem Urelternpaar, lassen darauf ein Götterpaar folgen und 
leiten dann die Patriarchen in histologischem Aufbau zu den 
lebenden Fürstengeschlechtern oder zu den Stammesahnen über. 
Diese Form der Gliederung entspricht dem, was man früher 
Mythologie nannte, während die Darstellungsweise der Naturvölker 
in der Form eines mehr oder weniger gleichartigen Geschichten- 
erzählens den Typus der Märchenwelt hervorgebracht hat, der als 
ein niederer (wenn auch nicht etwa minderwertigerer) Typus auch 
bei den Kulturvölkern zu beobachten ist. Wie gesagt, besitzen 
die Naturvölker im allgemeinen eine solche Stammbaumgliederung 
nicht. Ihre Geschichte fängt meist nicht von dem Urelternpaar 
an, kennt eigentliche Götter überhaupt nicht und erzählt alle 
Ereignisse und schildert alle Personen des mythologischen Dramas 
nach gleicher Wertschätzung. 

Der Unterschied, den wir so bemerken, ist fraglos wesentlich. 
Er wird uns bei der Gliederung der Typen nach geographischer 
Verbreitung im zweiten Bande wesentliche Dienste leisten. Hier muß 



J 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 335 

aber die Vorarbeit erledigt werden, die nachzuprüfen hat, ob die 
gleichen Stammbaumtypen der höheren Mythologien in dem gleich- 
artigen Niveau der Naturvölker herumschweben. Ich gehe bei dieser 
Untersuchung von dem Liebesleben aus und werde mich bemühen, 
zu zeigen, inwieweit wir ein Verständnis mit Hülfe der bisher 
entwirrten längeren Fäden zu gewinnen vermögen. Ich knüpfe 
dabei an die oben, Seite 268 besprochene Weltelternmythe an, 
gehe zu den Gestirnen über und zeige, wie die Motive sich aus 
diesen verschiedenen Schichtungswesen ihrer Entstehung nach 
verfolgen lassen. 



1. Die Weltelternmythe. (Himmel und Erde.) 

A. Die Trennung des Himmelvaters von der Erd- 
mutter. — Anknüpfend an das, was wir oben unter Welteltern- 
mythe schon gesagt haben, wollen wir kurz auf die Hauptversionen 
der polynesischen, nordwestafrikanischen, japanischen und griechi- 
sehen Mythe eingehen. — In Polynesien liegen im Uranfange 
Rangi und Papa, Himmel und Erde dicht aufeinandergepreßt. 
Himmel und Erde werden als Erzeuger der Menschen und Ur- 
sprung aller Dinge bezeichnet. Die Mythe von Neuseeland er- 
zählt, daß sie nie getrennt gewesen seien, und daß die Kinder 
des Himmels und der Erde danach gestrebt hätten, den Unter- 
schied zwischen Licht und Finsternis zu entdecken — zwischen 
Tag und Nacht; denn die Menschen waren zahlreich geworden, 
aber die Finsternis währte noch fort. So ratschlagten die Söhne 
Rangis (des Himmels) und Papas (der Erde) miteinander und 
sprachen: „Lasset uns Mittel suchen, um Himmel und Erde zu 
vernichten, oder sie voneinander zu scheiden." Und es beschlossen 
die Kinder des Himmels und der Erde, ihre Eltern voneinander- 
zureißen. Nach dem Bemühen der andern gelang es endlich 
Tane-Mahuta, dem Waldgott, sie auseinanderzudrängen. Da 
wehklagte der Himmel und rief die Erde: „Weshalb dieser Mord? 
Warum diese große Sünde? Warum willst du uns vernichten? 
Warum willst du uns trennen?" Doch Tane gelang das Trennungs- 
werk. Er ist es, der die Nacht vom Tage getrennt hat. — In 
Yoruba müssen wir eine Rekonstruktion vornehmen. Wir haben 



336 Drittes Buch. 

hier zwei Mythen vorliegen, die vielleicht seinerzeit ein einheit- 
liches Ganzes bildeten. Einmal hören wir, daß Obatala und 
Odudua, der Himmel und die Erde, im Anfange eng aufeinander- 
gepreßt lagen, und daß Odudua von ihrem Gatten im Zwist ge- 
trennt und bei dieser Gelegenheit blind wurde. Das ist der erste 
Teil. Der zweite Teil der Mythe wird von den Kindern Oduduas 
erzählt. Der Knabe Aganju (das Firmament) und das Mädchen 
Jemaja (die Wassergöttin) heiraten einander und gebieren den 
Sohn Orungan, wieder einen Himmelsgott, in dessen Name aber 
Orun, die Sonne, stark hervortritt. Orungan verliebt sich in seine 
Mutter, und da sie sich weigert, seiner Leidenschaft zu willfahren, 
verfolgt und vergewaltigt er sie. Jemaja springt gleich darauf 
wieder auf die Füße und rennt jammernd von dannen. Der Sohn 
verfolgt sie, um sie zu beschwichtigen, und als er sie endlich fast 
erreicht hat, stürzt sie rittlings zu Boden. Ihr Körper beginnt zu 
schwellen. Zwei Wasserströme quellen aus ihren Brüsten und 
der Körper zerberstet. Ihrem zerklüfteten Leibe entspringen 
15 Götter, von denen der erste Dana, der Gott der Pflanzen, und 
der zweite Schango, der Gott des Blitzes, ist. Als letzte werden 
jedesmal in der stets gleichlaufenden Aufzählung die Sonne und 
der Mond genannt. Rekonstruieren wir den Fall, so werden wir 
ein einziges Götterpaar zu setzen haben, nämlich den Gott des 
Himmels und die Göttin der Erde. Der Sohn ist der trennende 
Gott. — Eine ähnliche Fassung finden wir, wie gesagt, in Japan. 
Die beiden Urgötter Izanagi und Izanami repräsentieren Himmel 
und Erde. Izanami bringt alle Gottheiten der Erdoberfläche her- 
vor, zuletzt gebiert sie den Gott des Feuers. Darauf verschied 
sie göttlich. Izanagi rief jetzt aus: „Die*Erde, meine vortreffliche 
jüngere Schwester, ist für ein einziges Kind hingegeben worden!" 
Er kroch auf seinem Scheitel umher, er kroch auf seinen Füßen 
umher und weinte. Izanami wurde in dem Reiche der Bäume 
begraben. Darauf nahm Izanagi sein Schwert und zerteilte den 
Gott des Feuers, wobei wieder mehrere andere Götter entstanden. 
Der Gott wollte hierauf seine jüngere Schwester Izanami besuchen 
und gelangte, indem er ihr nachsetzte, zu dem Reiche der Unter- 
welt. Izanami trat aus der Türe der Halle und ging ihm ent- 
gegen. Izanagi sprach mit ihr und sagte: „Meine geliebte jüngere 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 337 

Schwester! Da das Reich, welches wir beide aufgebaut haben, 
im Baue noch nicht vollendet ist, so mögest du zurückkehren." 
Izanami sprach: „Es ist schmerzlich, da du nicht schnell ge- 
kommen bist, habe ich an der Tür der Unterwelt gegessen. Da 
dessen ungeachtet, o Geehrter, mein schöner älterer Bruder, deine 
Ankunft Ehrfurcht gebietend ist, so will ich zurückkehren, ich 
möchte früher jedoch in Kürze mich mit den Göttern der Unter- 
welt besprechen. Mögest du nicht auf mich blicken, o Geehrter, 
mein älterer Bruder!" (Orpheusmotiv.) Nachdem sie dies gesagt 
hatte, ging sie in die Hütte zurück. Da sehr viel Zeit verging, 
konnte der Gatte nicht warten. Er nahm daher einen männlichen 
Balken des in seinem linken Haarknoten gesteckten Kammes der 
hundert Nägel, zündete ein Licht an, trat ein und blickte auf die 
Göttin. Da wanden sich auf ihr angesammelte Larven und auf 
ihrem Haupte befand sich der große Donner, auf ihrer Brust 
befand sich der Feuerdonner usw. Izanagi fürchtete sich und 
wandte sich zur Flucht. Seine jüngere Schwester Izanami sprach 
jetzt: „Du hast mich beschämt!" Mit diesen Worten hieß sie 
ihn durch die häßlichen Weiber der Unterwelt verfolgen. Es folgt 
nun die Geschichte von der magischen Flucht, über die im letzten 
Kapitel dieses Buches näheres nachzusehen ist. Es sei voraus- 
gesandt, daß diese Flucht anscheinend stets den Sonnenaufgang 
repräsentiert. Pfirsichbäume sind es, die dem Gotte auf seiner 
Flucht von größtem Nutzen sind. Diese Bäume gehören nicht 
unbedingt in die magische Flucht und können demnach als 
Spezialerscheinung im Gebiet dieser Sagenform unser Interesse 
in Anspruch nehmen. — Zum vierten endlich haben wir uns 
kurz mit der griechischen Sage abzufinden. Uranos und Gäa, 
der Himmel und die Erde, befruchten sich unausgesetzt mitein- 
ander. Da der offenbar eng aufliegende Himmel der Mutter Erde 
das Gebären erschwert und der eigene Vater die letzten Riesen- 
kinder in den Leib der Mutter Erde zurückstößt, sucht Mutter 
Gäa sich selbst von solcher Plage ihres Leibes zu entledigen. 
Sie macht also aus Eisen eine gewaltige Sichel, ruft ihre Söhne, 
die Titanen, und fordert sie auf, die Mutter an dem Vater zu 
rächen. Genau wie in Polynesien schrecken alle Kinder davor 
zurück, bis auf einen, hier den listigen Kronos. Gäa gibt ihm 

Frobenius, Sonnengott. I. 22 



338 Drittes Buch. 

die schneidend scharfe Waffe in die Hand und sagt ihm, was zu 
tun ist. Wieder kommt Uranos zur nächtlichen Liebesumarmung, 
da packt ihn Kronos aus seinem Verstecke und schneidet jählings 
mit der Sichel das Zeugungsglied des Vaters ab. 

In allen vier Mythen haben wir die Sage der Urzeit. Ich 
zeigte schon oben, wie im Anfange Himmel und Erde aufeinander- 
liegen. Die Naturvölker sagen dies auch aus. Ich habe diese 
Aussagen in Nord- und Ostafrika, in Mela- und Polynesien, in 
Indonesien, bei den Nordwestamerikanern usw. gefunden. Es ist 
eine harmlose, einfache Berichterstattung, die aber genau die 
gleichen Elemente enthält, wie die vier Mythen der Kulturvölker, 
die ich soeben kurz wiedergegeben habe. In diesen vier Mythen 
sehen wir immer den Vater auf der Mutter in mehr oder weniger 
ausgeprägter geschlechtlicher Verbindung liegen. Die Kinder re- 
voltieren. Es sind schon viele geboren worden, und diese wollen 
nun ans Tageslicht. Eins ist nun sehr merkwürdig, und wir 
werden uns mit dieser Frage nachstehend beschäftigen müssen: 
Der natürlichen Anschauung würde es entsprechen, wenn der 
Sonnengott im Sonnenaufgang den Himmelsvater von der Erdmutter 
trennen würde; wie kommt es nun, daß der Waldgott Tane in 
Polynesien das Werk vollführt, daß in Yoruba die Pflanzengottheit 
zuerst geboren wird? 

Die Antwort ist vielleicht zu finden, und kann ich beim Ein- 
gehen auf sie sogleich noch die Reste einer anderen älteren Welt- 
elternmythe vorführen. Im allgemeinen ist es das Feuer, welches 
trennt; der Feuergott, der Sonnenaufgang. In sehr schöner Be- 
ziehung finden wir nunmehr Feuererzeugung und Geschlechtsakt 
bei den Indern. Wenn der Inder Feuer entzündet, dann spricht 
er ein heiliges Gebet, welches auf eine Mythe Bezug nimmt. Er 
ergreift ein Stück Holz mit den Worten: „Du bist des Feuers 
Geburtsort", legt darauf zwei Grashalme: „Ihr seid die beiden 
Hoden" — darauf ergreift er das unten liegende Holz: „Du bist 
Urva<?i". Darauf salbt er das Holz mit Butter und sagt dabei: 
„Du bist Kraft", stellt es dann auf das liegende Holz und sagt 
dazu: „Du bist Purüravas" usw. Er faßt also das liegende Holz 
mit seiner kleinen Höhlung als das Bild der Urvapi und das 
stehende Holz als Purüravas auf. Diese beiden Personen ent- 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 339 

stammen einer offenbar uralten Mythe, die wir nachfolgend näher 
besprechen werden, die uns aber darauf hinfuhrt, daß das liegende 
Holz mit seiner Öffnung als die Repräsentation der empfangenden 
Göttin und das stehende Holz als das Geschlechtsglied des be- 
gattenden Gottes aufzufassen ist. Das Feuerquirlen, wie es bei 
den meisten Völkern zu finden ist, repräsentiert also bei den 
alten Indern den Geschlechtsakt. Es sei mir erlaubt, gleich darauf 
hinzuweisen, daß die alten Inder in dieser Auffassung nicht allein 
dastehen. Die Südafrikaner haben nämlich dieselbe Anschauung. 
Das liegende Holz heißt bei ihnen „weibliche Scham", das stehende 
„das Männliche". Schinz hat dies seinerzeit für einige Stämme 
erklärt, und seitdem ist die weite Verbreitung dieser Anschauung 
in Südafrika, und zwar besonders bei den im Osten wohnenden 
Stämmen aufgefunden worden. 

Gehen wir von dieser Feststellung der Bedeutung des Feuer- 
quirlens aus, dann treffen wir in Indien im Weiterspüren auf die 
Sage von der Schöpfung aus dem Milchmeere. In derselben 
Weise, wie Feuer gequirlt wird, gewannen die Götter und Asuras 
aus dem Milchmeere das Amritam (Ambrosia). Bei diesem Quirlen, 
welches unbedingt die Bedeutung des Geschlechtsaktes hatte, da 
der als Quirlholz dienende Berg direkt als Phallus bezeichnet wird, 
entstanden eine große Anzahl von göttlichen Wesen. Ich brauche 
mich auf eine weitere Beweisführung nicht einzulassen, da Kuhn 
in seiner schönen Schrift: „Die Herabkunft des Feuers" diese 
Zeugungsform der altindischen Mythe eingehend erörtert hat. 
Wenn aber diese indische Schöpfungsmythe eine Zeugung dar- 
stellt, dann haben wir auch hier den Rest der Weltelternmythe. 

Wir können aber noch weiter gehen. Wir sahen oben, daß 
die Südafrikaner das liegende Feuerholz als weiblich, das stehende 
als männlich bezeichnen, wir sahen, daß das Feuergeben der 
Inder die gleiche Anschauung verrät. Nun finden wir dasselbe 
sowohl in Deutschland, wie auch unter den nördlichen Mongoloiden. 
Die Schweizer nannten früher das gleiche Feuerquirlen: „Den 
Teufel entmannen". Da haben wir wieder den gleichen Kreis 
der Vorstellung, demzufolge der Drehstab ein Zeugungsglied ist. 
Die finnische Feuerbeschwörung weiß ebenfalls davon zu reden, 
daß dem Panu die Manneskraft geraubt werden soll. 

22* 



340 Drittes Buch. 

Fassen wir dies zusammen, so sehen wir etwa folgendes 
Bild der Weltelternmythe : „Im Anfange liegen Vater-Himmel und 
Mutter-Erde dicht aufeinander gepreßt. Sie begatten einander, 
und diese Begattung entspricht der Feuerentzündung. Indem das 
Feuer auf diese Weise von den Welteltern gequirlt wird, entsteht 
die Tagesgottheit; als daraufhin die Sonne aufgeht, werden Himmel 
und Erde gewalttätig getrennt." — Jetzt können wir auch er- 
kennen, warum zuweilen statt der Feuergottheit resp. statt des 
Sonnengottes an erster Stelle eine Baum- oder Pflanzengottheit 
hervortritt: Die Pflanzenwelt liefert ja die Stoffe zur Feuerent- 
zündung, die Feuerstäbe. Und diese Anschauung finden wir nun 
wieder in einem andern Bereiche erhalten, in dem Bereiche gar 
vieler Angaben, welche aussagen, daß zum Feuerbohren besonders 
solche Hölzer geeignet seien, die sich schon in der Natur liebend 
umschlungen halten. Kuhn hat solche Angaben schon beigebracht. 
Die Materiale über die Naturvölker führen noch eine große Be- 
reicherung an Angaben über diesen Stoff zu. Hierher gehört 
auch eine sehr merkwürdige Angabe: Die Ellice-Insulaner erzählen, 
daß sie das Feuer entdeckten, als sie sahen, wie zwei gekreuzte 
Zweige eines Baumes im Winter aneinander gerieben wurden; 
die Tyrier lernten das Feuer aus der Reibung zweier Baumstämme 
im Winde kennen; die Wogulen erzählen, daß ein Waldbrand 
dadurch häufig seinen Anfang nehme, daß ein Baum durch den 
Sturm geknickt und auf einen andern geworfen wird, darauf aber 
bei heftiger Hin- und Herbewegung beider Stämme Feuer zum 
Vorschein komme; die Einwohner von Buru sagen, daß sich ein 
gewisser Baum (Kleinhovia hospita L.) in außergewöhnlich trocknen 
Jahren sehr leicht ohne Zutun der Menschen durch Reibung seiner 
Äste entzündet. — Das ist so eine von diesen Versionen, die natur- 
wissenschaftlich unwahrscheinlich, mythologisch aber verständlich 
werden. Eine Begattung kann hier ursprünglich angenommeu 
worden sein. 

Doch ich möchte auf eines hinweisen: Ich halte diese Zu- 
sammensetzung der Weltelternmythe nicht ohne weiteres für eine 
a-priori-Mythe. Das Naturbild der Nacht gibt nicht ohne weiteres 
Veranlassung zu einer derartigen Begattungsvorstellung. Das 
Feuerentzündungsmotiv gehört in die Sonnenaufgangsagen. Wir 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 341 

haben dasselbe nicht nur fast durchgehend in der Walfischmythe 
angetroffen, wo die Stellung dieses Motives eine überzeugende 
Kraft darstellt, sondern wir werden es auch in den nachfolgenden 
Feuerdiebstahl- und Ogremythen wiederfinden. Dagegen verleiht 
uns die Mythe für ein anderes Gebiet eine wertvolle Erkenntnis. 
Ich werde im zweiten Bande unter anderem eine Skizze der Ver- 
breitung der heiligen Feuer bringen und werde zeigen, daß es 
überall Frauen sind, welche dieses heilige Feuer unterhalten. 
Das ist so in Süd- und Zentralamerika, in Südafrika, in Südasien 
und Europa usw. Diese Feuerhüterin verdankt entschieden ihre 
Entstehung der Urmutter. Die Weltmutter Erde ist ihr Vorbild. 
Wenn ich es mir auch leider versagen muß, den Beweis für diese 
Tatsache hier durchzuführen, so will ich doch wenigstens einen 
Anhaftepunkt geben. Wenn ein junges Ehepaar heiratet, wird 
das heilige Feuer entzündet. Das ist das Herdfeuer, welches in 
den Häusern junger Eheleute der Indogermanen, der Japaner, der 
Südafrikaner usw. usw. emporloht. Dieses Feuer repräsentiert 
die schöpferische Kraft, die der Mutter Erde in der Begattung 
aus dem Weltvater-Himmel erwachsen ist. 

Blicken wir nunmehr nochmals zurück. Sollte sich nicht 
aus den gewonnenen Bildern allerhand Erklärung für früher hier 
zusammengebrachte Übereinstimmungen gewinnen lassen? — Doch 
wohl! Die Weltelternmythe tritt uns in so fester Gliederung ent- 
gegen, daß wir wohl auf ihr fußen dürfen, ohne fürchten zu 
müssen, auf Sand aufzubauen. — Die Eingeschlossenheit im Ei 
und im Bambus oder Faß (bei der Aussetzung) hat jede ihre eigene 
Mythenverwandtschaft. Immerhin besteht doch wohl auch eine 
Beziehung zur Weltelternmythe. Wie die Kinder der Welteltern 
zwischen diesen eingesperrt liegen, so die jungen Sprossen in der 
Aussetzungsmythe. Der Bambus, das Faß, das Ei usw. entsprechen 
also in gewissem Sinne den Welten Himmel und Erde. — Er 
wird also mythologischer Pleonasmus, wenn in Yoruba Vater und 
Mutter in der Calebasse aufeinander gedrängt, wenn bei vor- 
christlichen Mongoloiden Vater und Mutter mit dem Kinde im 
Fasse eingeschlossen liegen; denn die Calebassen und das Faß 
sind schon die Welteltern. (Vergl. S. 268 9.) 

Ist diese Folgerung richtig, dann ergibt sich naturgemäß die 



342 Drittes Buch. 

Frage, ob die Jungfraumutter nicht ihrer Entstehung nach die 
von der Sonne geschwängerte Erde sein sollte. Es müßte jedoch 
noch weiteres Material zum Beweise erbracht werden. 

B. Die Erdmutter als Weltgebierende. — Da wir uns 
hier hauptsächlich mit den Göttinnen zu beschäftigen haben, sei 
im besonderen noch in aller Kürze darauf hingewiesen, welche 
schöpferische Kraft der Weltmutter innewohnt, als der Himmels- 
vater sie begattet. In Yoruba erwachsen ihr 15 Götter. In 
Indien entstehen beim Milchmeerbuttern die Apsarasen, die 
Meeresgöttin, die Kuh des Überflusses, einer der Bäume aus Indras 
Paradies, die Weingöttin, die Gemahlin Wischnus usw. usw. In 
Griechenland erwachsen die Titanen, die Cyklopen usw., in Japan 
eine Unmenge von Gestalten, deren Wiedergabe bei Pfitzmaier 
ganze Seiten in Anspruch nimmt, in Polynesien alle Götter des 
Landes und des Meeres. Schauen wir uns nun um, ob wir viel- 
leicht noch Entsprechendes in diesem Zusammenhange finden, so 
entdecken wir in Südafrika den Stein, der getrennt wird und aus 
dem die Tiere, ersten Menschen usw. herauskommen und in 
Parallele dazu in Melanesien den Stein, dem Quat mit seinen 
Brüdern, den Pflanzengeschöpfen, entsteigt. Bei den nordischen 
Völkern haben wir eine hochinteressante Umbildungsform in Ymir, 
der ein zwiegeschlechtlich Wesen (also Himmel und Erde) ist, 
und aus dem die Welt gebildet ward (also Trennung der Welt- 
eltern). Und in Mexiko gehört dazu die Atlalteutli, die Erdgöttin, 
— und so treten wir wieder in den Kreis der bekannten Mythen 
ein, die sich ja überall berühren und sich gegenseitig befruchtet 
haben. — Es sei aber darauf hingewiesen, daß wir nunmehr als 
Quellen der Schöpfungsmythen zweierlei Anschauung schon fest- 
gestellt haben, nämlich einmal das tiamatähnliche Wesen, wel- 
ches der Walfischmythe nachgebildet wurde, und dann das Welt- 
elternpaar, das in der Begattung das Feuer der aufgehenden 
Sonne schafft. 

C. Die Orpheusmythe. — In der Weltelternmythe findet 
sich eingeschoben im japanischen Text oben das Wort Orpheus- 
motiv. Es ist mit diesem Motiv eine wunderliche Sache. Die 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 343 

Verbreitung desselben zwingt mich zu der Überzeugung, daß wir 
es mit einem alten echten Stück der Mythologie zu tun haben. 
Eine andere Frage ist es, ob dies Motiv in der Weltelternmythe 
eigentlich heimisch ist oder nicht. Hat es sich mit dieser Mythe 
zusammen entwickelt, oder ist es aus einem andern Bereich in 
dieselbe hineingetragen worden? 

Die Mythe erzählt uns, wie Izanagi seiner toten Gattin in 
die Unterwelt folgt und sie bittet, zurückzukehren. Sie erklärt 
sich bereit, sagt ihm aber gleichzeitig: „Mögest du nicht auf 
mich blicken!" Der Gott entzündet mit seinem Kamm, das heißt 
aus einem männlichen Balken desselben (hier haben wir das 
stehende Holz der Feuerentzündung) Licht und verliert darauf 
seine Gemahlin. Er muß entfliehen. 

Ich erwähnte oben die Mythe von Urvaqi und Pururava. 
Die Apsaras-Ürva^i liebte Pururavas. Sie liebt ihn unter der 
Bedingung, daß sie ihn nie nackt sähe. Sie bleibt lange bei ihm 
und wird schwanger. An ihr Lager ist ein Schaf und sind zwei 
kleine Widder angebunden. Die Gandharven rauben diese Widder. 
Entrüstet hierüber springt Pururavas auf. Er nimmt sich nicht 
die Zeit, einen Mantel umzuhängen. Da blitzt es, und die Geliebte 
sieht ihn nackend. Sie entflieht. Als er ihr nun nachstrebt, 
findet er sie am Lotosteich mit anderen Apsaras als Wasservogel 
schwimmend. Er fleht sie zurück. Unter großen Schwierigkeiten 
gelingt ihm dies auch. Er ^nuß in geheimnisvoller Weise ein 
Feuer anzünden. 

Vergleichen wir die beiden Stücke, dann erkennen wir, daß 
die Mythe auf jeden Fall in einer bestimmten Beziehung zur 
Feuerentzündung, d. h. also zum Tagesanbruch steht. Das eigent- 
liche Orpheusmotiv (die Bedingung, daß der Gatte sie nicht an- 
sehen, anrühren oder ansprechen oder das Gefäß, indem sie ent- 
halten ist, öffnen darf) tritt deutlich zutage. Das Sehen bringt 
die Trennung als zwingende Folge mit sich. Insofern stimmen 
beide Mythen genau überein, und insofern wäre es sehr wohl 
denkbar, daß das Motiv mit der Weltelternmythe zusammen ent- 
standen ist. Denn die Begattung der Welteltern ist ja die Feuer- 
entzündung, die Feuerentzündung der Sonnenaufgang, und wenn 
die Sonne aufgeht, dann werden die zur Nachtzeit eng aneinander 



344 Drittes Buch. 

geschmiegten Welteltern Himmel und Erde gleichsam getrennt. 
Also insofern ließe sich hiergegen nichts sagen. Bedenklich ist 
es aber, daß die indische Mythe gerade das Wiederfinden mit 
der Feuerentzündung in Zusammenhang bringt. Nun will ich 
aber darauf aufmerksam machen, daß diese indische Mythe gleich- 
zeitig noch die Motive verschiedener anderer Mythen enthält. 
Ich gebe es zu, daß die Beraubung der jungen Widder etwa der 
Revolution der eng eingeschlossenen Kinder entsprechen könnte, 
muß mich aber dagegen auflehnen, Urva<?i als eine Weltmutter- 
Erde anzusehen. Denn Urvapi ist nicht allein. Die Weltmutter 
ist immer nur einzig vorhanden, denn es gibt ja eben immer nur 
die Erde. Apsaras gibt es aber Unmengen. Man lese darüber 
die Arbeit von Elard Hugo Meyer (Gadharven) durch. Ich glaube 
sogar eine Beziehung zwischen der Menge der Apsaras und der 
Schwanenjungfrauenmythe feststellen zu können. Denn als Urvapi 
wiedergefunden wird, da schwimmt sie als Schwan auf dem 
Lotosteich! — Man könnte somit wohl nur annehmen, daß hier 
die Motive der Weltelternmythe (Orpheusmotiv) in das Bereich 
der Schwanenjungfrauenmythe übertragen sind. Also gibt uns 
das Material der indischen Mythe keinen Anhaltepunkt zur Lösung 
der Frage, ob das Orpheusmotiv der Weltelternmythe entstammt. 
Wir werden umsomehr schwankend, wenn wir daran denken, daß 
die deutsch-esthnischen Melusinenmärchen, die doch sicherlich 
kaum mit einer Weltelternmythe* in Zusammenhang gebracht 
werden können, dies Orpheusmotiv ebenfalls enthalten. 

Also lassen wir den Ursprung dieser Mythe unberücksichtigt 
und begnügen wir uns damit, die Verbreitung des Orpheusmotives 
zu verfolgen. — In Siam geht ein Kaufmann auf Reisen. Das 
Schiff verliert den Weg, und nach langen Verschlagungen läuft 
es endlich in den Hafen einer Stadt ein, in welche sich sofort 
einige Leute begeben, um Einkäufe zu machen. Sie erzählen 
dem Schiffsherrn, daß sie eine Frau getroffen haben, die seiner 
Gattin aufs Haar ähnlich sieht. Zum Glück geht der Kaufmann 
nicht in die Stadt. Die Frau besucht ihn aber und warnt ihn 
davor, etwa in das Reich des Todesgottes, der hier herrsche, 
einzutreten. Alle diejenigen, auf die der Blick seines Auges fällt, 
müßten sterben (Oiyheasmotiv). Sie selbst sei kurz nach seiner 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 34Ö 

Abreise verschieden. Die Flucht gelingt dem Kaufmanne. In 
polynesischen Mythen gelingt es verschiedenen Häuptlingen auf 
schwierigen Umwegen, ihre verstorbene Gattin aus der Unterwelt 
zurückzuholen. Wenn die Wanderung in die Unterwelt nun also 
auch häufig erzählt wird, so kann ich doch nur für Samoa einen 
festeren Anhaltepunkt finden, da eine Frau, d\e ihren Gatten 
zurückholen will, von Angst gepackt aus der Unterwelt wieder 
entflieht. Das eigentliche Orpheusmotiv fehlt aber auch hier. — 
Ist in dem Ubergangsgebiet Ozeanien, also in diesem Falle eine 
gute Erhaltung der Mythe nicht nachzuweisen, so strömt uns in 
Nordamerika überreicher Segen entgegen. Ich finde die Mythe 
in guter Erhaltung bei den Völkern Kaliforniens, am Frasariver, 
am Thompsonriver, bei den Schiroki, Irokesen, Schawano, Al- 
gonkin usw. Die Mythe ist hier so lebendig und verbreitet, daß 
schon ein alter Missionar schreibt: „Unter tausenderlei fabelhaften 
Erzählungen, welche Homers und Virgils ihren sehr ähnlich sind, 
führet man auch eine an, welche die Begebenheit mit dem Or- 
pheus und der Euridice so ähnlich ist, daß man fast nur die 
Namen ändern darf." 

Im allgemeinen stirbt eine Gattin. Der Mann macht sich 
auf, sie zu holen. Nach vielen Gefahren gelangt er in die Unter- 
welt. Man gibt ihm die Seele der Toten unter der Bedingung 
mit, daß er dieselbe nicht anrühre, daß er die Büchse, in der sie 
verschlossen ist, nicht öffne, daß er sie nicht anrede usw. Der 
Mann kann aber seiner Begierde nicht wiederstehen, öffnet die 
Büchse oder spricht die Gattin an oder drückt sie an sich, und 
sie ist wieder in das Totenreich zurückgeeilt. Einige Varianten 
dieser Mythe sind hochinteressant. Bei den Schiroki, welche 
mehrere Versionen besitzen, finden wir unter anderem die An- 
gabe, daß der Tod der betreffenden Frau durch den Biß der 
Schlange herbeigeführt wird. Aber diese Schirokimythe, welche 
erzählt, daß die Gebissene die Tochter der Sonne sei, ist kom- 
biniert aus verschiedenen anderen Mythen. Kursiert doch sogar 
die Version, daß die Gebissene die Sonne selbst gewesen sei, 
und damit sind wir denn aus dem Bereiche der Orpheusmythen 
in das der Seite 198 ff. besprochenen Sonnenwendmythen .ge- 
kommen. Hierhin kann aber die Mythe nicht gehören, denn 



346 Drittes Buch. 

allen charakteristischen Zügen entsprechend, ist es ausgeschlossen, 
daß in der ursprünglichen Version die Rückkehr der Gattin 
erreicht wird. — Wichtig sind aber noch einige kleine Parallelen. 
Wenn in Nordamerika jemand, der über den Styx in das Reich 
der Toten gelangt ist, von der dort gebotenen Speise genießt, 
dann gehört er wie Izanami der Totenwelt an. Das ist das 
Motiv der Totenspeise, welche demjenigen der Sonnenspeise genau 
entgegengesetzt ist (siehe unter diesen beiden Worten im Index 
des zweiten Bandes). 

Ob die Orpheusmythe, deren griechische Form ich wohl 
ohne weiteres als bekannt voraussetzen darf, eine aus dem Be- 
reiche der Weltelternmythe entstandene märchenartige Form ist, 
will ich also dahingestellt sein lassen. Sollte dies der Fall sein, 
dann haben wir, um auf die einleitenden Worte dieses Kapitels 
zurückzugreifen, einen sehr interessanten Beleg für den oben aus- 
gesprochenen Satz, daß die bei den Kulturvölkern durchgeführte 
Stammbaumkosmonogie bei den Naturvölkern verloren geht und 
in einer gleichartigen Schicht mythischer und mehr märchen- 
hafter Formen sich auflöst. 

Doch wenden wir uns nunmehr dem zweiten Typus des 
Liebeslebens zu. — Weiteres über die Lichtscheu siehe im vierten 
Buche. (Kap. XVI.) 

2. Die Lichtelternmythe. (Sonne und Mond.) 

D. Sonne und Mond als Ehepaar. — Es gibt keine 
größere Völkergruppe, aus deren Bereich nicht einmal die Nach- 
richt gekommen wäre: „Sie halten Sonne und Mond für zwei 
sich Liebende." Es ist nur ein Unterschied. Wir werden den- 
selben später als ein außerordentlich charakteristisches Kenn- 
zeichen der Weltanschauungszugehörigkeit zu vermerken haben: 
es gibt zwei verschiedene Geschlechtsauffassungen. Für die einen 
ist der Mond, für die andern die Sonne der Gatte. Für die Frage 
der geographischen Verbreitung und Verschiebung der solaren 
Mythologie ist es von allerhöchstem Werte, feststellen zu können, 
daß die Verbreitung der maskulinen und femininen Mondauffassung 
keine willkürliche ist. — Unter dem Transozean verstehe ich das 
Gebiet zwischen der Westküste Amerikas und der Ostküste Afrikas 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 347 

und zwischen den Gebieten der Beringsstraße und Neuhollands. 
In diesem transozeanischen Gebiet hat sich die Völker- und 
Mythenverschiebung des Zeitalters der solaren Weltanschauung 
abgespielt, und ich kann feststellen, daß in den sämtlichen 
Küstengebieten dieser Region bis auf ganz bestimmte Grenz- 
gebiete der so gefaßten Ökumene der Mond feminin und die 
Sonne ihr Gatte ist. Männlich ist dagegen der Mond bei den 
Völkern des Nordrandes, bei den nördlichen Nordamerikanern, 
den östlichen und südlichen Südamerikanern, den Neuholländern, 
den Westafrikanern und bei einigen kleinen dazwischen gestreuten 
„verlorenen" Stämmen. Gemischte Anschauungen finden wir bei 
den Mexikanern, den Babyloniern und bei den Indogermanen. 
Bei diesen ist es sehr interessant, feststellen zu können, daß 
Mythologie und Volksanschauung sich in diesem Punkte nicht 
decken. 

Es ist mir natürlich nicht möglich, hier vollständig zu 
referieren, und gehört das auch nicht hierher. Ich muß jedenfalls 
betonen, daß die eigentlich solare Mythologie den Mond nur als 
Weib und die Sonne als Mann kennt. Dagegen läßt sich die 
ältere Anschauung nicht verleugnen, welche in dem Monde ein 
männliches Wesen sieht, das in bestimmter Weise mit dem Leben 
der Menschen in Beziehung steht. Diesen älteren Anschauungen 
nachzuspüren ist sehr schwierig, und wir werden uns damit zu- 
nächst begnügen müssen, die Tatsache eines uralten Monddämones 
aus der Urzeit in das Zeitalter des Sonnengottes hineinragen 
zu sehen. 

Die Naturvölker sagen in dem von uns umschriebenen 
Rahmen von der Liebe des Sonnenhelden zum Monde nicht viel 
aus. Das wenige, das vorzubringen ist, werden wir sogleich zu 
fassen suchen. Die einfachen Vorgänge sind verständlich. Die 
Sonne besucht den Mond in den Eklipsen. Die Mondfrau wird 
schwanger und bringt die Sterne hervor. Wir werden uns im 
Bereiche der eigentlichen geschichtenerzählenden Mythologie um- 
zusehen haben, wenn wir nähere Details aus diesem Liebesleben 
erfahren wollen. Die Stämme im Norden Südamerikas erzählen: 
Der Mond ist ein Mädchen, die Sonne ihr Bruder. Sie besucht 
ihren Bruder heimlich des Nachts, wird aber zuletzt entdeckt, als 



348 Drittes Buch. 

dieser mit schwarzen Händen über ihr Gesicht hinfährt (Hand- 
abdruch). Dieselbe Mythe kommt nicht nur auf Panama vor, 
sondern muß auch in Ozeanien existiert haben, denn Bastian 
sagt einmal, daß der Mond zeitweise durch die Hand Mauis 
(des Sonnengottes) verdüstert sei (HandabdrucJc). und der Mond 
ist in diesen Gegenden weiblich. Tina ist auch die Schwester 
Mauis, also würde alles zusammenpassen. In Amerika verbleibend, 
sehen wir bei den Schiroki in jüngerer Zeit die Auffassung von 
der femininen Eigenschaft der Sonne vordringen, denn in älteren 
Zeiten wurden die Gebete an den „Herrn" Sonne gerichtet. In- 
folgedessen ist es nicht undenkbar, daß die Mythe, die wir jetzt 
erzählen, umgekehrt war. Sonne, ein junges Weib, lebte im 
Osten, Mond, ihr Bruder, im Westen. Die junge Frau hatte 
einen Liebhaber, der pflegte sie in der Dunkelheit zu besuchen. 
Er kam zur Nacht und verließ sie ^or Tagesanbruch. Sie 
wunderte sich, wer es wohl wäre. Um dies herauszubekommen, 
rieb sie eines Nachts mit Asche einige Zeichen in sein Gesicht 
(HandabdrucJc.) Als in der nächsten Nacht der Mond aufstieg, 
war sein Gesicht mit Flecken bedeckt. Und da wußte denn 
seine Schwester, daß ihr Bruder sie besucht habe. Die Schwester 
schämte sich so sehr, daß sie sich seitdem möglichst weit ent- 
fernt von ihrem Bruder aufhält usw. — Bei den den Indianern 
benachbarten Eskimo liebt im Anfang nur ein Mann und seine 
Schwester. Beide sind bildschön. Der Bruder sucht nachts 
heimlich seine Schwester auf, die, um den fremden Geliebten 
endlich festzustellen, sein Gesicht mit Ruß beflekt (Handabdruck.) 
Am andern Morgen erkennt sie den Bruder. Sie flieht. Er ver- 
folgt sie — bis heute verfolgt er sie, ohne sie erreichen zu 
können. Das ist eine Geschichte von Sonne und Mond. Dieselbe 
Sage kehrt bei den Grönländern wieder. Auch hier ist der Mond 
weiblich und wird allabendlich im Dunklen durch einen jungen 
Mann besucht. Der Mann ist ihr Bruder, der Mond. Sie hat 
auf seine weiße Jacke aber einige Rußflecke (Handabdruek) ge- 
macht und erkennt ihn als solchen wieder. Das Weib schneidet 
sich die Brüste ab usw. Sie flieht. Das Weib wird zur Sonne, 
der Bruder zum Mond. 

Verfolgen wir das Motiv des Handabdruclces , das äugen- 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 349 

scheinlich in diesen Mythenkreis gehört, so begegnen wir in 
Nordwestamerika einer großen Anzahl von Varianten. Hammer 
und Späne sowohl als Hunde besuchen nachts ein junges Weib, 
die den Mann durch Händeabdruck kennzeichnet. Mit dem Hände- 
abdruck geht aber nun eine ganz eigenartige Verschiebung vor 
sich: Der Händeabdruck wird nicht mehr schwarz, sondern er 
wird rot. Und während wir ohne weiteres den schwarzen Hände- 
abdruck auf den Mond beziehen müßten, und uns demnach die 
Auffassung der Nordamerikaner, wie wir sie eben kennen lernten, 
durchaus als möglich erscheinen könnte, wird uns mit dem roten 
Händeabdruck in den Mythen der Nordwestamerikaner die weib- 
liche Auffassung des Mondes und die männliche des mit rotem 
Händedruck rot aufsteigenden Sonnengottes verständlicher. Und 
wenn wir uns na*h anderen Gebieten umsehen, in denen das 
gleiche Motiv eine wesentliche Rolle spielt, so treffen wir wieder 
auf die männliche Sonne und den weiblichen Mond. Bei den 
Toboltataren verliebt sich ein Jüngling in die Fürstentochter. Da 
der Fürst ihm die Tochter auf keinen Fall zur Frau geben würde, 
läßt er sie jede Nacht in geheimnisvoller Weise durch einen aus 
Holz geschnitzten Menschen in sein Haus bringen. Morgens wird 
die Fürstentochter wieder heimbefördert. Sie wird schwanger. 
Der Fürst weiß nur ein Mittel, festzustellen, wohin seine Tochter 
nachts gerät: er heißt sie sich die Hand mit Lack bestreichen 
und damit das Haus kennzeichnen (Handabdruck.) Wie man 
das Haus aber erkennen will, da hat der Schlaue schon alle 
Häuser mit Lack bemalt. Zuletzt zwingt der Jüngling den Herr- 
scher, ihm seine Tochter zu geben, indem er ihn mit Hufe des 
unterstützenden Mulla in ein zum Meere umgewandeltes Wasser- 
becken stürzt und ihn auch wieder herausholt. — (Eine Ge- 
schichte indischen Ursprunges.) 

Denselben Kreis der Anschauung vermögen wir aber, dem 
Motive des Handabdruckes und des nächtlichen Besuches nach- 
gehend, auch noch in einer anderen Mythe zu erkennen, in der 
Mythe vom Gewandverbrennen. 

Ich sagte schon, daß in Nordwestamerika sich dem Mädchen 
zuweilen nachts ein junger Mann nähert und sie beschläft. 
Als sie den mit dem Händeabdruck Gekennzeichneten am Tage 



350 Drittes Buch. 

aufsucht, sieht sie, daß es dar alte triefäugige Hund ihres Vaters 
ist. Sie wird schwanger und bringt junge Hunde zur Welt. Das 
ganze Dorf verläßt sie. Sie ist mit den Kindern allein. Als sie 
eines Tages nach Hause kommt, hört sie Kindergeschrei. Sie 
sieht kleine Kinder vor ihrer Tür spielen, bemerkt auch, daß 
einige Hundefelle daneben liegen, ergreift die Hundefelle, wirft 
sie ins Feuer und befreit so die Kinder von ihrer Hundeverwand- 
lung. Damit sind wir zu dem Motiv der Gewandverbrennung 
gekommen. Die Verbreitung ist außerordentlich charakteristisch: 
Zentrale Eskimo, die Indianer des Mackenziebecken, Tlinkit, Nord- 
westamerikaner, Tsetsaut, Thompsonriverindianer. Schon Frank- 
lin hat die Mythe notiert. Dazu finden wir sie bei den südlichen 
und nordwestlichen Mongoloiden Asiens und Europas, bei den 
Slaven, Nordvölkern, auf Island, in Italien und endlich in Süd- 
afrika. In Nordamerika haben wir immer das Verbrennen der 
Hundehaut, bei den Mongoloiden Asiens haben wir das Ver- 
brennen einer Vogelhaut, ebenso in Südafrika. Bei den Russen 
wird, wenn es sich um einen verzauberten Mann handelt, ein 
Bockfell, wenn es sich um ein verzaubertes Weib handelt, ein 
Froschfell verbrannt, in Italien haben wir einen Mantel und eine 
Schlangenhaut, in Deutschland eine Igelhaut und ein Eselfell, in 
Island eine Löwenhaut, ein Sperlingsfell und eine Hundehaut. 
Bei den Esthen treffen wir wie bei den Russen neben dem Manne 
wieder ein verzaubertes Weib und ist dieses Weib zu einem Wolf 
verwandelt. 

Wir haben also meistenteils einen Mann, der tagsüber in ein 
Tier verwandelt ist, der Abends seine Haut ablegt und als Mann 
heimlich das Weib besucht, das Weib nimmt die Haut dieses 
Mannes und verbrennt sie. Darauf ist der Mann von seiner Ver- 
zauberung errettet. 

Nun wollen wir uns das Bild am Himmel vergegenwärtigen. 
Den schwarzen Handabdruck erkennen wir ja nicht unschwer in 
den Flecken am Monde. Vom Händeabdruck am Monde hören 
wir auch bei den Völkern Neuguineas und bei den Westafrikanern. 
Wir haben hier ein Motiv, das nicht unbedingt in diesen jüngeren 
solaren Kreis gehört, denn dies Motiv äußert sich bei den West- 
afrikanern und bei den Stämmen Neuguineas in einer absolut 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 351 

anderen Form, die mit unseren Mythenkreisen gar nichts zu tun 
hat. Es sind das einfache, natürliche Fabeln, die nicht unbedingt 
in das Gesamtbild der uns interessierenden Mythen gehören. 

Klarer tritt uns das Bild im Motiv des Gewandverbrennens 
entgegen. Wenn des Morgens die Sonne aufgeht, dann ist das 
wie ein Feuer, dann sehen wir. Dann erkennt und errettet 
das Mondweib ihren Mann. Der Schatten, der beim abnehmen- 
den Monde langsam über das weibliche Nachtgestirn hinzieht, ist 
danach der Sonnengatte. — In dieser Weise möchte ich die Reihe 
dieser Motive vorläufig erklären, und glaube ich so ein Verständ- 
nis für diese Mythenkreise gewinnen zu können. Die vorgelegte 
Ansicht ist nicht ausschlaggebend und wäre eine eingehendere 
Untersuchung dieser Motivreihen durchaus wünschenswert. — 
Wesentlich für unsere Zwecke ist es, einmal wieder die geo- 
graphische Verbreitung einer Mythe nachgewiesen zu haben. Die 
Mythe von der Gewandverbrennung und von dem nächtlich auf- 
tauchenden, verwandelten Hundegeliebten ist über den Nordrand 
sowohl nach Amerika hinüber als auch bis nach Island hin ge- 
wandert. Wir haben also ein Gegenstück zu anderen Mythen, 
die von Südasien über Ozeanien nach Amerika gepilgert zu sein 
scheinen. — Ich habe mich hierbei so lange aufgehalten, weil es 
für unsere Zwecke wünschenswert ist, die Verbreitung bestimmter 
Mythen festzustellen, auch wenn wir noch kein ausschlaggeben- 
des Urteil über ihre Bedeutung zu geben wagen. 

E. Die Mondgöttin. — Sowohl dem Altersgrad als ihren 
Eigenschaften nach nimmt die Gottheit des Mondes bei den 
Naturvölkern ganz verschiedene Stellungen ein. Merkwürdig ist 
es nur, daß sich eigentlich immer bei allen Völkern die sämt- 
lichen Mythen, die sich auf die Mondgottheit beziehen, vorkom- 
men. Es ist das wohl ähnlich, wie mit der Seelenwanderung, 
der zufolge die einzelnen Teile der menschlichen Seele ver- 
schiedene Schicksale erleiden. Just so ist es mit der Mondgott- 
heit, die in den verschiedenen nebeneinander herlaufenden Mythen 
die verschiedensten Eigenarten annimmt. Bald ist die Mondgott- 
heit die „Uralte", bald ist sie eine „schöne Frau", bald ist sie 
die „junge, schöne Schwester", die ihren Bruder innig liebt. Wir 



352 Drittes Buch. 

werden deshalb hier die wichtigsten Eigenarten der Mondgottheit 
nacheinander besprechen müssen. 

a. Die Todes- und Schicksalsgöttin. Als Mani in den Rachen 
der Hine-nui-te-po schlüpft und als er seinen Tod findet, da ist 
auch das Schicksal der Menschen besiegelt. Die Maori erzählen: 
„Wenn Maui nicht gestorben wäre, brauchten die Menschen auch 
nicht zu sterben." Man muß aber wissen, daß Hine oder Hina 
der Mond ist. Es klingt uns verwandtschaftlich an, wenn Brin- 
ton aus Wortvergleichungen hei Algonkin und Azteken einen Zu- 
sammenhang von „Mond", „Wasser" und „Tod" findet. Bei den 
Heiltsuk leben die Toten auf dem Monde. Die Todesmythe hängt 
in Neuholland, im östlichen Melanesien, in Südafrika, bei den 
Grönländern usw. stets mit dem Monde zusammen. (Siehe darüber 
„Weltanschauung der Naturvölker"). Wichtig ist eine Variante: 
Der Mond wechselt sein Kleid, wenn er alt wird und wird da- 
durch wieder jung. Wir werden im Nachfolgenden unter c. die 
große Bedeutung von Stoffen und Kleidern für die Mondgottheit 
erkennen. — Die sympathische Verbindung des Menschen- und 
Mondlebens möchte ich dagegen, bis sich bessere Belehrung ein- 
stellt, für eine ältere Errungenschaft des Menschen halten. 

b. Die Wassergöttin. In der altchaldäischen Mythe sahen 
wir Omorka als anfängliche Mond- und Wassergöttin. (Siehe 
Seite 163.) Der Mond steht bei allen solaren Völkern im Gerüchte 
des Wassertragens. Merkwürdig häufig werden Menschen, die 
just Wasser in einem Eimer holen, in den Mond versetzt. So 
in Polynesien, Nordwestamerika und in deutschen Märchen. Bei 
den alten Ägyptern ist in der Darstellung der alten Mondgöttin 
Neith das Wellenwasserzeichen vor die Hände gezeichnet, woran 
man sie deutlich als Wasserspenderin erkennen kann. Sehr 
schön tritt der Kreis dieser Beziehungen in Amerika hervor. Bei 
den Muyscas ruft die bildschöne, aber bösartige Gattin des 
Schöpfergottes die Flut hervor und wird darum in den Mond 
versetzt, — wie auch in Neuholland der Mond der Fluterzeuger 
ist. Im alten Mexiko wird der Sohn Quetzalcoatls die Sonne, 
der Sohn Tlalocs, des Wassergottes, der Mond. Bei den Navahos 
birgt der Mond alle Arten des Wassers, und die Schiroki wenden 
sich mit ihren Gebeten um Regen und Schnee an den Mond. 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 353 

Die Bedeutung von Wasser und Mond in der altchinesischen Auf- 
fassung hat Schlegel festgestellt und last not least sei darauf 
hingewiesen, daß heute noch im Volke hinsichtlich der Regen- 
zeiten der Glaube herrscht, daß die Regenperioden mit dem 
Wechsel des Mondes zusammenhingen. Nachdem schon früher 
auf das Irrtümliche dieser Anschauung hingewiesen wurde, ist 
der Meteorologe W. Ellis auf Grund der Beobachtungen zu Green- 
wich in den Jahren 1862 — 1901 zu dem Schluß gekommen, daß 
gar keine Beziehung zwischen den Mondphasen und der Regen- 
menge besteht. Wir haben es hier also mit einer alt-mytho- 
logischen Meinung des Volkes zu tun. Wichtiger ist eine andere 
Meinung der Naturvölker, welche die Höhe der Fluten mit der 
Größe oder Kleinheit des Mondes in Zusammenhang bringen. 
Ohne mich auf Einzelheiten einzulassen, möchte ich darauf hin- 
weisen, daß möglicherweise nach den alten Mythenbegriffen des 
solaren Zeitalters der Mond nicht nur über der Flut, sondern 
auch über der Regenzeit präsidierte. 

c) Die webende Mondgöttin. Und nun kommen wir zu einer 
merkwürdigen Übereinstimmung: Im Monde sitzt eine Frau (nur 
sehr selten ist es ein Mann), die spinnt oder webt. Nach der 
Algonkinmythe sitzt im Monde eine Frau, die ein Stirnband webt. 
Eine, neben ihr sitzende Katze zerreißt aber je einmal im Monat 
den Faden, sodaß sie nie fertig wird. Sie wird erst am Ende 
der Dinge fertig. Bei den Potowatomi ist die Frau eine Korb- 
flechterin, während sie bei den Oschibwä am Webstuhl sitzt und an 
einem nicht vollendeten Gürtel arbeitet. Bei den Schiroki treffen 
wir das Stirnband wieder, und die alte webende Spinne der 
Navahosmythe, die den jungen Helden den Rat gibt, wie er sich 
beim Sonnengotte zu benehmen habe, dürfte auch nur als Mond- 
göttin zu verstehen sein. Überspringen wir den Ozean, so treffen 
wir in Indonesien allenthalben Spinner und Weber im Monde. Bei 
Batak und Alfuren ist es ein Weib. Auf Timor ein Schlingenver- 
fertiger. Interessant ist es, wenn bei den OrangBenua Tiere die Fäden 
wieder zernagen. Das erinnert wieder an amerikanische Formen. In 
China spinnt die Mondgottheit den Faden, der die Ehen verbindet. 
Suchen wir nun nach einem Übergang zwischen diesen Zentral-ozeani- 
schen und den ostozeanischen oder amerikanischen Anschauungen, 

Frobenius, Sonnengott. I. 23 



354 Drittes Buch. 

so ergibt sich eine ganz merkwürdige, aber außerordentlich be- 
weiskräftige Form des Überganges. Die Polynesier weben nicht. 
Sie haben vielmehr für Kleidungszwecke die Herstellung von 
Rindenstoffen zu einer außerordentlich entwickelten Kunst ge- 
schaffen. Und siehe da: Ina, Sina, Hine usw. die Mondgöttin 
klopft ihre Tapastoffe. Hier hat uns die Mythologie einmal einen 
Beweis gebracht, was sie zu leisten vermag. Es dürfte sehr 
schwer sein, aus der Technik, nachzuweisen, daß die Polynesier 
das Weben einmal verstanden haben. Höchstens ließe sich aus 
der Verfertigungsweise der Fäden die Anschauung rekonstruieren, 
daß sie in alten Zeiten einmal das Spinnen verstanden hätten. 
Indem aber an die Stelle der spinnenden Mondgöttin die Tapa 
schlagende Mondgöttin getreten ist und gleichzeitig in beiden 
Niederschlagsgebieten des Ozeans sich das Spinnen und Weben 
in der spinnenden und webenden Mondgöttin erhalten hat, be- 
weist der Tatbestand der Mythologie, auf welchen Wegen die 
Kunst von Asien nach Amerika gezogen sein dürfte und daß sie 
in dem Übergangsgebiet nur untergegangen ist. — In den nord- 
westlichen Gebieten hat sich die Mondspinnerin in phantastischer 
Weise weitergebildet. Schlicht und einfach ist es noch, wenn 
Neith, die Göttin zu Sais, die alte Mondgöttin der Ägypter, mit 
dem Schleier bedeckt ist, „den noch kein Sterblicher gelüftet 
hat". Der Schleier zu Sais erinnert uns daran, daß die Mond- 
göttin und das Schicksal in dem Gewandwechselmotiv über dem 
Leben der Menschen präsidiert, und der Schleier von Sais ist eine 
Erinnerung an die spinnende Mondgöttin, denn die Mondgöttin 
Neith wird stets dargestellt mit einem Weberschiffchen über dem 
Haupte. Sie heißt deswegen auch die Erfinderin des Webens. 
Nun die Arioiden. Aus dem alten Gesänge eines indischen Brah- 
manenschülers: „Hier in der Unterwelt sind zwei jugendliche 
Mädchen, Tuch webend jeglicher Art, die da ewig hervorbringen 
weißes und schwarzes Tuch, immer wieder zum Dasein führend 
die Welten und was sie bewohnt." Die indische Mythologie hat 
die alten solaren Stoffe in eigener Weise weiter entwickelt und 
umgeformt, so daß es oftmals schwer ist, die alten Typen wieder- 
zuerkennen und gutes Material beizubringen. Daher sind wir 
doppelt erfreut, derart schöne Reste anzutreffen, zumal wenn die 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 355 

Beziehungen zu den verwandten Stoffen- bei den westlichen Ario- 
iden so unverkennbar wie hier hervortreten. Denn ich brauche 
nur an die Mören, die Parzen und die Nornen zu erinnern, um 
den Beziehungsreichtum ahnen zu lassen. Doch Stück für Stück 
wollen wir hier vornehmen. Simrock berichtet, daß in einer 
Reihe deutscher und italienischer Märchen der Mond Spinnräder 
verschenkt, und Kuhn weiß in seinen märkischen Volkssagen von 
einem Weibe zu erzählen, das in den Mond versetzt ward, weil 
sie am Sonntag gesponnen hat. Sollte das Bertha, die Spinnerin 
sein? Und sollten nicht vielleicht, entsprechend der Umbildung 
der Mondspinnerin in eine Mondkorbflechterin, bei den Nordwest- 
amerikanern die Männer mit dem Reisigbündel, die so häufig bei 
uns aus den Mondflecken auftauchen, mit dem Seiler im Monde 
in Verbindung stehen? Aber dann: Die Nornen wurden unter 
Einwirkung der Schwanenjungfrauen zu Walküren, und diese Wal- 
küren sitzen nach der Nialssage in einer Kammer mit einem 
Gewebe beschäftigt, Menschenhäupter sind statt der Gewichts- 
steine, Gedärme statt des Zettels und Einschlages, ein Schwert 
statt des Schlagbrettes, ein Pfeil statt des Kammes; dabei singen 
sie ein Lied mit dem Kehrreim: Winden wir, winden wir das 
Gewebe der Schlacht. Zuletzt reißen sie das Gewebe von oben 
herab in Stücke, und jede behält das ihre in der Hand, besteigen 
die Pferde und reiten davon. Da klingt alte, starke Anschauung 
nach. Der webenden Mondgöttin wird das Gewerk immer zerrissen, 
in Nordamerika von einer Katze, in Indonesien von einer Ratte; 
die dritte Norne aber schneidet regelmäßig den gesponnenen 
Lebensfaden ab! — Doch noch ein lieblicheres Bild zum Ab- 
schluß! Proserpina, die Bringerin des Lebens und des Todes, die 
Würgerin und Eröffnerin, webt das Kleid der Toten. Es ist nicht 
nötig, an die webenden Göttinnen Kleinasiens zu erinnern, an 
Ilithyia, die webende Mutter des Eros, an die kleinasiatische 
Mondgöttin Athene, die das Licht der Sonne hervorbringt und 
mit Rocken und Spindel dargestellt wird. Wir wollen nur den 
alten Homer zitieren und wollen ihm die Frage vorlegen, ob er 
es wohl noch gewußt hat, was es bedeutet, wenn die edle Pene- 
lope in nächtlicher Zeit das große Gewebe wieder aufreißt, das 
sie am Tage gesponnen? 

23* 



366 Drittes Buch. 

d) Tiere im Monde. Es handelt sich um zwei: Hase und 
Frosch. Der Hase befindet sich im Monde nach der Anschauung 
der Inder, Kalmücken, Tibeter, Chinesen, Japaner, während bei 
den Griechen, Römern, Russen, Litthauen usw. Hase und Kanin- 
chen in bestimmte Beziehung zum Monde treten. In Südafrika 
ist Kaninchen oder Hase der Bote des Mondes, der die Todes- 
oder Lebensnachricht bringt. Und nun die andere Seite des 
Ozeans. Im Norden Kaliforniens und in Mexiko sitzt ein Kanin- 
chen im Monde. — Ist das Zufall? Und was bedeutet dieses? 
Sollte die Spur zur Lösung des Rätsels nicht im Gebiete der 
Todesmythen zu finden sein? — Verständlicher ist uns das Her- 
vortreten des anderen Tieres im Monde. Ein Frosch oder eine 
Kröte sitzen nach süd- und ostasiatischer Anschauung im Monde. 
Ich gab oben Seite 319 ff. eine Mythe aus Südafrika wieder, iqi deren 
Verlauf der Frosch den Verkehr mit dem Monde unterhält. Dazu 
nun das Material aus Amerika. Die Mandan sehen eine Kröte 
im Monde, ebenso die Indianer am Thompsonriver. Bei öst- 
lichen Indianerstämmen durchbohrt der Sonnenheld den Riesen- 
frosch, der in der Dürre das Wasser aufgesogen hat. Frösche 
werden verehrt bei den Chipcha usw. Die Beziehung zwischen 
Mond und Frosch ist klar: der Mond präsidiert ja dem Wasser 
und der Frosch lebt im Wasser! 

Es ist also ein reiches Leben, das die Mythologie um den 
Mond gesponnen hat. Denn wir haben den Stoff hier bei weitem 
noch nicht erschöpft! Es wäre noch mancherlei z. B. über den 
Baum im Monde zu sagen, der zumal in Ozeanien eine ganz 
hervorragende Rolle spielt, dessen Erscheinungen aber auch in 
Asien und Europa hervortreten. Außerdem könnte man ja von 
einem andern Standpunkte aus den gleichen Stoff behandeln. 
Es sei hier nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß jede der 
drei Gestirnarten (Sonne, Mond und Sterne) eine eigene Art der 
Belebung nach Aussage der Naturvölker und auch vieler Kultur- 
völker erfahren haben. Wir wollen das hier als Formel festlegen: 

1. Der Sonnenheld folgt der Sonne; die Seelen der Ver- 
storbenen folgen der Sonne; kurz und gut, die Sonne ist nicht 
das eigentlich Belebte, und die Symbolisierung respektiert meist 
und in gewisser Hinsicht die Eigenart der Sonne als Objekt. 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 357 

2. Der Mann wird in den Mond versetzt, die Frau wird in 
den Mond versetzt, die Kröte wird in den Mond versetzt, der 
Baum wird in den Mond versetzt usw., kurz und gut: der Mond 
ist gleichsam eine Behausung (wie ja auch viele Mythologien 
von den Mondhäusern, wenn auch in anderer Beziehung, oft 
sprechen). 

3. Es wird eine Jungfrau oder ein Mann an den Himmel 
versetzt und dort werden sie zu Sternen. Dem entspricht es, 
wenn bei den meisten Völkern dann und wann die Anschauung 
auftritt, daß die Toten als Sterne an den Himmel versetzt sind. 
Was hat nicht alles die griechische Mythologie an solchen Wesen 
an den Himmel versetzt, die Zwillinge, den Orion usw. usw. 
Ebenso machen es die Neuholländer, die Ozeanier, die Ameri- 
kaner. Also die Sterne sind an den Himmel versetzte Wesen. 

Von solchem Gesichtspunkte ausgehend und nach dieser 
Richtung studierend sind sicherlich reiche Ergebnisse zu erzielen. 
Denn die verschiedenartige Belebung der drei Gestirnsarten, wie 
ich sie eben zu skizzieren suchte, tritt überall und immer wieder 
in den Vordergrund. Wir werden uns einer derartigen Variante 
des dritten Typus, der Sternmythen, nunmehr zuwenden. 

3. Die Plejadenmythe. 

Als Beitrag zu der eben gebotenen Auffassung von der Be- 
deutung der Sterne in der Mythologie als an den Himmel ge- 
setzter Lebewesen möchte ich nachfolgend eine Mythe der nord- 
amerikanischen Wabi auszugsweise wiedergeben, welche den 
Übergang zu einer hübschen Erkenntnis ohne Schwierigkeiten 
bietet. 

F. Sternmythe der Wabi. Wabi, der weiße Falke, ist 
«in berühmter Jäger, der in einsamer Hütte tief im finsteren 
Walde lebt. Auf der Jagd kommt er einst in eine große Prärie. 
Es fallen ihm schön geformte Fußstapfen auf, die er verfolgt. 
Er gelangt in einen geheimnisvollen Kreis, setzt sich hinter einen 
dicken Baum und wartet, was sich ereignen wird. Unter eigen- 
artigen zauberischen Tönen senkt sich ein großer Korb hernieder, 



358 Drittes Buch. 

aus dem 12 schöne Mädchen heraufsteigen. Ein hell leuchtender 
Feuerball erklingt; er wird wie eine Trommel geschlagen. Die 
Mädchen. beginnen zu tanzen. Trotzdem sie alle schön sind, ge- 
fällt ihm eine am besten. Er stürzt auf dieselbe zu. aber im 
gleichen Moment springen die Mädchen in den Korb und ver- 
schwinden dem Himmel zu. Am nächsten Tage, als Wabi zu 
dem Kreise zurückgekehrt ist, spielt sich die Geschichte in der- 
selben Weise ab. Am dritten endlich sinnt er eine List aus, um 
sich eines der Mädchen zu bemächtigen. Er findet in der Nähe 
des Kreises einen halbverfaulten Baumstamm, in welchem viele 
Mäuse hausen. Er schleppt den Baumstamm in die Mitte des 
Kreises und verwandelt sich selbst in eine Maus, die mit den 
andern zusammen in den alten Waldkadaver schlüpft. Alsbald 
senkt sich auch der Korb mit den Mädchen wieder hernieder. 
Eine, die Jüngste, ist über die Lage des Baumstammes ver- 
wundert. Die andern schenken ihm keine Beachtung, lassen sich 
nieder, schlagen mit ihren Stöcken darauf und bewirken es so, 
daß die erschrockenen Mäuse eilig fortlaufen. Sie ergreifen sie 
und schlagen sie tot. Nur Wabi entgeht ihnen, er verwandelt 
sich schnell in seine eigentliche Gestalt und packt die Jüngste 
der Verfolgerinnen mit beiden Armen. Die andern entschwinden. 
Wabi tröstet sein Opfer, und es gelingt ihm, ihre Liebe zu er- 
obern. Sie heiraten sich. Im nächsten Frühjahr wird ein Knabe 
geboren. Die Frau ist aber doch betrübt, denn sie ist die Tochter 
der Sterne und sehnt sich in ihre Heimat. Als Wabi sich nun 
eines Tages auf der Jagd befindet, hört die Frau ihren Vater 
oben im Himmel laut weinen und wehklagen. Da kann sie die 
Sehnsucht nicht überwinden. Sie flechtet einen Korb, füllt ihn 
mit allerhand Gegenständen von der Erde, ergreift ihren Sohn, 
geht in den Zauberkreis und wird darauf unter dem Geräusch 
der zauberischen Töne zum Himmel emporgehoben. Wabi hört 
die Töne, er kommt und sieht es just noch, wie seine Frau oben 
von den Sternen in Empfang genommen wird. Er versinkt nun 
in große Traurigkeit. Die Frau scheint ihn vergessen zu haben, 
Doch eines Tages wird sie durch ihren eigenen kleinen Sohn an 
den Mann erinnert, empfindet Sehnsucht nach ihrem Gatten und 
bittet ihren Vater, die Erde einmal besuchen zu dürfen. Sie er- 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 359 

scheint ihm also eines Tages wieder, erzählt ihrem Manne von 
der Schönheit der oberen Welt und fordert ihn auf, mitzukommen, 
doch solle er immer von jedem Tiere oder Vogel der Erde Fuß, 
Flügel oder Kralle mitbringen. Wabi jagd nun tagaus, tagein, 
er bringt die erwünschten Gegenstände zusammen. Der Zauber- 
korb trägt ihn dann gen oben. Oben wird ein Fest abgehalten. 
Jeder der Geladenen ergreift ein Stück der Erdenbeute, und so 
werden einige zu Vögeln, andere zu Vierfüßlern usw. Wabi 
nimmt die Federn eines weißen Falken und ebenso seine Frau 
und sein Sohn. Sie werden zu weißen Falken, fliegen zur Erde 
hinab und gründen den Stamm der Wabi oder weißen Falken. 
Jedem, der die Texte des XIII. Kapitels mit Aufmerksamkeit 
durchgelesen hat, wird die Ähnlichkeit mit den Schwanenjungfrauen- 
mythen auffallen. Wir haben einen Jäger auf der einen Seite 
und eine Gruppe von schwebenden jungen Mädchen auf der 
anderen. Wie in der Micmacmythe und in der Lappländer- 
Version bemüht sich der Held mehrmals vergebens, eine der 
Jungfrauen zu erhaschen, bis ihm dieses endlich mit List gelingt. 
Wie in den anderen Schwanenjungfrauenmythen entschwebt die 
Gattin auch, nachdem sie einen Sohn zur Welt gebracht hat und 
wie in der Tawhaki- und Utahagimythe gelangt der Mann auch 
in den Himmel und kehrt er zur Erde zurück. Die Mädchen 
sind im allgemeinen nicht als Vögel bezeichnet, doch verwandelt 
sich zum Schlüsse die Familie in weiße Falken. Wir würden 
natürlich diese Mythe unbedingt zu den Schwanenjungfrauen 
zählen, wenn die Motive des Schleierdiebstahls vorhanden wären. 
Immerhin lassen uns die Analogien und der Grundtypus doch zu 
dem Schluß kommen, daß wir hier eine Version der Schwanen- 
jungfrauenmythen vorliegen haben, wodurch der Kreis der geo- 
graphischen Verbreitung noch etwas erweitert wird. Es soll nun 
im folgenden meine Aufgabe sein, es noch wahrscheinlicher zu 
machen, daß diese Mythe in die erwähnte Gruppe gehört. Ge- 
lingt dies, dann haben wir für das Verständnis der Schwanen- 
jungfrauenmythen ein neues wesentliches Stück gewonnen. — 
In dieser Wabimythe sind nämlich die jungen Mädchen direkt 
als Sterne bezeichnet, und wenn es auch leider (ich werde ein 
andermal zeigen können, weshalb dies der geographischen Ver- 



360 Drittes Bach. 

breitung nach so sein muß) nicht gesagt wird, welche Sterne 
oder welches Sternbild wir mit den Jungfrauen identifizieren 
dürfen, so werden wir doch daran erinnert, daß auch in anderen 
Mythen diese Jungfrauen in einem Sternbilde wieder erkannt 
werden. Vor allen Dingen ist dies bei den Neuholländern der 
Fall, und da dieses primitive Volk die alten Mythen nicht weiter 
entwickelt, sondern sie in seinem Gedächtnis gerade wegen 
seiner Primitivität besonders klar und deutlich erhalten hat, 
so wende ich mich der Besprechung dieser Mythen im spe- 
ziellen zu. 

G. Die Plejaden- und Schwanenjungfrauenmythe der 
Neuholländer. Ich habe oben Seite 309 ff. unter G. eine ent- 
sprechende Mythe der Narran wiedergegeben. Dies ist nicht das 
einzige Material, welches wir besitzen. Wir wollen hier in lokaler 
Untersuchung einmal etwas tiefer und eingehender schürfen als 
sonst. In der Narranmythe raubt der Jäger die Grabstöcke. 
Dieser Punkt entspricht dem Schleierdiebstahl. Bei den Pirt- 
kopan-noot geht die Sage, daß die Plejaden eine Königin namens 
Gneeanggar und ihre 6 Begleiterinnen darstellten. Vor langen 
Jahren hatte sich der Stern Canopus (die Krähe) in diese Königin 
verliebt. Es gelang ihm aber nicht, ihre Neigung zu gewinnen; 
und so beschloß er, steh ihrer durch <eine List zu bemächtigen. 
Kurz nach ihrer Weigerung, sein Weib zu werden, erfuhr er auf 
irgend eine Weise, daß die Königin mit ihren 6 Gefährtinnen 
ausging, um weiße Raupen zu suchen, die sie sehr gern hatten. 
Als Waa (Krähe) dies hörte, kam er auf den Gedanken, sich 
selbst in eine Raupe zu verwandeln. In dieser Gestalt bohrte er 
sich in einen Baumstamm, wo er sicher war, von der Königin 
und ihren Dienerinnen entdeckt zu werden. Er war auch noch 
nicht lange in seinem Versteck, als eine von jenen ihn bemerkte 
und mit einem kleinen hölzernen Haken, wie ihn die Frauen ge- 
wöhnlich zum Herausziehen der Raupen gebrauchen, in das Loch 
fuhr. Er brach die Spitze des Hakens ab und machte es mit 
den Geräten der Begleiterinnen ebenso. Da trat die Königin 
hinzu und steckte einen schönen Knochenhaken in das Loch. 
Waa wußte, daß dies ihr Haken war, ließ sich daher heraus- 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 361 

ziehen, verwandelte sich sogleich in einen Riesen und rannte mit 
ihr davon. Seit dem Verschwinden der Königin gibt es hier nur 
noch 6 Sterne in den Plejaden, welche die 6 Dienerinnen dar- 
stellen. — Als einige Freunde Bastians, denen das Manuskript 
dieser Erzählung bekannt wurde, Zweifel über ihre Authentizität 
äußerten, weil sie eine sehr auffallende Ähnlichkeit mit Er- 
zählungen der griechischen Mythologie zeigt, so stellte Mr. William 
Goodall, Vorsteher der Framlirigham Aboriginal Station, die soig- 
fältigsten Nachforschungen an, deren Resultat war, daß die Er- 
zählung bestätigt und nachgewiesen wurde, sie sei im West- 
bezirke und, mit einigen Veränderungen, auch in Südaustralien 
wohl bekannt. — Schon ältere Angaben besagen dasselbe. Brough 
Smyth sagt aus, daß die Plejaden in Victoria eine Gruppe von 
jungen Mädchen darstellen, die mit einer Anzahl junger Männer, 
die im Orion tanzen, spielen. — Nach anderen Angaben verbirgt 
sich eine der Plejadenmädchen wegen ihrer Unvollkommenheit, 
und werden außerdem die Jünglinge Berai-Berai an den Himmel 
versetzt, als sie die schönen Plejaden verfolgen. Der Orion stellt 
sonst auch wohl zwei jagende Jünglinge dar. — Nach Andree 
gebe ich hier eine von Greenway aufgezeichnete Mythe aus Vic- 
toria: Die Plejaden (Miai-Miai) waren vor langer Zeit auf der 
Erde lebende schöne Mädchen. Da wurden die Beriberi (junge 
Männer, das Sternenbild des Orion) in sie verliebt und verfolgten 
sie. Die Mädchen erkletterten hohe Bäume und sprangen von 
hier in das Himmelsgewölbe, wo sie in Lichtwesen verwandelt 
wurden. Das am wenigsten schöne blieb hinter den sechs zurück, 
und das ist Gurrigurri, die Scheue, der am wenigsten sichtbare 
Stern der Plejaden. Nachdem die Plejaden an den Himmel ver- 
setzt waren, werden auch die Beriberi (Orion) in den Himmel 
gehoben, wo sie mit Bumerang und Gürtel erscheinen. — Bei 
den Kuurnk-kopan-noot heißen die Plejaden „Schwärm von 
weißen Papageien". Auch hier gelten sie als weiblich. — Es 
ist wohl nicht nötig, viel hinzuzufügen. Die Schwanenjung- 
frauenmythe erweist sich hier klar ausgesprochen als eine Sternen- 
mythe. Wichtig ist es, daß der verfolgende Jäger überall auch 
als Orion bezeichnet wird. Der Orion jäger versteckt sich bald 
hinter einem Baume, bald in einem Baume. Die Wabimythe 



362 Drittes Buch. 

und diejenige Neuhollands sind hierin gleichlautend, und das 
Verstecken des Verfolgers findet sich ebenso als dem Scheier- 
diebstahl vorhergehend in den weitaus meisten der anderen 
Mythen. 

Im Frühjahr geht zuerst das Sternbild der Plejaden auf. 
Die Oriongruppe ist dann noch nicht zu sehen, d. h. die jungen 
Mädchen tanzen dort oben, und der Orion hat sich noch versteckt. 
— Doch prüfen wir nun nach, ob andere Schwanenjungfrauen- 
mythen uns ebenfalls einen Anhaltepunkt für diese Deutung ihres 
Ursprunges geben. Wir werden nach drei Seiten prüfen müssen. 
Erstens, ob die Plejaden auch anderweitig als Frauen gelten, 
zweitens, ob wir in ihnen die Schwäne oder Vögel wiedererkennen 
können und drittens, ob die Mythe in irgend einem sonstigen Zu- 
sammenhange mit dem Auftauchen oder Verschwinden der Plejaden 
am nächtlichen Himmel steht. 

H. Die Plejaden als Frauen. Unsere Umschau nach 
solcher Erklärung findet noch in weiteren drei Gebieten zu- 
treffendes Material. In dem Neuholland benachbarten Westmela- 
nesien und zwar auf Florida gelten die Plejaden als eine Gruppe 
von Mädchen. In Nordostasien bef den Tschuktschen gelten die 
Plejaden als eine Gruppe von Weibern, die von einem Bogen- 
schützen im Orion verfolgt werden. Bei den alten Griechen 
galten die Plejaden als sieben göttliche Mädchen, die von dem 
Riesen Orion verfolgt werden, worauf Zeus die bedrängten Frauen 
und dep lüsternen Jäger dorthin an den Himmel setzte, < wo sie 
auf unseren Sternenkarten noch heute verzeichnet sind. An- 
schließend hieran sei bemerkt, daß in der deutschen Legende 
Christus die Frau und die sechs Töchter des geizigen Bäckers 
als Henne und Küchlein in dem Sternbild der Plejaden an den 
Himmel setzt. — Einige Einzelheiten überraschen in ihrer Über- 
einstimmung. Wie sich in Neuholland eine der sieben Plejaden 
schamhaft verbirgt, so auch in Griechenland. Das ist der siebente 
Stern, der so schwer zu erkennen ist. Die Siebenzahl kehrt aber 
sonst noch wieder. Ich darf wohl daran erinnern, daß es in der 
Utahagimythe auch sieben Jungfrauen sind, die zum Bade an 
das Meer herabfliegen. Auch eine ältere persisch-arabische Form 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 363 

kennt sieben badende Taubenmädchen. Doch gehen wir zu diesen 
Taubenmädchen über. 

I. Die Ple jaden als Vögel. In Neuholland erscheinen 
die sieben Plejaden auch wohl als weiße Papageien, in der Wabi- 
mythe verwandeln sich die Gestirne in weiße Falken. Es sei hier 
eine kleine Mythe der Malaien eingeschoben. Als ein Rajati und 
Oberpriester nach seinem Tode verbrannt werden soll, stürzten 
sich seine sieben Frauen mit Tauben auf dem Kopfe in die 
Flammen. Diese Tauben, die (wie es wörtlich heißt) „wenn sie 
über die Glut davonfliegen, den Malaien ein Sinnbild der aufwärts 
fliegenden» Seele sind", möchte ich umsomehr als Plejaden in An- 
spruch nehmen, als die Malaien überhaupt geneigt sind, die Seelen 
ihrer bekannten Toten in den Sternen wieder aufzusuchen. Sind 
doch auch die sieben Utahagimädchen Tauben. In der Schwanen- 
jungfrauenmythe der Tarantschi lassen sich Schwärme von Tauben 
nieder, und nur die geliebte Peri ist ein weißer Papagei. So ver- 
einigt sich die Version der Neuholländer mit der der Indonesier, 
und als Papageien gelten — um einen sehr großen Schritt zu 
machen — die Plejaden auch wohl in Brasilien. Sonst aber 
treten im Osten und im Nordwesten von Indien in den Plejaden 
nicht die Tauben, sondern Hühner in den Vordergrund. Die 
Kambodjaer nennen die Plejaden die Hühner, die Siamesen die 
Sterne der Kücken oder Hennenkinder. Daß in Deutschland die 
Bäckersfrau mit ihren Töchtern als Henne und Kücklein in die 
Plejaden versetzt werden, erwähnte ich schon. — Haben wir so- 
mit für die Tauben und für die Papageien die Übereinstimmung 
von Mythe und Sternennamen gewonnen, so gelingt dies hin- 
sichtlich der eigentlichen Schwanenjungfrauen nicht. Wenn man 
überhaupt einen direkten Anhaltepunkt für die Entstehung dieser 
Schwanenjungfrauenmythe gewinnen will, dann wird man feststellen 
müssen, ob es ein Gebiet gibt, in welchem die Taubenschwärme 
im Zuge gleichzeitig mit den Plejaden am Himmel erscheinen. 
Auch Gänse und Schwäne sind Zugvögel, und es wäre von außer- 
ordentlicher Wichtigkeit, auch hier Analogien festzustellen. Die 
Mythologie ist eine so schwierige Wissenschaft, daß wir froh sein 
müssen, wenn wir irgendwo einen festen Anhaltepunkt für Ent- 



364 Drittes Buch. 

stehungsgebiete der Mythen in pflanzen- oder tiergeographischen, 
in meteorologischen oder astronomischen Gebieten auffinden können. 
Ein wichtiges derartiges Stück liegt zur Prüfung in der Plejaden- 
Taubenmythe vor. 

Ich möchte hier noch eine Kleinigkeit, die mir nicht un- 
wesentlich scheint, anfügen. Der alte Ferdinand Christian Baur 
hat schon vor langen Jahren darauf hingewiesen, daß der Prophet 
Jonas dem Namen nach Taube heißt. Er weist gleichzeitig auf 
die Verwandtschaft mit dem Namen Oannes hin und meint, 
Oannes, Johannes, Jannes, Janna, Johannas, Jonas seien wohl 
desselben Ursprungs. Ich kann mich dieser Ansicht nur an- 
schließen und möchte darauf hinweisen, daß wie Oannes den 
alten Babyloniern aus dem Meere emporsteigt (oder Jonas aus 
dem Fischbauche), um zu lehren und zu predigen, um vor allen 
Dingen im Ackerbau zu unterrichten, daß ebenso das Tauben- 
Plejadengestirn auch aufgeht, wenn die Zeit zum Ackerbaue ge- 
eignet ist, und daß es würdig den Frühlingssonnengott repräsen- 
tiert. Und damit komme ich zum nächsten Punkt. 

K. Die Ple jaden und der Ackerbau. Wir haben noch 
eine Taubenmythe nachzutragen: Wenn die Plejaden im Sommer 
zuerst wieder am Himmel erscheinen und so das Signal zur Ernte 
geben, bringen sie nach altgriechischer Auffassung dem Vater 
Zeus als nährende Tauben aus dem Wunderlande des Okeanos 
Ambrosia. Das Erscheinen der Plejaden bedeutet in Griechen- 
land den Augenblick der Ernte. Das ist für uns neben der Be- 
deutung der „Taubenartigkeit" an eben zitiertem Satz das Wichtigste. 
Anders ist der Fall auf den Inseln der Südsee, wo teilweise die 
Ernte des Yams durch das Erscheinen der Plejaden angezeigt 
wird (Banksinseln und nördliche Neuhebriden), während in Indo- 
nesien und z. B. auf Sumatra das Pflanzen mit dem Aufgang der 
Plejaden beginnt. So werden diese Sterne zum Zeitmesser der 
Landwirtschaft, und es wundert uns nicht, wenn dem entsprechend 
Südamerikaner bald Mehlklumpen, bald Blütenbüschel in ihnen 
erkennen. Der Beginn des Jahres wird so gekennzeichnet. Mit 
dem Ple jadenaufgang beginnt das Jahr der Polynesier, und der 
Aufgang der Plejaden, hier charakteristischerweise „Markt" ge- 



Göttinnen: Solares Liebesleben. 365 

nannt, führt im alten Mexiko nach Ablauf einer 552jährigen 
Periode zur Feierlichkeit ersten Ranges, zur Entzündung des 
neuen Feuers. So ist das Plejadengestirn überall mehr oder 
weniger mit dem Garten- und Ackerbau in Verbindung gebracht. 
Ja, vielleicht gehört hierzu sogar der Tanz der durch Nahrung 
bereicherten festlich gestimmten Menschheit. In der Wabimythe 
wird getanzt, die griechischen Plejadenmädchen tanzen; in Nord- 
amerika tanzen in den Ple jaden nicht junge Mädchen, aber wohl 
junge Burschen, und sie verschwinden dort erst, als sie keine 
Nahrung bekommen, worin wir wieder eine Reminiszenz erkennen. 

Aber in einem ganz wundervollen Beispiele können wir das 
Verwachsen der verschiedenen Motive in zwei Gebieten erkennen. 
Wenn in der Quat- und Tagaroschwanenjungfrauenmythe das ge- 
fangene Weib den Yams berührt, dann ist er reif, wenn es eine 
Banane berührt, dann ist sie reif. Es ist hier nicht gesagt, daß 
das des Schleiers beraubte Mädchen eine Plejade ist, und den- 
noch können wir es daranerkennen, daß die Verbindung besteht: 
1. Wenn die Plejaden aufgehen, ist damit die Ernte des Yams 
angezeigt. 2. Wenn das Schwanenmädchen den Yams berührt, 
ist er reif. — Eine klarere Übereinstimmung kann ich mir kaum 
denken. — Und noch eins. Die Landdajak geben an, den Acker- 
bau von der Plejadengottheit empfangen zu haben. Die nörd- 
lichen Dajak richten sich im Ackerbau nach den Plejaden und 
beginnen die Aussaat nicht, bevor nicht diese Sternengruppe in 
der Morgendämmerung am Horizonte sichtbar wird, und dann 
wieder ist das Geheimnis der angebrannten Reisähre mit der 
Flügeljungfrau verbunden. Als sie- entdeckt ist, entflieht sie, und 
seitdem muß der Reis gestampft werden, d. h. wenn das Jahr 
so weit fortgeschritten ist, daß man an das Stampfen des Reises 
geht, dann verschwinden die Plejaden. 

Und noch eins: In der Seite 311 ff. unter H. wiedergegebenen 
Mythe der Tschuktschen ist die Geschichte von dem Wurzeln 
suchenden Mädchen auch enthalten. Nur ist die Entwicklung ge- 
rade umgekehrt. Das Mädchen bringt nicht Reife, sondern findet 
nur Grasstengel. Ein gleicher Zug wie in Melanesien, nur ist 
die Bedeutung just entgegengesetzt, — so daß wir logisch folgernd 
erkennen, wie in anderer Aufgangszeit der Sterne die Mythen sich 



366 Drittes Buch. Göttinnen: Solares Liebesleben. 

umbilden. Erstaunlich wirkt aber die Übereinstimmung, wenn 
auch hier die Mutter schilt etc. 

Ich glaube, wir haben somit das genügende Material bei- 
gebracht. Die Schwanenjungfrauenmythe enthüllt sich als eine 
Sternenmythe. Es ist sogar gelungen, einen Fingerzeig dafür zu 
gewinnen, in welcher Gegend wohl etwa die Mythe entstanden 
sein könnte und wäre also in dieser Richtung eine Untersuchung 
vorzunehmen. So unbedeutend die Mythe im allgemeinen erscheint, 
so hervorragend wird ihr Wert, wenn es an der Hand der ja nun 
in hübscher Fülle zusammengebrachten Materiale gelingt, die 
Wanderzüge der Mythe und vielleicht sogar ihr Ursprungsgebiet 
festzustellen. 

Aber gleichzeitig wollen wir auch in der Theorie etwas 
lernen. Ich sagte Seite 41 — 42, daß es der Sonnengott sei, der 
die Schwanen Jungfrau liebe, und habe diese Jungfrau als den 
Mond bezeichnet. Ich bin da einer alten Überzeugung gefolgt, 
die nicht ohne weiteres falsch genannt werden kann, denn in 
vielen Mythen ist es für die heute lebenden Völker sicherlich der 
Sonnengott, der die Schwanenjungfrau liebt. (Z. B. Melanesien.) 
Jetzt sehen wir aber, daß die Geschichten dieses Sonnengottes 
für ihn ebenso aus anderen Gebieten genommen wird, wie sich 
ja keine junge Religion davor scheut, der älteren die Stoffe zu 
stehlen, um mit ihnen die eigenen Göttern zu bekleiden. Das 
ist eine ernste Warnung. Ebensowenig wie hier der verfolgende 
Jäger ursprünglich der Sonnengott, sondern vielmehr der Orion 
und wie die Schwanenjungfrau ursprünglich nicht der Mond war, 
sondern eine Plejade, ebenso gut ist sicherlich von dem alles be- 
herrschenden Sonnengott in den jüngeren Epochen des solaren 
Zeitalters mancherlei Geschichte in Anspruch genommen worden, 
die andere Wesen in Wahrheit ausführten. 

Halten wir uns das stets vor Augen! Was wir Sonnengott 
nennen und was für viele Völker auch Sonnengott ist, braucht 
noch lange nicht als Sonnengott eitstanden zu sein. Das ist 
eine wichtige Erkenntnis, die wir gewonnen zu haben glauben. 

Und nun wollen wir den einmal entdeckten Sternen folgen. 
Wir steigen hinab in das Reich der Gefährten des Orion, in das 
Nachtreich der Sterne. 



VIERTES BUCH 



RIESEN (OGREN) 



XV. 

Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 

„Und Verwandtes" — sollte ich zu der Überschrift dieses 
Kapitels eigentlich noch hinzufügen. Denn wir treten nunmehr 
in das Bereich von Mythenstoffen, die früher einmal eine ganz 
hervorragende Rolle gespielt haben müssen, die den verschieden- 
artigsten Varianten das Leben gaben und heute noch in einer un- 
endlichen Fülle von Erzählungen nachzuweisen sind. 

Wenn wir den bis jetzt verfolgten Arbeitstypus auch hier zur 
Anwendung bringen wollten, dann müßten wir die Texte neben- 
einandersetzen und dem Leser so die Möglichkeit bieten, Diffe- 
renzen und Übereinstimmungen selbst herauszufinden. Aber das 
würde viel zu weit führen. Wir haben schon mit der Darstellung 
der Walfisch- und Drachenmythen einen vielleicht allzu großen 
Bruchteil gefüllt. Die Unzahl der Texte kann zudem, wenn sie 
nicht mehr übersichtlich ist, verwirrend statt klärend wirken. 
Und da diese Gefahr gerade bei den Ogrenmythen sehr nahe liegt, 
wollen wir eine eingehende Textwiedergabe vermeiden. Schwer 
wird es mir allerdings, mit wenig Sätzen und in knappen Ka- 
piteln die Einheitlichkeit dieser Stoffe zu beweisen. Es wird dies 
um so schwieriger, als es zum mindesten außerordentlich zweifel- 
haft ist, ob diese oftmals heute sich so ähnlich sehenden Mythen 
nur auf eine ursprüngliche Mythenfabel zurückzuführen sind. Ich 
bezeichne dies mindestens als außerordentlich zweifelhaft. Das 
Verbindende in diesen Mythen ist, daß der Held den ärgsten 
Gefahren ausgesetzt ist. Entweder er gerät in die Höhle der 
Menschenfresser, denen er nur mit Mühe wieder entrinnt. Oder 
der Held steigt in ein Götterreich, raubt das Feuer und kehrt 
glücklich, wenn auch arg bedroht, wieder zurück. Oder auch der 
Held wandert in ein Göttergebiet, wird ganz besonders merk- 

Frobenius, Sonnengott.. I. 24 



370 Viertes Buch. 

würdigen Proben ausgesetzt, die er in wunderbarer Weise besteht, 
und kehrt ebenfalls glücklich heim. 

Bezeichnen wir die drei eben erwähnten Mythen als erstens 
die Menschenfressermythe, zweitens die Feuerdiebstahlmythe und 
drittens die Probenmythe! In einzelnen Mythologien scheint der 
Held, der diese wunderbaren Schicksale erfährt, der gleiche zu 
sein. Deshalb ist die Mythologie schon mehrfach auf den Ge- 
danken gekommen, den Helden als den Sonnengott zu bezeichnen, 
— den Sonnengott, der im Laufe des Jahres die verschieden- 
artigsten Schicksale durchläuft. Der bisher eingeschlagenen und 
diesem Buche zugrunde liegenden Arbeitsweise schließen wir uns 
zunächst besagter Anschauung an, behalten aber im Auge, daß 
die Textkritik auch hier nicht ohne weiteres äußeren Wahrschein- 
lichkeiten folgen darf. 

Ich sagte oben, daß es nicht leicht festzustellen sei, ob es 
sich bei den in Frage kommenden Mythengruppen um Verzwei- 
gungen einer einzigen Mythenfabel oder um der Wurzel nach ver- 
schiedenartige Bildungen handle. Ich sage dies, weil diese Mythen- 
gruppen mannigfache Motive gemeinsam haben, und weil wir Motive, 
die uns auf den ersten Blick einem bestimmten der drei Typen 
zugehörig erscheinen, bei eingehenderem Nachforschen alsbald 
auch in den anderen beiden Typen wahrnehmen, wenn sie auch 
bei einem vorzuherrschen scheinen. Aber nicht nur dieses läßt 
uns zur Vorsicht mahnen, sondern auch die andere Erscheinung, 
daß der Heldengewinn in den drei Typen oftmals arg verschoben 
wird. So soll z. B. in der Feuerdiebstahlmythe der Held eigent- 
lich das Feuer mitbringen. Aber an Stelle des Feuers tritt zu- 
weilen ein junges Mädchen oder auch wohl ein Vogel oder auch 
ein goldener Apfel usw. Die Sonnendiebstahlmythe , die wir 
Seite 227 ff. zitiert haben, möchte man zunächst auch in eine 
Feuerdiebstahlmythengruppe bringen. Aber bei solcher Variation 
des gestohlenen Gutes wird der Forscher unsicher. Noch größer 
wird unsere Unsicherheit aber, wenn wir nun etwa alle Feuer- 
diebstahlmythen der Erde in die gleiche Gruppe bringen wollen. 
Da hört die Einheitlichkeit auf, und wir machen bei solchem Ver- 
suche gar bald die Entdeckung, daß der Feuerdiebstahl allerdings 
wohl und wahrscheinlich in einer ganz bestimmten einheitlichen 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 371 

Mythe der Wurzel nach entstanden ist, daß er aber später ent- 
schieden in andere Mythenkreise übertragen wurde. Ich brauche 
die Kenner der arioiden Mythologie nur daran zu erinnern, welche 
Verwirrung schon die Identifizierung des Somaraubes und des 
Feuerraubes herbeigeführt hat. 

Noch schlimmer wie mit dem Feuerdiebstahl ist es mit den 
Proben. Auf weiten Flächen erscheinen häufig gleiche Formen 
und in großen Entfernungen ähnliche Varianten. Einige Bei- 
spiele mögen erwähnt werden. In der mongolischen Gessermythe 
wandert der Held erst in die Schlangengrube, dann in die Ameisen- 
grube, dann in die Läusehöhle, dann in die Wespenhöhle, dann 
in die Höhle der wilden Tiere, dann in die Höhle der Dunkel- 
heit; dann wird er in das Meer geworfen, dann wird er in das 
Feuer geworfen, dann soll er durch Lanzen getötet werden. Natür- 
lich entrinnt er jedesmal glücklich. Im Popol Vuh wandern die 
beiden Helden erst in das Dunkelhaus, dann in das Lanzenhaus, 
dann in das Eishaus, dann in das Tigerhaus, dann in das Feuer- 
haus, dann in das Fledermaushaus. Die entsprechende Mythe 
der Mandan kennt eine Probe durch Essen, eine solche durch 
Rauchen, eine solche durch Weiber. Ganz schlimm sind die 
Proben, die der Held der Nawahos durchmachen muß, und die 
lange Reihe der verschiedenartigen Hindernisse, die den Maidu- 
helden entgegenstehen, mögen mit folgenden kurzen Worten cha- 
rakterisiert werden: Rosenhecke, Schlangen, Sturm, Eis, Eisfluß, 
Tal der Alten und Sterbenden, Eisschwitzhaus, Giftspeise, Holz- 
block, Fischzug, Bärenjagd. In Nordwestamerika haben wir den 
Steinsitz, glühende Steine im Munde, Zähne in den Mädchen- 
scheiden, Holzspalt, Bootfahrt und dann noch Ratten, Schlangen, 
Fischgefahren. Der Held der japanischen Mythe hat sich glück- 
lich aus der Schlangenhöhle, vor dem Gewürm, aus dem Feuer- 
kreise und vor den Läusen zu retten. In der mikronesischen 
Mythe spielen Haifische, Höhlen, Verfolgung durch den Donnerer 
und die Tötung durch den Fisch Fela eine große Rolle. Viel- 
leicht gehört die aus dem alten Indien stammende Geschichte von 
dem goldenen Vogel, der goldenen Jungfrau, dem goldenen Pferd 
usw., welche Gegenstände alle durch den Helden besorgt werden 
müssen, hierher. Die Verbreitung dieser Mythe zieht sich bis 

24* 



372 Viertes Buch. 

tief nach Nordafrika hinein. Aber auch sonst ermangelt es nicht 
an Proben im arioiden Völkerkreise. Thor muß die Proben bei 
den Riesen bestehen und Jason im fernen Lande des Fließbesitzers. 
Nur durch ein Proberingen gelangt zudem der Held in den Be- 
sitz des Feuers, und so sind wir wieder bei dem andern Typus 
angelangt. 

Es begegnet uns also bei solcher Umschau ein wunderliches 
Durcheinander oftmals übereinstimmender und ebenso oft bis 
zur Unkenntlichkeit differenzierter Erscheinungen, deren verstand- 
lichste immer noch die zwölf Taten des Herakles bleiben, trotz- 
dem es deren eigentlich noch mehr gibt, und gerade auf dem 
Wege über Herakles sind wir in älteren Zeiten zu der Anschauung 
gekommen, daß es sich hier um Mythen des Sonnengottes handle. 

Ich habe diese vereinzelten Probestücke aus dem überreich 
gefüllten Exzerptenkasten, der gerade hier seinen Stoff kaum zu 
fassen vermag, deswegen ausgeworfen, um die Schwierigkeiten, 
die unseren Forschungen entgegenstehen und die gar oftmals den 
Proben der Sonnenhelden entsprechen, zu kennzeichnen. Ich will 
damit gesagt haben, daß die einfache Übereinstimmung des Grund- 
typus nicht immer ohne weiteres beweisenden Wert in Fragen 
des Zusammenhanges besitzt, und daß wir uns nach einer beweis- 
kräftigeren Untersuchungsmethode umsehen müssen, wenn wir zu 
überzeugenden Schlüssen gelangen wollen. Aber wenn ich auch 
selbst mich beeile, die Schwierigkeiten und Widersprüche in den 
Vordergrund zu schieben, so will ich doch hier gleichzeitig der 
Überzeugung Ausdruck geben, daß diese Schwierigkeiten uns heute 
nicht mehr vor dem Ausschreiten zurückschrecken dürfen, da die 
erlösenden Erkenntnisse mit großer Gewalt gegen unsere Türen 
pochen und uns auffordern, die Fensterläden dem Frühlingssonnen- 
schein der Mythologie zu öffnen. Denn allenthalben, wo solche 
Differenzierung, wo die verwirrenden Übereinstimmungen und wo 
die rätselhaften Verschiedenartigkeiten zu eingehender Forschung 
herausforderten, da war das Ergebnis klar und reich. Und wenn 
ich es mir auch versagen muß, die größeren und wichtigeren Kon- 
struktionsteile hier schon nach ihren Belastungs- und Traggesetzen 
vorzuführen, so will ich doch auf der andern Seite als ergänzendes 
Stück zu allem Vorhergehenden wenigstens in einem Punkte an- 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 373 

deuten, in welchen Gebieten die Lösung dieser wunderlichen Mythen- 
rätsel zu finden ist. 

Denn wir haben noch einen Typus mit einigen Worten zu 
skizzieren, der nicht weniger Variantenreichtum zeigt, wie die 
anderen, und diesen Typus wollen wir hier zunächst einmal in 
seiner geographischen Verbreitung skizzieren, um ihn in den nach- 
folgenden Kapiteln ein wenig mit den Röntgenstrahlen der modernen 
Mythologie zu beleuchten. 

Die Menschenfressermythe. Welches Kind hat nicht schon 
von den bösen Menschenfressern der Märchenwelt gehört! — Doch 
halt, ich vergesse soeben, daß unsere Zeit ja eine Umwälzung 
mit sich bringt: wir alle haben noch als Kinder vom alten, echten 
Märchenbrunnen unser Tränklein erhalten; moderne Jugend wird 
aber mit modernen Prodüktchen abgespeist. Aber wie gesagt, wir 
haben noch vom Menschenfresser gehört, und jene großen Mytho- 
logen, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das große Werk 
der Wiedererweckung deutscher Märchen- und Mythenwelten unter- 
nahmen,- haben sich eingehend mit dem Entstehungsproblem dieser 
Menschenfressermythen beschäftigt. Und sie haben die Mythe in 
einem Namen charakterisiert: „Polyphem"! Schon Wilhelm Grimm 
zeigte, daß dieser griechische Unhold auch in der alten fränkischen 
Sage, bei einigen Tataren und anschließend daran in südslavischen, 
finnischen und deutschen Sagen und endlich in der alten persi- 
schen Geschichte (in „Tausend und eine Nacht") heimisch ist. Heute 
nun wollen wir diesen Kreis erweitern. Aber sogar auf diesem 
kleinen Gebiete werden wir uns einer Beschränkung unterwerfen 
müssen, wenn wir es vermeiden wollen, uns in weitschweifiger 
Darstellung zu verlieren. — Indem ich auf die Seite 110, 111 
und 117 schon wiedergegebenen Mythen der Afrikaner verweise, 
und die Kenntnis der griechischen Polyphemmythe voraussetze, 
erwähne ich nur noch, daß bei den deutschen und bei afrika- 
nischen Völkern an die Stelle des Menschenfressers oftmals die 
Menschenfresserin oder Hexe getreten ist. Mögen nun einige Proben 
in auszugsweiser Wiedergabe folgen: 

1. Island. — Die Königskinder sind in dem schwimmenden 
Stein an das fremde Eiland getrieben. Der Jüngling geht auf 
die Jagd, das Mägdlein bleibt daheim. Feuer fehlt ihnen. Es 



374 Viertes Buch. 

gelingt dem Jüngling Sigurd, einem alten blinden Weibe glühende 
Asche wegzunehmen und heimzutragen. Die Schwester läßt das 
Feuer stets wieder ausgehen ; dem Jüngling gelingt der Diebstahl 
immer wieder. Die Schwester will ihn durchaus begleiten. Er 
warnt sie, auf dem Feuerdiebstahlzuge zu lachen. Sie lacht doch. 
Sie werden gefangen. Die Alte füttert die Kinder. Infolge der 
bekannten Hänsellist gelingt es aber, die Alte zu täuschen. Sigurd 
wird endlich frei. Die beiden schlachten zwei Schweine, ziehen 
ihnen die Haut ab und kriechen in ihre Bälge. Sie sind glück- 
lich auf der Flucht, als das Mädchen wieder lachen muß und die 
Alte sie nunmehr verfolgt, bei der Verfolgung aber in einem 
Graben ihren Tod findet. Die beiden entkommen im Schiff. (Vergl. 
das deutsche Märchen von Hansel und Gretel.) 

2. Lappland. — Es sind zwei Typen vorhanden: der einen 
zufolge ist die Überwundene eine Riesin, ein Trollweib, der andern 
zufolge ein Stalo. Folgen wir der letzteren Form. Ein Aschen- 
puttel ist verirrt und ist in die Wohnung eines Stalo gekommen, 
der immer, wenn er einen kleinen Lappenjungen erwischt, diesen 
mästet und dann verzehrt. Der Stalo ist Schafhirt. Der Lappe 
ersinnt eine List, den Stalo blind zu machen. Er stellt sich, als 
ob er außerordentlich scharfsichtig wäre. Und als der Stalo ihm 
erklärt, daß er auch so vorzügliche Augen erhalten will, sagt er 
ihm, er müsse sich geschmolzenes Blei in die Augen gießen lassen. 
Der Stalo ist einverstanden. Aschenputtel erklärt Stalo, er würde 
aber zunächst eine Zeitlang blind werden, womit der Stalo eben- 
falls einverstanden ist. So lange der Stalo blind ist, soll der Junge 
den Haushalt führen. Der Junge sucht einen kräftigen Widder 
heraus und schlachtet diesen und ebenso einen alten Hund. Beide 
kocht er und setzt dem Stalo den Hund vor. Der Stalo will sich 
nun rächen, da er endlich den Betrug merkt. Als Aschenputtel 
im Schafstall ist, um die Tiere zu zählen, stellt sich Stalo in die 
Tür und ruft dem Jungen zu, daß er sich jetzt rächen wolle. Der 
Junge hüllt sich aber beim Herauslassen der Schafe in die Haut 
des größten Widders und entkommt so glücklich. 

3. Osseten. — Die Narten haben nichts zu essen. Urysmag 
fordert sie auf, ihm auf der Jagd zu folgen. Sie treffen auf einen 
riesigen einäugigen Hirten, der eine Schafherde weidet. Urysmag 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 375 

hat allein den Mut, auf dem Pferde hinzujagen und den Versuch 
zu machen, ein Tier zu rauben. Doch der Riese erwischt ihn, 
steckt ihn in seine Hirtentasche und nimmt ihn beim Sonnen- 
untergange mit heim. Urysmag muß selbst den Bratspieß her- 
anbringen, an dem er zubereitet werden soll. Der Riese spießt 
ihn auf, doch gleitet sein Spieß, ohne den Helden zu verletzen, 
zwischen Körper und Kleid hindurch. Als der Riese sich nieder- 
gelegt hat, um schlafend das Garwerden seines Opfers abzuwarten, 
schlüpft der Held herab, macht den Bratspieß am Feuer glühend 
und stößt ihn dem Riesen in das Auge. Urysmag erschlägt auch 
den Sohn des Riesen. Am Morgen wälzt der Riese den Felsblock 
vom Eingang der Höhle, um die Schafherde herauszulassen. Er 
entflieht wie der lappische Knabe. Der einäugige Riese stirbt vor 
Ärger als er merkt, daß Urysmag ihm entflohen ist. Urysmag 
treibt die Herde heim und wird zum angesehenen Manne. 

4. Schwarzwaldtataren. — Drei Brüder, von denen der eine 
töricht ist, reiten aus und kommen an ein verschlossenes Haus, 
dessen Tür sie mit einem Steine aufsprengen. Drin steht ein ge- 
deckter Tisch. Der Törichte setzt sich hin und ißt. Als ein sau- 
sender Wind weht, kriechen alle drei in einen Keller, wo drei 
Mädchen liegen. Da fliehen sie wieder heraus und essen nun. 
Inzwischen kommt der siebenköpfige Jälbägän und wittert die 
Menschen. Einer der Brüder, und zwar der jüngste, wird nun von 
den Mädchen geholt, um im Ofen gebraten zu werden. Er er- 
klärt, nicht zu wissen, wie er hineingelange, läßt sich dies von 
dem Mädchen ganz wie Gretel von der alten Hexe vormachen 
und wirft das Mädchen in den Ofen. Er brät deren Leber und 
setzt sie dem Jälbägän vor. Als Jälbägän eine zweite Leber haben 
will, brät der Törichte das zweite Mädchen und endlich auch das 
dritte. Nun verläßt Jälgäbän das Haus, verschließt es aber mit 
einem Stein (!). Der Schluß entspricht aber nicht der Odysseus- 
sage. Jälbägän kommt zurück und kämpft mit dem Törichten, 
der ihn überwindet, ihm die sieben Köpfe abschneidet, eine Hand 
abschneidet, einen Fuß abschneidet und dann flieht. Ein zwölf- 
köpfiger Jälbägän verfolgt nun die drei Brüder, die auf einen 
Baum flüchten etc. 

5. Tibetmongolen. — Im vierten Kapitel des Bogda Gesser 



376 Viertes Buch. 

Chan wird die Gattin des Helden Aralgho Goa von dem zwölf- 
köpfigen Riesen geraubt. Der Raub erinnert insofern an die 
Drachensagen, als nach verschiedenen Andeutungen das Weib 
verschlungen wird. Gesser macht sich auf und überwindet die 
verschiedenen Gefahren, die ihm auf dem Wege ins Jenseits drohen. 
Er setzt über den zauberischen Fluß, gelangt glücklich durch die 
Klappfelsen und kämpft in der Gestalt des Vogels zum erstenmal 
mit dem Riesen, der im See liegt. Endlich kommt er an die 
Schloßhöhle des Riesen und trifft daselbst dessen Gemahlin. Er 
überwindet die gefährlichen Tiere am Eingange und wird dann 
von dessen Gemahlin in einer Grube, die mit einer weißen Stein- 
platte, Erde usw. bedeckt ist, versteckt. Der heimkehrende Riese 
wittert zwar Gesser, läßt sich aber betören. Gessers Frau ent- 
lockt dem Riesen, der sich als Menschenfresser erweist, das Ge- 
heimnis, wie er zu töten sei. Am nächsten Morgen beginnen die 
Kämpfe, die in magischer Weise dargestellt sind. Zuletzt aber 
überwindet Gesser den Riesen, muß aber im Kampfe mit der 
letzten Verwandlung fliehen und siegt nur durch das Zerbrechen 
des goldenen Spiegels und der kupfernen großen Nadel ob. 

6. Heiltsuk. — Vier auf die Jagd ausgehende Söhne werden 
gewarnt, nicht in das Haus zu gehen, aus dem rötlicher Rauch 
aufsteigt. In diesem Hause wohnt der Menschenfresser, dessen 
ungeheuerlicher Name auf Deutsch „Der zuerst an der Flußmün- 
dung immer Menschenfleisch fraß" heißt. Trotz der Warnung gehen 
sie in das Haus. Sie treffen eine Frau und ihr Kind daheim. 
Das Kind erweist sich als ausgestattet mit den echten Neigungen 
der Menschenfresserei. Die Brüder erschrecken. Der älteste 
Bruder schießt nun einen Pfeil ab, den ein anderer holen soll. 
Er schießt drei Pfeile ab und so kommen drei Brüder hinaus. 
Der fragenden Frau erklärt er, daß seine Brüder gleich wieder- 
kommen würden. Er schießt dann aber noch einen Pfeil ab und 
entflieht selbst. Die Frau ruft nun laut ihrem Manne: „Komm 
nach Haus. Ich habe unser gutes Essen fortlaufen lassen." Der 
Mann kommt. Er verfolgt die fliehenden vier Brüder. Der älteste 
wirft Wetzstein, Kamm und Fischöl hinter sich, woraus ein Berg, 
ein Gestrüpp und ein großer See entstehen. Als der Menschen- 
fresser dennoch endlich an das Haus der Brüder kommt, wird er 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 377 

in eine Grube gestürzt und mit nachgeworfenen glühenden Steinen 
getötet. 

7. Thompsonriverindianer. — Zwei Brüder kommen an das 
Haus eines Kannibalen. Nur dessen Frau ist daheim. Als der 
Menschenfresser heimkehrt, beschützt sie die Brüder. Nachts 
wechseln die Brüder mit den Söhnen des Kannibalen den Platz, 
stehlen den magischen Stab des Kannibalen und entfliehen. Mit 
Hufe des Stabes gelangen sie über den Fluß. Inzwischen tötet 
der Kannibale eins seiner eigenen Kinder und verfolgt, als er 
die Verwechslung entdeckt, die Brüder. Er kann jedoch den Fluß 
nicht überschreiten. Später stiehlt der jüngere das Feuer des 
Kannibalen, dem er Salz ins Essen streut, sodaß dieser, um seinen 
Durst zu löschen, trinken geht. Er stiehlt ihm noch mehr Dinge 
und zuletzt den Kannibalen, den er betrunken gemacht hat, selbst. 
— Indem ich den amerikanischen Boden verlasse, weise ich da- 
rauf hin, daß in den sämtlichen Schichten der amerikanischen 
Mythologie ähnliche Mythen vorkommen. Bei den Navahos über- 
windet, wie wir es später sehen werden, der Coyote den Riesen, 
im Popol Vuh vollbringen die göttlichen Jünglinge das Werk, und 
in Südamerika fällt eine gleiche Aufgabe Aborfe zu. Einzelheiten 
aller dieser interessanten Versionen gebe ich noch in den folgen- 
den beiden Kapiteln. 

8. Neuseeland. — Tawhaki und sein jüngerer Bruder wollen 
sich für den Tod ihres Vaters rächen, der von den unter den 
Wassern in einem großen Hause und dort auf einem trocknen 
Lande nachts lebenden Ponaturi getötet worden ist. Diese hatten 
auch die Mutter Tawhakis mit fortgeschleppt. Die beiden Brüder 
machen sich auf den Weg und erreichen das Haus der Ponaturi 
zu einer Zeit, als dieselben nicht zu Hause sind. Sie treffen ihre 
Mutter, die nahe an der Tür sitzt, und sehen die Gebeine ihres 
Vaters oben im Hause hängen. Die Mutter unterrichtet sie, daß 
sie die Wächterin dieses Hauses ist und daß sie es den Ponaturi 
stets angeben muß, wenn die Sonne aufgeht, weil sie dann schleu- 
nigst das Haus verlassen. Die beiden Brüder verbergen sich auf 
dem Dache in Höhlungen der Bedeckung. Als der Tag sich neigt und 
es Nacht wird, kommen die Ponaturi nach Hause und wittern um- 
her, da sie die Ankunft der Brüder riechen. Dann legen sie sich 



378 Viertes Buch. 

nieder, um zu schlafen. Die Mutter ruft nun die Brüder herunter 
und sie beschließen, die Ponaturi durch die Sonne zu töten, da sie 
beim Tageslicht vergehen. Als die Ponaturi die Mutter fragen, 
ob es nicht bald Tag werde, antwortet diese immer mit nein, bis 
endlich die Sonne am Horizont steht und die nun erwachenden 
Riesen sterben. — Weitere Menschenfressersagen erwähnt Cook. 
Ich glaube, daß aber auch der polynesischen Feuerdiebstahlmythe 
die wesentlichen Gedanken der Menschenfressermythe innewohnen, 
und werden wir bei der Besprechung der Motive einiges hierher 
Gehörige erwähnen. 

9. Aurora. — Der Menschenfresser Taso hat die Schwester 
Quatus, welche gerade schwanger war, totgeschlagen. Im ver- 
modernden Leichnam lebt aber das Zwillingspaar weiter und 
sucht sich seinen eigenen Weg. Sie sind mit wunderbaren, 
weißen Haaren versehen. Sie kommen zu Quatu, der seine 
Neffen aufzieht. Als sie stark genug sind, lassen die Brüder ein 
Todeszeichen zurück und brechen zur Behausung Tasos auf. Er 
ist aber nicht zu Hause, sondern befindet sich am Bache, um 
seine Zähne zu schleifen. Nur Tasos Mutter ist daheim. Die 
Brüder warten auf Taso. Tasos Mutter ruft ihren Sohn, daß er 
nach Hause komme und die Jünglinge verspeise. Taso hört dies 
und kommt. Die Zwillinge haben sich vorbereitet. Mit rot- 
glühenden Steinen werfen sie ihn. Taso und seine Mutter werden 
getötet; darauf wird das Haus abgebrannt. 

10. Banksinseln. Quat und seine Brüder kommen zu dem 
Kannibalen Quasavara. Des nachts kriechen sie in einen Balken 
und werden so nicht gefunden, als Quasavara mit seinen Leuten 
kommt, um sie totzuschlagen. Dies geht Tag für Tag so. Sie 
kriechen immer in einen anderen Balken. Quasavara kommt 
jede Nacht umsonst. Er beschließt endlich, die Brüder auf eine 
andere Weise "und zwar beim Mahle ums Leben zu bringen. 
Aber Quat trifft seine Vorrichtungen. Er pflanzt einen Baum. 
Als es nun zum Essen geht, fehlt Wasser. Zwei Brüder Quats 
gehen hinaus, um solches zu holen. Als sie nicht wiederkommen, 
werden zwei andere geschickt. Und so, bis endlich alle Brüder, 
die draußen auf den neugepflanzten Baum geklettert sind, hinaus- 
gegangen sind. (Vgl. dieselbe List mit Pfeilabschießen in Nr. 6.) 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 379 

Nunmehr will aber Quasavara über Quat herfallen. Sie jagen 
sich um den Ofen herum. Quat nimmt aber alle Speise mit 
und läuft dann zu seinen Brüdern hinaus. Er klettert auch auf 
den Baum. Der Baum wächst und trägt die Quatbrüder immer 
weiter nach oben. Auch Quasavara klettert hinauf. Der Baum 
neigt inzwischen seinen Gipfel wieder zur Erde. Die Brüder 
springen hinab, und nun schnellt der Baum zurück und schleudert 
Quasavara fort, der am Himmel zerschlagen wird und als Stein 
zur Erde fällt. 

11. Betsimisaraka. — Das auf dem Wasser ausgesetzte Kind 
wird von einer reichen kinderlosen Frau erzogen, beschließt aber 
endlich, seine Eltern aufzusuchen. Auf der Wanderung begegnet 
ihm ein kleiner Unfall. Er stürzt über einen Strauch, der ihm 
rät, ihn mitzunehmen. Der Stock, den er aus ihm schnitzt, gibt 
ihm alle Weisungen. In dem Dorf, durch welches sie kommen, 
wohnen böse Menschen. Der Jüngling soll ja nicht das Essen 
zu sich nehmen, das ihm vorgesetzt wird, sondern dasjenige, 
welches zur Seite steht, rät der Zauberstock. Es geschieht so. 
Sie steigen bei einem Manne ab, bei dem sie, als er das Haus 
einmal verläßt, die nicht gebotene Speise verzehren. Der Mann 
ißt selbst die vergiftete Speise und stirbt. Die Reisenden kommen 
zur Hütte eines anderen bösen Mannes, bei dem der Jüngling 
mit seinen Dienern absteigt. Die jüngere Frau des bösen Mannes 
ist daheim, während die erste in einem benachbarten Dorfe wohnt. 
Der Mann läßt den Beisenden durch seine Frau alles hübsch zu- 
rechtmachen, und die Frau rät ihnen heimlich, zu entfliehen, da 
ihr Mann sehr grausam sei und sie nur töten wolle. Sie bleiben, 
und der Stock wird über der Tür angebracht. Wenn nun der 
Mann nachts kommt, um nach seinen Gästen zu sehen und um 
sich zu überzeugen, daß dieselben schlafen, antwortet stets der 
Stock über der Tür. Mittlerweile verlieben sich im Hintergrunde 
der reisende Jüngling und die Frau des Menschenfressers inein- 
ander. Der Jüngling entflieht mit der Frau des Briganten und 
dieser wird totgeschlagen. 

12. Haussa. — Ein Jüngling kauft sich für die Hand seiner 
Mutter ein Pferd und reist dann an das Ende der Welt. Sein 
Freund, die Spinne, schließt sich ihm an, indem sie sich auf ein 



380 Viertes Buch. 

Baumblatt setzt. Am Ende der Welt kommen sie in das Land 
der Hexe, bei der sie absteigen. Spinne hat einen eisernen Stock. 
Als sie zu Nacht gegessen haben und schlafen gegangen sind, 
schleift die Hexe ihr Messer. Ein Hahn ruft dem Jüngling zu. 
und warnt sie. Am Tage darauf essen sie den Hahn. Nachts 
sagt Spinne zu dem Jüngling, daß er vorsichtig sein muß. Spinne 
nimmt den eisernen Stock und setzt sich hinter die Tür. Als die 
Hexe ihr Messer geschärft hat und näher kommt und den Kopf 
in das Zimmer steckt, zerschlägt Spinne ihr das Haupt mit dem 
Eisenstock. Die Hexe geht aber zurück und leckt ihr Blut auf 
und kehrt, als sie denkt, daß die beiden eingeschlafen sind, 
zurück. Wieder wird ihr der Kopf abgeschlagen. Dreimal 
kämpfen die beiden miteinander. Als es Tag wird, fragt die 
Frau, ob sie gut geschlafen hätten. Sie bejahen es und treten 
dann die Rückreise an. Die Erwähnung der nun folgenden 
Flucht erfolgt im XVII. Kapitel. — Eine Menschenfressersage 
der Kabylen, siehe Seite 117 ff. 

13. Zulu. — Von der außerordentlichen Zahl der entsprechen- 
den, bei den Zulu kursierenden Mythen wurde Seite 110 ff. schon 
eine Probe gegeben. Es mag hier noch ein weiteres Beispiel 
folgen. Uzembeni, eine alte Frau, ist eine Menschenfresserin. 
Sie wird „Langzeh" genannt, weil ihr Zeh so weit vorragt, daß 
man ihn immer eher sieht, als die Frau selbst. Sie hat zwei 
bildschöne Töchter, von denen sie eine auch einst fressen wollte, 
wovon sie aber wieder Abstand nahm, als sie bitter schmeckte. 
Als Uzembeni einst auf der Jagd ist, kommt der Held und Königs- 
sohn Usikulumi zu Besuch. Die beiden Mädchen graben eine 
Höhle und verstecken ihn darin. Uzembeni wittert heimkehrend 
den Fremden, wird aber beschwichtigt. Morgens bricht die Alte 
wieder auf, um zu jagen. Usikulumi und die von ihm geliebte 
eine Tochter der Menschenfresserin entfliehen. Als Uzembeni am 
nächsten Abend nach Hause kommt, findet sie nur noch eine 
Tochter vor. Sie macht sich sofort auf zur Verfolgung. Am 
nächsten Mittag sehen die beiden Fliehenden Uzembeni heran- 
nahen. Da klettern sie auf einen Baum. Uzembeni beginnt 
sofort mit einer Axt den Baum zu fällen. Als der Baum auch 
schon beinah zu fallen droht, fallen die Hunde Usikulumis über 



Riesen: Menschenfresser- und Feuerdiebstahlmythen. 381 

Langzeh her, reißen ihr den Kopf ab, den Arm, die Glieder usw. 
und schleppen sie auf einige Entfernung fort. Sogleich wächst 
der Baum wieder in seinen ursprunglichen Zustand zurück. 
Uzembeni lebt aber wieder auf, ihre Glieder finden sich wieder 
zusammen. Sie erhebt sich, ergreift die Axt und beginnt von 
neuem mit aller Macht auf den Baum einzuschlagen. Als er 
abermals wieder dem Umsturz nahe ist, reißen die Hunde der 
Alten abermals wieder Kopf und Glieder ab, schleppen dieselbe 
zum Felsen am Ufer und mahlen sie mit Steinen zu Staub, den 
sie in das Wasser werfen. Darauf eilen die jungen Leute in 
großer Fröhlichkeit heim. 

14. Angola. — Einer der Makischi hat ein kleines Mädchen 
geraubt. Die Genossen des Dikischi raten ihm zwar, die kleine 
Samba zu fressen, sie aber erfreut ihn durch ihren Gesang und 
so heiratet er sie. Samba schenkt ihrem Dikischi drei Kinder. 
Als die Makischi einst auf dem Felde sind, nimmt Samba ihre 
Kinder, packt ihre Sachen zusammen und flieht. Dem Dikischi 
wird das hinterbracht und er verfolgt sie. Er sieht sie in der 
Entfernung und ruft ihr einen Vers nach. Sie antwortet mit 
einem andern, nimmt gleichzeitig Hirse aus einer Kallebasse und 
streut sie am Boden aus. Er kommt herzu und beginnt eifrig 
die Hirse aufzusammeln, indem er gleichzeitig einen Vers singt, 
in dem er sagt, man dürfe nichts umkommen lassen. Samba 
ist inzwischen weitergeflohen. Doch der Dikischi erreicht sie 
wieder. Sie streut aus einer Kallebasse Sesamum. Es wieder- 
holt sich das gleiche wie vorher. Als er ihr wieder sehr' nahe 
ist, wirft sie Eleusine hin. Während der Dikischi diese auf- 
sammelt, kommt Samba mit ihren Kindern an den Fluß und 
setzt hinüber. Als der Dikischi an den Fluß kommt, ist er so 
geschwollen, daß es kein Hinübergelangen gibt. Samba ist ge- 
rettet. (Vgl. auch die Mythe H. Seite 113ff.) 

Mit diesen Beispielen wollen wir es hier genügen lassen. 
Es ist so eine, wenn auch nicht sehr vollständige und nur kurze 
Übersicht über die Tatsachen gegeben, an deren Hand der Forscher 
mit Leichtigkeit weitere Materiale zu vereinigen im stände sein 
wird. Es wird nunmehr meine Aufgabe sein, die wesentlichsten 
Motive dieser Mythen in einigen Punkten zu beleuchten, sodaß 



382 Viertes Buch. Riesen: Menschenfressermythen usw. 

wir womöglich ein Verständnis für die Bedeutung dieser Ge- 
schichten zu gewinnen vermögen. 

Auf bestimmte charakteristische Eigenschaften sei aber hier 
schon hingewiesen: Während wir z. B. im Osten überall einen 
Menschenfresser antreffen, wird dies im Westen schwankend und 
bei den deutschen Stämmen Europas, bei Italienern, Nord- und 
Südafrikanern tritt an Stelle des typischen Kannibalen eine 
Kannibalin, eine Hexe. Ich werde zu zeigen haben, daß die 
Frau in den Ogrenmythen eine ganz spezielle Stellung einnimmt, 
die aber mit Leichtigkeit derart verschoben wird, daß sie eben- 
falls zur Kannibalin wird. Des weiteren möchte ich darauf hin- 
weisen, daß wir eine Verschmelzung mit verschiedenen anderen 
Mythen zu verzeichnen haben. Wie die mehrfachen Hinweise 
auf Texte im zweiten Buche der Walfischdrachenmythen schon 
andeuten, sind dort mehrfach solche Mischformen wiedergegeben 
worden. Die Mischung mit den Walfischdrachenmythen wird um 
so interessanter, als die Riesen nicht nur manchmal, sondern 
sehr oft mit dem Wasser in Verbindung stehen. Der typische 
Kannibale Nordwestamerikas ist der, „der an den Flußmündungen 
zuerst Menschenfleisch fraß". Der zwölfköpfige Riese des Gesser 
Chan steht in innigster Beziehung zum Wasser. Die Menschen- 
fresserin der Warrau vermag sich in einen Frosch zu verwandeln. 
Die Ponaturi Neuseelands leben in einem Lande unter dem 
Wasser. Polyphem ist meines Wissens ein Sohn des Poseidon 
usw. Die Beziehung liegt darin, daß der Weg in das Land 
dieser Riesen wohl meistenteils über das Wasser führt, und daß 
der Drache resp. Walfisch als eine Personifikation des erdum- 
spannenden Wassers anzusehen ist, geht wohl aus der Gesamt- 
heit der Texte im zweiten Buche hervor. 

Wer sind nun jene jenseits des Wassers lebenden Ogren? 



XVI. 

Zur Natitfgeschichte der Ogren. 

Ich nenne diese Wesen Ogren. In ihre Reihe gehören an 
bekannten Erscheinungen der Cyklop der Griechen, der bekannte 
Riese mit den Siebenmeilenstiefeln im deutschen Märchen. Jedes 
Mythen erzählende Volk der Erde hat einen Vertreter dieser Art. 
Oft mag der allgemeinen Erscheinung nach seine Wesenseigen- 
art unklar sein, so z. B. wenn die Neuholländer von einem 
menschenfressenden Adler erzählen. Wir brauchen aber nur zu 
hören, daß dieser Adler in einer abgelegenen Höhle wohnt, daß 
ihm beim Kampfe mit den Listigen ein Arm ausgerissen und 
daß er zuletzt verbrannt, beim Verbrennen dann aber als Stern 
an den Himmel versetzt wird, und wir wissen sogleich, daß wir 
es mit einem Ogre zu tun haben. Das soll heißen: Diese Ogren 
haben tiberall ganz ausgeprägte, wenn auch mehr oder weniger 
deutlich hervortretende Eigentümlichkeiten, einerseits in ihrer 
Lebens- und andererseits in ihrer Schicksalsform.. Diese Eigen- 
arten geben uns die Möglichkeit, die Ogren gerade so zu schildern, 
wie wir etwa in einem naturgeschichtlichen Lesebuch irgend ein 
Tier beschreiben. Derartige feste Fassung mythologischer Per- 
sonen ist eine der wesentlichsten Aufgaben unserer jungen Form 
dieser Wissenschaft, und wir werden auch allmählich darin Tüch- 
tiges leisten, und wenn ein gelehrter Paläontologe in der Lage 
ist, mir etwa den Ichthyosaurus und sein Leben zu schildern, so 
mache ich mich anheischig, ihm als Gegenstück dazu eine natur- 
wissenschaftliche Beschreibung sowohl des Ogren als jeder anderen 
mythologischen Figur zu bringen, — d. h. sie muß natürlich erst 
entdeckt sein. Und die mythologische Entdeckungsfahrt haben wir 
angetreten. Wir werden auf unserem Wege noch manche hübsche 



384 . Viertes Buch. 

derartige Naturbeschreibung liefern können. Haben wir nicht 
schon die Plejadendamen aufgefunden? 

Wir entfernen uns damit vom Sonnengotte. Schon jetzt 
dämmert es uns, daß unter der Maske des Sonnengottes mancher- 
lei anderes Mythenwesen noch verborgen ist. Aber lassen wir 
das. Wir werden sie alle schon noch entlarven, und wenn es 
nicht heute ist, so wissen wir, daß es einmal geschehen wird. 
Ein Ogre hat sich aber wohl nie unter solarem Schutzmäntel- 
chen verkrochen, denn die Ogren sind die Feinde des Sonnen- 
gottes. Man höre nun, was ich im allgemeinen und in aller 
Kürze — denn es drängt uns zum Schlüsse dieses ersten Bandes — 
über die Ogren zu sagen habe. 



1. Allgemeine Eigenschaften der Ogren. — Daß die 
Ogren im allgemeinen Riesen sind, das wird von vornherein ein- 
leuchten, das geht schon aus der kurzen Zusammenfassung der 
Texte im vorigen Kapitel hervor. Mit diesem Geschlechte der 
Riesen haben wir uns also zu beschäftigen. Wo ein Riese auf- 
tritt, da werden wir den Ogren vermuten dürfen, und wenn ich 
das Wort Ogre an Stelle des Wortes Riese verwende, so geschieht 
dies, um dem Typus, den wir als solchen hier enthüllen wollen, 
einen nicht allzu marktgängigen und mit mancherlei falschen 
Vorurteilen schon versehenen Namen zu geben. 

Was uns .an den Ogren zunächst auffällt, ist ihre zeitliche 
Stellung in der Geschichte des Weltwerdens. Sie ist außer- 
ordentlich bezeichnend. Wo wir nämlich auf der Erde ver- 
schiedene Perioden der Götter, Halbgötter, Patriarchen usw. an- 
treffen, wo also die Stammbaumbildung des Werdens noch klar 
und deutlich zu erkennen ist, da existiert das Volk der Ogren 
vor der Götterschöpfung. In Südamerika und zwar in der Inka- 
mythologie und in Zentralamerika treffen wir ein Volk der Riesen, 
das vor der Sonnenbildung lebt. Wir werden sehen, daß dies 
Volk durch die Sonne untergeht. Die Übermütigen, der Stamm 
des Vukub-Cakix, wird von den jungen Göttern im Anfang der 
jüngeren Kulturperiode überwunden. Diese Riesen sind als Ogren 
aufzufassen. Bastian weiß zu erzählen, daß auch auf Neuseeland 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 385 

vor der Einwanderung der Götterhelden Riesen lebten. Die alten 
Griechen berichteten, daß die Leute vor der Heroenzeit mächtiger 
gewesen sein. Man sehe, was Pausanias und Herodot hierüber 
gesagt haben. Und was Deutschland anbelangt, so darf ich daran 
erinnern, daß die Erde aus dem Leibe eines Riesen geschaffen 
wird, daß die nordische Mythologie das Riesenvolk zur älteren 
Generation macht. 

Der Wohnort der Riesen ist eigenartig. Die Ogren sind 
nämlich Höhlenbewohner. Wie man zu diesen Höhlen gelangt 
und wie man von ihnen wieder zur Erde zurückkommt, werde 
ich nachgehend noch berichten. Hier will ich nur auf dieses 
Höhlenbewohnen hinweisen. Von den Nordamerikanern und zwar 
von den Menomini hat dies Hoffman, von anderen Stämmen 
Shoolcraft, Smith, Carvin etc. berichtet. Auf den amerikanischen 
Inseln wohnt im Urbeginne der Riese Maracael. Seine Aufgabe 
ist es, eine Höhle zu bewachen, in der die Menschen sind. Diese 
Menschen sollen nicht das Sonnenlicht erblicken. Der Riese selbst 
darf aber auch die Sonne nicht sehen, und als er sich eines 
Tages zu weit entfernt hat und nicht mehr vor dem Morgengrauen 
in seine Höhle zurück und es so nicht mehr verhindern kann,' 
daß die Sonne ihm ins Gesicht scheine, da geht er unter dem 
Sonnenlichte zugrunde. Wir ahnen hier schon, daß diese Riesen 
die Hüter irgend einer Nachthöhle sind, daß sie die Feinde der 
Sonne sein müssen, und wir denken unwillkürlich daran, daß 
riesige einäugige Wächter bei den Herero am Himmelsrande 
stehen und darauf achten, daß der Himmel nicht verrückt werde, 
und dann denken wir an die Cyklopen, die ähnliche Höhlen- 
wächter sind, an die Höhlen bewachenden' Riesen des Nordens, 
Indiens usw. 

Wir werden aber an noch eine eigenartige Mythe erinnert. 
Die Riesen sind mächtige Bauherren. Eine schwache Spur der 
Mythe mag aus der Angabe der Herero herauszulesen sein, andere 
Mythologien wissen hierüber aber sehr viel mehr zu berichten. 
Im Norden bauen die Riesen Walhalla, in Mexiko haben die Riesen 
die berühmte Pyramide von Cholula erbaut, und große Bauwerke 
der Peruaner stammen von Riesenhänden. Dann die unend- 
liche Flut europäischer Riesenmärchen. Wenn die Bezeichnung 

Frobenius, Sonnengott. L 25 



386 Viertes Buch. 

Cyklopenmauern heute bei uns noch üblich ist, so bezieht sich 
das dem Ursprünge nach nicht auf die Verwendung unbehauener 
Steine zu Mauerwerk, sondern auf die Altertümlichkeit, und die 
heutigen Griechen wissen sehr wohl noch auf diese Bedeutung 
hinzuweisen. Als Baumeister tritt uns der Ogre aber auch sonst 
entgegen. Bogda Gesser Chan trifft auf einen Riesen, namens 
Ik Tongorok, der auf der Spitze der sehr hohen, gegen den 
Himmel anstrebenden Pyramide Kurmee seinen Sitz hat. „Dieser 
Riese entzog dadurch den südlich von der Pyramide wohnenden 
Menschen den Anblick der Morgensonne, den westlich wohnenden 
Leuten den Anblick der Mittagsonne, und den nördlich wohnen- 
den Leuten den Anblick der Abendsonne. Er konnte in der 
Entfernung einer Tagereise einen Menschen erblicken und in 
der Entfernung einer halben Tagereise ihn erschnappen und ver- 
schlingen." — Da haben wir ganz deutlich den hoch droben 
wohnenden Baumeister. 

Schon jetzt steigt uns eine Ahnung auf, wo wir das Volk 
der Riesen im Bereiche der Natur wohl aufzusuchen haben. 
Aber es wird uns noch deutlicher. Man vergegenwärtige sich: 
im östlichen Polynesien steigt der Riese Honoura, „dessen Haut 
in den Sternen glitzerte", über die Inseln von Tahiti nach Raja- 
tea. Auf Neuholland wird der die Plejaden verfolgende Riese 
zum Stern Canopus. Als in Indien zwei verkleidete Riesen beim 
Buttern des Milchmeeres geholfen und vom Amrita getrunken 
hatten, wurden sie durch Sonne und Mond entdeckt und als die 
Sterne Ketu und Rahu in die Sterne versetzt. In Neuholland 
wird der menschenfressende Adler erst verbrannt und dann als 
Morgenstern an den Himmel versetzt. In der nordischen Mythe 
wird der Riese Thiassi erst verbrannt und dann wird sein Auge 
als Stern in den Himmel versetzt. — Der Riese Orion glänzt als 
Stern am Himmel. — Auch Amerika weiß uns von verwandten 
Erscheinungen zu erzählen: Bei den Kathlamet ist der Abend- 
stern ein. Menschen jäger, bei den Tsimschian sind Sterne Räuber 
und Verfolger. 

Wären also diese Riesen als Sterne aufzufassen, und das er- 
innert uns an eine andere Eigenschaft der Riesen, die hiermit 
durchaus in Einklang gebracht werden kann. Diese Riesen-Ogren 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 387 

haben nämlich entweder nur ein Auge (die Cyklopen und die 
Himmelswächter der Herero) oder sie zeichnen sich durch Viel- 
äugigkeit und Vielgliederigkeit aus. Schon die alten Griechen 
kannten hundertarmige und f ünf zighäuptige , dreihäuptige und 
sechshäuptige usw. Riesengeschöpfe. Grimm weist darauf hin, 
daß der Norden sechshäuptige Riesensöhne usw. kennt. Dazu 
kommen die sieben- und zwölfköpfigen Riesen der Innerasiaten. 
Aber noch anderes kommt hierzu. Gar oft weiß die Mythe zu 
erzählen, daß der Held der Mythe dem feindlichen Wesen ein 
Haupt nach dem anderen abschlagen muß, daß immer ein neues 
herauswächst. Es ist das Drachenkopf motiv, welches Seite 116 
und 118 schon aufgeführt wurde. — Ich glaube, daß wir diese 
Eigenart der Ogren, die sich uns soeben als Sterne vorgestellt 
haben, ziemlich einfach erklären können: der einäugige Ogre 
der Südafrikaner, Griechen und alten Inder ist ein Stern. Der 
so häufig vorkommende vielköpfige und vielarmige Riese ist da- 
gegen ein Sternbild. Und ich darf bei dieser Erklärung an eine 
Schilderung des Zeus bei Apollodor erinnern, der ihn als einen 
Riesen von menschlicher Gestaltung schildert, der so groß war, 
daß er alle Berge überragte und sein Haupt häufig bis zu den 
Sternen reichte. Seine Hände dehnten sich ausgestreckt vom 
Aufgang der Sonne bis zum Untergange aus, und aus ihnen ragten 
100 Drachenköpfe hervor. Das ist eine Schilderung des Himmels, 
und diese Drachenköpfe, dies Hineinreichen in die Sterne, das 
sind Motive, deren eines aus der Ogrenmythe und deren anderes 
aus der offenbar mit dieser verwandten Drachenmythe stammte. 
Und noch eins fällt uns an den Ogren auf: die Ogren sind 
anscheinend stets Menschenfresser. Das ist es, was uns schon 
die Verwandtschaft der Ogren und Drachen, von der ich schon 
mehrmals gesprochen habe, andeutet. Denn auch die Dracheft 
fordern ihr Menschenopfer, wenn dies — und das ist das Tren- 
nende — auch meist Jungfrauen sind. — Ich will hier auf das 
Menschenfressertum der Ogren nicht weiter eingehen. Soll ein- 
mal der Zusammenhang des ganzen mythologischen Gebäudes 
und das Netz der Personenbeziehungen rekonstruiert werden, 
dann wird sich das von selbst ergeben. Vergessen wir nicht, 
daß dem ganzen Bilde nach die Sterne ja die Feinde des Sonnen- 

25* 



388 Viertes Buch. 

gottes sein müssen. Denn die Sterne erscheinen in der Zeit der 
Schwäche und des Unterganges des Sonnengottes und sie erblassen 
in der Zeit des Sonnenaufganges. Und oben sahen wir schon, 
wie der Riese der zentral-amerikanischen Inseln sorgsam darüber 
wacht, daß die Menschen nicht den Aufgang der Sonne erschauen 
und daß der Riese selber beim Aufgange der Sonne untergeht. 
Es wird hier also jeder den Naturerscheinungen entsprechend 
den Zusammenhang ahnen. Meinerseits will ich aber auf ein 
Motiv hinweisen, das so recht deutlich das Menschenfressertum 
der Ogren erkennen läßt: ich meine das Motiv der Menschen- 
Witterung. 

Wenn der wandernde Gott in das Heim des Ogren gekommen 
ist, dann trifft er meist nur ein Weib daheim. Sie ist in dem 
Gedanken an das dem Gaste drohende Unheil entsetzt und rät 
dem Gotte zu fliehen. Als er das nicht will, versteckt sie ihn 
wenigstens, so daß er den Augen des Ogren entgehe. Zur Nacht- 
zeit — der Ogre kommt immer zur Nachtzeit heim und ist nur 
in dieser Zeit zu Hause, da die Sterne ja nur in dieser Zeit 
strahlen — kommt der Ogre nach Hause. Er schnuppert um 
sich. „Ich rieche, rieche Menschenfleisch!" ruft er aus. Das 
ist das Motiv der Menschenwitterung. Der alte Grimm hat schon 
festgestellt, daß sich dies Motiv bei allen europäischen Völkern 
indogermanischer Verwandtschaft vorfindet. Er hat aber nur einen 
kleinen Teil des riesigen Verbreitungsgebietes damit charakterisiert. 
Gubernatis ist dies Motiv auch aufgefallen und er sagt, daß, als 
der Held naht, der Dämon in der indischen Mythe einfach 
Menschenfleisch, derjenige in orientalischen Erzählungen Christen- 
fleisch und derjenige in russischen Märchen Russenfleisch wittere. 
Aber auch damit ist nur der allerkleinste Teil umschrieben. 
Alle Mongoloiden Innerasiens kennen das Motiv. Seine Ver- 
breitung reicht in Asien bis hinauf zu den Tschuktschen, also 
jenen Völkern, die mit den Nordwestamerikanern in mythologi- 
schem Zusammenhange stehen, es kehrt wieder bei den Tinne- 
stämmen, und in der Navahosmythe wittern die 'elf Brüder die 
Anwesenheit des von ihrer Schwester versteckten Coyote. Nach 
der andern Seite uns wendend, tritt es uns in vielen Mythen 
der Südostafrikaner entgegen, und hier erinnert es uns an eine 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 389 

merkwürdige Übereinstimmung. Der Ausruf heißt im deutschen 
Märchen: „Ich rieche, rieche Menschenfleisch!" Bei den Mongo- 
loiden heißt es: „Uf, uf, den Geruch von Menschen rieche ich!" 
Und die alte Ogre in Südafrika ruft: „Eh, eh! In meinem Hause 
ist heute ein herrlicher Geruch!" Ich werfe hier die Frage auf, 
ob diese kurze Wiederholung irgend eine Bedeutung hat. Daß 
dies Motiv nicht allein mit dem Menschenfressertume der Ogren 
zu erklären ist, versteht sich ja von selbst und muß es uns dem- 
nach gelingen, noch eine besondere Erklärung für diese merk- 
würdige Ausbildung des Geruchsinnes der Ogren zu finden. Ich 
glaube die letzte Provinz, für die wir hier das häufige Vorkommen 
dieses Motives festzustellen haben, vermag uns noch die beste 
Auskunft zu geben. Ozeanien, um welches es sich hier handelt, 
hat nämlich eine eigene Variante dieses Motives, die von größter 
Bedeutung sein dürfte. 

Wenn der Gott in die Unterwelt kommt, dann wittert die 
Unterweltsgottheit, die ich aus mehreren Gründen als Ogrener- 
scheinung auffassen möchte, nach den verschiedenen Himmels- 
richtungen, um festzustellen, aus welcher Gegend der Hernahende 
kommt. Besonders klar ist dies ausgebildet in jener von Grey 
wiedergegebenen Version vom Besuche Mauis bei Muri-ranga- 
whenua, die ihm den Kinnbacken gibt. Muri wittert erst nach 
Süden, dann von Süden nach Norden, nach Osten und dann 
wittert sie nach Westen. Dabei erweitert sich ihr Leib, und er 
schwillt im Herumwittern mächtig empor. Als sie aber merkt, 
daß Maui von Westen kommt, erkennt sie, daß Maui einer ihrer 
Nachkommen ist, und da beginnt ihr gewaltig aufgeschwollener 
Leib einzufallen und sich wieder zusammenzuziehen. Wenn Muri 
Maui nicht nach dieser Richtung hin gewittert hätte, heißt es, 
würde sie ihn sicher verschlungen haben. Wir haben hier -frag- 
los, wie dies auch aus den anderen Versionen hervorgeht, eine 
Betonung der Richtung. Das Wittern erstreckt sich nicht allein 
auf das Menschenfressen, sondern es erstreckt sich auf das Fest- 
stellen der Gegend, aus der jener Gott herannaht. Und dann möchte 
ich auch annehmen, was hier wohl früher noch maßgebend ge- 
wesen sein könnte: die witternden Ogren waren blind. Diese 
Annahme der Blindheit spricht in gewissem Sinne gegen andere 



390 Viertes Buch. 

Erscheinungen und ist deshalb mit großer Vorsicht aufzunehmen. 
Immerhin will ich hier nachfolgend in einem Absätze unter No. 3 
(die Hilfsalte) auf einige Möglichkeiten hinweisen. 

Jedenfalls stellt die polynesische Form des Motives der 
Mensehenwitterung eine hochinteressante Erscheinung dar. Die 
Verbreitung derartiger Kleinigkeiten ist, wie ich immer wieder 
betonen muß, im Rahmen der allgemeinen Übereinstimmung von 
größter Beweiskraft für die Theorie entwicklungsgeschichtlichen 
Zusammenhanges des ganzen Mythengebäudes und entwicklungs- 
geschichtlich zusammenhängender Verbreitung der einzelnen Teile. 
Ich werde im zweiten Bande darauf hinzuweisen haben, 
daß die Übereinstimmung des Ganzen für die Bedeutung 
der Mythologie und ihre Erklärung von außerordent- 
licher Wichtigkeit, daß aber die Übereinstimmung der 
einzelnen, uns wie krampfhaft festgehalten erscheinen- 
den Motive für die Verfolgung der einzelnen älteren 
Kulturströmungen und Völkerwanderungen von größerer 
Beweiskraft ist. 

Nunmehr aber werden wir uns einer ganz besonderen Eigen- 
art der Ogren zuwenden müssen. 

2. Der Tod der Ogren. — Wir erwähnten oben schon, 
daß bei den Algonkin der Riese erst verbrannt wird und dann 
als Stern an den Himmel kommt, daß in Neuholland der Adler 
erst verbrannt und dann an den Himmel als Morgenstern gesetzt 
wird, daß in der Edda Thiassi erst verbrannt und sein Auge 
dann an den Himmel gesetzt wird. — Die Riesen sterben im 
allgemeinen nicht eines natürlichen Todes. Es gibt ganz wunder- 
bare Todesarten. Der Tod hängt aber meistenteils mit dem 
Feuer zusammen. Hier werden sie verbrannt; anderweitig ist es 
noch deutlicher: In der neuseeländischen Mythe, die wir Seite 377 
unten auszugsweise kennen lernten, rät die Mutter dem wandern- 
den Gotte, mit den Riesen nicht zu streiten, sondern deren Tötung 
der Sonne zu überlassen. Und als die Sonne aufgeht, und die 
Riesen nicht früh genug geflohen sind, da müssen sie sterben. 
Wir sahen vorhin, daß der Riese Westindiens stirbt, als die Sonne 
ihn beleuchtet und er nicht schnell genug in seine Höhle geflohen 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 391 

ist. Bei den Inka wird das aus dem Meere entstandene Geschlecht 
der menschenfressenden Riesen durch die Sonne von der Erde 
vertilgt. Und die alte Mythologie hat schon festgestellt, daß 
unsere europäischen Ogren sterben, wenn die Sonnenstrahlen sie 
berühren. Der schlaue Held hält deshalb den Riesen so lange im 
Gespräch fest, bis unerwartet ein Sonnenstrahl auf ihn fällt. 
Dann stirbt der Ogre. In Lappland streiten sich der Teufel und 
der Riese um das gemeinsam besessene Auge, das ihnen der 
Held heimlich entwendet hat. Sie balgen sich herum bis der 
Tag anbricht; da zerspringen sie. 

Das ist alles außerordentlich einleuchtend und klar. Wenn 
die Sonne aufgeht, dann verschwinden ja die Sterne. Hier ist 
nicht viel Grübeln nötig. Es gibt aber hübsche kleine Einzel- 
heiten, auf die ich hier doch hinweisen möchte. Ich habe eine 
so außerordentliche große Vorliebe für die feinen kleinen Züge 
in der Mythologie. Was ich hier kurz nachgehend erwähne, 
möchte ich als das Motiv der Sonneneiseele taufen, während ich 
bei dem allgemeinen Sterben unter dem Sonnenaufgange von dem 
Motiv der Lichtscheu spreche. 

Es ist eine drollige Sache mit dieser Sonneneiseele. Man 
höre eine lappländische Form der Mythe. Ein Riese kämpft 
lange Jahre mit einem Manne um den Eesitz der Frau des 
letzteren und gelangt endlich zu seinem Ziel, indem er den Mann 
tötet. Die Frau hat einen Sohn, welcher beschließt, seinen Vater 
zu rächen, was ihm aber weder mit Feuer, noch mit Schwert 
gelingt. Die Frau beschließt endlich, den Riesen auszuhorchen, 
was es denn mit seinem Leben für eine Bewandtnis habe, und 
der Riese berichtet: Draußen auf einem brennenden Meere ist 
eine Insel, auf der Insel ist eine Tonne, in der Tonne ein Schaf, 
in dem Schaf eine Henne, in der Henne ein Ei und in dem Ei 
steckt das Leben des Riesen. Der Held macht sich nun mit 
befreundeten Tieren auf und gelangt auch glücklich über das 
feuerflammende Meer zu der Insel. Die Tonne wird gefunden; 
es wird ihr der Boden eingeschlagen. Das Schaf wird in Stücke 
zerrissen, die Henne zerfleischt, aus der Henne fällt das Ei in 
das Meer und versinkt. Ein Seetaucher aber gleitet hinab in 
die Flut und bringt das Ei herbei. Alsbald zündet nun der junge 



392 Viertes Buch. 

Mann auf dem Ufer ein großes Feuer an und legt, als es gehörig 
emporloht, das Ei mitten hinein. Alsdann rudert er unverzüglich 
heimwärts, und als er anlangt, sieht er, daß der Riese just ebenso 
verbrennt, wie das Ei auf der Insel. — Das Auffinden der Sonnen- 
eiseele ist nicht immer so schwierig. In russischen Märchen ist 
eines der meist empfohlenen Mittel zur Vernichtung der Unge- 
heuer, das in der unter dem Baum in der Mitte des Meeres 
liegenden Ente befindliche Ei zu nehmen und es dem Ungeheuer 
an die Stirn zu schleudern. Das Ungeheuer stirbt dann sogleich, 
und dann können sich die beiden jungen Liebenden, die Tochter, 
Gattin oder Schwester des Ungeheuers einerseits und der junge 
Held andererseits, heiraten. — Solche Anschauung ist durch ganz 
Innerasien und über Europa hin verbreitet. Boas hat ähnliches 
auch bei den Nordwestamerikanern gefunden. Es ist ein goldener 
Gegenstand, ein goldenes Ei, das aus dem Meere emporgebracht 
werden muß und dessen Erschauen den Tod des Riesen herbei- 
führt. Die sympathische Verbindung der Existenzform des Ogre 
und der guten Erhaltung dieses goldenen Eies ist eine jüngere 
Form. In Wahrheit geht der Ogre zugrunde, wenn das Sonnenei 
aus dem Wasser emportaucht, — wenn die Sonnenstrahlen das 
Licht der Sterne auslöschen. 

Die Lichtscheu der Gestirnwelt der Nacht spricht aber nicht 
nur aus dieser Sonnentötung der Riesen. Die gleiche Lichtscheu 
erscheint auch in anderen Mythen. Ich greife zurück: Hohodemi 
darf seine Geliebte nicht bei Tage auf dem Lande erschauen; hier 
gliedert sich das ganze Getriebe der Melusinenmärchen an. Dann 
denken wir an Amor und Psyche. Psyche darf den Geliebten 
nicht sehen. Und dann denken wir an die Mahrensagen Europas. 
Und wie ist es mit dem Orpheusmotiv? Gehört es hierher, wenn 
Orpheus sich nicht nach der Geliebten umwenden darf? — Die 
Lichtscheu erinnert uns an allerhand Zusammenhang, der inso- 
fern berechtigt sein dürfte, als mit dem Aufgange der Sonne die 
scheuen, matten Erscheinungen der Nacht zu Tode verblassen. 

Da wir hier vom Sonnenaufgang reden, mag noch ein phan- 
tastischer Gedanke Erwähnung finden, der sich mir mehrfach beim 
Hinschauen über diese Tatsachen aufgedrängt hat, wenn er auch 
vielleicht sehr kühn ist. Ich gebe es zu: Die poetische Schöpfer- 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 393 

kraft der mythologischen Bildersprache ist so gewaltig, daß wir 
uns selbst immer wieder davor warnen müssen, in ihrem Sinne 
etwa weiter zu entwickeln, statt rückwärts aufzulösen. Den- 
noch auf der andern Seite: wie können wir es hoffen, dies alte 
Sinngedicht der Völker lesen zu lernen, ohne selbst uns in die 
Eigenart der Stoffverwertung und Stoffumwertung zu vertiefen? 
Mag auch einmal ein kühnerer Gedanke hier Anwendung finden, 
auch wenn er vielleicht über das Ziel hinaus schießt! — Also: 
Was hat der Held bei den Ogren zu schaffen? Er hat zunächst 
die Aufgabe, auszufragen. Es sind oft wunderliche Dinge, die 
er als Fragen vorlegt. Es sind Geheimnisse, die er erkundet. 
Das ist so bei den Mongoloiden Asiens und bei den Indogermanen 
Europas, bei den Ozeaniern ist es dagegen nicht so. Hier gilt 
es, das Feuer zu gewinnen. Nicht allein um ein Feuerscheit 
handelt es sich. Es handelt sich vielmehr darum, das Geheim- 
nis des eigentlichen Feueranzündens zu gewinnen. In gewaltigen 
Bildern schildern diese Mythen, wie dieses Ziel der Gewinnung 
des Feuergeheimnisses von dem Heldengotte erreicht wird. Der 
Sonnengott kämpft mit dem Feuerbesitzer. 

So weit wäre ich und nun kommt mein Gedanke: Der Gott 
gewinnt natürlich in diesem Wettstreit. Aber was tut er? Er 
dreht dem Feuerbesitzer den Arm aus und dann hat er gesiegt. 
Dieses Arm ausdrehen ist besonders schön auf Samoa, wo der 
Ogre Mafuike den Helden fragt: „Was bist du?" — „Taudreher", 
sagt Maui, der Gott, und dreht jenem den Arm aus. Dieses Arm- 
ausdrehen gilt es zu verstehen. Dies Armausdrehen kommt in 
Südafrika, in Neuholland, in Japan, in Indien, bei den Griechen 
und in der nordischen Mythologie vor. Merkwürdigerweise er- 
zählen außerdem die Neuholländer, deren wundervolles Gedächt- 
nis wir schon gelegentlich der Plejadenmythe kennen gelernt haben, 
sowohl als auch die Nordamerikaner, daß sich in der Gegend der 
Hyaden ein ausgerissener Arm befinde, während auf einer ara- 
bischen Karte im Gegensatze hierzu Orion ohne Arm sich vorfindet. 
Dieses „Armausdrehen" muß entschieden in irgend einer Bezie- 
hung zu dem Feuerdiebstahl des Morgens stehen, denn die Feuer- 
götter zeichnen sich sehr häufig durch den Mangel eines Gliedes 
aus. Dazu nun folgende Parallele: So wie der Gott dem Ogren 



394 Viertes Buch. 

hier einen Arm ausdreht, so dreht Odysseus dem edlen Polyphem 
das Auge aus, worauf die Sonne dann geheimnisvoll am Himmel 
emporkriecht. Sollte dies Feuerandrehen und das Armausdrehen 
in einem Zusammenhang stehen? — So, das ist meine phanta- 
stische Idee. Das Weiterdenken ist nicht schwer. Parallelen sind 
tiberall leicht gefunden, ganz besonders aber hier. Liegt in meinem 
Gedanken etwas Zutreffendes, dann wäre festzustellen, ob die 
Sonne im Frühjahr in irgend einem Sternbilde aufginge, dem ein 
armloser Gott präsidierte. So oder ähnlich wäre nachzuschauen, 
und träfe hier ein glücklicher Schuß etwa in ein zugehöriges Zen- 
trum, dann würde sich die große Gruppe der Ogreumythen mit 
aller Leichtigkeit erklären lassen, dann hätten wir vor allen Dingen 
wieder einmal ein hübsches kleines geographisches Problem: Wo 
und wann war die Konstellation unserer Lösung der Mythe günstig? 

Ich wollte hier nur anregen. — 

Wir haben noch eine sehr anziehende kleine Mythe zu be- 
sprechen, die uns in schon bekannte Gefilde führt. Auf Seite 302 
wies ich auf die Merkwürdigkeit des Motives der Trugheilung 
hin. Auf den vorhergehenden Seiten ist das Motiv mehrmals an- 
geführt. Der Gott hat mit einem Schuß ein feindliches Wesen 
getroffen. Er verfolgt die Spur und kommt an ein Haus, aus 
dem ihm Klagetöne entgegenschallen. Diese Klagetöne werden 
ihm alsbald erklärt: drinnen liegt von einer unsichtbaren Waffe 
tödlich verwundet der Herr oder die Herrin und niemand vermag 
zu heilen. -Unser Held geht hinein. Er sieht, was nur er sehen 
kann, daß es nämlich seine Waffe ist, die die Krankheit hervor- 
ruft. Er erklärt sich bereit, zu heilen, aber während er sich nähert, 
um die Waffe herauszuziehen, beschließt er schon das Entgegen- 
gesetzte zu tun; er tötet den Kranken. Dies Motiv nannte ich 
die Trugheilung. 

Haben wir oben das fragliche Motiv in Korea, bei den Kal- 
mücken und in Tibet angetroffen, so werden wir nunmehr -die 
europäischen Parallelerscheinungen im Bereiche der Ogrenmythen 
zu erwähnen haben. Es sind wieder Mongoloide, die über das 
voll erhaltene Motiv verfügen. Es ist bei den Esthen, Finnen 
und Lappen heimisch. Ein Bursch ist von dem Ogren festge- 
nommen worden und weiß nicht so recht, wie er freikommen kann. 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 395 

Er sinnt eine List aus und berichtet dem erstaunten Ogren von 
der wunderbaren Sehkraft seiner Augen. Der Ogre meint dazu, 
solche Scharfsichtigkeit müßte sehr schön sein; er selbst leide 
leider an Kurzsichtigkeit. Da weiß aber der Bursch zu erzählen, 
daß es nichts einfacheres gäbe, als solche Krankheit zu heilen. 
Der Riese solle sich nur hinlegen und sich das Auge mit flüssigem 
Blei ausgießen lassen. Er habe das auch mit sich so machen 
lassen. Allerdings werde man für einige Zeit erst blind, doch 
stelle sich bei solcher Kur alsbald Scharfsichtigkeit in erhöhtem 
Maße ein. Gesagt, getan. Der Riese wird gebunden, damit er 
nicht so sehr strampele, dann wird ihm das Auge mit flüssigem 
Blei ausgegossen. 

Man sieht sofort die Verwandtschaft. Auf der einen Seite 
die Polyphemmythe, auf der andern Seite das Motiv der Trug- 
heilung. Und was hier schon klar ersichtlich ist, das sehen wir 
fast noch deutlicher in Amerika, das uns diesmal in seinen zen- 
tralen Teilen herrliche Beute gewährt. Man vergleiche, was an 
diesem Motive in XU. Kapitel geliefert ist und höre folgenden 
Textauszug aus dem Popol Vuh. Der Urogre Vukub-Cakix besitzt 
den großen Nanzebaum, der ihm mit seinen Früchten die Nah- 
rung bietet. Hunahpu und Xbalanque stehlen die Früchte. Sie 
verstecken sich im Gezweig. Hunhun-Ahpu schießt mit dem Blase- 
rohr auf den Ogren, der reißt dem Helden dagegen einen Arm aus 
und nimmt ihn mit nach Haus (das Armausreißen ist hier offen- 
bar auf die falsche Person übertragen). Der Ogre kommt mit 
verletztem Gebiß nach Haus und hängt den ausgerissenen Arm 
an das Feuer. Inzwischen schließen sich Hunhun-Ahpu und Xba- 
lanque ein paar alten Leuten an, die zu Vukub-Cakix gehen und 
sagen sollen, diese Kleinen seien ihre Enkel. Als ihren Beruf 
sollen die Alten angeben „Tirer les vers des dentes". Gesagt, 
getan. Sie kommen zu dem Ogren. Dieser beschwört sie, sein 
Zahnleiden zu heilen, denn seine königliche Schönheit und Würde 
stamme von seinen Zähnen und aus seinen Augen. Es werden 
ihm nun die Zähne ausgezogen und an ihre Stelle setzen die 
Schlauen nichts als Kerne von weißem Mais. Sofort wich der 
Glanz und die königliche Würde von ihm. Da haben wir wieder 
den Arzt und die allerdings ein wenig verdrehte Trugheilung. 



396 ' Viertes Buch. 

Amerika bietet aber noch mehr Beispiele für derartige Umbildung. 
Bei den Navahos strebt Coyote nach dem Besitze des bildschönen 
Mädchens, um welches sich Sonne und viele hervorragende Götter 
schon umsonst beworben haben, und welches nach vierfacher An- 
frage endlich erklärt, daß sie vor allen Dingen keinen Mann 
heiraten würde, der nicht einen Anaye, das ist einen Ogren, getötet 
habe. Coyote hat sich nun in den Dienst eines solchen Anaye, 
des braunen Riesen, begeben, dem er erzählt: wenn er (der Riese) 
zuweilen nicht sieghaft sei, so läge das daran, daß er nicht schnell 
genug laufen könne: er (Coyote) wolle ihm aber helfen; er solle 
sich nur zunächst ein Schwitzhaus bauen. Coyote führt nun den 
Betrug aus. Heimlich hat er einen großen Knochen mitgebracht. 
Er tut so, als ob er sich den Schenkelknochen herausnähme und 
ihn dann bearbeite. Es ist das aber nicht sein Schenkelknochen, 
sondern der mitgebrachte Knochen. Dann zeigt er wieder das voll- 
kommen gesundete Bein vor. Da ist der dumme Riese von der 
wunderbaren Heilung überzeugt und glaubt Coyote, daß solchem 
Herausnehmen und Bearbeiten des Schenkelknochens wirklich eine 
besondere Stärkung nach dem Zuheilen der Wunde folge. Und 
der Riese gibt sich dazu her; Coyote schneidet ihm den Knochen 
heraus und dann stirbt der Riese. 

Wir haben in der Mythe des Popol Vuh eine Analogie zu 
der asiatisch mongoloiden Trugheilung. In der Mythe der Nava- 
hos liegt dagegen eine Parallele zu der oben aufgeführten Lappen- 
und Finnenversion vor. Eine Variante zu der letzten Navahos- 
mythe spielt übrigens den Abschluß des zweiten Teiles des Popol 
Vuh, des Kampfes der Licht- und Schattengötter, sodaß wir in 
diesem Buche also beide Varianten vorfinden. Ein Verständnis für 
dieses Motiv und diese Todesart der Ogren finden wir sehr leicht, 
wenn wir daran denken, daß die Beziehung zum Ausbohren des 
Auges in der Polyphemmythe liegt, daß auch in der Polyphem- 
mythe der Held den Ogre ganz gehörig betrügt. — Am Schluß 
dieser Betrachtung sei darauf hingewiesen, daß noch eine Form 
des Betruges im Typus des Hansel- und Gretelmärchens enthalten 
ist. Der gefangene Kleine tut so, als wenn er nicht wüßte, wie 
er sich in den Backofen hineinschieben lassen solle. Der Ogre 
legt sich als Beispiel auf die Schaufel und wird so in die Hitze 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 397 

befördert. Etwas ähnliches haben wir oben von den Tataren er- 
wähnt. Bei den Menomini haben wir dieselbe Sache in Nord- 
amerika, dann habe ich sie noch in Südafrika bei den Zulu, bei 
den Ostjaken und bei europäischen Völkern gefunden. 

Mit letzterem Beispiel des Hinschlachtens der Ogren sei es 
im Feuerofen, sei es im Topf mit kochendem Wasser sind wir 
wieder beim „heißen" Tode angelangt. Es wird aber nicht schwer 
fallen, auch für das Motiv der Trugheilung eine Beziehung zu der 
Sonne oder zu den Sonnenstrahlen zu finden. — Ganz kurz er- 
wähne ich nun noch einige andere Todesarten. 1. Der Tod durch 
den Glutstein. Der Ogre wird veranlaßt, einen glühenden Stein 
zu verschlingen. Wir haben das in der Tasomythe (siehe Seite 378), 
in einer Tahitimythe, dann Seite 70 und im Rotkäppchenmärchen 
(Seite 185, 186 etc.). Aber auch in Nordwestamerika wird der 
Ogre auf solche Weise ums Leben gebracht. Das Glutsteinmotiv 
erklärt sich vielleicht so, daß der Sonnenstrahl von einem West- 
geschöpf (einem Sternbild im Westen?) verschlungen wird, was 
den Tod herbeiführt. Diese Deutung ist fraglich. — 2. Der Riese 
wird versteinert. Das erinnert uns daran, daß in den Mythen die 
Riesen meist mit Steinen um sich werfen. Möglicherweise haben 
wir hier eine Anlehnung an Meteorerscheinungen. In irgend einer 
Beziehung muß diese Auffassung zu derjenigen von der Bau- 
herrlichkeit der Ogren stehen. — 3. Der Riese wird in Stücke 
zerrissen und weithin zerstreut. Eine Beziehung liegt hier zur 
Verbrennungsmythe vor, da es zuweilen heißt, die Asche des 
verbrannten Riesen sei weithin ausgestreut worden. Dies ist 
wahrscheinlich auf die großen Sterngruppen zu beziehen. 

Wir befassen uns hier nicht mit der Frage, inwieweit einzelne 
Sternbilder etwa als wesentliche und hervorragende Typen der 
Ogren in den Vordergrund treten. Es genügt uns, einige An- 
deutung hier und da gegeben zu haben und es somit der weiteren 
Forschung zu erleichtern, herauszusuchen, was gefunden werden 
muß. Jedenfalls glaube ich, daß die Auffassung der Ogren als 
Sterne, vielleicht als Sterne des Winterhimmels, nichts Wesentliches 
als Widerspruch antreffen dürfte. Jetzt wollen wir uns aber noch 
einem Wesen zuwenden, das eine außerordentlich große Rolle im 
Bereiche der Ogren spielt. 



398 Viertes Buch. 

3. Die Hilfsalte. — Die menschfressenden Riesen der Mytho- 
logie, die Ogren, treten oftmals als Gruppe auf. Wenn der Held 
auch zumeist nur mit einem Ogre kämpft, so dürfen wir doch 
stets annehmen, daß im Hintergrunde noch eine Mehrzahl von 
Genossen vorhanden ist. Ganz anders verhält sich das mit den 
weiblichen Figuren, die in dieser Gruppe von Mythen eine Rolle 
spielen. Es ist nämlich fast stets nur eine Frau, die, sei es 
nun handelnd, sei es untätig, auftritt. Weitere Frauen werden 
im allgemeinen nicht erwähnt. Ihren Eigenschaften nach gehört 
das Weib im allgemeinen nicht zu der menschenfressenden Rasse, 
wie die mit ihr zusammenlebenden Mannsleute. Es ist meisten- 
teils ein wohlwollendes Wesen, das dem in der Höhle beherbergten 
Gotte behilflich ist. Sie versteckt den Helden. Sie fragt für den 
Helden den Riesen aus, ja, sie hilft dem Helden sogar bei der 
Tötung der Ogren. Es ist sehr wichtig, festzustellen, wer dieses 
Hüfsweib ist, und da die Mythologie in diesem Punkte fraglos die 
verschiedensten Widersprüche gezeitigt hat, so wollen wir zunächst 
auf diese eingehen. Bei einigen Völkern wird nämlich diese Hilfs- 
alte zur Menschenfresserin, zur Hexe. Da ist vor allen Dingen 
die alte Hexe im Hansel- und Gretelmärchen. Da ist ferner die 
Menschenfresserin der Zulu, die allerdings auch wieder, wenigstens 
in einigen Mythen, der Hilfsalten weicht. Des ferneren ist die 
Froschmenschenfresserin der Warrau, die Krötenfrau der Ojibwa 
zu erwähnen. — Also einige menschenfressende Ausnahmen, die 
der großen Menge der gutartigen Hilfsalten gegenüber wenig in 
Betracht kommen. Naheliegend ist diese Umwandlung allerdings 
gewesen, und wir werden im folgenden sehen, daß sie nicht ganz 
sinnlos ist. 

Vergegenwärtigen wir uns nun demgegenüber die große Menge 
der richtig wirkenden Hilfsalten: daist zunächst auf Neuseeland, 
in der Ponaturimythe die Mutter Tawhakis, welche den Helden 
den Rat gibt, wie die Ogren zu töten seien. Dann ist auf Mani- 
hiki Ina die Blinde zu erwähnen, die Maui auf der Wanderung in 
die Unterwelt kennen lernt, sehend macht und die ihn über alles dort 
unten Vorkommende unterrichtet. In Amerika haben wir bei den 
Bilqula eine alte Frau mit großen Händen und Füßen und ent- 
sprechendem Mund, die in einer alten, echten Ogrenmythe dem 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 399 

Mädchen die Fluchtingredienzien gibt. Bei den Indianern am 
Thompsonriver beschützt die Frau des Kannibalen die beiden 
Brüder. Auf der Wanderung zum Sonnengotte lehrt ein altes 
Spinnenweib die Helden, auf welche Weise sie die großen Gefahren 
des Weges zu überwinden vermögen. Auf Madagaskar unterstützt 
die Frau des Briganten die Helden, und als der Knabe der Zulu- 
mythe mit dem Vogel aus der Kannibalenhütte entflieht, trifft er 
eine alte, auf einem großen Stein sitzende Frau, die ihm Fett 
sowie den Rat gibt, demzufolge er auch glücklich den Kannibalen 
entrinnt. Eine alte Frau, die mit der einen Hälfte im Schatten, 
mit der anderen im Lichte weilt und arbeitet, gibt dem Angola- 
helden Sudika-mbambi Unterweisung betreffend den Weg in die 
Unterwelt. Im Bogda Gesser Chan ist es die eigene, von Riesen 
entführte Gattin, die es dem Riesen ablauscht, wie man ihm das 
Leben nehmen könne, und in Lappland versteht es die Mutter des 
Helden, wie wir eben sahen, dem Riesengemahle das Geheimnis 
der Sonneneiseele zu entlocken. In den deutschen Märchen holt 
die Eilermutter des Teufels die Antworten aus dem Teufel her- 
aus, die Frau aus dem Vogel Greif und dann wieder die Groß- 
mutter des Teufels aus dem Teufel. In einer altitalienischen Ogren- 
mythe eilt eine alte Frau dem vom Riesen mitgenommenen Mädchen 
zu Hilfe, indem sie die, die magische Flucht ermöglichenden Söhne 
herbeibringt. Endlich kommen wir zu der Hilfsalten des Cianna- 
märchens, die folgendermaßen beschrieben wird: — „wirst du eine 
hochbejahrte Alte finden, deren Kinn die Erde berührt und deren 
Buckel bis in den Himmel reicht, während die Haare wie der 
Schwanz eines Schimmels ihr die Versen bedecken; ihr Angesicht 
aber, dessen Falten durch das Stärkemehl der Zeit gesteift sind, 
gleicht einer gerippten Halskrause. Die Alte nun sitzt auf einer 

Uhr. Die Gewichte dieser Uhr muß Cianna packen und 

sie darf sie nicht loslassen, bis die Alte bei den Flügeln ihres 
Sohnes schwört. Also geschieht es auch. Die Alte schwört bei 
den „Zähnen, die alle irdischen Dinge zernagen". Sie legt dann, 
nachdem sie Cianna versteckt hat, dem hereinkommenden Sohne 
die gewünschten Fragen vor. 

Mit dieser letzten Schilderung glaube ich in die Frage ein- 
treten zu können, wer diese Alte sein könne. Es scheint mir 



400 Viertes Buch. 

ausgeschlossen, daß wir hier mit einer einfachen Sterndeutung aus- 
kommen. Ich habe mich deshalb bei allen alten Weibern der 
Mythologie nach charakteristischen Merkmalen umgesehen und 
glaube deren auch eine genügende Zahl gefunden zu haben, um 
eine wenigstens einigermaßen befriedigende Antwort geben zu können. 
Ich fange gleich bei der verehrten Alten im Ciannamärchen an: 
Das Kinn reicht bis zur Erde, der Buckel bis zum Himmel. Die 
Alte in der Bogda Gesser Chanmythe wurde uns (Seite 293) folgender- 
maßen beschrieben: Ein altes Weib mit grauen Haaren, dessen 
Hauzähne der unteren Kinnlade gegen den Himmel strebten, während 
die Hauzähne der oberen Kinnlade die Erde berührten und mit 
zwei Brüsten, welche herabhängend die Erde bedeckten. Die 
Menschenfressermythe, die uns Cook von Tahiti erzählt, berichtet, 
daß die vernichteten Ogren auch ein Weib gehabt hätten, das aber 
kein Menschenfleisch gegessen hätte und die nach ihrem Tode 
eine Gottheit wurde. Diese Frau war nun durch zwei ungeheuer 
große Zähne ausgezeichnet, welche Eigenschaft so auffallend war, 
daß sie heute noch jedes Tier mit großen Zähnen nach ihr be- 
nennen. Wir sahen, daß die Hilfsalte bei den Bilkula mit großen 
Händen und Füßen und entsprechendem Munde ausgerüstet war. 
In Südafrika hat die zur Menschenfresserin umgebildete Hilfsalte 
Uzembeni ihren Namen „Langzeh" der Eigenschaft zu verdanken, 
daß ihr Zeh immer bedeutend vor ihr her zu sehen war, so groß 
war er. Im deutschen Märchen haben wir die alten Spinnerinnen 
mit der langen Lippe, dem langen Finger etc., — und diese Eigen- 
schaft erinnert uns daran, was wir Seite 353 ff. schon gezeigt zu 
haben glauben, daß nämlich die alte Spinnerin im Monde zu suchen 
ist. Ist das so, haben wir in der Alten den Mond zu erblicken, 
dann ist es auch nicht auffallend, wenn im Navahosgebiet die 
Hilfsalte zur Spinne wird. Wenn die Hilfsalte in Angola halb 
im Schatten liegt und halb im Lichte ihren Acker hackt, wenn 
die Alte im Pentamerone die Uhr darstellt resp. auf der Uhr 
sitzt, dann verstehen wir die großen Hände, die langen Zähne, 
die herabfallenden Brüste, die hervorragenden Zehen usw. als die 
Mondhörner. Und damit wäre dann ein Anhaltepunkt für festere 
Beweismittel geliefert. (Betreffend die Frosch- und Krötenweiber 
der Amerikaner vergleiche S. 356). 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 401 

Wenn uns demnach die Hülfsaite in der Ogrenmythe als 
Mond wahrscheinlich wird, dann wird dadurch aber auch unsere 
Annahme von der Sterneneigenschaft der Ogren bestärkt. Denn 
der Mond lebt ja mitten unter den Sternen. 

Ich habe aber hier noch einen kleinen Hinweis zu bringen, 
wieder eine jenef wunderhübschen Parallelerscheinungen, die uns 
den Völkergedanken so ganz fremdartig und unnatürlich erscheinen 
lassen. Ich meine das Motiv vom Augenspiel. Ganz kurz will 
ich auf die zu diesem Motiv gehörige Geschichte eingehen. 

Als Tawhaki nach der Flucht seiner Himmelsgattin an den 
Ranken in den Himmel gelangt ist, trifft er oben die alte Wächterin 
dieser Strickleitern, ein blindes Weib, das just sein Mahl aus Taro- 
wurzeln bereitet. Unbemerkt stiehlt er ihr einige der Wurzeln. 
Als sie den Raub entdeckt, sucht sie den Dieb vergebens zu er- 
reichen. Tawhaki gibt ihr einen Schlag ins Gesicht und macht 
sie, ihre Augen berührend, sehend. Vor Freude weinend, erkennt 
sie den Enkel. Sie gibt ihm guten Rat auf den Weg. Auf Man- 
gaja trifft Tane im Unterweltland eine alte Frau, die gerade Yams 
kocht. Es ist Kui-die-Blinde. Er nimmt ihr, ohne daß sie es 
merkt, die Speise fort. Als sie den Diebstahl entdeckt, erzürnt 
sie. Sie wirft den Angelhaken aus und fängt ihn nach mehr- 
maligem Versuche. (Vergleiche das Märchen B Seite 133). Dann 
erkennt sie den Enkel. Dieser steigt auf den Raum und über- 
windet die bewachenden Ungeheuer. Zwei Nüsse, die er oben 
gepflückt hat, bringt er mit und wirft sie in Kuis Augen, die dar- 
auf wieder sehend wird. Auf Manihiki trifft Maui in der Unter- 
welt eine alte blinde Frau, Ina-die-Blinde, die sich just ihr Essen 
bereitet. Maui nimmt von einem dort wachsenden Baume einen 
Apfel, beißt ein Stück ab und wirft es in ein Auge der Alten, 
die sofort sehen kann. Er wiederholt das Gleiche mit dem andern 
Auge, und nun kann sie auch auf diesem schauen. Als auf 
Samoa der Jüngling seine verstorbene Schwester wieder zurück- 
gewinnen will, sendet die Gönnerin ihn mit folgenden Worten fort: 
„Jetzt gehe und suche den Platz auf, wo die alte blinde Frau, 
die Matamolali heißt, wohnt. Brich das Ende eines Kokosnuß- 
blattes ab und schlage damit ihre blinden Augen." Der Held 
tut also und macht Matamolali, die sich als Herrin der Toten 

Frobenius, Sonnengott. I. 26 



402 Viertes Buch. 

erweist, sehend. Sie besorgt ihm zur Belohnung die Rückkehr der 
verstorbenen Schwester. 

Sobald wir uns aus dem geschlossenen Gebiet des eigent- 
lichen zentral-mythologischen Polynesien entfernen, verändert sich 
das Motiv ein wenig, und wir haben schon in Hawai eine etwas 
abgewandelte Form. Ich werde aber auch aus angrenzenden Pro- 
vinzen Verwandtes bringen. 

Als der nach dem Tode seiner Frau in die Unterwelt herab- 
gestiegene Häuptling Hawais im Reiche der Toten angelangt ist, 
schaut er eine Weile den Spielen zu und schlägt dann ein neues 
Spiel vor: Es sollen sich alle die Augen ausreißen und diese dann 
auf einen Haufen werfen. Der Vorschlag gefällt und jeder folgt 
ihm schnell; doch der Häuptling hat acht, wo die Augen Milus 
hinfallen. Er greift sie im Fluge auf und verbirgt sie in seinem 
Kokosnußbecher. Da alle blind sind, kann er unbemerkt ent- 
fliehen. Nach längeren Verhandlungen erhält Müu seine Augen 
unter der Bedingung wieder, daß er die Seele der verstorbenen 
Frau ausliefere. Damit ist der Anschluß an die Form Samoas 
gegeben. 

Bei den Nordwestamerikanern ist das Motiv häufig. Wenn 
der Held in das Jenseits wandert, um ein Weib zu gewinnen, 
dann trifft er zunächst mehrere alte blinde Frauen, die Enten, 
welche Wurzeln kochen. Wenn die Wurzeln gekocht sind, nimmt 
eine der Frauen sie aus dem Kessel und will sie unter die Ge- 
nossinnen verteilen. Der Held nimmt sie aber fort. Dann schelten 
sie untereinander und beschuldigen sich gegenseitig, die Wurzel- 
bündel gestohlen zu haben. Endlich wittern die Entenweiber den 
Helden. Der Held speit ihnen in die Augen und macht sie sehend. 
Auf der Vancouverinsel sind bei den Nutka diese Weiber beratende 
Hülfsaite. Etwas ähnliches soll bei den Tonka vorkommen und 
bei den Menomini kommt der Speisendiebstahl bei den alten blinden 
Leuten vor. Eine an das Augenspiel erinnernde Geschichte treffen 
wir ferner bei den Navahos. 

Nun nach der andern Seite. Als Perseus seine große Tat voll- 
bringen will, helfen ihm Hermes und Athena. Sie verschaffen ihm 
Wehr und Waffen gegen das gräßliche Ungetüm und bringen ihn 
vor allen Dingen zu den Gräen, die am äußersten Ende der Welt 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 403 

wohnen. Diese haben alle drei nur ein Auge und einen Zahn, 
die sie abwechselnd benutzen. Perseus nimmt ihnen diesen einzigen 
Zahn und das einzige Auge und zwingt sie so, ihm den Weg zu 
den Nymphen zu zeigen, von denen er das Zaubergerät erhält: 
Sie spielen also in gewissem Sinne die Rolle der Hülfsaiten. In 
ähnlicher Weise tritt diese Erzählung in einer Menschenfresser- 
mythe Norwegens auf. Als ein paar Buben im Walde sind, kommen 
drei Trolde, die nur ein Auge haben. Einer geht voran. Es ist 
der Sehende, der just das Auge hat. Die andern folgen blind- 
lings. Infolge einer List der Knaben fällt das Auge heraus. Der 
eine Knabe ist gleich zur Hand und nimmt es weg. Das Auge 
ist so groß, daß man es nicht in einen Kesseltopf legen könnte, 
und so klar, daß, als der Knabe hindurchsieht, ein heller Tag 
leuchtet, obgleich es dunkle Nacht ist. Die Knaben geben das 
Auge nicht eher heraus, als bis das Weib der Biesen Eimer, ge- 
füllt mit Gold und Silber und ein paar Stahlbogen bringt. Ähn- 
lich verläuft die Geschichte bei den Lappländern in einer der 
Goldapfelvogelmythen, die ich nachstehend zum Schluß noch ein- 
mal erwähnen werde. Der Riese und der Teufel wollen den 
Goldblätterschmuck des Baumes stehlen, den der Held bewacht. 
Sie haben beide zusammen nur ein Auge. Der eine steigt hinauf, 
der andere soll das Auge hinaufreichen. Doch der Held fährt 
mit der Hand dazwischen. Riese und Teufel balgen sich, indem 
jeder vom anderen annimmt, er besitze das Auge. Sie balgen 
sich, bis sie beide entzweispringen, als der Tag anbricht. (Siehe 
oben über den Tod der Ogren.) 

Wenn ich nun noch erwähne, daß bei den Jarantschi, also 
Mongoloiden Asiens, die auch sonst im Besitze guter alter Mythen- 
typen sind, das Mädchen ihrem erblindeten Bruder einen Apfel 
sendet, damit er sich mit diesem die blinden Augen reibe, worauf 
er sehend wird, und daß die Annamiten hübsche kleine Erzählungen 
haben, in denen der Schlaue alten blinden Leuten das Mahl in 
gleicher Weise, wie wir es nun schon mehrmals gesehen haben, 
raubt, habe ich das Wesentlichste über die Verbreitung dieses 
merkwürdigen Motives gesagt, und es wäre nun zu erwägen, in- 
wieweit dasselbe mit unserer guten biederen Hülfsaiten in Be- 
ziehung steht. In Ozeanien, Nordwestamerika und bei den Griechen 

26* 



404 Viertes Bach. 

ist die Hülfsaite klar durchgedrückt. Sonst verschwindet die 
eigentliche Frau und löst sich das Motiv in einer gewissen 
scherzhaften Form auf. Immerhin glaube ich, daß wir damit 
einen Stoff gefunden haben, der eine klare Bedeutung haben muß, 
und wird es auch nicht schwer fallen, den Zusammenhang zu 
finden. 

Ohne mich aber weiter in eine eingehende Besprechung über 
die Bedeutung der Ogren und der, wie ich gezeigt zu haben glaube, 
zu ihnen gehörigen Htilfalten einzulassen, möchte ich doch noch 
ein wenig über die Ereignisse reden, die auf dem Wege zu den 
Ogren stattfinden. Vielleicht bieten gerade die merkwürdigen 
Tatsachen, die auf der Wanderung zu den Ogren und auf der 
Flucht vor den Ogren stattfinden, einen wesentlichen Bestandteil 
des Zusammenhanges, und bieten sie somit wohl weitere Anhalte- 
punkte für das Verständnis, sei es einerseits der geographischen 
Verbreitung dieser Mythentypen und sei es andererseits für die 
innere Bedeutung und das Wesen der Mythenentwicklung. 

4. Auf der Fahrt zu den Ogren. — Verschiedene Motive 
kehren in den Geschichten von der Wanderung zu den Ogren 
immer wieder und bilden so den festen Bestand der eigentlichen 
Mythe, die sich uns im Verlauf dieses Buches immer mehr als 
eine Komposition, als ein Mosaik aus verschiedenen Motivstein- 
chen erwiesen hat. Hätten wir so breiten Baum zur Verfügung, 
daß wir den Stoff jeder einzelnen Mythe so breit und behaglich 
wiedergeben könnten wie den der Walfischdrachenmythe, dann 
würden wir zeigen können, wie diese Motive untereinander ver- 
bunden sind, daß jede Mythe eben ein Mosaik aus bestimmten 
Farbensteinchen darstellt, wobei sowohl eine Verschiebung in der 
Reihenfolge der einzelnen Motive als eine verschiedene Umrahmung 
stattfinden kann. Dieser Raum fehlt uns aber, und somit müssen 
wir uns damit begnügen, einzelne Motive herauszugreifen und in 
der Verfolgung ihrer Verbreitung wenigstens einige Anhalte- 
punkte für die Bedeutung und — was uns ja im vorliegenden 
zumeist kulturgeographischen Werke mindestens ebenso wertvoll 
ist — die geographische Verbreitung, d. h. ihre Wanderung ge- 
winnen. 



Kiesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 405 

Zwei Hauptpunkte mögen hier noch Beachtung finden: Das 
Motiv der Klappfelsen und die Geschichte der Flucht. 

Das Motiv der Klappfelsen mag in drei verschiedenen Er- 
scheinungen vorgeführt werden. Auf dem Wege in das Bereich 
der Ogren trifft der Gott eine große Gefahr. Sein Weg führt 
zwischen zwei Felsen hindurch, die sich stets, wenn jemand den 
Durchgang passieren will, schnell schließen und den Wanderer 
so zermalmen. Wir kennen das Motiv schon von den alten 
Griechen, wo es in der Argonautensage eine hervorragende Rolle 
spielt. Die Tauben, die dem Zeus Ambrosia bringen, müssen 
diese Klappfelsen passieren und die letzte der hindurchfliegenden 
Gruppe wird immer zermalmt. Dies Motiv kehrt nun häufig 
wieder. Wenn Maui in die Unterwelt fährt, so muß er die auf- 
und niederfahrenden Felsen passieren, und nur das Hersagen des 
der Mutter abgelauschten Spruches bewahrt den Gott davor, zer- 
malmt zu werden. Wenn Bogda Gesser Chan zu dem Ogren 
fährt, um seine Gattin aufzusuchen, dann hat er die Klappfelsen 
zu passieren. Das Felstor schließt sich in Korea, die Klappfelsen 
donnern im alten Mexiko sowohl wie bei den Nordindianern hinter 
den Seelen der ins Jenseits schwebenden Seeligen zusammen. 
Zuweilen mag dies Motiv umgebildet sein und in Nordwestamerika 
tritt eine beißende Tür an die Stelle der Klappfelsen und auch 
der hier sowohl wie in Japan unter den Proben auftretende zu- 
sammenklappende Baumstamm mag in diese Gruppe gehören. 
Interessant ist es des ferneren, daß auf Samoa eine Teilung des 
Motive» in Gruppen auftritt und ebenso in Amerika bei den 
Navahos. Tiitii muß auf der* Fahrt in der Unterwelt das Schilf 
passieren, das Schilf öffnet sich seinem Zauberspruche. Dann muß 
er die Felsen passieren und die Felsen öffnen sich seinem Zauber- 
spruche, und bei den Navahos müssen die zur Sonne wandernden 
erst zwischen den Felsen hindurch, dann über das zerschneidende 
Schilfrohr hinweg, dann über das alleszerreisende Kaktusrohrfeld, 
dann über die aufkochende Sandöde hinfort, und nun erst passieren 
sie die verschiedenen Torwächter, die sich mit aufgerissenem Rachen 
und mit zückender Wut gegenüberstehen: Zwei Bären, zwei Schlan- 
gen, zwei Winde, zwei Blitze. Das alles müssen sie passieren, das 
ist in diesem Sinne die höchste Entwicklung dieses Motives. 



406 Viertes Buch. 

Den Höhepunkt des Interesses erreicht diese Mythe aber erst, 
wenn das Motiv noch eine kleine Anhangserweiterung erfährt, 
wenn es geschildert wird, wie der Held so haarscharf zwischen 
den Klappfelsen hindurchgelangt, daß der letzte Teil seines Fahr- 
zeuges abgequetscht wird. Ich erinnerte eben schon daran, daß 
von den Plejadentauben des Zeus immer die letzte abgeklemmt 
wird. Wenn auf der Argonautenfahrt dies berühmte Schiff auch 
glücklich zwischen diesen ebenso berühmten Felsen hindurch- 
gleitet, so ereignet sich doch ein kleines Unglück. Es vermögen 
nämlich nicht einmal Vögel hindurchzufliegen, und so hat Phineus 
den Rat gegeben, eine Taube voranfliegen zu lassen und wenn 
diese hindurchkomme, mit kühnem Mute nachzufahren: sonst 
müßten sie auf die ganze Fahrt verzichten. Wirklich schwang 
sich die Taube hindurch, nur die Schwungfedern wurden durch 
die zuklappenden Felsen abgeschnitten. Also warteten denn die 
Griechen, bis das Tor sich wieder öffnete, setzten dann alle die 
Ruder ein und hindurch schössen sie, — nur daß der ragende 
Schmuck des Steuers verloren gegangen ist. Als auf Mangaia 
Maui in die Unterwelt fliegt, um seine Eltern zu besuchen und 
das Feuer zu holen, also auf einer Ogrefahrt, da muß er auch 
die Klappfelsen passieren. Maui hat sich die rote Taube Tanes 
geliehen, und auf ihr reitet er in das Jenseits. Auf die magischen 
Worte, die Maui von der Mutter erlauscht hat, öffnet sich zu 
seiner großen Freude der Fels, um aber sofort wieder zusammen- 
zuschließen, als Maui hindurchfährt. Glücklich ist er hindurch- 
gelangt, aber o weh, der schönen Taube ist der prächtige Schwanz 
abgequetscht. — Hie Griechenland — hie Mangaia! 

Aber es kommt der Mythe absolut nicht darauf an, auf wel- 
chem Gefährt der tapfere Held in das Jenseits gleitet — der 
Schwanz muß weg. Bei den Tarantschi, also in Innerasien, jagt 
der Held auf dem Kamele zwischen den Klappfelsen hindurch, 
— dem Kamel wird der Schwanz abgequetscht. Und während 
wir in Nordostasien wieder den abgeschnittenen Vogelschwanz 
treffen, büßt bei den Eskimo der die zuklappenden Eisberge 
Passierende das Ende des Kajak ein. In Nordwestamerika geht 
einerseits der begleitende Freund bei der Durchfahrt verloren, 
andererseits treffen wir aber bei Kwakiutl und Chihalis wieder 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 407 

den abgeschnittenen Vogelschwanz an, so daß wir sagen können, 
daß wahrscheinlich dieser Vogelschwanz die ursprüngliche Form 
des Motives darstellt, während alles andere mehr oder weniger 
der geographischen Provinz angepaßte Fahrzeuge darstellen. Ist 
dem so, dann ist es nicht undenkbar, daß wir unter dem Vogel 
wieder das Plejadengestirn zu verstehen haben, das in einer be- 
stimmten Jahreszeit verschwindet, in einer Jahreszeit, in der der 
Sonnengott sich auf den Weg macht, eine dunklere Region auf- 
zusuchen, aus der er erst im Frühling zurückkehrt. — Ist dem 
so, dann haben wir einen feinen Wink erhalten, in welcher 
Richtung wir die Zentralbedeutung der Ogrenmythen zu suchen 
haben. — Kehrt dann nicht etwa der Gott im Frühjahr mit dem 
Sonnenbrande, mit der jungen Sonne wieder? 

Ich möchte aber noch wenigstens ganz kurz auf eine dritte 
Gruppe von Erscheinungen, die mit diesem Motive in Berührung 
stehen könnten, hinweisen: Oftmals schließt sich ein Felsen, sei 
es auf der Flucht vor den Ogren, sei es infolge des Macht- 
spruches der Ogren. Es ist das Sesam, Sesam öffne dich! — 
daß wir aus 1001 Nacht kennen. Wir haben hier vielleicht 
überhaupt das Höhlenmotiv, denn bekanntlich schließt auch ein 
großer Teil der Ogren seine Höhle mit einem Felsblock. (Siehe 
Polyphem.) Steine, die sich auf das Wort, auf einen Wortzauber 
hin schließen, sind nicht selten und wir treffen sie in Südafrika, 
bei den Neuholländern, bei allen Arioiden, bei Nordindianern usw. 
Literatur hierüber findet sich in der zugehörigen Anmerkung. Ich 
möchte nur auf eines hinweisen, das mir von außerordentlicher 
Wichtigkeit ist. 

In Südafrika findet sich die Felshöhle Itsche Likantunjambili, 
ein Felsen, der nicht mehr mit den Händen, sondern durch einen 
Zauberspruch zu öffnen ist. Man muß den Felsen dann bei 
Namen rufen und laut schreien: „Felsen Untunjambili öffne dich, 
damit ich eintreten kann." Der Stein kann aber, wenn er sich 
dem betreffenden Manne nicht eröffnen will, dann antworten: 
„Der Fels wird nicht durch Kinder geöffnet: er wird geöffnet 
durch die Schwalben, die in der Luft fliegen!" — Dieser Mythen- 
teil ist mir deswegen so wertvoll, weil ich geneigt bin, darin 
einen Rest der soeben besprochenen zweiten Variante des Klapp- 



408 Viertes Buch. 

felsenmotives zu erblicken. Es ist hier nicht die Rede davon, 
daß den Vögeln, den Schwalben, der Schwanz abgeschnitten 
würde; es genügt vielleicht aber überhaupt eine Erinnerung an 
das Hindurchfliegen der Vögel, um einen Anhaltepunkt an die 
von mir vermutete Plejadenmythe zu gewinnen. Denn man darf 
nicht vergessen, daß die Plejadenmythe in unserem Sinne der 
astronomischen Erscheinungswelt zufolge in Südafrika nicht er- 
halten bleiben konnte, weil diese Sterngruppe dort unten in 
anderem Verhältnis zu den Jahreszeiten steht. 

Doch wenden wir uns nunmehr der anderen Gruppe von 
Motiven, die noch zu besprechen sind, den Motiven der Flucht zu. 

Wenn der Gott den Feuerdiebstahl vollendet hat und flieht, 
verfolgt ihn die Ogrenschaft. Es gibt verschiedene Formen dieser 
Flucht. Als Odysseus flieht, verfolgt ihn der Zorn des Meeres. 
Als Manabozho flieht, steigt hinter ihm das Wasser empor usw. 
In einem gewissen Gegensatze hierzu gelingt es den Fliehenden 
oftmals, einen Fluß zu durchschreiten, in dem dann die Verfolgen- 
den untergehen. Es ist das die Geschichte, die wir aus dem 
alten Testament gelegentlich der Flucht der Juden aus Ägypten 
über das rote Meer hinweg kennen. Dieselbe Geschichte kehrt 
in Südafrika bei Zulu, Hottentotten usw. wieder. Wir kennen sie 
aus dem Norden (Schottland) und sie kehrt in gewissem Sinne 
auch in Amerika wieder, denn bei den Thompsonriverindianern 
vermag der verfolgende Ogre nicht über den Strom zu setzen, 
den der fliehende Jüngling schon passiert hat. 

Eine weitere Gruppe dieses Motives kennen wir aus dem 
deutschen Märchen: Der verfolgte Held streut Körner aus, worauf 
die Verfolger schleunigst ein emsiges Aufsammeln beginnen und 
dadurch dem Fliehenden ein glückliches Entkommen ermöglichen. 
Im Siddhi-Kür gelingt dem Chanohn auf gleiche Weise die Flucht 
vor den gefährlichen Toten. Bei den Teleuten die Flucht vor den 
Russen und in Skalda C. 44 dem Hrolf Kraki die Flucht vor den 
Schweden. Dasselbe in Südafrika, wo bei den Angolanegern erst 
Hirse, dann Sesamum und Eleusine vor den verfolgenden Ogren 
ausgestreut wird, während bei den Zulu von Zeit zu Zeit hinge- 
worfenes Fett dieselben Dienste leistet. Hinsichtlich Amerikas 
kann ich nur auf eine verwandte List bei den Tsimschian hin- 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 409 

weisen. Als der Mann seinen Sohn aus dem Bereiche der Sterne, 
die diesen geholt haben, zurückbringt und sie ihn verfolgen, wirft 
er Tabak, rote Farbe und blaue Schleudersteine hinter sich. 
Während nun die Sterne diese aufsammeln und verwenden (wo- 
raus die verschiedene Farbe der Sterne zu erklären ist), entfliehen 
Vater und Kind. — Letztere Notiz ist mir deswegen wertvoll, 
weil hier ausdrücklich die Sterne als Verfolger bezeichnet sind, 
weil hier also direkt die Sterne die Stelle der Ogren einnehmen. 

Am interessantesten ist aber jedenfalls eine Erzählung von 
der Flucht, deren Eigenartigkeit Franz Boas zuerst aufgefallen 
ist. Boas weist auf die Angabe von Castren hin, der zufolge in 
einem samojedischen Mythenstück zwei Mädchen die Flucht vor 
einem Menschenfresser auf folgende Weise gelingt: Eine wirft 
einen Schleifstein über die Schultern. Derselbe wird zur Schlucht. 
Sie wirft einen Feuerstein, derselbe wird zum Berg. Sie wirft 
einen Kamm, derselbe wird zum Dickicht. Es ist Boas aufge- 
fallen, daß dieselbe Geschichte bei den Nordwestamerikanern 
häufig auftritt, und er hat das Motiv als das der magischen Flucht 
getauft. Boas weist darauf hin, daß meist ein Stein zum Berg, 
öl zum See und Kamm zum Gestrüpp wird. Bei den Tsimschian 
wird die Geschichte ganz kompliziert. 

Was Boas für zwei Punkte an Übereinstimmung aufgefallen 
ist, hat in Wahrheit eine außerordentliche Verbreitung. Inzwischen 
hat Bogoras bei den Tschuktschen die klare Form der Nordwest- 
amerikaner gefunden. Ein Kamm wird zum Wald, ein Stern zum 
Berg, ein mit dem Feuer in Verbindung stehender Gegenstand 
zum Fluß oder Feuer. Während im allgemeinen im zentralen 
Asien dies Motiv zu fehlen scheint, tritt es im nordwestlichen 
Asien wieder gehäuft auf. Bei den Russen wird der Kamm zum 
undurchdringlichen Walde, das Tuch zum Feuersee. Bei den 
Kirgisen wird der Kamm zum dichten Wald, der Spiegel zum 
See. Nun ein Sprung: Auf Island werden zurückgeworfene 
Schwanzhaare erst zum Fluß, drei weitere Schwanzhaare zum 
brennenden Scheiterhaufen, drei weitere Schwanzhaare zum Berg. 
Und als Sigurd vor dem Riesen flieht, wird ein Zweig zum 
dichten Wald und ein Stoß mit einem Stock auf die weiße Seite 
des Zaubersteines ruft das Hagelwetter herab. In Kleinasien 



410 Viertes Buch. 

treffen wir den zurückgeworfenen Topf als Meer, das Rasier- 
messer als schneidenden Wald und den Kamm als ein Stachel- 
feld. Und das erinnert uns daran, welche merkwürdige Rolle die 
schneidenden Rasiermesser in dem Haussamärchen auf der Flucht 
vor der Ogrehexe spielen. Dazu einige Notizen aus dem Süden 
Europas. Im italienischen Rapunzelraärchen wird der erste zurück- 
geworfene Gallapfel zum Hund, der zweite zum Löwen, der dritte 
zum Wolf, und als das Mädchen vor dem Waldriesen flieht, helfen 
ihr die Söhne der Hülfsaiten mit folgenden Zaubermitteln: Der 
eine speit aus und macht ein Seifenmeer, der zweite wirft ein 
Stück Eisen zur Erde, worauf ein Feld von Schereisen (ver- 
gleiche, was oben von dem Rasiermesser der kleinasiatischen 
und der Haussaform gesagt wurde) entsteht, der dritte wirft den 
Span aus dem der Wald emporwächst, aus dem Wasserstrahl 
wird dann der Strom, aus dem Stein der Turm usw. In Süd- 
afrika haben wir auf der Flucht das zurückgeworfene Ei, das 
zum Nebel wird, den Milchsack, der zur Wasserfläche wird, den 
Topf, aus dem die Finsternis emporsteigt und den glatten Stein, 
der sich zum mächtigen Felsen ausdehnt. 

Wenn in Südafrika außerdem ein Stück Fett zurückgeworfen 
wird, das auf einen Stein fällt, um den sich dann die verfolgen- 
den Riesen balgen, so erinnert uns diese schwache Variante an 
den Fels, den Jason unter die Drachenzahnmänner wirft, an den 
Stein, den Odhin unter die Sensenmänner wirft, welche Riesen 
und Drachenzahnmänner und Sensenmänner sich dann immer 
gegenseitig hinmorden. Diese Erinnerung hat deswegen Wert, 
weil wir besagte Sensenmänner und damit eine Ogrengruppe am 
Himmel unter den Sternen aufzufinden vermögen. Doch ich 
schweife ab. 

In Japan ist die magische Flucht in der Izanagi- und 
Izanamimythe enthalten. Als Izanagi verfolgt wird, wirft er erst 
die schwarze Perrücke zurück, die zu Früchten von Weinreben 
werden. Die verfolgenden Weiber sammeln sie schnell auf und 
erinnern uns damit an die vorher besprochene Form der Flucht. 
Izanagi wirft darauf den Kamm der hundert Nägel zurück, der 
sich in Bambussprossen verwandelt, die die häßlichen Weiber 
nun schnell pflücken und verzehren; — eine Verbindung der 



Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 411 

vorigen Form der Flucht mit der magischen Flucht, der der 
Kamm angehört. 

Endlich noch einiges zur Klarstellung der Verbreitung des 
Motives in Amerika. Bei den Odjibwa kommt die Flucht in der 
Mythe von der Krötenfrau vor, die hier die Hexe darstellt. Der 
große Stein, das zurückgeworfene Messer fallen in das Gebiet 
der magischen Flucht. Bei den Nawahos bricht nach dem Schuß 
mit dem Blitzpfeil ein Blutstrom hervor, aber es springt schon 
vorher hinter dem Verfolgten eine Yucca und dann ein Kaktus- 
rohr und wieder eine Yucca und ein Kaktusrohr empor. Die 
Mythologie der Nawahos enthält einen großen Prozentsatz sehr 
alten und schönen Mythenbesitztumes, nur muß man es ver- 
stehen die durch ein wunderbares Priesterleben stark umgebildeten 
Formen zu enträtseln. 

Es ist nicht nur das Bild der geographischen Verbreitung, 
das dies Motiv so außerordentlich interessant erscheinen läßt. Es 
ist vielmehr ein Spiel mit den Erscheinungen der Naturwelt, das ge- 
radezu erstaunlich naiv ist. Es besteht eine große Wahrscheinlich- 
keit, daß diese Bildung des aus der Unterwelt entfliehenden Gottes 
mit dem Morgenaufgang und mit der Friihlingssonne zusammen- 
hängen. Wenn dies wahr ist, so wird dem Leser das Verständnis 
sehr leicht werden. Doch noch einen Punkt habe ich zu erwähnen. 

Ein kurzes Wort über das Motiv vom Baumwuchs. Der ver- 
folgte Held klettert auf einen Baum und der wächst und wächst 
und wächst. Er wächst bis in den Himmel. Dies eigenartige Motiv 
besitzen vor allen Dingen die Melanesier in der Quasavaramythe 
(siehe oben Seite 378). Des ferneren treffen wir es in Nordwest- 
amerika, bei den Thompsonriverindianern, bei den Zentralameri- 
kanern, Algonkin, Schiroki, dann noch bei den Neuholländern 
und, wenn ich nicht irre, in Cambodja. Und das erinnert mich 
daran, daß der Held sehr oft auf der Flucht vor den Ogren auf 
einen Baum klettert. Das ist so im deutschen Märchen, das ist 
in Südafrika so, das ist bei den Türken usw. usw., und das er- 
innert uns wieder daran, daß der Weg in das Jenseits oft an 
einem Baum entlangführt. Und nun komme ich zu der ganz 
einfachen Frage : was bedeutet dieser Baum ? Es ist das die letzte 
Frage, die ich in diesem Buche vorlege. Man höre: 



412 Viertes Buch. Riesen: Zur Naturgeschichte der Ogren. 

Tane holt von dem großen Baum der Kui, unter dem die 
Alte sitzt, mit allerhand Gefahren die Nüsse herunter, mit der er 
sie sehend macht. So auf Mangaia. Etwas ähnliches haben wir 
auf Manahiki, auf Samoa und damit kommen wir zu dem Baum 
der Quiche, von dem der Ogre Vukub Cakix seine Nahrung holt 
und den die jungen Lichtgötter bestehlen, und von Zentralamerika 
gehen wir in eiligem Fluge zurück über den Weltbaum der 
Hinterindier, über den Weltbaum der Inder, den Weltbaum der 
Perser, der Kleinasiaten, und dann sind wir angelangt bei der 
alten guten Yggdrasill. Unter ihr sitzen ja auch alte Weiber! 

Und nun zum Schluß das brave liebe Märchen. Da ist die 
Geschichte von dem Goldapfelbaum, die alle Europäer besitzen: 
die Italiener, die Deutschen, die Serben, die Böhmen, die Walachen, 
die Albaner, die Russen, die Esthen, die Lappen, sowie noch 
manches Volk in Asien (siehe Tarantschi) und in Afrika (siehe 
Tuarek). Und diesem Goldapfelbaum, von dem sie so gerne ein 
Goldfrüchtlein stehlen, jener Baum, der sich über die ganze Welt 
ausdehnt, der ist schon längst erkannt worden als der Weltbaum, 
das Bild des mächtigen Himmels, an dem die Goldblättlein oder 
Goldäpfelein als Sterne prangen. — Wir sind auf altem guten 
Boden angekommen: jetzt wissen wir uns wieder daheim. Wir 
haben wieder ein Stück gefunden, das die Mythologie der Natur- 
völker mit unserer alten, edlen, klassischen Mythologie und mit 
unserem lieben trauten Märchen verbindet. 

Weit dehnt sich über uns dieser Baum aus: mag er uns ein 
Symbol der Einheitlichkeit aller alten guten Mythologie sein. — 
Mit welchem Wunsche wir zunächst schließen. 



ANMERKUNGEN 



Literaturnachweise, 

In der Annahme, daß die Quellennachweise nur für die Fachgenossen 
von Bedeutung sein können, habe ich mich auf die Wiedergabe der wesent- 
lichsten Quellliteratur beschränkt. Allgemeine Bearbeitungen, die zur Genüge 
bekannt sind, wurden im Text soweit sie von größerer Bedeutung waren, 
erwähnt. Betreffend die altmythologischen Testamente der asiatisch-euro- 
päischen Völker kamen die überall registrierten Opera in Frage und ist eine 
Aufführung hier sicher nicht von Nöten. Ähnlich verhält es sich hinsichtlich 
der amerikanischen Kulturvölker, über deren Mythologie in Bancrofts zu- 
sammenfassender Arbeit Bd. III und Index Bd. V, in Bastian, r Die altameri- 
kanischen Kulturvölker", bei Müller, r Amerikanische Urreligionen", bei 
Brinton usw. näheres zu verfolgen ist. — Eine Zusammenfassung wie in 
meiner Arbeit „Die Weltanschauung der Naturvölker" konnte nicht wieder- 
holt werden. Die einfache Aufzählung nahm damals schon fast einen Druck- 
bogen in Anspruch; heute würde sie etwa den dreifachen Raum benötigen, 
was eine allzugroße Belastung für das Buch ergeben würde. Also hier nur 
das Allernötigste. 

Quellen zu Kapitel IV Seite 59 ff. 

R. H. Codrington: „The Melanesians" Oxford 1891 S. 365 ff. 403/4. Alfr. C. Haddon: 
„Legends from Torres Streits" in P Folk-Lore Journal" London 1890 S. 56 ff. John Williams : 
„A narrative of a Missionary Enterprise in the South Sea Islands" Third thousand. London 1837. 
George Turner : „Nineteen Years in Polynesia" London 1861 S. 497. S. a. Meinioke : Zeitschr. f. 
Allg. Erdk. Bd. IX S. 238. William Wyatt Gill: „Myths and Songs from the South Pacific" London 
1876. S. 142 ff. Emile Petitot : „Traditions Indiennes du Canada Nord-Quest". Alencon 1887 (Ur- 
textausgabe) S. 311. George Grey: „Polynesian Mythology" London 1855 S. 54 ff. S. 18 ff. über 
Mauis Geburt siehe auch White :„The ancient History of the Maori" Wellington 1887 B. II in mehr- 
fachen Versionen. Schirren „Wandersage der Neuseeländer" Riga 1856 übersetzt nicht ganz rich- 
tig. Van Baien in A. Bastian: „Allerlei aus Volks- und Menschenkunde." Bd. I Berlin 1888 S. 443/4. 
Sierich im Intern. Arch. f. Ethnogr. Leiden. Bd. XV S. 167/8. Die Tunamythe nach White Bd. II. 
a. versch. Orten viele Versionen. R. Brough Smyth: „The Aborigines of Victoria" London 1878 
Bd. I, S. 432. R. Langloh Parker: „Australian Legendary Tales" London 1897 S. 11 ff. E. B. Tyler: 
„Forschungen über die Urgeschichte der Menschheit". Leipzig S. 422 ff. Kubary in „Allerlei aus 
*Volks- und Menschenkunde" Bd. I S. 57. Seidel nach Sundermann in „Anthologie aus der asia- 
tischen Volksliteratur tt . Weimar 1898 S. 297 ff. A.Bastian: „Sumatra und Nachbarschaft". Berlin 
1886 S. 59/60. 

Quellen zu Kapitel V Seite 80 ff. 

Franz Boas: „Indianische Sagen von der Nord-Paciflschen Küste Amerikas" Berlin 1895. 
S. 51. 101. 171. 315 ferner S. 51, 75, 212, 256. Edward William Nelson: „The Eskimo About Bering 
Strait" in Eighteenth Annual Report of the Bureau of American Ethnology" Washington 1899 Bd. I. 
S. 464 ff. Emile Petitot (Urtextausgabe; siehe oben) S. 309. H. R. Sohoolkraft: „The Myth of Hia- 



416 Anmerkungen. 

watha" Philadelphia 1856 S. 21 ff. u. a. 0. z. B. Algic Researches I S. 145 ff. III 318 ff. etc. (Bear- 
beitungen in deutscher, nicht sohlechter Obersetzung' von Knortz 1871 und 1880). Waldemar Bogo- 
ras: „The Folklore of Northeastern Asia, as Compared with that of Northwestern America" in 
„American Anthropologist" New- York 1902 S. 645 und 675. Franz Boas: „Indianische Sagen" S. 3 
und 212. Derselbe : „Zur Mythologie der Indianer von Washington und Oregon" im Globus Bd. LXJH 
S. 173. Derselbe: „Chinook Texts" Washington 1894 S. 119 ff. Stephen H. Long: „Account of an 
expedition from Pittsbourgh to the Rocky Mountains 4 * Philadelphia 1823 Bd. I S. 278/9. Weiteres 
bei Schooloraft siehe oben. James Mooney: „Myths of the Cherokee" in: „Ninteenth An. Rep. o. 
the B. o. Am. £thn u . Washington 1900 Bd. I S. 320/1. Das wichtige Werk von James Owen Dorsey : 
„The Cegiha Language u Washington 1890, in welchem sich Seite 34 eine Walflschmythe be- 
finden muß, war mir nicht erreichbar. Franz Boas: „Indianische Sagen" S. 64 und 196 etc. Ver- 
gleiche auch Boas: „Kathlamet Texts" S. 58 ff. James Teit: „Traditions of the Thompson River 
Indiana of British Columbia" Boston 1898 S. 79. Washington Matthews : „Navaho Legends" Boston 
1897 S. 116 ff. Im Thurn: „Among the Indiana of Guiana". London 1883 S. 385. Karl von den 
Steinen: „Durch Zentral-Brasilien". Leipzig 1886. S. 284. Derselbe: „Unter den Naturvölkern 
Zentral-Brasiliens". Berlin 1894 S. 377. 

Quellen zu Kapitel VI Seite 105 ff. 

B. J. Haarhoff: „Die Bantustämme in Südafrika". Berlin 1890 S. 17 ff. Wangemann: „Lebens- 
bilder aus Südafrika". Berlin 1871. S. 82 ff. A. Merensky: „Beitrage zur Kenntnis Südafrikas". 
Berlin 1875. Endemann: „Die Basuto" i. „Zeitschrift für Ethnologie". Berlin 1874. Bd. VI S. 43/4. 
Henry Callaway: „Nursary Tales, Traditions and Histories of the Zulus". Natal und London 1866. 
Bd. I S. 331 ff. Vergleiche auch S. 55 ff. Mc. Call Theal: „Kafflr Folk-Lore". London 1886. Second 
Edition S. 84/85 und S. 137 ff. Folk-Lore Journal, edited by the Working Committee of South 
African Folk-Lore Society. Cape Town 1879 Bd. I S. 27/8. W.H. J. Bleek: „A Brief Account of 
Bushman Folk-Lore". London 1875. S. 14 und a. a. 0. L. C. Lloyd: „A Short Account of further 
Bushman Material". London 1889 S. 6 u. a. a. 0. Hell Chatelain: „Folk-Tales of Angola." Boston 
1894 S. 93 ff. S. 113. J. Riviere: „Recueil de Contes Populaires de la Kabylie du Djurdjura". Paris 
1882. S. 193 ff. L. J. B. Berenger-Ferand: „Recueil de Contes Populaires de la Senegambie". 
Paris 1885. S. 185 ff. J. F. Schön: „Magäna Hausa. Native Literature in the Hausa Language". 
London 1885. S. 90/91. C. F. Schlenker: „A Collection of Temne Traditions, Fables and Pro- 
verbes". London 1861. S. 45 ff. Weiteres über die Spinnenmythen vergleiche meine „Völkerkunde 
in Charakterbildern". Bd. I S. 278 ff und „Weltanschauung der Naturvölker". S. 294 sowie in vor- 
liegendem Werk das Kapitel über die Flucht des Sonnengottes. Adolf Burdo : „Am Niger und Be- 
nue." Leipzig 1886. S. 163. Samuel Crowther and John Taylor: „The Gospel on the Banks of 
the Niger". London 1859. S. 233. 

Quellen zu Kapitel VII Seite 127 ff. 

„Die Taten Bogda Gesser Chan's etc. Eine ostasiatische Heldensage" aus dem Mongolischen 
übersetzt von J. J. Schmidt. St. Petersburg 1839. S. 89 ff. W. Radioff: „Proben der Volksliteratur 
der türkischen Stamme Süd-Sibiriens". St. Petersburg. Bd. I 1866. S. 39 ff. 351 ff. Bd. III 18. S. 315 ff. 
u. a. a. 0. Über den ostasiatischen Drachen zumal in China vergleiche : N. B. Dennys : „The Folk- 
Lore of China". London 1876. S. 106 ff; Gustav Schlegel: „Uranographie Chinoise". Leyde 1875 
Bd. S. 49 ff; Ernst Ruhstrat: „Aus dem Lande der Mitte". Berlin X. S. 14; C. Netto und G. Wagener: 
„Japanischer Humor". Leipzig 1901. S. 58 ff. und das merkwürdige Werk: Charles Gould: „Mythi- 
cal Monsters". London 1886 etc. etc. Dennys S. 109. 110. G. Dumoutier: „Los Chants et les Tra- 
ditions Populaires der Annamites". Paris 1890. S. 193/97. David Brauns : „Japanische Märchen 
und Sagen". Leipzig 1885. S. 112. S. 154. Batchelor in einem Separatabzug (wahrscheinlich aus 
den Berichten der „Asiatic Society of Tapan at Tokyo" ?) S. 120 ff. 

Quellen zu Kapitel VIII Seite 165ff. 

Für die Semitoiden und Ägypter die bekannten Arbeiten von Baur, Smith, Jenssen, Delitzsch 
Winkler, Munter, Goldziher, Wiedemann, Erman, Wilkinson, Priohard, Burgsch etc. Für die alten 
Ariorden, die Verarbeitungen von Schwartz und de Gubernatis, dann Rhode, Kuhn, Weber, Lefmann, 
E. Schmidt, Jacobi etc., Grimm : Myth. III. Ausg. ; Simrock : Myth. II. Ausg. ; Grimm : „Märchen", 
Bibliotheksausgabe; Preller: „Myth." III. Ausg.; Kreuzer: Symbolik" III. Ausgabe; Pentamerone- 
Cbersetzung von Liebrecht; Epenübersetzungen zumal von Simrock; Auszüge der russischen Märchen 
nach de Gubernatis; Roskoff, Kuhn und Schwartz, Benfey etc. etc. 

Quellen zu Kapitel IX Seite 193 ff. 

Gestirnversohlingen: Eine gute Zusammenstellung bei A. Bastian in der „Zeitschrift für 
Ethnologie". Bd. IV S. 373 ff. sowie: J. G. Müller: „Geschichte der amerikanischen Urreligionen" 



Anmerkungen. 417 

Basel 1867. S. 395/6, die aber merkwürdigerweise die Mexikaner Übersehen hat. Ferner: Bastian: 
„Reisen im indischen Archipel". Jena 1869. S. 167. Grimm: „Myth." II S. 670. Schadenberg in 
der „Zeitschrift für Ethnologie". Bd. XVII S. 32. J. Ch. Ed. Buschmann: „Apercu de la langue 
des lies Harquises et de la langue Taitienne". Berlin 1843. S. 41/42. A. Bastian : „Molukken". 
S. 80. E. B. Tyler: „Forschungen Über die Urgeschichte der Menschheit". Leipzig. S. 209/10. 
GilL S. 47. von Martius : „Zur Ethnographie Amerikas zumal Brasiliens". Leipzig 1867. S. 467. 
585. Buchanan in : „Neueste Beiträge zur Kunde von Indien". II. Bd. S. 42/3. Joh. Barrow : „Reise 
durch China im Gefolge der großbritannischen Gesandtschaft etc." S. 744. Für Nordwestafrika ver- 
gleiche : Hugh Gohdie : „Dictionary of the Eflk Language". Stargow 1862. 8. 73 und 330 wo die 
Form für Morgensonne die Bedeutung der von der Eidexe verschlungenen und hervorkommenden 
Sonne hat etc. etc. 

Eigentliche Rimumythe. v. d. Steinen: „Naturvölker". S. 375. Boas: „Sagen". S. 38 
und 61 etc. Bogda Gesser Chan S. 101 ff. Radioff Bd. IV S. 320. Bd. VI S. 234. Stucken: „Astral- 
mythen". S. 1 ff. Die russische Form de Gubernatis. S. 144/5. Grimm: „Mythol." IL Bd. S. 901. 
874. Simrock: „Mythol." S. 222. Vergl. auch Pentamerone. Bd. II S. 112 wo auf dem toten Ozen 
die Brüder ihre Vogelgestalt verlieren; Wiedemann: „agypt. Relig." S. 30 ff., 36. 

Sonnenschlingenfang, Manning bei A. Bastian : „Die heilige Sage der Polynesier". 
Leipzig 1881. S. 210 ff. Daniel Tyerman and George Bennet: „Journal of Voyages and Travels". 
London 1831. B. II S. 40/1. William Täte : „An account of New Zealand". London 1875. S. 143. 
Wilson: „Missionsreise". S. 208/9. Schirren S. 38. Sierioh im „Intern. Aroh. f. Ethn." Bd. XV, 
S. 171 ff. Grey S. 35—38. Bastian: „Hawai" S. 17. Turner S. 248. Thomson: „New Zealand" Bd. I 
S. 110. W. Rosenberg; „Der malayische Archipel". Schoolcrast in „Hiawatha", „Onesta" etc. 
Franklin: „Zweite Reise an die Kosten des Polarmeeres.' 4 Weimar 1829. S. 709/10. V. Hoffmann 
im XIV An. Rep. of the Bureau of Am. Ethn. S. 181/2. A. Bastian: „Kambodja" S. 174, 175. Taylor 
hat schon eine hübsche Zusammenstellung. Ferner: Radioff I, S. 69. Bogda Gesser Chan. S. 54 
98. 100. 

Landangelmythe in Polynesien: Manning bei Bastian: „Heilige Sage". S. 213/4. 
Pollack I, S. 12. Hochstetter S. 50. Taylor S. 26. Earle S. 266. Täte S. 142/3. Thomson I, S. 109. 
Dieffenbach II, S. 88/89. Nickolas S. 36. Grey S. 38 ff. Gill S. 48. Rienzi II, S. 462/3. Mariner 
S. 428. Priohard: „Oceanien". S. 114. Bastian: „Ooeanien". S. 1. 36. 28. 99. 153. 

Lan d an gelmythen etc. anderweitig: Kubary S. 64. Bastian: „Ooeanien". S. 113. Der- 
selbe: „Sumatra". S. 59/60. Meinicke i. d. „Zeitschr. f. Allg. Erdk." Bd. IX S. 334. Brauns 
S. 98. Siebold : „Nippon". II. Aufl. B II, S. 3 und 9. Pflzmaier 1861. S. 10 ff. Im Thurm. S. 381. 
Vergl. auch die deutsehen Messsagen bei Schwartz. S. 261/2 und 267. 

Arionmythe Flacourt: „Histoire de la grande Isle Madagaskar". Paris 1658. S. 62/3. 
Baimond: „Vocabul. et Gramm, pour les langues Malgaohes". 1842. p. 117 — 119. Gabriel Fer- 
rand: „Contes Populaires Malgaches". Paris 1893. S. 145 ff. Brauns S. 141. Ztschrft. f. Ethnol. 1893. 
S. 534. Rand, Poestion, Stephenson etc. 

Ringmythen Poestion : „Lappland". S. 102/3. Radioff I, S. 109 ff. III. S. 375 ff. VI, S. 172 ff. 
Arnous: „Korean. March." S. 53 ff. Steller : „Kamtschatka." S. 263. Pentamerone II, S. 3 ff. Dann 
die russische Iwanmythe etc. 

Quellen zu Kapitel X Seite 223 ff. 

Bastian: „Oceanien". S. 232. 45/6. Grey 8. 116. Taylor (Neuseeland) S. 34. Sierioh i. Intern. 
Arch. f. Eth. XV, S. 170 ff. Turner (Samoa) S. 248/9. Parkinson i. Intern. Arch. f. Ethn. II, S. 104/5. 
Haddon: „Legends". S. 50. Kubary (Religion-Pelau). S. 65. A. Erman i. d. Ztschr. f. Ethnol. II, 
S. 372/3. Boas : „Sagen". S. 92. 108, 136, 172, 274, 55, 105, 184, 208 etc. Derselbe im Globus 
Bd. LXIII S. 191. Vergleiche auch derselbe: „Tsimshiantexts". S. 239 und 94 ff. Krause: „Tlin- 
kit". S. 254. N«lson im XIIX. An. Rept. Smiths Inst 1899. I, S. 260/1. Bogoras im Am. Anthrop. 
1902. S. 645. Catlin: „Die Indianer Nordamerikas'' 1851. S. 152. Wied: (Reise Nordamerika). 
Bd. II, S. 156. Washington Matthews. S. 105/6. Brinton: „The Myths of the New World". S. 172, 
203. James Mooney XIX. An. Rept. Bd. I, S. 242. Schoolcraf t div. loo. Stephens : „Reiseerlebnisse", 
S. 527/8. Vergl. Clavigero, Mendieta etc. Popol Vuh S. 93, 107. Brett: „The Indian Tribes of 
Guiana". London 1868. S. 390 ff. Im Thurm. S. 378/9. Steinen (Naturvölker). S. 370, 373. 
Müller: „Am. ürr." S. 255. Callaway I, S. 335—339, 72/73, 105—108, 66/67. Theal S. 148 ff. Hahn, 
vergl. Weltansoh. d. Naturv. Riviere S. 225, 230. Radioff Bd. III, S. 82, IV, S. 7, Poestion: „Lapp- 
länder". S. 98 ff., 100. Castren S. 284. Ferner: Radioff I, S. 204/5, 388 ff., III S. 137, IV 405 ff. 
7—10, 488/9, VI S. 96 u. a. a. 0. A. Bastian: „Geschichte der Indochinesen". S. 416, 453, 354/5. 
Derselbe : „Ind. Aroh." S. 94. Vollmer unter : „Puzza", Schall, Jacobi etc. etc. Die russischen 
Analogien nach de Gubernatis. Ferner: Kreutzwald: „Esthnische Märchen". S. 343. Pentamerone 
I, S. 124 ff u. a. 0. Poestion: „Island". S. 137. 

Frobenius, Sonnengott. I. 27 



418 Anmerkungen. 

Quellen zu Kapitel XI Seite 264 ff. 

I DerOktopus in Ozeanischer und Nordwest amerikanischer Kosmogon. Tyer- 

! mann und Bennet I, S. 526. Bastian: „Samoa" S. 13, 39 n. a. a. 0. Derselbe: „Oceanien". S. 20/21, 

37, 226. Derselbe : „Hawai**. S. 27. In Indonesien scheint ein Taschenkrebs eingetreten. (?) Krause: 
„Tlinkif. S. 257. Boas a. v. 0. 

I Das Uriueer. Jagor: „Reisen in den Philippinen.'* S. 238. Bastian: ,3<>rneo' ; . S. 42, 45. 

I Derselbe: „Timor". S. 2. Olivier Bd. II, S. 375 '6. Ribbe: „Groß Seram". XII. Jahresbericht d. 

[ V. f. E. Dresd. S. 179. Brenner. S. 227. Nelson im XIIX. Rep. S. 482. Dixon: „The Hunting 

! Kalifornia Expedition.'' S. 39. James Mooney. S. 239. Wied (Nordamerika) Bd. II, S. 221, 152/3. 

j Catlin, Heckewelder: ..Nachricht von den etc. Indianischen Völkerschaften". Göttingen 1821. S. 430 ff. 

1 Franklin, Schoolcraft, Emil Petitot etc. etc. Popol Yuh. S. 7. Gramatzka Globus Bd. 83, S. 364. 

Bastian : ..Gesch. d. Indochinesen''. S. 205, 23 6/7, 138/9. Fonseca. S. 8 ff. Weber etc. Ssanang 
Ssetsen Chungtaidschi (Ausgabe: Schmidt) S. 3. Radioff I, S. 175. Schlegel: „Uranographie" II. 
S. 665 u. a. a. 0. Bastian: „Allerlei*. Bd. I, S. 223; Bd. II. S. 19 ff. Siebold Bd. II, S. 8. Brauns 
S. 98. Castren S. 283/4, 287 '8 etc. 

We 1 1 e 1 1 e r n m y t h c. Stuhr : .Religionsformen heidn. Volk.'' I S. 92. Schlegel S. 494. Lef- 
mann S. 44. Muys: .Griechenland* 1 S. 293/240. Böklen: Sintflut im „Archiv für Religionswissen- 
schaft" 4 1903 S. 37. Cushing im Anual Report 1891/2 S. 379. Schirren S. 41. Grey S. lff. White 
Bd. I Kap. II. Crowther, Vokabular}' S. 207. Ellis : .The Yoruba" S. 42. Dies nur einige Anhalte- 
punkte. „Weltanschauung der Naturvölker" S. 354 ff. 

Einst lag der Himmel auf der Erde. Literatur für Afrika und Oceanien in „Weltan- 
schauung der Naturvölker" Kapitel XX. Dementsprechend Höhlenursprung der Amerikaner : School- 
craft, Martius, Müller etc. Wied (Nordara.) II S. 160 ff. 226/7. Heckewelder S. 430/1. 451/2. Catlin 
S. 131 Lewis & Clarke S. 199. Brett S. 389/90. vergl. d. gl. bei Im Thurn und Bastian: „Oceanien" 
S. 17 betreffend die Markesaner. 

Welteimj-the. Kellgren: „De ovo mundano". Castren S. 290. Pollack: „Manners" I S. 17. 
" Ellis: Poll. Res." II S. 43 Tyerman k Bennet II S. 31. Ellis: „Hawai" S. 439. Parker II S. 28 ff. 

Brenner S. 217. Bastian: „Ind. Archip." S. 113. 115. Forbes I S. 208. Bastian: „Sumatra" S. 14.31. 
„Borneo" S. 8. 9. 12. 10. 11. „Oceanien" a. v. 0. Nelson S. 452/3. Stephens S. 527. „Globus" 
Bd. 83 S. 364. „Neueste Kunde v. Indien" Bd. II S. 83/4. Tylor: „Urgeschichte" S. 430. Dumou- 
tier S. 162. Landis im „Journal of Am. Folk-Lore." 1897 S. 290. 292. Arnous S. 40 ff. 44 ff. Kreuz- 
wald : „Märchen" S. 343 etc. 

Blüten- und Rohrursprungsmythe. Plutarch „Isis & Osiris" Kap. 11. Arnous S. 123. 
Ferrand S. 115. Fonseka S. 32/33. „Globus" Bd. 83. S. 364. Brenner S. 217. Brauns S. 97. Sie- 
bold etc. Vergl. De Gubernatis S. 602, eine italienische Variante. „Weltanschauung der Natur- 
völker" S. 203—213. Dazu Kubary S. 57/58. und vergl. hiermit Boas: „Sagen" S. 292 und 238/9. 
Washington Matthews S. 74/75. Literatur über die buddhistische Lotusblume bei Leffmann S. 564 
und bei Carl Ritter. A. Bastian: „Gesch. d. Indochinesen" S. 111/12. 139. 15. 87. 123 und „Su- 
matra", „Borneo", „Timor" a. v. 0. 

Quellen zu Kapitel XII Seite 279 ff. 

Kubary S. 59 ff. F. W. R. Müller in den „Verhandlungen der anthropol. Ges. in Berlin 1893 
S. 524/5. Sierich im „Intern. Arch. f. Ethnogr." XV S. 170 ff. Bastian: „Oceanien" S. 277/8. Brauns 
S. 138 ff. Arnous S. 143/4. Siddhi-Kür S. 70/1. Bogda Gesser Chan S. 153 und 279. Poestion: 
„Lappland" S. 62 ff. Bogoras S. 59. Boas: „Sagen" S. 99. 149. 237/8 vergl. auch 94. 190. 258. 
259. 352. Rand: „Micraacs" S. 83 ff. „Kameruner Schiffsschnabel" S. 78 --81. Vergl. auch Popol 
Vuh S. 35—45. 

Quellen zu Kapitel XIII Seite 304 ff. 

„Zeitschrift für Ethnologie" 1903 S. 136/7. Kubary: „Pelau" S. 60 ff. Sehmidtmüller in der 
„Zeitschrift der Deutsch. Morgenl. Ges." Bd. VI 1852 S. 536 ff. Spenser John: „Life in the Forests 
of the far east." London 1863 Bd. I S. 71. Bastian : „Molukken" S. 62. Ders. : „Ind. Arch." S. 10. 75. 
Ders.: „Borneo" S. 27. Ders.: „Sumatra" S. 132. Codrington S. 172. 397/8. Grey S. 66 ff. Mariner 
S. 433 ff. Withe I S. 115 ff. Stübel: „Samoanische Texte" 1896 S. 63/4. Parker Bd. I S. 43 ff. 
Weiteres hierüber siehe Seite 360 ff. Bogoras S. 611 ff. Boas im 6. Anual Report S. 615 ff. Rink 
S. 145 ff. Rand S. 1, 306 ff. Über die Wabiraythe siehe Seite 357 ff. Ferrand S. 91/2. Calaway 
Bd. I S. 55 ff. Theal S. 133 ff. L. F.: „Der Kameruner Schiffsschnabel" S.78ff. Chatelain S. 131 ff. 
Brauns S. 349. Ders. S. 144. A. Pflzmaier in den Denkschriften der Kaiserl. Akad. d. Wissensch. 
XV Wien 1867 S. 45 ff. Vollmer unter „Puzza". Dennys S. 140/1. Bastian: „Molukken" S. 85 nach 
Schall. Radioff Bd. IV, S. 321/2. Bd. VI S. 122 ff. etc. Grimm: „Polyphem" S. 8. Poestion: „Lapp- 
land" S. 55 ff. Über die Urvaci-Mythe später. Lane: „Tlie Thousand and one Nigths" London 
1877 Bd. UI S. 480. Simrock, Grimm, Kuhn etc etc. 



Anmerkungen. 419 

Quellen zu Kapitel XIV Seite 33öff. 

Weltelternmythe siehe oben und „Weltanschauung der Naturvölker 4 " Preller Bd. I 
Pfitzraaier, Ellis, Kuhn, Elard-Hugo-Meyer etc. 

Orpheusmythe. Kuhn: „Herabkunft des Feuers". Bastian: „Geschichte der Indochinesen" 
S. 342 ff. Ermine Smith im 2. Anual Report S. 103/4. James Mooney im 19. Aiiual Report S. 252/3. 
S. 437. Teit S. 85. Rand S. 235. Powers, Bancroft etc. Stilbel, Sierich, Kubary, Bastian etc. 
Siddhi-Kür S. 9611. Siehe auch Codrington S. 367. 

Handabdruckmythen. Vor allem Harley : „Moon-Lore u London 1885, aus welchem Werke 
ich mir leider nur kurze Auszüge gemacht habe. Bastian : „Oceanien u S. 219. Petitot, Ausgabe von 1886 
S. 7/8. Rink S. 276/7. Radioff IV S. 275/7. Dasselbe Märchen in Deutschland: Grimm Biblio- 
theksausgabe Bd. II S. 115 ff. Boas: „Sagen" S. 27. 37. 41. 263. 

Gewandverbren n en. Boas im Journ. of Am. F.-L. 1897 S. 37/39. Derselbe: „Sagen" 
S. 25. 114. 132. 265. 273. Rink, Petrtot, Krause, Teit. Franklin 2. Reise S. 311. Gubernatis S. 628. 
320. Siddhi-Kür S. 91. Pentamerone 1 S. 193 ff. Poestion: ..Island'* S. 139 ff. 246 ff. 185. 122. 25. 
Kreutzwald S. 208. Theal S. 87. 

Die webende Göttin. Smith im 2. An. Report S. 81. Tanner S. 318 Matthews S. 109. 
Brenner S. 217. Der«.: „Timor" S. 2. Dere.: „Sumatra" S. 87. 106. 107. Dennys S. 117. Annais 
of oriental Litterat ure" London 1821 S. 290 ff. Grimm: „Myth." II S. 681. Sirarock: „Myth." 
S. 420. 934 ff. 364 ff. Castren S. 58. Gill S. 44 ff. Marines S. 437. Stübel. Turner, Ellis etc. 

Todes- und Sohicksalsgöttin sowie Wassergöttin. Da hierüber weitere Studien 
zu erwarten sind, muß ich mit vollständiger Quellenangabe bis auf weiteres vertrösten. Vorliegendes 
würde allein bei vorgenommener Raumbeschränkung zu viel Platz hier in Anspruch nehmen. 

Tiere im Monde. Netto und Wagner: „Jap. Humor" S. 120/1. Bergemann: „Hom. Strei- 
fereien" Bd. III S. 39/40. Schlegel S. 607. Seier: „Abhandlgn." Bd. I S. 336/7. Dennys S. 117/8. 
Gubematir S. 399 ff. James Mooney S. 262. Brinton S. 196 ff. Teit S. 91. Bastian : „Molukken" 
S. 54. Wied: „Nordam." Bd. II S 150. Teit S. 119. Chatelain S. 131 ff. Bergemann III S. 204. 
Schlegel S. 607 etc. Vergl. über Hase und Todesmythe: .»Weltanschauung der Naturvölker". 

Plejadenmythe 1—3. (Seite 304— 333). Schoolkraft: „Hiawatha" S. 116 ff. Bastian: ,.Mo- 
lukken" S. 104. Ders. : „Oceanien" S. 115. Brough Smyth I S. 434. Andree im „Globus" Bd. 64 
S. 364/5. Codrington S. 349. Bogoras S. 592. Preller I S. 311 ff. Simrock: „Myth." S. 25. 

Plejadenmythe 4 — 5. Simrock S. 25. Bastian: „Siam" S. 242. Ders.: „Kainbodja" S. 58. 
Pentamerone II S. 96 ff. Bastian : „Ind. Arch." S. 230/1. Ders. : „Molukken" S. 104. Andree im 
„Globus" Bd. 64 S. 363. Codrington S. 348. 398. 172. Smith im 2. An. Rep. S. 80. Mooney im 
19. An. Rep. S. 258/9. Schurtz : „Urgeschichte" S. 559 und 632. Bastian : „Borneo" S. 27. Ratzel : 
„Völkerkunde" 2. Aufl. Bd. I S. 180. Haebler: „Religion" S. 77/8. Martius: „Beiträge" S. 441. 
Gill S. 44 etc. etc. 

Quellen zu Kapitel XV Seite 369 ff. 

Mensche nfressermythen. Wilhelm Grimm: „Die Sage von Polyphem", aus den Ab- 
handlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1857. Poestion: „Lappland" S. 73. vergl. 
S. 172. Ders.: „Island" S. 389 ff. Globus Bd. XL1 S. 332. Radioff I S. 306 ff. vergl. auch IV S. 233/4. 
Vergl. auch die japanischen Onisagen, z. B. Brauns, S. 217 ff und die Moraotaromythen. Bogda 
Gesser Chan S. 112. — 158. Für Indien ist dem Kabandha-Dämon im Ramayana nachzuspüren. Boas: 
„Sagen" 223/4. 240/1 ff. vergl. auch Niblack. Teit S. 93/4. Popol Vuh S. 37 ff. Brett S. 394 ff 
vergl. auch Karl v. d. Steinen. Grey S. 61 ff., wozu White ergänzend zu Rate zu ziehen ist 
Cook dritte Reise französische Ausgabe Bd. II S. 307/8. Codrington S. 398 ff. 163 ff. vergl. L. F. 
„Weltanschauung d. Naturvölker" Kap. 6. Für Neuholland : Parker I S. 62 ff. Schön : „African 
Proverbs, Tales etc." London 1886 S. 109 ff. vergl. auch L. Frobenius : „Völkerkunde in Charakter- 
bildern" Bd. 1 S. 292 ff. Ferrand S. 93 ff. Calaway I S. 47—52 vergl. ebenda S. 142 ff. S. 16 ff. 
Vergl. auch Folk-Lore Journal Bd. I S. 111 ff. Bd. II S. 7 ff. Eine entsprechende Mythe der Busch- 
männer „Cape Monthley Magazine" 1874 S. 9. Chatelain S. 97—101. 

Quellen zu Kapitel XVI Seite 383 ff. (Wenigstens das Allernötigste !) 

Menschenwitterung. Grimm: „Myth" S. 454. Gubernatis S. 157. Vergl. auch Mahab- 
harata. Poestion : „Island" S. 50. 149. 272. S. a. Campbell, Frank, Ravin etc. Radioff 1 S. 306 ff. 
35 VI S. 224. 122/3. u. a. a. 0. Bogda Gesser Chan S. 145. Bogoras S. 618. Petitot S. 126. 314. 
Washington Matthews S. 94/5. Callaway I S. 49. Theal S. 138. 124 etc. Grey S. 33/4. 64 und als 
Ergänzung Gill, White etc. 

Sonneneiseele. Poestion: „Lappland" S. 81. Vergl. Bogda Gosser Chan S. 81 ff. 148 ff. Gu- 
bernatis S. 642. Radioff 1 S. 39—42. VI S. 135/6. Die Tungusen betreffend siehe Georgi. Poestion : 
„Island" S. 52 ff. Boas im „Globus" Bd. LXIH S. 192/193. Lichtscheu vergl. oben S. 335 ff. Grey 

27* 



420 Anmerkungen. 

S. 61 ff. Müller S. 179. 321. Kühn S. 93/4. Grimm „Myth." I S. 435. II S. 1195. Einleitung- zum 
Pentamerone S. XX/XXI. Poestion : „Lappland" S. 107. J. Mooney S. 338/9. 

Trugheilung. Arnus S. 143. Siddhi-Kür S. 71. Bogda Gesser Chan S. 153 und 279. 
Poestion : „Lappland" S. 152/3. Grimm : „Polyphem" S. 17 und 20/21. Popol Vuh S. 37 ff. und 
später. Washington Matthews S. 91 — 93. Boas Sagen S. 9. 

Hülfsaite. Grey S. 61 ff. Gill S. 55. Boas: „Sagen" S. 268/9. Teit S. 133. Washington 
Matthews S. 109. Ferrand S. 93 ff. Theal S. 82. Chatelain S. 92/93. . Bogda Gesser Chan S. 147. 
Poestion : „Lappland" S. 81—83. Grimm : „Märchen" No. 29. 125. 165. Pentamerone I S. 72. 
IIS. 108 ff. Bogda Gesser Chan S. 153 ff. Cook S.Reise S. 307/8. Callaway I S. 47 ff. Grimm: 
„Märchen" No. 14. Chatelain S. 92. 3. Boas: „Sagen" S. 268/9. S. a. Brett S. 394. 

Augenspiel. Grey S. 69 ff. Gill S. 109— 113. S. 66. Sierich S. 178. Bastian: „Oceanien" 
S. 265/6. Boas : „Sagen" S. 18. 89 55. 65. 118. 135/6. 202. 236. Hoffmann 8. 211—213. Washing- 
ton Matthews S. 89/90. Grimm: „Polyphem" S. 24 ff. S. 28/9. Preller II S. 44—46 vergl. auch die 
Phineusmythe II S. 225/6. Poestion : „Lappland" S. 106/7. Radioff VI S. 227—29. G. Dumoutier : 
„Les Chants etc. des Annamites" Paris 1890 S. 176 ff. Boas: „Sagen" S. 8. 

Klappfelsen. Einfache Form: Gesser Chan S. 132. 132/3. Haebler: „Relig. d. Mexikaner'' 
S. 150, vergl. auch Thevet, Bacqueville, Rand etc. Arnous S. 139. Boas : „Sagen" S. 118 u. a. a. 
0. Brauns S. 120 etc. Stübel S. 65. Washington Matthews S. 109/110. Form mit Schwanz- 
abschneiden: Preller II S. 227. I S. 386/7. Gill S. 53. Radioff VI S. 243. Bogoras S. 607/8. Rink 
S. 158/9. Boas: „Sagen" S. 274. Ders. im „Globus" Bd. LXIII S. 156. Ders. : Sozial-Organisation" 
S. 387 und 384. Für die einfache Felsenöffnungsform und den Zauberspruch : Schoolcraft, Callaway, 
Sierich, Grey, Parker I, Gubernatis, Rand, Theal Ogilby, Poestion : „Island" etc. 

Magische Flucht. Boas : „Sagen" S. 352 u. a. a. 0. Castren : „Ethnologische Vorlesungen" 
S. 165. Bogoras S. 626/7. Gubernatis S. 428/9. Radioff III S. 383. Poestion: „Island' S. 39 ff. 
151 ff. Charles Comtier 1890. Pentamerone I S. 159 ff. 74 ff. L. F. „Völkerkunde in Charakter- 
bildern" I, S. 292 ff. nach Schön. Theal S. 87/8. 82/3. A. Pflzmaier 1865 e. 95 ff. Schoolcraft: 
„Hiawatha" S. 246 ff. Washington Matthews S. 102/3. Hieran schließt sich in Europa die Ver- 
wandlung der Fliehenden an z. B. in Bach und Ente, Busch und Blüte, Luft und Mücke, Pferde, 
Singvögel etc. Kreuzwald: S. 198 ff. Poestion: „Island" S. 217 ff. Deutsche Märchen etc. 

Baumwuchs (eigentlich magischer Baumwuchs). Siehe oben S. 379 nach Codrington. Teit 
S. 82. Washington Matthews S. 75. Boas im „Journal of American Folk-Lore" 1896 S. 262. 
Parker I S. 45/6. Popol Vuh S. 111 vergl. Seier: „Abhandlgn." I S. 479. Boas: „Sagen" S. 17 
u. a. a. 0. Schoolcraft: „Niawatha" S. 39. Mooney S. 255. Bastian: „Gesch. d. Indochin." S. 394, 
435/6 (?). Baum am Ende der Flucht vor dem Menschenfresser: Afanasieff (Gubernatis), Radioff. 
Grimm, Theal, Callaway etc. 



SCHEMATISCHE DARSTELLUNG DER WALFISCHMYTHE. 



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Verschlingen |— 






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Ausschlüpfen 
Öffnen 
Landen 



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Ein Held wird von einem Wasserungetüm im W. verschlungen (Verschlingen). 
Das Tier fährt mit ihm nach Osten (Meerfahrt). Inzwischen entzündet er in 
dem Bauche ein Feuer (Feuerentzünden) und schneidet sich, da er Hunger ver- 
spürt, ein Stück des herabhängenden Herzens ab (Herzabschneiden). Bald darauf 
merkt er, daß der Fisch auf das Trockene gl